PATRITIODTEN
Jens E. Gelbhaar
Mart Wolff
Eraly Bird Books
»Wer A sagt, muß auch -rschloch sagen« Heinz-Rudolf Kunze, »Sternzeichen Sündenbock«, 1991
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Early Bird Books, Hauptstraße 156, 68799 Reilingen.
Titelgestaltung: CorporateCommunications, Reilingen.
Titelbild: pexels-ehma
Satz: CorporateCommunications, Reilingen
ISBN 978-3-98576-058-9
www.earlybirdbooks.de
3. Juni
Voerde-Möllen (Ruhrgebiet)
Leicht schwankend stehen zwei Angler am Rhein oder eher am Ufer dessen, was von dem Fluss noch übrig ist. Schon am Vormittag überschreitet das Thermometer die 30-Grad-Marke, der Rheinpegel dagegen steht unter 90 Zentimeter. In einem alten, geklauten SUV sind die zwei jungen Männer, Marcel und Alexander, mit ihren Angelruten den Radwanderweg bei Rheinkilometer 799 entlang, die Böschung hinunter in den ehemaligen Hafen des stillgelegten Kraftwerks Voerde gefahren. Im Suff ereilte sie die Idee, die mächtigsten Welse könnten gerade bei Niedrigwasser besonders gut beißen. Doch die Viecher bleiben aus. Marcel probiert das geklaute Smartphone aus. »Boah! Leica-Kamera!« Er filmt das Ufer, das große, angerostete Schild mit der Zahl 799 drauf. Dann hält er auf den Fluss mit den paar Hektolitern, die Richtung Nordsee verdunsten.
»Hömma, da hinten, da is' ein Riesenviech. Die großen Johnnys schwimmen wohl inne Mitte. Müssen rein bis wower stehen können.«
»Mach ma. Aber halt endlich die Fresse, sonst sind die eh weg.«
Marcel holt die Angelschnur ein, sucht sich ein sandiges Uferstück ohne Steine, zieht die Schuhe und seine Jeans aus, legt das Handy weg und stapft samt Angelrute in den Fluss. Das weit zurückgewichene Rheinwasser lässt Marcel nah an das Zielobjekt heranwaten. Zu nah. Er würgt, kann die geklemmten Tortilla-Chips von der Tanke nicht bei sich behalten. Panisch versucht er zu fliehen. Nur zurück, zurück ans Ufer.
»Wat is' los?«, brüllt Alexander.
»'n totes Ungeheuer.«
»Du hast zu viel gesoffen.«
»Nee, hab ich nich'.«
Alexander legt die Angel weg und bewegt sich zu der Uferstelle, wo Marcel das Smartphone abgelegt hat. Er entsperrt es und will den Fund näher ran zoomen. Vielleicht eine Boje, denkt er. Immer näher und immer klarer kommt das Bild heran.
»Dschieses Kreist!«
Das Niedrigwasser gibt den Blick frei auf die spärlichen Reste einer Leiche. Unter dem algenartigen Moos, das den Bauch des Torsos bedeckt, ist etwas Labberiges zu sehen. Die Leiche könnte ein Mann gewesen sein, einer ohne Beine, mit nur einem Arm und kahlem Kopf, auf dem irgendwas klebt. Rote, grüne, gelbe und blaue Schlieren sieht man. Ein Einkaufsnetz? Eine Tätowierung?
Marcel steigt aus dem Fluss, in die Jeans und die Schuhe und würgt wieder. Er speit nur noch Wasser und Schaum.
Alexander raunt ihm zu: »Bloß weg hier.« Der rennt los, schnappt sich seine Angel, sprintet zum Auto, reißt die Tür auf, stopft die Angel hinein. »Eh, mach hin«, ruft er Marcel zu, springt ins Auto und startet die Kiste. Marcel hastet hinterher. Ohne Angel. Nichts wie weg hier. Sie rasen davon. Marcel weiß nicht, wie er den Schreck loswerden kann als durch einen anonymen Anruf bei der Polizei.
»Ja, ja ... Hallo, fahren Sie zum Kraftwerk Voerde, da liegt im Rhein 'ne Leiche, Beine ab, total tot.«
»Die Bullen anrufen. Du has' echt nich' alle Latten am Zaun, du Idiot«, schnauzt Alexander.
»Ich hab doch die Nummer unterdrückt.«
***
Das Warten auf die Duisburger nervt. Nicht mal das Absperrband flattert im Wind, kein Lüftchen regt sich. Drei Dorfpolizisten suchen Schutz im Schatten der knorrigen kleinen Bäume, die den aufgegebenen Werkshafen säumen. Was stinkt hier wohl so? Der Modder im Bett des Rheins oder der Tote? Wann kommen endlich diese Kriminalheinis? Eine Stunde vergeht, in denen zwei uniformierte Frauen und ein blau gedresster Mann auf ihren Telefonen Last-Minute-Angebote für Reisen lesen, die sie nie antreten werden. Ihre Wachen sind so unterbesetzt wie ihre Überstundenkonten voll.
Endlich nähert sich ein müder Tross, ein halbes Dutzend Kollegen der Kripo, angeführt von diesem Terhorst, einem angegrauten Ermittler, den man hier kennt und der die Gegend kennt.
Aber er mag sie nicht besonders. Er wuchs hier in der Nähe auf. An jeder Straßenecke lauern Erinnerungen, auf die er verzichten könnte. An Mädchen, die er besser nicht geküsst, an Latein-Klausuren, die er lieber nicht geschrieben und an Typen, mit denen er heute kein Bier mehr trinken würde. Und die Gegend erinnert ihn an seine Familie. Terhorst würde sich lieber, in dieser Scheiß-Hitze sowieso, an den Schreibtisch fläzen und Altakten lesen. Vielleicht die Top Ten der abgeschlossenen Fälle. Die stellen genau die richtige Portion an Anforderung dar: Null. Frohen Mutes die letzten 212 Arbeitstage bis zur Rente abzählen statt hier in der Pampa den Wasserleichenkasper zu spielen. 212 Tage. Rest-Urlaub, nicht abgefeierte Überstunden, Wochenenden und Feiertage nicht mitgezählt – wozu auch, in diesem Job? 212 Tage, und das auch noch mit einer Kollegin, die er nicht sonderlich mag. Schon dieser Name: Zhe-ly-az-ko-va? Tschäliaschkowa! Bis er das aussprechen könnte, hätte er die Rente durch.
Boryana Zhelyazkova soll Terhorsts Nachfolgerin werden. Oder Nachfolger. Zum Henker, wer weiß schon, wer oder was die ist?! »Eigentlich würde sie lieber Boris heißen, nicht?«, hat Wiglaf einmal gesagt, als er sah, dass am Lauf der Dienstwaffe von Kommissarin Zhelyazkova ein kleiner gestreifter Aufkleber in Rot – Orange – Gelb – Grün – Blau – Lila prangte. Zhelyazkova hatte daraufhin nur gelächelt, ihren Ballermann für einen Sekundenbruchteil auf Terhorst gerichtet und dann geladen. Dass es Polizeibeamten nicht erlaubt sei, an ihrer Dienstkleidung oder gar am Werkzeug Belege politischer oder weltanschaulicher Überzeugungen zu tragen, darauf weist Wiglaf die junge Kollegin seitdem immer wieder hin. Es wundert ihn nicht, dass sie ihm bei der ersten Inaugenscheinnahme der Leiche ins Wort fällt.
»3.6., Voerde-Möllen, Rheinufer«, diktiert Wiglaf seinem Telefon, »Leichentorso, männli…«
»Mutmaßlich!«, sagt Zhelyazkova, »Leichentorso, mut-maß-lich männlich!«
»Siehst du Möpse?«
»Trotzdem.«
»Ach, du meinst, der hat sich vielleicht als Frau gefühlt. Kann die Obduktion posthum nich' feststellen. Und ist auch jetzt wumpe! Interessiert die Würmer nich'.«
Also diktiert Wiglaf:
»Leichentorso, männlich«.
