Pech für den Puppenspieler - Robert Berg - E-Book

Pech für den Puppenspieler E-Book

Robert Berg

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Beschreibung

Ausgerechnet jetzt muss Tom bei einem mysteriösen Unfall sterben. Endlich stand er mit seinen Schaufenster-Skulpturen vor dem lang erhofften Durchbruch als Künstler. Außerdem ist er gerade Vater geworden. Toms alter Freund Ed ist geschockt, er möchte Toms Freundin Nele und seinem kleinen Sohn helfen und stößt dabei auf immer neue Merkwürdigkeiten im Zusammenhang mit Toms Tod. Also beginnt er, nachzuforschen. Seine Ermittlungen bringen nicht nur einen Mörder zur Strecke, sondern lassen auch den Berliner Stadtteil Schöneberg lebendig werden, der voller historisch und popgeschichtlich bedeutender Orte ist.

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalte

Titelangaben

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Robert Berg
Pech für den Puppenspieler
Berlin-Schöneberg-Krimi
Prolibris Verlag
Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden. Auch die Figuren entstammen der Phantasie des Autors. Darum sind eventuelle Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen zufällig und nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten,
auch die des auszugsweisen Nachdrucks
und der fotomechanischen Wiedergabe
sowie der Einspeicherung und Verarbeitung
in elektronischen Systemen.
© Prolibris Verlag Rolf Wagner, Kassel, 2017
Tel.: 0561/766 449 0, Fax: 0561/766 449 29
Titelfoto: © Günter Rolf, Rietberg
E-Book: Prolibris Verlag
ISBN E-Book: 978-3-95475-160-0
Dieses Buch ist auch als Printausgabe im Buchhandel erhältlich.
ISBN: 978-3-95475-146-4
www.prolibris-verlag.de
Für meine Frau,
mit großem Dank für ihre Unterstützung
Kapitel 1
Das Hämmern der Schlagbohrmaschine schmiss mich um zwei Uhr von der Couch, und nur dadurch wurde ich in die Geschichte verwickelt. Hätte der Nachbar früher losgelegt, ich wäre, von dem Lärm genervt, längst aus der Wohnung geflüchtet und hätte den Besucher verpasst. Wäre der Heimwerker aber erst um drei zur Tat geschritten, hätte ich das Klopfen an der Tür gar nicht gehört, sondern weiter ungestört den Klängen aus meinem Kopfhörer gelauscht.
Aber so wie die Dinge lagen, begann das Bohren um zwei. Vielen Dank, lieber Nachbar!
Es lief gerade »Somebody To Love« von Jefferson Airplane. Den Song hatte mein Vater gespielt, als ich ihn bei seiner damaligen Freundin Karo besuchte. Da war ich sieben.
Wir saßen in der Küche ihrer WG in der Potsdamer Straße, und Karo weinte. Dann gingen mein Vater und ich zur Gleiswildnis, dem Ödland zwischen Schöneberg und Kreuzberg mit seinen überwucherten Gleisen. Zwar war das Betreten verboten, aber der Zaun war alt und voller Löcher.
Ich fragte meinen Vater, warum Karo geweint hatte, und er sagte, das könne ich nicht verstehen, weil ich zu klein sei. Dann baute er mir einen Flitzebogen.
Zwei Wochen danach war er aus Berlin verschwunden, und es vergingen einige Geburtstage, bis ich wieder von ihm hörte. Damals wusste ich nicht, was ich davon halten sollte. Ich weiß es heute noch nicht. Und welchen Grund könnte es geben, über dreißig Jahre später noch darüber nachzudenken? Das hatte Katja mich auch oft gefragt. »Warum denkst du über Kram nach, der lange vorbei ist?« Immer wieder wollte sie das von mir wissen.
Aber nun war Katja selbst lange vorbei.
In diese Erinnerung bohrte sich mein Nachbar mit Maschinengewalt. Die Bohrmaschine ging los, genau an der Wand, an der ich lag und brachte mich zurück in die Gegenwart, ins Jahr 2012. Das war ein Schock. Noch bevor mein Verstand so richtig durchschaut hatte, was da passierte, war ich von der Couch gesprungen, um von dem Lärm wegzukommen, so weit wie möglich. Aber sogar in der Küche, am anderen Ende der Wohnung, war es zu laut. Unschlüssig stand ich dort und überlegte, wie ich auf die Situation reagieren sollte. Ich setzte Wasser für Tee auf, da klopfte es an der Tür.
Unangemeldeter Besuch ist nicht immer lieber Besuch. Deshalb warf ich erst mal einen vorsichtigen Blick durch den Türspion. Als illegaler Untermieter muss man jederzeit darauf gefasst sein, dass plötzlich jemand von der Hausverwaltung vor der Tür steht. Wo ist der Hauptmieter dieser Wohnung? Oder: Sie sind doch gar nicht hier gemeldet. Wer sind Sie eigentlich? Und vergleichbar heikle Fragen kann und will ich nicht beantworten.
