Penrod - Booth Tarkington - E-Book

Penrod E-Book

Booth Tarkington

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Beschreibung

Penrod – der Klassiker der amerikanischen Humor-Literatur Mit feiner Ironie und liebevollem Spott schildert Booth Tarkington in Penrod die Abenteuer eines Jungen im Mittleren Westen um 1910. Penrod Schofield ist elf Jahre alt, hat einen Hund namens Duke, eine blühende Fantasie – und ein unerschöpfliches Talent, in Schwierigkeiten zu geraten. Ob im Schulunterricht, bei Wohltätigkeitsveranstaltungen oder auf der Bühne als „Sir Lancelot“: Wo Penrod auftaucht, ist Chaos garantiert. Der Roman ist nicht nur eine Sammlung köstlicher Episoden, sondern auch eine Satire auf Erziehung, gesellschaftliche Konventionen und den allzu ernsthaften Erwachsenenblick auf die Welt der Kinder. Tarkington versteht es meisterhaft, banale Kindermissgeschicke ins Dramatische zu steigern – und damit die Absurditäten der bürgerlichen Gesellschaft seiner Zeit zu entlarven. Dabei bleibt der Ton stets humorvoll, warmherzig und voller Sympathie für seinen kleinen Helden. Penrod wurde schon kurz nach Erscheinen 1914 ein Bestseller und prägte das Bild des „typischen amerikanischen Jungen“ für eine ganze Generation. Die Geschichten wurden mehrfach verfilmt (u. a. 1922, 1931 und 1937) und inspirierten bis heute Schriftsteller und Filmemacher. Diese Neuübersetzung macht Penrods charmante Eskapaden erstmals wieder in frischem, flüssigem Deutsch zugänglich – ein Vergnügen für alle, die sich an satirischem Humor, lebendiger Erzählkunst und zeitlos komischen Kindheitsabenteuern erfreuen.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Impressum:

ISBN: 9783819496776

© bei KI Classics 2026

Herausgegeben von Frieda Sieg

Kontakt: KI Classics, Taxusstr. 1, 33699 Bielefeld, [email protected]

Originaltitel: Penrod, 1914

Titelbild: bearbeitet KI Classics, Hintergrund mit Sora erstellt

Übersetzung: KI Classics, diese Ausgabe wurde leicht gekürzt und bearbeitet. Für die Übersetzung wurde auch OpenAI verwendet.

1. Ein Junge und sein Hund

Missmutig hockte Penrod auf dem Gartenzaun und blickte neidisch zu Duke hinüber, seinem Hund mit dem wehmütigen Blick.

Ein bitterer Geist beherrschte die geschwungenen und kantigen Konturen jenes Gebildes, das die achtlose Welt als das Gesicht von Penrod Schofield kannte. Außer wenn er allein war, zeigte dieses Gesicht kaum je eine Regung – Penrod war inzwischen fast zwölf und hatte sich an einen Ausdruck gewöhnt, der mit Sorgfalt zur Undurchdringlichkeit trainiert worden war. Da die Welt ohnehin alles missverstand, war es bloßer Selbsterhaltungstrieb, ihr so wenig wie möglich Angriffsfläche zu bieten. Nichts ist undurchdringlicher als das Gesicht eines Jungen, der das gelernt hat – und Penrods Miene war so undurchschaubar wie sein Hass an diesem Morgen auf die literarischen Aktivitäten von Mrs. Lora Rewbush, einer fast allgemein geschätzten Mitbürgerin, einer Dame von wohltätiger und poetischer Gesinnung – und obendrein eine der engsten Freundinnen seiner Mutter.

Mrs. Lora Rewbush hatte ein Werk verfasst, das sie „Das Kinder-Schauspiel von der Tafelrunde“ nannte – und das an ebendiesem Nachmittag öffentlich aufgeführt werden sollte, im Saal der Frauenkunst- und Gildegemeinschaft, zugunsten der Gesellschaft zur Förderung der Kleinkinder von Minderheiten. Und wenn in Penrod Schofield nach all den tristen Schulstrapazen der vergangenen Woche noch ein letzter süßer Rest seines Naturells übrig geblieben war – dann wurde selbst dieser winzige Tropfen durch die nahende Gewissheit seiner Rolle in jenem Spektakel zur bittersten Säure: Er sollte eine der Hauptrollen spielen und die abscheulichen Verse eines gewissen „Kind-Sir Lancelot“ deklamieren – so stand es zumindest im Programm.

Nach jeder Probe hatte er neue Fluchtpläne geschmiedet. Zehn Tage zuvor keimte sogar ein Hoffnungsschimmer auf: Mrs. Lora Rewbush hatte sich eine schlimme Erkältung eingefangen, und man wagte schon, auf eine Lungenentzündung zu hoffen – aber sie erholte sich derart rasch, dass nicht einmal eine einzige Probe ausfiel. Die Dunkelheit kehrte zurück. Penrod hatte vage mit dem Gedanken gespielt, sich eine Verletzung zuzufügen, die seinen Auftritt als Kind-Sir Lancelot aus offensichtlichen Gründen unmöglich machen würde – eine heroische, verlockende Idee. Doch die Ergebnisse einiger äußerst grob angelegter Selbstversuche veranlassten ihn schließlich, von dem Plan Abstand zu nehmen.