Die Selbstbehauptungsanfälle seiner mutmaßlichen Nachfolgerin lässt Terhorst an sich abprallen. Dieser Dachlatten-Feminismus geht ihm so was von auf den Zwirn. Was verstehen Frauen eigentlich nicht an Gleichberechtigung? Er hat überhaupt kein Problem damit, wenn die Weiber die Backe genauso weit aufreißen wie er. Seinetwegen können die auch im Stehen pinkeln, die gleiche Kohle verdienen, das Kinderkriegen lassen. Ist ihm alles scheißegal. Aber - zum Teufel noch mal! - Gleichberechtigung berechtigt die Weiber doch nicht gleich, ihn zu erziehen.
Nicht auf Mutmaßung beruht, sondern Fakt ist, dass die Leiche mittels einer Kette an einem großen Stück Beton fixiert und so im Rhein versenkt wurde. Zwei Polizisten in Schutzanzügen brauchen Ewigkeiten, um den Toten aus der Umklammerung der verrosteten Kette zu befreien. Sie tragen Atemschutzmasken.
»So 'ne Scheiß-Maloche ersetzt bei dem Wetter jede Diät«, analysiert Wiglaf müde. »Die Masken sind noch aus der Corona-Zeit, die Jungs bringen die Dinger von Zuhause mit.«
Zhelyazkova ist unbeeindruckt. Die Ermittlerin betrachtet die Szene eine Weile. Eine Dorfpolizistin bringt ihr eine Angelrute.
»Hab ich im Gebüsch gefunden.«
Zhelyazkova nickt bloß. Wiglaf ist nach Witzen zumute:
»Eindeutig Selbstmord. Kein Glück beim Fischen«. Seine Kollegin findet das ziemlich geschmacklos.
»Du verstehs' bestimmt wat von bulgarischer Küche, bloß nix von meinem Humor«, erwidert Wiglaf staubtrocken, »aber wenn wir schon beim Thema sind, guck dir doch mal dat Tattoo auf der mutmaßlichen Glatze an! Wenn ich et nich' besser wüsste, tät ich sagen: Gorbatschow.«
Das Arbeitsklima zwischen dem Chef des Dezernats Delikte am Menschen und seiner Kollegin hat einen neuen Tiefpunkt erreicht.
»Ich hab's«, führt Wiglaf aus. »Arbeitsthese: Dat is' Blackbeard. Der berühmte Pirat Blackbeard. Keins der großen sieben Meere wollte seine Leiche jemals haben, da haben sie ihn einfach in den Rhein abgeschoben … Ach so, is' ja nun auch nich' gerade dein Fachgebiet, Abschiebung …«
Zhelyazkova platzt der Kragen:
»Dein Fachgebiet könnte bald Dienstaufsichtsbeschwerde wegen rassistischer, fremden- und frauenfeindlicher Äußerungen sein«.
Wiglaf lacht.
»Liebelein, jetzt ma' ernsthaft: Jedes Jahr springen irgendwelche Verrückte in den Rhein und et werden immer mehr und die werden immer verrückter. Der hier hat mit Sicherheit alle Icebucket-Challenges gewonnen, der brauchte 'n neuen Kick, hat gewettet, dass er es schafft, in drei Minuten die Ketten im Tauchgang zu lösen und wieder aufzutauchen – und hat verloren. Wühl doch 'n bisschen im Schlick, dann findest du sicher sein Handy. Der hat bestimmt sein ganzes Scheitern gefilmt. Dann haste deinen Ermittlungserfolg. Ich hab hier genug Zeit vertrödelt. Vor übernächsten Mittwoch kommt dat Häufchen Menschenmatsch sowieso nich' dem Gerichtsmediziner auf den Tisch. Du weißt ja, Fachkräftemangel. Und irgendwas ist bestimmt kaputt. Ich hab Hunger. Tschüss!«
Wiglaf stiefelt davon. Am Ende des Wanderwegs steht sein 79er Scirocco an der Hauptstraße. Sein ganzer Stolz, schön in Türkis lackiert.
Zhelyazkova schüttelt den Kopf. Sie kennt die Gegend hier genauso gut, wie der angegraute Kollege, der sie unentwegt unterschätzt. Ihr Vater, ein Bulgare, kam vor 30 Jahren nach Deutschland, ihre Mutter ist aus Marxloh, eine Deutsche mit türkischem Vater. Als die Polizistin vier Jahre alt war, zogen ihre Eltern nach Dinslaken zu Verwandten, die noch im Bergbau arbeiteten, ein paar ihrer Onkel unter Tage, Onkel Malik in der Werkstatt, Zeche Lohberg. Sie hatten was gegen Boryanas Vater, irgendwas, Boryana weiß bis heute nicht genau, was. Warum sie Bulle wurde, kann sie auch nicht sagen. Um ihre verschiedenen Onkel zu beeindrucken, vielleicht. Oder um ihre beste Freundin vom Koksen abzubringen. Außerdem waren Menschen um sie herum alle völlig bescheuert, da musste sie wohl irgendwohin, wo es Übersicht und Ordnung gab. Und landete bei Wiglaf Terhorst. Sie würde diesem versoffenen Boomer am Ende gezeigt haben, wo der Hammer hängt. Aber nun hat sie andere Sorgen: eine zeitnahe Obduktion. Jonas heißt der nette Gerichtsmediziner, der sich vielleicht um den Finger wickeln lässt, hat so'n schönen Rauschebart – sehr sexy. Sie wird diesen Doktor med. ins Kino einladen – und schon wird er die Leiche aus dem Rhein ein paar Tage früher auf dem Tisch haben.
4. Juni
Duisburg, Polizeipräsidium
Angewidert betrachtet Wiglaf Terhorst die Bilder des Torsos auf dem Tisch.
»Nee, bah! Wat 'ne Sauerei!«
»Beine abschneiden … könnte ein Mafia-Ritual für Verräter sein. Oder blanker Hass«, meint Zhelyazkova.
»Nee, ich mein' eher so dat Handwerkliche. Die haben doch bestimmt nich' extra 'ne Metzgerei angemietet, um den zu zerteilen. Wat 'ne Sauerei muss dat gewesen sein.«
»Klar, dass von dir wieder nichts Brauchbares kommt. Und dein Mitgefühl hat in 40 Dienstjahren auch 'nen Totalschaden erlitten.«
»Soll ich heulen, oder wat? Buhuu, die Welt ist so gemein! Da bringen Leute sich gegenseitig um die Ecke und mit Totschießen allein isset nich' mehr getan. Buhuu …« Terhorst stockt. »Wer is' dat eigentlich, für den ich die Rotzfahne zücken soll? Haben wir da schon wat?«
»Ja, natürlich haben wir da schon was. Hier gibts ja Leute, die zwischendurch auch arbeiten.«
Terhorst rollt seinen Bürostuhl zurück, legt die Füße auf den Tisch und die Hände in den Nacken.
»Na, dann sach ma', wat die Heinzelmännchen … und … hehe … -männinnen und die Transfunzen so rausgefunden haben.« Er grinst von einem Ohr zum anderen und blickt Zhelyazkova herausfordernd an.
