Perry Rhodan Neo 48: Der Glanz des Imperiums - Michelle Stern - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 48: Der Glanz des Imperiums E-Book und Hörbuch

Michelle Stern

4,0

Beschreibung

Mai 2037: Perry Rhodan und seine Gefährten sind auf einer gefahrvollen Reise nach Arkon, dem Zentrum eines riesigen Sternenreiches. Sie wollen den rachsüchtigen Regenten des Arkon-Imperiums stoppen, der in seinem Zorn die Erde vernichten lassen will. Noch ist die Position der Erde unbekannt, und Rhodan möchte, dass es so bleibt. Auf dem Weg dahin erreichen die Gefährten das Sonnenleuchtfeuer am Rand der Milchstraße. Von dort aus müssen sie den großen Sprung zum Kugelsternhaufen M 13 antreten - in dessen Zentrum befindet sich Arkon. Aus bislang unbekannten Gründen erreicht der Regent zur selben Zeit ebenfalls das Sonnenleuchtfeuer. Rhodan erkennt die einmalige Chance, der Bedrohung direkt zu begegnen. Er fasst einen aberwitzigen Plan: die Entführung des mächtigsten Mannes der Galaxis ...

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Seitenzahl: 224

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Zeit:5 Std. 54 min

Sprecher:Axel Gottschick




Band 48

Der Glanz des Imperiums

von Michelle Stern

Cover

Vorspann

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

Impressum

Mai 2037: Perry Rhodan und seine Gefährten sind auf einer gefahrvollen Reise nach Arkon, dem Zentrum eines riesigen Sternenreiches. Sie wollen den rachsüchtigen Regenten des Arkon-Imperiums stoppen, der in seinem Zorn die Erde vernichten lassen will. Noch ist die Position der Erde unbekannt, und Rhodan möchte, dass es so bleibt.

Auf dem Weg dahin erreichen die Gefährten das Sonnenleuchtfeuer am Rand der Milchstraße. Von dort aus müssen sie den großen Sprung zum Kugelsternhaufen M 13 antreten – in dessen Zentrum befindet sich Arkon.

Aus bislang unbekannten Gründen erreicht der Regent zur selben Zeit ebenfalls das Sonnenleuchtfeuer. Rhodan erkennt die einmalige Chance, der Bedrohung direkt zu begegnen. Er fasst einen aberwitzigen Plan: die Entführung des mächtigsten Mannes der Galaxis ...

Der Sonnenträger stand aufrecht zwischen den Ruinen. Seine weißen Haare lagen auf den Schulterstücken der Uniform. Der Blick wanderte über die Schaumkronen auf dem türkisfarbenen Fluss zum sacht ansteigenden Boden am Ufer und weiter über die mit kelchförmigen Blumen übersäte Wiese. Es war der friedlichste Ort, an dem er je gewesen war. Und der traurigste. Selbst der Geruch trug diese Trauer in sich. Herbes Moos, verfaulendes Gras, modernde Flechten, süßer Nektar.

Einst hatte es Lachen an diesem Ort gegeben. Und Hoffnung. Doch das war lange vorbei. Vergangen wie die Pracht der Gebäude. Es gab nichts als eingefrorenen Verfall. Schönheit und Tod. Zum Rauschen des Wassers umarmten sie einander wie Geschwister.

Ein Weg führte von einer Anlegestelle zu dem Hügel, auf dem er seine Stellung bezogen hatte. Es war gleich, wie lange es dauerte. Er würde niemals müde werden, nie aufgeben. Selbst wenn Äonen vergehen sollten, blieb sein Wille so fest und trutzig wie die verfallenen Türme.

Der Sonnenträger hob den Kopf. Er sah zu dem Ort seiner größten Begierde und seines größten Leides hin. Ein hauchdünner Schutz aus durchsichtigem Glassit überspannte den Leichnam.

»Ich wache über dich. Und wenn ich der Ewigkeit trotzen muss. Ich wache.«

»Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft. Denn in ihr gedenke ich zu leben.«

Albert Einstein

1.

Was war und was ist

Perry Rhodan

Rhodans Augen brannten. Die Bauchmuskeln verhärteten sich schmerzhaft, während er Crest im Holo sprechen hörte. Die ruhige Stimme des Arkoniden biss sich mit den Kampfspuren in der Zentrale. Zwei Strahlerschüsse hatten tiefe Einschusskanäle in den bunten Wandungen hinterlassen. Eine der Zierkanten war abgeplatzt.