Das war auch gar nicht nötig, denn vor der Tür stand Tom. Ich hatte lange nichts von ihm gehört. Wahrscheinlich hing das damit zusammen, dass er mir eine ganze Menge Geld schuldete. Wie auch vielen von unseren gemeinsamen Freunden.
Warum war er nun da? War sein Konto wieder einmal leer, und er wollte mich erneut anpumpen? Möglicherweise wäre es doch besser, nicht aufzumachen. Andererseits war er einer meiner besten Freunde. Wir kannten uns schon, seitdem wir Babys waren; Toms und meine Mutter hatten zusammen in einer WG gelebt. Also öffnete ich.
Tom strahlte mich an und rief: »Ed, alter Fischkopp! Wie geht es?« Er boxte mir gegen den Arm. Ich bin zwar in Berlin geboren, habe aber von meinem zweiten bis zu meinem sechsten Lebensjahr in Kiel gewohnt. Deshalb tun einige meiner Kumpel trotzdem so, als wäre ich kein Berliner.
Ich boxte zurück und antwortete: »Mensch Tom, wie kann es sein, dass ein gebürtiger Bülowstraßler in deinem Alter immer noch nicht im Knast sitzt?«
»Ich hatte halt Glück«, meinte Tom. Und wir beide wussten, dass das kein Spruch war. In der Stadt groß zu werden, ist manchmal schwierig, und manche unserer Kinderbuddys waren dabei vom rechten Weg abgekommen.
Der Wasserkessel pfiff, und ich winkte Tom rein. Er setzte sich an den Küchentisch, und ich goss heißes Wasser in die Teekanne.
»Hast du Hunger?«, fragte ich und öffnete den Kühlschrank.
Das Leben eines Barkeepers ist gelegentlich unberechenbar. Man besucht nach Feierabend noch Kollegen in einer anderen Bar, übernachtet dann irgendwo und geht eventuell am nächsten Abend direkt zur Arbeit. Manchmal bin ich längere Zeit gar nicht oder nur zum Wechseln meiner Klamotten zu Hause und es ist mir nicht einmal bewusst. Der Zustand meines Kühlschrankes deutete darauf hin, dass es mir anscheinend gerade so ergangen sein musste. Er war leer, bis auf eine halbe Scheibe Toast und einen Litereimer Joghurt. Offenbar hatte ich schon länger nicht mehr hier gegessen.
Ich überlegte, wie ich die Essenseinladung möglichst elegant zurücknehmen konnte, und drehte mich zu Tom um. Mein Blick fiel auf einen Stapel 50-Euro-Scheine auf dem Küchentisch.
Tom grinste und sagte: »Eigentlich wollte ich dich zum Essen einladen. Wie wäre es mit asiatisch?«
Ich wohne in der Erdmannstraße, nahe dem Kleistpark in Berlin-Schöneberg. Von dort sind es zu Fuß bis zur Akazienstraße oder der Goltzstraße mit ihren vielen Restaurants fünf bis zehn Minuten, je nachdem, wie eilig man es hat. Zum Supermarkt gehen, einkaufen, zurückgehen und kochen dauert länger. Und mein leerer Magen verlangte danach, ihn unverzüglich mit Essen zu füllen. Also zog ich mich kurz ausgehfertig an, während Tom noch schnell auf der Toilette verschwand.
Zwar wäre es übertrieben gewesen, zu sagen, dass ich gerade dringend eine Finanzspritze benötigte, aber mein Konto war auch nicht satt im Plus. Deshalb freute ich mich über diese Rückzahlung, zumal ich die Kohle eigentlich schon längst abgeschrieben hatte. Doch als wir so zusammen die Grunewaldstraße runtergingen, beschlichen mich Zweifel. Wieso hatte Tom plötzlich so viel Geld? Hatte er es sich eventuell auf krummen Wegen verschafft? Falls ja: Machte man sich strafbar, wenn man es annahm, ohne nachzufragen, woher es kam? Ich beschloss, es zu lassen und dass Nichtwissen vor Gericht wahrscheinlich die beste Verteidigung war. Aber meine Neugierde machte diese Strategie zunichte. Beim Asiaten angekommen rutschte mir zwischen zwei Bissen Huhn mit Reis doch die gefährliche Frage raus: »Sag mal, woher hast du eigentlich so viel Geld?«
Tom grinste. »Du wirst es nicht glauben. Ich hatte eine Ausstellung in Sankt Petersburg, und die neureichen Russen waren verrückt nach meinen Skulpturen. Drei habe ich verkauft, und wahrscheinlich werde ich noch mehr los.«
Diese Antwort überraschte mich. »Deine Schaufensterpuppen?«, fragte ich.