Es gab kein Entkommen. Und nun stand seine Stunde kurz bevor. Darum hockte er grübelnd auf dem Zaun und blickte wehmütig zu seinem Duke.

Der Hund trug seinen Namen zu Unrecht – sein Äußeres war das traurige Resultat einer bemerkenswerten Kette unstandesgemäßer Verbindungen. Er trug einen grau melierten Schnurrbart und undefinierbare Backenbärte; er war klein, struppig, und sah aus wie ein pensionierter Postbote. Penrod beneidete Duke, weil er sicher war, dass dieser niemals gezwungen würde, ein Kind-Sir Lancelot zu sein. Ein Hund schien frei zu sein, ungebunden, unterwegs wie der Wind. Penrod vergaß dabei völlig, welches Leben er Duke aufzwang.

Auf dem Zaun entspann sich ein langes Selbstgespräch, ein wortloser, klagender Monolog: Penrods Gedanken waren lauter Adjektive, ausgedrückt in einem flackernden Film von Bildern vor seinem inneren Auge – düstere Prophezeiungen der Grauen, die ihn erwarteten. Schließlich sprach er laut, mit solcher Galle, dass Duke sich erhob und ein Ohr sorgenvoll spitzte:

„Ich heiß’ Sir Lancelot vom See,

ein Kind, ganz sanft und ohne Weh.

Und ob ich auch ein Jüngling bin,

so wohnt doch gutes Herz darin… uff!“

Alles außer dem „oof“ war ein Zitat aus der Feder von Mrs. Lora Rewbush, wie sie sich den Kind-Sir Lancelot vorstellte. Penrod würgte daran, glitt vom Zaun und ging mit langsamen, gedankenversunkenen Schritten in einen einstöckigen Seitenflügel des Stalls, der nur aus einem einzigen Raum bestand. Der Boden war zementiert, und der Raum diente als Lager für zerbrochenes Gerümpel, alte Farbdosen, verrottete Gartenschläuche, abgetretene Teppiche, Möbelleichen und allerlei anderer ausrangierter Kram, der noch nicht hoffnungslos genug war, um endgültig entsorgt zu werden.

In einer Ecke stand eine große Kiste, gewissermaßen Teil des Gebäudes selbst: mehr als zwei Meter hoch, oben offen – sie war als Sägemehlmagazin gebaut worden, um das Streumaterial für das Pferd im angrenzenden Stall zu lagern. Die große Kiste, so hoch, so turmartig, so geräumig und so verheißungsvoll, erfüllte längst nicht mehr ihren eigentlichen Zweck – glücklicherweise war sie aber noch etwa zur Hälfte mit Sägemehl gefüllt, als das Pferd starb. Seitdem waren zwei Jahre vergangen – eine Übergangszeit, in der Penrods Vater „darüber nachdachte“, sich ein Automobil anzuschaffen (so pflegte er es zu erklären). In der Zwischenzeit hatte sich die begnadete und großzügige Sägemehlkiste glänzend bewährt – im Krieg wie im Frieden: Sie war Penrods Festung.

An der Vorderseite der Kiste klebte ein halb verwittertes Schild – der Donjon hatte auch schon kommerzielle Bestrebungen erlebt:

DIE O.K. KaNiNCHen-FaBRiK

PeNROd ScHoFiELD & CO.

PREiSE aUF aNFRaGE

Das war ein Unternehmen der letzten Ferien gewesen und hatte einmal einen kumulierten Gewinn von exakt 1,38 Dollar eingebracht. Die Aussichten waren am Vorabend der Katastrophe besonders vielversprechend gewesen. Der Lagerraum war zwar abgeschlossen und bewacht, doch siebenundzwanzig Kaninchen und Belgische Hasen – alt wie jung – waren in nur einer Nacht verendet. Kein Mensch hatte Schuld – es war ein nächtlicher Überfall von Katzen gewesen, die sich heimtückisch durch das Sägemehl gebuddelt hatten, vom kleinen Schlupfloch her, das zum Stall hinter der Wand führte. Der Handel hat seine Märtyrer.

Penrod kletterte auf ein Fass, stellte sich auf die Zehenspitzen, griff über den Rand der Kiste, benutzte ein Astloch als Steigbügel, warf ein Bein darüber, zog sich hoch – und ließ sich hineinplumpsen. Auf dem gepressten Sägemehl stehend, konnte er gerade eben über den Rand hinausblicken.

Duke war ihm nicht in den Lagerraum gefolgt, sondern verharrte nahe der offenen Tür in einer gedrückt pessimistischen Haltung. Penrod griff in eine dunkle Ecke der Kiste und zog ein einfaches Gerät hervor: einen alten Scheffelkorb, an dessen beiden Henkeln je ein Stück Wäscheleine befestigt war. Er führte die Seilenden über eine große Spule, die sich auf einer Drahtachse unter einem Deckenbalken drehte, und ließ den leeren Korb mittels dieser improvisierten Seilwinde langsam zu Boden – bis er aufrecht auf dem Zementboden des Raums landete.