»Wenn Sie diese Aufzeichnung sehen, werde ich nicht mehr bei Ihnen sein, Perry Rhodan – aus welchem Grund auch immer. Ich will noch einmal bekräftigen, wie sehr Sie selbst und die ganze Menschheit meine Hochachtung errungen haben. Ich habe aus diesem Grund Vorbereitungen getroffen. Die Menschheit darf nicht vernichtet werden! In der Positronik der TIA'IR sind alle Informationen gespeichert, die Sie benötigen, um die Erde vor der Rache des Imperiums zu bewahren. Diese sind nur Ihnen zugänglich, Perry Rhodan, und erst, wenn Sie das Arkon-System erreichen. Mögen die Sternengötter mit Ihnen sein!«

Das Holo erlosch. Schweigen senkte sich über die Gruppe. Sie standen so starr wie die vom Kampf in Mitleidenschaft gezogenen Konsolen. Niemand fand ein Wort.

Crest, dachte Rhodan. Warum Crest?

Was war geschehen? Lag es an dem zweifelhaften Geschenk von ES, das Rhodan abgelehnt hatte? Was sonst außer dem Zellaktivator hätte Crest zum Verhängnis werden sollen? Die Jacht zumindest hatten die Entführer Crests nicht stehlen wollen oder können. Doch von Crest da Zoltral fehlte jede Spur. War er Kopfgeldjägern zum Opfer gefallen? Aber wie hätten sie Crest erkennen sollen?

Ishy Matsu sah bleicher denn je aus. Iwan Goratschin stand mit hängenden Schultern kraftlos hinter ihr.

Belinkhar hatte sich als Einzige von ihnen hingesetzt. Sie lehnte schwer in einem der vier Sessel an den Konsolen, die Augen geschlossen.

Chabalh fauchte leise, zuckte mit dem Schwanz und drängte den tief gebeugten Kopf an Atlans Oberschenkel – eine Geste, die Rhodan nie zuvor an dem Purrer aufgefallen war und die Atlan schweigend tolerierte.

»Was ...«, setzte Rhodan an, als eine gewaltige Strukturerschütterung ihn zum Verstummen brachte. Die Jacht bebte wie in einer Sturmböe. Der Rumpf knirschte protestierend. Ein leiser Ton schwang durch die vibrierende Glassitkuppel und verstummte so jäh wie Rhodan.

»TIA'IR, was war das?«, fragte Atlan mit fester Stimme.

»178 Schiffe sind soeben in unmittelbarer Nähe des Sammelpunktes aus dem Hyperraum getreten«, informierte die Positronik.

»Funkverbindung mit Khe'Rhil!«

»Anfrage bereits eingegangen. Verbindung aufgebaut.«

Die Holodarstellung von Khe'Rhils Kopf schwebte über der Konsole.

»Khe'Rhil, was zum Henker war das?«, schoss es aus Rhodan heraus, kaum dass das Bild stabil war.

»Das«, antwortete der Lotse mit maskenhaft starrem Gesicht, »war das Ereignis, dem wir gehofft hatten zuvorkommen zu können. Der Tross des Regenten ist eingetroffen.«

Sie fuhren zu der transparenten Kuppel herum. Atlan aktivierte geistesgegenwärtig eines der Steuerholos. Winzige Lichtpunkte waren in gut zweihundert Kilometern Abstand wie ferne Sterne aufgeflammt. Sie näherten sich rasch.

»Positronik, heranzoomen!«, befahl Atlan.

Was Rhodan sah, machte ihn sprachlos. Dort, wo eben noch nichts als kalte Schwärze gewesen war, stand ein Meer aus Lichtern und Farben im All. Es blinkte und leuchtete wie elektronische Werbeflächen. Goldene und silberne Funken sprangen um einen Tross in perfekter Flugformation, hüllten ihn in eine Korona, die jedes Feuerwerk in den Schatten stellte.

Die Schiffe der Lotsen verblassten in diesem Spektakel ebenso wie die zahlreichen Frachter, Jachten und Raumer, die auf ihre Passage ins Herz des Imperiums warteten. Sie alle verwandelten sich in unbedeutende Funken. Hela Ariela selbst hatte unerwartet Konkurrenz erhalten. Der Stern, der als Orientierungs- und Sammelpunkt für die Konvois nach M 13 diente, war plötzlich nur mehr eine Leuchtquelle von vielen. Sein blauweißes Licht von der vielfachen Kraft der irdischen Sonne geriet in den Hintergrund.

An der Spitze des Trosses, mehrere Kilometer abgesetzt, erstrahlte das Flaggschiff in seinem eigenen »Heiligenschein«, den Sterne und arkonidische Symbole durchtanzten. Ein Kugelraumer mit einem Durchmesser von 850 Metern – wie die VEAST'ARK, die Rhodan und seine Gefährten Sergh da Teffron im Tatlira-System abgerungen hatten.