»… bis dir mal so 'ne Transfunze richtig eins auffe Fresse haut.«
»Oh, Madame kann ja meine Sprache. Nun sagen Sie an, wenn es konveniert. Was haben die fleißigen Kollegen und Kolleginnen ermittelt?«
Zhelyazkova schnaubt. »Verheb dich nicht, Terhorst! Also … Rolf Schanze, 45. Betreiber eines Hundeplatzes in Wesel. Wird von seinem Freund vermisst. Besonderes Kennzeichen: Energie-Mandala Blume des Lebens als Kopf-Tattoo.«
Terhorst prustet los. »Bluuumen für die Dame«, singt er. Seine Kollegin pariert harsch seine antizipierte Bemerkung:
»Auch Morde an Schwulen sind aufzuklären. Die unterfallen noch nicht wieder der Reichsacht. Das blaue Aufgebot, das nach Altnazis und 50er-Jahre-Mief stinkt, ist noch nicht am Ruder. Und spar dir jeden Kommentar von wegen Tunten-Alarm, Fummel-Triene, Vergnügungspark geschlossen, weil Arsch zugekniffen und so …«
Terhorst starrt sie mit großen Augen an.
»Dat is' mir doch egal, bei wem dieser Typ sein Rohr verlegt hat. Aber, wenn der aus Wesel kommt, warum haben die den dann im Rhein verklappt? Die hätten ihn doch bequem im Diersfordter Wald ins Moor kippen können? Wat'n Aufwand, den bis nach Voerde zu karren! Mein kleiner Zeh sagt mir, dat hat 'n Grund.«
»Dein kleiner Zeh?«
»Sitz der Rest-Intuition. Schleicht sich bis zur Rente aus.«
»Aha. Und was soll das Ganze jetzt?« Zhelyazkova klingt ungehalten. »Es steht ja noch nicht mal der Tatort fest.«
»Was sagen denn die asozialen Medien? Ist unser Mandalaner da in Erscheinung getreten?«
»Ach, Wiglaf Terhorst nutzt sein Resthirn. Ja, das Opfer trug über dem Tattoo ein Alu-Hütchen. Trieb sich in Verschwörungsgruppen bei Telegram rum. Auf YouTube hatte er einen Kanal: bluama. Videoclips. Da hat er seiner Gedanken-Diarrhoe freien Lauf gelassen.«
»Sach bloß. Worüber hat er sich denn zuletzt ausgeschissen?«
»Putin als Befreier der Welt von der westlichen Dekadenz oder so.«
»Tja, wenn dein Hirn durchgeschmort ist, brauchste keine Beine mehr. Sagt dir ja keiner, wohin du vor dir selber weglaufen sollst.«
Wiglaf lässt seinen Rechner runterfahren. Feierabend ist für Wiglaf, wenn Terhorst danach ist. Er streckt sich, schlüpft in sein Sakko. Boryana mahnt:
»Ist erst 13 Uhr durch.«
»Na und?! Frag ich dich, warum du heute früher gehen willst?«
»Geht dich nix an.«
»Siehste! Kannst ihm aber trotzdem Grüße ausrichten, unserem Leichenmetzger.«
ESSEN
Das Kino Eulenspiegel hat den Film Harold And Maude seit den 70ern fest im Programm. Dr. Frieborn sitzt auf dem Beifahrersitz und will das nicht glauben. Er riecht gut. Boryana gehört nicht zu den Frauen, die zu Männern aufsehen wollen. Der hier ist exakt so groß wie sie, wenn sie flache Schuhe anhat. Er trägt gute Klamotten am Leib. Er weiß, was Parfum bewirken kann und wie man einen Kamm benutzt. Da nimmt man die ins Jungenhafte spielende Stimme gern in Kauf, sie steht im Kontrast zu seinem Vollbart, zu der ganzen vollkommenen Erscheinung, sportlich, männlich, was will Frau mehr? Jedenfalls sie. So ein bisschen Macho als Herausforderung, um sich daran zu reiben, kann nicht schaden. Bloß kein Tanzäffchen! Aber auch kein Wiglaf! Too much Macho.
»Aber ja doch«, lacht Boryana, »das ist Kult, Harold And Maude im Eulenspiegel.«
»Was ist das für ein Film?«
»Harold ist so 'n junger, depressiver Typ. Der ist vom Tod fasziniert, hängt hobbymäßig auf Beerdigungen ab, und da trifft er Maude, die ist 80, war mal im KZ, ist aber total gut drauf und Harold verliebt sich in die und …«
»Der Tod fasziniert mich auch.«
»Äh, ja … Deswegen hatte ich den aber nicht ausgewählt. Äh, … du wirst den Film mögen.«
An den Kanten der Brücken über der A40 stehen Worte eines Sportreportes geschrieben: RAHN MÜSSTE SCHIESSEN … RAHN SCHIESST UND … TOR! TOR! TOR!
»Machst du Sport?«, fragt sie ihn, um das Gespräch wieder anzuleiern.
Sie biegt von der Autobahn ab, Richtung City.
»Bogenschießen und Laufen«, sagt Jonas, »dreimal täglich fünf Kilometer, am Wochenende mehr. Bin immer beim Duisburg-Marathon dabei. Und du?«
Mist. Falsche Taste gedrückt. Boryana ärgert sich. Wie peinlich. Ihre sportlichen Aktivitäten sind sehr in den Hintergrund getreten.
»Auch Laufen, aber nicht Marathon«, antwortet sie, »und freitags geh ich nach dem Dienst immer zu McFit am Bahnhof Hochfeld. Könnte mehr sein mit Sport. Hab reichlich um die Ohren im Moment.«
Den Rest, ihr Leben betreffend, erzählt sie Jonas nach dem Film, den er wohl ganz okay fand. Sie gehen zu Fuß bis hinunter zum Gerlingplatz, da ist Toni & Tony, eine Cocktailbar.
»Das ist so'n echt cooler Club«, freut sich Boryana, »wirst du mögen.«
Drinnen plappert sie fröhlich weiter. Sie spürt von den Zehenspitzen bis in die Extensions, dass sie blöd genug ist, sich gerade in einen Arzt zu verlieben. Über ihre Familie redet sie, den türkischen, den deutschen, den bulgarischen Zweig. Sie schwärmt ein bisschen von Papa, belobhudelt ihre Mama als beste Köchin der Welt, von ihrem Zwillingsbruder erzählt sie mit etwas unterdrückter Stimme und weniger ausführlich, die Stimmung soll ja keinen Knick kriegen.
»Du hast einen Zwillingsbruder?« Jonas mustert sie interessiert.
»Ja, der ist vermisst, vermutlich tot. Aber das ist eine andere Geschichte. Die erzähle ich vielleicht ein anderes Mal.«
Noch ehe er reagieren kann, deutet sie auf der Getränkekarte einen bestimmten Punkt an.
»Der Hit von den ganzen Cocktails hier ist angeblich nach Originalrezept von Douglas Adams. Kennste?«
Jonas muss passen.
»Musst du probieren, den Drink! Heißt Pangalaktischer Donnergurgler.«
Jonas kratzt sich verlegen am Bart:
»Eigentlich trink ich keinen Alkohol«.
»Ach, einer kann nicht schaden«.
»Hier steht nichts über die Zutaten, nur: Überraschungscocktail. Wir servieren nur einen pro Gast. Das schreiben die doch nicht umsonst da rein.«
»Das schreiben die da, um es spannend zu machen, damit sie das Zeug verkaufen, weiter nix«, lacht Boryana, »Vertrau mir!«
Ein Kellner kommt.
»Zwei PD, bitte!«, zwinkert Boryana. Sie richtet den Blick auf ihren Traummann. »Jetzt du!«
»Was?«
»Erzählen!«, lacht die verliebte Ermittlerin, »Blutgruppe, Schuhgröße, chronische Krankheiten, Familie, Haustiere, Hühneraugen, geheime Obsessionen …«
Die Drinks kommen. Jonas prostet Boryana zu:
»Viel gibts da nicht zu erzählen. Opa war schon Arzt, Papa hat Opas Praxis in Kalk übernommen, der war Neurologe und auch im Karneval aktiv. Stand als weißer Lappenclown in der Bütt. Ja, und dann sind wir nach Deutz gezogen, dann nach Braunsfeld.«
»Du bist aus Köln? Merkt man gar nicht.«
»Kölsch habe ich mir abtrainiert.«
»Schade.«
Jonas schenkt ihr ein breites Jungen-Lachen.
