Pferdeflüsterer-Mädchen, Band 2: Ein großer Traum - Gina Mayer - E-Book

Pferdeflüsterer-Mädchen, Band 2: Ein großer Traum E-Book

Mayer Gina

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Beschreibung

Auf den Klippen am Meer steht ein alter Hof - die Ocean Ranch. Hier lernt Ruby die Sprache der Pferde. Ruby verbringt jede freie Minute auf der Ocean Ranch. Mit ihren Freunden und vor allem mit ihrem Lieblingspferd Fantasy. Doch dann gerät die blinde Emily, die dort eine Reittherapie macht, zwischen die aufgebrachten Pferde Marlon und Rico. Eine Katastrophe, denn obwohl Emily nicht verletzt wird, will ihr Vater - ein erfolgreicher Anwalt - den Hof verklagen. Das wäre das Ende für die Ocean Ranch! Entdecke alle Abenteuer der Reihe: Band 1: Rubys Entscheidung Band 2: Ein großer Traum Band 3: Das verbotene Turnier

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Seitenzahl: 98

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Als Ravensburger E-Book erschienen 2021Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Verlag© 2021 Ravensburger VerlagText: Gina MayerVermittelt durch die Literaturagentur Arteaga, BerlinIllustrationen: Florentine PrechtelCoverzeichnungen: Florentine PrechtelUmschlaggestaltung: Birgit Gitschier, Augsburg, unter Verwendung von Bildern von© OlesyaNickolaeva / Shutterstock (Pferd);© Andrey_Arkusha / AdobeStock (Mädchen); © Konstanttin / Shutterstock (Landschaft, Berge); © StevanZZ / Shutterstock (Landschaft); © ValekStudio / Shutterstock (Textur Lichter); © Paladin 12 / Shutterstock (Textur)Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.ISBN 978-3-473-47075-4www.ravensburger.de

Obwohl es schon Oktober war, roch die Luft noch nach Sommer. Über die schroffen weißen Klippen der Steilküste wehte eine frische salzige Meeresbrise.

Ruby sog die Luft begierig ein. Das war das Beste an Cornwall: Man fühlte sich hier das ganze Jahr lang wie im Urlaub.

Sie radelte über die uralte Steinbrücke, die über einen plätschernden Bach führte, danach stellte sie sich in die Pedale. Der Weg zur Ocean Ranch ging steil nach oben.

Ruby war ziemlich außer Atem, als sie die kleine Gebäudeansammlung auf den Klippen erreicht hatte. Um einen Hof herum standen ein altes graues Steinhaus mit einem buckligen Dach aus Reet und ein paar Holzgebäude. Daneben lagen die Koppeln.

Als sie ihr Fahrrad auf dem Hof abstellte, brachte Patrice Dufresne gerade ein neues Pferd aus dem Stall. Einen kleinen Braunen mit einer weißen Blesse auf der Stirn.

Ruby, die zur Pferdeweide rennen wollte, hielt sofort inne.

Es war erst ein paar Wochen her, dass sie zum ersten Mal auf die Ocean Ranch gekommen war, aber die wichtigste Verhaltensregel auf dem Hof war ihr bereits in Fleisch und Blut übergegangen: keine hektischen Bewegungen oder lauten Geräusche in Gegenwart neuer Pferde.

Denn die meisten Tiere, die auf der Ocean Ranch eintrafen, hatten eine harte Vergangenheit hinter sich. Patrice, dem die Ranch zusammen mit seiner Freundin Kelly gehörte, kaufte Pferde auf, die verstört oder traumatisiert waren, von ihren Vorbesitzern misshandelt worden waren oder eingeschläfert werden sollten.

Nach ihrer Rettung begann Patrice, mit den Tieren zu arbeiten, und brachte sie mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen dazu, wieder Vertrauen zu den Menschen zu gewinnen. Einige behielt er, andere verkaufte er danach weiter – wobei er sorgsam darauf achtete, dass die Pferde in gute Hände kamen.

Pferdeflüsterer nannten ihn die Leute in der Kleinstadt Bickerick, zu der die Ocean Ranch gehörte.

