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Eine Familie auf der Todesliste der Mafia Ein liebevoller Ehemann, zwei wohlgeratene Kinder, ein guter Job als Image-Beraterin des Bürgermeisters: Eva Bellheim führt ein sorgloses Leben in einem unaufgeregten Duisburger Vorort. Bis ihr Mann Daniel überraschend verschwindet. Die Polizei vermutet eine Geliebte, doch Eva zweifelt an dieser Erklärung. Auf der Suche nach Antworten findet sie heraus, dass Daniel ein gefährliches Doppelleben führt und in die korrupten Machenschaften eines russischen Mafiaclans verstrickt ist. Und in einer Welt, in der Gewalt, Betrug, Korruption und Verrat an der Tagesordnung sind, ist ein Menschenleben nichts wert – weder das von Eva noch das ihrer Kinder …
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
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© 2022 by GRAFIT in der Emons Verlag GmbH
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Alle Rechte vorbehalten
Dieses Werk wurde vermittelt von der Michael Meller Literary Agency GmbH, München
Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, unter Verwendung eines Motivs von Marcos Appelt/Arcangel.com
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
ISBN 978-3-89425-792-7
1. Auflage 2022
Basierend auf einer -Produktion.
Das Essener Arbeiterkind Joner Storesang, geboren 1969, landete auf Umwegen zum Germanistikstudium im Saarland, wo er seitdem lebt. Nach fünfzehn Jahren als Drehbuchautor fokussiert er sich heute auf das Schreiben von Hörbüchern, die vorzugsweise im Revier, seiner alten Liebe, spielen.
Läuft das Band schon? – Moment, die Taste. Jetzt. Gut, okay.
Ich weiß nicht, welche Tageszeit es jetzt ist. Vielleicht früher Morgen. Vielleicht … Ach was, egal. Der Raum ist muffig und feucht. Wie ein alter Keller. Ja, ich glaube, ich bin in einem Keller.
Was mache ich hier nur? Wie soll das hier jemand finden?
Okay, ich muss mich zusammenreißen.
Erinnert euch an die Geschichte der Spatzenfamilie. Ich hab sie euch früher vorgelesen. Es war die einzige, die ihr beide wirklich mochtet.
Die Spatzenfamilie hatte sich über den Winter bei einem Bäcker eingenistet. Aber der Bäcker wollte sie nicht in der Backstube haben. Also besorgte er sich eine furchtbar böse Katze, welche die Spatzen jagen und fressen sollte. Nachdem die Katze Papa Spatz erlegt hatte, lockte Mama Spatz sie weg. So weit weg, dass Mama Spatz sich verirrte. Daraufhin machten sich die Kinderspatzen auf und suchten sie.
Ihr werdet das nicht tun! Ihr werdet euch gegenseitig um euch kümmern. Aufeinander aufpassen. Aber um aller Herrgotts willen: Sucht mich nicht!
Moment … Was ist das?
Oh mein Gott, sie kommen.
Aus. Wo ging das noch aus?
***
Der Wiedererweckung wegen, wiederholte ich in Gedanken, während ich im Rückspiegel den beiden Polizisten zusah, die über die Fahrzeugpapiere und meinen Führerschein diskutierten. Sie hatten mich gerade mal zwei Querstraßen von daheim erwischt und ich fand, sie hätten die Sache abkürzen und mir einfach ein Ticket für zu schnelles Fahren in der Dreißiger-Doppelhaus-Zone mit Zechenpatina verpassen können. Sonst würde ich die Kinder niemals mehr rechtzeitig zur Schule kriegen.
»Kommt gar nicht in die Tüte«, raunzte ich daher auch ungnädig meine Tochter auf dem Beifahrersitz an. Ich hatte mich gerade erst damit arrangiert, dass Johanna sich die Augenbrauen abrasiert hatte, um ihren Cosplaylook zu perfektionieren. Sie imitierte ein ätherisches Wesen aus einem Comic, dessen Namen ich mir nicht mal merken konnte, wozu die Brauen mitten auf die Stirn mussten. Also hatten nur Rasierer und Schminkstift geholfen.
Ich war froh, dass wenigstens ihre langen blonden Locken nicht für eine schwarze Helmfrisur hatten dran glauben müssen. Sowie dass ihre Kostüme nur sehr begrenzt zum Einsatz kamen und sie zur Schule Jeans und die rote Sweatshirtjacke trug, die wir erst vor zwei Tagen im vermutlich kältesten Sommer gekauft hatten, den ich je erlebt hatte. Obwohl sie es seit Samstag irgendwie geschafft hatte, beides alt und abgetragen wirken zu lassen.
Nun hatte sie sich auch noch eine Art Taufe in den Kopf gesetzt. Bei einem afrikanischen Medizinmann, der in ihrer Klasse einen Vortrag über Menschenrechtsverletzungen gehalten hatte. Während des Rituals konnte sie ihr altes Ich ablegen und ihr neues annehmen – vermutlich das des Comicwesens.
»Das ist unfair«, entgegnete sie und betonte jede weitere Silbe mit gestrecktem Zeigefinger, als hielte sie ein Plädoyer vor Gericht. »Du hast so was auch gemacht. Denk mal an diese Schlauch-Geschichte.«
Ich fühlte mich ertappt. Woher wusste sie das? Ich war tatsächlich einmal durch einen meterlangen rosa Schlauch gerobbt, der einen Geburtskanal symbolisieren sollte. Als äußerst gewollter Schlusspunkt eines mehr als wilden Jahres. Wovon man aber seiner Tochter nicht erzählte. Schon gar nicht, wenn sie pubertierte. Weil man sonst lebenslänglich das Gluckern und dumpfe Blubbern im Ohr haben würde, mit dem man seine Autorität als Mutter in den Ausguss gekippt hatte. Deswegen war ich mir auch hundertprozentig sicher, dass ich ihr gegenüber niemals ein Wort darüber verloren hatte.
Etwas sagte mir, dass ich auch jetzt die Auseinandersetzung darüber besser scheute. »Ich war neunzehn! Du bist dreizehn. Damit ist wohl alles gesagt.«
»Hat schon mal jemand den Verdacht geäußert, es handele sich bei dir womöglich um einen Pädagogikfaschisten?«
Manchmal konnte ich Johanna nur mit offenem Mund anstarren. Ich hoffte zwar, dass es mahnend oder einschüchternd wirkte, tatsächlich aber hätte ich sie für ihre gestelzten Wortkapriolen, von denen ich nicht wusste, woher sie sie nahm, jedes Mal knuddeln können. Selbst wenn ich deren Opfer war. Ihr fein gezeichneter Mund war frech und redegewandt – er würde sie weit bringen. Ich spürte trotz allem schon einen Vorschuss an Stolz durch meine Adern fließen.
Mein siebenjähriger Sohn auf der Rückbank dagegen war kein Freund ausgiebiger Worte. Dass Marc zudem jede kleinste Andeutung von Streit in Panik versetzte, bereitete mir manchmal Sorgen. An schlechten Tagen verkroch er sich bei Auseinandersetzungen umgehend. An guten versuchte er, uns mit Ablenkungsmanövern zu unterbrechen. In diesem Fall rüttelte er an meiner Lehne und zeigte auf ein schwarzes SUV, das knapp hundert Meter vor uns in der Straße voller Rasenvorgärten stand.
»Mama, da vorn! Dasselbe Auto.«
»Das gleiche, mein Engel«, korrigierte ich ihn schon zum dritten Mal während dieser Fahrt, ohne wirklich hinzusehen. »Es heißt ›das gleiche‹. ›Dasselbe‹ bedeutet …« Ich brachte meine wohlgemeinte Erklärung nicht zu Ende. Seine knitternden Brauen verrieten mein Unverständnis.