»Isch han ming Sprooch nit verliehrt.«
Boryana ist entzückt. Sie lacht zurück. Jonas nimmt einen weiteren Schluck von seinem PD. Vom Alkohol scheint er nichts zu merken. Boryana will einen zweiten PD bestellen. Doch Jonas wehrt nachdrücklich ab.
»Ich vertrag' das nicht so gut, weil …« Er denkt angestrengt nach, grinst plötzlich und beginnt zu singen. Boryana ist augenblicklich noch verliebter. Mr. Right gibt die alte Bläck-Fööss-Kamelle Katrin zum Besten:
Der Mann scheint angeschickert zu sein. Der Kellner nähert sich räuspernd:
»Ähm … Bis zum 11.11. ist noch was hin. Wir haben brasilianische Woche im Moment.«
Boryana prustet los. Die Ermittlerin lässt vor Lachen die Bankkarte zu Boden fallen. Jonas singt unbeirrt weiter.
Aber er lässt sich hinaus an die frische Luft führen und auch das Versprechen aus den Rippen leiern, die Obduktion gleich morgen früh durchzuführen.
5. Juni
Bericht des obduzierenden Gerichtsmediziners
Dr. Jonas Frieborn
Dr. Frieborn hat, so scheint es, in seine Jungenstimme so viel Honig gelegt, als sei das, was er zu sagen hat, der Vorlauf zu einer Liebeserklärung. »Das Schriftliche«, wispert er in die Mailbox, „Brief und Siegel und so, das kommt später. Hier nur die wichtigsten Facts: Die Leiche ist männlich. Sie lag circa acht bis zehn Tage im Rhein. Der linke Arm war ganz sicher schon seit Jahren nicht mehr an seinem angestammten Platz, die Beine müssen dem Kerl kurz vor seinem Tod abgetrennt worden sein, und zwar auf eine sehr uncharmante Art, mit einer Kettensäge oder dergleichen. Der Typ ist verblutet.
Die Kopfhaut muss ein wahrer Künstler tätowiert haben: Das ist ein perfektes Mandala, das Kunstwerk da auf dem Kopf. Ist schon älter, das Tattoo. So, das war das Dienstliche …“
Stille. Zhelyazkova lauscht gespannt der Kunstpause, dem leisen Räuspern ihres Schwarms. Er wird doch noch irgendwas Schönes sagen? Erneutes Räuspern, ein leichtes Lachen:
»Ach ja, und … haha … Ich fand das echt schön … Würde es gern wieder tun. Tschühüss!«
Haha? Ich fand das echt schön? Zhelyazkova schlägt sich lachend vor die Stirn. Er würde es gern wieder tun. Hach! Die Kommissarin ist entzückt. Aber welches es meint er eigentlich genau?
Zwischen Duisburg und Wesel
Um ihre Teamfähigkeit zu bewahren, sind Wiglaf und Boryana zuweilen getrennt auf der Piste. Eher öfter. Zhelyazkova ist bevorzugt im Netz und in einem der klapprigen Dienstwagen unterwegs. Das käme für Terhorst nicht in Frage. Er bleibt lieber mit dem Scirocco liegen.
Terhorst nimmt den Unterschied zwischen beruflich und privat nicht so genau. Nimmt sein Job den etwa so genau? Na, also. Erfordert es die Arbeit, macht Wiglaf gern heimatliches Sightseeing in seinem Oldie. Kommt er nicht weiter in dem, was er zu bearbeiten hat, dann auch. Geht ihm der ganze Trouble mit dem Job so richtig auf den Senkel, dann erst recht. So ein Tag ist heute. Ab durch die Mitte! Sightseeing, Heimat.
Terhorst durchkämmt auf verschlungenen Pfaden die Schnittstelle von Westfalen und Niederrhein, die Outbacks von Bottrop und Dinslaken, die Landgemeinde Hünxe, wo Nazis ein Flüchtlingsheim anzündeten. Am Tag der Deutschen, das Datum hat sich ihm eingeprägt. 3.10.1991. Ob unter Rolf Schanzes Aluhut ein Weltbild steckte, das zu den Zündlern passte? Schwurbler sind ja nicht selten faschistoid. Wäre für ihn der Vorname Wolf nicht treffender gewesen? Nee. Warum hatte der dann nicht 'n Hakenkreuz auf'm Kopp? Oder tragen braune Brüder ein Mandala dieser Tage? So als Schutzmimikry. Oder sogar Lockmimikry? So kommt Terhorst nicht weiter. Aber er will diesen Fall unbedingt lösen. Diese dämliche Vorschriftenfresserin, seine Kollegin, hat einen Rest von Ehrgeiz in Terhorst wachgekitzelt. Wiglaf biegt in ein Dörfchen am Ufer der Lippe ab, Krudenburg. Ein paar Häuschen, der Turm eines mittelalterlichen Rittersitzes, Kühe, ein verlandeter Fischerhafen. Hier findet er ein Bänkchen im Schatten, wo er das Rentnerdasein probesitzen, zwei, drei Kippen rauchen und nachdenken kann.
Energie-Mandala Blume des Lebens? Wenn ich mir was Rundes auf die Pläte stechen lassen würde, denkt er, dann einen Bierdeckel, aber doch nicht so 'n Stuss! Unzufriedenheit macht sich in ihm breit, weil keiner seiner Gedanken dem Fall etwas näher rückt.
Polizeipräsidium Duisburg
»Ist das verboten, am Rhein zu sitzen und zu angeln?«
Zhelyazkova lächelt. Das Pärchen, das sie vernimmt, wurde halbnackt in einem Van angetroffen, der an dem Strandabschnitt parkte, wo die Leiche aufgefunden worden war. Zwei Angelruten lehnten am Geländer der Uferbefestigung, während ein Mann es im Wagen mit einem jungen Mädchen trieb.
»Angeln ohne Angelschein ist immer verboten, selbst wenn die Angeln nur dumm rumstehen«, klärt Zhelyazkova ihre Gegenüber auf, einen Herrn mit grauen Schläfen und ein Teenie . »Sexuellen Missbrauch von Kindern sieht der Gesetzgeber auch nicht gern und das Befahren der Radwanderwege mit dem Auto ist ebenfalls verboten. Ein Campingplatz ist das Rheinufer übrigens auch nicht. Eine ganz schöne Liste von Ordnungswidrigkeiten und Vergehen. Deswegen hab ich Sie aber nicht vorgeladen.«
Das Mädchen wird bleich, ihr grauer Lover ist verblüfft.
»Sie wurden genau da, wo die Kollegen Sie aufgegriffen haben, in den letzten Wochen schon mal gesehen. Sind Sie da regelmäßig - na, sagen wir mal - aktiv?«, will Boryana wissen und schiebt dem Pärchen ein Foto des Mordopfers über den Tisch. »Haben Sie den schon mal gesehen?«
»Was denn?!«, plustert sich Sugar-Daddy auf, »Sie lassen mich und meine Verlobte extra von Griethausen hierhin kommen, nur um mich sinnlos zu beschuldigen und mich nach so einem …« Er stockt. »Wer, zum Teufel, soll das … das gewesen sein?«
Boryana sieht dem Mann direkt ins Gesicht. Seine in aufbrandender Wut verfinsterten Züge verblassen. Sein Blinzeln gerät außer Kontrolle. Er kann ihrem Blick nicht standhalten. Boryana ist sich sicher: Der kennt diesen Typen. Warum verschweigt er das?