Der Braune, den Patrice am Halfterstrick hielt, wirkte allerdings überhaupt nicht verstört. Er rieb seinen Kopf so zärtlich an Patrices Arm, als würden sie sich schon seit Jahren kennen.

„Hi, Ruby!“ Jetzt hatte auch Patrice Ruby bemerkt. Der bärtige junge Mann, der die langen Haare wie immer zu einem Knoten hochgebunden hatte, winkte sie zu sich. „Könntest du mir eben helfen?“ Patrices Englisch hatte einen unüberhörbaren französischen Akzent. Er stammte aus dem französischsprachigen Teil von Kanada.

„Klar.“ Ruby ging mit ruhigen Schritten auf ihn zu. Ihr Herz schlug unwillkürlich schneller. Sie hatte mit sechs Jahren angefangen zu reiten, seitdem hatte sie jede freie Minute im Reitstall verbracht.

Dass sie dennoch keine Ahnung davon hatte, wie man richtig mit Pferden kommunizierte, war ihr erst auf der Ocean Ranch bewusst geworden. Deshalb freute sie sich jetzt umso mehr, dass Patrice ihre Hilfe brauchte. „Was soll ich denn tun?“

„Könntest du Marlon einen Moment lang halten? Ich muss kurz ins Haus.“

„Gerne.“ Nun hatte Ruby die beiden erreicht. Der Braune zeigte immer noch keine Anzeichen von Scheu, seine schönen schwarzen Augen musterten Ruby interessiert.

„Kann man dich auch streicheln?“, fragte Ruby leise.

„Natürlich“, erwiderte Patrice. „Marlon ist total verschmust.“

Ruby fuhr Marlon über die samtweiche Stirn, während sie gleichzeitig den Halfterstrick entgegennahm, den Patrice ihr hinstreckte. Marlon genoss die Liebkosung sichtlich und schob sich ganz eng an Ruby heran.

„Warum ist er eigentlich hier?“, erkundigte Ruby sich verwundert. Falls Marlon ein Problem mit Menschen hatte, versteckte er es wirklich gut.

„Kelly hat Marlon gekauft. Er wird sie bei ihrer Arbeit unterstützen. Ich wollte ihn gerade auf die Weide bringen.“ Patrice streichelte den braunen Hals des Wallachs.

„Du meinst, er ist ein Therapiepferd?“ Der Anflug von Stolz, den Ruby gerade noch empfunden hatte, verflog.

Patrices Freundin Kelly war Reittherapeutin, die sich auf die Arbeit mit Kindern spezialisiert hatte. Die Pferde, mit denen sie arbeitete, um ihren jungen Patienten zu helfen, waren allesamt lammfromm und bestens ausgebildet.

Jede Pappnase, die keine Ahnung von Pferden hatte, hätte Marlon halten können. Dennoch warf Patrice Ruby einen wachsamen Blick zu, bevor er sich endlich auf den Weg ins Haus machte.

„Ich bin gleich wieder zurück“, rief er über die Schulter hinweg.

„Alles klar“, murmelte Ruby verdrossen.

Als Patrice die schwere alte Holztür des Wohnhauses aufzog, nutzte Arthur die Gelegenheit und schlüpfte ins Freie.

Der große Schäferhund blinzelte einen Moment lang in die helle Nachmittagssonne, dann erst bemerkte er Ruby. Er begann sofort zu wedeln und trabte erfreut auf sie zu.

Obwohl Arthur mit seiner bulligen Statur und dem riesigen Kopf echt gefährlich aussah, zeigte Marlon auch jetzt keine Spur von Nervosität. Der kleine Braune senkte sogar neugierig den Kopf und schnupperte an Arthurs Fell, als sich dieser an Rubys Bein drängte.

Ohne den Halfterstrick loszulassen, bückte sich Ruby und streichelte den struppigen dunklen Rücken des Hundes.

Arthur brummte zufrieden und ließ sich auf den Boden plumpsen. Er drehte sich auf den Rücken und reckte alle viere in die Luft, damit Ruby ihn am Bauch kraulen konnte.

