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England im 15. Jahrhundert: Ein blutrünstiger Vampir, der in Dämonien, einem sagenumwobenen Ort in den Südkarpaten, sein Unwesen treibt? Das hatten der Waisenjunge Hugo und sein Onkel Walter immer für eine Legende gehalten. Doch eines Abends taucht ein geheimnisvoller Fremder auf und mit ihm eine rätselhafte Landkarte. Die zeigt den Weg nach Dämonien, allerdings ist sie voller Symbole und Geheimschriften. Nur Onkel Walter kann sie entschlüsseln. Als Onkel Walter entführt wird, ist Hugo auf sich allein gestellt. Zum Glück stehen ihm die kleine, tapfere Maus Herkules, die Wahrsagerkatze Kristall und der Wolfsmensch Lupus zur Seite!
Mit viel Witz, Charme und originellen Einfällen erzählt Rob Stevens von fernen Ländern, dunklen Mächten und einem unerschrockenen Jungen, der jeder Gefahr ins Auge sieht.
Ein komisches und spannendes Action-Abenteuer.
Nach dem Erfolg von "Perdido - Das Amulett des Kartenmachers" ein neues spannendes Abenteuer um Hugo, Onkel Walter und die sprechende Maus Herkules.
Perdido - Das Amulett des Kartenmachers auf der Shortlist des Waterstone's Children's Book Prize.
Perdido - Das Amulett des Kartenmachers vom Leseclub Bücherfresser (Fulda) zum Siegerbuch Sommer 2009 gewählt worden.
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2010
Rob Stevens
Im Bann des Vampirjägers
Aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung
Boje Digital
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG erschienenen Werkes
Boje Digital in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG
© für die deutschsprachige Ausgabe 2010 Boje Verlag in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, Köln
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Die englische Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel
»The Mapmaker’s Monsters – Vampanther Attack!«
bei Macmillan Children’s Books, London
Aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung
Umschlaggestaltung, Umschlagillustration und Vignetten: zeichenpool, München
Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH
ISBN 978-3-8387-0676-4
Sie finden uns im Internet unterwww.boje-verlag.deBitte beachten Sie auch: www.lesejury.de
Marcello schlich geduckt, die Schultern an die kalte Wand gedrückt, durch den schummrigen Flur. Dabei hielt er den Blick fest auf das Ende des Ganges gerichtet, wo eine hoch aufragende, vermummte Gestalt vor einer wuchtigen Tür Wache hielt. Im Schutz des Halbdunkels wagte sich Marcello bis auf Armeslänge an den nichts ahnenden Posten heran, ließ sich auf ein Knie nieder und wartete.
Er war fest überzeugt, dass sich das Gesuchte hinter der Tür befand, und er würde nicht eher fortgehen, bis er sich mit eigenen Augen davon überzeugt hatte. Über eine Stunde lang verharrten sowohl Marcello als auch der Wachposten in völliger Reglosigkeit. Marcello vernahm keinen Laut, hörte nur das Blut in seinen Ohren rauschen, bis auf einmal …
»Barbarus!«
Die barsche Stimme kam aus dem Raum hinter der Tür. Der Posten fuhr zusammen und stieß einen ärgerlichen Laut aus, weshalb er nicht hörte, dass Marcello erschrocken nach Luft rang.
»Ja, Herr?«
»Komm unverzüglich her!«
Der Posten rührte sich nicht vom Fleck und legte fragend die bleiche Stirn in Falten.
»Das bedeutet sofort, du Dummkopf!«
»Sag das doch gleich«, brummelte der Posten gedämpft und verdrehte die roten Augen. Laut antwortete er: »Sehr wohl, Herr!«
Die massive Tür quietschte in den Angeln, als der Posten sie aufdrückte, den dahinterliegenden Raum betrat und die Tür hinter sich zuwarf. Marcello ergriff die Gelegenheit beim Schopf, hastete hinterher und stellte seinen Tornister in den Spalt, bevor sich die Tür ganz schloss. Dann spähte er mit angehaltenem Atem durch den Spalt.
Die wenigen Wandfackeln erleuchteten den Raum nur spärlich und warfen flackernde Schatten an die hohe, gewölbte Decke. Es war kaum heller als draußen im Flur. Mitten im Raum ruhte auf einem hohen Granitsockel ein Steinsarkophag, in den fremdartige Schriftzeichen eingemeißelt waren. An der gegenüberliegenden Wand stand ein hochlehniger Sessel. Außer dem Posten war kein Mensch zu sehen.