„Auuufzuuuch! Ding-ding!“ rief Penrod.

Duke, alt und klug genug, um Unheil zu wittern, näherte sich langsam – in einem vorsichtigen Halbkreis, beschwichtigend, aber höflich. Er tippte mit der Pfote an den Korb, so als hätte er damit seine Pflicht erfüllt, bellte hell auf, setzte sich und blickte triumphierend nach oben. Seine Heuchelei war durchschaubar: Unzählige schlimme Viertelstunden hatten ihn gelehrt, was von ihm erwartet wurde.

„Aa-uuf-zuuuuch!“ donnerte Penrod streng. „Soll ich etwa da runterkommen?!“

Duke wirkte plötzlich gealtert. Er kratzte ein zweites Mal matt am Korb, und als Penrod erneut lospolterte, warf er sich flach auf den Bauch. Noch einmal ermahnt, gab er eine beeindruckende Imitation eines Wurms zum Besten.

„Rein mit dir in den Aa-uuf-zuuuuch!“

Von Verzweiflung übermannt sprang Duke in den Korb – landete in einer zerknautschten Haltung und rührte sich nicht mehr, bis er samt Korb nach oben gezogen und auf dem Sägemehlboden ausgeschüttet wurde. Dort rollte er sich zitternd zu einem Donut zusammen und schlief bald ein.

Es war dunkel in der Kiste, doch das hätte sich leicht beheben lassen, indem man eine kleine Holzklappe zur Gasse hin aufzog. Penrod Schofield hatte jedoch interessantere Methoden der Beleuchtung. Er kniete nieder und zog aus einer ehemaligen Seifenkiste in der Ecke eine Laterne hervor – ohne Glasaufsatz – sowie eine große Ölkanne, deren Leck so gut wie unsichtbar war. Dass sie aus dem Haushalt verbannt worden war, erschien Penrod als ebenso rätselhaft wie erfreulich.

Er schüttelte die Laterne – nichts schwappte, kein Geräusch, nur trockenes Klirren. Doch in der Kanne war noch genug Kerosin, und er füllte die Laterne, zündete ein Streichholz und beleuchtete die Prozedur. Dann hängte er die Laterne an einen Nagel an der Wand. Der Sägemehlboden war leicht ölig, und die offene Flamme flackerte in beunruhigender Nähe zur Holzwand – aber einige tief eingebrannte Rußspuren an der Planke, an der die Laterne hing, bewiesen, dass dies keineswegs eine neue Anordnung war, und ließen zumindest hoffen, dass es auch diesmal ohne Katastrophe abgehen würde.

Als Nächstes kratzte Penrod in einer anderen Ecke des Bodens das Sägemehl auf und zog eine Zigarrenkiste hervor. Darin lagen ein halbes Dutzend Strohhalme zum kauen, ein Bleistift, ein Radiergummi und ein kleines Notizbuch. Auf dem Einband stand in seiner Handschrift:

Englische Grammatik. Penrod Schofield. Raum 6, Schule Bezirk Nummer Sieben.

Die erste Seite des Heftes war rein schulischer Natur. Doch die Grammatikstudien endeten jäh am Beginn der zweiten Seite:

„Auch ein Adverb darf nicht zur Bestimm——“

Unmittelbar danach folgte:

HARALD RAMOREZ, DER STRASSENRÄUBER

ODER DAS WILDE LEBEN IN DEN FELSIGEN BERGEN

Die restlichen Einträge im Buch schienen nur noch wenig mit Raum 6 oder Schule Bezirk Nummer Sieben zu tun zu haben.

2. Romancier

Der Verfasser von „Harold Ramorez“ und ähnlichen Werken steckte sich eine Strohalm-Zigarette in Mund, setzte sich bequem hin, lehnte den Rücken an die Wand und platzierte seine rechte Schulter genau unter der Laterne. Er zog die Knie an, um das Notizbuch darauf abzustützen, blätterte zu einer leeren Seite und schrieb langsam und mit feierlichem Ernst:

„KAPITTEL DAS SECHSTE“

Dann zog er ein Taschenmesser hervor und begann grübelnd, mit auf die inneren Bilderwelten gerichteten Blicken, seinen Bleistift zu spitzen. Anschließend streckte er einen Fuß aus und rieb gedankenverloren Dukes Rücken mit der Seite seines Schuhs. Bei Penrod kam das Schaffen nicht als göttlicher Funke zur Welt, sondern musste sich mühsam aus der Tiefe emporarbeiten – doch schließlich begann er zu schreiben. Zuerst sehr langsam, dann immer schneller, der Fluss beschleunigte sich, das Fieber packte ihn, und zuletzt loderte das wahre Feuer auf – jenes Feuer, das jede echte Literaturlampe braucht, um zu brennen.

Mr. Wilson griff nach seiner Pistole, doch unser Held hatte ihn schon im Visier und sagte nur: „Du glaubst doch nicht, dass du mit sowas bei mir durchkommst, Freundchen.“

„Ach ja?“ höhnte der andere und biss sich so wütend auf die Lippe, dass das Blut lief. „Du bist doch bloß ein stinknormaler Straßenräuber! Von dir lass ich mich nicht unterkriegen!“

Ramorez lachte nur und behielt Mr. Wilson weiterhin mit seiner Automatik im Visier.