Dieses Verhalten hatte er auch während seiner Ausbildung zum Polizeihund an den Tag gelegt, weshalb er nach wenigen Monaten ausgemustert worden war. Kein Verbrecher hätte sich vor so einem Hund gefürchtet.

„Ich kann dich nicht knuddeln“, erklärte Ruby. „Ich muss mich um Marlon kümmern.“ Sie strich dem Pferd über die Mähne.

Arthur fiepte mitleiderregend, aber nach einer Weile wälzte er sich auf den Bauch, stand auf und trollte sich in den Schatten vor der Scheune, wo eine Handvoll Hühner und ein zerrupfter Pfau nach Käfern und Grashalmen pickten.

Mitten in der Vogelschar ließ der Schäferhund sich wieder fallen und schlief einfach ein.

Ruby blickte zum Haus. Wo blieb Patrice bloß so lange? Sie hatte nicht allzu viel Zeit, um vier kam ihre Mutter von der Arbeit nach Hause. Dann wollten sie zu ihren Großeltern, die ebenfalls in Bickerick wohnten.

Ruby war direkt nach Schulschluss zur Ocean Ranch gefahren, um Fantasy wenigstens kurz zu sehen. Normalerweise ging sie nachmittags mit der Schimmelstute spazieren, sie wanderten am Strand entlang oder über die Felder. Manchmal durfte Ruby sie auch reiten – allerdings nur auf dem Hof und unter Patrices Aufsicht.

Ungeduldig schielte Ruby auf ihre Armbanduhr. Es war schon halb vier, sie hatte nur noch eine Viertelstunde.

Als sie wieder aufblickte, drückte sich die dreibeinige Katze Zigzag um die Hausecke und humpelte über den Hof. Genau wie die Hühner und der zerfledderte Pfau gehörte sie zu den Tieren, die Patrice und Kelly vor dem sicheren Tod gerettet hatten.

Noch ein Blick auf die Uhr: 15 Uhr 31. Rubys Zeit mit Fantasy schmolz dahin.

„Ich könnte dich ja auch selbst auf die Koppel bringen“, sagte Ruby zu Marlon.

Der Braune stieß ein tiefes grollendes Geräusch aus, als wollte er Ruby zustimmen.

Ruby schaute noch mal zum Haus – immer noch keine Spur von Patrice –, dann ging sie einfach los. Bereitwillig und brav trottete Marlon neben ihr her. Das Gefühl des Unwillens, das Ruby gespürt hatte, seit Patrice verschwunden war, wurde immer stärker.

Bevor sie und ihre Mutter nach Cornwall gezogen waren, hatten sie in Berlin gelebt. Dort hatte Ruby auch reiten gelernt. Sie war täglich auf dem Reitplatz gewesen und hatte Springreiten und Dressur trainiert. Ihre Reitlehrerin war begeistert von ihr gewesen. Sie hatte Ruby wieder und wieder versichert, dass sie ihre beste Schülerin war. Im November hätte Ruby bei ihrem ersten Turnier starten sollen.

Hier in der Ocean Ranch ging sie einmal in der Woche zusammen mit den anderen Anfängern in den Round-Pen, wie der runde Reitplatz genannt wurde. Sie führten die Pferde erst eine Weile im Kreis herum, bevor sie sich in den Sattel setzen durften. Ein lockerer Trab war das höchste der Gefühle. Dabei sehnte Ruby sich so danach, auf Fantasys Rücken am Strand entlangzugaloppieren oder Hindernisse zu überspringen.

Aber davon war sie noch Lichtjahre entfernt, das zeigte ihr Patrices Verhalten. Er traute ihr ja nicht einmal zu, ein Therapiepferd auf die Weide zu bringen.

Sie ging mit Marlon am Stall vorbei zu den Koppeln. Fantasy und die anderen Stuten grasten auf der großen Weide, die Hengste und Wallache waren auf der Koppel daneben untergebracht. Hier auf der kleinen Wiese, die Ruby mit Marlon ansteuerte, standen immer nur ein paar Tiere und es war für die Neuankömmlinge leichter, sich einzugliedern.

