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»Es ist eine grausame Welt, in der wir leben, Phönix. Und ich werde sie besser machen.« Einst stand Cathán im Dienst des Königs von Atháren, bis er des Hochverrats beschuldigt und verbannt wurde. Doch als der Kaiser von Volendar eine alte Legende zum Leben erwecken will, um die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen, sind es die in Cathán schlummernden Kräfte des Phönix', die den Untergang und die Rettung bedeuten können. Um nicht in die Hände des Kaisers zu fallen, soll Cathán in sein altes Leben zurückkehren. Doch der Kaiser hat bereits seine Fänge nach ihm ausgestreckt und lauert nur auf seine Chance, ihn auf seine Seite zu ziehen.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Einst stand Cathán im Dienst des Königs von Atháren, bis er des Hochverrats beschuldigt und verbannt wurde. Doch als der Kaiser von Volendar eine alte Legende zum Leben erwecken will, um die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen, sind es die in Cathán schlummernden Kräfte des Phönix’, die den Untergang und die Rettung bedeuten können. Um nicht in die Hände des Kaisers zu fallen, soll Cathán in sein altes Leben zurückkehren. Doch der Kaiser hat bereits seine Fänge nach ihm ausgestreckt und lauert nur auf seine Chance, ihn auf seine Seite zu ziehen.
Mari C. Carys, geboren 1990, schreibt und liest wahnsinnig gerne. Am liebsten flüchtet sie sich in fantastische Welten – egal ob in die von Büchern oder selbst erschaffene. Daher gibt es auch einige Ideen, die sie in einer Schublade sammelt, um sie irgendwann auf die Welt loszulassen. Wenn sie nicht gerade liest oder schreibt, häkelt sie in ihrer Freizeit und arbeitet daran, eine kleine Amigurumi-Armee auf die Beine zu stellen. Manchmal ist sie auch einfach gerne faul und zockt ein wenig. Heute lebt und arbeitet sie auf der wunderschönen Ostalb, während sie in ihrer Freizeit weiterhin daran feilt, sich fantastische Geschichten auszudenken. Mit Phönixfunken feiert sie ihr Debüt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.
© 2022 Mari C. Carys
Lektorat: Isabelle Mager – www.traumtextfabrik.de
Coverdesign und Umschlaggestaltung: Florin Sayer-Gabor – www.100covers4you.com
Illustrationen: Adobe Stock/Vikivector, seliaz
Buchsatz: Mari C. Carys
gesetzt aus der EB Garamond erstellt mit SPBuchsatz
ISBN: 9783754339343
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt
Für meine Familie
Weil ich das so will und ihr einfach die Besten seid.
Für dich
Weil jeder es verdient, einmal etwas gewidmet zu bekommen.
Und auch für mich selbst
Weil ich ein klein wenig stolz auf mein Buch bin.
Die Welt lag in Trümmern. Nach all ihren Versuchen, Rothás vor sich selbst zu schützen und den zahlreichen Naturkatastrophen Einhalt zu gebieten, nach all den Opfern, war alles umsonst gewesen. Um sie herum herrschten Verwüstung und Chaos. Die wenigen Überlebenden waren gebrochen und am Ende – wie sie selbst. Das Schreien hatte längst aufgehört. Geblieben waren nur die verzweifelten Rufe nach Freunden und Angehörigen sowie das hoffnungslose Schluchzen derer, die übrig waren.
Nicht zum ersten Mal fragte sich Šinca, was sie falsch gemacht hatten. Welche Entscheidung hatte zu diesem Untergang geführt? Sie hatten alles versucht, was in ihrer Macht stand, um die Zerstörung und den Krieg zu beenden. Letztlich hatte es nicht sein sollen. Seine Mundwinkel zuckten für einen winzigen Augenblick. Er hörte sich schon an wie Tamka.
Die Erinnerung an seinen besten Freund rief nicht den gewohnten Schmerz hervor wie noch vor kurzem. Jetzt war Tamka nur ein weiterer Toter, ein weiteres Opfer des Krieges, und es gab so viel mehr zu betrauern. Doch war er dazu denn noch in der Lage? Er war erschöpft.
»Šinca.« Kendras Hand, die zaghaft nach seinem Arm griff und ihre Finger in sein Fleisch bohrte, zitterte so sehr wie ihre kaum hörbare Stimme, die seinen Namen flüsterte. »Was … Was haben wir getan?«
Auf diese Frage kannte Šinca keine Antwort. Was hatten sie getan? Sie hatten versucht, Rothás zu retten. Wenn er jetzt darüber nachdachte, war es von vornherein ein aussichtsloses Unterfangen gewesen. Die Welt retten? Sie waren nur vier Krieger, auf denen diese Last gelegen hatte. Was konnten vier Menschen allein schon gegen die Natur ausrichten? Vor allem wenn sich die Welt so verzweifelt dagegen wehrte, gerettet zu werden. Jetzt hatten sie den Kampf vernichtend verloren. Rothás hatte gewonnen und lag im Sterben.
»Wir haben getan, was wir für richtig hielten, Kendra«, mischte sich Pjar ein, als Šinca keinerlei Anstalten machte, etwas zu sagen oder auch nur den Blick von dem verwüsteten Schlachtfeld abzuwenden. »Wir haben getan, was wir konnten.«
»Es hätte mehr sein sollen«, widersprach Kendra mit erstickter Stimme und festigte ihren Griff um Šincas Arm. »Wir –«
»Es ist müßig, darüber nachzudenken, was wir hätten besser oder anders machen können«, sagte Šinca und fuhr sich in einer müden Geste mit seiner freien Hand durch die Haare. Er ließ seinen Blick von Kendra, die ihn mit gerunzelter Stirn musterte, zu Pjar schweifen. Dieser begutachtete die Trümmerlandschaft um sie herum mit einem ebenso resignierten Ausdruck wie zuvor er selbst.
Šinca hatte sich so viel mehr für die beiden gewünscht. Im Gegensatz zu ihm hatten sie ihr Leben noch nicht gelebt. Sie waren in diesen brutalen Kampf gezogen worden, bevor sie eine Chance hatten, ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Er hätte ihnen gerne die Möglichkeit dazu gegeben, obgleich die Welt zerstört war. Vielleicht hätten sie etwas zusammen aufgebaut. Einfach nur leben, ohne Verpflichtungen zu folgen, die zu schwer für ihre jungen Schultern waren. Doch dieses Leben wäre unmöglich, wenn er sie um das Einzige bitten würde, das sie noch geben konnten.
Für einen scheinbar endlosen Moment zögerte er. Sie würden leben, sie alle. Er musste nur schweigen. Aber darauf hatte er sich noch nie verstanden. Möglicherweise fühlte er sich auch nur dazu verpflichtet, diese letzte Sache zu versuchen, die das Fortbestehen von Rothás sicherte – wo sie doch in ihrem Kampf so kläglich versagt hatten.
