Pech - Regine Roeder-Ensikat - E-Book

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Regine Roeder-Ensikat

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Beschreibung

Zackige Blitze spalteten den Abendhimmel in schwarze Teile. Das Rauschen des Windes wurde nur vom Donner übertönt. Peter Pech, ein schwergewichtiger Mann von fünfzig Jahren, zog die Tür seines Reihenhäuschens zu und trat in das Unwetter hinein. Die Bäume im Lindenweg verströmten einen süßen, klebrigen Duft. Er holte tief Luft und dann begann es wie auf Knopf-druck zu regnen. Abgesehen von einem Jogger war die Straße leer, Hundekläffen in der Ferne. Ohne Ziel lief er durch viele kleine Straßen um den Orankesee, bog dann in die Manetstraße in Richtung Konrad-Wolf-Straße ein. Er musste Ordnung in seine Gedanken bringen. Sechs Zahlen schwirrten in seinem Kopf herum. Das Lottoglück hatte ihn, den Taxifahrer Peter Pech aus Berlin Hohenschönhausen, gefunden.

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Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Regine Roeder-Ensikat

Pech

Und andere Kriminalgeschichten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Spiel mit dem Tod oder Abendstund hat Gift im Mund

Der Wundertee

Elli und Eberhard - Eine Ehegeschichte

Tatort Chemnitz - Leichenschmaus im Abrisshaus

Pech

Unter Palmen in Brandenburg

Vor Witwen wird gewarnt

Flinke Finger

Kain und Abel - Rückkehr in die Vergangenheit

Vor Pillen wird gewarnt

Impressum neobooks

Das Spiel mit dem Tod oder Abendstund hat Gift im Mund

Olga sah aus dem Fenster. Ihr Mann, der Reeder Peter Hansen ging mit eiligen Schritten die Straße zum Hafen hinunter. Er sah sich nicht noch einmal um, aber er winkte, sicher, dass Olgas Blicke ihm folgten. Seine Gestalt wurde kleiner und kleiner, bis sie ganz verschwand. Er war ein untersetzter, zu Korpulenz neigender Mann mit einer Vollglatze.

Erfolgreich und vielbeschäftigt, verströmte er den Charme von Macht und Reichtum. Am Abend würde er, wie immer müde und hungrig, aus seinem Büro zurückkehren.

Olga war seinem Charme erlegen, als sie vor Jahren seine Sekretärin und bald darauf auch seine Geliebte wurde. Beruflich war er viel auf Reisen und so war es ihm sehr angenehm, dass Olga in dieser Zeit in sein Haus zog, den Haushalt, den Garten und den Hund versorgte. Er war ein in die Jahre gekommener Eigenbrötler, der nach dem Tod seiner Mutter lange alleine gelebt hatte, und war berührt und überrascht von Olgas weiblicher Fürsorge, ihren Kochkünsten und ihrem Blick für Schönheit und Wohnlichkeit. Bisher hatte er nur Frauen gekannt, die in Chefetagen ihren Dienst versahen und weibliche Hausarbeiten verachteten. Wie Olga sollte seine Frau sein, häuslich, fleißig und anschmiegsam. Er machte ihr einen Heiratsantrag. Nach der Eheschließung lebte sie dann sorglos aber zurückgezogen im Haus am Stadtrand. Das Leben Ihres Mannes wurde durch seine Umgebung bestimmt. Wie eine Bahn auf Schienen rollt, bewegte auch er sich immer pünktlich, wie nach einem Fahrplan. Die vielen Feinschmeckerlokale und Restaurants der Stadt, die für Olga keine Wünsche offen ließen, verabscheute er, lud aber gerne und oft Geschäftsfreunde zu geselligen Essen in sein Haus ein, auch um die Kochkünste seiner Frau vorzuführen.

Das Telefon klingelte und holte sie aus ihren Tagträumen. Sie nahm den Hörer ab.

„Ein Abendessen zu viert. Hast du verstanden? Der junge Gregor Hein, du erinnerst dich, vor ein paar Jahren war er häufig bei uns zu Gast, nun will er mit seiner Ehefrau morgen Abend zu uns kommen. Das Paar ist auf Hochzeitsreise, er will uns sein Frauchen vorstellen und mal wieder richtig gut essen. Das machen wir doch möglich? Er hat die Tochter des Chefs geheiratet und wird bald nach Tokio übersiedeln. Dieser clevere Schlipsaffe ist auf der Karriereleiter mächtig aufgestiegen.“

Peter Hansen lachte laut in das Telefon.

