Pickard County - Chris Harding Thornton - E-Book

Pickard County E-Book

Chris Harding Thornton

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Beschreibung

In einer staubigen Stadt in den schroffen Sandhügeln von Nebraska patrouilliert der Sheriff-Deputy Harley Jensen nachts durch die Straßen. Es ist Juli 1978 und die Hitze macht die Menschen nervös. Als der Patriarch der Familie Reddick beschliesst, für seinen vor Jahren verschwundenen Jungen einen Grabstein zu legen, entzündet diese Entscheidung einen Funken, der Pickard County in Brand zu setzen droht. In einer schicksalhaften Nacht nach dem Gedenkgottesdienst beschattet Harley den jüngsten Reddick Paul an verlassenen Farmen und Häuser. Die Verfolgung bringt Harley auf die Spur von Pam Reddick, einer rastlosen jungen Frau, die nach einem Ausweg sucht. Sie ist dabei, die Bande von Mutterschaft und Ehe zu durchtrennen. Voll verzweifelter Frustration fühlt sich Pam zu Harleys dunkler Geschichte hingezogen, die der ihres Mannes Rick nicht unähnlich ist – eines Mannes, der zwischen den Trümmern des gewaltsamen Todes eines Bruders und der verhärteten Wut seiner Mutter aufgewachsen ist. Pickard County Atlas entfaltet sich über sechs angespannte Tage, bringt Harley und Reddick auf Kollisionskurs und treibt sie auf einen aufrührerischen Moment zu, der sie entweder erlösen oder zerstören wird. Fesselnd, düster, komisch. Chris Harding Thorntons Debüt strahlt Authentizität aus und führt eine erstaunliche neue Stimme in die Spannungsliteratur ein.

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Seitenzahl: 412

Veröffentlichungsjahr: 2022

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DARK PLACES

Chris Harding Thornton

Pickard County

Aus dem Amerikanischen von Kathrin Bielfeldt Herausgegeben von Jürgen Ruckh

Polar Verlag

Originaltitel: Pickard County Atlas

Copyright: © 2021 by Cris Harding Thornton

Published by arrangement with MCD, an imprint of Farrar, Straus and Giroux, New York

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2022

Aus dem Amerikanischen von Kathrin Bielfeldt

Mit einem Nachwort von Marcus Müntefering

© 2022 Polar Verlag e.K., Stuttgart

www.polar-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Eva Weigl

Korrektorat: Andreas März

Umschlaggestaltung: Britta Kuhlmann

Coverfoto: © Tom /Adobe Stock

Autorenfoto: © Dana Damewood

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign

Druck und Bindung: Nørhaven, Agerlandsvej 3, 8800 Viborg, DK

Printed in Denmark 2022

ISBN 978-3-948392-64-2

eISBN 978-3-948392-65-9

Für Paula

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Danksagungen

Kleine Feuer, überall

1

In der Tiefe einer Nacht Ende Juli bohrten die Scheinwerfer von Harley Jensens Streifenwagen einen Tunnel aus Licht über dem Highway 28 durch die Dunkelheit. Sie beleuchteten die Straße mit ihrer dünnen Asphaltdecke, an deren ausgefransten Rändern Horstgras nagte. Alles andere wurde vom grellen Schein getilgt. Nord-Mittel-Nebraska, die Gegend, in der Sand auf Lehm traf, hob und senkte sich um ihn herum, und zeichnete sich schwarz gegen den dunklen Himmel ab.

Wie in jeder Nacht auf Streife, hakte Harley unbewusst die Namen der vorbeiziehenden Ländereien ab, wie auf einer alten Flurkarte. Hier draußen war es üblich, dass Wiesen und Felder nach ihren lebenden Besitzern benannt waren. Wohnhäuser und Nebengebäude, die sich hinter Windschutzhecken zusammendrängten und deren Höfe nur von einer einzigen Laterne beleuchtet wurden, waren nach ihren Erbauern benannt. Die einzige Ausnahme bildete das verlassene Gehöft von Harleys Familie, dem er sich nun näherte und an dem er schnell vorbeiwollte. Wenn die Windschutzhecke als dunkler Hügel am Horizont auszumachen war, würde er an der Scheune vorbeifahren und sich mit einem kurzen Blick vergewissern, dass die Haustür noch verschlossen war. Dann würde er mit der Sohle seines Westernstiefels das Gaspedal durchtreten.

Die Jensen-Farm war von einem gewissen Braasch gebaut worden, und ein Braasch besaß sie auch heute. Bevor Harley dort vor siebenundvierzig Jahren geboren wurde, hatten andere Familien in dem stillen, zweistöckigen Gebäude gewohnt, doch es wurde Jensen genannt. Was bedeutete, dass es zwei Systeme der Namensgebung gab, vermutete Harley. Fleiß oder Schande. Was immer auch hängen blieb.

Im überwucherten Hof blitzte glänzendes Chrom auf, und sein Hals versteifte sich. Neben der Scheune parkte jemand.

Er fuhr am Haus vorbei und ließ den Wagen am Hang ausrollen. Dann bog er links auf den Schotter der County Road K ab und hielt an. Mit dem Ellenbogen im Fensterrahmen, nahm er einen letzten tiefen Zug an seiner Zigarette, die ihn wachhielt, und spuckte einen Tabakkrümel von der Zunge. Er rieb sich mit dem Fingerknöchel über die Schläfe und rang mit sich, ob er weiterfahren sollte oder nicht. So tun sollte, als habe er nichts gesehen.

Das Mindestalter für Alkoholkonsum war neunzehn, weswegen Highschool-Kids sich in den verfallenen Höfen trafen, die überall zwischen den Hügeln verstreut lagen. Sofern sie clever genug waren, sich einen Ort auszusuchen, der nicht direkt am Highway lag und ganz bestimmt keine Verbindung zu einem Deputy hatte, der die halbe Nacht Patrouille fuhr. Doch andererseits, vermutete Harley, zog besoffene, geile Kids nichts so sehr an wie ein Hauch von Zwielichtigkeit, ein paar gruselige Brocken Tratsch, die sie zu ausgewachsenen Horrorgeschichten spinnen konnten. Er fragte sich, was sie sich wohl hatten einfallen lassen. Zu seiner Zeit ging das Gerücht, dass in den dichten Pappelhainen entlang des Steinbruchs nackte Albino-Kannibalen Pärchen auflauerten, die in mondhellen Nächten dort parkten. Das war schwer zu toppen.

Er legte den Rückwärtsgang des Furys ein, trat aufs Gas, um die uneinsehbare Kreuzung schnell zu überqueren und bog dann in die Einfahrt des Hauses ein. Die Spuren waren kaum mehr als zwei leichte Kerben im kniehohen Gras. Das Abblendlicht fiel vor ihm auf eine Heckklappe. Über der Quecke und den wilde Esche-Setzlingen ragte die staubige Stoßstange eines roten F-250.

Paul Reddick.

Harley griff nach dem Mobilteil, das am Funkgerät klemmte. Sein Finger lag auf der Taste, wartend, ohne zu drücken. Das Protokoll erforderte, sich zu melden, wann immer er jemanden anhielt. Genau genommen hielt er ja niemanden an. Er ließ das Mobilteil los.

Er nahm die Taschenlampe von der Rückbank und zuckte beim lauten Knacken des Türscharniers zusammen, dass er vergessen hatte mit WD-40 einzusprühen. Dann stand er im Gestrüpp und richtete den Lampenstrahl auf die Heckscheibe des Pick-ups. Die alte Winchester Kaliber 12 steckte in der Halterung hinter Pauls erdfarbenem, gut schulterlangem Haar. Aus dem offenen Fahrerfenster ragte ein brauner, geäderter Unterarm, als wolle er rechts abbiegen. Seine Faust zeigte Harley den Mittelfinger.

»Reddick«, grüßte Harley.

Paul ließ den Mittelfinger sinken und den Arm aus dem Fenster baumeln. »Jensen«, wehte wie ein Wie-geht’s? zurück.