Toms Gesichtszüge verzerrten sich. »Nenn sie nicht Schaufensterpuppen!«, schrie er und sprang auf. »Es sind Skulpturen.«
Die anderen Gäste sahen uns an.
Aber die Skulpturen waren eigentlich Schaufensterpuppen. Tom kaufte sie billig auf, wenn Läden sie ausmusterten oder pleitegingen. Dann veränderte er sie. Er setzte ihnen Perücken auf und bearbeitete die Gesichtszüge mit Plastilin und Schminke. Sie bekamen neue Kleidung und Requisiten, wie zum Beispiel Werkzeug. So schaffte er es, die Puppen zu Ebenbildern tatsächlich existierender Menschen zu machen. Dabei reichte die Palette von Berühmtheiten über Freunde und Bekannte bis hin zu Personen, die er mal in der U-Bahn gesehen hatte. Immer war die Ähnlichkeit wirklich verblüffend, nur war es ihm bisher nie gelungen, die Skulpturen zu einem halbwegs anständigen Preis zu verkaufen. Meistens sagten die Leute: »Das ist ja ganz lustig, aber ist es Kunst?«
Allerdings frage ich mich bei moderner Kunst oft, ob sie vielleicht gar nicht im Werk selbst liegt, sondern darin, es erfolgreich als Kunst anzupreisen. Und wenn Tom wollte, dass man die Puppen Skulpturen nannte, konnte ich ihm den Gefallen gerne tun, zumal er mich gerade zum Essen eingeladen hatte.
»Tut mir leid«, sagte ich und versuchte, dabei so überzeugend wie möglich zu klingen. »Ich habe mich versprochen. Deine Skulpturen natürlich.«
Tom setzte sich wieder hin. Langsam entspannte sich sein Gesicht. Er nahm einen Schluck Wasser, schob sich einen Löffel Reis in den Mund und sprach kauend weiter.
»Passt natürlich super, dass ich gerade jetzt was verkauft habe. Wegen dem Kleinen und so.«
»Welchem Kleinen?«, fragte ich.
Tom ließ die Gabel sinken. »Haben wir uns so lange nicht gesehen? Nele und ich haben ein Baby.«
Ich hatte mir gerade eine Gabel Fleisch genommen, es blieb mir im Hals stecken, ich verschluckte mich und fing an zu husten. Es dauerte eine Weile, bis es mir möglich war, ein »Herzlichen Glückwunsch« rauszuquetschen.
Toms Sohn hieß David und war fünf Wochen alt. Ich erstarrte vor Ehrfurcht. Katja und ich hatten zwar theoretisch auch Kinder haben wollen, aber wir waren unserem Gefühl nach immer zu jung dafür gewesen, bis es dann zu spät war. Dass Tom und Nele sich das mit einundvierzig und vierzig Jahren noch getraut hatten, quasi in letzter Sekunde war toll.
Wir saßen fast zwei Stunden im Restaurant, während mir Tom von den Freuden, ein Vater zu sein, und von Sankt Petersburg erzählte. Dann gingen wir in eine Kneipe und flipperten. Es war ein guter Start in den Nachmittag, leider musste ich irgendwann zum Mädchenzimmer, so heißt die Bar, in der ich arbeite. Deshalb trennten sich unsere Wege. Als ich später in einer Pause auf meinem Smartphone Toms Mail las, dass es ein wunderbarer Tag gewesen sei, so schön wie die Sommertage 1994, war ich geneigt, ihm zuzustimmen, auch wenn ich mich nicht mehr so genau an diese speziellen Tage erinnern konnte.
Kapitel 2
Ein paar Tage später kam ich morgens um halb sieben todmüde von der Arbeit. Ich fing an, mich auszuziehen und überlegte, ob ich noch Zähne putzen sollte. Aber dazu fehlte mir die Kraft. Meine ganzen verbliebenen Reserven brauchte ich, um die Leiter zum Hochbett zu schaffen. Oben fiel mir auf, dass ich mit Hose im Bett lag. Da meine Augen sich trotz aller Anstrengung nach maximal anderthalb Sekunden immer wieder von selbst schlossen, behielt ich die Hose an und die Augen zu.
Als ich gerade ernsthaft eingeschlafen war, klingelte das Handy. Ich griff nach dem Wecker, um die Zeit zu überprüfen. In meinem Matschkopf war ich mir zunächst nicht sicher, ob ich jetzt wirklich gerade erst entschlummert war oder vielleicht doch schon einige Stunden geschlafen hatte, denn normalerweise rief mich niemand so früh am Morgen an. Falls es noch vor zehn war, konnte es ruhig weiterklingeln. Aber ich bekam den Wecker nicht richtig zu fassen, und er fiel mir vom Hochbett. Leise fluchend wollte ich auf die Leiter steigen, verfehlte sie jedoch um fast einen Meter und wäre um ein Haar selbst hinuntergefallen. So langsam war es wirklich Zeit, mal ein Geländer anzubringen.