Langsam entwickelte ich wohl eine kaum von der Hand zu weisende Fixierung auf Augenbrauen. Als könnte ich das verheimlichen, warf ich einen kontrollierenden Blick auf sein ebenfalls von mir ererbtes blondes, aber kurz gestutztes Haar und den Reißverschluss seiner leichten grünen Sportjacke. Bevor ich meine muttertypische Ignoranz jedoch gänzlich überwinden und das Auto ansehen konnte, klopfte der ältere und stämmigere der Polizisten an meine Seitenscheibe und wir zuckten kollektiv zusammen.
»Vielen Dank, Frau Bellheim«, sagte er über das Surren des Fensterhebers hinweg und gab mir anschließend meine Papiere zurück. »Haben Sie und Ihr Mann die Fahrzeuge getauscht?«
»Genau. Er ist mit meinem nach München. Gestern Abend.«
Der Polizist winkte seinem Kollegen zu. »Gib durch, dass wir die Halterin des Volvos angetroffen haben. Der Fahrer war wohl der Mann.«
»Entschuldigung?« Ich forderte die Aufmerksamkeit des Polizisten zurück. »Sie reden von meinem Mann?«
»Er wollte selbst fahren?«, fragte er und hakte auf mein Nicken hin nach: »Haben Sie ihn seitdem gesprochen?«
»Wieso?« Ich riss einen Fetzen Haut ab, den ich am Nagelbett meines Daumens losgeknibbelt hatte.
»Mein Kollege und ich waren auf dem Weg zu Ihnen.« Der Polizist warf Johanna und Marc ein kurzes Lächeln zu, das selbst einen Block Granit beunruhigt hätte, und öffnete meine Tür. »Vielleicht besser nicht vor den Kindern.«
Einigermaßen erleichtert sah ich Marc nach, wie er mit schaukelndem Tornister über den leeren Schulhof rannte, bevor ich mich wieder in den Verkehr einreihte. Seine Enttäuschung darüber, dass er mich nicht begleiten durfte, war anscheinend verflogen.
Ich hatte meinen Kindern aufgetischt, dass man ihrem Vater zunächst mein Auto gestohlen hatte und es dann wiedergefunden worden war. Und dass die Polizisten nur aufgrund einer – eilig erfundenen – Kinderschutzvorschrift so ein Geheimnis daraus machten und mich hatten aussteigen lassen, um mit mir allein zu sprechen. Marc hatte mir dies ohne Rückfragen, die mich in Verlegenheit hätten bringen können, abgekauft. Dafür hatte er sich ein ganzes Bataillon an Uniformierten zusammengesponnen, das sich über meinen Volvo hermachte. Das Fingerabdrücke, Hautpartikel und Speichelproben sammelte und das Gelände ums Auto herum mit Spürhunden nach den Dieben absuchte. Sodass ich mir mittlerweile einen Knoten in ein beliebiges Stück Stoff machen wollte, der mich daran erinnern sollte, die Jugendschutz-PIN an allen Empfangsgeräten im Haus zu ändern.
»Der wird euch niemals verlassen«, sagte Johanna im monotonen Klang gespielten Schocks.
»Hm?« Ich sah zu ihr.
Johanna ließ die Zungenspitze zwischen schlaffen Lippen hervorhängen, schielte und schlenkerte den Kopf.
Ich würgte mit weißen Knöcheln das Lenkrad. »Dein Bruder ist kein Idiot!«
»Ich wollte nur helfen.« Sie schaffte es tatsächlich, es wie eine Entschuldigung klingen zu lassen.
»Komm wieder runter, Jolene.« Ich wusste, dass sie es hasste, wenn ich sie mit ihrem Spitznamen anredete.
Ihr Blick wanderte an mir auf und ab. Sie schwieg, bis wir in der nächsten Seitenstraße an der Abtei vorbei auf den angeschlossenen Funktionsbau ihres Gymnasiums zufuhren. »Papa ist in München?«
»Mhm«, bestätigte ich.
»Und dein Auto?« Johanna verfiel in gedämpften Singsang, wenn sie Fangfragen stellte.
Mir schwante, dass meine Erklärung über den Diebstahl eine Lücke hatte. Ich hielt den Wagen am Straßenrand an und wich ihrer Frage aus. »Was willst du wissen?«
»Papa ist mit deinem Auto gefahren. Wieso steht es dann hier?«
»Wie kommst du darauf?«
»Du sagtest, du musst noch nach Friemersheim, weil sie es da gefunden haben.« Sie deutete auf den Bus an der Haltestelle gegenüber, dessen Fahrtziel in der Anzeige orange aufleuchtete: Friemersheim, Markt.
Verdammt! In meinem Bestreben, Marc nicht in Angst und Schrecken zu versetzen, hatte ich der Wortseziererin auf dem Beifahrersitz eindeutig zu wenig Beachtung geschenkt.
»Vielleicht ist Papa ja auch nicht in München?«
»Süße, bitte«, setzte ich an, vertrieb sie damit aber nur aus dem Auto, bevor ich ausreden konnte.
Sie sprang aus dem Wagen und drückte sanft die Tür ins Schloss. Sie starrte mich dabei ausdruckslos an und verschwand eilig, als ich die Scheibe runterlassen wollte.
Ich kämpfte noch immer damit, mich zu sortieren, als ich Duisburgs malerisch-dörflichen Vorort erreichte. Johannas äußerliche Wandlung entzog sich zwar meinem Verständnis, ich hatte sie aber als Teil des Findungsprozesses verbucht, der die Pubertät nun einmal ausmacht. Dass ich aber zum ersten Mal nicht entschlüsseln konnte, was in ihrem hübschen Kopf mit der strichgeraden Nase oder hinter ihren sommerblauen Augen vorging, erschütterte mich regelrecht.
Zorn glaubte ich aufflammen gesehen zu haben. Einen unausgesprochenen Vorwurf. Traurigkeit. Gleichzeitig gab es nichts Konkretes, woran ich diese Eindrücke hätte festmachen können.
Auch wenn es schmerzte, beruhigte ich mich damit, dass dies ein Vorbote ihrer notwendigen Entfremdung war, und verpasste beinahe den Abzweig in die Rheinaue. Im letzten Moment stieg ich auf die Bremse und riss das Steuer rum.
In meinem Rückspiegel sah ich das Orchester aus Hupen und Fanfaren, das hinter mir wütete.
Ich hielt auf der Dammkrone, von wo aus ich das lang gestreckte Uferareal überblicken konnte. Baumreihen begrenzten die Wiesen und Felder diesseits des Rheins und ihre Kronen verbargen die Hüttenwerke auf der anderen Seite. Nur die beiden hoch aufragenden Kühltürme verrieten die Schwerindustrie, der das Stückchen Natur getrotzt hatte.
Irgendwo dazwischen sollten mein Volvo und ein Streifenwagen stehen. Ich entdeckte den gelben Kran eines Abschleppwagens, ließ das Auto stehen und folgte einem mir altbekannten Schotterweg. Mir wurde mulmig bei der Erinnerung, dass Daniel und ich ihn in unserer Anfangszeit unzählige Male eng umschlungen und meist mitten in der Nacht zum Rheinufer entlanggeschlichen waren. Ich glaubte sogar, einen knorrigen Baum an einer Weggabelung wiederzuerkennen, in dessen Rinde Liebesschwüre verewigt worden waren wie Rillen in einer Vinylschallplatte. Ich war beinahe froh, als mir eine schlank gewachsene Polizistin entgegenkam und an mir vorbei in Richtung Damm zeigte.
»Sie können da nicht stehen bleiben. Das ist doch Ihr Auto?«
»Ja. Und der da auch.« Ich deutete auf den Kombi, der bereits am Abschleppkran in der Luft pendelte.
