Perry Rhodan 2923: Angriff auf den Spross - Michelle Stern - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan 2923: Angriff auf den Spross E-Book und Hörbuch

Michelle Stern

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Beschreibung

Wir schreiben das Jahr 1551 NGZ, gut dreitausend Jahre vom 21. Jahrhundert alter Zeitrechnung entfernt. Nach großen Umwälzungen in der Milchstraße haben sich die Verhältnisse zwischen den unterschiedlichen Sternenreichen beruhigt; im Großen und Ganzen herrscht Frieden. Vor allem die von Menschen bewohnten Planeten und Monde streben eine positive Zukunft an. Tausende von Welten haben sich zur Liga Freier Galaktiker zusammengeschlossen, in der auch Wesen mitwirken, die man in früheren Jahren als "nichtmenschlich" bezeichnet hätte. Trotz aller Spannungen, die nach wie vor bestehen: Perry Rhodans Vision, die Galaxis in eine Sterneninsel ohne Kriege zu verwandeln, scheint sich langsam zu verwirklichen. Man knüpft sogar vermehrt Kontakte zu anderen Galaxien. Gegenwärtig befindet sich Rhodan selbst im Goldenen Reich der Thoogondu, die ebenfalls eine Beziehung zur Milchstraße aufbauen wollen. In der Milchstraße sind mittlerweile die Gemeni von Bord ihrer "Spross" genannten Raumschiffe aus aktiv geworden, angeblich wollen sie die Mächtigkeitsballung von ES im Auftrag einer anderen Superintelligenz gegen feindselige Kräfte sichern. Sie treten auf als Partner und bieten Freundschaftsgeschenke besonderer Qualität an: Unsterblichkeit, Verjüngung, Psi-Fähigkeiten ... Aber ist das alles nicht viel zu schön, um wahr zu sein? Nicht nur Reginald Bull ist misstrauisch, und so kommt es zum ANGRIFF AUF DEN SPROSS ...

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Zeit:3 Std. 24 min

Sprecher:Florian Seigerschmidt

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Nr. 2923

Angriff auf den Spross

Ein Terraner kehrt zurück – eine Urlaubswelt wird bedeutsam

Michelle Stern

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Erscheinung

1. Resident

2. Heimkehrer

3. Wachhund

4. Freunde

5. Liga-Kommissar

6. Gemeni

7. Aktivatorträger

Leserkontaktseite

Glossar

Risszeichnung Pentasphärenraumer der THOODID-Klasse

Impressum

Wir schreiben das Jahr 1551 NGZ, gut dreitausend Jahre vom 21. Jahrhundert alter Zeitrechnung entfernt. Nach großen Umwälzungen in der Milchstraße haben sich die Verhältnisse zwischen den unterschiedlichen Sternenreichen beruhigt; im Großen und Ganzen herrscht Frieden.

Vor allem die von Menschen bewohnten Planeten und Monde streben eine positive Zukunft an. Tausende von Welten haben sich zur Liga Freier Galaktiker zusammengeschlossen, in der auch Wesen mitwirken, die man in früheren Jahren als »nichtmenschlich« bezeichnet hätte.

Trotz aller Spannungen, die nach wie vor bestehen: Perry Rhodans Vision, die Galaxis in eine Sterneninsel ohne Kriege zu verwandeln, scheint sich langsam zu verwirklichen. Man knüpft sogar vermehrt Kontakte zu anderen Galaxien. Gegenwärtig befindet sich Rhodan selbst im Goldenen Reich der Thoogondu, die ebenfalls eine Beziehung zur Milchstraße aufbauen wollen.

In der Milchstraße sind mittlerweile die Gemeni von Bord ihrer »Spross« genannten Raumschiffe aus aktiv geworden, angeblich wollen sie die Mächtigkeitsballung von ES im Auftrag einer anderen Superintelligenz gegen feindselige Kräfte sichern. Sie treten auf als Partner und bieten Freundschaftsgeschenke besonderer Qualität an: Unsterblichkeit, Verjüngung, Psi-Fähigkeiten ... Aber ist das alles nicht viel zu schön, um wahr zu sein? Nicht nur Reginald Bull ist misstrauisch, und so kommt es zum ANGRIFF AUF DEN SPROSS ...

Die Hauptpersonen des Romans

Reginald Bull – Kaum zurückgekehrt, nimmt sich der Unsterbliche einer besonderen Aufgabe an.

Hekéner Sharoun – Der Resident ernennt einen Unsterblichen.