»Die VAREK'ARK, das Schwesterschiff«, sagte Belinkhar, die Rhodans Gedanken erriet und die frei zugänglichen Funksignaturen des Trosses verfolgte.

Matsu griff nach Goratschins Hand. Ihre Blässe hatte sich in Kalkstaub verwandelt, der wie aufgemalt wirkte.

Rhodan übernahm instinktiv das Gespräch, während Atlan sich um die Steuerung der Jacht kümmerte. »Was hat das zu bedeuten? Warum taucht der Tross des Regenten auf? Wollen die Schiffe nach M 13?« Vielleicht suchte auch der Tross lediglich eine offiziell genehmigte Passage. Schließlich stellte Hela Ariela das Nadelöhr dar, an dem sich alle Schiffe vor der Weiterreise sammelten.

»Wenn es nur so wäre.« Zum ersten Mal, seit Rhodan dem Lotsen begegnet war, erschien Khe'Rhil angespannt. Die zuckende Kopfbewegung, mit der er in Richtung des Trosses sah, erinnerte an Chabalh. »Es gibt ein Gerücht ...« Khe'Rhil verstummte. Die Schwärze auf seinem Hals flimmerte unangenehm. Rhodan wusste noch immer nicht, ob es sich bei dem Material um Kleidung oder eine andere Substanz handelte, die mit dem Leib verschmolzen war. Was immer es sein mochte, es glänzte intensiver als Chabalhs nachtschwarzes Fell. »Wenn es wahr ist, droht höchste Gefahr. Sie müssen sich mit der TIA'IR unverzüglich dem Konvoi nach M 13 anschließen. Solange noch Zeit bleibt.«

Rhodan schaltete sofort. Ein einziger Blick genügte, sich mit Atlan wortlos abzusprechen, um die Jacht in Bewegung zu setzen. Atlan wendete. Er richtete den Bug nach dem Konvoi aus.

»Welches Gerücht gibt es, Khe'Rhil? Was hat es mit dem Tross auf sich?«, fragte Rhodan.

»Ich bin nicht befugt, mit Ihnen darüber zu sprechen. Aber so viel kann ich Ihnen versichern: Das ist der Tross des Regenten. Sein Auftauchen bedeutet Unannehmlichkeiten, die nur die Leere kennen mag. Sehen Sie zu, dass Sie verschwinden. Ich muss mich um eigene Angelegenheiten kümmern.«

»Warten Sie. Haben Sie Neuigkeiten zur Transition des bareonischen Schiffs?«

»Leider nein. Die IQUESKEL ist fort, außerhalb unserer Messreichweite. Ziel unbekannt. Was Lefkin da Findur angeht, können Sie nichts tun.«

Rhodan presste die Lippen zusammen. Er sah in die Runde. Bestürzung zeigte sich in den Gesichtern der anderen. Nach Thantur-Lok, in irdischer Terminologie der Kugelsternhaufen M 13, zu springen bedeutete, Crest einem ungewissen Schicksal zu überlassen. Dabei konnte sich der Freund durchaus noch in der Nähe aufhalten.

»Wir müssen los«, sagte Atlan. »Unsere Mission geht vor.«

Misstrauen stieg in Rhodan auf. Atlan und Crest hatten sich schlecht verstanden. War es Atlan recht, dass Crest die Gruppe verlassen hatte? Nein. Atlan dachte logisch. Der Arkonide war ein ehemaliger Offizier der Imperiumsflotte. Ihm ging das Gesamtwohl in diesem Fall vor das des Einzelnen. So hart Rhodan diese Einstellung erschien, Atlan traf den Kern der Sache.

Crest hat einen Zellaktivator, beruhigte sich Rhodan. Er ist nicht mehr der lebensfremde Wissenschaftler. Wer immer ihn entführt hat, wird eine Überraschung erleben.

»Wir schließen uns dem Konvoi an«, sagte Rhodan zu Khe'Rhil. »Danke für Ihre Unterstützung.«

»Möge Anetis mit Ihnen sein.« Ohne eine Geste des Abschieds unterbrach Khe'Rhil die Verbindung.

»Großartig«, murmelte Belinkhar. »Solche Verbündeten sind die besten. Nur Andeutungen machen und uns mit Bauchschmerzen zurücklassen. Würde er zu meiner Sippe gehören, könnte er sich auf jede Menge Ärger einstellen.«

Chabalh suchte das Lager auf, das Rhodan ihm in einer Kuhle hergerichtet hatte. Er legte sich hin, behielt jedoch das Geschehen wachsam im Auge, den schweren Kopf mit zitternden Barthaaren auf die Vorderläufe gestützt, die Ohren aufgestellt wie ein aufmerksamer Panther.