»Wo ist Neele?«, wollte Šinca leise seufzend wissen. Für das, was er vorschlagen würde, brauchte er sie alle.
»Hier.« Wie aus dem Nichts trat Neele neben ihn, einen verkniffenen Zug um den Mund, das Gesicht voller Dreck und Blut. Damit sah sie nicht besser aus als er selbst oder die anderen. Mit einer müde wirkenden Geste rammte sie ihr Schwert vor sich in den Boden und stieß einen langen, zittrigen Atemstoß aus.
»Alles in Ordnung?«, fragte Kendra.
Es war eine sinnlose Frage, doch Šinca konnte es ihr nicht verdenken, sie gestellt zu haben. Ihm hatte sie ebenfalls auf der Zunge gelegen. Der Ausdruck, der daraufhin über Neeles Gesicht huschte, war ihm jedoch Warnung genug, dass nur ein weiterer Tiefschlag folgen würde.
Ihre Stimme zitterte kaum merklich, als sie antwortete: »Ben ist tot.«
Kendra zog scharf die Luft ein. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Wie immer, wenn sie schockiert war. Doch ihrer Stimme war nur wenig von ihrer Bestürzung anzuhören. »Neele, ich … Es tut mir so leid, Neele.«
Ohne etwas hinzuzufügen, griff Šinca nach Neeles Hand und drückte sie. Stumm tauschten sie einen kurzen Blick. Ben war ein fähiger Krieger und ein tapferer Mann gewesen. Šinca hatte Neeles Sohn gemocht. Nicht nur, weil er ihn an seinen eigenen erinnert hatte, der schon lange vor diesem letzten Kampf gefallen war.
»Es gibt etwas, das wir tun können«, sagte Šinca mit entschlossenem Blick und fester Stimme und riss sie damit aus der traurigen Betroffenheit. Sie sollten es jetzt tun.
»Wir haben verloren, Šinca«, entgegnete Neele müde. »Es gibt nichts mehr für uns zu tun.«
»Du irrst dich.« Eindringlich sah er sie nacheinander an. Sanft löste er sich aus Kendras festem Griff. »Es liegt in unserer Macht, die Welt neu zu formen und auferstehen zu lassen. Wenn sich Phönix, Harpyie, Drache und Greif vereinen –«
»Das ist doch bloß eine alte Legende, Šinca«, unterbrach Neele ihn.
»Genauso wie der Mythos, dass vier Feuerkrieger kommen werden, um eine große Bedrohung aufzuhalten, und die Welt in Schutt und Asche versinkt, sollten sie versagen?« Šinca deutete mit einer weit ausholenden Geste hinter sich. In seiner Stimme schwang eine Mischung aus Sarkasmus und Bitterkeit mit. »Sieh dir an, was wir verfehlt haben zu schützen, Neele. Ich habe diese Verantwortung genauso wenig gewollt wie ihr alle. Aber wenn es nur den Hauch einer Chance gibt, Rothás zu retten, sollten wir sie dann nicht ergreifen? Was bleibt denn noch, um das es sich zu kämpfen lohnt? Es ist nichts mehr übrig, was wir beschützen könnten!«
Schweigend standen sie sich gegenüber. Jedes Kind kannte die Legende von den vier Feuerkriegern, die zusammen die Macht besaßen, die Welt in ihr Verderben zu stürzen oder sie zu retten und ihr zu neuem Glanz zu verhelfen. Aber sie kannten auch den Preis dafür. Obwohl es eine leichte Entscheidung hätte sein können – nachdem sie ohnehin alles verloren hatten –, war es dies nicht.
Neele stieß einen langen Seufzer aus und sah gen Himmel. Sie hatten jegliches Zeitgefühl während der Schlacht verloren und die dunkle Wolkendecke machte es unmöglich, zu sagen, ob Tag oder Nacht herrschte. Sie sah wieder zu Šinca und nickte. »Ich bin dabei. Vielleicht gibt es dann etwas, worauf mein Sohn sein neues Leben aufbauen kann, wenn er wiedergeboren wird.«
Ein Lächeln huschte über Šincas faltiges Gesicht. Er wandte sich den anderen beiden zu. Kendra und Pjar hielten sich an den Händen und sahen ihn so hilflos an wie an dem Tag, als er ihnen eröffnet hatte, dass sie die Feuerkrieger des Greifs und des Drachens verkörperten.
»Ich weiß, ich verlange …« Šinca hielt inne. Was sollte er sagen? Nichts würde es besser oder leichter machen.
»Es ist der einzige Weg, doch noch zu gewinnen, oder?« Pjar zuckte mit den Schultern und ließ seinen Blick umherschweifen. »Ich meine … irgendwie. Es würde bedeuten, dass Rothás wieder leben wird, nicht wahr?«
Šinca nickte. Es war ihre allerletzte Chance. Niemand vermochte zu sagen, wann und ob sich die Welt von der Verderbtheit erholen würde, die über sie hergefallen war. Doch wenn es möglich war, sie zu heilen, war es den Versuch wert.
Die beiden jungen Feuerkrieger tauschten einen Blick und schienen mit einem Mal entschlossen. Sie nickten und gaben damit stumm ihre Zustimmung. Šinca sollte sich freuen, doch so war es nicht. Stattdessen lastete das Wissen, was nun folgen würde, schwer auf ihm. Wenn es nicht funktionierte, schickte er sie in einen grauenhaften Tod. Ebenso wie sich selbst.
Mit gestrafften Schultern schob Šinca jegliche Zweifel und Unsicherheiten von sich. »Dann lasst uns keine Zeit verlieren.«
Neele war die Erste, die eine seiner ausgestreckten Hände ergriff. Mit ihrer freien Hand umschloss sie Kendras und drückte diese ermutigend. Nach kurzem Zögern umfasste Pjar Šincas andere Hand. In einem engen Kreis standen sie beieinander und sahen sich ein letztes Mal an. In diesem Moment gab es keine Zweifel mehr und sie schöpften Stärke aus der Anwesenheit der anderen. Das war ihre letzte Aufgabe, ihre letzte Verpflichtung.
Sie riefen nach ihren Kräften und konzentrierten sich darauf, nicht nur ihre eigene Magie zu spüren, sondern auch die der anderen. Das Feuer kam augenblicklich. Erst leckte es über die Arme der vier Feuerkrieger, dann breitete es sich weiter aus und hüllte sie schon bald in heiße, flackernde Flammen. Immer mehr Kraft ließen sie in das Feuer fließen, speisten es mit allem, was sie geben konnten. Schweißperlen sammelten sich auf ihren Gesichtern und sie verstärkten den Griff ihrer Hände.