Bei dieser Wie-geht’s-Art, dieser unerschütterlichen Ruhe, biss Harley unwillkürlich die Zähne zusammen. Es war keine Gelassenheit und keine Zurückhaltung. Über Gelassenheit und Zurückhaltung wusste Harley selbst eine Menge. Was Paul hatte, war die feindselige Gleichgültigkeit eines Menschen, der nichts wertschätzte. Diese Art besonderer Gehässigkeit, die daher rührte, nie irgendetwas gehabt zu haben, das ihm so viel bedeutete, dass er Angst hatte, es zu verlieren.

Es rührte mit Sicherheit von einem Bruder, der vor achtzehn Jahren gestorben war, und an den Paul sich bestimmt nicht mehr erinnerte, weil er zu jung gewesen war. Was Paul betraf, fand Harley, war es sicher noch schlimmer, sich nicht zu erinnern. Alles, was Paul kennengelernt hatte, war das Nachspiel.

Dell junior, der älteste der drei Reddick-Jungs, war sieben Jahre alt, als er von einem Landarbeiter namens Rollie Asher umgebracht wurde. Dell junior hatte Rollie erschreckt, als dieser auf dem alten Lukas-Gehöft damit beschäftigt war, Erde in einen eingestürzten Keller zu schaufeln. Seit Korea war Rollie nicht mehr ganz richtig im Kopf. Er schlug dem Jungen den Schädel ein, rief dann den Sheriff an, um mitzuteilen, dass er es getan hatte, und jagte sich danach eine Ladung Schrot in den Kopf. Nur hatte Rollie nicht erwähnt, wohin er die Leiche geschafft hatte. Im Sommer 1960 durchsuchten Harley und das Department jedes leerstehende Gebäude und drehten jeden Stein auf den Feldern und in den Gräben um. Doch sie fanden ihn nie. Sie fanden den Spaten, an dem Haare und Haut klebten. Sie fanden eine Stelle, in die mehr Blut gesickert war, als nach Harleys Wissen in einem Siebenjährigen fließen konnte. Nur keine Leiche.

Manchmal dachte Harley, dass es den Reddicks erheblich besser ergangen wäre, wenn das Department die Leiche gefunden hätte. Vielleicht hätte sich dann Virginia, die Mutter, nicht so von allem ausgeklinkt. Vielleicht wäre Dell senior dann nicht ausgezogen und hätte es den beiden kleinen Jungs überlassen, sich um sie zu kümmern. Wenn das Department nur diese Leiche gefunden hätte, vielleicht wäre dann Pauls Gefühl für das Ausmaß und die Schwere von Dingen, das Wissen, wann und warum man beunruhigt sein sollte, halbwegs normal. Doch wie die Dinge lagen, war das auch nicht ansatzweise der Fall.

Harleys Stiefel bewegten sich vorwärts, traten das Gras und die Erde platt, bis eine Bewegung im Führerhaus ihn innehalten ließ. Er rieb über die Druckknopfsicherung seines Holsters. Ein weiterer Kopf, dieser mit langen, zerzausten, blonden Locken, tauchte vom Sitz auf. Schläfrig blinzelte ihm ein Augenpaar entgegen. Ein Mädchen, vielleicht sechzehn. Paul musste inzwischen fast zweiundzwanzig sein. Es war eine kurze Überprüfung wert.

Harley richtete seine Taschenlampe durch das offene Fenster auf Paul, der nicht blinzelte. Stattdessen legte er den Kopf zurück, als würde er den grellen Schein durch eine Bifokalbrille mustern. Durch den Winkel wirkte sein Kinn noch kantiger, als es ohnehin war. Seine silbergrauen Augen sahen ihn unverwandt an.

»Sightseeing?«, fragte Harley.

»Ein bisschen frische Luft schnappen.« Die Worte klangen einen Tick zu laut, ein Effekt der Tonlage, nicht der Lautstärke. Pauls Stimme war klar und tief. »Solange ich noch nicht die Radieschen von unten sehe.«

Es war ein Scherz, den alte Männer in einer Futterhandlung reißen würden. Andererseits, das einzig Junge an Paul war das Alter in seinem Führerschein. Die feinen Falten um die Augen, Spuren von der Arbeit in Sonne und Wind, ähnelten Krähenfüßen.

»Zumindest einstweilen«, sagte Harley.

»Das klingt jetzt aber gar nicht gut.« Pauls Blick, dem man nicht die geringste Bedeutung entnehmen konnte, wanderte zum Haus hinüber. Im Profil waren seine Gesichtsknochen ausgeprägt, markant. So sehr, dass sie jeden Moment durchzubrechen und die Haut aufplatzen zu lassen schienen. Der Schein der Taschenlampe warf dunkle Schatten unter Pauls tief liegende Augen, zwischen Wangenknochen und Unterkiefer.

»Steig bitte aus dem Fahrzeug.«

Paul blickte auf seinen Schoß hinunter und fummelte mit den Händen herum. Harley schnipste den Sicherungsdruckknopf seines Holsters auf. Als Antwort kam aus dem Führerhaus das raspelnde Geräusch eines Reißverschlusses.

Die Tür des Pick-ups öffnete sich und Harley wartete darauf, dass Paul kurz blinzelte, als die Innenbeleuchtung aufflackerte. Nichts. Paul schob die Hände in die Taschen seiner zu engen Jeans und schlenderte durch das kniehohe Gras Richtung Haus. Sein abgetragenes schwarzes T-Shirt verschmolz mit der Dunkelheit der Nacht, und ein Hauch von herbem Aftershave hing hinter ihm in der Luft.

Harley packte das Lenkrad und nutzte das Trittbrett, um sich auf den Fahrersitz zu hieven. Er richtete den Lichtstrahl auf das Mädchen, obwohl sie im Licht des Wagens gut erkennbar war.

Sie starrte ihn mit großen Augen an und kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in die Unterlippe.

»Bist du aus freiem Willen hier?«, fragte er.

Sie saß nur da, so stumm und verwirrt wie eine Schlafwandlerin.

»Ich habe gefragt, ob du absichtlich hier draußen bist?«

Das Mädchen sagte nichts.

Er leuchtete ihr zuerst in die eine, dann in die andere Pupille. Sie reagierten normal. Harley streckte die Hand aus und öffnete das Handschuhfach. Das Ding klappte mit einem dumpfen Geräusch auf.

»Da drin ist nichts«, rief Paul mehr oder weniger freundlich herüber.

Vermutlich war das so. Da war auch schon mal eine halb volle Pillenflasche mit Methaqualon gewesen, das Pauls Mutter verschrieben worden war, doch Glenn, der Sheriff, hatte sie weggeschmissen. Glenn sagte zu Harley, er solle es vergessen, die arme Frau hätte schon genug Probleme. Welche Probleme das genau waren, darüber gab es nur Kleinstadt-Mutmaßungen, da sie nie das Haus verließ.

Außer dem Fahrzeugschein und ein paar rauen Papierservietten befand sich nichts im Handschuhfach. Paul Reddicks F-250 zu durchwühlen fühlte sich immer so sinnvoll an, wie das brennende Ende einer Zündschnur abzuschneiden. Selbst wenn es den Funken kappte, spürte Harley, wie die Zündschnur mit jedem Mal kürzer wurde.

Auf der anderen Seite des Weges holte Paul mit dem Fuß aus, trat nicht gegen irgendwas, sondern schwang seinen abgenutzten Motorradstiefel durchs Gras, als würde er halbherzig nach etwas zwischen den Halmen suchen. »Haben Sie wegen der guten alten Zeiten angehalten?«, fragte er.

»Hab deinen Pick-up gesehen«, erklärte Harley und ließ den Lichtstrahl über das Armaturenbrett, den Boden und den Sitz gleiten. »Ich dachte, ich vergewissere mich, dass noch niemand einen Fuß verloren hat oder von einem Stein erschlagen wurde.«

Lange Haare umhüllten Pauls Kopf, sodass es aussah, als trüge er eine Kapuze. Er nickte zustimmend. »Ist anscheinend meine Bürde. Weiß ich. Immer Zeugnis ablegen.«

»Bist einfach nur zufällig da, hm?«, sagte Harley. »Weißt du, wenn du oft genug zur falschen Zeit am falschen Ort auftauchst, dann scheinst du weniger ein Omen zu sein als vielmehr ein Grund.«

»Haben Sie irgendwelche Beweise für so was, Deputy?«

Hatte Harley nicht. Verdammt, er wünschte, er hätte. Er wandte sich wieder an die Kleine. Fragte sie nach ihrem Alter.

