Pike - Er wird dich retten - T. M. Frazier - E-Book

Pike - Er wird dich retten E-Book

T. M. Frazier

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Sie war Teil seines ausgeklügelten Racheplans. Doch sein Herz hatte andere Pläne ...

Als Auftragskiller Pike auf die junge Mickey traf, war sie für ihn die perfekte Ablenkung. Ohne Erinnerung, wer sie ist und woher sie kommt, war sie bereit, für ihren Schutz alles zu geben, was sie noch hatte. Doch während sie sich näherkamen, fand Pike heraus, dass ihre Leben stärker miteinander verbunden sind, als sie dachten. Und ohne es zu wissen wurde Mickey plötzlich zur Schlüsselfigur in Pikes Racheplan an seinem größten Feind. Er wollte sie benutzen, er wollte sie ausliefern und nie mehr wiedersehen. Doch je näher Pike seinem großen Traum kommt, desto stärker schleichen sich Gefühle in sein Herz, die er noch nie zuvor verspürt hat. Und Pike muss sich fragen, ob es auf der Welt vielleicht doch etwas gibt, das ihm wichtiger ist als seine eigene Genugtuung ...

"Pike wird euch verschlingen, euer Herz wird brechen, eure Gefühle werden euch umbringen. Dieses Buch hat alles, was ich an Dark Romance liebe!" REBEL READS

Band 2 des PIKE-Duets von USA-TODAY-Bestseller-Autorin T. M. Frazier

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 306

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Motto

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

Epilog

Eine Bemerkung an meine Leser*innen

Die Autorin

Die Romane von T. M. Frazier bei LYX

Impressum

T. M. FRAZIER

Pike

ER WIRD DICH RETTEN

Ins Deutsche übertragen von Silvia Gleißner

Zu diesem Buch

Als Auftragskiller Pike auf die junge Mickey traf, war sie für ihn die perfekte Ablenkung. Ohne Erinnerung, wer sie ist und woher sie kommt, war sie bereit, für ihren Schutz alles zu geben, was sie noch hatte. Doch während sie sich näherkamen, fand Pike heraus, dass ihre Leben stärker miteinander verbunden sind, als sie dachten. Und ohne es zu wissen wurde Mickey plötzlich zur Schlüsselfigur in Pikes Racheplan an seinem größten Feind. Er wollte sie benutzen, er wollte sie ausliefern und nie mehr wiedersehen. Doch je näher Pike seinem großen Traum kommt, desto stärker schleichen sich Gefühle in sein Herz, die er noch nie zuvor verspürt hat. Und Pike muss sich fragen, ob es auf der Welt vielleicht doch etwas gibt, das ihm wichtiger ist als seine eigene Genugtuung …

Für meine Leser*innen

»Der Glaube an eine einzige Wahrheit

und deren Besitzer zu sein,

ist die tiefste Wurzel allen Übels auf der Welt.«

MAX BORN

1

Mickey

Zeitreisen sind möglich.

Nicht die Sorte Zeitreisen per Fluxkompensator wie in Zurück in die Zukunft. Und auch nicht über Steinkreise wie in Outlander. Obwohl ich sogar mit meinem wissenschaftlichen und faktenorientierten Verstand immer noch Hoffnung auf Letzteres habe.

Aber sie existieren – nicht da draußen in der Welt, sondern in uns selbst.

Die Zeit ist eine nicht greifbare Maßeinheit, die den Stoff der Vergangenheit zusammenwebt zu einem sprichwörtlichen Quilt aus Erinnerungen, die die Zeitachse unseres Lebens darstellen.

Obwohl die Zeit selbst eine Konstante ist, kann sie in bestimmten Momenten auf Kriechgeschwindigkeit verlangsamen, oder sie kann fliegen wie ein dahinrasender Zug.

Emotionale Reaktionen können häufig Erinnerungen auslösen, die uns durch die Zeit reisen lassen, zu einem bestimmten Moment auf dem Flickenteppich unseres Lebens.

Der dann entweder definiert oder zerstört wird.

Die Forschung ist schon niedergeschrieben, aber keine Publikation zu dem Thema hätte mich je auf meine eigene Erfahrung mit Zeitreisen vorbereiten können.

Denn in einem Moment stehe ich noch im Lagerhaus des Vierten Reichs, unfähig zu glauben, was ich da vor meinen Augen sehe, und im nächsten befinde ich mich wieder in der Vergangenheit, im Van mit meiner Familie, und breche durch das Geländer in das kalte, dunkle Wasser. Nur dass kein Platschen zu hören ist, und die Kälte, die ich fühle, liegt nicht in meiner Umgebung, sondern in mir selbst, breitet sich in mir aus und lässt mich kalt werden bis ins Mark.

Plötzlich werde ich aus dem Van gerissen und liege wieder in Pikes Bett. Mein Körper wird warm, als er mich mit seiner Wärme einhüllt und an sich drückt. Ich will hier bleiben, an diesem Ort und in diesem Augenblick. Die Stoppeln an seinem Kinn kratzen leicht über meine Wange, und ich bin voller Reue, dass ich ihn je verlassen habe.