Endlich wohlbehalten unten angekommen, fand ich das Handy nach einigem Suchen in der Tasche meiner Jacke und nahm ab. Das »Ja?«, das ich hineinsprach, kann nicht sehr freundlich geklungen haben.
»Hier ist Volkan«, hörte ich eine mir bekannt vorkommende Stimme sagen. »Bist du das, Ed?«
Mein Gehirn fühlte sich an wie ein schmerzender Fremdkörper, der zu groß war für meinen Kopf, und meine Beine drohten, unter mir wegzuknicken. »Volkan«, wiederholte ich, während ich mich an der Türklinke in den Flur zog. Der Name kam mir sehr bekannt vor. Aber in meinem augenblicklichen Zustand war ich mir nicht ganz sicher, ob es sich um einen guten Freund von mir handelte oder um eine Figur aus einer der Serien, die ich häufiger sah. Mich an der Kommode entlanghangelnd, schaffte ich es ins Wohnzimmer, wo der Videorecorder mir die Zeit anzeigte. »Welcher Volkan?«
»Volkan Hüslün, wir kennen uns seit über dreißig Jahren.«
Volkan Hüslün, okay, ja. Allmählich kam ich in meinem wachen Leben an. Aber es war gerade einmal Viertel vor sieben.
»Sag mal Volkan, ist das ein Spaß? Du weißt genau, dass ich nachts arbeite. Spinnst du, mich um die Zeit anzurufen?« Meine Beine gaben nach, und ich setzte mich einfach auf den Boden.
»Die Zeit ist mir scheißegal«, rief Volkan. »Tom ist tot.«
Es dauerte eine Weile, bis ich die Bedeutung der Worte wirklich verstand. Zwar hatte mein Ohr sie korrekt aufgenommen, aber mein Gehirn lehnte sie zunächst als offensichtlich falsch ab. Es war einfach zu unwahrscheinlich, Tom konnte nicht tot sein. Einer wie der schummelte sich doch immer irgendwie durch. Außerdem hatte ich ihn gerade noch getroffen, und er hatte nicht krank gewirkt oder so was.
Mein Gehirn prüfte die Worte dieses schrecklichen Satzes auf klangliche Gemeinsamkeiten mit anderen, die etwas weniger Unangenehmes bedeuteten. Mir fielen keine ein, und ich kam zu dem Schluss, dass es wohl nicht um meinen alten Kumpel Tom gehen konnte. So selten war der Name ja auch nicht. Bestimmt hatten wir mehr als einen Freund, der so hieß. Aber, so tief ich auch in meinem Gedächtnis grub, ich fand keine weiteren. Und wenn es sich nicht um unseren gemeinsamen Kumpel Tom handelte, warum hätte Volkan mich dann morgens früh aus dem Bett klingeln sollen?
»Bist du noch da?«, fragte Volkan.
»Tom Lubojanski ist tot?«, fragte ich zurück.
»Ja«, antwortete Volkan.
Immer noch war mein Gehirn sehr schlecht durchblutet, und es war schwer, die Sache zu verstehen. Wenn Tom tot war, dann bedeutete das ja praktisch, er war nicht mehr da. Er würde nie wieder an meine Tür klopfen, und wir würden auch nie wieder ein Bier zusammen trinken. Das gefiel mir nicht, ich wollte nicht, dass es wahr war. Vielleicht war das Ganze nur ein schlechter Traum?
Es fühlte sich aber nicht so an. Außerdem wäre es einer gewesen, hätte ich mich nicht so beschissen gefühlt und wäre längst daraus erwacht. Während diese Gedanken sich mühsam und schmerzhaft den Weg durch meinen Kopf bahnten, redete Volkan einfach immer weiter.
Anscheinend war Tom vor zwei Tagen nachts völlig nackt auf den Kurt-Schumacher-Damm gelaufen. Die Autos konnten nicht mehr bremsen. Das erste schleuderte ihn in die Luft, zwei weitere überrollten ihn. Tom war tot gewesen, bevor der Rettungswagen eintraf.
Die Polizei hatte Nele nicht so richtig was erzählt, aber angedeutet, dass Tom Drogen im Blut hatte. Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum sie die Leiche noch nicht freigegeben hatten und es keinen Beerdigungstermin gab. Volkan wollte Bescheid sagen, sobald er etwas Neues erfuhr.
Nachdem ich aufgelegt hatte, blieb ich eine Weile sitzen und versuchte, das Unbegreifliche zu begreifen. Doch der Boden war kalt und hart. Deshalb erhob ich mich schließlich und ging in die Küche.