»Frau Bellheim?« Die Polizistin musterte mich, bis sich ihr Gesicht aufhellte. »Mein Name ist Kalinski. Lea Kalinski. Ich wusste doch, Ihr Name sagt mir etwas.«
»Kennen wir uns?«
»Wir haben uns auf dem Polizeisommerfest unterhalten. Sie waren mit Ihrem Chef da. Dem Oberbürgermeister.«
Weder ihre knubbelige Nasenspitze noch die zu weit auseinanderstehenden Augen sagten mir etwas. Auch nicht die dünnen Striche von Brauen darüber, die in einem seltsamen Winkel in der Mitte abknickten. Trotzdem lächelte ich, als könnte ich mich an sie erinnern.
»Haben wir vorhin miteinander telefoniert?«, fragte ich.
Zigmal hatte ich während der Fahrt versucht, Daniel auf dem Handy zu erreichen. Doch anstatt seiner hatte sich nur eine Polizistin gemeldet, deren Namen ich schnell wieder vergessen hatte.
»Wir haben das Handy sichergestellt.« Sie nickte und führte mich zu ihrem Einsatzfahrzeug. Dahinter half ihr Kollege, meinen Volvo über der Pritsche des Abschleppwagens auszurichten. Ich entdeckte eine eingeschlagene Seitenscheibe. »Wir wurden von einem Spaziergänger gerufen, der Jugendliche beobachtet hat, die sich Zugang zum Fahrzeug verschaffen wollten. Deswegen haben wir alles, was im Auto war, an uns genommen, bis Sie kommen.«
»Und wo ist mein Mann?« Das war ehrlicherweise alles, was ich wissen wollte.
»Sie konnten immer noch keinen Kontakt zu ihm herstellen?«
Ich schüttelte nur den Kopf. Mein Pulsschlag verdoppelte sich und ich spürte, wie es in meinem Hals heiß aufstieg.
»Vielleicht können wir ja etwas Licht in die Sache bringen.« Die Polizistin griff in ihre Jackentasche und die Heckklappe des Polizeiwagens öffnete sich. Sie holte eine kleine graue Plastikkiste heraus. »Kennen Sie diese Gegenstände?«
Ich erkannte Daniels Schlüsselbund, sein buntes Stoffportemonnaie, das Johanna ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, und das Ledercover seines Smartphones, das mit dem Logo seiner Versicherungsagentur bedruckt war.
»Die gehören meinem Mann.« Ich zeigte darauf und danach auf ein weiteres Smartphone. »Das kenne ich nicht.«
»Es gehört ihm nicht?«
»Nein.«
»Darf ich Ihnen etwas zeigen?« Sie nahm das fremde Smartphone aus der Kiste, tippte darauf herum und hielt es mir hin. »Der Besitzer kürzt sich selbst mit DB ab.«
Ich sah nur graue und grüne Sprechblasen, die sich abwechselten. Dann tauchte mein Name auf.
Wie soll ich es Eva beibringen?, schrieb Grün an Grau.
Vollendete Tatsachen. Zeit, ehrlich zu sein, antwortete Grau.
Wie lange noch?
Montag, 0:55 Uhr. Tickets habe ich.
Und dann? Verschwinden wir für immer?
Ich verspreche es! Für immer!
»Was bedeutet das?« Überfordert sah ich zur Polizistin auf.
Sie schaute mich zerknirscht an. »Meine ehrliche Meinung?«
Ich nickte. Wenigstens glaubte ich das. Ich glaubte aber auch, plötzlich den Verkehr auf der anderen Rheinseite hören zu können. Ebenso plötzlich schien der Wind aufgefrischt zu haben. Dunkle Wolken nahmen den Himmel ein.
»Das hier ist ein beliebter Treffpunkt für Liebespaare«, stellte die Polizistin fest.
Mein Handy vibrierte. Meine Hand holte es wie ferngesteuert aus der Jackentasche und ich öffnete den Nachrichteneingang. Eine E-Mail mit Daniels Adresse im Absender richtete sich an mich: Meine liebe Eva, es tut mir leid, dass du es so erfahren musst …
***
Gefangen im Autopiloten, erschien ich eine gute Stunde später zur Bürgersprechstunde des Oberbürgermeisters. Peter Averdunk hatte in den Ratssaal geladen. Gegen meine Empfehlung, denn ich empfand die Holzvertäfelung an den Wänden, die Kassettendecke, die Seitenbalkone und die bunten Rundbogenfenster als zu erhaben und zu gewollt ehrfurchteinflößend, als dass sie wirkliche Nähe zu seinen Besuchern hätten stiften können.
Peter saß an einem schweren dunklen Holztisch im Erker zum Vorplatz und hielt hemdsärmelig Hof. Ich entschuldigte mich per Handzeichen bei ihm für mein Zuspätkommen. Er segnete es mit einem Zwinkern ab und fuhr sich anschließend durchs leicht angegraute schwarze Wollhaar, als hätte er es damit rückwirkend verbergen können.
Ich suchte nach einem verwaisten Stuhl in den vollen Sitzreihen und erkannte einige Presseleute unter den Anwesenden, meist die üblichen Verdächtigen der Lokalredaktionen. Bis ich ein mir vertrautes Gesicht in der letzten Reihe mit einem freien Platz neben sich entdeckte.
»Spät dran.« Ellie Wenger vom WDR-Studio Duisburg neigte mir ihren lilaroten Kurzhaarkopf zu, ohne den Blick von Peter abzuwenden.
»Chaos«, entgegnete ich knapp und setzte mich.
»Kinder?« Ellie grinste.
»Sind das Wunderbarste auf der Welt«, fügte ich an.
Ellie lachte stumm und ihr massiger Körper bebte.
Ich mochte Ellie. Für mich war die Freundin meiner Mutter der Inbegriff einer kritischen Journalistin. Sie ging oft hart mit Peter ins Gericht. Aber sie blieb fair und zog nicht jede menschliche Schwäche ins Rampenlicht. Was man ihr unter der Hand sagte, blieb auch dort.
»Wie läuft’s?«, fragte ich sie leise.
»Für deinen Chef? Ganz gut für sein letztes Mal.«
»Für meinen Klienten. Und für sein vorläufig letztes Mal.«
»Die neuen Zahlen sagen was anderes. Er steht auf zwei. Und die Nummer drei hat schon gesagt, wenn er es demnächst nicht in die Stichwahl schafft, legt er seinen Wählern nahe, ihre Stimmen der Schulte zu geben. Dann hätten wir eine Frau als OB.« Ellie zuckte mit den Schultern und sah mich gleichzeitig an. »Herrje, Kleines!«, flüsterte sie erschrocken.
»Was?«
»Du bist weiß wie die Wand.«
Halb so wild, formulierte ich im Geiste. Ich habe nur grade erfahren, dass mein Mann eine andere hat. Am Samstag waren wir noch in der Stadt die Kinder neu einkleiden, mit ihnen im Kino und anschließend essen. Gestern Abend vor seiner Abreise haben wir miteinander geschlafen – oder nein, korrekterweise muss es heißen: Er hat mich noch schnell markiert und gebrandmarkt, die Hosen hochgezogen und ist mit seiner Neuen grußlos ab in den Sonnenuntergang. Für immer!
Ich würgte meinen inneren Monolog mit einem kurzen Kopfschütteln runter. »Dich hier zu sehen ist eine Überraschung.«
»Nicht wirklich«, antwortete Ellie und wies mit der Nase auf Manfred Toss von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in der ersten Reihe.