Langsam bildeten sich erste lose Umrisse aus den Flammen, die wie Nebel verschwammen, wenn man zu genau hinsah. Dann entstiegen dem Feuer vier Tiere: ein Drache, ein Greif, eine Harpyie und ein Phönix. Sie ließen einen stummen Schrei in die Welt, als sich ihre Körper verfestigten und die Flammen heller und heißer aufloderten als zuvor. Eingehüllt in tiefrotes Feuer stiegen sie in die Höhe und breiteten ihre gewaltigen Feuerschwingen aus.
In einer letzten Kraftanstrengung öffnete Šinca seine Augen und sah zu den vier Feuerwesen, die über ihnen schwebten und ihre Kraft in sich aufnahmen, empor. Einen winzigen Moment hielt die Welt den Atem an. Das Feuer erhellte alles.
Šinca nahm den feurigen Anblick ein letztes Mal in sich auf. Dann zerbarst das Feuer und legte sich in einer gewaltigen Explosion über die Welt und riss die vier Feuerkrieger mit sich fort.
6000 Jahre später
»Ich will schließen«, sagte Denzo, während er einen Tonkrug mit einem zerrissenen Tuch abtrocknete. »Am besten du gehst jetzt, Tann, bevor ich dich rausschmeißen lasse.«
Unwillig brummte Cathán und schenkte dem Wirt einen finsteren Blick. Wie er diese abfällige Bezeichnung hasste. Als wäre er nicht mehr als eine wertlose Spielfigur, ein herrenloser Hund ohne Nutzen. Er sollte sich weigern, zu gehen, nur um Denzo ein wenig zu reizen.
Stattdessen leerte er seinen Becher in einem Zug und erhob sich. Schwankend stützte er sich an der Bar ab, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Verfluchter Schwindel! Er stöhnte unterdrückt auf und fasste sich an den Kopf. Flüchtig glitten seine Finger über die Narbe an seinem linken Auge, als er sich ein paar Strähnen seiner blonden Haare aus dem Gesicht strich.
»Du hättest weniger trinken sollen. Stehst du morgen nicht wieder in der Arena?«, fragte der Wirt. Missbilligend schnalzte er mit der Zunge.
Cathán ignorierte ihn und hob zum Abschied nur halbherzig die Hand. Vor der Tür zum Gasthaus sog er die kühle Luft in einem tiefen Atemzug ein. Der Morgen war nicht mehr fern. Doch er war nicht der Einzige, der noch unterwegs war. Zumindest in diesem Stadtviertel, das Dirnen und Halunken ihr Revier nannten.
Vom Ende der Straße drangen lautes Lachen und die schiefen Töne eines altbekannten Trinkliedes an sein Ohr. Cathán könnte sich für die wenigen Stunden, die ihm bis zum Kampf blieben, angenehme Gesellschaft suchen. Oder aber er verprasste sein restliches Geld für Bier und Lesa-Schnaps in einer anderen Spelunke. Unschlüssig spielte er mit dem kleinen Lederbeutel an seinem Gürtel. Die Münzen darin klimperten.
»Heda, Tann.«
Cathán presste die Lippen fest aufeinander und wandte sich dem Mann zu, der torkelnd auf ihn zukam. Grinsend schlang er einen Arm um seine Schultern, als er nah genug heran war. Der Geruch von Alkohol und Kotze schlug ihm entgegen. Cathán verzog das Gesicht.
»Bissu nich’ morgen mit Kämpfen dran?«, lallte der Mann und nahm einen großen Schluck aus der Flasche, die er bei sich hatte. »Meinsu nich’ … also wegen der Kämpfe un’ so … Musst du nich’ ausgeruht sein? Ich …«
Cathán ließ den Fremden nicht ausreden. Gröber als nötig stieß er ihn von sich. Unsanft landete der Mann auf dem Boden und empörte sich lautstark über seinen verschütteten Alkohol. Für so etwas war Cathán definitiv nicht betrunken genug. Ohne ein Wort wandte er sich ab und ging weiter. Weg von dem Mann und dem heiteren Lärm. Die Lust auf Gesellschaft war ihm vergangen.
Er ließ das Vergnügungsviertel hinter sich und machte sich auf den Weg zurück zur Arena. Stetig führte die Straße bergauf. Der Geruch von Unrat wich dem von frisch gebackenem Brot. Erste klirrende Schläge drangen aus einer nahen Schmiede. Die Handwerker und Kaufleute von Viran öffneten Werkstätten und Läden, um ihrem Tagewerk nachzugehen.
An der nächsten Kreuzung blieb Cathán stehen und warf einen Blick zurück auf die unteren Viertel der Stadt. Dicht an dicht reihten sich die Gebäude aneinander. Aus den Schornsteinen der Häuser stieg Rauch in den Himmel auf, der sich langsam rot färbte, während die Sonne am Horizont erschien. Die lange und breite Straße, der er gefolgt war, erstreckte sich in jede Himmelsrichtung. Es war der schnellste Weg durch die Stadt.
Seit mehr als fünf Jahren war Viran sein Zuhause, auch wenn es sich nicht so anfühlte. Seine wahre Heimat lag viele Meilen und Tagesreisen entfernt. Doch er würde nie zurückkehren können. Zumindest nicht, wenn er an seinem Leben hing.
Cathán schüttelte den Kopf, um diese Gedanken loszuwerden. Es war müßig, darüber nachzudenken. In einer müden Bewegung fuhr er sich durch seine Haare und schlenderte weiter, bis er die Arena im südlichen Viertel der Stadt erreichte.
Ches magor te dore war in den marmornen Torbogen gemeißelt, der den Eingang zur Arena markierte und stets von vier Wachen beaufsichtigt wurde. Zwei zu jeder Seite. Nur für die Nacht wurde das breite Tor geschlossen, bevor es bei Tagesanbruch wieder öffnete. Drei Männer waren nötig, um den Mechanismus zu betätigen, der die Torflügel nach innen zog.
Cathán sah zu den geschwungenen Buchstaben hinauf und seufzte kaum hörbar. Kämpfe um Ehre und Ruhm! Vielmehr sollte es heißen: ›Töte, um das Publikum bei Laune zu halten‹. Denn in der Arena, wo Reiche und Arme aufeinandertrafen, richtete die Zufriedenheit der Zuschauer über Leben und Tod.
Es war ein einfaches, aber brutales System, in dem verurteilte Verbrecher die Chance hatten, ihre Freiheit zurückzuerlangen, wenn sie gegeneinander antraten. Wer alle Runden überstand, erhielt eine weitere Verhandlung. Je zufriedener das Publikum war, desto höher standen die Aussichten auf eine neu gewonnene Freiheit. Oder der Sieger wurde als Kämpfer angeheuert – wie Cathán.
Er war ein Niemand in dieser Stadt gewesen, nur ein Verbannter unter vielen. Niemand, dem man anständige Arbeit anvertraut hätte. Die Arena von Viran war für ihn eine der wenigen Möglichkeiten gewesen, an Lohn und Unterkunft zu kommen. Und was hätte er auch anderes tun sollen, als zu kämpfen? Darauf verstand er sich. Sein ganzes Leben hatte sich darum gedreht. Er hatte keine Hemmungen mehr, seine Gegner niederzumetzeln. Schon gar nicht, wenn es ums nackte Überleben ging.