„Liebchen, zaubere was Schönes in deiner Küche. Den Wein habe ich bestellt, er wird geliefert.“

Olga versteinerte. Gregor, ihre große Liebe! Vor Jahren war Gregor, der Versicherungskaufmann, als Gast in das Haus und in ihr Leben gekommen. Beide waren jung und hungrig auf Liebe. Am Beginn ihrer Liebschaft verbrachten sie viel Zeit im Bett und in der Küche. Er war nie erschöpft, hatte immer Hunger und liebte ihren Körper, ihre Suppen, Pasteten und Braten. Jetzt kam dieser einst Geliebte, und das Kochen würde für Olga ein Kochen zwischen Muss und Genuss werden.

Für diesen Mann hätte sie sich damals scheiden lassen, aber er strafte ihre Pläne und Wünsche mit Desinteresse. Eine Frau oder Geliebte passte nicht in seine Lebenspläne, er redete nur von seiner Freiheit, von seiner Zukunft. Es kam zu unschönen und lieblosen Auseinandersetzungen, bis er nach einem Streit wütend das Haus verließ, ohne sich jemals wieder zu melden.

Gregors Briefe, seine Liebesbeweise hatte sie verbrannt, um ihre Liebe und ihre Traurigkeit mit zu verbrennen, doch ihre gekränkte Seele lebte weiter. Andere Frauen ihres Alters hatten Kinder, die den Tagesrhythmus mit ihren Quengeleien und Dreck ausfüllten, hatten freundschaftliche Bindungen mit denen sie Golf oder Bridge spielten. Sie hatte einen Mann, der sie ständig an den Kochtopf kommandierte, eine Bibliothek von Büchern mit Rezepten aus aller Herren Länder, einen Hund und ihre unerfüllten Wünsche.

Olga verkroch sich, wurde einsam. Das Leben erschien ihr sinnlos.

Lange Zeit hatte sie gezittert, wenn sie nur den Namen Gregor hörte und sich gefragt, wieso er ihrem Mann so mühelos über die Lippen kam. Er hatte damals keinerlei Notiz von ihrer Affäre genommen, und sie war sich sicher, dass er es gewusst hatte. Diese Gleichgültigkeit hatte sie ihm nicht verziehen. Ihr Rachedurst gegen Mann und Liebhaber war ständig gewachsen, er hatte nicht abgenommen, wie sie jetzt merkte.

In der Nacht nach dem Anruf, konnte Olga kein Auge zutun, und als sie am Morgen nach einem kurzen Dämmerschlaf erwachte, fasste sie einen Entschluss.

Sie würde sich noch ein einziges Mal den Vorbereitungen für ein letztes, einem tödlichen Essen widmen.

Sie nippte an ihrem Kaffee und dachte über ihr Leben nach. Draußen klatschte der Regen auf kalte, finstere Straßen, aber hier, hinter den zugezogenen Vorhängen in dem stillen Wohnzimmer, war es warm. Im Kamin knisterten Birkenholzstücke und verbreiteten einen würzig rauchigen Wohlgeruch. Der alte Hund fläzte sich räkelnd auf dem Teppich, Olga in einem bequemen Ledersessel. Es war ein anstrengender Tag für sie gewesen. Die Vorbereitungen für das Essen zu viert hatten Stunden in Anspruch genommen. Der alte Nussbaumtisch war gedeckt, das Silber mit Schlämmkreide zum Glänzen gebracht, die Gläser poliert - jetzt funkelte alles festlich im Kerzenlicht. Für das Abendessen hatte sie sich umgezogen, ein purpurfarbenes Samtkleid umhüllte ihre vollschlanke Gestalt vorteilhaft. Sie trank immer mal wieder einen Schluck Kaffee, rauchte eine Zigarette und bemühte sich ruhig zu werden. Es gelang ihr nicht. Sie blätterte in einer Illustrierten, blieb bei einem Satz von Christian Barnaard, dem Herzspezialisten aus Afrika, hängen:

"Man kann einen Menschen mit guten Soßen ebenso unter die Erde bringen wie mit Strychnin, es dauert nur länger."

Die Mordrezepte in Form von fetthaltigen französischen Soßen folgten.