Siebzehn, antwortete sie.

Was sie vermutlich war. Sie drückte sich mit dem Rücken in die Ecke zwischen Sitz und Beifahrertür. Sie wirkte schuldbewusst wie ein Kind, doch angesichts ihrer geschminkten Wangen und ihrer unter einem dünnen Wilton-Panthers-T-Shirt erkennbaren Figur war sie alt genug, um es besser zu wissen. Er bat sie um ihren Ausweis.

Ihre Stirn legte sich in Falten. Sie stammelte, sie hätte sich aus dem Haus geschlichen, ihre Handtasche vergessen, dass ihre Eltern sie umbringen würden. Ihre Schultern bebten unter einem Schluchzen, und sie sackte in seine Richtung über die Sitzbank. Er wich zurück und umklammerte das Lenkrad, um nicht aus der offenen Fahrertür zu fallen. Sein Ellenbogen schlug auf die Hupe, und das laute, abgehackte Geschmetter durchschnitt die Stille. Harley mochte es nicht, angefasst werden. Nicht unerwartet.

Falls sich Paul bei dem Hupen erschreckt hatte, so ließ er es sich nicht anmerken. »Nee«, sagte er als Antwort auf irgendeine Frage, die Harley nicht gestellt hatte. »Nehme nicht an, dass Sie oft am alten Zuhause anhalten, wenn Sie’s vermeiden können.«

In Harleys Lungen brannte ein tiefer Atemzug. Er hielt ihn dort. Er wies die Kleine an, sich zusammenzureißen, zum Streifenwagen zu gehen und darin zu warten. Als ihr Schniefen wieder zu einem panischen Geblubber wurde, sagte er ihr, sie solle sich beruhigen, er hätte genauso wenig Lust, sich um vier Uhr morgens mit den Eltern eines idiotischen Mädchens abzugeben wie sie. Er würde sie einen Block entfernt von ihrem Haus absetzen und sie könne die Gelegenheit nutzen, um sich wieder hineinzuschleichen.

Paul redete lässig weiter. »Wie hat sie’s noch gemacht? Pistole? Erhängt?«

Harley glitt vom Sitz herunter. Er hielt den brennenden Atem tief in der Brust und ging über den Hof zu Reddicks schwarzem Umriss. »Das war vermutlich der Grund, warum du hier vorbeigekommen bist. Hast angenommen, ich würde es nicht tun. Wusstest, dass ich auf Streife direkt vorbeifahren würde.«

Paul atmete seufzend. »Interpretieren Sie nicht zu viel hinein. Ich habe etwas verlegt, das ist alles. Dachte, es könnte hierhergetrieben worden sein. Das ist Ihnen doch sicher auch schon passiert – haben etwas verloren und sind wie verrückt durch die Gegend gefahren, um es zu suchen.« Er machte eine Pause, flüchtig, ohne auf eine Antwort zu warten. »Ich war heute Abend überall. Und hier bin ich zufällig gelandet. Wo unsere Wege sich gekreuzt haben. Das ist Zufall, Harley. Nichts als Schicksal.«

Die Taschenlampe warf einen langen, rechteckigen Nebel über das Gras Richtung Haus. Zum Küchenfenster. Harley sah nicht hin. Er konzentrierte sich auf Pauls dunkle Gestalt. Wegen der leichten Hanglage des Hofes war er eine Spur größer als Harley.

»War wohl abgelenkt.« Paul reckte den Hals, um zurückzublicken.

»Also hast du dir Zutritt verschafft? Hast dich drinnen umgesehen? Hinten ist noch ein Rübenkeller. Hast du dort auch nachgesehen?«

»Nein, das wäre ja unerlaubtes Betreten. Sie sollten wissen, dass ich meine Lektion gelernt habe, was das betrifft.«

Er meinte die Nacht am Wasserturm. Deswegen war er am Ende angezeigt worden, wegen unerlaubten Betretens. Einen kurzen Moment stellte Harley sich vor, wie Paul kopfüber im Schein der Flutlichter des Turms baumelte, während die Läufe der Winchester auf Harley und den Streifenwagen darunter gerichtet waren. »Allein schon hier zu parken ist unerlaubtes Betreten«, sagte Harley. »Ich werde schauen, ob wir noch Einbruch drauflegen können.«

Pauls Stimme senkte sich leicht. Sie nahm einen besonnenen Klang an. »Dann werden Sie vermutlich Braasch anrufen müssen. Nachhören, ob er Anzeige erstatten will. Das hier gehört doch jetzt Loren Braasch, oder?«

Der Taschenlampenstrahl war ein Stück höher gekrochen. Die gewellte Scheibe eines Küchenfensters zwinkerte zurück. Harley senkte den Strahl wieder. »Willst du mir verraten, wonach du gesucht hast?«

»Will ich nicht, nein«, erwiderte Paul. »Wenn’s Ihnen nichts ausmacht. Obwohl die Ermittlungsexpertise der County-Polizei natürlich hilfreich wäre.«

Harley hätte ihn am liebsten am Adamsapfel gepackt und die Lässigkeit aus ihm herausgeschüttelt. Stattdessen sagte er: »Abmarsch.«

Paul blickte gen Himmel. Harley hatte den Eindruck, er hätte vielleicht ein wenig geblinzelt, bevor sein Blick wieder zurück in die Dunkelheit fiel. »Oh, jetzt aber. Das war keine blöde Andeutung. Sie denken immer, ich würde auf irgendwas anspielen. Sie müssen diesen Scheiß loslassen, Harley. Wenn Sie den Scheiß nicht loslassen, bekommen Sie noch Magengeschwüre.«

»Abmarsch.«

Paul blieb noch einen Herzschlag stehen und schlenderte dann zum Wagen. Er sprang hinein und schloss die Tür. Harley folgte und richtete den Schein der Taschenlampe wieder auf sein Gesicht. Unter den tiefhängenden Lidern ließ der Lichtschein seine Pupillen zu kleinen Punkten schrumpfen. Kleine Löcher in der Iris, hineingebohrt wie Aluminiumtrichter. Als wären sie von dem Licht ausgehöhlt worden. Doch Paul zuckte nicht zusammen. Er zuckte nie zusammen. Nicht, als nach seinem nächtlichen Angsthasen-Wettstreit der junge Sawyer in einem Graben herumgekrochen war und entlang der umgedrehten Chevelle nach seinem abgetrennten Fuß getastet hatte. Nicht, als das Ferguson-Mädchen bei einem Du-traust-dich-nicht den Steinbruch-See verfehlt hatte und kopfüber in trockenen Granit getaucht war. Paul war der einzige Junge dort, der weder hektisch noch leicht taumelig war. »Sauberer Sprung«, hatte er kommentiert. »Weniger wie ein Kürbis, als man meinen würde.« Auch in der Nacht am Wasserturm war er nicht zusammengezuckt. Da verstand Harley. Es war nicht, dass mit Paul Reddick etwas nicht stimmte. Es stimmte einfach zu viel. Er war, zum verdammten Nachteil von allen anderen, viel zu helle.

»Ich will dich hier nicht mehr sehen«, sagte Harley zu ihm.

»Jepp.« Paul starrte direkt in Harleys Augen, obwohl er sie in dem grellen Schein eigentlich nicht sehen konnte. »Das kann ich mir denken.«

Der Schlüsselring klirrte und der Motor erwachte rüttelnd zum Leben. Reddick fuhr eine weite Kurve, ohne Eile, während die Reifen über das rollten, was einst ein Hof gewesen war, und kerbte das ein, was einst ein sorgsam gepflegtes Blumenbeet gewesen war. Die Haare auf Harleys Armen und im Nacken sträubten sich wie stechende Nadeln. Dann fuhr der Ford an ihm vorbei und die Rücklichter leuchteten auf, wo die Einfahrt auf den Highway mündete. Der Pick-up bog rechts ab und über die uneinsehbare Kreuzung hinweg. Dann verschwand er hinter einem Hügel.