»Griethausen. Interessant. Sie sind in … Moment … Rees gemeldet, hier steht's: Dr. med. dent. Wim Dreher, Rees-Haldern. Und du …«. Boryana sieht, derweil sie scrollt, dem Mädchen in die Augen. Als die Kleine ihren Namen samt Anschrift hört, beginnt sie zu flennen.
»Tabea Ingenkamp, Duisburg-Walsum. Auch nicht gerade in der Nähe von Kleve. Also, was soll das ganze Rumgeeiere? Kennt ihr den Kerl? Habt ihr irgendwas Verdächtiges am Rheinufer gesehen?«
Sie hält noch einmal das Foto Schanzes in die Höhe, streckt den Arm aus. Das Bild ist Dreher jetzt ganz nah. Der leckt verkrampft seine Lippen. Und schweigt, um es dann mit Nach-vorne-Verteidigung zu versuchen.
»Ihr impertinentes Auftreten wird Folgen haben. Sie hören von meinem Anwalt. Und wenn Sie nichts Konkretes zu fragen haben, gehen wir jetzt.«
»Anwälte pflastern meine Wege, Dottore.«
Wesel-Diersfordt, Haus Carola
Auf gerade mal einen müden Hinweis bringt es der Fall, als Wiglaf das leerstehende Ausflugslokal Haus Carola erreicht. Nur ein paar hundert Meter vom Fundort der Leiche entfernt, im Vereinsheim der Voerder Schäferhund-Züchter, hat ihm ein alter Schulfreund gesteckt, dass Schanze Geschäfte am Laufen hatte mit dem letzten Wirt der Carola, einem Holländer, eine Art Guru der Sekte Fortune Recovery. Der selbsternannte Heilige dieser polytheistischen Sabbermäuler ist wegen Sexualdelikten, Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Steuerhinterziehung verknackt worden und sitzt ein. Statt aber einen verknackten Kaaskopp für nix und wieder nix im Knast zu besuchen, nimmt Wiglaf sichvor, das alte Restaurant in aller Gemütsruhe zu examinieren. Schließlich wird ein Tatort gesucht. Und die Butze steht leer. Kollegen oder gar einen Durchsuchungsbeschluss – Feinheiten, auf die Ihre Hoheit die Kronprinzessin von Vulgarien sicher bestünde – brauchte ein Terhorst für so was noch nie. Im Zweifel ist Gefahr in Verzug. Er brettert mit Karacho und heruntergelassenen Seitenfenstern bis auf den Parkplatz der Carola.
Es hat sich einiges getan seit seiner letzten Visite. Die tote Kastanie ist abgeholzt, die Außenanlage aufgeräumt. Sein Blick fällt auf den Glaskasten, wo früher die Speisekarte drinhing. Nun gähnt der vor Leere, aber ein Aufkleber findet Terhorsts Interesse. Das, was darauf zu sehen ist, hat er schon mal gesehen. Auf dem Schädel der Wasserleiche. Von Gott weiß woher kommt Sally Oldfields Mandala-Oldie angeflogen und setzt sich als Ohrwurm in Wiglafs Lauschern fest:
Feeheeheeheeheeheel the Mandala …
Er wippt ein wenig mit dem Kopf zum Rhythmus des Songs. Stolpert er gleich über die nächsten Menschenreste? Wiglaf geht auf die Waldgaststätte zu und schaut durch die Fenster. Die kitschige Putten-Armee und der ganze Esoterik-Krempel sind offenbar da gelandet, wo sie hingehören, im Müll. Einer mit Kohle muss sich um die Bude gekümmert haben … Also eher nicht der Tatort. War ja auch nur so ein aus der Luft gegriffener typischer Terhorst-Ansatz. Manchmal hilft krumme Logik. Hier eher nicht. Der Kontakt von Schanze zum Voreigentümer der Bude führt zu nichts.
Terhorst geht zu seinem Scirocco, lässt den Wagen an, dreht das Fenster runter. Die Affenhitze zieht ihn ans Wasser. Wenn er schon am Diersfordter Waldsee ist, kann er da auch mal eben seine Füße reinstecken. Der Gedanke schwirrt noch in seinem Kopf, da dudelt sein Handy den Jailhouse Rock.
Er linst auf das Display. Die KTU? Können die nicht ihre Berichte auf seinen Schreibtisch zu den anderen legen? Die kann er doch auch später nicht lesen.
»Edwin, wat is'?«, motzt Terhorst. »Ich bin am Fahren.«
»Durch die Gegend. Ich weiß. Willste nicht wissen, was es Neues gibt?«
»Hab ich dich angerufen?«
»Wir haben endlich unsere Beine gefunden.«
»Ach, Ihre Durchlaucht Edwin die Nullte haben Ihre Plauze eingezogen und können Ihre Beine jetzt wieder von oben sehen?« Terhorst gluckst.
»Blödmann! Nee, ich mein' die Beine von dem Schanze.«
»Ach, und wo sind die?«
»Auf Halde Lohberg, in dem Windkraftrad.«
»Himmel. Seid ihr noch da? Ich will mir dat ansehen.«
»Ja, wat meinste, warum ich mir hier die Beine in den Bauch steh?«
Terhorst hat es die Laune verhagelt. Füße im kühlen Waldsee: Fehlanzeige. Radio an! Was kommt da wieder für'n Mist raus?! Handschuhfach durchwühlen! Irgendwo hinter den leeren Zigarettenschachteln müssen noch CDs sein … Endlich! Ein Silberling. Was Selbstgebranntes. Die Handschrift einer Verflossenen informiert leicht verblasst, aber lesbar: Mike & Sally Oldfield. Scheiße. Feeheeheeheeheeheel… dröhnt es in seinen Ohren, ohne dass er das Ding eingelegt hätte.
Dinslaken-Lohberg
Wie die Götzen von Rapa Nui am Strand ihrer Insel stehen die Masten des Hünxer Windparks auf der Lohberger Halde. Der Aushub von hundert Jahren Steinkohlebergbau ist längst dicht überwuchert. Ein wahrer Dschungel erstreckt sich vom Bergpark Lohberg hinauf zu den Windrädern. Von Ilhans Flammgrill, Wiglafs bevorzugter türkischer Pommesbude, bis zur Nabe der Anlage, wo Edwin wartet, geht es hundertfünfzig Meter in die Höhe.
Wiglaf kennt die alten Serpentinen, die sein Wagen die Halde hinauf brettern muss, um das älteste der vier Windräder zu erreichen. Da sitzt Edwin im Sand, an den Mast gelehnt, dessen offenstehende Tür ein seltsames Quietschen absondert, obwohl sie sich keinen Millimeter bewegt. Es herrscht Windstille.
»Wie sind die da reingekommen?«
»Durch die Tür, nachdem die sie aufgebrochen haben.«
»Ach, watte nich sachs«, schnaubt Wiglaf. »Da kann jeder Depp mit 'ner Brechstange rein und die Energieversorgung der Republik lahmlegen?«
»Die Republik hängt doch nicht an einem Windrad, Wiggi.«
»Bisse sicher?«
»Ja, außerdem haben die so mobile Videoüberwachungssysteme. Die Aufnahmen der letzten zwei Tage haben wir angefordert. Mehr brauchen wir nicht, weil vorgestern die Techniker für Wartungsarbeiten da waren. Da war noch alles im Lack.«
Terhorst inspiziert den Fundort. Auf der Tür prangt ein Aufkleber, der wie das Tattoo auf dem Kopf von Schanze aussieht.
»Auch dat noch.«
Dann fällt sein Blick auf die Markierungen der Spurensicherung.
»Hier haben sie den aber nicht zerlegt.«
»Nee, zu wenig Blut.«
»Wo sind die Haxen? Schon beim Leichenfledderer?«
Edwin nickt.