Pikes Arme lassen mich allzu schnell los, und ich falle zurück in die Kälte, doch dieses Mal liegt es an dem Wasser, das mir gerade von hinten über den Kopf geschüttet wurde. Ich sehe zu, wie meine drei jüngeren Schwestern zum Strand rennen, mit einem jetzt leeren Eimer und bei dem süßen Klang ihres kindlichen Gelächters. Sogar in der warmen Sonne kühlt der Wind das Wasser auf meiner Haut ab.

Ich schaudere.

Und weiter springe ich zu verschiedenen Augenblicken meiner ganz eigenen Zeitachse. Manche sind süß und warm. Andere herzzerreißend und kalt.

Einige Male finde ich mich in Momenten mit Pike wieder. Momente, die ich während der letzten paar Wochen durchlebt habe. Scheinbar nur eine kurze Zeitspanne, aber drei Wochen sind alles, was es brauchte, um mich in Pike zu verlieben. Drei Wochen, um mein Herz zu brechen. Drei Wochen, um einen Blick auf eine Art Leben zu werfen, das ich nie haben werde.

Denn ich tat, was ich für richtig hielt, indem ich meine Rachepläne und seine Sicherheit über die Möglichkeit stellte, bei ihm zu bleiben und ihn zu wählen.

Wenigstens hatte es sich damals so angefühlt, als würde ich ihn wählen, aber jetzt, wo ich Augenblicke aus meiner jüngsten Vergangenheit erneut durchlebe, bin ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich das ist, was ich getan habe.

Rache ist seit nunmehr fünf Jahren das, was mich immer angetrieben hat. Wer bin ich ohne Rache?

Allein.

Das bin ich ohne Rache.

Doch in einem Augenblick, durch ein Ziehen an einem einzelnen Faden in meiner Zeitachse, hat sich der Plan geändert.

Der berühmte Physiker Leonard Susskind hat einmal gesagt: »Unvorhergesehene Überraschungen sind die Regel in der Wissenschaft, nicht die Ausnahme. Merke: Dinge passieren.«

Ich habe gelernt, mit Überraschungen zu rechnen, in meiner Forschung und sogar in meinem Leben, aber nichts – und damit meine ich: nichts – hätte mich auf diesen Moment vorbereiten können. Auf diese Überraschung.

Dass meine Schwester am Leben ist.

Der Gedanke bringt mich zurück in die Gegenwart, zurück zu der Wahrheit, die mir gerade durch die rostigen Gitterstäbe eines kleinen Käfigs entgegenstarrt.

Unvermittelt packt mich ein Anfall von Benommenheit und Verwirrung, gemischt mit einem Gefühl überwältigender Euphorie. Ich presse die Augen fest zu und zwinge die Aufregung, die in mir hochsteigt, nachzulassen, denn das kann nicht real sein.

Sie kann nicht real sein.

Das ist nur wieder eine Täuschung, Mickey.

Ich öffne die Augen und blinzele hektisch das Verschwommene weg. Sie ist immer noch da.

Meine Schwester ist am Leben.

M… Mi… Mickey? Kaum ein Krächzen. Mindys Mund formt die Worte erneut, lautlos, und sie legt sich die Hand an den Hals, um mir zu zeigen, dass sie nicht sprechen kann. Sie versucht es noch einmal, aber lautlos oder nicht, mein Name auf ihren Lippen treibt mir die Luft aus den Lungen.

Mindy drückt die Finger auf ihre rissigen, bebenden Lippen. Ihr Arm ist völlig verdreckt und übersät mit Blutergüssen in allen Farben, von Dunkelrot bis Gelb.

Ich knie mich hin, lehne mich vor und schließe die Hände um die kalten Gitterstäbe des Käfigs. Tränen laufen über meine Wangen. Wenn das nur wieder ein Hirngespinst meiner Einbildung ist, dann ist es ein wundervolles und zugleich schreckliches.

Zitternde Hände strecken sich nach mir aus. Mindy streicht mit einem schmutzigen, dünnen Finger über meinen Fingerknöchel und schnappt bei der Berührung nach Luft. Das Gefühl ihrer Berührung erhellt meine Sinne und macht mich kurz benommen. Schnell zieht sie die Hand wieder zurück, wie von einer offenen Flamme.

»Du bist es wirklich«, flüstere ich und betrachte diese neue, älter gewordene, aber gebrochene Version meiner Schwester. Ich versuche, die Tür aufzuziehen, aber sie ist verschlossen. Ich sehe mich um, nach einem Schlüssel oder etwas, um sie aufzubrechen, aber ich sehe nichts in meinem unmittelbaren Blickfeld. »Wir müssen dich hier rausholen«, sage ich.

Sie schüttelt den Kopf und weicht auf die andere Seite im Käfig zurück, als erwarte sie, dass ich so unwirklich bin, wie sie es jahrelang in meinem Leben war. Aber der Grund, wieso ich weiß, dass sie real ist, liegt nicht nur in ihrer Berührung, sondern in den unzähligen Malen, die ich mir meine Familie vorgestellt habe, sie heraufbeschworen habe wie Geister, damit sie vor mir stehen und mir in der einsamen Welt, die ich mir geschaffen habe, Gesellschaft leisten. Jedes Mal erschienen sie mir gleich. Gesund. Unversehrt.

Ganz und gar nicht wie das zerschmetterte menschliche Wesen in dem Käfig vor mir.