Marcello beobachtete den Mann gespannt.
»Guten Abend, Exzellenz«, grüßte der Posten. »Habt Ihr ausgeschlafen?«
Daraufhin setzte sich in dem offenen Sarg jemand auf. Marcello schlug die Hand vor den Mund, damit man nicht hörte, wie er abermals nach Luft rang.
»Ja. Danke der Nachfrage. Wie spät ist es?«
»Fast Mitternacht.«
Wie der Posten war auch die Gestalt im Sarkophag in einen schwarzen Umhang gehüllt. Der hohe Kragen verdeckte das Gesicht, das Marcello sein Profil zuwandte, nahezu vollständig. Der obere Teil des Kopfes, der kaum über den Kragen hinausragte, war mit kurzem schwarzen Fell bewachsen und mit zwei flauschigen schwarzen Ohren ausgestattet. Am Ende der schwarzen Schnauze sah man gerade noch eine blanke schwarze Nase aufblinken.
»Ich habe Durst!«, blaffte das Scheusal. »Hol mir was zu trinken! Und wehe dir, es ist nicht frisch gepresst!«
»Sehr wohl, Herr Graf!«
»Ich brauche dir ja wohl nicht zu erzählen, was mit deinem Vorgänger passiert ist, der mir heimlich ein Glas im Keller gezapft hat.«
Um der Warnung Nachdruck zu verleihen, griff das Scheusal beim Reden in den Sarkophag, holte ein Schwert heraus und schwenkte es in den schwarzen Pranken. Trotz der schlechten Beleuchtung konnte Marcello erkennen, dass der Schwertknauf aus einem einzigen riesigen Diamanten geschnitten war.
Diesmal war deutlich zu vernehmen, wie er nach Luft schnappte.
Er wartete nicht ab, ob ihn die beiden gehört hatten. Er griff sich seinen Tornister und rannte zur Wendeltreppe am anderen Flurende.
Als er aus dem Schloss ins Freie stürmte, hinterließ er im frisch gefallenen Schnee tiefe Fußstapfen. Bestimmt waren ihm die Verfolger bereits auf den Fersen. Er rannte am Ufer des zugefrorenen Sees entlang und drehte sich erst um, als er die gegenüberliegende Seite erreicht hatte.
Er sah niemanden.
»Ganz ruhig, Marcello«, sprach er sich im Flüsterton Mut zu. »Die Luft ist rein.«
Um wieder zu Atem zu kommen, kniete er sich kurz hin. Die Kälte stach ihm bei jedem Luftholen in die Brust. Er schaute über den See zum Schlosstor hinüber und versuchte zu begreifen, was seine jüngste Entdeckung zu bedeuten hatte, aber er war so aufgeregt und der Schreck saß ihm immer noch derart in den Gliedern, dass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Schon seit vielen Jahren waren immer wieder einmal Abenteurer auf die Suche nach dem Schwert gegangen, aber keiner hatte es je entdeckt – zumindest war keiner von einer solchen Unternehmung zurückgekehrt.
Rasch nahm er einen Schluck Wasser aus dem ledernen Trinkbeutel, stöpselte ihn wieder zu und hängte ihn um. Dann holte er eine Landkarte und einen Stift aus dem Tornister, faltete die Karte auf und kritzelte drauflos.
»Scheißkälte!«, schimpfte er, auch wenn ihm bewusst war, dass seine Hände nicht deswegen zitterten.
Er faltete die Karte wieder zusammen, steckte sie weg und stand auf. Im Laufschritt hielt er auf den schmalen Pfad zu, der hinauf zur Hügelkuppe führte. Der pralle Trinkbeutel schlug ihm bei jedem Schritt rhythmisch gegen die Hüfte wie ein stetig schlagendes Herz.
Marcello war oben auf dem Hügel angekommen und wähnte sich bereits in Sicherheit, glaubte schon, auf dem Rückweg nach Lovdiv könne ihm nichts mehr passieren, da packte ihn jäh und unerwartet eine eiskalte Angst. Er fuhr herum und erkannte sofort, dass er verloren war.
»Ciao, Signor Blanco.« Er rang sich ein schiefes Lächeln ab. »Ich hab nichts Böses gemacht. Hab dem Schloss nur einen kurzen Besuch abgestattet.«
Doch der Wachposten packte ihn blitzschnell mit beiden Händen am Kragen und hob ihn hoch.
»Niemand stattet diesem Schloss einen Besuch ab!«, knurrte er.