»Hömma, dat kann nur noch Gammelfleisch gewesen sein, oder? Der Schanze war doch schon irgendwas zwischen acht und zehn Tagen tot.«
»Nee, die waren wohl irgendwie tiefgekühlt gelagert worden. Näheres der Obduktionsbericht.«
»Zwischen Lasagne und Langnese. Lecker!«
»Sonst noch was an Spuren? Fingerabdrücke, Fasern, falsche Zähne?«
»Viele Spuren. Bis aufs letzte Hautschüppchen gesichert.«
»Und wieso ruft mich die KTU an, wenn alles schon gelaufen ist? Warum sagt mir die Vulgarierin dat nich' pronto?«
»Die hat dich pausenlos angerufen. Aber du gehst ja nicht ran. Auf deinem Handy müssen mindestens zehn Anrufe in Abwesenheit sein.«
»Au Backe! Bläst die sich gleich wieder auf. Sach ma, wat in aller Welt hat euch hierhin geführt?«
»Guck dir das Video hier mal an.«
Wiglaf beäugt Edwins Smartphone, das die zuckenden Sohlen eines Paars Schuhe zeigt. Ein Schwenk, die Schnürsenkel rücken ins Bild, dann das ganze Schuhpaar mit herausragenden Socken. Musik erklingt, Nancy Sinatra singt These Boots Are Made For Walkinʹ. Die Zähne einer Sägekette fliegen vorüber, Maschinenlärm übertönt die Musik, aber noch immer versteht man den Gesang.
Aus der Vogelperspektive ist ein Mann zu sehen, Hände und Knöchel fixiert, liegend auf einem … Brett? Terhorst denkt eher an eine Werkbank. Edwin mutmaßt, es handele sich um einen alten Küchentisch. In der nächsten Einstellung brechen die Gedankenflüsse der beiden Männer ab. Rolf Schanzes Gesichtszüge sind eindeutig in einer Nahaufnahme zu erkennen. Er scheint bewusstlos zu sein. Das nächste Bild zeigt, wie sich die bezahnten Kettenglieder … Terhorst schließt die Augen. Im Off dröhnt der Sechziger-Jahre-Ohrwurm noch lauter:
These Boots Are Made For Walkinʹ …
Schnitt. Bein Nummer zwei ist an der Reihe. Terhorst schließt die Augen nicht rechtzeitig. Noch einmal der Refrain:
These Boots Are Made For Walkinʹ …
Freeze. Das Rot des Sägeblatts, die hohnlächelnden Masken der zwei Gestalten werden in die Augen des Zuschauers gebrannt. Beide Täter tragen Guy-Fawkes-Masken, auffällige Exemplare, weil – ein Blinder kann das erkennen, denkt sich Terhorst – selbstgemacht. Plumpe DIY-Produkte, handbemalt, wahrscheinlich aus Pappmaché. Terhorsts Gedächtnis lässt in einem Schnelldurchlauf eine kurze Sequenz aus dem Film »V wie Vendetta« aufblitzen.
Die Musik im Clip setzt aus. Eine computergenerierte Stimme spricht:
Wir haben nichts Unrechtes getan, nur etwas, das täglich -zigtausendfach passiert: Wir haben ein Schwein geschlachtet. Ein schwules, nichtsnutziges Schwein, dessen Existenz eine Beleidigung für einen gesunden Volkskörper ist.
Wir befreien unsere Oppida! Wir reinigen unsere Heimat! Wir entfernen das Minderwertige aus dem Volkskörper. Befreien ihn von Schmarotzern und Defekten.
Schritt für Schritt, aber ohne Unterlass. Denn die wahren Hexen sind noch nicht verbrannt.
Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.
Es gibt einen Abspann, worin sich kein Name findet, nur ein Hinweis:
Ihr findet die Boots, wo die Musik spielt. 51°35ʹ01.84″N, 6°45'57.30″E.
Es braucht zwei, drei Zigaretten pro Mann, bis Edwin und Wiglaf wieder sprechen können.
»Boah, dat zieht mir die Schuhe aus, obwohl ich et ja schon kenne.« Erwin tritt die Fluppe aus.
»Wo kam das Video denn an? Bei uns oder bei der Presse? Tobt schon das mediale Chaos?«
»Das Video war an Boryana adressiert. Es kam in ihrem privaten WhatsApp-Kanal an«, sucht Edwin mit ein paar Worten wieder zurück in die Fallroutine.
»Bitte?!«
»Wenn ich et doch sage! Übrigens führten die GPS-Koordinaten am Ende von diesem Horrorclip nur bis zum roten Hasen, aber von da aus war der Song wieder zu hören.«
Ob das etwas zu bedeuten hatte? Der rote Hase ist das Kunstwerk eines Bildhauers, aufgestellt im Schatten der alten Lohberger Kohlenmischhalle, die Leute im Dorf finden es schreiend-hässlich. Als hier noch richtig malocht wurde, waren das ganze Gelände und der Ort voller Dreck. Da wohnte Wiglaf unterm Dach, Hauerstraße, beim Klofenster unter der Schräge stand ein Gummibaum, dessen Blätter mussten alle drei Tage von schwarzgrauem Staub befreit werden. Die Zechenhäuser aus der Kaiserzeit begann man damals zu renovieren, sie stanken nach Ruß und nassen Socken, die Fassaden der Schulen und Kirchen erzählten Geschichten aus der Zeit, als die Rote Ruhrarmee hier zu Hause war. Lohberg schien dem Untergang geweiht, es war abgrundtief hässlich. Aber, so sagen die Lohberger, es war längst nicht so hässlich wie der mannsgroße rote Hase, den die Stadt Dinslaken im Bergpark Lohberg aufgestellt hat, ohne sich zu fragen, ob das blöde Ding mit dem Ort, seiner Geschichte oder seinen Bürgern irgendwas zu tun haben könnte.
»Und die lassen uns erst bei Meister Lampe mit Elefantenmann-Syndrom antanzen? Dat hat doch wat zu sagen.«
»Ach, wat weiß denn ich?! Jedenfalls dröhnte der Song These Boots Are Made For Walkinʹ von der Halde runter«, unterbricht Edwin Terhorsts Gedanken. »Hinter der Tür hier stand ein verbeulter alter Aktiv-Lautsprecher. Hat die Spurensicherung eingesackt.«
»Aber wieso haben die Täter die Beine hier oben postiert? Und wieso gehen die so brutal vor? Warum der Film? Und warum exklusiv an Boryana? Sachma, wie hat die Kollegin eigentlich darauf reagiert?«
»Verstört natürlich. So ein Bekenner-Video hat man ja eher selten. Und schon gar nicht im Privatbriefkasten. Ach ja, sie hatte noch 'ne zweite anonyme Nachricht in ihrer WhatsApp. Darin stand: Die wahren Hexen sind noch nicht verbrannt.«
»Charmant. Jetzt hat die Schiss inne Bux, mh?!«
»Nicht, dass man was davon gemerkt hätte.«
»O, hat Madame das zähe Luder gegeben. Hat Schmitz-Backes sich schon aufgeplustert?«
»Der hat was von Öffentlichkeit geblubbert. Und dass die ihm wieder im Nacken säß'.«
»Die Öffentlichkeit?! Wenn ich dat schon hör'. Welche meint der denn? Die öffentlich-rechtliche, die in den Qualitätsmedien oder die Parallelöffentlichkeiten im Netz?«
»Frach mich ma.«
6. Juni
Polizeipräsidium Duisburg
Boryana Zhelyazkova wartet auf ihr Smartphone, das von der KTU ausgewertet wird. Nach kurzem unruhigem Schlaf versucht sie, den grauenhaften Kurzfilm für die nächsten Stunden zu vergessen, sich um einfachere Dinge kümmern zu können: um allzu schlicht gestrickte kleine Mädchen, die nichts lieber tun als für die Aussicht auf teure Klamotten und Hochpreis-Handys sexsüchtigen alten Säcken auf den Leim zu gehen.