Wie auf ein Zeichen erhob sich der notorische Strickjackenträger. »Eine Frage noch, Herr Oberbürgermeister.«
»Peter«, korrigierte der ihn. »Manfred, ich glaube, jeder hier weiß, dass wir 87 auf der Rheinbrücke zusammen Würstchen gegrillt haben.«
»87« und »Rheinbrücke« musste man in Duisburg niemandem erklären. 1987 hatte Krupp die Rheinhauser Hütte schließen wollen. Was folgte, war der sicher größte Arbeitskampf in der Geschichte der gesamten Bundesrepublik, der bis zu hunderttausend Menschen auf die Beine gebracht hatte. Aus der mehrmals versperrten Rheinbrücke nach Hochfeld war die Brücke der Solidarität geworden. Ein trauriges, aber auch heroisches Kapitel Duisburger Geschichte.
»Ich wollte die Form wahren«, entschuldigte sich Toss halbherzig.
»Seine Würstchen waren übrigens die besseren. Ich war häufig abgelenkt.« Peter machte mit seiner Hand einen babbelnden Mund nach und erntete allgemeines leises Gelächter.
»Okay, Peter.« Toss hob eine Hand zum Gruß. »Du hast uns vorhin voller Stolz von den Fortschritten bezüglich Digitales Duisburg 4.0 berichtet. Wie hart trifft es dich da, dass dein Konto gehackt wurde?«
Peter zog die buschigen Augenbrauen hinter der roten Kunststoffbrille zusammen.
»Uns wurden in der Nacht von Samstag auf Sonntag von Unbekannten deine Kontodaten und eine Liste aller Überweisungen und Geldeingänge zugestellt.«
»Da muss ich wohl mal mit meinem Banker sprechen.« Peter versuchte, ein Lächeln in sein erblassendes, sonst naturbraunes Gesicht zu zwingen.
»Was wird das?«, flüsterte ich Ellie zu.
Sie fasste aber nur mein Handgelenk und drückte zu.
»Wir haben natürlich alles der Staatsanwaltschaft übergeben«, fuhr Toss fort. »Zusammen mit Namen und Daten verschiedener Spender.«
»Danke«, antwortete Peter gedämpft.
»Versteht sich von selbst. Aber …«, Toss hob einen Zeigefinger und tat so, als müsste er überlegen, »manche dieser Spenden ließen sich zurückverfolgen bis zu einer Bank in China. Die Hausbank des Unternehmens, mit dem ihr die Digitalisierung hier vornehmt. Ist das wirklich nur Zufall?«
Peter öffnete den Mund, bewegte sogar die Lippen. Es kam aber kein Ton heraus.
»Ist da was dran?«, murmelte ich.
»Ich muss los.« Ellie stand auf und wollte sich an mir vorbeischieben.
Ich erwischte sie noch am Unterarm. »Willst du den Rest nicht hören?«
»Ich hab alles mitbekommen, was ich brauche.« Ellie tätschelte meine Wange. »Pass auf dich auf, Kleines. Du kennst das mit dem Schiff und dem Eisberg: Die Holzklasse säuft immer als Erstes ab.« Damit ließ sie mich zurück.
***
Ich habe mir oft vorwerfen lassen müssen, dass ich nach Ablenkung suche, wenn mich etwas zu überwältigen droht. Als mein geliebter Großvater starb, war ich siebzehn. Alle verfielen in Schockstarre. Nur ich kümmerte mich um meine Oma. Ich suchte mit ihr einen Bestatter, ging mit ihr auf die Ämter. Zur Bank. Ich erledigte alles, was in so einem Moment zu tun ist.
Ein Freund nannte es mal Vermeidungsstrategie. Damit ich mich meinen Gefühlen nicht stellen muss. Und dass es okay sei.
Grundsätzlich.
Deswegen dachte ich, die Ablenkung täte mir gut. Anfänglich wenigstens …
***
»Mach das nicht«, mahnte ich Peter eindringlich.
Die Sprechstunde hatte ein jähes Ende durch mich gefunden. Peter hatte mich nach Toss’ Vorwürfen zunächst überfahren angesehen. Die Ader auf seiner Stirn hatte gepocht und er hatte angewidert die Zähne gebleckt. Bevor die Kammer in seiner Brust Magma speien konnte, war ich nach vorn geeilt und hatte Peter zugeflüstert, er solle sich in sein Amtszimmer verkrümeln. Den Anwesenden hatte ich erklärt, dass ein unvorhergesehener Notfall den Oberbürgermeister dazu zwinge, die Runde so unvermittelt abzubrechen.
Ich lehnte seitlich an einer der bodentiefen Milchglasscheiben, die als Träger für moderne Kunst dienten, damit man die Bilder nicht an die wertvolle Holzvertäfelung der Wände nageln musste.
Der Telefonhörer lag auf dem Schreibtisch und aus dem Lautsprecher dudelte die Loungemusik-Warteschleife von Peters Düsseldorfer Promianwältin. Eine Verfügung sollte her, die Toss, der WAZ und den Medien überhaupt untersagte, Spekulationen darüber zu veröffentlichen, Peter könnte die Verabredung getroffen haben, dass er finanzielle Unterstützung für seinen Wahlkampf erhielt, wenn er sich nur für das richtige Unternehmen für die Digitalisierung Duisburgs einsetzte.
»Ich brenn den Kerl aus wie eine Eiterpocke.« Peter stand, auf beide Arme gestützt, über das Telefon gebeugt. Seine Haltung erinnerte mich an einen General aus einem minderklassigen Nachtfilm. Nur dass unter dem General ein Globus stand und er sich für die Übernahme der Erde durch Aliens rechtfertigen musste. »Wenn ich mit ihm fertig bin, beschränkt sich sein Lebensentwurf auf eine einsame Hütte in Nordsibirien.«
»Einen Krieg mit den Medien überstehst du nicht.«
»Ich will nur ihn drankriegen! Nur diese eine Wanze.«
»Damit machst du ihn zum Opfer.«
»ICH BIN DAS OPFER!«, brüllte Peter. »Der hat gerade in mein Wohnzimmer gepisst.«
Peters Ausdrucksweise machte mich schlagartig müde. Es war wie eine Unart, die man ausgetrieben geglaubt hatte und die einen hinterrücks wieder anfiel. Ich sah die Arbeit von drei Jahren einfach davonschwimmen. »Du hast mich geholt, weil es dir bei aller Kompetenz an Sympathiepunkten mangelte. Schon vergessen?«
Peter starrte mich über den Rand seiner Brille hinweg an.
»Wollte Toss dich provozieren? Ja! Weil es seine Art ist und weil er weiß, wie er dich packen kann. Du wolltest, dass die Leute dich für einen von ihnen halten. Dass sie nicht nur einen Technokraten sehen. Aber diese Art von Emotionalität werden sie keinesfalls goutieren. Das ist nicht souverän.«
»Ich soll also den Schwanz zwischen die Hinterbeine klemmen?«
»Falsche Einstellung.« Ich stieß mich von der Wand ab. Die Glasscheibe knirschte wie brüchiges Eis auf einem See. »Übe den Schulterschluss!«
»Diesen Ansatz würde ich unterstützen«, schnarrte die Stimme von Peters Anwältin, Frau Dr. Eigen, durch den Raum. Dass die Musik verstummt war, hatte ich gar nicht mitbekommen. Ich fragte mich, wie lange Eigen uns schon zugehört hatte. »Ich glaube, die Strategie muss lauten: knallharte, allumfassende Aufklärung. Warum nicht diesen … diesen …?«
Ich versuchte, ihr auszuhelfen. »Toss?«
»Wie auch immer. Mach ihn zum Chefaufklärer. Benutz seine Glaubwürdigkeit.«
»Du hast uns zugehört?«, fragte Peter.
»Ich hab den Stream auf eurer Website verfolgt.« Ihr Lachen war zu hoch, um echt zu sein, passte aber zu ihrer andauernd migränischen Miene. »Hat mir gefallen. Sie haben das übrigens gut gelöst, Frau Belen.«
»Bellheim«, korrigierte ich sie, obwohl ich wusste, dass sie sich durchaus an meinen Namen erinnerte.