Eine Weile betrachtete ich den Tisch, an dem Tom gerade erst gesessen hatte. Anders als bei Tom hatte sich bei ihm in dieser Zeit nichts Maßgebliches verändert. Auch der Inhalt des Kühlschranks war derselbe wie bei Toms Besuch. Heute war ich jedoch entschieden nicht in der Stimmung, außer Haus zu essen.
Gestern hatte ich mir eine Pizza liefern lassen. Davon war noch ein Stück da. Außerdem fand ich eine angebrochene Flasche Cola. War die fünf Tage alt oder sechs? Egal! Dies war das Frühstück, nach dem ich mich fühlte.
Ein paar Bissen später ging es mir körperlich etwas besser. Deshalb erwürgte ich meinen Nachbarn nicht, als er an der Tür klingelte, um sich meine Leiter zu leihen. Aber Small Talk konnte ich noch nicht machen. Ich sagte ihm, er solle sich das Scheißteil selbst aus dem Bad holen und mich allein lassen.
Kapitel 3
In meiner Familie ist die Lebenserwartung nicht sehr hoch. Die Hälfte meiner Großeltern war bereits tot, als ich geboren wurde. Die Oma und der Opa, die mir geblieben waren, starben genauso wie alle meine Großonkel und Großtanten vor meinem zwanzigsten Lebensjahr. Da dazu noch die Beerdigungen von Katja und meiner Mutter kamen, hatte ich schon eine Menge dieser Veranstaltungen besucht. Entsprechend viele Beerdigungspredigten hatte ich mir anhören müssen.
Die bei Toms Begräbnis war eine der besten bisher. Natürlich nicht so gut wie die von meinem Großvater. Der war in einem kleinen Ort nahe Kiel beerdigt worden. Der Pfarrer kannte ihn seit dreißig Jahren aus der Gemeindearbeit, und das merkte man der Predigt an. Als er am Schluss den Segen auf Plattdeutsch sprach, weil Opa so getauft worden war, da musste ich ernsthaft mit den Tränen kämpfen, obwohl ich kaum ein Wort verstanden hatte.
So gut war die Predigt für Tom nicht. Aber es war keine voller Worthülsen, die nichts mit dem Toten zu tun hatten und die so oder ganz ähnlich am selben Tag noch bei drei weiteren Beerdigungen gesprochen wurden. Der Pfarrer hatte sich offensichtlich gut über Tom informiert. Sehr plastisch schilderte er Toms Fähigkeit, andere Menschen für sich einzunehmen. Deshalb war zum Beispiel die Punkrock-Band, die Tom noch zu Schulzeiten gegründet hatte, auf lokaler Ebene relativ erfolgreich gewesen, obwohl mit Toms Stimme nicht allzu viel los gewesen war.
Volkan, Stefan und Peter, die mit Tom in dieser Band gespielt hatten, mussten trotz des ernsten Anlasses grinsen.
Und auch danach, sagte der Pfarrer, habe dieser Wesenszug Toms Leben bestimmt. Ungeachtet anhaltender kommerzieller Erfolglosigkeit als Künstler war es ihm immer wieder gelungen, Galeristen zu bewegen, seine Werke in ihren Räumen zu zeigen und Stipendien zu bekommen. Kurz vor seinem tragischen Tod war er sogar mit einer vom Goethe-Institut organisierten Ausstellung in St. Petersburg gewesen. Nicht zuletzt hatte Tom dank seines einnehmenden Wesens viele Freunde gehabt, was sich, das hob der Pfarrer besonders hervor, auch darin zeige, dass die Friedhofskapelle bis auf den letzten Platz besetzt war.
Unerwähnt ließ der Pfarrer, wie stark Tom auf Frauen gewirkt hatte. Woran das lag, war mir immer ein Rätsel geblieben. Sie fuhren einfach auf ihn ab. Sogar diejenigen, die Tom gut kannten und deshalb wussten, dass er ihnen nicht treu sein würde. Flatterhaft wie ein Schmetterling flog er von Blüte zu Blüte, doch die Blüten hießen ihn willkommen, obwohl ihnen klar war, dass er bald schon weiterfliegen würde. War eine seiner Beziehungen morgens in die Brüche gegangen, war er spätestens abends wieder gebunden. Ein paar Mal hatte er sogar zwei oder drei Freundinnen gleichzeitig. Doch merkwürdigerweise schienen ihm seine Ex hinterher selten so richtig böse zu sein. Aber wahrscheinlich war es besser, dass dieser Aspekt von Toms Persönlichkeit unerwähnt blieb.
Stattdessen sprach der Pfarrer abschließend über den Schmerz von Toms Lebensgefährtin und seinem kleinen Sohn, der seinen Vater nie richtig kennenlernen könne. Er würde also dasselbe Schicksal erleiden wie Tom selbst. Dessen Vater war Alkoholiker gewesen und hatte Toms Mutter sitzen lassen, als Tom ein paar Monate alt war. Zwei Jahre später hörte Toms Mutter, dass Horst seinerseits von seiner Leber verlassen worden war. Als sie das erfuhr, lag er schon eine ganze Weile auf einem Friedhof in Neukölln.