Atlan lenkte die Jacht dem Konvoi entgegen. Dreiundneunzig Schiffe hatten sich versammelt, um den Abgrund zwischen den Sternen gemeinsam zu überqueren. Die Zahl lag weit unter der Standardgröße von hundertsiebenundsiebzig. Dass die Lotsen sie trotzdem passieren ließen, war ein Zugeständnis. Immerhin hatte sich Anetis Rhodan gegenüber wohlgesinnt gezeigt.

Das Wesen, das sich selbst als Sternengott bezeichnete, wollte ihnen helfen, die Herrschaft des Regenten zu beenden. Welche Motive dahintersteckten, erahnte Rhodan noch nicht. Sein Unwissen beunruhigte ihn. Zugleich war er dankbar, so unverhofft einen Verbündeten gefunden zu haben. Zudem Anetis keine Gegenleistung gefordert hatte. Zumindest noch nicht.

»Wir bekommen die Koordinaten für den ersten Sprung«, sagte Atlan. »Ich gehe auf die zugeteilte Position.«

»Wird der Tross uns springen lassen?«, mischte sich Goratschin in das Gespräch.

»Abwarten«, sagte Atlan. »Bisher sieht es gut aus. Vielleicht wollen sie nur nach Thantur-Lok, so wie wir auch. In dem Fall sind sie froh, wenn die Bahn frei ist.«

»Ist Sergh da Teffron in dem Verband?« Der Gedanke beunruhigte Rhodan. Die Hand des Regenten hatte allen Grund, ihnen zu schaden. Letztlich hatten sie da Teffron nicht nur das geliebte Schiff abgejagt und den Krieg mit den Topsidern in seinem Sinn negativ beeinflusst, sondern auch die Naats zum Überlaufen animiert, die zuvor unter da Teffrons Kommando gestanden hatten.

Letztlich war es Sergh da Teffron, den Rhodan mehr fürchtete als den Regenten. Die Hand war dafür bekannt, dass sie blutige Rache übte. Selbst vor der Vernichtung eines Planeten schreckte da Teffron nicht zurück. Seinetwegen befanden sich die Gefährten auf dem Weg nach Arkon, um die Koordinaten der Erde aus dem Epetran-Archiv zu löschen oder das Archiv gleich ganz zu vernichten.

»Das ist möglich, aber nicht zwingend. Da Teffron hat als Hand des Regenten viele Tätigkeitsbereiche. Der Tross des Regenten, der früher den Imperatoren gehörte, wird traditionell vom Khestan geführt, dem Rudergänger.«

»Einer Rudergängerin«, korrigierte Belinkhar. »Derzeit ist es eine Frau. Ihin da Achran. Ihr Gesicht ist so bekannt wie das des Regenten selbst.«

Die Jacht beschleunigte, zog an mehreren anderen Schiffen vorbei und setzte sich in eine Lücke.

»Welche Aufgaben hat der Tross?«, fragte Rhodan. »Begleitet er den Regenten?«

»Der Regent verlässt Thantur-Lok normalerweise nicht.« Belinkhar richtete sich im Sessel auf. »Offen gestanden bin ich ratlos, was der Tross so weit draußen macht.«

»Hoffen wir, dass wir es nicht erfahren.« Atlan deutete auf eine stilisierte Abbildung des Konvois über der Konsole. »Wir werden bald springen. Aktiviert die Haltefelder. Goratschin und Matsu, Sie sollten die Zentrale lieber verlassen. Es ist zu eng.«

»Wir bleiben«, widersprach Goratschin. »Wir teilen uns ein Feld.«

»Wie Sie wollen.«

Rhodan kümmerte sich um Chabalhs Sicherung, ehe er in einen der freien Sessel sank.

»Wir sind gleich durch«, sagte Atlan. »Nur dreimal tief Luft holen, dann ist es ...«

Ein grelles rotes Licht hüllte den Konvoi ein. Rhodan erkannte auf der schematischen Darstellung mehrere Bojen, die wie Geschosse hinter ihnen herrasten. »Ein Angriff!«, stieß er hervor und wollte neben Atlan in das Holo greifen, um auszuweichen. Er hatte Crest und Atlan schon so oft an den virtuellen Steuerelementen beobachtet, dass er instinktiv handelte.

Atlan packte seine Schulter. »Eine Kontaktaufnahme«, berichtigte er. »Informationsstatus, ohne Antwortoption. Sie geht an den gesamten Konvoi.«

Gleichzeitig baute sich in Überlebensgröße das Bild einer Frau mit weißgoldenen Haaren, bleicher Haut und aristokratischen Gesichtszügen auf. Eine hoch aufragende Kopfbedeckung aus roten Federn rahmte das schmale Gesicht.

