Patientenrache - Olaf Jahnke - E-Book

Patientenrache E-Book

Olaf Jahnke

0,0

Beschreibung

Unbekannte verprügeln im Frankfurter Bahnhofsviertel einen Mann und verletzen ihn schwer. Einige Tage später wird in Bad Homburg ein anderer Mann auf offener Straße zusammengeschlagen und auf die Intensivstation gebracht. Obwohl beide Opfer Sachbearbeiter bei der gleichen Wiesbadener Versicherung tätig waren, glaubt die Polizei nicht an einen Zusammenhang. Doch dem Zufall bleibt bei der Abteilungsleiterin selten etwas überlassen und somit beauftragt sie Privatermittler Roland Bernau mit dem Fall. Während seiner Recherchen in den Akten der Versicherung wird dem agilen Ex-Polizist schnell klar, dass es sich bei den Schadensfällen, an denen die beiden Männer zuletzt gearbeitet hatten, um Probleme in Kliniken handelte, und zwar hauptsächlich im Taunus. Ein Termin mit dem ehemaligen Chefarzt, Prof. Dr. Krahe, dessen Meinung öfters von Richtern und Staatsanwälten angeforderte wurde, soll Informationen und Einblicke für den Ermittler bringen. Doch der inzwischen deutlich über siebzig Jahre alte Mann wird kurz vorher vor einem Bordell brutal zusammengeschlagen und stirbt. Wer sind die Angreifer, die auf einem auffälligen Motorrad davonfuhren? Und was hat der pensionierte Chefarzt aus Fulda mit dem Frankfurter Rotlichtviertel zu tun? Olaf Jahnke liefert eine spannende Geschichte über Vertrauen, Betrug und Gesundheit, basierend auf Ereignissen, die er im Rahmen seiner jahrelangen Arbeit für Fernseh- und Zeitungsreportagen erlebt hat. Seine Erfahrungen und Kontakte ermöglichten ihm, diesen packenden Krimi zu schreiben. Privatermittler Roland Bernau durchstreift bereits zum zweiten Mal das Rhein-Main-Gebiet und gerät ins Kreuzfeuer von Versicherungsinteressen, medizinischen Schadensfällen, Patientenbedürfnissen und den Mächten der Justiz. Die menschlichen Schicksale, die hier beschrieben werden, sind – leider – bittere Realität.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Patientenrache

Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme.Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buchin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2016

© Größenwahn Verlag Frankfurt am Main

www.groessenwahn-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978-3-95771-104-5

eISBN: 978-3-95771-105-2

Olaf Jahnke

Patientenrache

Ein Fall für Roland Bernau

IMPRESSUM

Patientenrache

AutorOlaf Jahnke

SeitengestaltungGrößenwahn Verlag Frankfurt am Main

SchriftConstantia

CovergestaltungMarti O´Sigma

CoverbildMarti O´Sigma

LektoratThomas Pregel

Größenwahn Verlag Frankfurt am MainSeptember 2016

ISBN: 978-3-95771-104-5

eISBN: 978-3-95771-105-2

Alle Personen in diesem Buch sind frei erfunden.Etwaige Namensähnlichkeiten sind reiner Zufall.

Gewidmet allen Sternenkindern,ihren Eltern und Geschwistern

Inhalt

Intensivstation

Doppelhaushälfte

Polizeidirektion

Büro

Wiesbaden

Versicherung

Reha

Gemeinsamkeiten

Elbestraße

Polizeipräsidium

Zeugen

Kelkheim

Pathologie

Versicherung II

Ausgebremst

Hausbesuch

Künzell

Verdächtige II

Offenbach

Staatsanwältin

Heimlichtuerei

Justiz

Schicksale

Rendezvous

Schrot

Aufräumen

Krankheiten

Ausschuss

Rot

Staatsanwaltschaft

Bad Camberg

Patientenrechte

Rückzug

Sturz

Begleitung

Frontal

Jagd

Feuer

Tote

Zerrissen

Abschlussbericht

Nachspiel

Video

Hinterhof

Shopping

Rot

Gespräch

Verständnis

Blitz

Klinik

Sachanhang

BIOGRAPHISCHES

Intensivstation

Sein Gesicht war nicht schön anzusehen. Die Augen zugeschwollen, die Lippen aufgeplatzt, eine Strähne klebte blutverkrustet an der Stirn. Aber Johannes Schneider lebte. Die Krankenschwester hielt ihm ein Glas Wasser an den Mund. Er schaffte nur kleinste Schlucke, sein Adamsapfel bewegte sich mühevoll auf und ab.

»Ich glaube nicht an einen Zufall.« Nicole Helms schaute mit zusammengekniffenen Augen durch die Glasscheibe in die Intensivstation. »Herr Schneider ist der zweite Kollege innerhalb einer Woche. Genau wie Tobias Güthling arbeitet er in unserer Schadensabwicklung. Es sind grundsolide Familienväter, Versicherungsangestellte wie aus dem Bilderbuch, sie haben schon ihre Ausbildung bei uns gemacht.«

Die Helms verschränkte ihre Arme und drehte sich zu mir um.

»Bestehen zwischen den beiden private Kontakte? Gemeinsame Interessen, irgendwelche Verbindungen außerhalb der Versicherung?«, fragte ich.

»Ab und zu unternehmen wir was alle zusammen, unsere Gruppe oder die ganze Abteilung. Aber ob sie sich sonst noch getroffen haben, vermag ich als Abteilungsleiterin nicht zu sagen. So gut kenne ich die beiden nicht.«

Der Mann sah echt übel aus. Die Schwester tupfte seine Lippen ab, überprüfte den Infusionstropf und zuppelte die dünne Decke zurecht.

»Unser Herr Schneider ist eher ein Biedermann. Herr Güthling wirkt auf mich lebenslustiger. Zumindest bis zu diesem Zwischenfall. Dass jetzt einer nach dem anderen brutal zusammengeschlagen wird …«

Sie strich über ihre schwarzen Haare, die in einer Art modernem Dutt endeten.

»Sie können mit Herrn Güthling reden, er ist seit zwei Wochen krankgeschrieben. Zum Glück befindet er sich bereits auf dem Weg der Besserung. Er lebt in Wiesbaden, ganz in der Nähe von unserem Gebäude. Seine Adresse.« Sie reichte mir einen Notizzettel mit der Anschrift. »Anschließend könnten Sie bei uns im Büro vorbeischauen.«

Das war keine Frage.