»Gut. Lassen Sie mich dann jetzt bitte mit meinem Mandanten allein? Danke!«
Ich sah Peter nur überrumpelt an.
Er führte den Telefonhörer ans Ohr und stellte den Lautsprecher ab. »Sollte sie nicht dabei sein?«
Konjunktiv, war mein erster Gedanke, da schau her!
Ich wusste nicht genau, was ich erwartet hatte. Wohl Hunderte Male hatte ich mir aus vielen Richtungen angehört, dass ich meine Leistungen deutlicher herausstellen sollte. Was mir bei meinen Klienten so selbstverständlich aus der Feder floss, endete bei mir selbst unmittelbar nach der Niederschrift meines Namens und meines Geburtsdatums in meiner Vita und der Feststellung, dass diese beiden schon nicht mein Verdienst waren. Verkaufte ich meinen Klientinnen Bescheidenheit als das Joch ihres Geschlechts, wartete ich nun darauf, dass Peter meine Bedeutung für seine Wahlkampagne unterstrich.
Irgendwie.
Und wenn ich nur den besten Kaffeeladen in der Stadt kannte.
Doch er nickte nur immer wieder, setzte sich in seinen Bandscheibenstuhl, schloss die Augen, spitzte die Lippen, sah mich an, dann aus dem Fenster, wieder zu mir … legte auf.
»Und?« Ich ließ mich tatsächlich dazu herab, zu fragen, und hätte eine narkosefreie Wurzelbehandlung dafür als Strafe angemessen empfunden.
Peter stützte die Ellbogen auf und verschränkte die Finger wie zum Gebet. »Ihr mögt euch nicht besonders, kann das sein?«
Jetzt wünschte ich mir den Zahnarztbohrer in die Hand, während ich Peter bitten würde, den Mund weit zu öffnen. »Du erwägst nicht ernsthaft, mich wegzuschicken.«
Die Bürotür hinter mir wurde geöffnet. Ich brauchte nicht mehr als einen Schulterblick, um zu erkennen, dass Peters versammelte Fraktionsspitze das Grollen im Ratssaal vernommen hatte. In ihren Gesichtern spiegelte sich die Frage, wann die Lawine sie erreichen würde. Burkhard Jaeschke, Peters Stellvertreter, einem untersetzten Mann mit rotädriger Knollennase, war der schüttere Seitenscheitel verrutscht und einige dünne Strähnen hingen über sein Ohr bis zum Hals. Er kämmte sie sich noch mit den Fingern zurecht, als er die Prozession ins Zimmer führte.
»Gebt mir noch einen Moment.« Peter streckte eine Hand in die Luft. Dann stand er auf, kam um den Schreibtisch herum zu mir und fasste mich an beiden Schultern. Er sog die Lippen nach innen und öffnete sie schließlich wieder mit einem Schmatzer. »Ich hatte vorhin den Eindruck, es geht dir nicht gut. Du warst so blass, als du zur Sprechstunde gekommen bist.«
»Allen Ernstes?«, formulierte ich nur tonlos.
***
Ob es wohl einen Weltrekord gab für die am häufigsten wie eine olle Klamotte abgelegte Person pro Tag? Falls ja, lag ich mit zweimal sicher gut im Rennen. Immerhin hatten wir gerade mal Mittag.
Es nieselte, seit ich mit meinem Wagen in der Einfahrt stand. Der Regen verklärte gnädig den Blick auf unser Doppelstockhaus aus den 1950ern mit den kleinen Erkern an den Ecken zur Straße raus. Ich berührte immer wieder den Hebel für die Scheibenwischer und ließ genauso oft davon ab. Wenn ich kaum erkennen konnte, was da draußen vor sich ging, war es umgekehrt sicher ähnlich. Ich stellte mir vor, dass man mich allerhöchstens als schemenhafte Figur wahrnahm. Die Ironie war, dass ich tatsächlich nicht viel mehr war als das.
Ich wusste immer noch nicht, was Frau Dr. Eigen Peter eingeflüstert hatte. Für einen Moment hatte ich das Gefühl gehabt, er wollte sich ihr gegenüber durchsetzen und mich in seinem Team behalten. Dann hatte Jaeschke das Ruder übernommen. Die Sprechstunde war kaum fünf Minuten vorbei gewesen, da waren von allen Fraktionen im Rathaus Anträge auf eine vorläufige Suspendierung Peters wegen des Verdachts auf Vorteilnahme eingegangen. Von jetzt an ging es nicht mehr darum, Peter das Image zu verpassen, dass jeder ihn gern zu sich zum Abendessen in die gute Stube einlud, um danach bei einem Kurzen und einem Hellen einem Vortrag über die Zukunft der Stadt zu lauschen.
Die Partei war ins Schussfeld geraten. Peter hatte hinter der Parteiraison zurückzustehen und für jemanden von außen – also mich! – war kein Platz mehr. Von jetzt an schlugen die Kader zu.
Natürlich war ich enttäuscht und wütend. Aber das war es nicht, was mich davon abhielt, ins Haus zu gehen. Auch nicht die Scham, die ich wie ein Holzschild um meinen Hals trug, auf dem gehörnte Versagerin stand.
Wir hatten das Haus ein halbes Jahr vor Johannas Geburt gekauft und seither mit vielen Blasen an den Händen, Kratzern an den Armen und Beulen am Kopf umgebaut. Als letzten größeren Akt – mit Marcs Geburt und in der Not, ein weiteres Kinderzimmer zu benötigen – hatten wir die zwei Doppelgaragen am Ende des Gartens zu Büros mit großer Fensterfront umbauen lassen. In die war Daniel mit seiner Versicherungsagentur aus dem Erdgeschoss umgezogen.
Glückliches Vorstadtleben.
Nur dass ich mittlerweile wusste, dass ein gut gehütetes Geheimnis längst alles bis auf die Fassade runtergenagt hatte. Kulturhistorisch betrachtet, lebte ich in einem verfluchten destruktiven Neunzigerjahre-Nirvana-Musikvideo!
Allein der Gedanke daran ließ förmlich Dampf- und Rauchschwaden von meiner Haut aufsteigen. Ich sprang aus dem Wagen und rannte zur Bürogarage, bevor ich mich spontan selbst entzünden würde.
Lügen hinterlassen überall kleine Tapser, hatte meine Mutter mich gemahnt, nachdem sie herausgefunden hatte, dass ich regelmäßig den Nachmittagsunterricht schwänzte. Wie sie das geschafft hatte, hatte ich erst verstanden, als Johanna das Gleiche versucht hatte. Es waren die Ausreden, die man alle längst kannte. Die man etliche Male gehört und selbst genutzt hatte.
Waren Daniels ständige abendliche Geschäftstermine gelogen gewesen? Natürlich hatten sie allesamt aushäusig stattgefunden. Privatbesuche bei neuen Kunden. Natürlich nach Feierabend. Essen mit treuen Großklienten. Natürlich bis nach Mitternacht.
War ich wirklich so naiv gewesen?
Als ich die Tür aufschloss und in den Raum mit der weißen Büroeinrichtung trat, verrieten meine Hemmungen, dass ich ihm noch immer glaubte. Ihn vor mir sah, wie er bei Spätterminen verstohlen auf die Uhr blickte. Ich spürte seinen Kuss auf meiner linken Schulter, wenn er zu mir ins Bett gekrochen kam. Der Kuss, welcher mir erlaubte, mich jenseits der Grenze wachenden Halbschlafs fallen zu lassen. Wie hatten diese Küsse gelogen sein können?