Es war wirklich eine sehr gute Predigt und nur schade, dass Nele und David kaum etwas davon mitbekamen, weil David nach wenigen Minuten anfing zu schreien. Nele konnte ihn nicht beruhigen. Der Kleine schrie und schrie und hörte auch nicht auf, als der Beerdigungszug mit dem Sarg die Kapelle verließ. Ich war einer der Sargträger und die ganze Zeit, während wir zum Grab gingen, konnte ich David hören. Erst als die Kiste sich langsam in die Grube senkte, verstummte der Kleine plötzlich.
Wir reihten uns auf, um jeder etwas Erde auf den Sarg zu werfen und anschließend Nele und Toms Mutter zu kondolieren. Als ich an der Reihe war, schien David mich anzusehen, und sein Blick war dabei so ernst, dass ich schon befürchtete, er verstünde genau, was da gerade vor sich ging. Aber da David erst sieben Wochen alt war, konnte das wohl kaum sein.
Nele selbst hielt sich erstaunlich gut. Es verwunderte mich nicht, denn ich wusste, dass sie stark war. Immerhin war ihr gelungen, woran so viele Frauen gescheitert waren: Tom an sich zu binden. Abgesehen von ein paar Affären war ihre Beziehung über einen Zeitraum von sensationellen vierzehn Jahren stabil. Das zeigte, dass sogar Tom manchmal ganz vernünftig sein konnte. Eine Frau wie Nele findet man nämlich nur sehr selten.
Tom wurde auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof an der Schöneberger Großgörschenstraße beerdigt. Hier gehörte er hin. Meines Wissens hatte Tom bis auf eine kurze Episode im Tiergarten-Teil der Potsdamer Straße praktisch sein ganzes Leben in Schöneberg verbracht, und außerdem war er ja auch gebürtiger Bülowstraßler. Wäre er nur immer hier geblieben und hätte den Kurt-Schumacher-Damm in Reinickendorf nie betreten.
Toms letzte Ruhestätte lag nun gar nicht so weit entfernt von der der Brüder Grimm. In dieser Nachbarschaft war Tom wohl ganz gut untergebracht, war er doch in gewisser Weise selbst ein großer Märchenerzähler gewesen.
Als wir das Grab verließen und zum Ausgang gingen, kamen wir an einem Vater mit einem kleinen Kind vorbei. Es ließ ein Plastikschiffchen in einer Pfütze schwimmen. Die Anwohner des Friedhofs nutzen ihn wohl auch als Park und Spielplatz. Ich musste lachen und drehte mich zu Volkan um. »Was glaubst du, wird sich dieses düstere Umfeld auf seine Entwicklung auswirken? Falls er einmal Musiker wird, wird er dann Gothic Rock machen?«
»Könnte schon sein, aber vielleicht hat es ja auch gar keinen Einfluss auf seine Entwicklung und er wird ein weltweit anerkannter Professor für Volkswirtschaft oder so«, antwortete er.
Über Volkans Schulter hinweg sah ich etwa dreißig Meter entfernt, von Gebüsch und Grabsteinen halb verdeckt zwei Männer mit Ferngläsern. Offenbar nutzten auch die Spinner der Umgebung den Friedhof als Spielplatz, aber vielleicht beobachteten sie nur Vögel.
Wir gingen in ein Café in der Katzlerstraße, wo Toms Mutter Sabine einen Raum für den Leichenschmaus gemietet hatte. Es gab mehrere Tische. Nele saß mit Sabine, ihren Eltern und ihrer Großmutter an einem davon. Sabine hatte David auf dem Arm, aber er guckte sehr griesgrämig. Sie wiegte ihn hin und her. In ihrem Gesicht spiegelten sich immer abwechselnd der Schmerz über den Verlust ihres Sohnes und die Freude an dem Enkel.
Ich setzte mich mit den anderen ehemaligen Schulfreunden an einen Tisch. Die meisten davon hatte ich schon eine Weile nicht mehr gesehen. Sie hier so versammelt zu sehen, ganz einheitlich in schwarze Anzüge gekleidet, war merkwürdig, zumal diese Kleidung zu einigen nicht passte. Früher waren wir fast jede Nacht zusammen unterwegs gewesen. Wir gingen auf Konzerte und in Discos oder zogen einfach nur mit ein paar Tüten voller Bierflaschen durch die Straßen. Wenn wir freitagabends ausgingen, kamen wir oft erst am Sonntag wieder nach Hause. Nach dem Abitur begann jedoch ein Prozess der Entfremdung. Einige der Freunde wurden plötzlich über Nacht ganz straight, zogen ihr Studium oder ihre Ausbildung schnell durch und verdienten gutes Geld. Aber nicht bei allen lief es gut. Der Kontakt wurde lockerer und lockerer, bis schließlich kaum noch jemand wusste, was die anderen gerade so machten. Ich hatte den verhältnismäßig besten Überblick, da die meisten ab und zu mal in meiner Bar vorbeikamen. Aber in den letzten Jahren waren die Abstände zwischen ihren Besuchen immer größer geworden, weil sie beruflich im Stress waren, Kinder bekommen hatten oder vielleicht auch einfach nur alt wurden.