Die Wachen grüßten ihn mit einem Nicken, als er an ihnen vorbei in das Halbdunkel des äußeren Komplexes der Arena trat. Der lange Gang wurde nur von wenigen Fackeln erhellt, die es nicht schafften, jegliche Schatten zu vertreiben. Cathán hätte seinen Weg jedoch auch in völliger Finsternis gefunden.
Schwer atmend rannte ein Junge auf ihn zu. Seine Schritte wurden unwillkürlich langsamer. Einige Strähnen seines schwarzen Haares hatten sich aus dem Band gelöst, mit dem es nach hinten gebunden war. Als er Cathán erblickte, atmete er erleichtert auf und schloss sich ihm an.
»Da bist du ja, Cathán«, stieß der Junge hervor. »Zada hat nach dir gefragt.«
Cathán hob die Augenbrauen. »Die Sonne geht gerade erst auf. Was will er so früh von mir? Hat sich etwas an der Vorstellung heute Abend geändert?«
»Er … Er wollte nur wissen, wo du dich rumtreibst, weil du nicht in deiner Kammer warst.«
»Bin ich ihm jetzt schon Rechenschaft darüber schuldig, wie ich meine freie Zeit verbringe?«
»Nein, nein, das meinte ich nicht. Ich –«
Cathán seufzte. »Ich weiß doch, Shin. Also, weswegen hast du wirklich nach mir gesucht?«
Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie Shin den Blick senkte und sich nervös über die Lippen leckte. Er schwieg. Nur das Geräusch ihrer widerhallenden Schritte war zu hören. Kurz schielte der Junge zu ihm hinauf.
»Shin?« Ungeduld schwang in Catháns Stimme mit und er warf ihm einen auffordernden Blick zu. Das Pochen hinter seiner Stirn nahm zu. Vielleicht hätte er weniger trinken sollen.
Der Junge zuckte zusammen und kam kurz aus dem Tritt. Hastig nickte Shin und schluckte. Dann spähte er über seine Schulter zurück in den Gang, als befürchtete er, jemand könnte ihnen folgen und sie belauschen. »I-ich wollte mit dir über … die letzte Runde sprechen«, platzte es aus ihm heraus.
»Was soll damit sein?« Cathán runzelte die Stirn und sah Shin aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen an. »Ich hoffe, du warst nicht wieder bei den Käfigen, um in Erfahrung zu bringen, welche Monster Zada dieses Mal einsetzen will.«
Ertappt zuckte Shin mit den Schultern und spielte mit dem Saum seines Hemdes.
»Shin.« Cathán fuhr sich durch die Haare und schüttelte den Kopf. »Du weißt ganz genau, wie gefährlich es da unten ist.«
»Tut mir leid.«
»Hat dich jemand bei den Käfigen gesehen?« Er wartete das kurze Kopfschütteln von Shin ab und fügte dann mit einem Blick über die Schulter hinzu: »Dann lass uns in meinem Quartier weiter darüber reden.« Er beschleunigte seine Schritte und ignorierte das stärker werdende Pochen hinter seinen Schläfen. Am liebsten würde er in sein Bett fallen und die nächsten Stunden schlafen.
Sie folgten dem Hauptgang in die Tiefen der Arena. Die Quartiere der Kämpfer lagen nahe dem Eingang zum Arenaplatz, ebenso wie die Zellen der Verurteilten. Je weiter sie ins Zentrum vordrangen, desto öfter kam ihnen jemand entgegen. Mehr als einen flüchtigen Blick hatten die meisten jedoch nicht für sie übrig. Cathán störte sich schon lange nicht mehr daran, ignoriert zu werden.
Ehe sie den Bereich der Verurteilten betraten, bog Cathán in einen Seitengang ab. Wenige Minuten später schob er den Vorhang zu seiner Unterkunft beiseite und ließ Shin an ihm vorbeitreten, ehe er ihm in die Kammer folgte.
Der Raum war nicht groß. An einer Wand stand ein schmales Bett, das schon bessere Tage gesehen hatte, daneben ein altersschwaches Regal, in dem er seine wenigen Habseligkeiten aufbewahrte. Auf einem Tisch auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers stand eine Tonschale mit Wasser zum Waschen.
Cathán ließ sich auf sein Bett sinken, das verdächtig knarrte, und streifte sich die Stiefel von den Füßen. Dann schielte er zu Shin, der inmitten des kleinen Zimmers stand und nervös die Hände miteinander rang.
»Setz dich!«
Es dauerte eine kleine Weile, bis Shin seiner Aufforderung nachkam und sich am Fußende seines Bettes auf die Matratze setzte. Schweigen herrschte. Cathán wartete darauf, dass der Junge von selbst anfangen würde, zu reden. Irgendetwas musste er in den Käfigen gesehen haben, das ihn beschäftigte. Ihm war es gleich, wie lange sie hier schweigend saßen. Bis zu den Kämpfen am Abend war noch Zeit. Erst drei Stunden vorher würde Zada ihm mitteilen, in wie vielen Runden er antrat. Je nach Anzahl der Verurteilten gab es unterschiedlich viele Durchgänge. Manchmal kämpfte er nur in der letzten Runde, da die vorherigen von anderen Kriegern oder den gefangenen Tieren bestritten wurden.
Shins leises Räuspern schob seine Gedanken beiseite und Cathán konzentrierte sich auf den Jungen.
»Ich«, begann Shin zögernd, mit leiser Stimme, »wollte mit dir über die letzte Runde heute sprechen.«
»Das sagtest du bereits.«
»Ja. Tut mir leid. Es ist nur …« Shin holte zittrig Luft. »Wenn … Wenn Zada das herausfindet …«
Der Junge musste den Satz nicht beenden, damit Cathán ihn verstand. Er wusste selbst nur zu gut, was der Herr der Arena mit Leuten anstellte, die sich seinen Anweisungen widersetzten. Der Zorn von Zada war nichts, was man leichtfertig auf sich ziehen sollte. Dennoch musste Shin etwas gesehen haben, das das Risiko, ertappt zu werden, rechtfertigte. Seine Neugier war geweckt. Er richtete sich auf und lehnte sich gegen die Wand am Kopfende des Bettes. Der Junge hatte den Kopf gesenkt. Weitere Strähnen hatten sich aus seinem Zopf gelöst, die nun sein Gesicht verdeckten. Seine Hände lagen fest zu Fäusten geballt in seinem Schoß.
»Von mir wird Zada nichts erfahren, Shin. Das weißt du doch, oder?«
Shins Kopf fuhr hoch und das erste Mal, seit sie sich im Gang getroffen hatten, sah der Junge ihn direkt an. Der Blick aus onixfarbenen Augen bohrte sich in ihn. Ungerührt erwiderte ihn Cathán. Langsam nickte Shin.