Toio Zindher – Die Vitaltelepathin betritt gefährliches Territorium.

Korin Anderlei

Erscheinung

Abenddämmerung senkt sich über Port Hippokrates, verzaubert das Meer aus Wohntürmen und Geschäftsgebäuden. Kristallfronten spiegeln das Licht der sinkenden Sonne. Am Horizont geht Violett in Rosa über, läuft aus in Gelb.

Über der obersten Schicht aus milchigem Blau zeigt sich der schwache Umriss Annits. Der Mond steht als Sichel am Himmel, wartet darauf, zu erstrahlen. Die Millionenstadt atmet ein letztes Mal ein, ehe die Dunkelheit kommt.

In den Häusern, auf den Straßen und Trassen leuchten erste Lichter. Menschen – die meisten Terraner oder Aras – bevölkern die Laufbänder, lassen sich unter Palmblättern und den überhängenden Ästen blühender Sträucher gemächlich nach Hause oder zu Restaurants tragen. Gleiter fliegen von Kliniken, Forschungseinrichtungen und Universitäten in die ausgedehnten Wohnviertel mit ihren Parks, Wasser- und Freizeitanlagen. Ihr Strom am Himmel blinkt und flirrt mit der Sommerluft.

Im milchigen Blau über dem Gelb verändert sich etwas. Von einem Moment auf den anderen steht dort ein zweiter Mond. Er ist ovoid und durchscheinend wie ein Schleier. Seine Oberfläche schimmert in tiefem Blau. Doch dieser Mond bleibt nicht an Ort und Stelle stehen. Er wird größer, verschluckt Annit, stürzt der Stadt entgegen, als wollte er ihren Platz einnehmen. Er füllt einen Teil des Himmels, stanzt sich in die Farben des Sonnenuntergangs und taucht Port Hippokrates in Schatten. Kalter Wind faucht durch die Wohnturmschluchten, reißt Blätter und Blüten mit sich.

Auf den Laufbändern stehen die Menschen still, schauen hinauf, halten Haare und Mützen fest, deuten zu dem geheimnisvollen Objekt, das plötzlich innehält, als hätte eine unsichtbare Gigantenhand den Sturz aufgefangen. Obwohl es ganz offensichtlich ein fremdes Raumschiff ist, das ohne Genehmigung mitten über der Hauptstadt der Welt Damona steht, spiegeln sich auf den Gesichtern Erstaunen und Faszination. Niemand gerät in Panik oder zeigt etwa Angst.

Das tiefblaue Ovoid wirkt geheimnisvoll, beruhigend oder neutral auf die meisten. Es geht keine Feindseligkeit von ihm aus. Trotzdem ist es ein Fremdkörper, der viel zu nah über den Spitzen der Wohntürme hängt. Viele heben die Hände, aktivieren Funkverbindungen mit den Armbandgeräten, um Freunde und Familien zu erreichen.

In der Administration überschlagen sich die Anrufe.

Immer mehr Bewohner schauen zu dem transparenten Objekt, das so unverhofft über ihrer Welt aufgetaucht ist. Sie informieren einander, stürzen an die Fenster, laufen hinaus. Tausende, Zehntausende, Hunderttausende. Millionen. Sie verlassen die Wohnungen, kommen aus Theatern, Konzerthallen, Cafés, Bars und Sporthallen gerannt.

Jeder will es sehen. Jeder will wissen, was es ist. Dabei ahnen sie es längst. Sie kennen die Nachrichten von Terra, wissen, was im Galaktikum geschieht. Damona mag ein dünn besiedelter Kur- und Medoplanet sein, doch er ist nicht vom galaktopolitischen Geschehen abgeschnitten. Er liegt 308 Lichtjahre von Sol entfernt – mit dem richtigen Schiff quasi nebenan.

Einige Aras kneifen die Augen zusammen, nutzen Implantate, die ihre Sehschärfe verbessern. Sie erkennen die Bewegungen und Strukturen hinter dem tiefblauen Außenmaterial. Es wirkt dennoch wie in dichte Nebelschwaden gehüllt, die Oberfläche insgesamt blättrig-schuppig und zugleich glatt, was die einzelnen Blätter betrifft. Sie weist Aus- und Einbuchtungen auf, deren unregelmäßige Verteilung an die Berge, Täler, Risse und Krater einer Planetenoberfläche erinnern.

»Der Spross YETO!«, ruft jemand.

»Der Spross YETO!«, geht es durch die Stadt.

1.