Meine Kehle fühlt sich dick und trocken vor unterdrücktem Schluchzen an. Ich trage die Last der Welt auf meinem Herzen, und ich fühle sie gegen meinen Brustkorb drücken und drohen, mein ohnehin schon zerbrechliches Herz zu zerquetschen. Wenn das hier irgendein Spiel ist – eine neue Art Nervenzusammenbruch, den ich noch nie zuvor hatte –, dann weiß ich nicht, wie ich darüber hinwegkommen kann.

»Was ist mit dir passiert?«, frage ich und versuche, meine Stimme so unbewegt zu halten, wie man es tun würde, wenn man ein verängstigtes Tier davon abhalten will, sich zu verstecken. »Wie ist es möglich, dass du hier bist?«

Tränen steigen in ihre rot geränderten Augen, und sie streicht sich eine dreckstarre Strähne aus dem Gesicht, die aber sofort wieder zurückfällt. Dann kriecht sie langsam vorwärts, bis wir uns Auge in Auge gegenüber sind. Sie riecht nach Kot und etwas Fauligem, aber das ist mir egal, denn sie ist real, und sie ist hier. Vorsichtig legt sie ihre Hände um meine, die die Gitterstäbe so fest umklammern, dass die Fingerknöchel weiß hervortreten. Wir beide atmen tief und bebend ein. Einen Moment lang bleibt sie still, aber danach betrachtet sie mich wieder von oben bis unten und blickt mir in die Augen.

Sie macht den Mund auf, um etwas zu sagen.

Doch sie kann die Worte nicht mehr aussprechen, denn das laute Krachen der aufschlagenden Tür erschreckt uns beide. Sie macht einen Satz rückwärts in die Ecke des Käfigs, als schwere Schritte über den Beton hallen. Sie zittert wie Espenlaub. Ich lege den Finger auf meine Lippen, und sie nickt. Langsam und leise krieche ich hinter den Käfig und verstecke mich hinter ein paar leeren Bierfässern.

Ein Spalt dazwischen verschafft mir ein kleines Blickfeld auf Percy und Darius, die nun näher kommen. »Was zur Hölle ist denn das, alter Mann?«, fragt Percy und macht eine Handbewegung zu dem Käfig, in dem meine Schwester so tut, als würde sie schlafen.

»Das ist ein Geschenk. Für deine Frau«, verkündet Darius stolz. »Von dir.«

Percy kratzt sich am kahl rasierten Schädel. »Okay, aber wieso?« Er zündet sich eine Zigarette an.

Darius wackelt mit dem Finger in Percys Richtung und geht dann in die Hocke, um seine Gefangene zu bewundern. »Weil sie es lieben wird. Weil es dich für sie zu einem Helden macht, wenn du ihr ein Leben schenkst. Du weißt ja, dass sie immer irgendetwas rettet. Verletzte Vögel, streunende Katzen. Jetzt ist sie damit nicht die Einzige. Jetzt bist du auch ein Retter und damit ansprechender. Liebenswert sogar. Ein perfektes Geschenk.«

»Und wozu das alles?«, fragt Percy und verschränkt die Arme.

Darius legt Percy die Hand auf die Schulter. »Du bist bald ein verheirateter Mann, und noch wichtiger, der künftige Führer des Reichs. Du musst in jeder Situation die Kontrolle ausüben. Du und Michaela kennt euch schon seit eurer Kindheit im Reich, aber ihr kennt einander nicht als Mann und Frau. Noch nicht. Ich sehe, wie ihr miteinander umgeht. Ihr verhaltet euch wie völlig Fremde.«

Percy schnaubt. »Ja, aber denkst du je daran, dass das daran liegt, dass wir uns nicht mehr gesehen haben, seit ich im Knast war? Da war sie noch ein Kind und ich ein Teenager. Wir kennen uns nicht als Erwachsene. Und ich weiß ja nicht, aber vielleicht liegt es ja auch daran, dass eine arrangierte Ehe das Ganze nicht weniger peinlich macht?«

»Ganz genau, das hier ist ein Neuanfang für euch. Und wenn kein Neuanfang, dann betrachte es als eine Lektion in Kontrolle. Nutze dieses Geschenk, um Einfluss auf deine neue Frau auszuüben. Drohe ihr damit, wenn du musst. Töte es vor Mickeys Augen, falls und wenn die Zeit danach verlangt.«

Ich balle die Fäuste und beiße wütend die Zähne zusammen, als ich höre, wie er meine Schwester als ein Es betitelt. Wie können sie so beiläufig über das Leben meiner Schwester reden, als wäre sie nicht mehr als eine Ratte?