»Natürlich weiß ich das.« Er biss sich auf die Lippe. »Sie haben einen Haldar gefangen, den sie in der letzten Runde gegen dich antreten lassen wollen.«
Stille. Mit einem Mal war Catháns Kopf leer bis auf diesen einen Satz. Sie haben einen Haldar gefangen. Einen Haldar? Seine Augen weiteten sich, während ein gehauchtes »Nein!« seine Lippen verließ. Wie waren sie an einen Haldar gelangt?
»Du lügst«, stieß er hervor.
Heftig schüttelte Shin den Kopf. In seinen Augenwinkeln glitzerten Tränen. Seine Hände krallten sich in seine Stoffhose. »Du weißt, dass ich dich nie belügen würde. Niemals!«
Ja, das wusste der Krieger nur zu gut. Shin würde das genauso wenig tun, wie ihn Tann zu nennen. Eher würde er sterben. Sturer, loyaler Idiot, schimpfte Cathán den Jungen in Gedanken. Dennoch konnte er nicht glauben, was Zada vorhatte. Der Herr der Arena wollte ihn gegen eines der gefährlichsten Wesen der drei Großreiche von Rothás antreten lassen? Plötzlich konnte er Shin nicht mehr böse sein, dass er sich zu den Käfigen geschlichen hatte. Er wäre völlig unwissend in diesen Kampf gezogen. Bei Kor, wollte Zada ihn so dringend tot sehen? War er seiner überdrüssig geworden?
»Ich danke dir, Shin«, zwang sich Cathán schließlich, zu sagen, und ließ seinen Kopf gegen die Wand sinken. Im hintersten Teil seines Bewusstseins arbeitete er bereits eine erste Kampfstrategie aus. Erschöpft fuhr er sich übers Gesicht.
»Sicher kannst du den Haldar besiegen«, meinte Shin zuversichtlich und sah ihn mit leuchtenden Augen an. »Du hast doch bisher auch immer überlebt. Es wird dir sicher gelingen. Du … du musst einfach gewinnen.« Den letzten Satz flüsterte er kaum hörbar.
Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über Catháns Gesicht. »Würdest du mir etwas versprechen, Shin?« Der Junge legte neugierig den Kopf schief. »Wenn ich es aus irgendeinem Grund nicht schaffen sollte –«
»Aber du wirst es schaffen, Cathán!«, protestierte Shin sogleich.
»Ja, natürlich. Es ist nicht unmöglich«, gab Cathán zu. »Aber wenn es schiefgeht, bring mein Schwert weit weg von hier. Zada darf es nicht in die Finger bekommen. Es gehört nicht hierher.« Wenn der Zwerg je in den Besitz seines Hüterschwertes gelangte … Er wollte nicht darüber nachdenken. Zada würde es wohl einschmelzen oder irgendeinem dahergelaufenen Dieb zum Kampf in der Arena geben. Doch nicht, wenn er das verhindern konnte.
Shin schwieg und wirkte für einen Moment älter, als er eigentlich war. Dann erhob er sich mit ernstem Gesicht. »Du wirst überleben und kannst dein Schwert selbst vor Zadas gierigen Fingern schützen.« Damit stürmte er aus dem Zimmer.
Ein feines Lächeln umspielte Catháns Mundwinkel. Der Junge hatte viel zu viel Vertrauen in ihn.
Ein Spiel in der Arena bestand zumeist aus acht Runden. Waren es ungewöhnlich viele Verurteilte, stieg die Rundenzahl des Spiels auf höchstens zehn, denn selbst die hartgesottensten Zuschauer hielt es selten länger auf den Bänken. Die meisten Besucher der Arena lechzte es nach möglichst blutigen Kämpfen. Die Gefangenen kämpften gegen ihre Mitbrüder und Ungeheuer oder aber gegen Zadas angeheuerte Krieger. Gekämpft wurde oft bis zum Tod. Eine Niederlage durch Aufgeben gab es nicht, genauso wenig wie eine Flucht aus der Arena. Jeder der fünf Eingänge wurde durch Gitter versperrt und zusätzlich von jeweils drei Wächtern bewacht, sobald die Kämpfer den Kampfplatz betreten hatten.
Mit geschickten Fingern schnürte Cathán die Schlaufen an seinem ledernen Brustharnisch zu und prüfte dessen Sitz. Die letzte Runde würde bald beginnen und entgegen den üblichen Vorkehrungen war es ihm erlaubt worden, diesen Harnisch überzuziehen. Immerhin etwas, dachte er zynisch. Für gewöhnlich kämpfte er in einfacher Montur, ohne jeglichen Schutz, und nur mit einem Schwert an seiner Seite. Man könnte glatt meinen, Zada machte sich Sorgen um ihn und wollte, dass er den Kampf gegen den Haldar lebend überstand.
Der Gedanke brachte Cathán zum Lachen, leise und bitter. Das Einzige, um das sich dieser gierige Zwerg sorgte, waren die Einnahmen, die ihm entgingen, wenn Cathán ihm als Kämpfer nicht länger zur Verfügung stand.
Der Krieger stieß einen langen Seufzer aus. Manchmal fragte er sich, warum er noch hier war. Warum er nicht durch das Land zog, von Ort zu Ort, und die Freiheit genoss. Er könnte auf einem Wüstenrochen durch die Sandsee reiten. Die Tiefen des Korallenriffs von Meertal erkunden oder die Höhen des Winkelgebirges erklimmen. Doch der einzige Ort, zu dem es ihn zog, war zu einer verbotenen Zone für ihn geworden. Außerdem konnte er Shin nicht zurücklassen. Er würde sicher nicht Zadas Zorn auf sich ziehen, weil er den Jungen einfach mitnahm. Und solange er nicht nach Atháren zurückkehren konnte, war Viran so gut wie jeder andere Ort, um auf eine Nachricht seines Königs zu warten.
Cathán trat zu dem Waffenständer und schnappte sich das erstbeste Schwert. Prüfend ließ er es durch die Luft sausen, um ein Gefühl für die Klinge zu bekommen. Zufrieden befestigte er sie an seinem Schwertgurt. Im Hintergrund konnte er das Gegröle der Zuschauer hören.
Ob König Theobald mittlerweile denjenigen gefunden hatte, der das Leben seines Sohnes bedrohte? Nur deswegen war er doch noch hier. Weil der König von Atháren der festen Überzeugung war, sein Sohn sei fernab und unentdeckt vom Königshof in Silberwasser besser aufgehoben.
Beinahe sechs verdammte Jahre war das schon her. Verbittert ballte Cathán die Hände zusammen, als er an den Tag seiner Verbannung zurückdachte. Als dieser wahnwitzige Auftrag seinen Anfang genommen hatte. Mit einem Schlag hatte er alles verloren: sein Zuhause, seine Familie, sein Leben. War es das wert gewesen? Oder hätte er diese letzte Aufgabe seines Königs ablehnen sollen?