Es klingelte. Der Hund bellte und sauste zur Tür. Olga folgte ihm. Vor ihr standen zwei Personen, vom Regen durchweicht. Immer wieder hatte sie sich dieses Wiedersehen mit Gregor ausgemalt, auch wie die Ehefrau von ihm wohl aussehen möge, hatte sie sich vorgestellt.

Ein Blick genügte, die junge Frau war nicht nur hübsch, nein, sie war schön, so schön wie eine Porzellanpuppe mit hellgrünen Schlafaugen, blond gelocktem Haar und einem Schmollmund, um den ein kleines geschmeidiges Grinsen spielte.

Olga war betroffen, errötete wie ein Schulmädchen und bat ihre Gäste mit einer einladenden Handbewegung in das Haus.

"Guten Abend, Frau Olga, sie erinnern sich an mich?“

Er drückte ihr einen Mimosenstrauß in die Hand und sah sie vertraut an. Seine türkisblauen Augen blitzten und glitzerten wie Eisstückchen. Abrupt wich sie vor dieser entsetzlichen Frage zurück.

"Und das ist Lena, meine Frau."

Er drückte sie zärtlich an sich.

Gregor sah noch immer sehr gut aus, ein großer breitschultriger Mann, selbstbewusst und laut.

"Ihr Mann war so freundlich uns zum Essen einzuladen, ich habe meiner Frau viel von ihren Kochkünsten erzählt, die ich bei ihnen vor ein paar Jahren genießen durfte. Wir machen hoffentlich keine Umstände? "

Gregor hatte ein verlegenes Grinsen aufgesetzt.

Olgas Blicke tanzten zwischen seinen kalten Augen und fahrigen Händen hin und her. Der Hausherr, gut gelaunt, begrüßte die Gäste, der Aperitif wurde gereicht, man setzte sich an den Tisch und plauderte.

„Olga, Liebchen, wir sind am Verhungern und über die Weltlage haben wir lange genug geredet.“

Mit piepsiger Stimme fragte die Puppenfrau ob sie denn nicht helfen könne.

„Nur das nicht, bleiben sie hübsch sitzen, Kindchen, meine Frau mag es gar nicht, wenn man ihr hilft.“

Olga verschwand in der Küche und entleerte über drei der dampfenden Teller blitzschnell viele Tropfen aus einem kleinen braunen Fläschchen, der Totenkopf auf dem Etikett grinste sie freundlich dazu an. Unter der Spüle ließ sie es dann zwischen den Reinigungsmitteln verschwinden und schob den Servierwagen mit der nach Meer und Knoblauch duftenden Bouillabaisse herein. Sie zitterte, das tödliche Spiel begann.

“Oh, ich habe noch etwas in der Küche vergessen“, rief sie und bat ihren Mann die Suppenteller zu verteilen. Olga kam mit einer Menage zurück, wünschte guten Appetit und schenkte ihren Gästen ein freundliches Lächeln.

Über den Rand seiner beschlagenen Brille sah Gregor Olga an.

„Köstlich, wie damals, und doch ein völlig neues Geschmackserlebnis. Ich bin hier schon immer verwöhnt worden.“

Mit diesem Satz neigte er sich zu seiner kichernden Ehefrau. In deren Augen lagen wieder Fragen und Verwunderung. Der Gastgeber war in bester Laune, erhob sich, klopfte an sein Glas:

„Man sagt uns Männern ja nach, dass wir mit mehr Phantasie kochen, doch das ist eine Mär. Mit schneiden, schnibbeln und putzen sind wir schon absolut überfordert, nicht wahr, Gregor? Meine Frau schafft es aber in ein paar Stunden ein Menü auf den Tisch zu zaubern, und jede Mahlzeit wird zu einem Fest. Ich habe einen Blick in die Küche werfen dürfen, freuen wir uns nach dieser köstlichen Suppe auf Coq au Vin, den Hahn im Rebenblut. Etwas Süßes für die Leckermäuler, eine Crème Brulée, wird zum Abschluss nicht fehlen. Den Wein habe ich ausgesucht, zu dieser Suppe musste es natürlich ein Franzose sein, ein 98ziger Mâcon clesse´ aus dem Burgund, weich und trocken wie die Wüste Gobi, doch wer jetzt Rotwein mag muss sich gedulden, ich habe da etwas ganz Besonderes, einen Rossese Dolce Aqua, er atmet noch bei leichter Mozartmusik in meinem Arbeitszimmer. Es war übrigens Napoleons Lieblingswein und ist an seinem leicht pfeffrigen Nachgeschmack zu erkennen, doch das nur nebenbei. Also, geliebtes Weib, der Schmaus kann endlich beginnen, wir haben hoffentlich alle Hunger.“