Wie Wim Dreher und Tabea Ingenkamp sich kennenlernten, hat Boryana längst ermittelt. In einem Flirtforum suchen junge dumme Gänse wandelnde Panzerschränke wie den schmierigen Zahnarzt aus Rees. Boryana hätte Lust, sich sofort als Schantall oder Dana Döfchen in diesem Kuppelclübchen anzumelden, um so einen notgeilen Deckhengst zu treffen – mit der Einbruchramme mitten ins Gemächt! Blöderweise brächte sie das in ihrem Mordfall nicht weiter. Die Spur, stellt Boryana nüchtern fest, führt ins Leere: Dr. med. dent. Dreher ist ein absolut knastbedürftiger Jungfernschänder, der sich aber eben nur mit Exkavatoren und Abformlöffeln auskennt, jedoch wahrscheinlich keine Kettensäge bedienen kann. Der kennt zwar den Schanze, aber Dreher war so sehr mit seinem Girlie beschäftigt, warum sollte der nebenher Hundeplatzbesitzer zersägen? Eifersucht scheidet ja wohl aus, resümiert Boryana. Schanze hätte die Kleine nicht angebaggert. Der war schwul.
Klar, sie wird ihm noch weiter auf seine eigenen Zähne fühlen müssen, diesem Dreher. Aber die Spur ist so dünn wie ein Rotzfaden aus der Nase bei Tempo-Mangel.
Unter den Followern von Schanze bietet auch niemand so viel Angriffsfläche, dass man deshalb gleich noch eine SOKO bilden müsste … Mit wem auch? Stichworte: Krankenstand. Fachkräftemangel.
Wer ist so kaltblütig, eine Kettensäge durch menschliches Fleisch zu treiben? Ihre Gedanken reißen ab.
Die wahren Hexen sind noch nicht verbrannt, steht wieder wie eingemeißelt hinter ihrer Stirn geschrieben. Boryana steht vor einem Rätsel. Sie fühlt sich von den Worten gefesselt und geknebelt. Terhorst würde sie, sähe er sie in dieser Verfassung, sofort nach Hause schicken. Will sie das mit sich machen lassen? Never ever!
Er würde hier sicher gleich aufschlagen und seine Altherren-Witze auf ihre Kosten machen. Dieser blöde alte weiße Mann mit seinem Oberlehrergesülze. Dauernd quasselt er irgendeinen Kram, nach dem sie nie fragt.
Wenn man vom Teufel spricht …
Die Bürotür schlägt scheppernd gegen ein Metallregal, worin Altakten verstauben. Cold Cases. Terhorst zieht das Knie an, wehrt die zurückschlagende Tür ab und steht dann im Türrahmen.
»Good news«, brummt der Chef, »Du arbeitest ab sofort hundertprozentig gender-gerecht.«
Boryana hat keine Ahnung, was er ihr damit sagen will.
»Hä?«
»Innendienst.«
Der Groschen fällt tief, sehr tief, doch Boryana kann sein Aufschlagen nicht hören, da Wiglaf nach kurzer Atempause weiter ausführt:
»Kommt überhaupt nicht in die Tüte, dass du da draußen diesen Nancy-Sinatra-Fans in den Scheiterhaufen läufst. Zu viel Papierkram. Bis wir die Kettensägen-Monster haben, stell' ich dir abends 'ne Streife vor die Tür. Die rühren sich erst von der Stelle, wenn du wieder in dein Auto steigst. Und dann eskortieren die dich hierher bis an den Schreibtisch. So, weisse Bescheid!«
Jetzt mimt der den fürsorglichen Vorgesetzten, damit sie ihm draußen nicht ins lahme Handwerk pfuscht. So wird das nicht laufen.
»An Widerrede brauchste nicht mal denken. Dat is' verdammt ernst zu nehmen«, ereifert Terhorst sich weiter, »Wat kommt im nächsten Video? Disco-Inferno? Burn Baby Burn? Und du gehst dazu Travolta-mäßig in Flammen auf? So wat will ich nich' sehen!«
Travolta? Boryana fragt sich, wie alt Wiglaf wirklich ist.
»Haste wenigstens gemerkt habe, dass Edwin und ich im Wechsel die ganze Nacht vor deiner Haustür Wache geschoben haben? Ach so, hier haste dein Zweithirn wieder. Edwins Truppe, also das, was davon übrig ist, hat Tempo gemacht. Kannste wieder benutzen. Kein Trojaner, Spyware oder wie das heißt.« Terhorst wirft das Handy auf einen Stapel Papier und redet weiter auf Boryana ein … Dass er das alles ja nicht veranstalte, um sie zu schikanieren … et cetera, et cetera …
Eins kommt bei ihr an. Der ist echt entschlossen, auf sie aufzupassen. Fühlt sich strange an.
»Gut, Wiglaf, ich sag dir, wo mein Innendienst stattfinden wird. In deinem Auto. Und ich steig immer nur mit dir zusammen ein und aus!«
Terhorst schaut seine schutzbefohlene Untergebene sparsam an.
Noch bevor er erwidern kann, fliegt die Tür gegen das Metallregal und federt zurück, genau vor die Nase des Kriminaldirektors Schmitz-Backes, der hereinzuplatzen versucht.
»Verdöllt noch eins! Ist das immer noch nicht gemacht? Da sollte doch so ʹn Dingens eingebaut werden.«
Boryana begafft den blutenden Rüssel des Kriminaldirektors, sie reicht Schmitz-Backes ein Kleenex. Wiglaf grinst.
»Das Lachen wird Ihnen gleich vergehen, Terhorst.«
»Ich lach doch gar nich'.«
»Tacheles, Sie ermitteln ab sofort nur noch zu zweit! Kein Schritt mehr ohne Ihre Kollegin! Sie haften persönlich für deren Sicherheit! Und Sonntagsausflüge in Ihrer babyblauen Kirmesrakete hab ich dicke. Sie nehmen ein Zivilfahrzeug aus dem Fuhrpark, das mit allem Schnick und Schnack ausgerüstet ist. Ihre Scheese weiß ja noch nicht mal, wie man GPS buchstabiert.«
»Von diesen Schnick- und Schnack-Kisten hatten wir mal drei«, erwidert Wiglaf kühl, »eins ist in der Werkstatt, zwei hat der Innenminister nach der letzten Landtagswahl eingespart.«
Schmitz-Backes ist unbeeindruckt:
»Sie beide melden sich ab sofort immer an und ab, auch wenn Sie nur zu einem Dixi-Klo fahren, falls hier wieder der Abfluss verstopft ist. Zu Einsätzen nur noch mit Verstärkung. Haben wir uns verstanden, Terhorst?«
Der KHK würdigt seinen Vorgesetzten keines Blickes.
»Und Sie, Frau Zhelyazkova …«
Boryana sieht den Chef misstrauisch an.
»Sie kriegen bis auf Weiteres nach Dienstschluss eine Zivilstreife vor Ihre Haustür.«
»Boah, jetzt zieh mal den Stöpsel! Dat hab ich doch längst veranlasst«, unterbricht Terhorst den Kriminaldirektor.
»Gut«, seufzt Schmitz-Backes. »Und so lange dieses Dingens hier noch nicht montiert ist, hängen Sie gefälligst eine Warntafel vor die Tür!«
»Wo muss ich die Antragsformulare dafür beantragen?«, fragt Terhorst staubtrocken.
»Nicht komisch!«, zischt Schmitz-Backes.
Der baut sich vor Terhorst auf wie ein Duellant in einem B-Western gegenüber, da klingelt das Telefon. Boryana nimmt den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung ist Karl-Heinz von der Zentrale. Er gähnt schmatzend in den Hörer.