Entschieden schüttelte er den Kopf. Nein, diese Entscheidung war richtig gewesen. Cathán hatte den Befehl erhalten, nach dem Sohn des Königs zu suchen und ihn zu beschützen. Und genau das hatte er all die Jahre fernab der Heimat getan. Nur wusste niemand von diesem Auftrag. Stattdessen hatten alle seine Loyalität angezweifelt und glaubten, er habe einen Anschlag auf den König verübt. Eine notwendige Lüge, damit niemand Verdacht schöpfte, weswegen er Silberwasser wirklich verlassen hatte. Als würde er seinem König je etwas antun.
Seine Faust krachte gegen die Wand. Schmerz schoss durch seinen Arm bis hinauf in die Schulter. In einer resignierten Geste ließ Cathán die Stirn gegen die kalte Steinwand sinken. Er musste sich auf seinen bevorstehenden Kampf gegen den Haldar konzentrieren. Jede noch so kleine Ablenkung konnte ihn das Leben kosten. Die Arena verzieh keine Fehler. Und er würde seinen Tod nicht in der Arena finden. Nicht heute.
Cathán ließ von der Wand ab und musterte seine Fingerknöchel. Die Haut war aufgeschürft, doch es war nichts, das ihn im Kampf behindern würde. Er hatte schon weitaus schlimmere Verletzungen davongetragen. Dennoch säuberte er seine verletzten Knöchel mit Wasser, das ihm vorhin gebracht worden war. Anschließend nahm er einen kräftigen Schluck aus dem Krug.
Hinter Cathán öffnete sich knarrend die Tür. Fragend sah er über die Schulter.
»Shin«, fragte er, »was ist?« Er drehte sich zu dem Jungen. Jetzt, da Cathán die alten Erinnerungen an seine Verbannung zugelassen hatte, kam er nicht umhin, Shin mit seinem Vater zu vergleichen. Doch bis auf ihre Haarfarbe verband die beiden keine großen Ähnlichkeiten. Der verkniffene Zug um den Mund, wenn sie besonders stur waren vielleicht.
»I-ich wollte nach dir sehen. Bald startet die letzte Runde.« Der Junge trat näher und schloss die Tür hinter sich. »Sie haben die Harpyien auf die Verurteilten losgelassen.« Der Schreck stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Er war blass und rang die Hände miteinander, während er unsicher auf seiner Lippe kaute.
Beschütze meinen Sohn, hatte der König ihm befohlen, und Cathán tat sein Bestes. Wenn der Junge ihm seine Arbeit manchmal nur nicht so verflucht schwer machen würde – wie jetzt. Wieso hörte er nie auf ihn und blieb den Kämpfen fern?
Nicht zum ersten Mal fragte sich Cathán, ob es an der Zeit war, Shin von seiner wahren Herkunft zu erzählen. Doch jedes Mal wischte er diese Überlegung beiseite. Es war sicherer, den Jungen nicht wissen zu lassen, dass er der Sohn Theobalds von Silberwasser war. Sollte jemand davon erfahren, würde ihm das die Arbeit nur erschweren.
Kurzerhand trat Cathán auf den Jungen zu und drückte ihn auf die Holzbank. Er füllte etwas Wasser aus dem Krug in einen Becher, reichte diesen Shin und kniete sich vor ihn auf den Boden. Eine Hand legte er ihm auf das Knie und drückte es kurz ermutigend.
»Du sollst dir das doch nicht ansehen«, meinte Cathán tadelnd. Er schüttelte den Kopf. Nur zu gut konnte er sich an das letzte Mal erinnern, als Shin bei einem Kampf zugesehen hatte. Die Spiele waren bestialisch, besonders wenn die Monster auf die Gefangenen losgelassen wurden. Zada gab ihnen oft tagelang kein Futter, wenn er sie einsetzen wollte, damit sie aggressiver und rasender waren. Der Anblick war nicht schön und schon gar nicht für ein sanftes Gemüt wie das von Shin gedacht.
»Sie sind von oben auf sie herabgestürzt«, hauchte Shin mit zittriger Stimme. »Die Männer hatten gar keine Chance. Und dann … das Blut. Überall. D-der ganze Boden … überall …«
»Atme tief durch.« Ein Zittern hatte den Körper des Jungen erfasst. Cathán schüttelte ihn leicht und zwang Shin dazu, einen Schluck Wasser zu trinken.
Erneut ging die Tür auf und ein Wächter steckte den Kopf hinein. »Du sollst zum Osttor kommen, Tann. Die letzte Runde startet gleich. Es wird nur noch etwas Sand und Erde verteilt.«
Cathán nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Der Wächter verschwand. Sofort schaute der Krieger zu Shin, der immer noch zitternd auf der Bank saß und den Kopf gesenkt hielt. Sanft nahm er ihm den Becher weg und stellte diesen auf den Boden.
»Du wirst hierbleiben und auf mich warten«, befahl er energisch.
»A-aber Cathán«, protestierte Shin mit großen Augen. »Du wirst jetzt kämpfen. Ich will do–«
»Du wirst hier warten, Shin.« Cathán funkelte ihn zornig an. »Keine Widerrede! Mir wird schon nichts geschehen. Aber du wirst dir diesen Kampf nicht ansehen. Du wirst hier auf mich warten. Ich werde dich genau hier wieder abholen.« Erneut wollte Shin etwas sagen, doch er kam ihm zuvor. »Lass es. Du bleibst hier! Sollte ich dich in der Arena sehen, werde ich Zada davon unterrichten, dass du mit mir über den Haldar gesprochen hast.« Diese Drohung war unfair, aber ihm blieb keine Wahl, wenn er wollte, dass Shin dem Kampfplatz fernblieb.
Der Junge wurde noch blasser. »Du würdest nicht … Das kannst du nicht tun!«
»Dann bleib hier und warte auf mich. Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn du an den Gittern stehst und zusiehst.«
Shin schob die Unterlippe vor, nickte jedoch ergeben. Cathán lächelte kurz und erhob sich. Vor der Tür blieb er noch einmal stehen und sah zu ihm zurück. »Glaub mir, Shin, es ist das Beste so.« Dann ging er hinaus und machte sich auf den Weg zum Osttor. Länger wollte er Zada und die Zuschauer nicht warten lassen. Die Verzögerung würde ihn womöglich einen Teil seines Lohnes kosten.