Das Holo verblasste so schnell, wie es sich gezeigt hatte, und machte Platz für das Antlitz eines Mannes, der sein Haar im selben Stil trug wie das der erstgezeigten Frau. Goldene Strähnen durchbrachen den gewellten Fluss. Er trug eine Robe aus schimmerndem Violett, die eng am Körper lag und seine Ausgezehrtheit betonte. Die großen Augen waren die eines Kindes. Auf den ersten Blick erschien er wie jemand, der niemandem etwas zuleide tun würde. Um seine Lippen spielte ein selbstverliebtes Lächeln.

»Im Namen des Imperiums, dies ist ein Aufruf von Rudergängerin Ihin da Achran. Kehren Sie unverzüglich um und schließen Sie sich dem Tross unseres großartigen Imperiums an! Eine wichtige Aufgabe wartet auf Sie. In Kürze erhalten Sie ein Datenpaket mit entsprechenden Informationen.«

Atlan ließ Rhodan los. »Sehen Sie. Es besteht keine unmittelbare Gefahr.«

»Und nun?«, fragte Rhodan. Welche Aufgabe würde das sein? Schweiß sammelte sich unter seinem goldenen, mit Rüschen besetzten Hemd. Die Garderobe Prinzessin Crysalgiras mochte in ihren Kreisen als der letzte Schrei gegolten haben. Atmungsaktiv war sie nicht.

»Spielen wir zunächst einmal mit. Im Moment liegt ihre geballte Aufmerksamkeit auf uns. Ein ungünstiger Zeitpunkt für eine Flucht.« Atlan drosselte die Geschwindigkeit. Er folgte den anderen Schiffen und beschrieb mit ihnen einen weiten Bogen. Sie flogen auf den Tross zu. Die strahlende Pracht der Kugelraumer entfaltete sich mit blendender Intensität. Um das Flaggschiff flirrten Sterne und bunte Strahlen.

Rhodan zog die Hand von der Konsole zurück. »So kurz vor dem Sprung«, murmelte er. Doch wie hatte der alte Knochen Pounder zu sagen gepflegt: Niemals aufgeben. Bisher bedeutete das Auftauchen des imperialen Verbands lediglich eine Verzögerung. Noch war nichts verloren. Auch Crest nicht.

Ishy Matsu

Ishy Matsu starrte auf die herangezoomten Schiffe der Arkoniden, vor denen Datenkolonnen abliefen. Sosehr die Trebolaner sie mit ihrer Spinnengestalt und den sprunghaften Bewegungen erschreckt und verstört hatten, so intensiv erlebte sie nun dieses Schauspiel. Sie hielt den Atem an und merkte es erst, als sich ein Schleier vor ihre Sicht legte. Hastig sog sie die warme Luft der Zentrale ein.

An die zweihundert Schiffe lagen im Raum. Jedes war individuell verschieden und ein Schmuckstück für sich. Jede nur erdenkliche geometrische Form zeigte sich in den Konstruktionen. Besonders faszinierte Matsu ein Transportraumer, der die Konturen eines Tortenstücks aufwies. Wie konnte eine solche Bauweise funktional sein? Wie viel Leben es im All gab! Wie viele Wunder, die darauf warteten, entdeckt und gewürdigt zu werden! Ganz so, als mache erst ihre Bezeugung sie real.

Iwan drückte sie enger an sich. Seine Arme umfingen sie schützend. In der engen Zentrale hatten sie die Möglichkeit, sich auf dem Sessel dicht aneinanderzudrängen, ohne dass es unangenehm auffiel. Da es nur vier Sessel gab, mussten sie sich einen teilen.

»Niemals hätte ich davon zu träumen gewagt«, flüsterte Matsu. »Selbst damals nicht, als ich meine Mutantenfähigkeit erkannte.«

Sie sah sich mit fünfzehn: gelangweilt und gleichzeitig dem großen Druck ausgesetzt, der an ihrer japanischen Schule geherrscht hatte. Matsus Bewertungen waren miserabel gewesen. Ein Test nach dem andern war mit einer niedrigen Punktzahl zurückgekommen. Sie hatte das Niveau der Klasse nach unten gezogen und musste deswegen Spott und Demütigungen ertragen. Noch hatte Matsu nicht entdeckt, wie sie sich heimlich ein kleines Bild von Nachbartests aufrufen und unauffällig zum Vergleich über den eigenen Schulpad legen konnte.