»Wo wohnt die Familie Schneider?«

»Hier in Bad Homburg, Moment bitte.« Sie wischte ein paar Mal über ihr Smartphone, tippte kurz. »Ich hab’s Ihnen gemailt.«

»Was sagt die Kripo?«

»Sie schließen einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen nicht aus. Allerdings ließen mich die Herren in Frankfurt und Bad Homburg spüren, dass sie diese Idee für etwas überkandidelt halten. Wer lauert schon Sachbearbeitern einer kommunalen Versicherung gezielt auf und verprügelt sie nach Strich und Faden? Sie sehen die Ursache eher als Zufall oder private Verstrickungen.«

Mein Auftraggeber besaß in der Tat das Charisma eines eingetrockneten Käsebrötchens. Sie versicherten die Risiken von Städten und Gemeinden. Ich musste mich schlaumachen, ob es nur um Schlaglöcher in maroden Straßen ging oder ob mehr dahinter steckte. Beamte machten manchmal Fehler, die teuer wurden. Einen Kreuzzug gegen die Angestellten konnte ich mir auch nur sehr schwer vorstellen. Mein Honorar stimmte jedenfalls.

»Warum warten Sie nicht die Ermittlungsergebnisse meiner ehemaligen Kollegen ab?«

»Ich bezweifle, dass da noch was kommt. Das Thema muss im Haus vom Tisch. Es verbreitet Unruhe unter den Mitarbeitern. Falls es tatsächlich was mit uns zu tun hat, will ich das geklärt wissen.«

»Haben Sie eine Idee, ein besonderer Fall, etwas, was die beiden verbindet und ihnen vielleicht Probleme bereitet hat?«

Sie überlegte, strich sich langsam über die Stirn.

»Das werden wir abgleichen. Ich setzte meine Leute sofort dran.«

Es war ihr unangenehm, dass ihre Abteilung, und damit sie selbst, in derart rüde Dinge verstrickt war. Der Anruf eines Sicherheitsbeauftragten der Versicherung in meinem Büro kam ziemlich schnell nach dem zweiten Überfall. Sie wollten nicht auf die Ermittlungsergebnisse der Kripo warten. Gerade deshalb schien mir der Grund für diese brutalen Aktionen im Unternehmen zu liegen.

Die Krankenschwester guckte sich kurz die Werte auf den piepsenden Überwachungsmonitoren an, stellte einen Sichtschutz vor Schneiders Bett und öffnete die Tür zum Flur.

»Was denken Sie, wann wir mit ihm reden können?«, fragte ich sie.

»Jederzeit, aber ich bezweifle, dass er Ihnen in den nächsten beiden Tagen antwortet.«

Unter ihrem messerscharfen, schwarzen Pony schaute mich die Schwester, Sabine stand auf ihrem Namensschild, mit einem zurückhaltenden Grinsen an.

»Wie schwer sind seine Verletzungen?«

Ihr Lächeln verschwand.

»Er hatte Glück, meinte der Oberarzt vorhin. Seine gebrochenen Rippen haben die Lunge angekratzt. Es fehlten bloß ein paar Millimeter, und die Knochensplitter hätten sie aufgeschlitzt. Die Dachlatte hat ihre Spuren hinterlassen.«

Ich nickte nur, und sie schlappte in ihren weißen Birkenstock zum nächsten Kunden. Allzu viel wusste ich nicht vom genauen Tathergang. Es passierte in der Fußgängerzone am Samstagabend. Zwei Typen mit Motorrad lauerten Schneider auf und verprügelten ihn heftig mit besagter Latte. Mein Besuch in der Polizeidirektion würde mir hoffentlich neue Erkenntnisse bringen. Ralf Schmitz hatte ich vorgewarnt. Mein ehemaliger Kollege und jetziger Leiter des Kommissariats hielt mit den Details von Tatumständen zum Glück selten hinter dem Berg. Schließlich nahm ich ihm Arbeit ab. Wenn es gut lief.

Vor der Hochtaunusklinik wehte ein frischer Wind. Der Neubau auf dem Zeppelinfeld überragte die Gebäude in der Nachbarschaft, ein Notarztwagen raste mit Blaulicht und Martinshorn um die Kurve in Richtung Notaufnahme.

Ich verabschiedete mich von Frau Helms und ging zu meinem nagelneuen Auto. Das Alte hatte meinen letzten Fall nicht überlebt.

Doppelhaushälfte

Bis zum Mittagessen war noch Zeit, ich liebäugelte mit dem Thai in der Louisenstraße. Der Mann auf der Intensivstation wohnte mit seiner Familie im Bad Homburger Stadtteil Kirdorf. Von der Klinik über den Hessenring, den Gluckensteinweg hoch, erreichte ich in fünf Minuten ein Wohngebiet aus den 90er Jahren. Nesselbornfeld, auf der einen Seite Mehrfamilienhäuser, auf der anderen kleine Doppelhaushälften. Am Rande der City, überragt vom Herzberg und durchdrungen von viel Grün. Hier lebte der Mittelstand. In dieser Stadt lagen die Mieten nirgendwo niedrig, in dieser Ecke noch höher. Vor Schneiders Haus stand ein Ford Mondeo, die Nachbarn gaben mehr Gas. SUV, bayrische und schwäbische Kombis führten auf der Beliebtheitsskala. Vier Fahrräder parkten fein säuberlich neben der Haustür. Den Blick in die Küche stoppten Halbgardinen aus Leinen mit geklöppeltem Saum, eine Gans aus Holz wachte vor dem Eingang. Ich drückte den Klingelknopf, ein sonorer Gong ertönte. Nach ein paar Sekunden hörte ich schnelle Schritte eine Treppe hinunter trappeln. Die Tür öffnete sich, eine Frau wischte sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht.

»Roland Bernau ist mein Name. Frau Schneider?«

»Ja?«

»Ich bin Privatermittler und recherchiere für den Arbeitgeber Ihres Mannes. Es geht um den Überfall.«

»Kommen Sie bitte rein.«

Sie sprach leise, wirkte zerfahren. Im schmalen Flur stapelten sich an der Garderobe Jacken, Fahrradhelme und Rucksäcke.

»Entschuldigen Sie, ich bin gerade beim Hausputz und kämpfe mich allmählich von oben nach unten durch.«

»Kein Thema, ich bin ja auch vollkommen unangemeldet aufgetaucht.«

Sie ging voran ins Wohnzimmer, schnappte sich schnell die Klamotten auf den Esszimmerstühlen und legte sie auf das Sofa. In der offenen Küche türmte sich das schmutzige Geschirr rund um den Herd.

»Bitte.« Sie wies auf einen der Stühle. »Ich fahre nachher wieder ins Krankenhaus. Jetzt muss ich erst mal schauen, dass hier nicht völlig Land unter ist. Die Kinder kommen gleich aus der Schule. Der Hunger unseren beiden Jungs ist mein ständiger Gegner.«

»Ja, kenn̕ ich.«

»Sie haben auch Kinder?«

»Nein, aber gerne Hunger.«

Sie lachte. »Entschuldigung, eigentlich habe ich wirklich keinen Grund zu lachen. Haben Sie meinen Mann in der Klinik gesehen?«

»Ja, vorhin.«

»Wie geht es ihm?«

»Er war, na ja, wach, jedoch sehr benommen. Es wird wohl noch einige Tage dauern, bis er sich einigermaßen berappelt hat.«

»Der Arme. Mein Gott, wieso haben diese Typen ausgerechnet ihn so zugerichtet!« Sie stützte ihren Kopf mit beiden Händen ab, die Ellbogen auf der Tischplatte. »Ich verstehe das nicht. Bad Homburg ist doch echt ein ruhiges Nest. Und jetzt das!«

»Haben Sie eine Vermutung? Hatte er sich mit irgendjemandem angelegt?«

»Nein! Johannes ist ein friedlicher Mensch. Der tut keiner Fliege was zuleide.«

»Warum war er alleine um Mitternacht in der Louisenstraße unterwegs? War er in der Spielbank oder mit Freunden essen?«

»Weder noch, er geht gerne Tanzen. Am Samstag war ich gestresst, der Kleine hatte Fieber. Mich stört es nicht, dass er ohne mich loszieht.«

Ich glaubte ihr. Wahrscheinlich freute sie sich über einen ruhigen Abend.