Percy stellt sich breitbeinig hin, zieht tief an seiner Zigarette und schnippt die Asche viel zu nahe an den Käfig. »Ich war eine Weile eingesperrt, also verzeih mir, weil ich nicht wirklich den Wert in dem hier sehe.«

Darius klopft ihm auf die Schulter, nimmt dann die Hände weg und weicht einen Schritt zurück. »Du kannst mir später danken, wenn du es verstehst. Vertrau mir, es wird ein Moment kommen, wo du sie benutzen musst. Den gibt es immer.«

Percy blickt auf den Käfig und dann zu Darius. »Also soll ich sie in einem Käfig hier halten, bis so ein Moment kommt?« Er schnüffelt. »Der Gestank nach Pisse und Scheiße brennt heftig in den Augen.«

Darius verpasst ihm einen Klaps an den Hinterkopf. »Nein, du Idiot. Ich würde davon ausgehen, dass deine Frau sie wohl nicht in diesem verdammten Käfig halten will. Mach sie sauber, bevor du sie Mickey gibst. Ich glaube nicht, dass sie allzu erfreut wäre, sie in diesem erbärmlichen Zustand zu sehen.«

»Was, wenn sie nicht gesund ist? Mickey wird auch nicht allzu erfreut sein, wenn sie hier, Sekunden, nachdem ich sie aus dem Käfig lasse, stirbt«, sinniert Percy. »Und sie sieht nicht besonders gut aus.«

»Muss ich denn jedes einzelne Detail für dich mitdenken?«, seufzt Darius. »Lass sie untersuchen. Wenn sie nicht fit ist, um deine Frau glücklich zu machen, dann bring sie auf ein offenes Feld und jage ihr eine Kugel in den Kopf. Mickey wird nie erfahren, dass du sie überhaupt hattest.« Seine schweren Schritte hallen wie das Zuschlagen der Tür des Lagerhauses hinter ihm.

»Danke für nichts, Pops«, brummt Percy, lehnt sich an den Käfig und späht hinein. Das Bein meiner Schwester an den Gitterstäben zuckt.

Percy macht einen Satz nach hinten und reibt sich die Handflächen. Er mustert sie wieder prüfend und befindet, dass sie schläft. Er seufzt und zieht wieder an seiner Zigarette.

Dann holt er sein Handy aus der Tasche, drückt ein paar Knöpfe und geht in die Ecke ganz hinten im Lagerhaus, wo ich nicht verstehen kann, mit wem er redet, geschweige denn, was er sagt.

Spielt keine Rolle. Keine Zeit, um seinen Anruf zu verfolgen. Was ich jetzt brauche, ist eine Waffe.

Kalter Beton an meiner Haut, als ich auf die andere Seite des Lagerhauses krieche. Mindy öffnet die Augen, als ich am Käfig vorbeikomme. Ich drücke den Finger auf die Lippen. Ich weiß, dass sie versteht, was ich ihr sagen will, denn sie schließt die Augen wieder und tut weiter so, als würde sie schlafen. Über mir ist ein Turm aus Regalen bis zur Decke. Ohne aufzustehen und damit Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, taste ich vorsichtig um das erste staubige Gestell herum, bis ich endlich etwas in die Hand bekomme, von dem ich weiß, dass ich es benutzen kann.

Vorsichtig hebe ich die Brechstange herunter und drücke sie an meinen Oberkörper. So schnell ich kann, krieche ich zurück durchs Lagerhaus, aber das ist schwierig ohne die zweite Hand, die meine eben gefundene Waffe fest umklammert. Mein Oberschenkel pulsiert und sticht, als meine selbst zugefügte Schusswunde wieder aufreißt. Ich beiße die Zähne zusammen gegen den Schmerz. Warmes, frisches Blut tränkt den Verband um mein Bein.

Ich schaffe es, mich hinter die Fässer zu schleppen, gerade als Percy wieder auftaucht und sein Handy zurück in die Tasche schiebt.

Meine Atemzüge sind flach und lautlos, als ich auf den perfekten Moment warte. Er hockt sich hin, um noch einmal einen Blick auf meine Schwester zu werfen.

Jetzt oder nie.

Ich stehe auf, hebe die Brechstange – und in dem Moment fliegt die Tür auf und ich bin gezwungen, mich wieder fallen zu lassen.

»Was zum Teufel brauchst du, P?«, fragt eine Männerstimme, die ich als die von Hoppy erkenne. Percys Freund und eines der höherrangigen Mitglieder des Reichs.

»Weißt du irgendwas darüber?«, fragt Percy und wedelt mit der Hand in Richtung Käfig.

Hoppy grinst. »Na klar«, antwortet er stolz. »Was soll ich mit ihr machen?«

»Na ja, nachdem sie ein Geschenk ist, muss ich wohl die verdammte Verpackung übernehmen«, antwortet Percy. »Schaff sie aus dem Lagerhaus und ruf Knox an. Sag ihm, er soll seine Arzttasche mitbringen und bitte ihn, sie zu untersuchen und zu sehen, was Behandlung braucht. Ich lasse Mary etwas zu essen und zu trinken bringen.«

Hoppy beäugt ihn misstrauisch. »P?«, fragt er, als hätte er irgendwie seine Befehle missverstanden. Ich kann nicht so tun, als wäre ich nicht enttäuscht, dass ich Percy heute nicht töten kann, aber ich kann auch meine Erleichterung nicht leugnen, weil Mindy jetzt anständig behandelt wird, zumindest so lange, bis ich sie befreien kann. Außerdem wird es einfacher sein, sie aus einem verschlossenen Zimmer zu holen als aus einem verschlossenen Käfig.