Die Menge jubelte, als er den Kampfplatz betrat und sich das eiserne Gitter hinter ihm schloss. Cathán erlaubte sich, einen kurzen Blick über die Tribüne schweifen zu lassen. Die Leute schien es nicht zu stören, dass sie dicht aneinandergedrängt auf den steinernen Bänken saßen. Auch die Sonne, die stetig auf sie herabschien, hinderte sie nicht daran, laut zu jubeln und in die Hände zu klatschen. Es musste siedend heiß in den Rängen sein. Lediglich die reichsten Zuschauer konnten sich einen Platz auf der Tribüne der oberen Schicht leisten, die als einzige durch ein Stoffdach in Schatten gehüllt war.
Cathán seufzte und trat ein paar Schritte weiter in die Arena hinein. Er festigte den Griff um sein Schwert. Für einen Augenblick schloss er die Augen, legte den Kopf in den Nacken und nahm einen tiefen Atemzug. Es roch nach Staub, Blut und Schweiß. Ein vertrauter Geruch.
Er hörte das Rasseln von Ketten und sah zu dem sich langsam öffnenden Tor auf der gegenüberliegenden Seite. Jetzt ist es so weit, dachte er und wartete.
Der Gang hinter dem Tor lag im Dunkeln. Cathán konnte nichts erkennen, aber er wusste, was ihn erwartete. Dennoch schlug sein Herz ruhig und gleichmäßig. Jahrelanges Training hatte ihn gelehrt, besonnen zu bleiben und die Nervosität zurückzudrängen, die seine Reaktionsfähigkeit beeinträchtigte.
Eine klauenartige Pfote schälte sich aus den Schatten auf der anderen Seite, gefolgt von einer zweiten. Langsam folgte der restliche Körper der Bestie. Graues, borstiges Fell bedeckte den Leib des Haldars. Jede der dicken Borsten auf seinem Rücken war so scharf wie ein geschliffenes Schwert. Seine drei Schweife waren dünn und im Gegensatz zum Rest seines Körpers nicht mit Fell bedeckt. Stattdessen hatten sie ledrige, spitze Enden, die einen ausgewachsenen Ochsen zu durchbohren vermochten.
Der Haldar neigte seinen Kopf zur Seite und schnüffelte mit seiner Nase, die ungewöhnlich klein für seinen breiten Schädel war. Spitze Fänge, so dick wie Catháns Unterarm, prangten aus seinem Maul. Die ledrigen Ohren zuckten. Ein Raunen ging durch die Menge, dann brach Jubel aus. Die Zuschauer wussten, welch spektakulärem Kampf sie gleich beiwohnen würden. Die meisten von ihnen sahen zum ersten Mal einen ausgewachsenen Haldar.
Cathán blieb regungslos stehen und versuchte, so leise wie möglich zu atmen. Die kleinen weißen Augen eines Haldars waren völlig nutzlos. Diese Kreaturen nahmen ihre Umgebung nur mit der Nase und den Ohren wahr.
Einen Moment musterte Cathán den gigantischen Körper seines Gegners. Er fragte sich, wie lange er wohl bewegungslos dastehen könnte, bis ihn der Haldar geortet hatte. Wenn er allerdings lebend aus der Arena hinausspazieren wollte, musste er jetzt handeln. Cathán hoffte, dass die ungewohnte Umgebung das riesige Monstrum beeinträchtigte und er dadurch einen Vorteil hatte. Weniger nachdenken, entschied er und richtete seinen Blick entschlossen auf seinen Gegner.
»Zeit zum Spielen«, murmelte Cathán, während die Stadtbewohner immer lauter jubelten und schrien. Doch seine leisen Worte genügten, dass der Haldar seine Ohren aufrichtete und den Kopf ruckartig in seine Richtung drehte. Die Kreatur kam nicht dazu, einen Schritt nach vorn zu machen. Cathán rannte los, direkt auf ihn zu. Er blendete alles um sich herum aus und konzentrierte sich ganz auf den Haldar und den Kampf.
Während er auf seinen Gegner zustürmte, zog er die Spitze seines Schwertes über den sandigen Boden. Das schabende Geräusch irritierte die Kreatur. Unsicher tänzelte der Haldar ein paar Schritte vor, seine drei Schweife peitschten unruhig hin und her. Seine Klauen hinterließen Furchen auf dem Boden.
Cathán schlug Haken und wechselte abrupt die Richtungen. Sein wilder Zickzackkurs brachte die Bestie zum Zögern. Und genau das war seine einzige Chance.
Ein weiteres Mal schlug er einen Haken, dann tauchte er unter der gehobenen Klaue des Haldar hindurch. Ohne langsamer zu werden, hob Cathán das Schwert und hinterließ einen langen Schnitt an seinem Bauch. Durch das dicke Fell drang seine Klinge nicht allzu tief, dennoch brüllte der Haldar wütend auf. Aus den Augenwinkeln sah der Krieger die drei Schweife auf sich zu peitschen. Hastig sprang er zur Seite und rollte sich ab, um gleich darauf wieder auf die Beine zu kommen.
Erneut war ein ohrenbetäubendes Brüllen zu hören. Da er rechtzeitig ausgewichen war, hatten sich die Spitzen der Schweife in die Seite des Haldars gegraben. Cathán lächelte grimmig. Mit Sicherheit war das eine Wunde, die dieser Kreatur zu schaffen machen würde. Applaus erklang, als Blut aus dem Bauch der Bestie sickerte. Cathán konnte vereinzelte missmutige Rufe hören. Nicht alle waren damit einverstanden, dass er so schnell einen erfolgreichen Hieb hatte ausführen können. Die Zuschauer dürsteten eher danach, dass er blutete.
Cathán vergrößerte die Entfernung zwischen sich und dem Haldar. Keine Sekunde lang ließ er ihn dabei aus den Augen. Plötzlich heftete sich der Blick des Haldars auf ihn, obwohl dieser ihn nicht wirklich sah. Die Kreatur hörte seinen Atem und seine Schritte, jedes noch so kleine Geräusch von ihm, das genügte.
Der Haldar stieß ein Knurren aus und kam mit großen Schritten auf ihn zu. Speichel triefte von seinen Lefzen auf den Sandboden. Cathán warf sich zur Seite, doch er war zu langsam. Die Klauen des Haldars streiften ihn am Arm und hinterließen drei tiefe Kratzer. Unsanft landete er auf dem Rücken und schlitterte einige Schritte weit über den Boden. Sofort war der Haldar über ihm. Eine schwere Pranke legte sich auf seine Brust und spitze Klauen bohrten sich durch den ledernen Harnisch. Cathán keuchte auf. Zäher Sabber fiel auf seine Wange. Angewidert verzog er das Gesicht. Sein rechter Arm war unter der zweiten Tatze des Haldars eingeklemmt, sodass er sein Schwert nicht richtig greifen konnte. Er ächzte unter dem Gewicht. Blut sickerte aus den langen Kratzern auf den Boden. Er versuchte, sich aufzustemmen, doch die Krallen des Haldars bohrten sich dadurch nur noch tiefer in seinen Harnisch und den Arm und kratzten über seine Haut.