»Wenn Sie eine Idee haben, rufen Sie mich bitte an?« Ich reichte ihr meine Visitenkarte. Viel normaler ging es wirklich nicht. Ein deutscher Durchschnittshaushalt, etwas gehobener vielleicht, das war es aber auch schon.

Von hier aus waren es nur ein paar hundert Meter zur Polizeidirektion Bad Homburg. Ich ließ den Wagen stehen und lief das Stück.

Polizeidirektion

Jedes Mal. Dieser fein säuerliche Dienststellengeruch lag bestimmt an dem bundeseinheitlichen Reinigungsmittel. Irgendwo mussten davon Millionen Liter lagern. Aus Schmitz̕ Büro hörte ich ausnahmsweise kein Geschrei. Sollte er tatsächlich mit seinen Mitarbeitern und den aktuellen Ermittlungen zufrieden sein? Ich öffnete die Tür, ohne vorher anzuklopfen.

»Morgen, Ralf! Wie geht es dir?«

Mein Grinsen wollte raus, als ich merkte, dass ich ihn in einem Pfeifkonzert unterbrochen hatte. Ralf und Mozart, ganz neue Qualitäten. Die letzten Töne der Zauberflöte erstarben auf seinen wulstigen Lippen, und er erwiderte meinen Gruß.

»Guten Morgen, Roland. Schön, dich zu sehen.«

»Was ist denn mit dir los? Hast du ein Benimmseminar besucht?«

»Urlaub! Drei Wochen, nur noch vier Tage ein paar kleinen Fischen zu einem Geständnis verhelfen, dann bin ich fort.«

»Das ist schön. Kannst du mir vorher die Akte zum Fall Schneider zeigen?«

Ralfs massiger Körper plumpste in den Chefsessel.

»Solange du aus einer schweren Körperverletzung keine Staatsaffäre machst, ist alles in Ordnung. Aber dein letzter Fall hängt mir noch nach.«

Freundlicherweise hatte Ralf mir schon des Öfteren sehr geholfen. Beim letzten Mal hatten meine Ermittlungen tatsächlich größere Kreise gezogen.

»Nein, es existiert weder eine Leiche noch spielen Banker eine Rolle. Nur ein Sachbearbeiter mit vielen Prellungen und Blutergüssen.«

»Na gut. Hoffentlich geht das nicht wieder so ab.«

Er drehte sich um, griff ins Aktenregal und zog eine kleine Mappe heraus. Er blätterte darin und brummte vor sich hin: »Schwere Körperverletzung, zwei Täter, vermummt, mit einem Geländemotorrad, das Kennzeichen war gestohlen. Lederkombis, mattschwarze Helme. Louisenstraße, auf Höhe des Tanzlokals. Mehrere Zeugen wiesen auf die besondere Brutalität hin. Niemand traute sich einzugreifen. Tatwaffe war eine Dachlatte …« Er kratzte sich am Kopf. »Klingt nicht gerade nach Profis.«

»Ich dachte, Dachlatten sind seit Holger Börner out.«

»Tja, irgendwer mag es retro. Besser als eine Wumme.«

Er schmiss die Akte auf seinen Schreibtisch.

»Was hast du damit zu tun?«

Ich erklärte ihm, was mein Auftraggeber von mir wollte, und dass es einen zweiten, leicht verletzten Sachbearbeiter gab.

»Wo ist das passiert?«, fragte er.

»In Frankfurt, Nähe Hauptbahnhof, spät abends.«

»Jetzt machen die Versicherungshansel auf Panik? Was treiben die sich nachts im Bahnhofsviertel rum. Das ist manchmal ungesund.«

Schmitz ließ seinen Sessel schwungvoll nach hinten kippen. »Ich wusste bislang nichts von diesem zweiten Fall. Der fällt in die Zuständigkeit der Frankfurter Kollegen. Wenn ich aus dem Urlaub komme, schau̕ ich mir dessen Umstände an.«

»Solange möchte ich nicht warten, meine Kundschaft bestimmt auch nicht.«

Ich griff mir die Akte. Dachlatte, kein Baseballschläger. Das klang nach einer Warnung. Ein auffälliges Motorrad, Geländemaschine, besonders laut, wahrscheinlich ein großer Zweitakter. Wer hatte heutzutage noch einen Motorradführerschein? Doch eher ältere Jahrgänge. Echte Geländemaschinen fuhren auch nicht so viele durch die Gegend, geschweige denn Zweitakter. Die Zeugen wirkten nicht sonderlich vertrauenerweckend, zwei wegen Körperverletzung vorbestraft, einer mangels Beweisen freigesprochen. Interessantes Tanzlokal. Oder hielten die sich nicht zufällig zu dem Zeitpunkt dort auf? Ich musste die Genesung Schneiders abwarten und heute Nachmittag diesen Güthling ausquetschen. Ich gab Ralf die Akte zurück.

»Einen schönen Urlaub wünsche ich dir.«

»Ich werde an dich denken, wenn die fangfrischen Garnelen im Knoblauchöl brutzeln.«

Die spärlichen Protokolle von Ralfs Kollegen brachten mich nicht weiter. Immerhin kein Raubüberfall oder eine spontane Prügelei. Ich war gespannt, was mir der andere Versicherungsmensch erzählen würde.

Der Gedanke an Garnelen wollte nicht mehr aus meinem Kopf verschwinden. Wie geplant fuhr ich in die Bad Homburger Stadtmitte, parkte meinen Wagen in der Tiefgarage am Schloss und spazierte zum Thai neben der Buchhandlung. Die Nummer 32 mundete ausgezeichnet. Mein Neid auf Schmitz war einstweilen abgemildert. Für gutes Essen musste man sich nicht in den Flieger setzen. Nur der Sonnenuntergang hinter der rollenden Brandung, mit einer leichten salzigen Brise die Hitze des Dschungels mildernd, das fehlte in der Louisenstraße.