Bald rangen die beiden Männer in Todesqualen miteinander, doch schließlich hatte Mr. Wilson ihn gefesselt und geknebelt und ließ ihn allein zurück. Es war dunkel, und unser Held wand sich auf dem Boden, während Ratten aus ihren Löchern kamen und ihn bissen und Ungeziefer aus den Tiefen dieses höllischen Ortes über ihn kroch. Doch schließlich schob er mit der Zungenspitze den Knebel aus dem Mund und befreite sich vollständig von seinen Fesseln.

Da kam Mr. Wilson zurück, um sich über seine hilflose Lage lustig zu machen – und mit ihm seine Bande von Ordnungshütern. Sie lachten Ramorez aus und verspotteten ihn: „Na schau dir den Ramorez an! Der hat mal große Töne gespuckt – und jetzt schau! Ich möchte nicht in seiner Haut stecken!“

Ramorez aber hatte die Fesseln nur wieder angelegt, damit sie glaubten, er sei noch gebunden. Nun sprang er auf, die Augen blitzend, schleuderte die Seile von sich wie Staub und rief: „Ha! Vielleicht redet ihr nächstes Mal nicht ganz so viel!“

Es entbrannte ein furchtbarer Kampf. Ramorez entriss Mr. Wilson seine Waffe zurück und erschoss zwei der Wachleute mitten ins Herz. „Peng, peng!“ machte die Automatik, und zwei weitere fuhren hin, ihrem Schöpfer entgegen. Nun waren nur noch zwei übrig – einen stach unser Held nieder, und der Schuft verreckte elendig, denn jetzt kämpfte Ramorez um sein nacktes Leben.

Es war Nacht geworden, und der Anblick war grauenhaft: Blut überall, und die Ratten fraßen bereits die Toten.

Ramorez drängte sich mit dem Rücken zur Wand – er kämpfte um alles. Dann traf er Mr. Wilson mitten in den Bauch.

„Oh… du… — — —“ (Die Striche stammen von Penrod.)

Mr. Wilson taumelte zurück, fluchend, gezeichnet vom Schmerz.

„Ich krieg dich noch… Ramorez… du… — — —“

Der letzte verbliebene Schuft hatte eine Axt und schwang sie knapp an unserem Helden vorbei – sie blieb in der Wand stecken. Ramorez hatte keine Munition mehr – was nun? Der Schurke wollte die Axt gleich wieder freibekommen, da stürzte sich unser Held auf ihn und biss ihn, bis seine Zähne im Fleisch aufeinandertrafen. Denn jetzt kämpfte er für sein Leben.

Der Schuft schrie auf und fluchte wild: „Du — — — Ramorez! Warum beißt du mich?!“

„Ja!“, höhnte Mr. Wilson, „und mir hat er in den Bauch geschossen, der — — —!“

Nun fluchten beide im Chor und beschimpften ihn: „Du — — — was willst du eigentlich?! Glaubst wohl, du bist was Besseres, Ramorez! Dabei bist du — — — — — —!“

Unser Held hielt es nicht länger aus.

„Wenn ihr euch benehmen könntet wie anständige Leute“, sagte er, „dann hätte ich euch nichts getan. Eure gemeine Ausdrucksweise schadet nur euch selbst, wenn ihr demnächst vor euren Schöpfer tretet. Ich denke, das reicht für heute – und ich hoffe, ihr habt eure Lektion gelernt. Versucht nie wieder, euch mit Harold Ramorez anzulegen.“

Mit höhnischem Lachen zündete er sich eine Zigarette an, nahm die Schlüssel zur Zelle aus Mr. Wilsons Tasche – und ging.

Mr. Wilson und der verwundete Wachtmann verbanden notdürftig ihre Wunden, rappelten sich hoch und fluchten: „Diesen Halunken schnappen wir! Und wenn wir dafür hängen müssen – er entkommt uns kein zweites Mal, der niederträchtige — — —!“

KAPITTL DAS SIEBENTE

Eine Maultierkarawane mit Gold aus den Minen schlängelte sich durch die höchsten Klüfte und Schluchten der Rocky Mountains. Ein großer Mann mit seidigem Schnurrbart und Patronengurt fluchte abscheuliche Flüche, denn er wusste: Hier, genau hier, lauerte Harold Ramorez.

„Ihr verdammten — — — Maultiere!“, höhnte er. „Ich zeig’s euch, ihr — — —! Ich prügle euch so durch, dass ihr eine Woche lang nicht gehen könnt, ihr miesen alten — — — — —!“

Kaum waren diese Worte verhallt, da—

„PENROD!“

Es war die Stimme seiner Mutter, vom hinteren Verandatreppchen her.