»Wenn alle Besucher so empfangen werden, wundert mich das nicht«, entgegnete Marcello heiser.
»Du bleibst jetzt hier.«
»Ich würde furchtbar gern zum Abendessen bleiben«, gab Marcello mit zittriger Stimme zurück, »aber ich habe leider schon etwas anderes vor. Vielleicht ein andermal … sagen wir, wenn die Hölle zugefroren ist?«
Auf den bleichen Schläfen des Postens zeichneten sich kleine blaue Adern ab. Er packte fester zu und drückte Marcello die Luft ab.
»Es heißt, dass euresgleichen ziemlich hässlich ist«, krächzte Marcello trotzig, »aber das stimmt nicht. Ihr seid abstoßend hässlich.«
»Was unsere Grausamkeit betrifft, sind die Gerüchte jedenfalls nicht übertrieben.«
»Aha … gut zu wissen! Was wollen Sie denn nun eigentlich von mir?«
»Mein Herr hat Durst.«
»Sagen Sie das doch gleich. Hier ist mein Wasserbeutel, bedienen Sie sich!«
»Haha.« Der Posten verzog die blauschwarzen Lippen zu einem boshaften Grinsen.
Marcello spürte seine Lebenskräfte schwinden. Er streifte den Tornister ab und schleuderte ihn weit fort. Der Tornister segelte lautlos durch die Luft und über den zerklüfteten Rand des Abgrunds. Der Schulterriemen flatterte wie eine Papierschlange im Wind, dann war der Tornister nicht mehr zu sehen. Mit letzter Kraft schlug und trat Marcello um sich, doch schon wurden seine Arme schlaff, seine Beine baumelten in der Luft und sein Herz hörte auf zu schlagen.
Hugo Bailey stand am Kai und wartete darauf, dass das nächste Schiff Segel setzte. Eigentlich sollte er die Stadtpläne verkaufen, die sein Onkel Walter als Andenken für Reisende anfertigte, aber er hatte den Tag hauptsächlich damit zugebracht, sehnsüchtig aufs Meer hinauszuschauen.
»Das hier segelt bestimmt nach Indien«, sagte er halblaut vor sich hin. Eine leichte Brise zauste ihm den widerspenstigen Blondschopf.
Er stellte sich vor, wie er an der Reling stand und wie das Schiff über die Wogen des Ozeans hüpfte, von den geblähten Segeln in Richtung ferner, unbekannter Länder befördert. Als jetzt ein Matrose mit einer schweren Kiste auf der Schulter auf das Fallreep des Schoners zustapfte, fasste sich Hugo ein Herz und sprach ihn an.
»Entschuldigung, Sir.« Der sommersprossige Junge strahlte den Seebären zahnlückig an. »Wo soll’s denn hingehen? In ein aufregendes fernes Land wie Afrika oder Ostindien?«
Der Mann blieb stehen und drehte sich zu Hugo um. Die Kiste drückte gegen seine Wange, und er erwiderte lachend: »Noch viel aufregender!«
Hugo riss gespannt die blauen Augen auf.
»Unsere Mannschaft geht auf die Suche nach ’ner untergegangenen Kultur … wie heißt sie doch gleich? Ach ja, Grimsby!«
Damit drehte er sich um und marschierte kichernd und unter seiner Last schwankend das Fallreep hoch. Hugo verdrehte belustigt die Augen.
Ganz in der Nähe hatten sich sechs graubraune Mäuse um ein paar aufgestapelte Holzfässchen versammelt. In ihrer Mitte stand ein weißer Mäuserich mit einem schwarzen Streifen von der Nasenspitze bis zur Schwanzwurzel auf den Hinterbeinen.
Der Mäuserich fiel nicht nur durch seine Fellzeichnung, sondern auch durch seine ungewöhnlich großen, rosafarbenen, unbehaarten Ohren auf. Aber das Ungewöhnlichste an ihm war, dass er seinen Artgenossen eine Ansprache hielt.
»… und dann, ohne dass ich auch nur einen Augenblick um mein eigenes Leben gefürchtet hätte, bin ich dem Büffeloger auf den Kopf geklettert und hab ihm eins über die Rübe gezogen!« Zur Veranschaulichung hieb er mit der geballten Pfote in die Luft. »Ihr müsst euch vorstellen, dass das Ungeheuer fast vier Meter groß war! Aber Körpergröße ist eben nicht alles. Jedenfalls ist das Vieh umgekippt wie ein nasser Sack.«
Der weiße Mäuserich blickte in die Runde. Zwölf schwarze Knopfaugen waren unverwandt auf ihn gerichtet.