Percy wird lauter und eindeutig gereizt. »Ich kann meiner Frau ja keine beschädigte Ware übergeben, oder?«, fragt er. »Sag, Hop, würdest du deiner Alten ein Kleid mit einem Loch schenken, oder einen Ring, dem ein Stein fehlt?«

Hoppy schüttelt den Kopf. »Nope, Mann. Dann müsste ich mit Sicherheit auf der Couch schlafen. Das heißt, wenn ich denn eine Alte hätte.«

Percy verschränkt die Arme vor dem nackten, tätowierten Oberkörper. »Tja, dann sag mir, ob du es für eine gute Idee hältst, Mickey ein Geschenk zu geben, das total ramponiert und halb verhungert ist?« Er wirft einen Blick auf meine Schwester. »In einem verdammten Käfig?«

»Ja, das wäre nicht so gut.« Hoppy schüttelt den Kopf und reibt sich die vorstehende Wampe, zufrieden mit Percys Erklärung. »Gar nicht gut. Guter Punkt, Mann. Siehste, das ist der Grund, wieso du der Schlaue bist. Du wirst einen guten Führer abgeben, P.«

»Erzähl mir einfach, was Knox sagt«, befiehlt Percy.

Hoppy rollt eine große Karre heran, stellt sie neben den Käfig und macht die Bremsen fest. Dann hebt er den Käfig ohne große Anstrengung hoch und stellt ihn auf die Karre.

»Niemand soll davon erfahren. Nicht mal Mitglieder. Alles klar?« Percy zeigt streng mit dem Finger auf Hoppy.

»Klar wie … also … eben irgendwas, das klar ist.« Hoppy hebt kurz die Hände und folgt Percy nach draußen, meine Schwester im Schlepptau. »Was dann? Was willst du machen, wenn Knox ihr kein grünes Licht gibt? Sie sieht gar nicht gut aus.«

Percy öffnet die Tür und lässt Hoppy durchrollen.

»Dann lade ich meine Knarre.«

Die Tür schlägt zu, und ich bin allein im Dunkeln.

Ich zittere am ganzen Körper.

Der Plan hat sich geändert. Zur Hölle mit Rache. Jetzt gibt es nur noch einen Plan.

Ich muss zu meiner Schwester kommen.

Bevor die es tun.

2

Pike

In den letzten vierundzwanzig Stunden war ich ständig hin und her gerissen zwischen dem Bedürfnis, zum Quartier zu fahren und allem und jedem mit Herzschlag eine Kugel zu verpassen, und dem tief brennenden Verlangen, einfach alles zu vergessen, was in den letzten paar Wochen passiert ist. Ich könnte mein verdammtes Pfandhaus verkaufen, bis in die letzte Ecke des Landes fahren und alles im Rückspiegel meines Trucks hinter mir lassen.

Das Problem bei dem Plan ist, dass ich die Erinnerung an Mickey nicht mit allem anderen zurücklassen kann. Denn ich weiß: Egal, wie sehr ich es versuche, ich werde sie nie aus meinem Kopf kriegen. Oder aus meinem Herzen. Das mir jetzt verdammt schwer wird. Die Last, dass Mickey gegangen ist, ohne auch nur ein Wir sehen uns später, Pike. Es war echt, aber jetzt gehe ich zurück zu den Rassisten, zerquetscht mich immer wieder total, wie ein Auto, das vom Wagenheber rutscht und mich unter sich begräbt.

Ein leises Miauen dringt durch meine Gedanken. Je länger ich es ignoriere, umso lauter wird es, aber das Geschöpf zu ignorieren ist das, was ich will, denn es erinnert mich nur an Mickey, in der Gasse auf dem Boden, während sie sich um die Streuner kümmert, als wären sie hochgeachtete Mitglieder ihrer Familie.

Familie, die sie nicht hat, weil die alle verdammt tot sind.

Daher auch ihr Drang nach Rache am Vierten Reich und genau der Grund, wieso sie abgehauen ist. Warum sie die, gewissermaßen, mir vorgezogen hat.

Wenn das überhaupt stimmt.

Vertrauen ist etwas, worin ich nie besonders gut war, aber dass ich Mickey vertrauen wollte, ist etwas, das mir echt Feuer durch die Adern jagt. Ich will ihr immer noch vertrauen. Aber der wachsende Zweifel wird mit jeder Stunde größer und wandelt sich zu einer Flamme aus Wut.

Außerdem wäre ich ganz schön dämlich, wenn ich nicht glauben würde, dass die geringe Möglichkeit besteht, dass Mickey mich reingelegt hat und ihre ganze Scharade, eingeschlossen die Show, die sie in meinem Bett abgezogen hat, nur dem Zweck diente, leichter zu ihren Leuten abhauen zu können.

Nein, der Teil war nicht gespielt. Was wir in meinem Bett hatten, kann man nicht vortäuschen. Ihre Reaktion auf meine Berührung.

Ich schüttele den Kopf. Nur weil es ihr gefallen hat, wie ich sie kommen ließ, heißt das nicht, dass sie beim Rest nicht gelogen hat. Es heißt, dass sie ein Mensch ist.

Sie könnte immer noch eine von denen sein.

»Fuck!«, brülle ich in mein leeres Apartment – das jetzt noch leerer ist, nachdem Mickey nicht mehr hier ist und es mit ihrem ständigen Drang füllt, mich analysieren zu wollen. Ich muss lachen, als mir einfällt, wie sie die Beobachtung mit meiner Lernschwäche gemacht hat. Ich habe ihre Diagnose nachgeschlagen, und sie hatte recht. Mit allem. Mit mir.

Zu schade, dass ich vielleicht nicht recht mit ihr hatte.