Resident

Barotia Fambrough stand von ihrer Arbeitsstation in der Mitte des Raums auf und streckte sich. Sie liebte ihren Beruf. Administratorin von Damona zu sein, der Hauptwelt des Vindonnussystems, ihrer Heimat, war die Erfüllung eines Traums. Das Einzige, das sie an dieser Aufgabe nicht mochte, war die viele Arbeit in geschlossenen Räumen und oft genug im Sitzen.

Sie ging ein paar Meter, schaute durch die komplett verglaste Halbkugel hinaus auf die Stadt. Ihr Büro lag im obersten Stockwerk des A-Towers, des Hauptgebäudes der Administration in Port Hippokrates. Sie genoss den Ausblick auf die tiefer liegenden Hochhäuser, die sich wie ein Meer aus Wohntürmen vor ihr erstreckten. Winzig klein waren in der Tiefe die grünen Flächen der Park- und Kuranlagen zu sehen.

»Mystix«, sagte Fambrough und aktivierte mit dem Wort die eulenartige Roboteinheit, die ihr stets zur Seite stand. Sie war einem Ganru-Vogel aus den Regenwäldern Damonas nachempfunden. Prächtiges, rotgoldenes Synthetikgefieder bedeckte den Leib und die Flügel.

»Allzeit bereit!«, verkündete die auf übermotiviert eingestellte Maschine.

»Was steht heute noch an?«

»2. August 1551 Neue Galaktische Zeitrechnung: Du willst einen Termin mit dem Bauamt vereinbaren und eine Antwortnachricht an Shesil Ganndit verfassen, wegen der Anfrage nach einem Gatraxengipfel.«

»Ein Gatraxengipfel«, wiederholte Fambrough. »Ein lächerlicher Gedanke. Als ob die Gatraxen ein Gipfeltreffen mit uns wünschten, bei dem es um Austausch ginge. Sie sind froh über ihre Zurückgezogenheit.«

»Soll ich das – entsprechend höflich formuliert – antworten?«

»Tu das! Setz eine Vornachricht auf, ich prüfe sie dann.«

»Geht klar!«

Fambrough ging näher an die Panzertroplonkuppel heran. Ihr haarloser Kopf berührte beinahe das kühle Material. Sie kniff die Augen zusammen. Mitten im Sonnenuntergang, ganz in der Nähe der Sichel Annits, hing etwas in der Luft: ein unwirklich blaues, durchscheinendes Gebilde! Es fiel der Stadt entgegen, stoppte dann und verdunkelte den Himmel. Es verharrte keine zwei Kilometer über der Stadt. Sie öffnete den Mund. Der Schreck fuhr ihr in die Knochen. Das war ein fremdes Schiff!

»Mystix! Sofort Verbindung mit der planetaren Abwehr aufnehmen! Schiffsidentifizierung abfragen!«

In Fambroughs Gehirn überschlugen sich die Meldungen der letzten Wochen. Ein blaues Ovoid. War das etwa ...? Nein. Unmöglich! Nicht ausgerechnet über ihrem Planeten!

Am Arbeitsplatz leuchtete ein Heer aus Lichtern auf. Unzählige Kontaktversuche gingen ein. Das Armbandgerät vibrierte.

Nervös rückte Fambrough die Jacke zurecht, die sie so gerne trug – die Geste gab ihr Halt.

Mystix flog ein Stück näher. Seine Flügel flatterten unruhig. »Die Abfrage hat ergeben, dass wir dieses Schiff kennen. Es ist der auf Terra gewachsene Spross YETO, der vor zwei Wochen vom Solsystem aus zu einem unbekannten Ziel gestartet ist!«

Sie hatte es befürchtet. Das war einerseits gut, denn mit dem Spross waren etliche Terraner verschwunden, die sich um einen Zellaktivator beworben hatten – andererseits stand das rätselhafte Schiff der Gemeni über ihrer Welt! Was, wenn sich auf Damona ähnliche Szenen abspielten wie auf Terra? Ströme von Pilgern aus der ganzen Galaxis, die sich einen der versprochenen Zellaktivatoren erhofften, und Damonaer, die bei lebendigem Leib von den Schiffswänden absorbiert wurden, weil sie nicht auf die oberste Regel der Gemeni achteten? »Wer die Wunde schlägt, muss sie heilen!«

Einige Terraner hatten den Spross YETO angeblich physisch angegriffen und waren daraufhin als Baumaterial für das organische Gewebe verwendet worden. Die Gemeni nannten das: »zu Liquor werden.« Fambrough hatte die nachgestellten, äußert drastischen Bilder von Sender Augenklar im Kopf, der anhand von Aussagen abgewiesener Aktivator-Anwärter einen furchterregenden, einstündigen Dokumentarfilm mit zappelnden Beinen und schrillen Schreien gedreht hatte.