Wie lange war das her? Wirklich nur die wenigen Jahre, die es zurücklag? Für Matsu waren es Erinnerungen aus einem anderen Leben. So fremd und unfassbar wie die Raumschiffe vor ihr.

»Sie sind wunderschön«, sagte Iwan in ihr Ohr, doch laut genug, dass alle es hörten.

2.

Aufgaben

Ihin da Achran

»Wie viele sind es?« Ihin da Achran streckte die Hand nach dem dreidimensionalen Holofeld aus, das die Szenerie im Raum wie auf einem Spielbrett in Miniatur darstellte, schob einige der virtuellen Schiffe zur Seite und betrachtete diejenigen, die hinter den Walzen, Kugelraumern und Diskusjachten lagen.

»Dreiundneunzig«, sagte Nertan da Hindur. Im Gegensatz zu ihr suchte Nertan mit den Füßen nach Halt. Er stand schwankend, als erzittere das Schiff noch immer in der gerade überstandenen Strukturerschütterung. Das geweißte Gesicht des Adjutanten stach eine Nuance ins Grünliche. Was den Entzerrungsschmerz anging, ließ er sich gern hängen.

»Zu wenig! Das ist Hela Ariela, verflucht! Mehr hast du mir nicht zu bieten?«

»Ich ...« Nertan suchte nun auch mit den Händen an der Konsole nach einer Stütze. Sein magerer Körper schien unter ihrem strengen Ton zerbrechen zu wollen. Ein Anflug von Mitleid regte sich in Ihin. Nertan war für die Entwicklung der aktuellen Situation genauso wenig verantwortlich wie Hela Ariela für die Launen der Obersten Inszenieurin.

»Schon gut. Entfern dich!« Ihin atmete tief durch und sammelte sich. Unter echtem Stress wurde sie ruhiger, doch das war keine herausfordernde Situation, lediglich eine ärgerliche. Sie hatte mit mehr Schiffen gerechnet. Jedes einzelne von ihnen zählte. Ihin war lange genug auf diesem Posten, um zu wissen, was funktionieren würde und was nicht.

Ihr Adjutant senkte den Kopf und ging. In wenigen Momenten würde es eine der zeremoniellen Situationen geben, an der es den drei Adjutanten der ranghöchsten Offiziere erlaubt war, sich vorübergehend zu entfernen und Aufträge im Sinn ihrer Vorgesetzten zu erledigen. Nertan würde in die Messe gehen und ihr eine der beruhigenden Sirupvarianten bringen, die sie selbst kreiert hatte. Vermutlich Arkonrose.

Ihin sichtete das vorhandene Material. Es war durchschnittlich, farblich bestenfalls Mittelmaß, und sein Einsatz musste wohl überlegt sein. Besonders misslungen fand sie ein Prospektorenschiff, dessen Rumpfoptik ausgerechnet dem minderwertigen trebolanischen Baustil entsprach. Als ob die Spinnenwesen je fähig gewesen wären, ein derartiges Schiff alltauglich zu konstruieren. Allein der Anblick stellte eine Beleidigung der arkonidischen Ästhetik da. Einen solchen Schandfleck konnte sie bestenfalls verstecken.

Sie drehte sich zur zweiten Holobatterie, die hinter ihr auf dem erhöhten Podest lag, das ihr als Rudergängerin und Kommandantin zustand. Als ihr Blick über die Arbeitsplätze der Zentrale glitt, über die konzentrierte, professionelle Betriebsamkeit, spürte sie trotz der Anspannung wärmenden Stolz.

Die VAREK'ARK war wie ihr Schwesterschiff VEAST'ARK eine Schönheit. Während man der VEAST'ARK den Beinamen »Stolz des Imperiums« gegeben hatte, trug Ihins Schiff die ruhmreiche Bezeichnung »Glanz des Imperiums«.

Eben dieser Glanz leuchtete an diesem Tag nicht hell genug. Es musste einen Weg geben, das Maximale herauszuholen. Sie war die Speerspitze Arkons. Es oblag ihrer Obhut, das Imperium würdig zu vertreten. Der Posten der Rudergängerin mochte nur über marginale militärische Macht verfügen, doch er war, was sein Ansehen betraf, nicht zu unterschätzen.

Und es ist mein Posten. Kaum jemand aus den Kreisen des Imperators hätte es für möglich gehalten, dass ausgerechnet Ihin da Achran dieses hohe Amt eines Tages innehaben würde. Bevor sie zur Khestan wurde, hatte sie an Bord dreier Schiffe gedient. Davor hatte man sie als »Die Glänzende« bezeichnet, denn sie hatte mehr als einem Imperator als Gesellschafterin zur Verfügung gestanden.