»Muss ich noch deutlicher werden? Das Vieh war riesengroß! Ein echtes Scheusal!«
Sechs Schnäuzchen zuckten gespannt.
»Ich meine, das hört man doch schon am Namen: ›Büffel-Oger‹! Ihr wisst ja wohl, dass ein Oger ein grausamer, gefräßiger Riese ist, oder?«
Keine Antwort.
»Soll heißen, wenn ich einen fürchterlichen Büffeloger besiegen kann, braucht ihr euch ja wohl nicht vor Ratten zu fürchten. Und vor Katzen auch nicht. Noch Fragen?«
»…«
»Keine Fragen? Überhaupt keine?«
»…«
»Euch hat’s wohl die Sprache verschlagen, wie?«
Eine Maus scharrte mit dem Pfötchen auf dem Boden.
»Na schön, Jungs. War wirklich nett, sich mit euch zu unterhalten, aber ich muss jetzt weiter. Und nicht vergessen: bloß keine Bange vor Katzen. Im Grunde ihres Herzens sind das alles liebe kleine Miezekätzchen.«
Er legte die Ohren an und flitzte los.
Eine Frau kreischte: »Iiihhh – eine Ratte!«
Hugo beobachtete belustigt, wie die Leute nacheinander die Köpfe drehten, aufschrien und beiseitesprangen. Der kleine Nager kam auf Hugo zugetrippelt, huschte an der Kniebundhose des Jungen hoch und schlüpfte in seine Wamstasche.
Einige der Umstehenden sahen Hugo mit finsteren Mienen nach, als er sich umdrehte und davonschlenderte. Nachdem er sich weit genug von der Menge entfernt hatte, hielt er die Tasche auf und spähte hinein. Zwei schwarze Knopfaugen blinzelten ihn an, ein rosiges, schnurrbärtiges Schnäuzchen zuckte.
»Tag, Herkules!«, begrüßte Hugo seinen Freund. »Mach doch nicht immer so einen Wirbel! Warum kannst du nicht wie andere Mäuse und Ratten unauffällig den Rinnstein entlanghuschen?«
»Weil ich nicht wie andere Mäuse und Ratten bin«, gab Herkules spöttisch zurück. Die beiden hatten sich vor einem Jahr auf einer kleinen, verzauberten Insel mitten im Meer kennengelernt. Seither war Herkules dem Jungen nicht mehr von der Seite gewichen und sein allerbester Freund geworden.
»Schon, aber jedes Mal, wenn du eine Menschenmenge durchquerst, ist es, als würde sich das Rote Meer teilen.«
»Vielleicht war Moses ja in Wirklichkeit eine Maus.«
»Vielleicht hieß er in Wirklichkeit ›Mauses‹!« Hugo lachte und kraulte seinen Freund unterm Kinn. »Und was hast du den ganzen Tag so getrieben?«
»Ach, das Übliche«, erwiderte Herkules. »Mit ein paar Feldmäusen ein Schwätzchen gehalten.«
»Aber du probst hoffentlich nicht wieder den Aufstand, oder?«
»Kann’s mir verkneifen.« Herkules zwinkerte dem Jungen zu. »Trotzdem – die Katzen haben lange genug ein schönes Leben geführt. Ich sehe nicht ein, warum immer wir die Gejagten sein müssen! Höchste Zeit, dass meine verzagten Vettern etwas dagegen unternehmen. Aber die Mäuse in dieser Stadt sind so was von begriffsstutzig – ich könnte ebenso gut Selbstgespräche führen.«
»Vielleicht trauen sie sich bloß vor lauter Bewunderung nicht, das Maul aufzumachen«, meinte Hugo. »Oder es liegt daran, dass die Tiere in diesen Breiten nicht sprechen können.«
Inzwischen war es schon später Nachmittag. Die Budenbesitzer auf dem Marktplatz hatten bereits zusammengepackt. Nur ein einziger Obst- und Gemüsestand war noch da, außerdem eine kleine Schar spielender Jungen. Einer tat so, als stünde er am Schandpfahl, die anderen bewarfen ihn mit matschigem Obst. Hugo blieb kurz stehen und schaute zu.
»Na, wie viele Stadtpläne hast du heute verkauft?«, erkundigte sich Herkules und kletterte auf die Schulter seines Freundes.