»Du lernst es nie«, schalt ich mich und schlug die Tür hinter mir so fest zu, dass die Glasfassade dröhnte. Ich hatte keine Ahnung, was ich zu finden hoffte. Aber wenn unser Haus auf Lügen gebaut war, musste es einen Ort der Wahrheit geben. Einen Rückzugsort, an dem ich irgendeine Form von Trophäe wähnte. Eine Trophäe, die Daniels wahrem Ich bestätigte, dass es immer noch da war. Dass es ihn immer noch gab. Kleinigkeiten und Erinnerungsstücke, die jeder besaß. Einen Ring aus einer vergangenen Beziehung oder einen leeren Parfumflakon. Zettelfragmente mit Kritzeleien, die sonst niemand verstand.
Meinen Klienten riet ich – insbesondere, wenn sie eine steile Karriere im Licht der Öffentlichkeit ansteuerten –, einen Raum zu erschaffen, und sei es nur mental, an dem sie mindestens ein existenzielles Geheimnis über sich verwahrten. Ganz gleich, welches Image sie sich überstülpten, in diesen Raum konnten sie zurückkehren, wenn sie sich selbst zu verlieren drohten. Er fungierte wie ein Flüsterer hinter römischen Cäsaren, der ihnen im Moment des größten Triumphs zu bedenken gab, dass sie sterblich waren.
Geheimnisse waren die Rückversicherung des Ichs auf seine eigene Existenz.
Ich ging geradewegs zum Schreibtisch und setzte mich. Darunter fand ich einen Karton mit der kleinen Drohne darin, die Marc zum Geburtstag bekommen hatte. Er war damit gestürzt und sie war zerbrochen. Daniel hatte es geschafft, sie zu reparieren. Der neue Lack darauf roch leicht. Nur die Rotoren mussten noch montiert werden.
Ich schloss die Schachtel nahezu andächtig, stellte sie zurück und ging die Schubladen der Container durch. Schreibwaren, Visitenkarten, Kalender, Akten, Steuerunterlagen. Je weniger Verdächtiges ich fand, desto wütender wurde ich. Die schmale Blumenvase auf der Tischplatte fiel um, als ich die unterste Schublade zuschmiss.
Ich sah zu, wie das Wasser aus der Vase unter die durchsichtige Schreibunterlage kroch.
Es gab einen Beweis, da war ich mir sicher – und dass ich ihn hier finden würde. Ich wollte vor Überzeugung trotzig mit den Fäusten auf den Tisch und mit den Füßen auf den Boden trommeln.
Im deckenhohen weißen Regal gegenüber der Fensterfront tummelten sich Prospekte, Vertragsordner und Gesetzestexte; manche versteckt hinter Familienfotos, die ich am liebsten mit einem Armstreich abgeräumt hätte.
In der Wand am anderen Ende des Büros gab es eine schmale Tür, hinter der sich Putzmittel verborgen hielten. Geheimnisse und Putzmittel. War das nicht eine quasilogische Verknüpfung? Ein Raum, in dem Daniel sein von allem falschen Anschein gereinigtes Ich aufbewahren konnte?
Ich spürte die Erschütterung in meinen Oberschenkeln bei jedem einzelnen Schritt. Die Türklinke war widerwillig, als bewahrte sie verzweifelt ein Versprechen.
»Verdammtes Mistding!«, verfluchte ich sie und rüttelte daran, bis ich endlich verstand, dass sie abgeschlossen war. Ich stapfte zurück zum Schreibtisch, suchte den Schlüssel in der obersten Schublade und marschierte wieder zur Kammer. Ich rammte den Schlüssel regelrecht ins Schloss und endlich gab die Tür nach.
Im Kellerregal, das eigentlich nur ein Provisorium hatte sein sollen, fand ich: Reiniger. Staubfeudel. Möbelpolitur. Einen Eimer. Einen Mopp. Und – die Genugtuung ließ mein Herz höherschlagen – einen Karton mit der Aufschrift: Privat! Nicht öffnen!
***
Ich habe mir dieses Ding hier mit zwölf gekauft. Es war der einzige Walkman, der mit einem Mikro ausgestattet war. Meine Mutter las meine Tagebücher und ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich deswegen Ärger mit ihr hatte. Meine Musik dagegen behandelte sie, als wäre sie mit Anthrax-Erregern imprägniert. Deswegen hatte auch jede Kassette ein selbst gemaltes Cover mit diesem Namen: Anthrax.
Daniel und ich hatten den Walkman beim Aufräumen auf dem Dachboden gefunden. Die Batterien waren ausgelaufen und hatten alles mit stechend riechendem Salz überzogen. Ich hatte ihn längst wegschmeißen wollen. Aber wie das so ist mit Sachen, an denen man hängt …
Wir haben damals rumgealbert. Daniel hat mich mit der Frage aufgezogen, welche wahnsinnig ungehörigen Geheimnisse ich wohl auf die Kassetten gebannt habe. Er wollte mir den Walkman wegnehmen. Wir haben richtig darum gebalgt, bis wir … Auf den Auflagen für die Gartenmöbel. Es war, wie auf Wellen endlosen Verlangens zu schwimmen.
Ich weiß nicht, wie und wo Daniel ihn hat reparieren lassen. Ich wusste ja noch nicht mal, dass es noch jemanden gibt, der das kann. Aber da lag er. Mit Kopfhörern. Und einer Nachricht, die Silbe für Silbe alle widerlichen Vororte meines Herzens abtrug.
***
»Ich frage mich, ob es noch mehr Ehepaare gibt, die nach fünfzehn Jahren so ungezogen sind wie wir«, erklangen die wahrscheinlich letzten an mich gerichteten Worte meines Mannes. »Ich dachte, es ist eine schöne Erinnerung, wenn ich das Gerät wieder zum Laufen bringe. – Nur das Wunderbarste zum Geburtstag, Liebe meines Lebens!«
Beim Zurückspulen stach der Wortsalat in meine Ohren. Ich ließ die Taste los und hörte die Sätze erneut an. Dann spulte ich zurück und lauschte wieder. Spulte zurück. Zog den Kopfhörer von den Ohren und ließ den Walkman in den Karton fallen.
Ich hockte mit angezogenen Knien auf dem Boden und stieß meinen Kopf hinten gegen den Türrahmen. Ich hatte unbedingt einen Beweis für Daniels Betrug ausgraben wollen. Doch was hatte ich gefunden? Ein repariertes Kinderspielzeug, den instand gesetzten Vertrautenersatz meiner Jugendzeit. Welcher Mann tat denn so etwas, wenn er bereits den Plan im Kopf hatte, seine Familie einfach abzuhaken? Oder sollte das ein makabrer Scherz sein?
Von hier aus konnte ich die Rückansicht unseres Hauses sehen. Es wirkte, als würde es lächeln. Die Palmen und Farne im Wintergarten formten den Mund. Darüber die Kinderzimmerfenster als große staunende Augen. Keinesfalls hätte ich, derart unter Beobachtung, zustande gebracht, was ich meinem Mann unterstellte.
Ich hatte gar nichts außer einem schlechten Gewissen, stellte ich im Stop-and-go durch die Stadt fest. Ein Unfall hatte das Autobahnkreuz Duisburg-Nord verkorkt und alles, was keinen Parkplatz mehr auf der A 59 gefunden hatte, schob sich durch die Innenstadt.
Wie furchtbar leichtgläubig war ich der Auslegung der Polizistin in der Rheinaue gefolgt. Ohne nachzuhaken, worauf ihre Meinung beruhte, dass Daniels Verschwinden unter diesen Umständen nur bedeuten konnte, dass er ein neues Leben mit einer neuen Frau anpeilte. Ich hatte sie nicht infrage gestellt oder nachgehakt, wie viele solcher Fälle sie denn schon abgehandelt habe.
Im Netz hatte ich verwirrende Zahlen und Statistiken gefunden, in denen mal von elftausend Vermissten im Jahr die Rede war, dann von fünfzehntausend, dann von einhunderttausend. Doch kaum jemand blieb dauerhaft nicht auffindbar. Darunter Menschen, die mit neuen Lebenspartnern durchstarten wollten – eindeutig zu wenige, um auf deren Fällen einen Erfahrungsschatz aufzubauen.