Peter, der Schlagzeuger von Toms Band, war Lehrer geworden. Volkan, der Leadgitarrist, hatte Musik studiert und war mittlerweile sehr erfolgreich als Studiomusiker. Ein anderer Freund stieg nach dem Studium schnell in einer Versicherung auf und brachte es, glaube ich, bis zum Abteilungsleiter.
Andere aus dem Freundeskreis zogen ihr Studium nicht durch oder hatten das Abitur schon nicht geschafft. Teilweise fanden sie trotzdem gute Jobs, teilweise rutschten sie ab. Stefan zum Beispiel spielte in Toms Band die zweite Gitarre. Er übernahm sie, nachdem ich dankend abgelehnt hatte. Mich würden selbst drei Akkorde überfordern, aber letztendlich brauchte man entgegen der üblichen Meinung auch für Punkrock etwas mehr. Stefan war nicht viel besser, eigentlich war er sogar ziemlich schlecht. Doch die Zuschauer merkten das nie, weil er das Gitarrespielen einfach sehr glaubwürdig darstellen konnte. Er träumte ohnehin vom Theater. Deshalb war es konsequent, dass er sich in den Räumen des Instituts für Politologie nie blicken ließ, obwohl er dort als Student eingeschrieben war. Stattdessen spielte er jahrelang an den verschiedensten Off-Theaterbühnen und lebte vom Kellnern. Mittlerweile war er zwar nicht wohlhabend, konnte aber endlich vom Schauspielern leben.
Auf niedrigerem Niveau hielt sich auch Clemens über Wasser. Nach Jahren als autonomer Aktivist arbeitete er nun in einer Kooperative, die Umzüge und Wohnungssanierungen machte. Ebenfalls ohne richtigen Abschluss blieb Mark, mit dem Tom und ich eine Zeit lang unzertrennlich waren und per Interrail ganz Europa bereist hatten. Er arbeitete inzwischen für eine Mietwagenfirma.
Andere unserer Kumpel hatten dagegen zu drücken angefangen. Zum Beispiel Frank, der dann kriminell geworden war. Aber er war kein besonders schlauer Verbrecher. Ständig wurde er bei irgendwas erwischt. Zuletzt war es bewaffneter Raubüberfall und Körperverletzung, da ging er dann wieder mal ab in den Knast. Allerdings saß er nun mit am Tisch, also war die Strafe wohl abgesessen.
Eine Sonderrolle in dieser Gruppe nahmen Benedikt und ich ein. Benedikt machte eine Lehre als Banker und gründete seitdem eine Firma nach der anderen. Nach einiger Zeit gingen sie immer Pleite, doch war nicht er es, der sein Geld verlor. Er war jedes Mal reicher als vorher. Aber selbst ohne dieses Wissen hätte ich ihn nicht leiden können. Allein die Art, wie er lächelte und redete, kotzte mich an. Auch beim Leichenschmaus war dies wieder so, wo sich an den kleinen Kaffeesahnetöpfchen eine Unterhaltung über die Mülltrennung entzündet hatte. Großspurig und besserwisserisch erzählte Benedikt, dass er nicht trenne, weil die Verpackungen ja sowieso nur zum Teil verwertet würden und es ihm außerdem zu mühsam sei. Er habe wegen seiner Geschäfte einfach nicht die Zeit dafür.
Stefan saß neben ihm und fragte, was er denn gerade mache.
»Ich importiere exotische Spezialitäten«, antwortete er.
»Was genau?«, fragte Clemens nach.
»Solche, die man gut verkaufen kann«, sagte Benedikt.
Ich sah, wie Volkan das Gesicht verzog, und konnte es gut verstehen. Das war eine typische Benedikt-Antwort. Klang erst mal gut, aber wenn man nachfragte, wurde es schwammig.
Mein eigener Werdegang unterschied sich auch von dem meiner Freunde, doch auf eine andere Art als der von Benedikt. Mein Studium der Soziologie habe ich abgeschlossen, allerdings nicht im Eiltempo. Danach habe ich mir jedoch keinen Soziologen-Job gesucht, sondern einfach meinen Studentenjob als Barkeeper weitergemacht.
Als Folge unserer unterschiedlichen Lebenswege hatten meine Freunde und ich uns irgendwie auseinandergelebt. Nun saßen wir plötzlich zusammen an einem Tisch und wussten nicht so richtig, worüber wir reden sollten.
