Pferdeflüsterer-Mädchen, Band 1: Rubys Entscheidung - Gina Mayer - E-Book

Pferdeflüsterer-Mädchen, Band 1: Rubys Entscheidung E-Book

Mayer Gina

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Beschreibung

Auf den Klippen am Meer steht ein alter Hof - die Ocean Ranch. Hier lernt Ruby die Sprache der Pferde. Ruby liebt ihr neues Zuhause in Cornwall. Nur das Reiten vermisst sie schrecklich. Doch zum Glück gibt es in der Nähe gleich zwei Reiterhöfe: die Ocean Ranch der Pferdeflüsterer und Hegarty´s, wo die zukünftigen Turnierstars ausgebildet werden. Aber noch bevor Ruby sich für einen Hof entscheiden kann, kommt der Schock: Bei einem Vorreiten auf der Ocean Ranch versagt sie völlig … Entdecke alle Abenteuer der Reihe: Band 1: Rubys Entscheidung Band 2: Ein großer Traum Band 3: Das verbotene Turnier

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Seitenzahl: 96

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Als Ravensburger E-Book erschienen 2021Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Verlag© 2021 Ravensburger VerlagText: Gina MayerVermittelt durch die Literaturagentur Arteaga, BerlinIllustrationen: Florentine PrechtelCoverzeichnungen: Florentine PrechtelUmschlaggestaltung: Birgit Gitschier, Augsburg, unter Verwendung von Bildern von© horsemen / shutterstock (Pferd);© Andrey_Arkusha / AdobeStock (Mädchen); © Andrew Mayovskyy / Shutterstock (Landschaft, Berge); © ValekStudio / Shutterstock (Textur Lichter); © Paladin 12 / Shutterstock (Textur)Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.ISBN 978-3-473-47066-2www.ravensburger.de

„Wieso ist hier niemand?” Ruby rüttelte noch einmal an der Türklinke, aber der Raum A 32 war eindeutig verschlossen. „Ist das überhaupt das richtige Zimmer?”

Hektisch kramte ihre Tante Leslie den Brief von der Schulleitung aus der Tasche, der vor ein paar Tagen angekommen war.

„Ja”, keuchte sie atemlos. „Da steht Raum B 32.”

„B”, wiederholte Ruby. „Nicht A. Wir sind im falschen Gebäudeteil.”

„Ach, Mist!” Leslie schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Hab ich glatt verwechselt. Komm schon, das schaffen wir noch!”

Sie stürmte los und Ruby raste hinterher, den langen Flur hinunter zum Westflügel der Bickerick Primary School, die Ruby ab heute besuchen sollte.

Als sie im Treppenhaus waren, erklang der Gong. Die wenigen Schüler, die sich noch in den Gängen herumgedrückt hatten, waren verschwunden, der Unterricht hatte begonnen.

Ruby liebte ihre Tante heiß und innig, aber in diesem Moment hätte sie Leslie verwünschen können.

Noch wütender war sie jedoch auf sich selbst. Sie wusste schließlich, wie chaotisch Leslie war. Warum hatte sie die Angaben in dem Begrüßungsschreiben nicht gecheckt, anstatt sich allein auf ihre Tante zu verlassen?

Das hatte sie nun davon: Sie würde gleich an ihrem ersten Tag in der neuen Schule zu spät kommen.

Als sie das richtige Klassenzimmer endlich gefunden hatten, waren sie beide nass geschwitzt.

Nachdem Ruby angeklopft hatte, strich Tante Leslie ihr schnell die langen braunen Haare glatt und zupfte ihre Schuluniform zurecht – ein dunkelblauer Blazer über einer weißen Bluse und ein karierter Faltenrock. „Der erste Eindruck ist entscheidend.”

Ruby zog eine Grimasse. Ganz genau. Deshalb war es ja auch gut, wenn man am Anfang zumindest pünktlich war.

Plötzlich schwang die Tür vor ihr auf. Eine rundliche Frau mit roten Apfelbäckchen stand auf der Schwelle.