Als sich Harleys Augen an die Sterne gewöhnt hatten, sah er, dass sein Schatten fehlte, verschluckt von dem Haus, das hinter ihm aufragte. Er ging langsam hinüber zu der Stelle, wo sein Streifenwagen im Mondlicht stand.

•••

Als Harley nach Osten in Richtung des Reviers fuhr, brach der Morgen an wie das Stillleben eines Feuerscheins, auf dem die Wolken sich zurückzogen, um einen zerklüfteten, honigfarbenen Sandberg anzustrahlen. Horstgras und Yuccas bewurzelten den größten Teil der dünnen Humusschicht, doch auf einem kahlen, erodierten Stück hatte ein Rancher alte Autoreifen nebeneinander aufgereiht wie eine dunkle Wunde. Der Gummi verhinderte, dass sich die vom Wind freigeblasene Stelle weiter ausbreitete. Nach einer Umdrehung des Kilometerzählers konnte er die Düne im Rückspiegel sehen. Ein Graben mit Rohrkolben und Schilf wurde von einer Ebene voll weinfleckfarbenem Dünengras abgelöst.

Pickard County’s Erde war so unberechenbar wie das Wetter. Die Gegend war ein Scheitelpunkt und einst Anziehungspunkt für Menschen gewesen, die es gewohnt waren, an der Schwelle zu leben. Farmerkinder, Immigranten, Kinder befreiter Sklaven. Sie waren ein Jahrhundert zuvor gekommen, auf der Suche nach billigem Eisenbahnland und noch billigeren Ländereien für Gehöfte. Nach den Dürren und dem Staub zogen sie scharenweise wieder ab, und dann ein weiteres Mal wieder her, um über die Runden zu kommen, als die Konzerne anrollten und die Getreidereihen sich weiter und weiter schlängelten. Der Streifenwagen sauste in Richtung Kreisstadt, die hinter einem grünen Keil an Bäumen kauerte. Am Rande des Highways huschte das verschwommene Bild der struppigen Böschung stillgelegter Gleise vorbei. Die mit Teeröl überzogenen Schwellen und der pinkfarbene Gleisschotter waren der Grund, warum die Stadt Madson entstand, ein Ort, um zu Dampflok-Zeiten wieder aufzutanken.

Als Harley die holzbeplankte Brücke überquerte, die sich über eine Schleife des Wakonda spannte, warf er einen kurzen Blick auf den Tacho, bremste ab und fuhr dann über die einzige Kreuzung der Stadt. Er passierte das Geschäftsviertel und den Schulkomplex mit seinen ausgedehnten Anbauten, den Madson nur mit Glück je abbezahlen würde, dann das Gerichtsgebäude, aus dem das Büro des Sheriffs vor zwei Jahren von den Kisten mit Papierkram des County-Gutachters verdrängt worden war.

Er bog rechts auf den Kies ab und fuhr hinüber zum staubigen, weißen Container, der ihnen seitdem zugeteilt worden war. Die Blattfedern des Furys ächzten über die Gleise und vorbei an den Fundamenten des alten Wassertanks der Eisenbahn. Die Betonfundamente ragten aus dem Gras auf wie Friedhofs-Obelisken. Wilton, zwanzig Kilometer die Gleise weiter, hatte ein passendes Gegenstück.

Er parkte und ging die Stufen hoch. Drinnen, auf der gegenüberliegenden Seite des holzverkleideten Raums, der von gelben Leuchtstoffröhren beleuchtet wurde, saß der Sheriff an seinem Schreibtisch und füllte Papiere aus, den Glatzkopf auf eine Faust gestützt. »Harley«, sagte er als müden Gruß, ohne aufzusehen.

»Glenn.« Harley ging auf dem kürzesten Weg zur Kaffeemaschine. Auf einem Becher mit der Aufschrift ICH WÄR’ LIEBER ANGELN hielt ein rotwangiger, rundlicher Mann eine selbst gemachte Angelrute. Glenns Frau hatte die Becher gestiftet, vielleicht, weil sie nicht zu ihrem Porzellan passten. Sie konnte sehr eigen sein. »Du bist früh dran. Wo ist der Streifenwagen?« Der Parkplatz war leer gewesen.

Glenn Cox war ein teigiger Mann, der einen pinkfarbenen Glanz annahm, wenn er frustriert war. Er war sichtlich frustriert. In der Werkstatt, sagte er. Der Motor hätte Schluckauf. Bei seinem Glück war’s der Vergaser. Er erkundigte sich, wie Harleys Nacht verlaufen sei.

»Meist ruhig.« Harleys Daumen glitt über den Rand des dünnen Telefonbuchs auf seinem Schreibtisch. Die Seiten flüsterten wie abgenutzte Spielkarten. Er gab Glenn einen kurzen Abriss über die Ereignisse der Nacht: Ein Buschfeuer in Oakview Point, bereits gelöscht, als er dort eintraf; eine Anzeige wegen eines nicht gemähten Rasens; ein gestohlener Benzinkanister unten im Süden der Stadt. Wahrscheinlich verlegt.

»Hatte eine kurze Auseinandersetzung mit Paul Reddick«, sagte er schließlich.

Glenn gab ein leises Sauggeräusch von sich, Zunge gegen Zähne. »Lass Milde walten.« Er griff in seiner Schreibtischschublade nach der Mylanta-Flasche. »Hatten vermutlich eine Bestattung draußen auf dem Red Cedar. Wäre gut zu wissen gewesen – stand noch nicht mal in der Zeitung. Hab ich erst von Kirschner erfahren.«

Bill Kirschner war der Verwalter des Red Cedar Cemetery. Nebenbei war er Steinmetz für Grabsteine. Er machte vermutlich ein besseres Geschäft als jeder andere in der Stadt, da so ziemlich jeder junge Mensch Madson nach dem Schulabschluss verließ. Mussten sie. In einer Stadt von der Größe Madsons gab es so ungefähr drei Dutzend Jobs, und wenn einer frei wurde, konnte man darauf wetten, dass Kirschner den Grabstein fertigte. Deine beste Option war, Glück bei der Geburt zu haben, und als einziges Kind von Eltern, die keine lange Lebenserwartung hatten, einen Kälbermastbetrieb zu erben oder mit anderen Kids von der Junior High für zwei Dollar am Tag Unkraut zwischen den Bohnen zu jäten und Mais zu entfahnen, während man darauf wartete, dass der Hausmeister der Schule aus den Latschen kippte. »Wer ist gestorben?«

Glenn verharrte auf seinem Sitz, um zu starren und ernst zu gucken. »Sie haben die Urkunde beantragt. Für Dell junior. Stand im Amtsanzeiger, weißt du – dreißig Tage lang. Freitag kamen die Papiere.«

Harley fiel Pauls Seitenhieb über die Ermittlungsexpertise des Departments ein. Dieselben Nadeln, die ihn Stunden zuvor im Nacken gestochen hatten, kitzelten ihn wieder, doch er ließ sich nichts anmerken. »Als ich das letzte Mal in den Amtsanzeiger geguckt habe, habe ich gesehen, dass gegen mich die Scheidung eingereicht worden war. Es ist eine ganze Seite von Sachen, die niemanden etwas angehen.«

»Öffentliche Angestellte müssen öffentliche Anzeigen lesen, Harley.«

»Ich arbeite auf Stundenbasis.«

Glenn schüttelte die Flasche mit dem Säureblocker und ihm gefiel anscheinend nicht, was er hörte. Er warf sie mit einem dumpfen Geräusch in den Mülleimer und zog eine frische hervor. »Beerdigung ohne Leiche. Kannst du dir das vorstellen?«

»Bin nicht sicher, ob es merkwürdiger ist als eine Sterbeurkunde achtzehn Jahre später.« Harley wusste von Anfang an, dass es ein Fehler war, die Familie gehen zu lassen, ohne einen Antrag auf Tod in Abwesenheit einzureichen. Doch es war der Fall von Glenns Vater gewesen. Er war damals Sheriff. Und er sagte, es fühle sich nicht richtig an, die Reddicks dazu zu zwingen, den Tod des Jungen zu unterzeichnen, als das Department die Leiche nicht finden konnte, von dem Anspruch auf Gerechtigkeit wegen des Mordes mal ganz abgesehen. Was immer das zum Teufel sein sollte. Rollie war nach der Ladung Schrot im Jenseits.