Kurtisane, so nannte sich ihr ursprünglich erlernter Beruf, in den sie mithilfe ihrer Mutter viel Zeit und Arbeit investiert hatte. Erfolgreich. Ihre Zeiten in den Salons und Spielzimmern der Paläste waren vorüber, doch das störte Ihin wenig. Sie war an genau dem Ort, an dem sie sein wollte. Auf dem Platz, um den sie das halbe Imperium beneidete.

Ihin schnippte mit dem Finger, sodass ihr Fir'tun mit flatternden Flügeln angeflogen kam: ein Wesen, das aussah wie eine Mischung aus Vogel und Fellknäuel, jedoch keines davon war. Die langen Fellstränge, die seinen Körper bedeckten, erweckten den Anschein, aus faserigen Federn zu bestehen. Unter ihnen steckte ein kompliziertes Gehäuse aus verformbarem Material und einer winzigen positronischen Einheit.

»Fir'tun, aktiviere Formation 312 und lass mich sehen, was Reflektiermasse und rote Farbeffekte auf den Rümpfen bewirken.«

Nertan kam zurück und reichte ihr das Getränk. Arkonrose, wie sie vermutet hatte. Ihin schenkte ihm ein dünnes Lächeln, das er strahlend erwiderte. Die Haltung des mageren Arkoniden kehrte zurück. Durch das Lächeln wirkte sein durchschnittliches Gesicht attraktiv und beschwichtigend zugleich. Die großen, intensiv roten Augen strahlten wie die eines Kindes, das ein lang ersehntes Geschenk erhalten hatte. »Du wirst es großartig machen, Ihin. Wie immer.«

»Ich weiß. Ich wünschte nur, uns stände besseres Material zur Verfügung.« Ihin nahm einen Schluck, drückte Nertan den Kristallkelch in die Hand und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Sie studierte die einzelnen Schiffe, sortierte die vielversprechendsten heraus und behielt Fir'tun dabei im Auge.

Das Pelzwesen landete auf der Konsole und verband sich mit der Bordpositronik, um Ihins bevorzugte Flugformationen im Ausdruck zu verbessern.

Ihin hielt inne, als ihr eine schnittige rote Jacht in die Finger kam. Sie betrachtete das Modell zwischen ihren Händen. Die Positronik zeigte ihr errechnete Werte an: Die schmale Keilform hatte eine Länge von 90 Metern, eine Breite von 15 und eine Höhe von 35 Metern am Heck. In der hinteren Hälfte erhob sich auf der Schräge eine glitzernde Glassitkuppel, unter der man unscharfe Formen sah. Optische Verzerrung schützte gegen eine Sichtung von außen.

Golden schimmernde Zieraufsätze und orangegelbe Flammenmuster auf dem extravaganten Rot der Grundfarbe erregten Wohlgefallen. Wenn die Geschwindigkeit und die Leistung der Antriebe hielten, was sie versprachen, handelte es sich um ein Stück Technik der Extraklasse. Ein exquisites Luxusspielzeug mit Charme, das der Kennung nach eine gerade erst von Gha'essold geborgene Prise war.

»Schick«, sagte Ihin. Zum ersten Mal seit einer Stunde war ihr Lächeln echt. Sie fegte die Holos mit dem Handrücken zur Seite und wandte sich an ihre Besatzung.

Drei Dutzend Arkoniden veränderten ihre Haltung. Auch wenn sie sich weiterhin auf ihre Abbildungen konzentrierten, wusste jeder, dass Ihins Aufmerksamkeit auf ihren Rücken lag. Eines ihrer Holos zeigte den Untergebenen die Khestan von vorne.

Fir'tun war gerade mit den Probeläufen fertig geworden. Ihin erfasste das Ergebnis aus den Augenwinkeln.

3.

Im Tross des Regenten

Perry Rhodan

»Transition am Zielpunkt abgeschlossen«, informierte die Positronik. »Position im Konvoi wird gehalten.«

Rhodan öffnete die Augen und griff sich an den Nacken. Seine Muskeln brannten wie nach dem Anheben von zu viel Gewicht. »Was für eine Welt ist das?«, fragte er in die Stille.

Vor ihm lag ein wolkenverhangener Planet in wenigen Tausend Kilometern Entfernung. Zwischen der Welt und der Jacht ragte ein Gebilde auf, das durch seine größere Nähe zum Betrachter gut ein Drittel des Planeten verdeckte. Anlage um Anlage reihte sich über Verbindungstunnel aneinander und bildete ein unübersichtliches Konstrukt. Hunderte von Raumschiffen dockten an der Station an.