»Meinst du insgesamt?«
»Ja.«
»Auch die, die ich schon heute Morgen losgeworden bin?«
»Klar.«
»Keinen einzigen.«
»Keinen einzigen?«
Hugo schüttelte betrübt den Kopf. »Dabei habe ich mir heute solche Mühe gegeben. Ich wollte etwas zu essen einkaufen. Onkel Walter sollte stolz auf mich sein. Aber ich habe wieder den ganzen Tag nur am Hafen gestanden und von Entdeckungsreisen in ferne Länder geträumt.«
»Der Tag ist noch nicht um«, tröstete ihn Herkules. »Ich wette mit dir, dass es dir gelingt, dem nächsten Menschen, der des Weges kommt, einen Stadtplan zu verkaufen.«
»Meinst du das ernst?«
»Todernst.«
Hugo gab sich einen Ruck. »Also gut! Dem Nächsten, der des Weges kommt.«
Herkules stellte die Ohren auf, als er Hufschläge hörte. »Aus dem Weg!«, rief eine herrisch näselnde Stimme. »Bedeutender Edelmann im Anzug! Platz da!«
Noch ehe er den Reiter erblickte, fiel Hugo der überhebliche Tonfall auf. Da kam auch schon Rupert Lilywhite auf den Platz geritten, auf dem Kopf einen breitkrempigen Filzhut mit einer prächtigen hellblauen Feder. Er trug die Nase hoch und eine verächtliche Miene zur Schau. Als sein Ross mit zehn Metern Abstand an den spielenden Jungen vorbeitrabte, wich die Verachtung blankem Entsetzen. »WEG DA!«, kreischte er. »Fasst mich ja nicht an!«
Die Jungen hielten verdutzt inne, und der sonderbare Edelmann ritt ängstlich vorbei und machte einen großen Bogen um den Schandpfahl.
Hugo musste lachen. »Der glaubt wohl, Armut sei ansteckend!«
»Wenn je ein Mensch einen Stadtplan gebraucht hat, dann er«, erwiderte Herkules. »Warum gehst du nicht einfach hin und sagst Guten Tag?«
»Glaubst du, er weiß noch, wer ich bin?«
»Du bist beinahe ein ganzes Jahr mit ihm und seiner Besatzung übers Meer gesegelt. Klar weiß er noch, wer du bist.«
Hugo schwenkte beide Arme.
Rupert Lilywhite hüpfte ungeschickt im Sattel auf und nieder und sah gar nicht hin.
»Er hält nicht an«, sagte Hugo seufzend.
»Das wollen wir doch mal sehen!«, entgegnete Herkules.
Der kleine Mäuserich sprang von Hugos Schulter und flitzte los. Dicht vor den Hufen des Pferdes machte er halt, stellte sich auf die Hinterpfoten, stellte die Ohren auf und quiekte ohrenbetäubend laut. Nun ja … so laut, wie ein kleiner Mäuserich eben quieken kann.
Das Pferd wieherte schrill und bäumte sich auf. Dann drehte es sich im Kreis wie ein Hund, der seinem eigenen Schwanz hinterherjagt, wobei es abwechselnd buckelte und sich wieder hoch aufbäumte. Die Hufe trommelten aufs Kopfsteinpflaster. Rupert reagierte sofort und spontan. Er bot alle seine Reiterkünste auf, klammerte sich mit beiden Armen an den Pferdehals, kniff die Augen zu und rief gellend um Hilfe.
Hugo rannte los und packte das Pferd am Zügel. Das Tier bäumte sich noch ein paarmal auf, allerdings nicht mehr so hoch, dann beruhigte es sich und wieherte freundlich, als Hugo ihm die Kruppe tätschelte.
»Alles in Ordnung, mein Herr?«, erkundigte sich der Junge und spürte, wie Herkules an seinem Wams hochkletterte und wieder auf seiner Schulter Platz nahm.
»Selbstverständlich!«, erwiderte Rupert unwirsch, setzte sich gerade hin und rückte seinen Hut zurecht. »Und jetzt geh mir aus dem Weg, Kleiner!«
»Kennen Sie mich nicht mehr, Herr Admiral?«
Rupert Lilywhite blickte stirnrunzelnd auf den Jungen herunter.
»Warst du das, den ich letzte Woche hier auf dem Markt beim Rübenklauen erwischt habe?«
»Nein, Sir. Ich habe zur Besatzung der El Tonto Perdido gehört. Ich bin der Gehilfe des Kartenmachers.«
»Ach, richtig …«, sagte Rupert zerstreut. »Du heißt Hector, nicht wahr?«
Hugo schüttelte den Kopf.