Benedikt war es schließlich, der die Unterhaltung auf das eigentlich naheliegende Thema lenkte: Tom. Er fragte, wer Tom überhaupt noch regelmäßig getroffen habe. Wie sich herausstellte, hatte er sich in den letzten anderthalb Jahren bei allen selten blicken lassen. Wie ich selbst vermuteten auch die anderen, dass Tom sich deshalb rargemacht hatte, weil er ihnen Geld schuldete. Offenbar stand er bei fast allen am Tisch Sitzenden in der Kreide. Nur bei Frank nicht. Dass Tom Frank nicht angepumpt hatte, erstaunte mich nicht. Er war erst ein paar Monate aus dem Knast raus, drückte offensichtlich noch und trug sehr ärmliche Kleidung. Er besaß sicher nichts zum Verleihen. Verblüfft war ich jedoch darüber, dass Benedikt Tom Geld geliehen haben wollte. Ich dachte immer, er sei die Sorte Mensch, die einen Freund in Not eiskalt hängen lässt.
Zwei von den anderen hatten Tom, genau wie ich, noch kurz vor seinem Tod gesehen. Ihnen erschien es wie mir kaum vorstellbar, dass Tom nun tot sein sollte. Denn auch sie hatten bei ihren Treffen den Eindruck gewonnen, dass es ihm sehr gut ging. Sie erwähnten beide nicht, dass Tom ihnen geliehenes Geld zurückgegeben hätte. Ich war mir nicht ganz sicher, ob sie keines bekommen hatten oder es nur nicht sagten. Ohne richtig zu wissen warum, beschloss ich, diesen Teil der Ereignisse bei Toms Besuch für mich zu behalten.
»Was ist denn nun eigentlich genau passiert?«, fragte Peter. »Wieso wurde Tom überfahren? War er betrunken?«
Anscheinend kannten die meisten keine Details. Deshalb erzählte Volkan noch mal, was er mir am Telefon schon gesagt hatte. Wir wunderten uns alle. Zwar hätte Tom sich niemals davon abhalten lassen, ein Rauschmittel zu probieren, nur weil es illegal war. Hauptsache es versprach Spaß. Das hatte er mit uns gemeinsam. Doch Tom war nicht der Typ, der damit sich selbst oder andere in Gefahr brachte.
»Bei Nele ist mehrmals ein Kriminalkommissar aufgetaucht«, erzählte Clemens. »Der hat ihr ganz komische Fragen gestellt.« Doch was das für Fragen gewesen waren, wusste er nicht.
»Aber das ist noch nicht alles«, fügte Volkan an, »die Polizei hat Toms und Neles Wohnung durchsucht.«
»Mensch Ed«, Benedikt schlug mir kumpelhaft auf die Schulter, »das ist doch deine Chance. Geh zu Nele und steh ihr bei. Vielleicht klappt es dieses Mal mit euch beiden.«
Diese Bemerkung fand ich angesichts des ernsten Anlasses unseres Treffens ehrlich gesagt etwas unpassend. Außerdem stimmt es zwar, dass ich mal in Nele verliebt war, aber das war über zwanzig Jahre her, wir waren damals sechzehn. Mit Tom kam sie erst viel später zusammen, und da hatte ich längst Katja getroffen.
Zum Glück musste Benedikt früher gehen, und so konnten wir anderen uns noch eine Weile ohne ihn unterhalten. Schließlich begann sich die Beerdigungsgesellschaft so langsam aufzulösen. Ich ging zu Nele, um mich zu verabschieden.
Sie sah nun doch irgendwie angegriffen aus, hielt sich aber weiterhin erstaunlich gut. Möglicherweise hatte sie damit gerechnet, Tom zu verlieren. Nur nicht, dass es auf diese Weise geschehen würde. Es war sehr viel wahrscheinlicher gewesen, dass Tom sich in eine andere Frau verlieben würde.
Ich nahm mir vor in nächster Zeit mal bei ihr vorbeizuschauen. Vielleicht konnte ich ihr ja irgendwie helfen.
Kapitel 4
Ich hatte geplant, Nele spätestens zwei oder drei Tage nach der Beerdigung zu besuchen. Leider wurde einer meiner Kollegen krank, und ich musste jeden Tag arbeiten. Und dann kam plötzlich mitten im April die Kälte wieder. Das Thermometer fiel unter null, und die Temperaturen in meiner mit Kohlen beheizten Wohnung lagen nur wenig darüber. Obwohl ich dem Ofen dreimal täglich Briketts in den Rachen warf, war es in den Räumen nicht auszuhalten. Ich verfiel in eine Art Winterstarre. Die freie Zeit verbrachte ich damit, bekleidet mit zwei Pullovern, einer Strickjacke und einer Wolldecke auf der Couch zu sitzen.