Linsenförmige Elemente von bis zu zwei Kilometern Durchmesser enthielten parkähnliche Wälder mit dichter Vegetation. Durch das transparente Material der Kuppeln erkannte Rhodan einzelne Baumgruppen. Die Kuppeln muteten ihn an wie Archen, die das Leben mitten im All behüteten. Die Archen waren scheinbar wahllos in die verzweigte Struktur eingeklinkt und erinnerten an den Garten der Lotsen auf Tinios.

Die anderen mussten sich erst erholen, ehe sie auf seine Frage reagieren konnten. Besonders Goratschin und Matsu sahen kläglich aus.

Belinkhar sammelte sich zuerst. »Artekh 17. Das Gebilde, das wir vor uns haben, ist ein Orbitalgeflecht. Trotz des Namens hat es nichts mit dem Gespinst zu tun. Arkoniden haben es ...« Sie verstummte und betrachtete das Spektakel, das sich ihnen bot.

Zwischen dem Geflecht und ihrer Position schwebten Hunderte von Raumschiffen in der Schwärze. Sie strahlten ihre eigenen, rasch anwachsenden Lichter aus, funkelten wie ein eben aufgetauchter Sternenozean, der sich um das Geflecht bewegte wie Hunderte von Planeten um eine Sonne. In seinem Zentrum flimmerten die Schiffe des Trosses.

»Das müssen über zweitausend Raumer sein«, flüsterte Goratschin. »Weit mehr als bei Hela Ariela.«

Dass Goratschin die Stimme senkte wie in einer Kirche, verstärkte Rhodans Gefühl von Andacht. Ein Schauer prickelte über seine Halswirbelsäule.

Mehrere Minuten sprach niemand von ihnen. Die Schiffe blieben relativ stabil auf ihren Positionen, der Tross bewegte sich nur geringfügig. Als würde das Geflecht von einer farbenfrohen Flotte belagert werden. Niemals zuvor hatte Rhodan so viele arkonidische Raumer auf einmal gesehen.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Rhodan. »Warum versammeln sich ausgerechnet an diesem Punkt so viele Schiffe?« Sie waren von Hela Ariela aus laut Holoanzeige neunzig Lichtjahre gesprungen. »Ist das ein Truppenaufgebot?«

»Unwahrscheinlich«, sagte Atlan. »Wie wir sind die meisten anderen Schiffe unbewaffnet. Je länger wir bleiben, desto größer wird die Gefahr, dass wir genau untersucht werden und damit vielleicht auffallen.«

»Außerdem verlieren wir Zeit«, warf Belinkhar ein. »Wir sollten zusehen, dass wir so schnell wie möglich verschwinden. Bei der Menge an Schiffen haben wir vielleicht Glück und können entkommen, ohne dass unser Fehlen auffällt.«

»Warum zwingt man uns an diesen Ort?«, fragte Ishy Matsu.

Chabalh zuckte unruhig mit dem Schwanz. Er lag im Haltefeld über seiner Kuhle und schaute mit goldumrandeten Augen zu Rhodan auf. »Gefahr.«

Atlan streckte die Schultern durch und lockerte seine Muskeln. »Vermutlich eine Zeremonie. Vielleicht will das Imperium einfach seine Macht demonstrieren. Was mich betrifft, möchte ich es gar nicht erst herausfinden. Wir sind weiter von Thantur-Lok entfernt als jemals zuvor, wenn wir uns nicht rechtzeitig aus dem Staub machen. Das Imperium ist in seinen Ansprüchen wenig zimperlich. Im schlimmsten Fall werden unsere Dienste ganze Wochen in Anspruch nehmen.«

»Können wir denn fliehen?« Rhodan hob die Hand und ließ sie über das Meer aus Lichtern vor der Glassitkuppel gleiten.

»Crysalgiras Jacht verfügt über ein außergewöhnliches Beschleunigungsvermögen.« In Atlans roten Augen zeigte sich Abenteuerlust. »Wir können entkommen, wenn wir es wirklich darauf anlegen. Sobald wir gesprungen sind, sind wir außer Reichweite.«

»Und können uns nirgendwo im Imperium mehr zeigen«, stellte Rhodan fest. »Diese Jacht fällt auf, ihre vorläufige Kennung ist bekannt. Wir müssten uns eine andere Möglichkeit suchen, nach M 13 zu kommen. Und selbst wenn uns das gelänge, unser Flug wäre aussichtslos. Crest hat die Informationen über das Epetran-Archiv der Bordpositonik der TIA'IR anvertraut. Sie wird sie erst freigeben, wenn wir das Arkon-System erreichen. Wir müssen an Bord der TIA'IR bleiben!«