»Äh, ich meinte ›Henry‹. Auch nicht? Harry? Humphrey? Horace?« Bei jedem Namen wurde Rupert lauter und sein Ton schriller.
»Nein, ich heiße Hugo. Hugo Bailey.«
»Hugo – wusste ich’s doch!«, wiederholte Rupert triumphierend. »Ich habe ein unfehlbares Namensgedächtnis.«
»Kann man wohl sagen«, raunte Herkules seinem Freund ins Ohr. »Er hat alle möglichen Namen im Gedächtnis. Leider hat er vergessen, welcher Name zu wem gehört.«
Hugo täuschte einen Hustenanfall vor, damit Rupert nicht merkte, dass er sich das Lachen verbeißen musste. »Planen Sie schon eine neue Entdeckungsreise, Herr Admiral?«, erkundigte er sich.
Rupert strich sich mit dem behandschuhten Zeigefinger das Schnurrbärtchen und lächelte blasiert. »Nun ja, Hubert«, erwiderte er, »wer so ein bedeutender Entdecker ist und solche bedeutenden Entdeckungen gemacht hat wie ich, dessen Tatendrang und Abenteuerlust sind irgendwann gestillt.«
»Aber Sie haben doch erst eine einzige Entdeckungsreise unternommen«, sagte Hugo verwundert.
Darauf ging Rupert nicht weiter ein. »Ich vergleiche das Leben gern mit einer Obstschüssel. Es gilt viele verschiedene Früchte zu kosten. Mal ist einem nach Äpfeln, dann wieder nach Trauben.«
»Und manche Leute haben einen Sprung in der Schüssel«, raunte Herkules.
»Ich will ja nicht überheblich klingen, aber es lässt sich nun mal nicht leugnen, dass ich der größte Entdecker meiner Zeit bin, der größte Entdecker in meiner ganzen Familie, wenn man meinen Vetter und mich vergleicht. Aber mein Vetter hat lange genug in meinem Schatten gestanden, und darum hänge ich nunmehr mein Entdecker…, äh, Sternmessdingsbums an den Nagel und lasse ihn ans Steuer.«
»Und? Bricht Ihr Vetter bald zu einer Reise auf?«, fragte Hugo gespannt.
»Ach, nur über den Ärmelkanal. Dann geht es auf dem Landweg weiter nach Osten. Er hofft, irgendwann nach China zu gelangen. Morgen Mittag segelt er los. Warum er allerdings derart früh am Tag aufbrechen muss, ist mir unverständlich.« Rupert verzog das Gesicht. »Wie dem auch sei, ich muss jetzt weiter. Mein Vater veranstaltet heute Abend ein Festessen, um Sebastian zu verabschieden, und ich will mir die Hummersuppe nicht entgehen lassen.«
Rupert zog an den Zügeln, das Pferd machte kehrt und trabte davon.
»Halt, Herr Admiral!«, rief ihm Hugo nach. »Wenn Sie zu Ihrem Vater wollen, reiten Sie in die falsche Richtung.«
Rupert brachte das Pferd zum Stehen und schaute verunsichert auf die vielen engen Gassen, die sternförmig vom Marktplatz abgingen. »Himmel!«, sagte er. »Ich habe völlig die Orientierung verloren. Wahrscheinlich, weil Bessie so ein Theater gemacht hat. Das passiert mir sonst eigentlich nie!«
Hugo witterte seine Chance. »Möchten Sie mir vielleicht einen Stadtplan abkaufen?«, fragte er und hielt Rupert den Stadtplan mit schwungvoller Geste hin. »Kostet nur zwei Groschen, und Sie werden sich in Zukunft immer und überall zurechtfinden!«
Hugo stand vor dem Marktstand und hielt die beiden Münzen in der Faust. Herkules klammerte sich mit den Pfötchen an seinen Ärmel. Seine Barthaare bebten, als er hungrig den Obstduft einsog. Der Händler, ein großer Mann mit dickem Bauch und wulstigem Specknacken, rückte die Kohlköpfe in der Auslage zurecht und schien Hugo gar nicht zu sehen.
Schließlich blickte er doch auf und sagte: »Der Nächste, bitte!«
Hugo sah sich um. Außer ihm und dem Händler war der Marktplatz menschenleer.
»Ich glaube, ich bin dran«, sagte Hugo. »Was bekomme ich denn für zwei Groschen?«
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