»Wo hast du ihn denn überhaupt angehalten? Reddick.«

»Habe ich nicht. Er parkte, zusammen mit einem Mädchen aus Wilton. Drüben, auf dem ehemaligen Hof meiner Familie. Sagte, er hätte etwas verloren und hätte dort danach gesucht.«

Glenn verstummte. Er überlegte und wägte ab, was er als Nächstes sagte. »Verdammt schräger Ort, um sich zufällig dort zu begegnen.« Er nahm noch einen Schluck Säureblocker. »Hattest du den Hof kontrolliert?«

»Nein, Glenn. Ich bin vorbeigefahren.«

»Hätte dir keinen Vorwurf gemacht. Die Kids führen in diesen alten Häusern nie Gutes im Schilde.«

»Sie langweilen sich. Ist doch nichts dabei.« Harley hätte Glenn beinahe gefragt, ob er das nicht auch gemacht hatte, als er jünger war, aber ließ es dann. Selbst, wenn sein Dad nicht vor ihm Sheriff gewesen wäre, war seine Mutter eine notorisch streitsüchtige Frau, und dann, na ja, dann hatte er Miriam.

Glenn schwieg wieder. Überlegte und wägte ab. »Du darfst nicht zulassen, dass dir der Junge so unter die Haut geht.«

Harley zog seine Schreibtischschublade auf, blätterte durch Karteikarten und versuchte Glenn zu zeigen, dass ihn das nicht im Geringsten berührte. Doch dass Paul an dem Ort parkte, den Harley am meisten mied, war kein Zufall. Nicht, wenn es nur Tage nach einer Beerdigung war, die die Reddicks für eine Leiche abgehalten hatten, die das Department nie gefunden hatte. Was immer es war, Zufall war es nicht, und es war auch kein gutes Zeichen. Er zog einen Vordruck für einen Dienstbericht heraus.

Glenn schwitzte und glänzte wie eine Glühbirne. »Hör zu. Diese Sache zwischen euch beiden. Besonders seit dem Wasser –.«

»Lass gut sein.«

»Verdammt, du hast versucht, ihn zwangseinzuweisen. Herr im Himmel, Harley! In jeder Stadt gibt’s irgendeinen blöden, besoffenen Jungen, der auf den Wasserturm klettert, einen bescheuerten Stunt abzieht …«

»Dieser blöde, besoffene Junge ist auf dem Weg ins Gefängnis oder ins Grab.« Harley sah kurz auf seine Uhr. Er schrieb das Datum ins Formular. Das Telefon klingelte. Harley war kurz dankbar für das Klingeln und wappnete sich dann für das missgelaunte Gemecker von Otto Ziske. In neun von zehn Fällen war’s Otto Ziske.

Er hob ab. Es war Ziske. Heute rief der alte Mann an, weil seine wöchentliche Pickard Post Gazette nicht aufgetaucht war. Gene, der Herausgeber der Gazette, lieferte sie jeden Dienstag vor Sonnenaufgang. Ziske schimpfte weiter, seine Stimme – wie ein Holzhammer, der auf eine Tonne schlägt – verursachte bei Harley Ohrensausen. Damit es aufhörte, unterbrach Harley ihn und fragte, warum er nicht einfach Gene angerufen und um eine neue gebeten hatte. Warum rief er im Büro des Sheriffs an?

»Hab ich. Ich hab ihn angerufen. Wissen Sie, was dieser Hurensohn gesagt hat?« Ziske verstummte und wartete.

Harley schloss die Augen. »Nein.«

»Er sagte: ›Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, Sie versuchen kostenlos ein weiteres Exemplar von mir zu bekommen.‹« Er wartete wieder, offensichtlich, damit das einsackte. »Also, was zum Teufel soll das denn heißen?«

»Also, Otto, ich vermute, das war ein Witz.«

Auf der anderen Seite des Raums schaffte es Glenn, ein wenig heiterer zu werden. Bei der Erwähnung von Ottos Namen wippte und kicherte er kurz.

»Ich brauche keinen verdammten Jack Benny«, fuhr Ziske fort. »Ich brauche meine Zeitung. Und wenn er abfällige Bemerkungen macht, dann werde ich ihn anzeigen. Er hatte kein Problem damit, den Scheck einzulösen.«

»Wissen Sie, wir haben hier eine Zeitung, und ich könnte –.«

»Ich wette, dass Sie eine haben. Ich wette, Sie haben direkt eine da. Sie sind das Gesetz. Selbst Gene ist nicht so blöd, das Gesetz zu bestehlen.«

Harley fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über seine Wimpern, und rieb den Schlaf heraus, den er für weitere ein, zwei Stunden nicht bekommen würde. Er schlug vor, sie würden nachsehen, was mit der Dienstags-Beilage passiert war. Wenn sie die Beilage nicht fänden, würde ihm jemand das Exemplar der Wache bringen und dann würden sie weitersehen.

Der alte Mann schnaubte. Durch die Nase, wie es sich anhörte, mit einem kleinen Flötenton im Anschluss. Doch er willigte zögernd ein und legte mit einem kurzen, zweifachen Klicken auf.

»Otto will, dass wir eine Fahndung herausgeben?«

»Er sagt, er will gegen Gene Anzeige erstatten.«

Glenn gluckste. »Ich sag’s ja nicht gern, aber ich hatte schon einen Anstieg an Ziske-Anrufen erwartet, jetzt, wo er sich nicht mehr mit Christiansen zanken kann.«

»Das Ende einer Ära«, sagte Harley.

Die zwei alten Männer – Otto Ziske und Jack Christiansen – parkten gefühlt seit Anbeginn der Zeit jeden Wochentag am Tresen des Range, immer einen Hocker zwischen sich, die Tassen Kaffee nicht angerührt. Die Leute nannten sie Pershing und der Kaiser. Jack trug seinen Ansteckpin der American Legion für den Dienst während des Ersten Weltkriegs an der Werbekappe einer Saatgutfirma, und Otto war zur Hälfte Deutscher. Sie waren dort gewesen, als Jack vor vier Tagen tot umfiel. »Wie findet man so was?«, soll Ziske gesagt haben. »Der Mann überlebt einen Schuss durch den Unterschenkel bei den Kämpfen von Château-Thierry, um dann an einem schlechtem Schinken zu sterben.« Laut Krankenhaus war es ein Herzinfarkt.

»Weißt du, um wie viel Uhr heute Christiansens Beerdigung ist?«, fragte Glenn.

Harley zuckte mit den Schultern und warf ihm die Zeitung zu. Daraufhin schwieg Glenn. Er blätterte die Zeitung durch und hielt inne, um zu lesen. Harley entzifferte die nächtlichen Notizen und kritzelte dann einen Zweizeiler über das nächtliche Buschfeuer. Er genoss die Stille, die viel zu kurz war.

»Denkst du, sie haben die Sterbeurkunde beantragt, damit sie einen Grabstein aufstellen können?« Glenn war noch bei den Reddicks. »Ich nehme nicht an, dass sie eine Versicherung für ihn hatten.«

»Nein, vermutlich nicht.«

Glenn saugte wieder mit der Zunge an den Zähnen und murmelte, sich windend »Die arme Frau«.

Harley reagierte darauf gereizt. Glenn hatte ein gutes Herz, aber davon konnte man nur eine gewisse Menge auf einmal ertragen.

Glenn schwieg einen Moment, bevor er sagte: »Ich weiß, dass wir deiner Meinung nach an dem beteiligt waren, was aus Paul Reddick geworden ist. Aber du – und Dad – zum Teufel. Wir haben alles getan, was wir konnten. Um den Jungen zu finden.«

»Das weiß ich«, sagte Harley.

»Ist ja nicht so, als hätten wir auch nur eine verdammte Sache anders machen können.«

»Das weiß ich, Glenn.« Harley wusste es. Und das war zweifellos das Schlimmste daran.