Auf der rechten Spur schien der Verkehr schneller voranzukommen. Ich stach in die nächste Lücke und wurde dafür umgehend mit einer Hupe gerügt. Ich entschuldigte mich per Handzeichen durch die Rückscheibe. Dann forderte ich mein Handy auf, mir noch einmal Daniels letzte E-Mail vorzulesen.
»Meine liebe Eva«, dröhnte die monotone Computerstimme aus den Lautsprechern. Ein Fußgänger drehte sich nach meinem Auto um. »Es tut mir leid, dass du es so erfahren musst. Lieber hätte ich mit dir gesprochen und nach einer Lösung gesucht. Aber dafür ist es zu spät. Ich habe mich heillos in etwas verstrickt, dessen ich nicht mehr Herr werde. Ich dachte, ich hätte die Kontrolle und dass ich es früher oder später beenden könnte. Aber es ist zu groß. Viel größer, als ich einmal angenommen habe. Und ich bin machtlos dagegen. Ich weiß, was ich dir und den Kindern antue. Ich hoffe, ich kann es irgendwann erklären. Ich liebe euch! Bitte verzeih mir!«
Das Radio blendete wieder in Musik über.
Dachte man an eine andere Frau, war die Nachricht eindeutig. Eine Amour fou. Eine verrückte Liebe. Obsessiv. Verhängnisvoll.
Aber Daniel hatte mit keinem Wort eine Frau erwähnt. Er hatte mir gar keinen Hintergrund für sein Verschwinden mitgegeben. Genauso gut, wie einem ehebrecherischen Weibsstück verfallen zu sein, hätte er in eine Reihe von Diebstählen verwickelt sein können. In einen Bankraub. Oder er war schlicht der Spielsucht anheimgefallen.
Die Wahrheit war, ich kannte lediglich die Konsequenz dieser mysteriösen Sache und hatte ansonsten nichts außer dem Wissen, dass meine allzu leichtfertige Verurteilung meines Mannes kein Ruhmesblatt für mich als Ehefrau war. Damit im Gepäck, hatte ich mich aufgemacht, die Kinder von der Schule abzuholen. Willens, ihnen alles zu offenbaren, was ich wusste, so schwer es mir auch fallen würde.
Marc würde ich sowieso nicht mehr lange damit abspeisen können, dass die ganze Aufregung am Morgen nur wegen eines gestohlenen Autos gewesen war. Am Abend würde er auf den Anruf seines Vaters warten, den dieser noch nie ausgelassen hatte, wenn er auf Geschäftsreise gewesen war.
Und Johanna? Sie hatte sich längst etwas zusammengereimt. Das war die einzige Erklärung für ihren undurchsichtigen Blick vom Morgen, als ich sie abgesetzt hatte. Ich hoffte, sie zuerst abzupassen, obwohl ich keine große Erleuchtung darüber erwartete, was in ihrem Kopf vorging. Aber da war ja auch noch ihr unsäglicher Kommentar, mit dem sie ihren Bruder zum Idioten gestempelt hatte. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie sie Marc unsanft eintrichterte, was sich ihrer Meinung nach hinter dem Autodiebstahl verbarg.
Ich reihte mich in die Kolonne ein, die jeden Mittag die Straße rund um Marcs Schule verstopfte. Dann stemmte ich mich im Sitz hoch, um über die anderen Autodächer hinweg den verabredeten Treffpunkt sehen zu können, an dem Johanna auf Marc warten sollte. Aber ich entdeckte weder sie noch Marc in der Traube, die sich durchs Schulhoftor drängte.
Mein Handy klingelte. Nach einem kurzen Blick aufs Display am Armaturenbrett nahm ich das Gespräch an. »Danke, dass du zurückrufst!«
»Es klang dringend.« Caners Bassstimme vibrierte aus den Lautsprechern. »Was ist mit Daniel?«
Noch vom Büro aus hatte ich Daniels besten Freund zu erreichen versucht. Einem leisen Funken Hoffnung folgend, dass Daniel seine Not, die mich aus der E-Mail auf den zweiten Satz hin angesprungen hatte, wenn schon nicht mit mir, dann vielleicht mit ihm geteilt hatte. Caners Mailbox hatte mich jedoch dezent daran erinnert, dass der noch seinem Dasein als Sportlehrer nachging.
»Wann hast du zuletzt mit ihm gesprochen?«
»Wieso? Ist irgendwas passiert?«
»Wie kommst du darauf?«
»Du klangst nicht nur, als sei es dringend, Eva, sondern auch besorgt. Was ist los?«
»Er ist weg«, antwortete ich und umriss meinen Vormittag knapp bis zu dem Moment, in dem mir die Polizistin gesagt hatte, Daniel hätte womöglich jemand Neues.
»Daniel?« Caners Lachen fuhr mir in die Knochen.
Ich schrumpfte auf Handtaschengröße, während ich mir wünschte, in der Rheinaue ebenso reagiert zu haben. Mich erneut im Sitz zu strecken, um nach Johanna und Marc Ausschau zu halten, gelang mir nicht mehr so mühelos. Ich erspähte eine grüne Jacke, wie Marc sie trug. Aber sie gehörte zu einem anderen Jungen. Von Johanna weiterhin keine Spur.
»Eva, das ist so was von lächerlich. Die Kinder und du, ihr seid alles, was für ihn zählt.«
»Ich möchte das jetzt nicht diskutieren«, bremste ich Caner aus, bevor ich noch in die Minitasche einer Jeans gepasst hätte. »Ich will nur wissen, was dir dazu einfällt.«
Ich hörte Caner durchatmen.
»Ihr seht euch doch jeden Mittwoch. Hat er irgendwann mal etwas von Problemen erwähnt? Etwas, wovon ich nichts wissen soll?«
»Du machst es mir nicht leicht. Ich hoffe, das ist dir bewusst.«
Volltreffer!, dachte ich. »Caner, das ist mir egal.«
Das, was nun aus den Lautsprechern drang, hätte ein Räuspern sein können, ebenso gut aber ein Stöhnen. »Ich hab ihn schon seit gut zwei Monaten nicht mehr gesehen«, setzte Caner an, machte eine kurze Bedenkpause und fuhr dann fort.
Daniels wichtigster Versicherer, den er vertrat, kündigte großflächig Verträge mit Vertretern, um sein Kerngeschäft ins Netz zu verlegen. Zwei Lebensversicherer taten es ihm nach und verschlankten sich, weil ihnen nach jahrelanger Niedrigzinspolitik schlicht Kapital fehlte und die Abwicklung drohte. Vor Wochen hatte Daniel sich daher an einen Finanzmakler gewandt und mit ihm einen Rettungsplan erarbeitet. Caner glaubte sogar, dass Daniel mit diesem zusammen seine Tätigkeitsfelder erweitern wollte. Synergieeffekt habe er es genannt.
»Knaup heißt der Mann. Sie haben sich dreimal die Woche getroffen«, schloss Caner.
»Verstehe«, war alles, was ich genuschelt über die Lippen brachte. Daniels Versicherungsagentur stand vor dem Aus!
»Er wollte dich nicht beunruhigen, ohne dir gleich eine Lösung präsentieren zu können. Das hat er jedenfalls gesagt.«
Im Augenwinkel nahm ich eine grüne Sportjacke wahr, die auf der anderen Straßenseite vorbeihuschte. Bevor ich den Kopf richtig wenden konnte, war mein Sohn auch schon vorbeigerannt. Ich sprang aus dem Wagen, streckte einen Arm in die Luft und rief ihm nach: »Marc! Hier bin ich!«
Ich hatte kaum ausgesprochen, da wetzte Marc blindlings über die Straße in den Verkehr. Reifen quietschten. Ein rotes Monster von Auto tauchte bei seinem Bremsmanöver tief in die Federn ein und raste trotzdem weiter auf Marc zu. Ich konnte hören, wie der Reißverschlusszipper seiner flatternden Jacke gegen den Scheinwerfer knallte. Dann verschwand Marc hinter einem geparkten Transporter am Straßenrand.