Büro

Ich tippte die Adresse von diesem Güthling ins Navi. Wiesbaden-Bierstadt, ein dörflicher Ortsteil am Rande der sonst so mondänen Landeshauptstadt. Der kürzeste Weg von Bad Homburg nach Wiesbaden führte über die B455. Auf halber Strecke bog ich in Richtung meines Büros ab. Die Schranken des Bahnübergangs stoppten die Blechlawinen zwischen Fischbach und der Kelkheimer Stadtmitte. Welche Stadt hatte das noch zu bieten, meditative Pausen mit Aussicht auf einen Triebwagen.

Für meinen Zwischenstopp parkte ich in unserer verkehrsberuhigten Zone unter den missbilligenden Blicken der Friseurmeisterin direkt vor ihrem Eingang. Sie schüttelte den Kopf, während sie mit einem Quast ihrer Kundin Farbe auf die Haare tupfte.

Ich verkniff mir den Aufzug, sprintete die Treppen hoch und trat vollkommen atemlos ins Büro.

»Seit wann hast du Asthma?«

Susannes ostwestfälischer Humor war so trocken wie mein Hals. Sie schaute keine Sekunde vom Bildschirm auf, ihre Finger flogen über die Tastatur. Wenigstens entdeckte ich auf dem Monitor relativ große Zahlen, oben drüber stand Rechnung. Susanne Söllner managte die Detektei, ohne sie würde hier das Chaos regieren, speziell in der Buchhaltung.

»Das ist die stickige Luft. Außerdem schwammen zu viele Chilis im Essen. Das wirkt nach.«

Sie unterdrückte ein merkwürdiges Geräusch aus den Tiefen ihrer Kehle, das meine Behauptungen irgendwie anzweifelte.

»Der Kühlschrank steht randvoll mit Selters, Saft und Milch.«

»Danke schön.« Ich ging in unsere Küchenecke, füllte mir ein Glas Wasser ein und verzichtete auf die Donauwelle.

»Suchst du mir Infos über diese Kommunal-Versicherung heraus? Bitte auch zu den beiden Opfern, soweit sie im Internet unterwegs sind.« Ich gab ihr ein Blatt mit den spärlichen Informationen der Personalabteilung. »Bei dem einen war ich bereits, zu dem anderen fahr̕ ich gleich.«

»Natürlich.« Die Rechnung brummte dreifach aus dem Drucker. »Wie geht es Julia?«

»Ich werde sie heute in der neuen Klinik besuchen.«

Susanne nickte. Auf ihrem Computerbildschirm tauchte die Internetseite der Versicherung auf. Ihr Kundenkreis bestand aus Städten, Gemeinden, Landkreisen und deren Betriebsgesellschaften. In den letzten Jahren schwappte eine Privatisierungswelle durch die öffentlichen Einrichtungen, viele dieser Gesellschaften blieben im Besitz der Steuerzahler. Dazu gehörten Mülldeponien, Wasserwerke, Krankenhäuser und kleinere Stromversorger. Die Schadensfälle meiner Opfer hingen also nicht nur mit Verwaltungschefs und Beamten zusammen, sondern auch mit eigenen wirtschaftlichen Beteiligungen. Hier entstanden möglicherweise andere Probleme als Schlaglochschäden. Frau Helms musste mir eine detailliertere Auflistung zu den Aktivitäten ihrer Abteilung geben. Andererseits hatte mich das Unternehmen beauftragt, und nicht sie. Ich sollte mit ihrem Chef oder besser mit dem Vorstand reden.

Wiesbaden

Die Bundesstraße schlängelte sich durch Eppstein, vorbei an Burg und Kaisertempel und unter der A3 nach Köln hindurch, bevor die ersten ländlichen Stadtteile von Wiesbaden auftauchten. Bierstadt lag am Kern der Landeshauptstadt. Hinter dem Ortsschild lachte mich ein Blitzgerät an, zum Glück kannte ich es. Beim Bäcker rechts ab, zwei Seitenstraßen weiter erstreckte sich eine Neubausiedlung bis zum Feldrand. Die Autos kleiner als in Bad Homburg, nicht nur deutsche Wagen, auch Franzosen und Koreaner parkten vor den Garagen. Ich hatte meinen Besuch nicht angekündigt, weil ich keine Lust auf Ausreden oder krankheitsbedingte Unpässlichkeiten verspürte. Das Namensschild sah selbstgetöpfert aus, alle Vornamen der Familie in Weiß auf tonfarbenem Grund mit dem Schwung einer Mädchenhandschrift. Tobias, Sophia, Linea und Jakob erwarteten mich. Ein dezenter Klingelton löste sofortiges Kindergeschrei aus.

»Nein, Linea, es ist noch nicht deine Freundin«

Die Haustür hatte sich nur einen Spalt geöffnet. Ich brauchte einen Moment, bis ich registrierte, dass mich ein Gesicht von unten anschaute, unterhalb des Türgriffs.

»Wer bist du?«

»Ich bin der Roland. Bist du Linea?«

»Woher weißt du meinen Namen?«

»Ich habe deine Mama rufen hören, und er steht auf eurem Schild.«

Ich zeigte darauf und die Tür schwang auf. Linea war neugierig, der dunkelhaarige Lockenkopf stolperte über die Türschwelle, blickte zum Schild und tippte mit den kleinen Fingern auf ihren Namen.

»Ich hab̕ dir doch gesagt, dass du nicht einfach die Tür öffnen darfst!«

Linea verschwand mit einer Mischung aus Kreischen und Weinen im Haus.

»Entschuldigen Sie, Linea macht, was sie will.«

Das Kind kam eindeutig nach der Mutter.

»Nein, es ist meine Schuld, ich platze vollkommen unangemeldet rein. Es geht um den Überfall auf Ihren Mann. Ich ermittle im Auftrag seines Arbeitgebers.«

Ihr Blick und die Mundwinkel sahen nicht nach Begeisterung aus. Sie deutete ein Nicken nur an und wies in Richtung Wohnzimmer. Die Schuhe standen in perfekter Linie unter der Garderobe. Kleine, rahmenlose Leinwände mit abstrakter Kunst hingen im Flur, die Bilder im Wohnbereich waren deutlich größer. Hier hatte jemand Spaß an einer repräsentativen Kulturausstattung. Auf dem bulligen Ecksofa saß ein Mann und wischte mit dem Zeigefinger über sein Smartphone.

»Schatz, das ist Herr Bernau. Er möchte dir wegen des Überfalls ein paar Fragen stellen.« Sie versuchte zu lächeln.

Tobias Güthling drehte sich zu uns um. Ihn hatte man zwar nicht im Krankenhaus behalten, aber zufrieden sah anders aus. In seinem Gesicht zeichneten sich die Spuren der Attacke ab. Vom linken Ohr bis zum Kinn sprenkelte Schorf die Haut. An der Stirn lief die feine Linie einer heilenden Platzwunde. Er trug ein T-Shirt, das die krassen Blutergüsse an Hals und Oberarmen nicht verdeckte. Die Anzahl und Heftigkeit der Treffer verriet die Härte des Angriffs. Eine Rempelei würde ich das nicht nennen.