Gleichzeitig begannen in nah und fern die Mittagssirenen zu heulen – und der Romanautor in der Sägemehlkiste, jäh aus den hohen Pässen über den Wolken gerufen, hielt mitten im Satz inne. Der Bleistift blieb zwischen Lippe und Knie in der Schwebe. Seine Augen glänzten; ein seliger Ausdruck lag in seinem Blick. Während des Schreibens war seine Last leichter geworden – selbst der Gedanke an Mrs. Lora Rewbush war fast verflogen; und besonders, als er (wenn auch nur durch züchtige Striche) die empörten Reaktionen von Mr. Wilson, dem verletzten Detektiv und dem schnurrbärtigen Maultiertreiber schilderte, fühlte er sich merkwürdig erleichtert in Bezug auf den Kind-Sir Lancelot. Insgesamt sah er aus wie ein besserer und heiterer Junge.

„Pen-rod!“

Der verzückte Ausdruck verflog langsam. Er seufzte, aber rührte sich nicht.

„Penrod! Wir essen heute früher, damit du genug Zeit hast, dich für das Schauspiel umzuziehen. Beeil dich!“

In Penrods Hochsitz herrschte Stille.

„Pen-rod!“

Mrs. Schofields Stimme klang näher – ein drohendes Herannahen. Penrod raffte sich auf, blies die Laterne aus und rief klagend: „Ja doch, ich komm doch schon so schnell ich kann!“

„Dann beeil dich auch!“, tönte es zurück, und man hörte, wie die Küchentür zufiel.

Träge machte sich Penrod daran, sein Haus in Ordnung zu bringen.

Er legte Manuskript und Bleistift zurück in die Zigarrenkiste, vergrub sie sorgfältig im Sägemehl, stellte Laterne und Ölkanne zurück in die Seifenkiste, bereitete den Aufzug für Duke vor und lud den ergebenen Hund mit unmissverständlichem Tonfall ein, einzusteigen.

Duke streckte sich wohlgelaunt, tat so, als höre er nichts – und als diese Pose schließlich so durchsichtig wurde, dass selbst ein Hund sie nicht länger aufrechterhalten konnte, setzte er sich in eine Ecke, wandte seinem Herrn den Rücken zu, das Haupt aufrecht zwischen den sich treffenden Wänden: eine Pose, die bei Hunden das Äußerste ausdrückt – den Inbegriff unbeweglicher Verweigerung.

Penrod kommandierte, tobte, versuchte es mit Milde, mit Honigworten und verlockenden Versprechen. Duke warf ihm nach hinten einen Blick zu – sonst regte er sich nicht. Die Zeit verstrich. Penrod versuchte Schmeichelei, dann sogar unechte Zärtlichkeit – schließlich platzte er heraus mit Drohungen.

Doch Duke blieb reglos, eingefroren in seiner großen Geste unversöhnlicher Verzweiflung.

Ein Schritt erklang an der Tür des Lagerraums.

„Penrod, komm sofort da aus dieser Kiste raus!“

„Ma’am?“

„Bist du wieder in dieser Sägemehlkiste?“ – Da sie eben noch seine Stimme aus ebendieser Kiste gehört hatte und sowieso wusste, dass er dort war, war ihre Frage wohl rein rhetorischer Natur. „Denn wenn du da drin bist“, fuhr sie sofort fort, „dann werde ich deinen Vater bitten, dir das Spielen dort endgültig zu verbieten—“

Penrods Stirn, seine Augen, die Ohren und ein Großteil seiner Haare erschienen am Rand der Kiste. „Ich spiel doch gar nicht!“, rief er entrüstet.

„Was machst du dann?“

„Ich komm doch grad runter“, sagte er in leidend-geduldigem Ton.

„Dann tu’s auch!“

„Ich hab Duke hier. Ich kann ihn doch nicht einfach hier drin verhungern lassen, oder?“

„Dann reich ihn mir über den Rand. Ich—“

„Ich krieg ihn schon runter“, entgegnete Penrod. „Ich hab ihn ja auch hochgekriegt, also werd ich’s wohl auch wieder schaffen!“

„Dann mach’s endlich!“

„Wenn du mich in Ruhe lässt! Geh einfach wieder ins Haus, und ich versprech, ich bin in zwei Minuten da. Ehrenwort!“

Er legte alles Dringliche in seine Stimme, und seine Mutter wandte sich zum Gehen. „Wenn du in zwei Minuten nicht da bist—“

„Bin ich!“

Nach ihrem Fortgang hielt Penrod noch eine letzte flammende Rede an Duke, packte ihn dann missmutig, warf ihn in den Korb, rief streng: „Erdgeschoss! Bitte zurücktreten, meine Dame – alles bereit, Jim!“, und ließ Hund samt Korb zu Boden.

Duke sprang in überschwänglicher Erleichterung heraus und überschüttete seinen Herrn mit frenetischer Zuneigung, als dieser aus der Kiste glitt.

Penrod klopfte sich notdürftig den Staub ab, mit einem Anflug von Zufriedenheit – getrübt zwar durch den bevorstehenden Nachmittag, doch spürbar: Er hatte das Gefühl, einer Sache treu geblieben zu sein. Der Betrieb des Aufzugs war nicht sündhaft, und – wenn man von Dukes Nerven absieht – auch völlig harmlos; doch Penrod hätte ihn niemals vor seiner Mutter oder einem anderen Erwachsenen vorführen können. Die Gründe für diese Heimlichkeit blieben unbestimmt – zumindest hätte Penrod sie nicht benennen können.