Das Miauen geht weiter, drängender und lauter. Die Katzenversion von: Du kannst mich nicht ewig ignorieren!

»Fuck, na gut, warte, verdammt!«, brülle ich. Ich lasse meine Flasche Whiskey stehen, tappe zur Tür und öffne sie einen Spalt. Dann gehe ich zurück zur Couch und lasse mich auf das abgenutzte Leder fallen. Ich schnappe mir die Whiskeyflasche vom Tisch, hebe an und gönne mir einen tiefen – dringend benötigten – Zug.

Die Quelle des Miauens springt mir auf den Schoß und positioniert sich so, dass ihre kleinen, grau-weiß gestreiften Pfoten auf meiner Brust und der apfelförmige Kopf unter meinem Kinn ruhen. Das winzige Ding wiegt nicht mehr als ein paar Pfund und ist nicht größer als meine Glock 43. Es blickt mit Triefnase und noch triefenderen Augen zu mir auf. Dann miaut es wieder, und der Laut vibriert in meiner Brust.

Ich seufze. »Ich weiß. Sie ist weg. Ich habe auch keine Ahnung, was ich dagegen machen soll«, sage ich und kraule das Kleine hinter den Ohren.

Meine Erklärung ist offenbar nicht gut genug für das dürre kleine Teil, denn plötzlich bohren sich seine Krallen durch das Shirt in meine Haut. Ich springe auf, die Whiskeyflasche noch in der Hand, aber das Ding lässt nicht los, sondern gräbt die spitzen Krallen noch tiefer in meine Haut und hängt an meinem Shirt und im Wesentlichen an meiner Haut wie ein kleiner flauschiger Parasit. Es abschütteln funktioniert auch nicht und bringt mir nur ein Fauchen ein.

»Unterbrechen wir hier gerade eine Interpretativtanznummer?«, fragt Nine in der offenen Tür. »Denn ich erinnere mich gar nicht, dass du mir erzählt hättest, du nähmst neuerdings Tanzstunden.«

»Interpretativtanz wird überschätzt«, fällt Preppy ein und drängt sich an seinem jüngeren Bruder vorbei ins Zimmer. »Inzwischen dreht sich alles um Bühnentanz.«

»Und woher willst du das wissen?«, fragt Nine und geht in die Küche, während Preppy sich auf die Couch setzt und ein Bein über die Armlehne legt.

Preppy schnaubt. »Wie kann man das nicht wissen?«

Ich packe das Kätzchen am Nacken und zerre es erfolgreich los von meiner Haut und meinem Shirt. Es faucht, und ich fauche zurück. »Mistviech«, fluche ich.

Das bringt mir noch ein Fauchen ein.

»Was ist denn mit der Katze?«, fragt Nine, öffnet den Kühlschrank, holt sich ein Bier raus und macht am Tresenrand mit der Faust den Verschluss ab. »Neuer Freund?«

Ich durchquere den Raum, setze das Ding wieder raus auf den Flur und kicke die Tür hinter mir zu. Mir ist das verdammte ausdauernde Miauen lieber, als von achtzehn winzigen Krallen durchbohrt zu werden.

Nine zieht die Augenbrauen hoch und zeigt auf mein Shirt. Ich schaue hin und sehe, dass es mit Blutströpfchen übersät ist. »Kleines Mistvieh«, brumme ich, ziehe mein Shirt aus und werfe es auf den Tresen. Ich trinke noch einen Schluck aus der Flasche, dann noch einen und noch einen, bis ich einiges intus habe. Dann wische ich mir mit dem Handrücken über den Mund, und meine Kehle brennt, während mir Blut über den Oberkörper tropft.

»Brauchst du ein Treffen der Anonymen Alkoholiker oder so?«, fragt Preppy mit einem Blick auf die nun halb leere Whiskeyflasche.

»Von allen Leuten musst ausgerechnet du mich das fragen?«, spucke ich aus. Ich setze mich auf das Zweisitzersofa und lasse die Flasche auf meinem Knie ruhen.

»Sind wir ein wenig empfindlich? Außerdem kann ich dich das fragen, weil ich kein Süchtiger bin. Ich bin Partyopportunist. Das ist etwas anderes.« Preppy holt eine große Tüte Koks aus seiner Tasche und taucht einen Schlüssel aus seinem Schlüsselbund hinein. Er hält sich ein Nasenloch zu und schnieft das Zeug. Dann hält er mir den Schlüssel hin. »Auch eine Nase?«

»Ich passe. Ich bin gerade nicht in Stimmung für erhöhte Sinnesleistungen.«

Nine kichert. »Partyopportunist? Das hier ist nicht gerade eine Party, Prep.«

Preppy schnieft und steckt die Tüte zurück in seine Hemdtasche. Dann hält er sich die Nasenlöcher zu, schnieft wieder und schüttelt dabei schnell den Kopf hin und her. »Jawohl, Partyopportunist.« Er zeigt auf sich selbst, dann auf Nine und danach auf mich. »Wir haben drei Leute, Alk und Stoff. Ich sehe die Gelegenheit für eine Party und ergreife sie.«

Nine verdreht die Augen. »Können wir jetzt auf die Katze zurückkommen? Was zur Hölle war denn das mit der?«