2

Der Haufen trockener Handtücher auf dem Bett strahlte Hitze aus. Pam versuchte, mit ihren Fingernägeln einen Knoten im ausgefransten Frottee zu lösen, mit dem ein Geschirrtuch an einem Handtuch festhing. Der Kastenventilator des Trailers durchquirlte die Morgenluft, kühlte sie jedoch nicht. Pam wurde gekocht. Sie wurde gekocht wie diese Hobos, von denen ihre Mutter ihr einst erzählt hatte, die in einem Güterwaggon gegrillt worden waren. Pam wusste nicht, worin der Unterschied zwischen einem Trailer und einem Güterwaggon lag, wenn man’s genau nahm. Vielleicht die Holzverkleidung. Teppich. Güterwaggons waren vermutlich stabiler gebaut.

Der Knoten löste sich nicht und ihr rann eine Schweißperle die Kniekehle hinunter. Sie kratzte daran und schlug dann so fest auf die Stelle, dass es schmerzte. Sie zog gewaltsam an dem Stoff. Er riss mit einem Zischen. Sie pfefferte das Knäuel gegen den Ventilator, der mit ratternden Flügeln schief gegen das Fliegengitter knallte. Sie brüllte nach Anna. Sagte ihr, sie solle ihre Schuhe anziehen. Sie würden ein paar neue verdammte Handtücher kaufen.

Bei jedem Schritt durch den Flur spürte Pam den Hohlraum darunter, wie der Boden unter dem dunkelorangen Zottelteppich und dem avocadogrünen Linoleum nachgab, das nie sauber blieb, allerdings nicht wegen der Dreijährigen, die alle zehn Minuten eine Sauerei veranstaltete, sondern wegen eines vierundzwanzigjährigen Mannes, der eher zwei war. Aus dem Schrank, der dem Kühlschrank am nächsten stand, zog sie die grüne Tupperdose für Mehl herunter und nahm die Tüte heraus. Auf dem Boden verteilt lagen die Geldscheine. Sie zählte. Sechs Zehner, zwei Fünfer, drei Einer. In zwei Wochen waren fünfzig für die Parzellenmiete fällig. Sie brauchten Lebensmittel und Benzin. In der Woche danach kamen die Nebenkosten.

Sie beäugte den kleineren, passenden Zuckerbehälter ganz hinten im Schrank. Sie würde ihn nicht öffnen und sie würde ihn auch nicht anfassen. Sie musste nicht erst zählen, um zu wissen, was sich darin befand.

Im Moment waren es nur neunzig Dollar, doch wenn Dell senior, Ricks Scotch saufender Scharlatan von Vater, der Verkauf des Doppelbreiten gelänge, den er gefunden hatte, würde ihr Anteil direkt in die Zuckerdose wandern. Es würde direkt für die Anzahlung einer Behausung ohne Achsen zurückgelegt. Eine Behausung, die nicht auf Hohlblocksteinen stand, wie irgendeine zerbeulte alte Karre, die kein Mensch je reparieren würde. Das Geld wäre für ein Haus mit einem soliden Fundament, über das sie nie auch nur nachgedacht hatte, bevor sie in einem Trailer wohnte.

Das vertraute Geklapper von Blech zog durchs Fliegengitter herein. Ricks Arbeitstruck kam die Straße heraufgerumpelt.

Anna wartete im Eingangsbereich des Zimmers, still und mit großen, sorgenvollen Augen. Dieser starre Blick. Vielleicht war er nichts weiter als eine Erwartung, eine Aufmerksamkeit, wenn Pam etwas Schnippisches rief. Aber Pam hätte schwören können, dass sie Anna nur ein einziges Mal zuvor etwas so anstarren gesehen hatte: eine Wallcloud, eine Mauerwolke, die einmal vor dem Küchenfenster aufgetaucht war und den Himmel tiefgrün gefärbt hatte, kurz bevor die Tornadosirenen losheulten. Anna konnte Pam so beunruhigt anstarren, dass Pam selbst unruhig wurde. Sie wusste nicht, was Anna sah oder zu sehen erwartete. Vielleicht, dass Pam sich in einen wirbelnden Schwall aus baseballgroßen Hagelkörnern verwandelte.

Von dem Starren abgesehen war sie eine dreijährige Miniaturausgabe von Rick. Das gleiche dunkle Haar, der gleiche Teint, bei dem schon eine Glühbirne reichte, dass er braun wurde, die gleiche kurze, weiche Nase, die an der Spitze abgerundet war.

Nichts davon war Pam. Die aschblonde Pam bekam schon im Schatten einen Sonnenbrand und hatte eine Nase, die wie der Rest von ihr geformt war, lang und ziemlich spitz. Manche behaupteten, Anna hätte Pams Augen, da Ricks Augen blau waren. Aber die von Pam waren haselnussbraun. Annas Augen hatten das gleiche tiefe Braun wie die von ihrem Grandpa Dell. Anna hatte eindeutig Reddick-Augen.

»Egal«, sagte Pam.

Draußen kam der Motor des Vans bebend und keuchend zur Ruhe. Pam ließ das Mehl wieder in den Behälter fallen, drückte die Luft unter dem Deckel heraus und schob den Behälter auf das Regal. Teerüberzogene Arbeitsstiefel stapften die Stufen hoch und die Fliegengittertür schlug gegen den Pfosten. Die Feder war kaputt. Oder die Kette. Etwas, das Rick schon seit einem Jahr reparieren oder ersetzen wollte.

»Wie geht’s meinen Mädels?«, fragte er. Anna rannte begeistert zu ihm. Er hob sie auf seine Hüfte.

Als er sich zu einem Kuss vorbeugte, versuchte Pam, die Dachversiegelung nicht einzuatmen. Das Zeug hatte sämtliche seiner Arbeitsjeans ruiniert. Sie fragte, warum er schon zurück sei. »Du musst dich rasieren«, sagte sie.

»Echt?« Er knuddelte Anna. Sie quiekte kichernd. Paul sei nicht bei ihrem Vater aufgetaucht, sagte Rick. »Der Junge sollte endlich mal seinen Scheiß geregelt kriegen.« Die Brüder trafen sich für gewöhnlich vor der Arbeit bei Dell senior. An diesem Tag hatte Paul offensichtlich angerufen und gesagt, er käme gegen Mittag rein. Rick hatte daraufhin das Dach einer alten Dame nördlich von Wilton allein versiegelt und war nach Hause gefahren, um einen Happen zu essen, während es trocknete. Wenn er gegessen hatte, würde er kurz vorbeischauen, Paul abholen und dann zurück nach Wilton fahren, und sie würden die Arbeit beenden. »Eine weitere Schicht müsste eigentlich reichen. Morgen fangen wir mit einem Single an, den Dad in Arnold an Land gezogen hat.«

Ein Single in Arnold. Eine weitere Schweißperle kitzelte Pam in der Kniekehle, aber sie kratzte sich nicht daran. Der nächste Job sollte eigentlich der in Newman Grove sein. Der Doppelbreite. Der nächste Job sollte der Trailer sein, der sich schnell verkaufen ließ und hoffentlich einen anständigen Profit abwarf. »Arnold«, wiederholte sie.

»Ungefähr fünfzig Kilometer westlich von Broken Bow. An der 92.«

Sie wusste, wo das verdammte Arnold war. Sie atmete tief ein, das Versiegelungsmittel brannte in ihren Augen. »Was ist mit dem Doppelbreiten?«

Rick knuddelte Anna erneut. Sie quiekste nicht. Sie vergrub ihren Kopf an seinem Schlüsselbein. Er ging in die Hocke, um sie abzusetzen.

»Ist der Tee fertig?«, fragte er so fröhlich, dass ihm das nicht mal eine Dreijährige abkaufte. Anna hatte gerade eine Teeparty-Phase. Pam wusste nicht, woher sie das hatte. Aus dem Fernsehen? Bei ihnen gab es nie Tee. Pam kannte noch nicht mal jemanden, der Tee trank. Tee schien ein Getränk für affektierte alte Damen mit Pillbox-Hut und Handschuhen zu sein.

Anna schüttelte den Kopf und biss sich auf die Lippe. Rick und sie waren wie ein Paar Bücherstützen. Er war nur sonnengebräunter und schmutzig von der Arbeit.