»Noch 'n Toter für euch.«
»Was? Ich stell' mal auf laut. Dann kann Terhorst mithören.«
»In Kleve … unter dieser alten … Eisenbahnbrücke ist der … Dreher gefunden worden«, nuschelt Karl-Heinz in die Leitung.
»Der wer?«
»Der … Zahnarzt … den … du hops genomm' has', der mit dat junge … Hühnchen. Und dem fehlt auch wat … also … 'n … ähm …«
»Verdammt, Karl-Heinz, schluck endlich die Milchschnitte runter!«
»… 'n Körperteil, genau! 'n Körperteil, wollte ich sagen.«
»Vermutlich nich' der Kopp?«
»Nee, der is' noch dran … Abgleich mit Foto … war kein Problem für die Kollegen. Und … Da is' auch wieder … so 'n… Aufkleber…«
»Aufkleber?«
»Ja, so'n … Mantradings, so'n … keine Ahnung … wie sacht man da noch, samma …?«
»Mandala.«
»Genau.«
Boryana läuft es heiß und kalt den Rücken runter.
»Wiglaf, wir müssen los!«
»Und wo is' unser Dienstwagen mit Dschipie-Ess, Panzerung und Raketenwerfern?«
»Nehmen Sie halt vorläufig Ihre Schrottlaube.«
Beide lassen Schmitz-Backes stehen und rauschen an Karl-Heinz von der Zentrale vorbei, der seit seinem Unfall als junger Polizist keine echten Verbrecher mehr fängt, sondern very oldschool Pac-Man spielt und blaue Gespenster quer durchs Labyrinth jagt, wenn er genug Kraftpillen gefressen hat.
Kleve-Griethausen (Niederrhein)
Die Eisenkonstruktion der Hauptbrücke, unter der jetzt die Dentisten-Leiche liegt, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts hergestellt aus Schmiedeeisen, das nicht rostet.
Terhorst mustert beinahe liebevoll die Brückenpfeiler.
»Wat die früher alles aus Eisen gemacht haben … Heute gießen die grünen Stahl, daraus lassen sich nur noch Lastenfahrräder für Öko-Minister machen oder Bohrer für tote Zahnärzte,« sagt er zu Boryana, die aber schon längst die Leiche betrachtet.
Dr. Dreher liegt da, als wollte er Charon für die Überfahrt nach Schenkenschanz bezahlen: sein rechter Arm ausgestreckt, Daumen und Zeigefinger angewinkelt. Es könnte eine Zwei-Euro-Münze dazwischen passen, falls das inflationsbedingt noch reichen sollte. Seine Hosen fehlen. Das, was mal drin war, auch, ansonsten ist er vollständig anzutreffen, von seinen Lebensgeistern abgesehen.
»Mein lieber Herr Gesangverein«, knurrt Terhorst, »dat is' bestimmt der einsamste Platz am ganzen Niederrhein. Warum schneidet man dem die Familienplanung ab und legt ihn dann in dieses Outback? Der Tatort kann hier nicht sein. Zu wenig Blut.«
Ohne weiter hinzusehen, wirft Terhorst den zwei weißen Ganzkörpertüten von der Gerichtsmedizin die Frage zu und wendet sich ab: »Ist der an den Folgen der Kastration verblutet oder hat jemand nachgeholfen?«
»Könnte vorher erwürgt worden sein.«
Eine Frauenstimme in seinem Rücken irritiert Terhorst. Er dreht sich um und blickt in das hübsche mandeläugige Gesicht einer jungen Frau in einem weißen Overall.
»Wo ist denn unser Vincent Price?«
»Sie meinen Frieborn?«, sagt die Schöne. »Haha, dem ist das Seminar gestern Nachmittag nicht bekommen. Hat sich von Kollegen Sangria als Fruchtsaft unterjubeln lassen, ist ausgetickert, weil er Alkohol nicht verträgt und hat sich anschließend noch mit der Polizei angelegt, als die ihn wegen Ruhestörung bändigen wollten. Den sehen wir erst mal nicht wieder«.
So lernt Terhorst die Gerichtsmedizinerin Dr. Lea-Châu Huỳnh kennen. Stante pede kann er sie nicht als Ärztin, nur als Frau ansehen. Wäre es nach Jana gegangen, hätte er vielleicht das gleiche Ende genommen wie der Zahnarzt. Seiner Ex war so ziemlich alles zuzutrauen. Was musste er auch eine fünfzehn Jahre Jüngere heiraten?! Er würde sich am liebsten sofort wieder umdrehen, um sich einreden zu können, die wunderschöne Dr. Huỳnh sei nur eine Fata Morgana vom Deich, eine niederrheinische Banshee, irgendwas von dieser Kategorie, aber – zu spät. Er steht – elf Jahre solo fordern ihren Tribut – schon jetzt so in Flammen, dass er den Kümos vor Rotterdam als Leuchtfeuer dienen könnte. Er drückt mit puddingweichen Knien seine Hand in ihre. Jetzt nur nicht das Pokerface verlieren!
»Da dürfte ein Strick im Spiel gewesen sein«, lächelt Dr. Huỳnh, »ich tippe auf Erhängen. Mal sehen, was der mir erzählt, wenn ich den auf dem Tisch hab. Er wurde vor … na, sagen wir zehn, zwölf Stunden gehimmelt. So gegen drei, vier Uhr wahrscheinlich. Das Vergnügungszentrum hat man dem Opfer vermutlich nachträglich entfernt. Wenn Sie mich fragen: phantasieloser Killer. Wenn ich schon 'n Zahnarzt in meiner Gewalt habe, zieh' ich dem doch erst mal ohne Betäubung die Zähne, finden Sie nicht?«
Terhorst denkt, dass seine amourösen Gefühle jetzt so schnell verschwinden sollten, wie sie gekommen sind. Aber nein, diese wundervolle, über alle Maßen betörende Frau hat gar nichts über Zähne gesagt, ganz sicher, sie sagte:
»Embrasse-moi, mon cœur!«
»Ga… Gab …«, hört sich Wiglaf stottern, »Gab es … sonst noch was … ähm … Auffälliges?«
»Das hier! Der Tote lag darauf«, mischt sich Boryana ein. Sie hält Wiglaf ein Stück Blech von rückwärts vor die Augen. Ein Kfz-Kennzeichen. WES-RS 1234. Wiglaf nimmt Boryanas Stimme wie ein störendes Krächzen wahr, wo doch tief in seinen Cerebralien der selige Freddie Mercury im Falsett You take my breath away singt.
»Ich mach mal 'ne Halterabfrage«, sagt Boryana, die viel zu vertieft in ihre Arbeit ist, um Wiglafs seltsame Wandlung zu bemerken. »Jaja«, murmelt dieser, während Freddie in seinem Kopf weiter singt.
7. Juni
Isselburg (Niederrhein)
»Was soll das denn werden?!«
Alexander beobachtet, wie Marcel - stoned wie Witthüser und Westrup auf dem Polterabend von Bob Marley - kleine Zettel zerreißt und in das Feuer wirft, das er am Ufer der Issel entzündet hat. Nach einer Rundfahrt durch Nijmegen und Arnhem sind sie zurück im deutschen Teil der niederrheinischen Tiefebene. Wieder ist der Tank des geklauten Wagens fast leer. Das jüngst erworbene Haschisch reicht vielleicht noch aus, um zweimal den selbst gebauten Bong zu füllen, eine Konstruktion aus alten Staubsaugerteilen und dem Schlauch einer Shisha. Essbares ist kaum noch vorhanden. Sein Vater hat ihm schon vor Monaten die Kreditkarten sperren lassen.
»Also, was machst du da?«, fasst Alexander nach.
»Ich verbrenn gerade die Papiere.«
»Was für Papiere?«
---ENDE DER LESEPROBE---