3. Das Kostüm

Nach dem Mittagessen machten sich seine Mutter und seine Schwester Margaret – ein hübsches Mädchen von neunzehn Jahren – daran, ihn für das Opfer herzurichten. Sie stellten ihn ans Fenster von Mrs. Schofields Schlafzimmer und taten mit ihm, was ihnen beliebte.

In den ersten Qualen des Ankleidens blieb er stumm, leidvoller als ein Kalb im Schlachthof; aber wer Augen zu lesen verstand, hätte in seiner Seele bereits die ersten Symptome eines düsteren Aufbegehrens erkannt. Bei einer Probe (noch in Zivil) im Beisein von Müttern und älteren Schwestern hatte Mrs. Lora Rewbush erklärt, sie wünsche die Kostüme „so mittelalterlich und künstlerisch wie möglich“. Im Übrigen – insbesondere in Detailfragen – überlasse sie die Gestaltung voll und ganz dem guten Geschmack der Eltern. Mrs. Schofield und Margaret waren keine Archäologinnen, doch sie wussten: Ihr Geschmack stand dem anderer Mütter und Schwestern in nichts nach. Mit vollster Zuversicht hatten sie Penrods Kostüm geplant und umgesetzt; ihr einziger Zweifel galt der Kooperationsbereitschaft des Kind-Sir Lancelot selbst.

Zunächst musste er sich mit Nachdruck waschen. Dann verhüllten sie seine Beine mit einem Paar Seidenstrümpfen, die einst blau gewesen waren, inzwischen aber einen eher blässlich-weißlichen Farbton angenommen hatten. An Penrods Beinen übertraf ihre Weite deutlich das Maß des Nötigen – aber sie waren lang, und mit ein wenig Fantasie konnte man sie als Leggins durchgehen lassen.

Der Oberkörper wurde sodann mit einem Kleidungsstück bedeckt, das in seiner Eigenart schwer zu beschreiben ist. Im Jahr 1886, damals noch unverheiratet, hatte Mrs. Schofield auf ihrem Debütball ein Kleid aus leuchtend lachsfarbener Seide getragen. Es war nach ihrer Hochzeit mehrfach umgearbeitet worden, um diversen Moden zu entsprechen, bis ein letzter, wenig gelungener Versuch in einer Färberei es in einen Zustand versetzte, der jede Trägerin zuverlässig in den Mittelpunkt rückte. Mrs. Schofield hatte erwogen, es der Köchin Della zu überlassen, aber darauf verzichtet – man wusste nie, wie Della auf so etwas reagierte, und gute Köchinnen waren rar.

Vielleicht war es das Wort „mittelalterlich“ (wie Mrs. Lora Rewbush es so kunstvoll ausgesprochen hatte), das den Impuls zur letzten Nutzung gegeben hatte. Jedenfalls fand das Oberteil jenes einst lachsfarbenen Kleides – leicht abgewandelt und entschärft – nun seinen gesellschaftlichen Abschiedsauftritt auf Rücken, Brust und Armen des Kind-Sir Lancelot.

Der so bekleidete Bereich endete auf Taillenhöhe, ließ also eine eher unschickliche und wenig mittelalterliche Lücke zwischen Leib und Strümpfen. Doch der erfinderische Genius der Weiblichkeit überbrückte auch diese Kluft – wenn auch auf eine Weise, die der Geschichtsschreibung schwer zumutbar ist. Penrods Vater war ein altmodischer Mann; das zwanzigste Jahrhundert hatte seinen Glauben an rote Flanellunterwäsche für den Winter nicht erschüttern können. Als Mrs. Schofield gerade dabei war, eben jene Winterwäsche einzumotten, fiel ihr auf, dass eines der älteren Exemplare hoffnungslos eingelaufen war – und gleichzeitig ereilte sie eine Eingebung: Aus dem guten Stück ließ sich eine Art „Kurz-Hose“ für Sir Lancelot zaubern. Sie schnitt die Beine weitgehend ab, kehrte das Kleidungsstück vorn und hinten um, nähte silberne Borten über die Nähte – und war überzeugt, dass kein Mensch seine Herkunft erraten würde. Farblich passte das Ergebnis sogar hervorragend zum Mittelalter.

Nachdem Penrod das Stück angelegt hatte, befestigte man die Strümpfe mit Sicherheitsnadeln daran – aus einiger Entfernung kaum zu sehen. Danach, unter strikter Ermahnung, sich keinesfalls zu bücken, schlüpfte Penrod in seine Tanzschul-Slipper – Lackschuhe, nun mit großen rosa Schleifen versehen.

„Wenn ich mich nicht bücken darf“, knurrte er grollend, „wie soll ich dann knien im Schau—“

„Das wirst du schon hinkriegen!“ – dieser durch Stecknadeln hindurch gepresste Satz musste als Antwort auszureichen.

Dann umrahmten sie seinen schlanken Hals mit etwas Rüschenstoff, steckten hier und da willkürlich Schleifen an, und Margaret puderte ihm das Haar dick mit weißem Puder.