»Ich bin ziemlich durstig«, sagte er. Anna nickte und lächelte ihn an, bevor sie den Flur hinunterlief.

Rick richtete sich mit einem Ächzen und knackenden Knien auf. Er nahm sich eine Dose Bier aus dem Kühlschrank, knackte sie und ließ den Verschluss auf den Küchentresen fallen.

Pam schnappte sich den Verschluss und warf ihn in den Müll unter der Spüle. »Gibt er dir diesmal einen Vorschuss? Um nach Arnold zu kommen?«

»Pam –« Er sagte es mit einem schrill klingenden Seufzer, bei dem ihr die Zähne wehtaten. »Der Mann hat uns einen Ort zum Leben gegeben. Er wird das bestimmt zurückzahlen.«

Sie blieb stehen und blickte suchend in sein Gesicht zwischen den verschwitzten Haarsträhnen, die er hinter die Ohren gestrichen hatte. Seine Haut war ledern, rissig und hatte große Poren. Alles an ihm war schroff und grob, bis auf die Augen. Die waren so blau wie Zündflammen. Sie suchte nach einem Zeichen, irgendeinem Zeichen, dass er es besser wusste. Dass er die leiseste Ahnung dessen hatte, was alle anderen wussten: dass Dell senior ein Rechtsverdreher war. Doch sie sah nur, dass Rick sich einen Bart stehen ließ. Einen Fu Manchu. In dem etwas hing. Ein Stück Rührei, wie es aussah.

»Was?«, fragte er, als sie ihn anstarrte.

»Irgendein Wort über den Doppelbreiten? Oder sogar über den Sparbrief?« Mit einem Sparbrief hatte die ganze Sache angefangen. Jemand hatte ihn gekauft, als Ricks älterer Bruder, Dell junior, geboren wurde. Dell senior sagte, er wäre inzwischen so viel wert, dass man davon den Grabstein plus das Haus in der Nähe von Newman Grove kaufen konnte.

Rick presste die Lippen zusammen. Sein Blick fiel auf das Linoleum und er gab ein frustriertes Schnauben von sich. Da gab es etwas, das er nicht sagte.

»Was – ist es verkauft? Bevor er ein Angebot machen konnte?«

Sein Mund zog sich zu einer Schnute zusammen. Er rieb sich unter der Nase und das Stück Rührei fiel zu Boden. Sie wusste nicht, wo er Rührei gegessen haben sollte. Vielleicht war es Dämmwolle. »Nennwert«, sagte er. »Die Bank behauptet, der Sparbrief hätte nur den Nennwert.«

»Zum Teufel auch.« Sie spürte das vertraute, unwillkommene Zittern unter dem Brustbein. Das Zittern eines makabren Lachens, das während Streitereien und auf Beerdigungen aus ihr herausbrach. Sie schluckte es hinunter. Sie sah an ihm vorbei, vorbei an dem Schein der Fliegengittertür, den Flur entlang zum Schlafzimmer, wo schäbige Handtücher drauf warteten, auseinandergerissen und weggeräumt zu werden.

»Schönes Ding, dieser Doppelbreite.« Er lehnte sich zurück gegen den Küchentresen und nahm einen Schluck. »Es wird sich etwas anderes ergeben.«

Sie wischte die bereits saubere Spüle. Ihre Hand, die den Spüllappen hielt, war taub.

»Wir kommen schon über die Runden«, sagte er mit gleichzeitig übertrieben ruppiger Stimme und in einem Singsang. Als wäre er der verdammte Smokey Bear. Er erinnerte sie daran, dass sie mehr hatten als so manch andere. Ein Dach über dem Kopf, Gesundheit, Anna –.

»Lass es.« Pam schloss die Augen. Der Schein der Sonne durch die Fliegengittertür leuchtete rot hinter ihren Augenlidern. Ihr Kiefer verkrampfte sich bei diesem verdammten Lächeln, das immer dann kam, wenn ein Lächeln am wenigsten angebracht war. Zum Beispiel, wenn ihre Mutter erzählte, dass eine Tante tot umgefallen war, dann kam dieses Grinsen. Klarer Beweis dafür, dass Pam ein schrecklicher Mensch war. Sie biss die Zähne zusammen und verkniff es sich. »Tu’s nicht.«

»Ich sag ja nur –.«

»Nicht nötig.«

Er sah verwirrt aus. Dann ließ er es. »Ich hab ja noch nicht mal darüber geredet.«

»Du redest nie nicht darüber.« Jedes Mal, wenn sie versuchte, ihm zu sagen, dass sie in Schwierigkeiten steckten, jedes Mal, wenn sie versuchte zu sagen, dass das Wenige, das sie hatten, nur eine kleine Unannehmlichkeit von einer Katastrophe entfernt war, dass sie einen kaputten Reifen davon entfernt waren, in einem Pappkarton zu leben, brachte er Dell junior ins Spiel. Dass sie froh sein sollte, dass sie kein totes, vermisstes Kind hatten wie seine Eltern.

Er nahm einen großen Schluck. »Was ist mit deinen Eltern?«

»Was soll mit meinen Eltern sein?« Sie suchte wieder sein Gesicht ab. Diese Zündflammen-Augen konnten einen auf eine Weise flehend ansehen, die sie ausgewrungen zurückließ. Sie taten es jetzt. Pam hatte keine Lust, ausgewrungen zu werden.

»Wenn du denkst, dass wir ein Polster brauchen. Ich weiß nicht. Hundert als Rücklage.«

»Was – ich soll Babe fragen?«

»So schlimm ist sie doch gar nicht.« Er musste gehört haben, wie dumm das klang. »Was ist mit deinem Dad?«

Sie antwortete nicht. Ihre Hände und Füße pochten und die Luft im Trailer wurde stickig. Sie quetschte sich an ihm vorbei und schnappte sich die Träger ihrer Handtasche von der Rückenlehne eines Küchenstuhls. »Heiliger Himmel«, sagte sie.

»Pam –.«

»Geh und trink deinen Scheißtee.«

Die Sturmtür knallte hinter ihr zu und der Treppenabsatz vibrierte mit ihren Schritten. Ihre Beine trugen sie über den Kies, durch den Schatten des Trailers in die Sonne.

Sie schlüpfte auf den Sportsitz des halb ausgebeulten und grundierten Nova SS und zuckte, als sie sich mit der abgeschnittenen Jeans auf das glühend heiße Vinyl setzte. Der Motor röhrte mit hoher Umdrehungszahl. Sie hatte ihn schon ein Dutzend Mal gebeten, die Zündung richtig einzustellen. Sie trat einmal kurz aufs Gas, damit er sich beruhigte, bevor sie losfuhr.

Sie fuhr zum Haus ihrer Eltern nördlich von Madson, aber nicht wegen irgendwelchem gottverdammten Geld. Sie fuhr, um zu fahren. Sie fuhr, weil sie Luft brauchte.

Als sie weit genug die Kieseinfahrt hinuntergefahren war, um zu sehen, dass Dads Pick-up nicht da war, war es bereits zu spät. Ihre Mutter wusste immer, wann jemand kam, und wenn sie sah, wie Pams Wagen wieder umdrehte, würde sie mit selbstgefälliger Zufriedenheit denken, ihre jüngste Tochter hätte Angst vor ihr. Was Pam hatte. Babe Reinhardt hatte den Erziehungsstil einer der fieseren Vogelarten. Wenn sie dachte, man wäre alt genug, das Nest zu verlassen, dann tat man das, andernfalls pickte sie einem die Augen aus. Ganz abgesehen davon, dass sie finster war. Hatte jederzeit eine Anekdote über Hobos, die in Waggons gegrillt wurden, parat.

An der Hintertür legten sich Pams Finger um den Griff der Fliegengittertür. Hinter dem Maschendraht, auf der anderen Seite der Küche, hatte Babe ihr den Rücken zugekehrt und war an der Spüle beschäftigt. Vielleicht wusste sie letztendlich doch nicht, dass Pam da war. Vielleicht lief der Wasserhahn und sie hatte die Reifen nicht gehört. Vielleicht konnte Pam doch noch gehen.

»Rein oder raus.« Babes kurze, grau melierte Dauerwelle wippte, als sie sprach. Selbst ihre Dauerwelle war schroff.