„Na, wenn das nicht unsere neue Schülerin ist”, sagte sie und strahlte Ruby an. „Ich bin Mrs Blunt. Herzlich willkommen in der 4a!”

Es war ätzend, die Neue zu sein. Achtundzwanzig Augenpaare starrten Ruby an, während Mrs Blunt sie vorstellte.

Tante Leslie hatte sich sofort wieder verdrückt, aber immerhin hatte sie der Lehrerin noch erklärt, dass sie schuld an der Verspätung war.

„Ruby kommt aus Berlin und ist gerade erst nach Cornwall gezogen”, sagte Mrs Blunt jetzt. „Zum Glück spricht sie schon Englisch. Deine Mum ist Engländerin. Oder, Ruby?”

„Das stimmt.” Rubys Stimme klang dünn und wackelig, weil sie aufgeregt und immer noch außer Puste war. „Sorry, dass ich zu spät gekommen bin.”

Ihrer Mutter wäre das nicht passiert. Laura Finnegan war das genaue Gegenteil ihrer chaotischen Schwester. Sie war zielstrebig, zuverlässig und stets pünktlich. Leider hatte sie ausgerechnet heute ein Vorstellungsgespräch in einer Bank in Plymouth und konnte Ruby an ihrem ersten Schultag nicht begleiten. Deshalb war Leslie eingesprungen. Allerdings war sie am Morgen schon zu spät aufgekreuzt, um Ruby abzuholen. Tja, und dann waren sie auch noch zum falschen Raum gerannt.

„Das ist doch kein Problem”, sagte Mrs Blunt. „Am ersten Tag ist es immer schwierig, sich zurechtzufinden.”

Ruby bekam einen Platz in der ersten Reihe neben einem Mädchen mit kurzen blonden Haaren und einer runden Nickelbrille.

„Amanda wird dir alles zeigen”, versprach Mrs Blunt. „Und mich kannst du natürlich auch jederzeit fragen.”

Sie unterrichtete Englisch und es war ganz schön kompliziert, ihr zu folgen. Es gab so viele Wörter und Fachbegriffe, die Ruby noch nicht kannte, auch wenn sie mit ihrer Mutter immer Englisch gesprochen hatte. Als es endlich zur großen Pause läutete, schwirrte Ruby der Kopf vor Anstrengung.

„Komm, wir gehen raus”, sagte Amanda. „Dann lernst du auch die anderen kennen.”

Auf dem Pausenhof standen sie alle um Ruby herum und blickten sie so neugierig an, als wäre sie Amandas neuer Hund. Zumindest versuchte keiner, sie zu streicheln.

„Wieso seid ihr nach Bickerick gezogen?”, wollte ein rothaariger Junge namens Simon wissen, dessen Gesicht über und über mit Sommersprossen gesprenkelt war. „In Berlin ist es doch viel cooler als hier. Wir waren im letzten Sommer da, ich fand es mega!”

Was sollte Ruby darauf antworten? Natürlich war Berlin cool. Aber dort war es eben auch viel lauter und hektischer als in Cornwall. Ruby war gleich begeistert gewesen, als ihre Mutter vorgeschlagen hatte, in die Kleinstadt zu ziehen, in der Tante Leslie ein Café betrieb und auch Rubys Großeltern wohnten. Sie hatten immer zusammen die Sommerferien hier verbracht. Ruby liebte Cornwall – die grünen Hügel und die weiten Felder und das Meer, das nur einen Katzensprung von Bickerick entfernt lag.

Vor vier Wochen hatte ihre Mutter ein kleines Haus am Ortsrand gekauft. Eigentlich hätten die Handwerker es inzwischen renoviert haben müssen, aber weil Tante Leslie das Ganze organisiert hatte, war natürlich nichts fertig.

Laura hatte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als sie und Ruby am letzten Donnerstag angekommen waren. Es musste noch so viel gemacht werden! Aber egal, jetzt waren sie ja hier und mit der Zeit würde schon alles werden.