»Polizei? Mit Ihnen hatte ich eigentlich gar nicht mehr gerechnet.«

»Ich bin Privatermittler, Ihre Chefin schickt mich.«

»Sollen Sie gucken, ob ich wieder arbeitsfähig bin?« Seine Stimme klang zynisch und belustigt zugleich.

»Nein, sie möchte wissen, was hinter den Überfällen steckt. Ihr Vertrauen in die Kripo ist wohl etwas zurückhaltend.«

»Wieso Überfälle? Es war doch nur einmal?«

»Ach, Sie haben es noch gar nicht gehört?«

Er zog die Augenbrauen zusammen. Ich setzte mich auf das Sofa, seine Frau nahm neben ihm Platz.

»Ihr Kollege Schneider liegt auf der Intensivstation in Bad Homburg. Sein Zustand ist deutlich ernster als Ihrer.«

Sein Gesicht verlor an Farbe, was die Spuren der Schlägerei hervortreten ließ.

»Erzählen Sie mir bitte, was passiert ist.«

»Wir hatten ein Meeting in Frankfurt. Beim Regionalen Planungsverband, in der Poststraße, gegenüber vom Hauptbahnhof.« Er machte eine kurze Pause, ich konnte regelrecht die Geschehnisse hinter seiner Stirn entlang marschieren sehen. Seine Augen schauten durch das Terrassenfenster in den kleinen Garten.

»Ich bin zum Fotohändler in die Taunusstraße gegangen. Die haben Profi-Zeitschriften und Kameras, die ich mir zwar nicht leisten kann, aber gerne anschaue.«

»Um welche Uhrzeit?«

»Viertel vor sieben. Es waren nicht mehr viele Leute unterwegs. Auf dem Rückweg ist es passiert.«

»Zwischen Taunusstraße und Bahnhof?«

»Ja, so ungefähr. Ich hatte Lust auf ein Eis, am Ende der Kaiserstraße ist eine gute Eisdiele.«

»Ja, kenn’ ich, im Kaisersack.«

»Kaisersack?« Sophia Güthlings Stimme klang erstaunt.

»So heißt dieser Teil, eine Art Sackgasse«, erklärte ich ihr. »Früher schlichen da nur die Junkies um die Rolltreppen zur Unterführung zum Hauptbahnhof. Wer jetzt noch Heroin braucht, bewegt sich eher in der Nähe der Fixerstuben oder ist auf Methadon als Therapie.«

Sie schaute mich an, als ob ich ihr einen extrem unsittlichen Antrag gemacht hätte.

»Okay, Sie haben Ihr Eis geholt.«

»Ja, ich bin für einen Moment dort stehen geblieben.« Auf einmal schluckte er. »Das Motorrad stand plötzlich neben mir. Der Sozius sprang ab, er hatte einen riesen Stock dabei.«

»Einen Stock?« Ich wunderte mich. »Vielleicht eine Art Dachlatte?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, eher von einem alten Busch, kein harter Knüppel. Das Ding traf mich wie eine Peitsche. Ich habe geschrien, er soll aufhören. Immer wieder. Ich dachte, er zerfetzt mir die Haut mit dem Prügel! Es hat wahnsinnig geknallt. Ich reiß’ die Arme hoch, um meinen Kopf zu schützen. Er schlug mit voller Wucht in meinen Nacken, auf meinen Rücken. Vor Schmerzen bin ich in die Knie gegangen. Plötzlich hörte es auf. Ich hab mich nicht getraut hinzuschauen, was jetzt passiert. Nach einer Weile kamen Leute zu mir und wollten helfen.«

Seine Frau schluchzte kurz, auf seinem Oberarm zog eine Gänsehaut die blauen Flecke entlang.

»Konnten Sie irgendetwas erkennen? Ein Gesicht, die Motorradmarke, irgendwas?«

»Nein.« Er ließ den Kopf hängen. »Hätte auch nichts gebracht.«

»Wieso?«

»Der Kaisersack ist mit Überwachungskameras gespickt, hat die Polizei erzählt. Die haben alles ausgewertet, ohne echtes Ergebnis.«

»Okay, ich werde Sie jetzt lieber in Ruhe lassen.«

Er nickte nur, lehnte sich gegen die Rückenlehne und schaute nach draußen. Seine Frau brachte mich zur Tür.

»In Frankfurt laufen einfach zu viele Irre rum. Ausgerechnet er läuft solchen Typen in dem Moment über den Weg.«

»Ja, ich denke, Sie haben recht. Machen Sie’s gut.«

»Viel Erfolg für Ihre Ermittlungen.«

Die schwere Tür fiel satt klackend ins Schloss.

Versicherung

Von Bierstadt zum Bürogebäude meines Auftraggebers brauchte ich dank grüner Welle nur ein paar Minuten. Auf der anderen Straßenseite lief der Verkehr um diese Uhrzeit deutlich zäher. Viele Angestellte nutzten ihre Gleitzeit anscheinend ordentlich aus oder in den Chemiebetrieben am Rande der Stadt wechselten die Schichten. Kurz vor dem Wiesbadener Hauptbahnhof ballten sich die Verwaltungsgebäude, Ministerien, das Gericht und eben jede Menge Versicherungen. Ich bog hinter dem Innenministerium rechts ab, mein Ziel lag direkt gegenüber. Seitlich vom Haupteingang erwischte ich einen freien Besucherparkplatz.

Die Dame am Empfang stellte mir einen Besuchsschein aus und schickte mich in den achten Stock. Dort stand neben der Flurtür auf einer Hinweistafel: Schadensregulierung und Justitiar. An der Bürotür 808 fehlte der Türgriff, 807 war das Vorzimmer. Ich klopfte und trat ein.

»Bernau mein Name, ich habe einen Termin mit Frau Helms.«

»Einen Moment.« Die etwas ältere Sekretärin stand auf, klopfte eher pro forma an die Tür ihrer Chefin und öffnete diese, ohne eine Antwort abzuwarten.

»Herr Bernau ist jetzt da.«

»Kommen Sie bitte rein.«

Ein großzügiger Raum, in einem gedämpften Grauton gehalten, edel, aber nicht langweilig. Eine Sitzecke für Besprechungen, aufgepeppt mit einem leuchtend roten Gemälde mit kräftigem, pastösem Pinselstrich.

»Hallo, Frau Helms. Schön haben Sie es hier.«

»Ja, ich bin zufrieden. Setzen Sie sich. Wasser, Kaffee, Tee?«

»Ein Wasser, bitte.«

Die Sekretärin nickte kurz und stellte Gläser und eine Flasche Wasser von einem Sideboard auf den Besprechungstisch, an den wir uns setzten.

»Gibt es bereits etwas Neues? Haben Sie mit Güthling gesprochen?«

»Ja, gerade eben. Heute Vormittag habe ich Frau Schneider besucht.«

»Ach, die auch? Bringt Sie das weiter?«

»Ich sammel erst einmal alle greifbaren Informationen und Eindrücke. Ein Puzzle mit vielen Teilen. Aber eventuell gehören manche Teile zu einem anderen Bild. Falls es doch Zufall war, ohne Verbindung zwischen beiden Überfällen.«

»Glauben Sie das?« Sie schenkte mir und sich Wasser ein.