„Ja, das passt perfekt“, sagte sie, als ihre Mutter zweifelnd fragte. „In der Kolonialzeit haben sie sich immer die Haare gepudert.“

„Aber das war doch viel später als Sir Lancelot“, wandte Mrs. Schofield sanft ein. „Der war doch bestimmt noch lange vor der Kolonialzeit.“

„Das merkt doch keiner – am allerwenigsten Mrs. Lora Rewbush“, beruhigte Margaret sie. „Ich glaube sowieso nicht, dass sie viel Ahnung davon hat – aber sie schreibt natürlich wundervoll, und die Verse im Schauspiel sind einfach wunderschön. Steh still, Penrod!“ (Der Autor von Harold Ramorez hatte sich krampfartig bewegt.) „Und überhaupt, gepudertes Haar steht jedem. Schau ihn dir an – man würde gar nicht glauben, dass das Penrod ist!“

Der Stolz und die Bewunderung, mit denen sie diese unbestreitbare Wahrheit aussprach, hätten taktlos wirken können – aber Penrod, kein sonderlich analytischer Geist, fühlte sich tatsächlich ein wenig aufgerichtet. Kein Spiegel war in seinem Sichtfeld, und auch wenn man ihn vor einer Woche flüchtig vermessen hatte, war ihm das Kostüm bis dahin völlig fremd gewesen. Allmählich formte sich ein recht angenehmes Bild in seinem Kopf – irgendwo zwischen einem Porträt von George Washington und einer lebhaften Erinnerung an Miss Julia Marlowe in einer Nachmittagsvorstellung von ‚Was ihr wollt‘.

Seine Stimmung besserte sich zusätzlich durch ein Schwert, das sie sich von einem Nachbarn geliehen hatten, der Ritter der Pythias war. Schließlich wurde ihm noch ein Mantel umgelegt – Margarets alter Golfumhang. Er war mit zahlreichen weißen Wattebäuschchen versehen, dazu ein großes rotes Flanellkreuz, inspiriert von einem Kreuzritterbild in einer Zeitungsanzeige. Der Mantel wurde mit großen Sicherheitsnadeln an Penrods Schulter befestigt – genauer gesagt an der Schulter des ehemals lachsfarbenen Mieders – und so drapiert, dass er bis zu den Fersen reichte, dabei jedoch die glanzvolle Vorderseite nicht verdeckte. Endlich durfte Penrod vor einen Spiegel treten.

Es war ein Ganzkörperspiegel – und das Unheil nahm sofort seinen Lauf. Vielleicht wäre der Schock weniger heftig gewesen, hätte Penrod sich nicht zuvor ein derart idealisiertes Bild gemacht. Doch so, wie es war, folgte ein Ausbruch von geradezu vulkanischer Wucht.

Victor Hugos Schilderung des Kampfes mit dem Teufelsfisch in ‚Die Arbeiter des Meeres‘ lässt vermuten, dass er – hätte er länger gelebt und an Kraft gewonnen – in der Lage gewesen wäre, die halbe Stunde zu schildern, die auf Penrods ersten Anblick seiner selbst als Kind-Sir Lancelot folgte. Doch nicht einmal Mr. Wilson, dieser schurkische, doch wortgewaltige Widersacher von Harold Ramorez, hätte mit all seinen Fluchstrichen die Gefühle ausdrücken können, die Penrods Brust erfüllten, als ihm klar wurde, dass seine eigene Familie ihn dazu ausersehen hatte, sich öffentlich in den Strümpfen seiner Schwester und Teilen eines alten Kleides seiner Mutter zum Gespött zu machen.

Für ihn war nichts davon irgendwie verkleidend – es schien ausgeschlossen, dass nicht die ganze Welt diese Dinge auf den ersten Blick erkannte. Die Strümpfe waren das Schlimmste. Man hatte ihm versichert, dass sie nicht wiederzuerkennen seien, aber im Spiegel war er überzeugt, dass kein menschliches Auge den Unterschied übersehen konnte. Falten, Beulen, Leiern – sie schrien ihre Geschichte mit hundert Stimmen heraus, als wollten sie ein Erdbeben, eine Sonnenfinsternis und den Weltuntergang herbeirufen. Die endgültige Kapitulation des verzweifelten Jungen erfolgte erst nach einem schmerzhaften Telefonat mit seinem Vater – jener war von der erschöpften Mrs. Schofield zu Hilfe gerufen worden, um den widerspenstigen Sohn per Fernleitung zu bezwingen.

Nach diesem Kraftakt beeilten sich die beiden Damen, Penrod endlich in die Obhut von Mrs. Lora Rewbush zu übergeben – nicht ohne sich, unterwegs, mit leisem Stolz darüber auszutauschen, dass er die Herkunft jenes dienstbaren, aber bescheidenen väterlichen Kleidungsstücks, das nun so leuchtend um seine Lancelot-Hüfte glänzte, nicht erkannt hatte.

Alles in allem empfanden sie das Kostüm als gelungen. Penrod glich keiner Vorstellung, die Sir Thomas Malory oder Alfred Tennyson je gehabt hätten – eigentlich glich er überhaupt nichts, was je auf Erden erdacht worden war. Doch als Mrs. Schofield und Margaret schließlich ihre Plätze im Publikum des Frauenkunst- und Gildesaals einnahmen, wurde ihre Nervosität in Bezug auf Penrods baldige Darbietung als Redner und Darsteller durch ein Gefühl besänftigt: dank ihrer Mühen war sein äußeres Erscheinungsbild jedenfalls eine Zierde für die Familie.