„Vermisst du deine alten Freunde nicht?”, fragte Madeleine, die im Klassenraum in der Reihe hinter Ruby und Amanda saß. Sie hatte ein lustiges rundes Gesicht und silberne Ohrringe in Herzchenform.

Ruby zuckte mit den Schultern. Was für eine Frage. Natürlich vermisste sie ihre Freunde, vor allem Leonie und Cara. Und an den Reiterhof wollte sie lieber gar nicht denken. Obwohl – das brachte sie auf eine Idee.

„Kann mir vielleicht jemand sagen, wo man hier reiten kann?”, fragte sie.

In Berlin hatte Ruby jede freie Minute im Reitstall verbracht. Sie ritt, seit sie sechs war, und hatte bereits das vierte Reitabzeichen gemacht.

Ihre Mutter hatte ihr versprochen, dass sie auf jeden Fall auch in England reiten dürfte.

„Klar kennen wir einen Reitstall!”, rief Amanda.

„Den besten überhaupt!”, ergänzte Simon. „Die Ocean Ranch.”

„Da gehen wir alle hin”, sagte Madeleine.

„Na ja, alle wohl nicht”, meldete sich nun ein anderes Mädchen zu Wort.

Sie war Ruby vorhin in der Klasse schon aufgefallen, weil sie so hübsch war. Ihre riesigen dunkelbraunen Augen standen in einem eigenartigen Kontrast zu den hellen Haaren, die zu einem lockeren Zopf gebunden waren. Ein paar Haarsträhnen kringelten sich auf ihrer Stirn.

„Stimmt.” Mit dem Zeigefinger schob Amanda ihre Brille hoch. „Aber du bist ja auch ein Sonderfall, Grace.”

„Wieso?”, fragte Ruby.

„Grace ist ein Profi”, erklärte Amanda. „Sie reitet schon Turniere.”

„Echt?” Interessiert blickte Ruby ihre Mitschülerin an. Wenn sie in Berlin geblieben wäre, hätte sie im Herbst auch an ihrem ersten Turnier teilnehmen dürfen. „Und wo reitest du?”

„Bei Hegarty’s.” Grace sah Ruby nicht an, sondern guckte über ihre Schulter hinweg, sodass Ruby unwillkürlich den Kopf nach hinten drehte. Da war aber niemand. „Das ist auch ein Reitstall. Aber eben für Profis.”

„Komm lieber mit uns auf die Ocean Ranch, Ruby”, sagte Simon. Er hatte ziemlich abstehende Ohren, das fiel ihr jetzt erst auf. „Du wohnst doch auch in Bickerick, oder? Die Ranch liegt oben auf den Klippen, ganz nah an der Stadt.”

„Kannst du machen”, sagte Grace. „Wenn du nur ein bisschen rumhoppeln willst. Aber falls du wirklich was lernen möchtest …”

Sie unterbrach sich, weil der Schulgong ertönte. Die Pause war zu Ende. Grace warf den Kopf in den Nacken, drehte sich um und ging einfach weg.

„Bei Hegarty’s sind alle so was von eingebildet.” Simon rümpfte die sommersprossige Nase. „Geh da bloß nicht hin. Die Ocean Ranch ist viel besser.”

In der nächsten Stunde hatten sie Mathe. Das Fach mochte Ruby eigentlich sehr gerne. Sie hatte jedoch große Schwierigkeiten, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, und diesmal waren nicht die neuen englischen Wörter schuld. Sie musste die ganze Zeit über die beiden Reiterhöfe nachdenken. Hegarty’s. Und die Ocean Ranch.

Ruby wollte auf keinen Fall nur ein bisschen rumhoppeln, wie Grace gesagt hatte. Ihre frühere Reitlehrerin Frau Hilchenbach war streng gewesen, sie ließ einem keinen Fehler durchgehen. Und das war auch gut so, denn sonst gewöhnte man sich Nachlässigkeiten an, die man später nie mehr loswurde.