»Bei meinem aktuellen Wissenstand bilde ich mir noch keine Meinung. Lediglich mein Bauchgefühl sagt, dass ein Zufall sehr unwahrscheinlich wäre.«

»Würden Sie einen Zusammenhang eher im Privaten oder im Geschäftlichen sehen?« Sie trank langsam und schaute mich über das Glas hinweg an.

»Dazu meint selbst mein Instinkt zum jetzigen Zeitpunkt nichts. Ich brauche mehr Input.«

»Okay, den kann ich Ihnen gerne geben, zumindest was die Arbeit der beiden angeht. Wir gehen mal rüber.« Sie wies in Richtung Tür, griff sich von ihrem Schreibtisch eine dünne Aktenmappe.

Wir gingen den Flur entlang, querten ein Treppenhaus und betraten ein Großraumbüro. Nur an der Hälfte der Schreibtische saß jemand. Glasflächen teilten den Raum in Nischen. Die Klimaanlage arbeitete nicht auf vollen Touren. Einige Männer trugen Kurzarmhemden, andere hatten die Ärmel hochgekrempelt. Die Frauen kleideten sich besser.

»Hier, das ist der Arbeitsplatz von Herrn Schneider. Schräg gegenüber hat Herr Güthling seinen Tisch. Bei uns gibt es noch feste Plätze. Manche Abteilungen haben ja bereits so viel Arbeitnehmer in Teilzeit, dass ihnen kein eigener Tisch, sondern nur ein persönlicher Rollcontainer zur Verfügung steht.«

Eine junge Frau schaute herüber. Sie nahm eine geduckte Haltung ein, seitdem ihre Chefin das Großraumbüro betreten hatte. Sie beugte sich über die Tastatur, als ob etwas Geheimes zwischen den Buchstaben verborgen wäre. Meistens waren es ja doch nur Brotkrümel, die langsam wieder zum Leben erwachten.

»Welche Fälle haben die beiden bearbeitet?«

»Dieses Team«, sie drehte sich um und wies in Richtung der Anwesenden, »wickelt die Vorgänge bei kommunalen Eigenbetrieben ab.«

»Müllabfuhr, Betriebshöfe?«

»Genau, aber auch Wasserwerke oder Freibäder.«

»Wenn eine alte Dame auf dem Bürgersteig stürzt, weil nicht ordentlich gepflastert wurde, das landet hier?«

Sie lachte. »Es kommt darauf an, ob diese Betriebe oder Fremdfirmen die Schäden verursacht beziehungsweise Arbeiten mangelhaft ausgeführt haben. Fremde Unternehmen sind selbst versichert, erst nach der endgültigen Abnahme tragen wir die Haftungskosten. Die Stadt nimmt eventuell die Auftragnehmer in Regress. Gleichzeitig stellt sich die Frage nach der Fahrlässigkeit, ob man leicht oder grob fahrlässig gehandelt hat. Andererseits ist nicht jedes Risiko versicherbar. Wenn Ihnen im Stadtwald ein Ast auf den Kopf fällt, gehört das zum Lebensrisiko.«

Ich zuckte. »Das passiert tatsächlich?«

»Ja, und deshalb und weil ständig gegen alles Mögliche geklagt wird, musste das Oberlandesgericht diese Grundsatzentscheidung treffen.« Die Frau wusste, wovon sie sprach, sie beherrschte die Materie.

»Sie wollten für mich die Fälle der beiden abgleichen.«

Ihre Hände öffneten die Aktenmappe, die sie dabei hatte. »Die meisten Vorgänge müssen von mindestens zwei Mitarbeitern abgezeichnet werden, bevor wir die Entschädigungen auszahlen. Deswegen kommt allerhand zusammen.« Sie strich mit der Hand über eine Liste von Aktenzeichen mit Namen, Städten und Unternehmen. »Mir ist nicht klar, wie Sie in dieser Masse von unabhängigen Ereignissen eine Systematik finden wollen, die zu den Überfällen führte. Wenn es überhaupt so war.«

Ja, das dachte ich auch. Kärrnerarbeit. Ich würde mir jeden einzelnen Versicherungsschaden und eventuell einige Betroffene anschauen müssen. Wegen ein paar Euro schnappte niemand über und verdrosch die Leute.

»Sind in letzter Zeit besonders heikle Fälle aufgetaucht, wo die Geschädigten ihrem Ärger Luft gemacht haben?«

»Wenn jemand Einspruch einlegt oder gleich seinen Anwalt vorschickt, bewegt sich das im Rahmen des Üblichen. Wir leiten das an die juristische Abteilung weiter. Falls es vor Gericht geht, liegen meistens schon Gutachten vor, spätestens das Gericht bestellt einen Gutachter, dessen Expertise den Ausschlag gibt.«

»Alles ist geregelt«, dachte ich laut.

»Genau, dem Zufall bleibt bei uns selten was überlassen.«

»Ich denke eher an jemanden, der hier persönlich aufgetaucht ist oder Drohbriefe an einzelne Mitarbeiter oder die Versicherung geschickt hat.«

Nicole Helms überlegte einen Moment, rollte die Unterlagen zusammen und blickte an mir vorbei. »Ja, manche Briefe enthalten unflätige Bemerkungen, auch direkt gegen die Kollegen. Das ist natürlich immer sehr unangenehm, mit der Zeit gewöhnt man sich daran.«

Okay, selbst die Büromenschen bekamen also den Unwillen der Geschädigten zu spüren, wenn auch bislang nur auf dem Papier. Die Angestellten waren allerdings nie die Schuldigen bei diesen Fällen, nur die Zahlstelle zwecks Entschädigung. Die Verantwortlichen, falls man jemand konkret für die Schäden zur Rechenschaft ziehen konnte, fand man nicht hier. Vielleicht existierte bei meinen beiden Opfern doch kein Zusammenhang mit deren Arbeitsplatz. Ich öffnete meine Hand in Richtung der Unterlagen, sie legte sie hinein.

»Zwischen den Papieren finden Sie einen USB-Stick. Auf dem habe ich zu dem ausgedruckten Überblick weitere Informationen der einzelnen Fälle gespeichert.«

»Danke. Für den Anfang reichen mir diese Daten. Wenn ich mehr brauche oder irgendetwas unklar ist, melde ich mich.«

Sie nickte, und wir gingen zum Ausgang des Großraumbüros, was die Mitarbeiter dazu brachte, erleichtert auszusehen.

»Was glauben Sie, wann ich mit ersten, neuen Erkenntnissen rechnen darf?«

Wir erreichten den Aufzug, sie drückte abwärts.

»Wenn Ihre Unterlagen etwas Interessantes ergeben, in den nächsten Tagen.«

Mit einem Pling öffnete sich der Fahrstuhl, sie verabschiedete sich von mir mit einem kräftigen Händedruck.