Heißer Atem schlug ihm entgegen, als die Bestie ihren breiten Kopf zu ihm herabsenkte und knurrte. Ihr gewaltiges Gewicht drückte ihn nieder und machte ihm das Atmen schwer. Catháns Kopf schien zu pulsieren. Ein angestrengtes und schmerzhaftes Stöhnen verließ seinen Mund. Schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen auf und ab. Wenn er den Haldar nicht bald von sich herunter bekam, würde er zerquetscht werden und ersticken. Der hohe Blutverlust durch die tiefen Kratzer an seinem Arm raubte ihm langsam, aber sicher seine Kraft.
Seine Sicht verschwamm. Das Gegröle der Zuschauer verblasste zu einem leisen Summen im Hintergrund. Der Haldar hatte den ledernen Harnisch mittlerweile vollständig durchdrungen und scharrte beinahe genüsslich über seine Brust. Cathán kniff die Augen zusammen. Wenn er jetzt nicht handelte, hatte er verloren. Der Haldar würde nicht mehr lange warten und ihn töten.
Schwerfällig hob Cathán seinen linken Arm, bis seine Hand auf den Klauen des Haldars lag. Wie lange hatte er schon nicht mehr auf diese Kraft zurückgegriffen? All jene, die ihre Wetten darauf abgeschlossen haben, werden sich freuen, schoss es ihm durch den Kopf. Doch ihm blieb keine andere Wahl, wenn er überleben wollte. Ich werde nicht sterben. Nicht in der Arena, erinnerte er sich. Nicht hier, nicht heute.
Flammen leckten über seinen Arm und griffen auf die Tatze des Haldars über. Wenige Sekunden später drang der stechende Geruch von verbranntem Fell und Fleisch in seine Nase. Das Feuer bahnte sich einen Weg seinen Oberkörper hinauf und breitete sich langsam auf seinem ganzen Körper aus. Der Haldar stieß ein ohrenbetäubendes Brüllen aus.
Das schwere Gewicht von seiner Brust verschwand. Keuchend schnappte Cathán nach Luft, drehte sich auf die Seite und spuckte Blut. Das Schwert hatte er losgelassen. Behutsam richtete er sich auf und stützte sich mit Händen und Knien ab, um nicht wieder umzufallen. Sein Blick traf auf die rote Lache, die sich mit Sand vermischt hatte. Er hatte viel Blut verloren.
Augenblicklich kehrte der Schmerz in seinem Arm zurück. Die tiefen Kratzer brannten höllisch und bluteten immer noch stark. Seine Arme zitterten, weil sie sein Gewicht nicht länger tragen konnten. Daher biss Cathán die Zähne zusammen und kämpfte sich auf die Beine. Schwankend kam er zum Stehen. Er atmete tief durch. Das Blut rauschte in seinen Ohren und das Jubeln der Menge drang nur gedämpft zu ihm durch.
Der Haldar rollte winselnd auf dem Boden. Immer noch leckten kleine Flammen an seinem Körper.
Aus den Augenwinkeln nahm Cathán eine Bewegung wahr. Langsam drehte er den Kopf. Aus einem der Tore kamen sechs Wächter gestürmt. Hinter ihnen rannte Zada, der versuchte, mit ihnen Schritt zu halten. Dann waren die Männer an ihm vorbei und traten vorsichtig auf den Haldar zu.
Zada blieb vor ihm stehen und sah ihn strafend an. Seufzend ließ Cathán die Flammen völlig erlöschen. Kaum, dass das Feuer verschwunden war, herrschte eine beinahe beängstigende Stille in der Arena. Für einige endlos wirkende Minuten war nur das Winseln des Haldars zu hören und die Rufe der Wächter. Mit wenigen Handgriffen legten diese die Kreatur in Ketten und führten sie zu dem Tor zurück, aus dem sie gekommen war.
Jubel und Applaus brachen aus. Die Menge tobte. Doch alles, was Cathán mitbekam, waren die zusammengezogenen Augenbrauen des Zwerges vor ihm. Für einen Augenblick glaubte er, so etwas wie Besorgnis über Zadas Gesicht flackern zu sehen. Die schwieligen Hände des Zwerges griffen nach seinem unverletzten Arm und zogen ihn zum nächstgelegenen Eingangstor.
»Nicht hier, Tann«, raunte der Herr der Arena ihm zu. »Warte, bis du aus den Augen der Menge bist.«
Cathán hatte nicht die Kraft, sich zu widersetzen oder etwas zu erwidern, weswegen er sich kommentarlos vom Kampfplatz der Arena und in den Gang ziehen ließ. Zwei Männer traten zu ihnen. Zada ließ ihn los. Dann sackte Cathán zusammen.
»Majestät«, rief der Bote, kaum dass er durch die Tür gestürmt war. Er deutete eine kurze Verbeugung an, bevor er mit langen Schritten durch den lichtdurchfluteten Raum schritt. »Eure Majestät, im Thronsaal wartet ein Besucher auf Euch.«
Theobald von Silberwasser blickte von seinen Unterlagen auf. Auch sein Berater, der mit ihm die Schriftstücke und Berichte begutachtet hatte, die vor ihm auf dem Schreibtisch ausgebreitet waren, hob neugierig den Blick. Fragend zog der König eine Augenbraue hoch und musterte den Boten, der um Atem ringend vor dem massiven Tisch zum Stehen gekommen war. Das Leinenhemd blitzte unordentlich unter seinem Wams hervor, als hätte er es in aller Hast übergeworfen und darauf verzichtet, es ordentlich zuzuknöpfen. Er hob eine Augenbraue. Offensichtlich war er auf schnellstem Weg hierhergeeilt.
»Weswegen bist du gerannt? Es ist nicht das erste Mal, dass ich erwartet werde. Kein Grund, dich so abzuhetzen«, meinte Theobald überrascht.
Etwas verlegen senkte der Bote den Blick. Das feine Lächeln, das die Mundwinkel des Königs daraufhin umspielte, vertiefte die vielen Fältchen an seinen Augen. Eines der wenigen Anzeichen dafür, wie weit sein Alter bereits fortgeschritten war.
Der junge Mann hob den Kopf, atmete kurz durch und deutete mit einer Handbewegung hinter sich. »Es ist keiner der üblichen Adligen, der Euch sehen möchte, Eure Hoheit. Es sind zwei Männer. Volen. Und einer«, er legte eine winzige Pause ein und zog die Augenbrauen zusammen, »behauptet, er wäre Brandt Raesha. Er bittet um eine Audienz, Majestät.«
Theobald wechselte einen raschen Blick mit seinem Berater und runzelte die Stirn. »Brandt Raesha ist tot.« Der Bote trat unbehaglich von einem auf den anderen Fuß, während der König schon fortfuhr: »Dennoch haben die Wachen ihn eingelassen. Wie kommt dieser Volen dazu, sich den Namen eines Toten zuzulegen?«