Der reißerische Titel lautete: »Die Gemeni – Verheißung oder Fluch?«

»Verbindung zu Admiral Shesslor Kartikes annehmen!«, sagte sie Richtung Armbandgerät.

Kartikes meldete sich sofort. »Barotia – siehst du, was wir sehen?«

»Klar und deutlich. Es ist dieser Spross! Er ist aus dem Nichts aufgetaucht!«

»Soll ich die Abwehrflotte losschicken?«

»Ja! Versucht, Kontakt herzustellen. Wartet mit einem Angriff. Sie haben vermutlich zweihunderttausend Galaktiker an Bord. Ich werde den Residenten der Liga kontaktieren.«

»Verstanden!«

Fambroughs Beine fühlten sich so kraftlos an, dass ihr zum ersten Mal seit Ewigkeiten der gemütliche Pneumosessel am Arbeitsplatz wie eine Zuflucht erschien. Sie ließ sich hineinfallen, wollte eben per Überrangkode eine Verbindung zum Oberhaupt der Liga Freier Galaktiker herstellen – da meldete sich Kartikes erneut.

»Der Bhal des Sprosses will mit dir sprechen.«

»Durchstellen und aufzeichnen!« Fambrough bemühte sich sanft und bestimmt zu klingen, wie sie es immer tat. Doch in diesem Moment fiel es ihr schwer. Adrenalin pulste durch ihre Adern.

Eine leise, aber verständliche Stimme erklang: »Hier ist der Spross YETO. Ich bin Bhal Haddhunis. Ich bitte um eine Aufenthaltserlaubnis im Orbit von Damona.«

»Ich bitte ...« Diese Worte kamen Barotia Fambrough wie eine Farce vor. Bat dieser hinterhältige Gemen wirklich? Das Auftauchen des Sprosses über der Stadt, ohne sich anzukündigen, war reine Provokation! Sicher stand das Schiff absichtlich derart nah über den Häusern – wenn die kleine Abwehrflotte angriffe, würde das unweigerlich zu einer Katastrophe in Port Hippokrates führen.

»Das kann ich nicht allein entscheiden«, sagte Fambrough freundlich, doch mit Nachdruck. »Darf ich davon ausgehen, dass der Spross sich friedlich verhält?«

»Wir werden keine Aggression zeigen, solange ihr uns nicht angreift.«

Das war eine unterschwellige Drohung. Fambrough nickte, auch wenn Bhal Haddhunis es nicht sehen konnte. Er hatte keine Bildübertragung aktiviert. »Ich melde mich in Kürze.«

Sie beendete die Verbindung, stellte endlich die zu Hekéner Sharoun her. Es dauerte quälende Minuten, dann erreichte sie den Residenten der Liga Freier Galaktiker über die Hyperfunkrelais.

Das Bild des Ferronen stand als Holo über dem Armbandgerät. Der Blick aus den mahagonibraunen Augen war wach und durchdringend. Der leicht rötliche Ton der Iris unterstützte den Eindruck. Eigentlich mochte Fambrough lieber Männer, die wie sie eine Glatze und die typische Bräune Damonas hatten. Trotz der blauen Haut, der kupferfarbenen, struppigen Haare und der hervortretenden Stirn fand sie Hekéner Sharoun allerdings attraktiv. Es lag neben den markanten Zügen an seiner Ausstrahlung.

Fambrough hatte das Gefühl, einen Mann anzusehen, der hinter die Dinge blickte. Er war jemand, der mehr wusste, auch über seinen Gesprächspartner. Ein Mann, der die Dinge durchschaute, ohne sein Wissen als Waffe zu nutzen. Im Gegenteil machte er einen wohlwollenden Eindruck, wie ein Freund, dem man bedenkenlos bei einem Glas damonischen Frostweins alle Probleme anvertrauen konnte, um gemeinsam eine Lösung zu finden.

»Der Spross YETO steht über Port Hippokrates«, sagte sie statt einer Begrüßung.