Ich kratze mich am Kinn. »Nichts. Nur eine Scheißkatze.«

»Lügner«, kontert Nine und schnappt sich die Flasche aus meiner Hand. Er schenkt ein großzügiges Glas ein und gibt es mir, als würde mich das irgendwie bremsen. Dann stellt er die Flasche zurück auf den Tresen. »Ich weiß, dass Mickey diese verdammten Gossenkatzen geliebt hat. Hast du deshalb eine von denen hier hoch gelassen?«

»Es sollte ein Geschenk sein«, gebe ich widerwillig zu. »Für Mickey. Die war immer auf ihrem Schoß. Sie hat es gehasst, sie draußen zu lassen, und das kleine Ding hat immer auf sie gewartet bei …« Ich schüttele die Erinnerung ab. »Es war eine total blöde Idee. Ist nicht mehr wichtig.«

»Ja, es war eine blöde Idee. Schlampen wollen keine Katzen«, kichert Preppy. »Katzen sind eine viel zu offensichtliche Wahl, wenn man über mögliche Haustiere nachdenkt.«

Nine zeigt mit seinem Bier auf Preppy. »Sagt der Typ mit dem Hausschwein.«

Preppy richtet seinen tätowierten Finger vorwurfsvoll auf Nine. »Du lass mal den geheiligten Namen von meinem Oscar da raus. Der ist bessere Gesellschaft als jeder von euch wehleidigen Scheißern. Und Bear hat einen verdammten Kojoten. Also, so viel dazu.« Er setzt sich auf. »Okay, reden wir über den wahren Grund, wieso wir hier sind. Wie die Tatsache, dass es vierundzwanzig Stunden her ist, seit du deine Pläne, den Unterschlupf des Vierten Reichs zu stürmen, abgeblasen hast, dass wir keine unmittelbaren Pläne im Kalender haben, sie überhaupt kaltzumachen, und wieso du dich hier suhlst wie eine alte Katzenlady.«

Ich schaue ihn mit hochgezogener Augenbraue an.

»Vertrau mir, das stimmt. Ich kenne eine Menge alte Katzenladys, und das, was du hier oben treibst, wäre eine Beleidigung für liebenswerte alte Katzenladys überall.«

»Ich suhle mich nicht«, widerspreche ich, obwohl ich nicht mal sicher bin, was suhlen bedeutet, aber ich mache mir eine mentale Notiz, nachzuschlagen, wenn diese Nervensägen wieder weg sind. »Und eine Katze macht noch keine Katzenlady.«

»Im Ernst, wir müssen reden«, meint Nine und sieht viel zu ernst und konzentriert dabei aus, während ich doch eher auf Dahindämmern im Suff aus war.

»Also, dann redet, verdammt«, sage ich, kippe meinen Drink hinunter und setze das leere Glas aufs Knie. »Ich halte euch nicht auf.« Je eher sie reden, umso eher gehen sie wieder und umso eher kann ich mich wieder meinen Plänen widmen, mich volllaufen zu lassen und darüber zu sinnieren, wann sich mein Leben in totale Scheiße verwandelt hat.

Oh Mist. Ich glaube, genau das heißt suhlen.

Preppy holt tief Luft, richtet seine Fliege und hakt die Daumen in die dazu passenden Hosenträger ein. »Also, ich bin ja nur ungern derjenige, der es dir sagt …«

»Was?«, belle ich zunehmend gereizt. »Spuck es schon aus.«

»Ich bin nur ungern derjenige, der dir sagt, dass die Möglichkeit besteht, dass Mickey eine dicke, fette Lügnerin ist und dass die Schlampe sterben muss?« Er hebt die Stimme dabei, und am Ende hört er sich an, als hätte er Helium eingesaugt.

»Ist nicht so, als hätte ich daran nicht auch schon gedacht«, grolle ich. Es von Preppy zu hören oder zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin, dem der Gedanke schon gekommen bin, macht es nicht einfacher.

»Er hat nicht unrecht«, meldet sich Nine zu Wort. »Wir kennen die Fakten über Mickeys Vater. Wer er war, und dass er das Vierte Reich mit Darius gegründet hat. Wir wissen, dass diese Fakten stimmen, weil wir sie verifiziert haben. Was wir nicht wissen, ist, ob die anderen Teile ihrer Geschichte gelogen waren. Die Gründe, die sie uns für ihre Verbindung zum Reich genannt hat. Die Rache. Der Teil, dass sie bei denen aufgewachsen ist, aber nicht an ihre Lehren glaubt.« Nine sieht so aus, als würde er diese Unterhaltung ebenso ungern führen wie ich. »Der Teil, dass sie zwar bei denen ist, aber nicht wirklich zu ihnen gehört.«

»Ich habe eine Lösung«, verkündet Preppy. Er steht auf, schnappt sich die Whiskeyflasche vom Tresen und nimmt auf dem Weg zurück zur Couch einen tiefen Zug. Er lässt sich wieder darauf fallen, gibt einen zufriedenen Laut von sich und wischt sich ein Fussel von der Khakihose. »Also, Pike, was du tun musst, ist Folgendes: erst vögeln und dann kaltmachen. Auf die Weise hast du dich von ihr befreit, bevor du sie aus der Welt schickst. Problem verdammt gelöst.« Er reibt sich die Hände und befreit sich damit von meinen Problemen, die er ganz und gar nicht gelöst hat.