Ich hatte gar nicht realisiert, dass ich ihm längst nachrannte, als ich »MARC!« schrie. Angst und Panik trieben meine Beine an. »BLEIB STEHEN! MARC!«
Er verschwand, ohne sich umzusehen, hinter den Bäumen am Kurvenrand.
»MARC!«, bellte ich ihm nach. Mein Magen wurde sauer und Wut mischte sich in meine Rufe. Ich war sicher, dass Johanna ihm bereits beigebracht hatte, was sie hinter dem Diebstahl meines Volvos vermutete. Ich verfluchte sie innerlich.
»Herrgott, warte!«, presste ich atemlos hervor, als ich ihn so weit eingeholt hatte, dass ich ihn zumindest wieder sehen konnte.
Erneut rannte er über die Straße, erneut konnte ihm ein Auto gerade so ausweichen. Aber er schien mich gehört zu haben. Bevor er in den kleinen Stadtwald abbog, sah er sich zu mir um.
Nie zuvor hatte ich ihn so angsterfüllt gesehen. Die Augen weit aufgerissen. Das Gesicht verzerrt zu einer Fratze. Als würde er mich nicht erkennen. Als wäre ich der Horror in Person.
Dann wurde mir von hinten hart gegen die linke Schulter geschlagen. Ich taumelte. Und während eine Gestalt an mir vorbeiflog, rammte mein Becken einen eisernen Begrenzungspoller am Bordstein. Mein Kopf raste zu Boden. Gleichzeitig hoben meine Beine ab. Ich überschlug mich und landete hart auf dem Steinpflaster.
Meine Orientierung war weg. Ein Stechen pulsierte durch meinen rechten Ellbogen, ein Knie und mein Becken und verschwand wieder. Während ich mich am Poller aufrappelte, spürte ich eine feuchte Wärme auf meiner Stirn. Ich wischte mit dem Handrücken darüber. Er war rot.
Ich blute, dachte ich noch, als ein schwarzes SUV aus derselben Richtung kam, aus der ich gerannt gekommen war, und mit sirrenden Reifen in die Seitenstraße parallel zum Stadtwald abzweigte.
Mein Sohn!, war alles, was ich denken konnte. Das war ein Mann!, erinnerte ich mich als Nächstes an die Schemen, die mich umgestoßen hatten.
Dann rannte ich weiter.
***
Rennen trifft es nicht so ganz.
Ich weiß es nicht mehr. Solche Details sind weg. Mein Herz pumpte mehr Adrenalin als Blut durch meinen Körper. Ein wildfremder Mann jagt meinem verängstigten Sohn nach. Da setzt alles aus. Ich glaube, das versteht jeder.
Und dann noch dieser schwarze Geländewagen.
Damals hab ich nicht sofort begriffen, dass es derselbe war, den Marc morgens überall gesehen hatte. Diese Männer mussten den ganzen Tag an uns dran gewesen sein. Ohne dass ich es gemerkt hatte.
Ich hätte uns so vieles erspart, wenn ich nur besser auf Marc gehört hätte. Wir standen da morgens mit der Polizei und ich hätte nur sagen müssen: »Bitte schauen Sie mal nach dem Wagen da. Er verfolgt uns.« Mehr nicht.
Eine falsche Entscheidung.
Nur eine.
***
Die Welt vor mir wirkte bei jedem Schritt, als würde sie aus den Angeln gehoben und wieder absacken, als ich dem SUV in die Seitenstraße nachhastete. Meine Augen sprangen immer wieder von ihm zum Waldrand und zurück. Ich sah die grüne Sportjacke zwischen den Bäumen. Gleich darauf hechtete Marc aus dem Wald hervor, eine graue Gestalt unmittelbar hinter sich.
Der kahl rasierte Mann in Jeans und grauer Jacke packte Marc am Kragen und hob ihn mühelos in die Höhe. Seine Beine wirbelten in der Luft, als hätten sie den Verlust des Bodens unter sich noch nicht bemerkt.
»MARC!«, schrie ich hysterisch und rannte noch schneller.
Das SUV hielt und die hintere Tür schwang auf. Der Kahlrasierte bugsierte das strampelnde und sich windende Bündel auf den Einstieg zu, bekam dessen umherfliegenden Fäuste und Unterarme an Kopf und Hals und zuckte nicht einmal.
»Bleib weg!«, kläffte er stattdessen mit osteuropäischem Akzent in meine Richtung.
Ich rannte an einem Haufen Astschnitt und trockenen Reisigs vorbei und griff blind nach etwas, das mich fast aus dem Gleichgewicht brachte. Ich erkannte erst, dass es ein schwerer Ast war, als ich ihn dem Kahlen aus vollem Lauf heraus überzog. Der Mann prallte gegen die offene Tür und Marc plumpste zu Boden.
Mein eigenes Tempo riss mich fast mit. Ein älterer Mann, der aus dem Nichts kam, fing mich auf. Mein Gesicht stoppte direkt vor seinem. Seine Augen schlossen und öffneten sich langsam. Dann packte er mich an den Oberarmen, drehte mich um und zeigte auf Marc.
Ich fiel vor meinem Goldschatz auf die Knie und vergrub ihn unter mir.
Gleichzeitig rammte der ältere Mann den Kahlrasierten mit der Schulter ins SUV und knallte die Tür hinter ihm zu. Das SUV preschte mit quietschenden Reifen davon.
»Geht es dir gut?«, fragte ich und begann, Marc abzutasten. »Bist du verletzt?«
Marc murmelte unverständlich.
Ich nahm sein Gesicht in beide Hände. »Hat dieser Mann dir wehgetan?«
»Nein.« Marc wand sich quengelnd aus meinem Griff und besah seinen linken Handballen.
Er war aufgeschürft und schmutzig. Vermutlich vom Sturz. Ich packte sein Handgelenk, küsste die verletzte Stelle und sog gleichzeitig den Dreck heraus.
»Das heilt wieder, Kleiner.« Der Fremde, der uns geholfen hatte, ging neben uns in die Hocke. Er hatte ein knorriges Gesicht, das noch Spuren einer schlimmen Jugendakne trug. Erste braune Altersflecken breiteten sich von seiner Stirn über die Halbglatze aus. Seine langen weißen Brauen hatten die Form von ausgebreiteten Flügeln. Die grauen Augen unter den hängenden Lidern wirkten wie ein Beruhigungsmittel, dem besonders Marc sich anscheinend nicht entziehen konnte.
Trotzdem schmiegte er sich an mich.
»Geht es Ihnen gut?«, fragte der Mann mich.
»Ja«, antwortete ich immer noch atemlos. »Danke!«
»Wissen Sie, was die von Ihrem Sohn wollten?«
»Was?«
»Diese Kerle. Wissen Sie, wer das war? Kennen Sie diese Männer?«
»Wer sind Sie?«, fragte ich noch, wartete die Antwort aber nicht ab. Stattdessen drehte ich Marcs Gesicht zu mir. »Warum bist du nicht bei deiner Schwester?«
»Sie war nicht da«, knatschte er.
Herrgott, Johanna!, fluchte ich innerlich. Doch die anschwellende Schimpfkaskade fiel gleich wieder in sich zusammen. Eine schreckliche Gewissheit fiel mich unversehens an, als ich dem längst entschwundenen SUV nachstarrte.
»Wo ist sie?«, fragte ich zittrig, als würde ich die Antwort bereits kennen.