Sharoun ließ sich keine Überraschung anmerken, nicht einmal Erleichterung, obwohl er diese bestimmt empfand. Immerhin wussten sie nun wahrscheinlich, wo die etwa zweihunderttausend entführten Terraner waren – es sei denn, der Spross hatte sie in der Zwischenzeit an einen anderen Ort gebracht oder ihnen Schlimmeres angetan. Vierzehn Tage waren eine lange Zeit für die geringe Entfernung. Der Spross konnte zwischendurch weitere Planeten angeflogen haben.

»Gab es einen Kontakt?«, fragte Sharoun.

»Ja. Bhal Haddhunis bittet um eine Aufenthaltserlaubnis im Orbit.«

Sharoun schwieg eine Weile. »Ich erteile diese Erlaubnis im Namen der Liga. Allerdings soll der YETO eine Landung auf Damona verweigert werden. Ich schicke ein Flottenkontingent auf den Weg.«

Fambrough bezweifelte, dass Militärpräsenz die Lage verbessern würde. »Nur ein Flottenkontingent? Was, wenn diese Krise länger andauert? Wir brauchen einen Diplomaten. Jemanden, der sich mit den Gemeni auskennt und herausfindet, ob und welche Gefahren von ihnen ausgehen. Habt ihr einen Experten, der uns unterstützen kann?«

»Ich schicke euch jemanden, sobald er abkömmlich ist.«

»Wen?«

»Reginald Bull!«

Terrania City

fünf Tage zuvor

Hekéner Sharoun lehnte sich im frei schwebenden Sessel zurück. Er hatte sich eine Auszeit in einem kleinen Besprechungsraum der Solaren Residenz erbeten, ehe Cai Cheung zu ihm stoßen würde. Die Lage war kompliziert. Es brannte an allen Ecken und Enden, und nun war ein Raumschiff im Orbit des Uranusmondes Oberon aufgetaucht – ein Raumschiff, das mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit keine geringeren Besatzungsmitglieder an Bord hatte als Icho Tolot und Reginald Bull.

Zuerst hatte Sharoun einen Trick der Gemeni oder einen Irrtum befürchtet, doch die Wissenschaftler auf Oberon waren inzwischen sehr sicher, dass es sich um die beiden unsterblichen Gefährten Perry Rhodans handelte, den zweiten Lenker der Menschheit, der sich in tausend Krisen bewährt und immer wieder an vorderster Front für das Solsystem und die Galaxis gekämpft hatte, und den weisen Haluter.

Eigentlich eine gute Nachricht. Wäre da nicht diese Unsicherheit, die an Sharoun nagte.

Sharoun schloss die Augen. Er ging in seinen mentalen Garten, folgte einem weißen Weg aus Steinplatten, der ihn quer durch seine Erinnerung führte. Jede Platte stand für eine Woche. Auf ihnen waren Symbole und Zahlen gemalt, wenn in der entsprechenden Woche etwas Wichtiges vorgefallen war.

Er hatte kein fotografisches Gedächtnis, doch dank dieser Mnemo-Technik gelang es ihm, sich eine Menge Ereignisse präzise zu merken. Das wenige Abgespeicherte holte andere Erinnerungen zuverlässig aus den Speichern des Unbewussten zurück. Sharoun passierte jenen Gartenabschnitt, der für die letzten Wochen stand, weiter zu einer Platte, auf der eine Miniatur der RAS TSCHUBAI prangte.

Am 10. Juni 1551 NGZ war Perry Rhodan ins Goldene Reich aufgebrochen. Vor seiner Abreise hatte Rhodan mit ihm gesprochen. Es war eine Unterredung unter vier Augen gewesen.

Im Garten trat Sharoun vom Weg, aktivierte einen Projektor, der ihm einen Holofilm zeigte. Die Vorstellung spornte sein Gehirn zu Höchstleistungen an. Er adressierte damit an sein Unterbewusstsein die Aufforderung, sich vollständig und präzise zu erinnern, ohne dabei etwas zu verändern. Gerade so, als würde die Szene gerade live ablaufen.

Rhodans Gesicht tauchte vor ihm auf. Der Blick der graublauen Augen war ernst auf Sharoun gerichtet. »Ich muss dir etwas sagen, das eigentlich ein Geheimnis ist. Aber da ich nun fortgehe, sehe ich keine andere Möglichkeit. Reginald Bull ist mein bester Freund. Es zu sagen, kann Schaden anrichten – es nicht zu sagen, womöglich viel größeren.«

»Was ist es?«, fragte Sharoun.