Olga lächelte und beeilte sich die nachfolgenden Köstlichkeiten auf den Tisch zu bringen. Die Frauen hatten sich wenig zu sagen, sie hörten den Gesprächen über Börsenkurse und Versicherungssummen gelangweilt zu. Gregor verdrehte des Öfteren die Augen, öffnete den obersten Hemdknopf und sog die Luft durch die Zähne ein. Seine Nasenflügel blähten sich. Auf seiner Stirn perlten Schweißtropfen, die er mit der Serviette abtupfte.

Olga grinste, sie starrte auf ihren Teller, dann wanderte ihr Blick zu ihrem Mann und der Puppenfrau. Wer würde lebend ihr Kochgefängnis verlassen? Gregor stand plötzlich auf.

„Es tut mir furchtbar leid. Wir müssen aufbrechen. Ich hätte wissen müssen, dass mein Magengeschwür bei einem so köstlichen Essen rebelliert. Leider habe ich meine Medikamente zu Hause vergessen. Seien sie mir, seien sie uns bitte nicht böse.“

Auch der Hausherr erhob sich, sein Gesicht war schmerzverzerrt und leichenblass.

„Meine Liebe, ich bin bestürzt, die Suppe war wohl etwas zu scharf, auch mein Magen hat sie nicht vertragen, du solltest dich mal wieder auf die deutsche Küche besinnen.“

Die Puppenfrau, leicht grün im Gesicht, machte große Augen und grinste ängstlich. Olga begleitete die Gäste zum herbeigerufenen Taxi. Ihre Genesungswünsche verhallten in der Nacht. Es war spät geworden, fast Mitternacht. Nach dem stürmischen Aufbruch hatte die Ruhe für Olga jetzt etwas Tröstliches. Ihre Augen blickten in die Ferne, endlich hatte ihre Seele Ruhe gefunden.

Vor ihr, der Siegerin, lagen stille, einsame Tage.

Der Wundertee

Lola rennt nicht, Lola surft. Sie ist eine stark übergewichtige Frau und leidet seit Jahren sehr unter ihrer Fülle. An ihrem zweiundvierzigsten Geburtstag, blättert sie in den Internetseiten und bleibt bei dem Stichwort: www.uebergewicht.de hängen. Was sie dort liest macht sie neugierig und erregt sie.

"Überzeugen Sie sich von der unglaublichen Wirkung seltener Teeblätter. Ihr Geheimnis hat man auf einer Andenexpedition entdeckt. Mit einmaliger Einnahme einer Tasse Tee verlieren sie schon nach drei Wochen 5 kg und nach einem halben Jahr werden Sie um 20 kg leichter sein. Sie werden ein Wunder erleben. Das ist ein Geschenk für Sie und kostet nur 30 Euro.

Achtung! Verwenden Sie nie kochendes Wasser! Schütten Sie das Pulver in einen Becher, gießen sie handwarmes Wasser dazu, dann warten Sie eine halbe Stunde und trinken den Aufguss ganz langsam aus."