Pam wählte den Weg des geringsten Widerstandes. Sie nahm die kürzeste Strecke zum Gesindetisch und setzte sich auf Dads Platz. Auf dem Tresen neben der Spüle dampften Einmachgläser. Mit kräuselnden Wellen füllte Babe direkt aus dem Topf eingekochte Tomaten hinein. Sie wischte die Ränder ab und setzte die Ringe und Deckel auf. Der Anblick von Dampf macht Pam in dieser Hitze nervös. »Wo ist Dad?«

»Im Futtermittelladen. Um Salz zu holen, sagt er.«

»Salz?«

Sie drehte den Kopf mit vom Dampf gerötetem Gesicht und sah Pam an, um sie wissen zu lassen, was für eine Idiotin sie war. »Für den Wasserenthärter. Wie lange hast du hier gelebt?«

Zu lange, wollte sie ausspucken, doch das hätte sie nicht so gemeint. Nicht ganz. Es gab Dinge, die sie vermisste. Zum einen konnte sie hier atmen, unter den hohen Decken. Die vermisste sie. Sie vermisste es, vor Sonnenaufgang in diesen Raum zu kommen und Dad mit seiner Perkolator-Kaffeekanne am Tisch sitzen zu sehen, wo er im Radio auf Mittelwelle den Zahlen für Getreide- und Vieh-Termingeschäfte lauschte. Immer dort, wie die Gläser in der Speisekammer.

»Salz, dass ich nicht lache. Diese alten Männer sind ein Haufen Hühner.« Babe nahm den Deckel von dem köchelnden Topf und die Luft erfüllte sich mit weiteren, feuchten Wolken. »Nun? Wo ist Anna und weswegen schmollst du?«

»Ich schmolle nicht.«

»Das wär’ was Neues.«

»Bei Rick. Ich muss ein paar Erledigungen machen. Wir brauchen Handtücher.« Nachdem sie es ausgesprochen hatte, hörte sie, wie es klang. Babe dachte vermutlich, Pam würde sie um abgelegte Sachen bitten. Egal, Pam bat Babe nie um irgendeine gottverdammte Sache.

»Es liegen ein paar im Wäscheschrank, oberstes Fach. Ziemlich ausgefranst, aber wenn du neue möchtest, hast du kein Glück.«

»Ich bin auf dem Weg zu Gordons. Mal schauen, ob sie welche im Angebot haben.«

»Oh. Gut. Wir sind also vornehm.« Sie wechselte das Thema. »Wie geht’s seiner Mutter?«

»Immer noch so durchgeknallt wie eine Scheißhausratte, denke ich.«

»Pass auf, was du sagst!«, schalt Babe, doch ihr massiger Rumpf wippte unter einem kurzen, stillen Lachen. »Was meinst du damit, du denkst? War sie nicht auf der Beerdigung? Oder der Gedenkfeier – wie nennt man so etwas, wenn man keine Leiche zum Beerdigen hat?«

Und schon ging es wieder los. Streute Leichen ins Gespräch ein, als würde sie Stühle oder Löffel erwähnen. »Ich weiß nicht. Ich war nicht dort. Anna ist zu klein, um es zu verstehen.« In Wahrheit hatte Pam Anna benutzt, um nicht auf die Beerdigung gehen zu müssen, oder die Gedenkfeier, oder was immer es war, für den Fall, dass Ricks Mutter dort sein würde. Die ganze Sache war morbid und Pam gruselte sich vor Virginia Reddick. Die Frau hatte die gleichen zündflammen-blauen Augen wie Rick, doch darin lag kein Flehen. Sie wrangen einen nicht aus. Sie landeten auf einem und verbrannten einen, sodass man fast das Zischen des Ofens hören konnte. Und dann starrten sie einen an, als wollten sie ein Loch durch einen hindurchbrennen.

»Was verstehen? Eine Beerdigung ohne Leiche? Wahrscheinlich bin ich auch zu jung, um das zu verstehen«, sagte Babe.

»Wie wär’s ganz grundsätzlich mit Leichen?«

»Na, das gibt dann später ein böses Erwachen.« Babe packte den leeren Topf ins Spülbecken und stellte den Wasserhahn an.

Ohne gebeten zu werden, stand Pam auf und nahm sich ein trockenes Geschirrtuch. Nach dem Rauschen des Wassers versuchte Babe es mit Smalltalk. Sie fragte, wie es Rick ginge. Sie fragte, ob Pam ihn gut füttern würde.

»Ich füttere ihn, flicke seine Jeans, sauge seinen Dreck weg –.«

»Dann bist du also verheiratet.«

»Deiner ist zumindest nicht hilflos.«

Babe prustete kurz und beäugte Pam dann wieder, als wäre sie eine Idiotin. »Sie sind alle hilflos. Nur nützlicher als Babys, wenn sie einer Arbeit nachgehen.« Sie reichte Pam die Kaffeetasse ihres Dads zum Trocknen.

»Ich werde ihm erzählen, dass du ihn nur deshalb hierbehältst.«

»Das meinte ich mit ›verheiratet‹. Man behält jemanden bei sich. Ich will mir gar nicht vorstellen, was zum Teufel du geglaubt hast, was es bedeutet.« Sie unterbrach sich und zeigte mit einer Gabel über den Schaum. »Wenn man vom Teufel redet.« Sie wies Pam an, den Becher vorn in die Mitte des untersten Regals im Hängeschrank zu stellen. Andernfalls fände er ihn nie.

Pam lauschte auf das Geräusch von Reifen in der Einfahrt, doch hörte nichts, bis die Feder der Fliegengittertür quietschte. Erleichtert atmete sie auf, drehte sich um und sah ihn an. Red trat ein und reinigte seine staubigen Stiefel an dem Flickenteppich. Er wurde langsam wirklich ein alter Mann. In seinem fadenscheinigen Bauernkaro und der abgetragenen Jeans wirkte er schlaksiger. Seine Ohren wirkten größer, standen höher ab und sahen sonnenverbrannter aus als sonst.

»Warum hat ein Hühnerstall zwei Türen?«, rief er zu niemandem Bestimmten.

»Ich hoffe, du wusstest noch, weswegen du dort warst«, sagte Babe.

»Wenn er vier Türen hätte, wär’s ’ne Limousine.«

»Und die Schwester hier fragt sich, warum ich dich hierbehalte.«

»Wegen meines guten Aussehens.« Er blinzelte Pam zu, bevor er sie mit einem Arm an sich drückte. Er ging zu Babe und tippte ihr auf die Schulter. Sie wusch weiter ab, doch tauchte unter den Schirm seiner Cargill-Kappe für einen flüchtigen Kuss. Er streichelte ihr den Rücken, als wäre es der Nacken einer Kuh.

Wenn er im Futtermittelladen gewesen war, könnte er tatsächlich etwas Bargeld bei sich haben, wurde Pam klar. Keine Hundert, nicht genug, um eine Anzahlung spürbar zu erleichtern, aber vielleicht genug für etwas Benzin und einige Lebensmittel, damit sie nicht wieder an ihre Ersparnisse gehen musste.

Sie wollte ihn genau in dem Moment am dünnen Stoff seines Ärmels zupfen, als er außer Reichweite trat. Er gab Babe ein Bündel Banknoten. Pams Hand fiel herunter, leer und nutzlos. Sie war dumm gewesen, es überhaupt zu denken. Sie war in vielerlei Hinsicht dumm.

Babe fragte ihn, wann der Benzinlieferant käme. Donnerstag, sagte er. Sie hätten noch reichlich Diesel, aber Normales gerade noch genug, um den Wagen und den Mähdrescher aufzutanken. Babe öffnete den Deckel der wie ein Bienenstock geformten Keramikdose und ließ die Scheine hineinfallen. Dann durchquerte Dad das Esszimmer und ging in den Flur.

Pam trocknete einen Topf ab und stellte ihn in einen anderen auf dem Küchentresen.

»Willst du die vielleicht auch wegräumen?«

Pam trug die Töpfe zum Schrank.

»Mutter!«, rief Dad vom Badezimmer aus. Die Worte hallten nach, und selbst in der drückenden Hitze fröstelte es Pam.