Wenn es denn nur so einfach wäre, aber nichts, was mit Mickey zu tun hat, war bisher einfach oder eindeutig. Nicht mal meine Gefühle für sie.

Jeder andere würde nach solchen Worten lachen oder zumindest grinsen, weil niemand sie ernst meinen würde. Preppy nicht, aber das sollte ich inzwischen besser wissen. Er ist ganz geschäftsmäßig, als er sich vorbeugt und auf die Ellbogen stützt, seine gelb karierte Fliege so korrekt wie immer, und dabei mehr als zufrieden mit seiner vorgeschlagenen Lösung aussieht.

Nine stößt sich vom Tresen ab, setzt sich neben Preppy auf die abgenutzte Ledercouch und klopft seinem Bruder auf den Rücken. »Punkte für Kreativität, Prep, aber ich glaube, das ist nicht gerade die Art Rat, die Pike im Moment sucht.«

Preppy hebt die Hände, Handflächen nach oben. »Was meinst du damit? Welche Sorte Ratschlag will er nicht? Solide Ratschläge? Großartige Ratschläge? Ratschläge vom einzig wahren Samuel Hurensohn Clearwater?« Er sieht mich an. »Ist das nicht das, was du suchst?« Preppy bleibt der Mund offen stehen vor Entsetzen, dass ich sein Genie womöglich zurückweisen könnte.

»Nine hat recht«, antworte ich und dribbele dabei wieder um die Gefühle von Schmerz, Enttäuschung und Wut herum, weil ich die Möglichkeit diskutieren muss, dass Mickey mich hintergangen hat. Dass alles ein Spiel für sie war.

Dass ich ein Spiel war.

Preppy lehnt sich zurück und legt das eine Bein über das andere Knie. Er legt Zeigefinger und Daumen ans Kinn und verzieht nachdenklich die Lippen. Dann schnippt er mit den Fingern, und seine Augen leuchten auf. »Wie wäre es damit? Du machst sie erst kalt und vögelst sie dann. Das ist zwar nicht meine Tüte Koks, aber falls tote Schlampen vögeln dein Ding ist, werde ich mir kein Urteil anmaßen.« Er zuckt mit den Schultern. »Manche stehen ja auch voll auf Füße.«

Ich schließe die Augen und drücke das kalte Glas an meine Schläfe. »Ich muss nur darüber nachdenken, was mein nächster Schritt sein sollte. Und nichts für ungut, Preppy, aber Nekrophilie ist nicht mein Ding.«

Eine Erinnerung an Mickey, warm, nackt und sehr lebendig in meinem Bett, überfällt mein Gedächtnis. Meine Augen gehen ruckartig auf, denn ich will den Moment keine Sekunde länger durchleben.

Jetzt ist nicht der verdammte Zeitpunkt, schimpfe ich mich selbst.

Nine starrt mich an. Die Sorge steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, und ich fühle mich total unwohl dabei. Er senkt den Blick und zupft an einem losen Faden aus der Naht der Armlehne. »Wir hätten sie nicht gehen lassen dürfen. Es ist ebenso meine Schuld wie deine. Sie hätte eingesperrt gehört. Ich hätte dir sagen sollen, dass du sie einsperren sollst, bis wir sicher wissen, dass sie die Wahrheit sagt.« Die Enttäuschung in seiner Stimme ist eine bittere Pille für mich, denn nichts davon ist seine Schuld. Es ist meine, und nicht wir haben sie gehen lassen. Sie ist abgehauen. Wenn hier irgendwer die Schuld dafür bekommen muss, dann ich. »Was, wenn sie was mit dem Mord an Gutter zu tun hatte? Du hast sie mit raus in den Sumpf genommen, richtig? Sie ist ihm begegnet? Was, wenn sie denen gesagt hat, wo er ist, und wie wichtig er für dich war? Was, wenn es ihre Idee war …«

Er verstummt, als der Gedanke zu mir durchdringt, aber ich muss die Worte auch nicht hören, um genau zu wissen, was er sagen will. Und mir war der Gedanke noch gar nicht gekommen, dass sie etwas mit Gutters Tod zu tun haben könnte.

Die ganze Zeit, nachdem er umgebracht worden war, hat sie mich getröstet. Ist es möglich, dass nichts davon echt war? Dass sie alles geplant hatte? Das sie wusste, dass das kommen würde?

Ich blicke zu Nine auf, der auf meine Antwort wartet. »Überprüfe meine Computer unten, bevor du gehst.« Ich werfe ihm mein Handy zu. »Das hier auch. Such nach gelöschten Suchverläufen. Sieh zu, ob du die Verbindungsnachweise von allen Anrufen aus diesem Gebäude hacken kannst, die Bar eingeschlossen, und schau nach, ob du irgendeinen Beweis findest, dass Mickey mit dem Reich kommuniziert hat.«

»Ja, das kann ich«, antwortet Nine und lässt die Finger über die Tastatur fliegen. Er steckt mein Handy in die Tasche. »Der Hacker eilt zu Hilfe.«

Gutters Gesicht, als er mir sagte, dass er mich liebt, direkt bevor er mittels Brechstange an den Hinterkopf den Tod fand, blitzt in meinem Kopf auf. Ich beiße die Zähne zusammen, und auch mein Griff um das Glas wird fester. So fest, dass es in meiner Hand zerbricht.