Es folgen Firmenname, Bestellnummer und eine Bankverbindung. Lola hat schon viele Diäten mit hart gekochten Eiern, Krautsuppen, frischen Ananasstücken und Kuren mit den verschiedensten Körnern hinter sich gebracht, aber immer ohne den gewünschten Erfolg! Die Angebote in den Apothekenzeitungen mit Formoline L 112, Fastenwandern im Elsass und die vielen Fitness Studios in der Stadt erinnerten sie zu sehr an ihren aus den Fugen geratenen Körper. Sie hatte den Eindruck gewonnen, dass niemand ihr helfen kann, und dann dies. Etwas Neues. Sie träumt sich in die Anzeige hinein, 20 kg weniger, vielleicht auch mehr, dann könnte sie wieder Kleidergröße 44 oder gar 42 tragen. In einer Ecke ihres Kleiderschrankes hingen noch ihre Lieblingsklamotten, das Violette mit dem schwingenden Glockenrock, das teuerste beigefarbene Kostüm ihres Lebens und das kleine Schwarze mit dem Goldbolero, die könnte sie dann wieder anziehen, sich wohl fühlen, und mit Freude ihre übergroßen Klamotten entsorgen. Über ihren Bauch hinweg könnte sie wieder ihre Füße sehen, und ihre schweren Brüste wären wieder kleiner und fester auch der Po würde knackiger werden. Ob sie sich den Nabel piercen lassen sollte? Na ja, in ihrem Alter wäre ein Hirschgeweihtattoo sicher besser. Ob ihr das Coco Chanel-Kostüm dann auch wieder passen wird? Vor lauter Begeisterung zu Ehren ihres neuen Lebens, ihres schlank werdenden Körpers, wird sie ihn mit feiner Seidenwäsche verwöhnen, und sie wird sich nie mehr vor abschätzigen Männerblicken verstecken müssen. Per Mausklick ins Glück, Lola bestellt voller Vorfreude und überweist den geforderten Betrag. Einige Tage vergehen in freudiger Erwartung, dann kommt er endlich, der Brief, in ihm ein weißer Beutel mit der Gebrauchsanleitung. Vorsichtig erwärmt sie etwas Wasser, schüttet das Pulver in eine Tasse und wartet die angegebene halbe Stunde. Etwas angewidert aber voller Hoffnung trinkt sie die bräunliche Brühe.

Drei Wochen geschieht gar nichts. Gelegentlich wird ihr schlecht, sie muss erbrechen, dann aber vollzieht sich das Wunder. Sie nimmt ab, jede Woche ein Kilo und kann es kaum fassen, es funktioniert, wirklich, ein Wundertee. Sie hatte kurz befürchtet einem Betrüger aufgesessen zu sein. Immer wieder betrachtet und dreht sie sich wie ein Brummkreisel vor ihrem großen Spiegel.

Ihre ebenfalls pummelige Kollegin und Freundin Cora bemerkt Lolas körperliche Veränderung, freut sich mit ihr über die Gewichtsabnahme, und bestellt ebenfalls die Wunderteemischung. Beide Frauen treffen sich nun regelmäßig zum Kaffee und kontrollieren ihr Gewicht auf der Personenwaage. Auch bei Cora scheint der Tee anzuschlagen. Die Begeisterung wächst und Modekataloge werden zu ihrer Lieblingslektüre. Sie verlieren sich in deren bunten Seiten und beschließen sich von Kopf bis Fuß neu einzukleiden.

Gelegentlich bemerkt Lola weißliche Fetzen auf den Produkten ihres Stoffwechsels, doch das berührt sie nicht sonderlich. Sie nimmt weiter ab. Ihre dunkel umschatteten Augen geben dem inzwischen schmalen Gesicht ein ungesundes Aussehen. Am ganzen Körper hängt die Haut schlaff herunter. Nach Wochen ist sie doch sehr beunruhigt, nur ein paar Kilo wollte sie abnehmen und nicht mager werden. Sie beschließt sich untersuchen zu lassen. Ihr Hausarzt zeigt sich sehr besorgt. Das rasche abmagern bedeutet nichts Gutes. Er erinnert sich, eine Notiz in einer seiner Fachzeitschriften gelesen zu haben. Nach einer genauen Befragung beruhigt er Cora, bittet sie abzuwarten. Dann sucht er den Artikel, und schaltet die Polizei ein, denn er glaubt, dass ein Zusammenhang zwischen der Einnahme des Tees und der unerwarteten Gewichtsabnahme besteht. Seine Vermutungen teilt er der Polizei mit. Diese lässt über einen Mittelsmann eine "Inkawunderteetüte" bestellen, die eine Woche später eintrifft und sofort an das "Robert-Koch-Institut" weitergeleitet wird. Das Ergebnis kommt schnell und lautet: "Teepulver mit Bandwurmfinnen - Taenia saginata versetzt".

Sofort wird nach dem Vertreiber gefahndet, man stößt ins Leere. Die Webseite ist gekündigt, Name und Adresse der Firma sind falsch, das Konto abgeräumt. Die Polizei wartet. Monate später taucht eine ähnliche Anzeige auf. Der Adressat sitzt diesmal nicht in Berlin, sondern in München. Ein arbeitsloser Biologe hatte diese perfide kriminelle Idee mit der Teemischung. Es war nicht schwer den geständigen Mann zu überführen. Wegen schwerer Körperverletzung wurde er ohne Bewährung verurteilt.