»Es geht um Bullys Zellaktivator. Um aus der Stadt Allerorten zurückzukehren, musste Bull ihn verändern lassen. Das Gerät wurde chaotarchisch geprägt. Ich habe danach zwar keine Auffälligkeiten festgestellt, doch nun gehe ich fort. Falls Bull wiederauftaucht oder die OVARON ihn in Larhatoon findet – hab das im Hinterkopf.«

Sharoun öffnete die Augen. Ja, das war der genaue Wortlaut gewesen. Ein chaotarchisch geprägter Zellaktivator. Das bedeutete, dass man Bull unter Umständen nicht vertrauen konnte – und das, wo ihn die Galaxis mehr brauchte denn je.

Er senkte den Sessel dem Boden entgegen. Keinen Augenblick zu spät. Pünktlich wie immer trat Cai Cheung ein. Sie hielt ihre Termine stets ein. Die Solare Premier lächelte ihm zu. Auch in ihrem Alter war sie noch immer schön. Eine attraktive Frau, die nichts von ihrem Schwung verloren hatte, seitdem er ihr Referent gewesen war. Nach wie vor trieb sie viel Sport, war schlank, beinahe hager. Dunkle, widerspenstige Haare rahmten ihr Gesicht.

»Ich habe leider wenig Zeit«, sagte Cheung statt einer Begrüßung.

»Ich auch nicht. Ich muss nach Oberon. Sicher warten meine Begleiter bereits.«

Cheung seufzte und setzte sich in einen freien Sessel am Besprechungstisch ihr Blick glitt sehnsüchtig hinaus in den prachtvollen Garten. »Wo sind die Zeiten, als wir in Ruhe Schach spielen konnten?«

»Wir spielen seit einem Jahr eine virtuelle Partie, du erinnerst dich?«

Sie kniff die Augen zusammen. »Du weißt genau, dass ich die nicht mehr gewinnen kann. Aber zur Sache – worum geht es?«

»Reginald Bull.« Sharoun hatte Cai Cheung über die Prägung des Zellaktivators informiert. »Wir brauchen ihn mehr denn je. Aber können wir ihm trauen?«

Sie sahen einander an. Das war mehr als eine Besprechung zwischen Solarer Premier und dem Residenten der Liga Freier Galaktiker – sie waren Freunde.

Selbst die eine Nacht, die sie direkt nach Sharouns Amtsantritt zusammen verbracht hatten, hatte das nicht gefährden können. Cheung hatte ihn seit jeher attraktiv gefunden, doch sie hatte einen Sinn für Hierarchie und wäre nie mit ihrem Berater oder Stellvertreter ins Bett gegangen – mit dem Residenten der Liga dagegen schon.

»Du hast Angst vor dieser Begegnung«, stellte Cheung fest.

»Sagen wir: Respekt. Reginald Bull ist mehr als ein Held. Er ist eine Legende.«

»Mehr Respekt, als angemessen ist?«, schlug Cheung vor.

»Möglich.«

»Aber du weißt, dass du dir diesen Respekt nicht leisten kannst?«

»Ja. Das weiß ich.«

»Fühl Bull auf den Zahn! Setz ihn unter Druck! Du hast Informationen eingeholt, hast eine Menge Züge vorbereitet. Spiel sie aus!«

Sharoun nickte bedächtig. Er griff in seine Tasche, in der eine schmale, jadegrüne Spielfigur lag – ein König aus dem terranischen Schachspiel. Seine Großmutter hatte ihm das Spiel auf Ferrol beigebracht und ihm diese Figur kurz vor ihrem Tod geschenkt. Er trug den Stein nicht immer bei sich – bloß, wenn er wusste, dass eine Herausforderung bevorstand. Die Berührung erinnerte ihn daran, wie viele vertrackte Situationen in seinem Leben er bereits gemeistert hatte. Es gab keinen Grund, sich kleiner zu machen, als er war.

»Danke«, sagte Sharoun. Er stand auf. »Zeit, nach Oberon zu gehen.«

*

Sie traten nacheinander aus dem Transmitter: Hekéner Sharoun, seine Beraterin, die Terranerin Xanara Degur, die beiden oxtornischen Leibwächter Entori Leor und Reiyo Chertin und der TARA-Inside, ein Kampfroboter, der durch die geballte Feuerkraft seiner vier Waffenarme wie eine Armee im Kleinstformat zählte. Seit der Ferrone Sharoun in der Liga Freier Galaktiker das Amt des Residenten angetreten hatte, hatte er diesen Tross viel öfter bei sich, als ihm lieb war. Es war einer der Nacheile seiner hohen Position, nur selten ohne Leibwächter und TARA auszukommen.