Reha

Die beiden Termine in Wiesbaden brauchten nicht so viel Zeit, wie ich eingeplant hatte. In meinem Kopf schwirrte ständig die Sorge um Julia. Gestern hatte man sie in eine andere Klinik gebracht. Die Ärzte in den Horst-Schmidt-Kliniken hielten es bereits zum jetzigen Zeitpunkt für angebracht, sie in eine Reha zu verlegen. Ihre Schussverletzungen heilten äußerlich gut. Ich mochte nicht daran denken, wie viele Kugeln sie getroffen hatten. Und dass ich die Schuld daran trug. Hätte ich sie nicht in meinen letzten Fall hineingezogen, wäre sie nie entführt worden. Nur weil ich der Polizei nicht getraut hatte, war ich mit dem Kopf durch die Wand und meinte, die Entführer angreifen zu müssen, obwohl das SEK schon Stellung bezogen hatte. Ich Idiot. Ihre Lungen arbeiteten nicht wie vorher, das rechte Schultergelenk bestand zu Teilen aus neuen Materialien. Ihre Ärztin befürchtete, dass es zu langanhaltenden sozialen Problemen kommen könne. Ob Julia die Stärke besitze, sich in vergleichbaren Situationen frei zu bewegen, ob auf Plätzen oder in der Nacht. Für eine Zeitungsredakteurin der Frankfurter Umschau nicht unwichtig. Ganz zu schweigen von unserer Beziehung, die sich noch gar nicht richtig entwickelt hatte, bevor es passiert war.

Ich bog in Niedernhausen auf die A3 in Richtung Köln. Eigentlich wollte ich erst morgen nach Bad Camberg fahren, aber ich konnte nicht solange warten. Die Tachonadel zuckte deutlich über die erlaubten 120. Nach einigen Minuten sah ich in der Ferne die riesigen Gebäude der Klinik, die an den westlichen Hängen des Taunus klebte.

Im modernen Foyer saßen Patienten und spielten Uno. Ich musste mit meiner Doppelkopfrunde dringend mal wieder die Karten dreschen, sonst suchten die sich noch einen anderen Mitspieler.

»Guten Tag, können Sie mir bitte sagen, wo ich Frau Zeiss finde?«

Die wohlbeleibte Dame am Empfang versprühte eine positive Gemütlichkeit. Sie nickte und tippte den Namen in die Computertastatur.

»Ihr Zimmer ist im vierten Stock, es ist allerdings keine Besuchszeit.«

»Aber wenn es der Heilung dient.« Ich schenkte ihr mein freundlichstes Lächeln.

»Da haben Sie natürlich recht. Verraten Sie mich nicht beim Arzt. Zimmer 442.«

»Ich danke Ihnen herzlich.«

Schon war ich im Lift verschwunden. Seit drei Tagen hatte ich Julia nicht mehr gesehen. Zuletzt ging es ihr den Umständen entsprechend gut. Diese Allzweck-Formulierung der Ärzte kreiste in meinem Kopf. Sie lehnten sich damit nicht zu weit aus dem Fenster und formulierten Hoffnung ohne ein Heilsversprechen.

Den vierten Stock hatten die Sanierungsmaßnahmen aus dem Foyer noch nicht erreicht. Der Teppichboden stellenweise durchgetreten, die Farbe der Wände nicht eindeutig definierbar.

Ich klopfte, wollte die Tür öffnen und hoffte auf einen freudigen Empfang. Das Zimmer war abgeschlossen.

»Wenn Sie Frau Zeiss suchen, die ist in einer Anwendung«, sagte eine junge Frau in einem weiß und gelb gestreiften Kasack, während sie an mir vorbeischlappte.

»Welche? Und wo?«, rief ich ihr hinterher.

»Krankengymnastik, Erdgeschoss.«

Ich fuhr wieder runter, versuchte, aus den vielen Hinweisschildern schlau zu werden, kurvte durch ein Labyrinth von Gängen, um schließlich die Sportabteilung zu finden. Zumindest die Geräusche und Sprüche des Personals erinnerten mich an ein Fitnesscenter.

»Ja, noch drei! Ziehen! Weiter! Jetzt nicht nachlassen!«

Eine drahtige Therapeutin feuerte Julia an. Sie zog mit Verzweiflung im Blick wieder und wieder ein kleines Gewicht an einem Seil hoch, während sie auf einem Hüpfball herumwackelte. In ihrem rechten Arm steckte keine Kraft, womöglich schmerzte ihre Schulter zu sehr. Ihre Hand lag in einer Schlaufe, das Seil lief über eine Rolle an einer Sprossenwand und endete an zwei Metallquadern. Sie sah mich und ließ los. Das Eisen krachte herunter, der Aufprall verursachte ein hässliches Geräusch.

»Der Herr Bernau. Du kannst für mich weitermachen, ich hör’ auf. Spaß geht anders.«

Die Trainerin merkte erst jetzt, dass ich hinter ihr stand.

»Sie können nicht einfach hier rein marschieren. Und Sie«, sie wandte sich Julia zu, »die Geräte kosten verdammt viel Geld. Wir sind keine Muckibude. Ihre Kraft und die Mobilität der Gelenke lassen stark zu wünschen übrig. Sie geben auf, obwohl Ihnen noch der Löffel aus der Hand fällt. Das läuft nicht.«

»Ich schaue morgen wieder vorbei.«

Sie zog das Zopfband von den langen, braunen Haaren, die sich über ihre Schultern verteilten.

»Bitte?« Die Therapeutin machte die Augen weit auf. »Glauben Sie, die Reha ist ein Wunschkonzert? Sie wollen doch gesund werden!«

Julia hatte keinen Bock mehr, das war deutlich.

»Ich habe zu heftige Schmerzen. Es geht nicht. In den nächsten Tagen tut mir der Arm bestimmt weniger weh.«

Sie erhob sich vom Gummiball, griff ein Handtuch aus der Sprossenwand und ging um mich herum nach draußen. Die Angestellte schüttelte den Kopf.

»Warte einen Moment.«

Julia marschierte durch den Flur, ihre Arme arbeiteten sich vorwärts, der Oberkörper krümmte sich, als ob das Gewicht des Handtuchs ihre Schultern drückte.

»Blöde Therapie. Ich brauche meine Ruhe.«

»Möchtest du vielleicht mal raus, einen Spaziergang in die Umgebung machen?«

»Nicht in diesem Ton. Die sülzen mich hier schon den ganzen Tag voll. Zwischen Wellness und Aufbautraining, Fango und Schmerzmittel. Ich will ein Bier!«

Sie stoppte, drehte sich zu mir um und schaute mich aus hellbraunen Augen an, denen ich nichts abschlagen konnte. Warum auch. Sie schmiss das Handtuch in eine Wäschekiste am Ende des Flures und lief weiter Richtung Ausgang.

»Wo steht dein Auto?«

»Gleich da vorne, der Graue.«

Ich drückte auf die Fernbedienung, sie öffnete mit der linken Hand die Tür.