4. Verzweiflung

Das Kind-Sir Lancelot fand sich in einem großen Vorraum hinter der Bühne wieder – ein Raum voller aufgeregter Kinder, allesamt ungefähr gleich mittelalterlich und künstlerisch kostümiert. Penrod war weniger auffällig, als er selbst glaubte, doch so sehr mit seiner eigenen Scham beschäftigt – innerlich gerüstet für den ersten unausweichlichen Spott über die Strümpfe seiner Schwester –, dass er nicht bemerkte, wie viele andere sich in ebenso heikler Verfassung befanden. Kaum eingetreten, zog er sich in eine Ecke zurück, öffnete dort seine Mantelbefestigung an den Schultern und wickelte das Kleidungsstück so um sich, dass es seine übrige Aufmachung verhüllte. Das brachte vorübergehende Erleichterung, steigerte aber zugleich sein Grauen vor dem Moment, da er – wie es der Ablauf des „Schauenspiels“ verlangte – das schützende Gewand abwerfen müsste.

Auch einige der anderen kindlichen Ritter hielten ihre Mäntel dicht um sich geschlossen. Einige wenige beneidete Glückliche jedoch ließen prunkvolle Stoffe von den Schultern wehen, schwelgten in Kostümen aus dem Fundus professioneller Kostümverleiher – während ein oder zwei Paradebeispiele elterlicher Verwöhnung das Maß des Erträglichen sprengten. Besonders ins Auge fiel Maurice Levy, das Kind-Sir Galahad. Dieses eingebildete Persönchen zog mit lautem Getöse durch den Raum, um überall zu verkünden, dass der beste Schneider der Stadt gegen ein stattliches Honorar persönlich sein Kostüm angefertigt habe. Es bestand aus blauen Samthosen, einer weißen Satinweste und einem elegant geschneiderten Frack mit Perlmuttknöpfen. Vollendet wurde dieser mittelalterlich-künstlerische Triumph durch einen Mantel aus gelbem Samt und weißen Stiefeletten mit goldenen Quasten.

Mitten in seinem strahlenden Auftritt hielt Maurice inne und wandte sich an Penrod. Sofort bildete sich eine Halbkreis-Zuschauerschar kleiner Mädchen – denn Weiblichkeit folgt stets dem Glanz.

„Was hastn du da drunter an?“ fragte Mr. Levy, nachdem er seine Informationen verbreitet hatte. „Was hastn unter dem ollen Golfmantel?“

Penrod sah ihn kalt an. Normalerweise hätte sich Maurice nicht gewagt, ihn so anzusprechen – er hätte Respekt gehabt, vielleicht sogar Angst. Aber heute war das Kind-Sir Galahad trunken von seiner eigenen Schönheit.

„Was hastn drunter?“ fragte Maurice erneut.

„Ach, nix“, sagte Penrod, mit gespielter Gleichgültigkeit, die sein Nervensystem teuer zu stehen kam.

Der beglückte Maurice fühlte sich berufen, sich auch noch als Witzbold aufzuspielen. „Dann bist du nackich!“ rief er triumphierend. „Penrod Schofield sagt, er hat nix an unterm Golfmantel! Er ist nackich! Er ist nackich!“

Die schamlosen kleinen Mädchen kicherten begeistert – und ein Speer durchbohrte Penrods Innerstes, als er sah, wie Kind-Elaine – die goldenlockige und wunderschöne Marjorie Jones – zu dieser schrecklichen Posse lachte.

Weitere Kinder strömten herbei. „Er ist nackich! Nackiiiich!“ kreischte das Kind-Sir Galahad. „Penrod Schofield is’ nackich! Na-a-a-kich!“

„Pst, pst!“ rief Mrs. Lora Rewbush und drängte sich durch die Gruppe. „Vergesst nicht: Heute sind wir kleine Ritter und Damen. Und die machen keinen solchen Lärm. So, Kinder – wir müssen langsam unsere Plätze auf der Bühne einnehmen. Ist denn jeder da?“

Penrod nutzte die Ablenkung zur Flucht: Er schlüpfte hinter Mrs. Lora Rewbush, und da er gerade in Türnähe stand, öffnete er unbemerkt die Tür, schlüpfte hinaus und zog sie leise hinter sich zu. Er fand sich in einem schmalen, leeren Gang wieder, der zu einer Tür mit der Aufschrift „Hausmeisterzimmer“ führte.

Lodernd vor Empörung, krank vor Schmerz über Marjories süßes, herzloses Lachen, stützte sich Penrod auf ein Fensterbrett und überlegte ernsthaft, ob ein Sprung aus dem zweiten Stock Abhilfe schaffen könnte. Einer der Gründe, warum er es ließ, war sein Wunsch zu leben – um Maurice Levy willen: Schon schmiedete er erzieherische Pläne für das Kind-Sir Galahad.

---ENDE DER LESEPROBE---