Bei Hegarty’s sah man das offenbar ähnlich. Leider schien Grace recht hochnäsig zu sein. Ob Ruby sich mit ihr anfreunden konnte?

„Ruby?” Die Stimme des Mathelehrers riss sie aus ihren Gedanken. „Weißt du vielleicht die Lösung?”

Erschrocken blickte Ruby zur Tafel. Zum Glück war die Aufgabe, die Mr Sinclair dort angeschrieben hatte, echt einfach.

„35”, sagte sie.

„Korrekt.” Mr Sinclair nickte zufrieden. „Und ich hatte schon befürchtet, du hättest nicht aufgepasst.”

Nachdem es mittags noch geregnet hatte, kam pünktlich zum Schulschluss die Sonne raus und strahlte durch die ziemlich schmutzigen Fensterscheiben ins Klassenzimmer.

Tante Leslie hatte versprochen, Ruby von der Schule abzuholen. Sie war aber weder im Flur noch unten in der Eingangshalle. Vermutlich hatte sie die Verabredung mal wieder vergessen.

Ruby zog ihr Handy aus der Tasche und stellte fest, dass der Akku leer war. Na super! Das hieß dann ja wohl warten. Obwohl es lächerlich war, zu Fuß brauchte sie höchstens eine Viertelstunde bis nach Hause. Der Weg führte schnurgerade über die Felder.

Zehn Minuten später war Leslie immer noch nicht aufgekreuzt und Ruby hatte endgültig genug. Sie würde einfach losgehen, beschloss sie. Zu Hause konnte sie ihre Tante dann ja übers Festnetz anrufen.

Es gab keinen schöneren Ort als Cornwall.

Die Wiesen waren so grün und saftig, dass man die Kühe beneiden konnte, die darauf standen und wiederkäuten. Über den blauen Himmel trieben kleine weiße Sahnewölkchen und die Luft roch lecker salzig nach Meer.

Es war wirklich albern, dass Tante Leslie sie abholen sollte. Ruby war gerade mal ein paar Minuten unterwegs und konnte bereits die alten Ulmen sehen, hinter denen ihr Haus lag. Morgen würde sie auf jeden Fall mit dem Fahrrad zur Schule fahren.

Hinter ihr erklang plötzlich Hufgetrappel. Zwei Reiter preschten in gestrecktem Galopp einen Hügel hinab. Auf dem ersten Pferd saß ein bärtiger Mann, der sein dunkles Haar zu einem Knoten hochgebunden hatte. Ihm folgte eine junge blonde Frau auf einem schwarzen Quarter Horse. Jetzt setzten sie über den Weg und stoben über das weite Feld davon.

Ruby sah ihnen sehnsüchtig nach, bis sie hinter einer Anhöhe verschwunden waren.

Die Reiter waren von den Klippen gekommen und dort lag die Ocean Ranch – das hatte Simon heute Morgen gesagt. Vielleicht konnte man die Ranch von der Hügelkuppe aus sogar schon sehen. Ob sie schnell mal gucken sollte?

Ruby schaute auf ihre Uhr. Inzwischen war es kurz nach halb vier, das war ja echt noch früh. Bis sie jemand vermisste, wäre sie längst zu Hause.

Auf der Anhöhe angekommen, schnappte Ruby nach Luft. Aber nicht nur, weil sie außer Atem war. Die Aussicht war einfach fantastisch.

Vor ihr lagen, schroff und weiß, die Felsen der Steilküste. Und dahinter erstreckte sich das Meer.

Es war türkisblau und glitzerte in der Sonne, als wäre das nicht England, sondern die Südsee.

Oben auf den Klippen stand ein Haus aus dicken grauen Steinen mit einem buckligen Dach aus Reet. Drum herum gruppierten sich ein paar Holzgebäude, eines davon war lang gezogen und flach. Und direkt daneben lag eine große Koppel, auf der eine Handvoll Pferde graste.