»Wo fahren wir hin?«, fragte ich.

»Schick, dein neuer Wagen. In der Altstadt soll es die eine oder andere nette Kneipe geben.« Klare Anweisung.

Während der Fahrt hielt sich Julias Gesprächigkeit in engen Grenzen. Ich parkte direkt gegenüber einer Kneipe. Das Schild über der Tür des Fachwerkhauses versprach ein vernünftiges Bier. Der Durchgangsverkehr donnerte durch die schmale Straße.

Die rothaarige Wirtin polierte die Gläser, grüßte kurz. An den rustikalen Tischen saßen für einen späten Nachmittag erstaunlich viele Gäste. Wahrscheinlich typisch für einen Kurort. Die Kurgäste hatten die Ruhezeiten einzuhalten, in manchen Kliniken schloss der Pförtner garantiert pünktlich ab. Also musste man zeitig zum Bier gehen. Die Leute hier sahen weniger kränklich, eher ziemlich gutgelaunt aus. Mitte Vierzig aufwärts, gerne etwas enger beisammen sitzend, als es vielleicht mit dem eigenen Ehepartner üblich wäre. Liebe auf Zeit? In Bad Wildungen hatte ich mal das Denkmal des Kurschattens gesehen. Julia steuerte auf einen Eckplatz an der nicht ganz so vollen Seite des Tresens zu. Wir setzten uns und zogen jeder die braunen Kunstledermappen heran.

»Eigentlich will ich noch gar nichts essen«, sagte sie und blätterte lustlos die eingeschweißten Seiten der Speisekarte durch. Bevor ich mir einen Überblick über die endlosen Möglichkeiten der Schnitzelzubereitung machen konnte, hörte ich die Wirtin mit ihrer rauchigen Stimme über meinen Kopf hinweg fragen.

»Wissen Sie schon, was Sie trinken möchten?«

»Ein Bier, groß.« Julia antwortete innerhalb einer Sekunde.

»Wir hätten ein süffiges Landbier, naturtrüb, nicht so herb.«

Julia nickte, ich schloss mich an. Wir saßen über Eck, unsere Knie berührten sich. Ich versuchte, dass Schweigen zwischen uns zu füllen. Langsam strichen meine Finger über ihre Hand.

»Was sagen die Ärzte, wie lange du in Camberg bleiben musst?«

»Noch knapp drei Wochen. Es reicht mir, anderthalb Monate in Wiesbaden und nun diese Reha. Da vergeht einem alles.«

Als ich ihre Hand umschließen wollte, zog sie ihre Finger zurück.

»Ich weiß, du bist nicht schuld. Diesen Mist habe ich mir selbst eingebrockt. Aber manchmal fühlt es sich anders an. Dann könnte ich dich …«

»Auf den Mond schießen? Gegen die Wand klatschen? In der Pfeife rauchen?«

Sie lachte.

»In dieser Reihenfolge.«

Jetzt legte sie ihre Hand auf meinen Unterarm und drückte ihn sanft.

»Es ist langweilig und anstrengend gleichzeitig. Alle wollen mir helfen, gesund zu werden. Rumsitzen und warten reicht angeblich nicht. Dreimal täglich quälen sie mich, danach darf ich ins Spielezimmer, den Fernsehraum oder Spazieren gehen. Krank sein ist scheiße.«

Ich lehnte mich zu ihr vor, sie kam mir entgegen. Erst berührte ihre Nasenspitze meine Wange, dann küssten wir uns vorsichtig. Ganz vorsichtig.

Mit einem entspannten Lachen lösten wir uns voneinander.

»Woran arbeitest du gerade? Wieder böse Banker jagen?«

»Es geht eher um nicht so schrecklich böse Schlägertypen?«

»Gibt es liebe Schläger?«

Sie zog die Stirn ungläubig in Falten.

»Bestimmt, ich habe sie nur noch nicht getroffen. Nein, es sind zwei Sachbearbeiter einer kommunalen Versicherung verprügelt worden. Einer davon ziemlich schlimm.«

Ich berichtete ihr von den Einzelheiten und von meinem Zweifel, ob die beiden Fälle überhaupt etwas miteinander zu tun hatten.

»Ermittelt die Polizei?«

»Ansatzweise. Bei Schmitz habe ich schon genervt, in Frankfurt muss ich die nächsten Tage mal auf dem Polizeipräsidium vorbeischauen.«

»Zwei Landbier, die Herrschaften.«

Die Wirtin servierte uns ordentliche Glashumpen mit einem goldfarbenen Bier, das lecker aussah. Wir stießen an, und ich staunte nicht schlecht über Julias Zug. Als sie es absetzte, war das große Glas zur Hälfte leer.

»Das brauchte ich jetzt.«

Sie lachte mich an und gab mir einen dicken Kuss. Bier als Aphrodisiakum mit einer derart flotten Wirkung hatte ich auch noch nicht erlebt. Das durfte sich gerne wiederholen.

Wir sprachen über ihre Wochen in den Horst-Schmidt-Kliniken, über meine Ängste, als sie dort lag, und über den bösen Blick ihrer Mutter bei meinem ersten Besuch auf der Intensivstation. Wie immer, wenn ich Julia sah, verging die Zeit einfach zu schnell.

Draußen war es inzwischen dunkel, die Straßenlaternen erhellten die Straße nicht wirklich. Auf der Rückfahrt legte Julia ihren Kopf an meine Schulter.

Ich hielt neben dem Klinikeingang.

»Bleib ruhig sitzen. Du musst mich nicht aufs Zimmer bringen.«

»Das wäre doch schön, oder?«

Mein Lächeln ließ sich nicht unterdrücken.

»Ja, aber heute nicht mehr. Ich bin viel zu müde. Außerdem weiß ich nicht, wie der Zerberus von Nachtpförtner reagiert, wenn ich dich mit nach oben nehme. Ruf mich morgen Abend an.«

Sie streichelte mein Gesicht, gab mir einen kleinen Kuss und verschwand. Reine Folter.

Gemeinsamkeiten

Eine halbe Stunde später fläzte ich mich auf dem Sofa. Die Unterlagen der Versicherung in der Hand, versuchte ich, einen Überblick über die potentiellen Zusammenhänge zu gewinnen. Frau Helms hatte von allen möglichen Schadensfällen gesprochen, die bei der öffentlichen Hand anfielen. Schon eine erste Durchsicht zeigte mir, dass es sich relativ oft um Probleme in Kliniken handelte, hauptsächlich im Taunus. Warum hatte die Helms nur Freibäder und Straßenbau erwähnt? Infektionen mit multiresistenten Keimen, Verletzung der ärztlichen Sorgfaltspflicht, leichte und grobe Fahrlässigkeiten. Hier ging es garantiert nicht um kleine Summen wegen Schürfwunden oder Schlaglochschäden an Autos. Ich holte meinen Laptop und schloss den USB-Stick der Versicherung an.