Mit der Linken schob Ruby den Bolzen am Tor nach oben, öffnete das Gatter und führte Marlon auf die Koppel. Dann schloss sie das Tor, und als sie sich danach wieder umdrehte, stellte sie fest, dass sie einen schrecklichen Fehler gemacht hatte.

Auf der kleineren Koppel standen drei Pferde: die dunkelbraune Chocolate und Dottie, deren hellbraunes Fell über und über mit schwarzen Punkten bedeckt war. Und Rico.

Der braun-weiß gescheckte Paint-Horse-Wallach war vor einer knappen Woche auf der Ocean Ranch angekommen. Bisher hatte er immer im Stall gestanden – und das aus gutem Grund. Rico reagierte nämlich äußerst feindselig auf andere Pferde.

Sein früherer Besitzer hatte Rico jahrelang einzeln gehalten. Der Wallach hatte das Leben in der Herde vollkommen verlernt und sah nun in jedem seiner Artgenossen eine Bedrohung. Offensichtlich hatte Patrice ihn so weit gebracht, Dottie und Chocolate zu akzeptieren. Die beiden waren ja auch Stuten.

Marlon war ebenfalls ein Wallach und kein Hengst – normalerweise stellte das kein Problem dar. Aber Rico betrachtete Marlon als einen Eindringling in seinem Revier, das war offenkundig.

Die dunkelblauen Augen des Paint Horses waren so weit aufgerissen, dass man den weißen Rand um die Iris sehen konnte. Sein gescheckter Hals war weit vorgestreckt, die Nüstern gebläht. Nun riss er das Maul auf und fletschte die Zähne.

Marlon stellte die Ohren auf und wich erschrocken zurück, bis er mit den Hinterbeinen am Gatter stand.

Rico stieß ein wütendes Wiehern aus, worauf Dottie und Chocolate sofort die Flucht ergriffen. Während sich die beiden Stuten in Sicherheit brachten, stieg Rico.

Weg hier!, dachte Ruby. Aber schnell! Hektisch drehte sie sich wieder zum Tor. Sie zog die Verriegelung nach oben und drückte es auf.

Inzwischen war Rico zum Angriff übergegangen. Seine Hufe dröhnten wie Hammerschläge, als er auf Marlon zustürmte.

Der kleine Braune drängte sich an Ruby vorbei nach draußen. Ruby wollte das Gatter gerade von außen zuschieben, als sich Rico dagegen warf. Das Tor prallte mit großer Wucht gegen Ruby. Einen Moment lang blieb ihr die Luft weg. Sie stolperte nach hinten und ging in die Knie, während das Paint Horse an ihr vorbeidonnerte.

Marlon flüchtete über den Feldweg zur zweiten Koppel, Rico verschwand in Richtung Hof. Hinter dem Stall erklang ein lautes angsterfülltes Gackern, dann begann Arthur zu bellen.

Ruby rappelte sich mühsam hoch. Ihr Bauch tat weh, als hätte ihr jemand einen Hieb versetzt. Sie blickte sich hektisch um. Die Pferde waren in unterschiedliche Richtungen galoppiert, wo sollte sie zuerst hin?

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass das Gatter zur Koppel immer noch weit offen stand. Die beiden Stuten grasten am anderen Ende der Weide, als wäre nichts geschehen. Ruby schloss das Tor, danach rannte sie in den Hof. Rico war viel gefährlicher als Marlon, sie musste sich zuerst um ihn kümmern.

Als sie um die Ecke des lang gezogenen Stallgebäudes bog, kam Patrice gerade aus dem Haus. Für den Bruchteil einer Sekunde begegneten sich ihre Blicke. Dann sah Ruby Rico, der mit angelegten Ohren im Hof stand. Seine Vorderbeine trippelten nervös, er war in höchster Alarmbereitschaft.

Patrice hatte Rico ebenfalls entdeckt. Er zog die Haustür wieder auf, die er fast schon geschlossen hatte.

„Kelly!“, rief er ins Haus. „Komm schnell! Wir haben hier ein Problem.“