14,99 €
Die ganze Welt weiß, wer sie ist – nur sie selbst hat keine Ahnung. Die siebzehnjährige Sherry landet in einem Camp für straffällige Jugendliche – nach einer Tat, die ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat. Zunächst genießt sie es, an einem Ort zu sein, an dem niemand ihre Vergangenheit kennt, denn online ist ihr Leben ein offenes Buch. Seit dem Tag ihrer Adoption haben Sherrys Eltern jede Einzelheit aus ihrem Leben mit einem Millionenpublikum auf Youtube geteilt. Egal wie es Sherry ging, egal wo ihre Bilder und Videos anschließend landeten, die Follower durften nicht enttäuscht werden. Hier, in dem Camp mitten in der Sächsischen Schweiz hat sie endlich das Gefühl, sie selbst sein zu können und nicht performen zu müssen. Als Sherrys neue Clique jedoch von ihrem Geheimnis erfährt, droht ihr Leben erneut in Flammen aufzugehen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 447
Veröffentlichungsjahr: 2025
Basma Hallak
© Atrium Verlag AG, Imprint Arctis, Zürich 2025
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Langenbuch & Weiß Literaturagentur.
© Text: Basma Hallak
Lektorat: Emily Brodtmann
Covergestaltung: Sarah Hensmann unter der Verwendung des Coverdesigns von Elena Garnu
Innenillustrationen: Anna Wolters
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag untersagt ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung die Nutzung dieses Werkes im Sinne des §44b UrhG für das Text- und Data-Mining.
ISBN978-3-03880-224-2
www.arctis-verlag.com
Folgt uns auf Instagram unter www.instagram.com/arctis_verlag
Liebe Leser:innen,
wir möchten ausdrücklich betonen, dass es sich bei Please Unfollow um einen fiktiven Roman handelt, der nicht die Lebensgeschichte eines realen Menschen erzählt, sondern primär auf ein traumatisches, unterrepräsentiertes Thema aufmerksam machen soll. Die Handlung ist von öffentlich getätigten Aussagen und dem Weltgeschehen inspiriert, wurde jedoch verfremdet, emotional aufgearbeitet und in einen kreativen, fiktiven Kontext gesetzt.
Zudem behandelt Please Unfollow Themen, die potenziell belastend sein können.
Eine Auflistung dieser Themen findest du hier.
Basma und euer Arctis Verlag
Für jedes transparente Kind da draußen, das seine Farbe erst noch finden muss.
Und für das Mädchen, das sich 2012 die ganze Nacht
Das Schicksal ist ein mieser Verräter-Quotes durchgelesen und davon geträumt hat,
irgendwann auch wunderschöne Herzschmerz-Bücher zu schreiben.
[Ausführliche Bildbeschreibung]
Ich glaube, ich muss mich übergeben. Schon wieder. Also, so richtig in Form und Farbe – nicht wie dieses Fake-Getue in irgendwelchen Filmen.
Vor mir baumelt ein Duftbaum der Sorte Streichelzoo, aus der Musikanlage plärrt eine extrem blecherne Version von Mambo No. 5 und am Straßenrand liegt ein totes Wiesel. Hinzu kommt, dass Mario ein unangenehmer Autofahrer ist, der immer viel zu spät bremst und jedes noch so winzige Schlagloch mitnimmt. Zugegeben, das sind wirklich bescheidene Bedingungen für meinen Neuanfang – oder wie auch immer man das hier nennen soll.
»Kalt genug?«, kommt es vom Fahrersitz, doch die Klimaanlage wird bereits ausgeschaltet, bevor ich überhaupt die Chance habe zu reagieren. Also zucke ich bloß mit den Schultern und versuche, nicht allzu auffällig auf die Schweißflecken unter den Achseln seines hellblauen T-Shirts zu starren. Es ist Anfang Juni und die Luft besteht aus Staub und verbrauchtem Atem. Noch ein Punkt, der meinem Magen nicht ganz so guttut.
»Ist doch auch mal schön, ein bisschen rauszukommen, oder?«
»Schätze schon«, antworte ich, als würde die Aussicht aus mehr bestehen als der kahlen Umgebung, in der irgendwann mal jemand beschlossen hat, eine Autobahn zu bauen.
Jetzt, da das unregelmäßige Brummen der Klimaanlage wegfällt, versucht er wieder, eine Stille zu füllen, die es nicht wirklich gibt. Schließlich läuft die Musik immer noch. Seit sieben Uhr früh, also der ungefähren Zeit, als er mich aus der Jugendarrestanstalt abgeholt und wir Köln über die Autobahn verlassen haben, hat er nicht eine Sekunde lang den Mund gehalten.
Ich weiß jetzt alles über seine neue Freundin und ihre dreizehnjährige Tochter, die ihn nicht ausstehen kann. Über ihren sechsjährigen Sohn, den er nicht ausstehen kann. Und nicht zu vergessen: Der fünfzigjährige Ex-Mann, den er mehr zu mögen scheint als seine Freundin – und das beruht anscheinend auf Gegenseitigkeit.
Ohne ihn zu fragen, kurble ich das Fenster herunter und atme tief ein. Es riecht ein bisschen verbrannt, aber immer noch besser als das Autoaroma. Eine Sekunde später spüre ich, wie eine Fliege von meiner Zunge in meinen Hals wandert.
»Ugh!« Ich schlucke den Fliegenleichnam zusammen mit dem immer stärker werdenden Ekel herunter, denn meine Trinkflasche ist bereits seit einer Weile leer. Die einzige andere Flüssigkeitsoption ist der letzte Schluck von seinem Frühstückskaffee, aber ich traue mich weder, ihn danach zu fragen noch, daraus zu trinken. Ich kenne Mario nicht besonders gut, aber ich könnte schwören, dass die Blase an seiner Unterlippe vorhin noch nicht Teil seines Gesichts war. Deshalb – und fürs Protokoll – putze ich mir später lieber winzige Flügel aus den Zahnzwischenräumen, als Herpescreme benutzen zu müssen.
Mario dreht mir den Kopf zu und ich bemerke, dass ich ihn ein bisschen zu auffällig angestarrt habe. Er sagt etwas, aber seine Stimme wird durch den Straßenlärm verschluckt, deshalb kurble ich das Fenster wieder hoch. Ich habe noch nie in einem Auto ohne elektrische Fensterheber gesessen, aber das ist bei weitem nicht das Älteste an dem Wagen: Die Flecken auf der Windschutzscheibe sind vermutlich fester Bestandteil der Einrichtung, einer der Seitenspiegel wird durch hellgraues Panzertape aufrechterhalten und dieser abgewetzte graue Lenkradbezug war bestimmt mal weiß. Das Auto hat bereits einige Reisen hinter sich – und keine davon führte durch eine Waschanlage.
Ich ziehe die Beine auf den Sitz, schließe kurz die Augen und muss mich am Armaturenbrett abstützen, als er wieder zu plötzlich abbremst.
»Tschuldigung«, er verzieht grimmig die Stirn. »Der hat seinen Führerschein anscheinend im Lotto gewonnen. Ist alles gut?«
Wahrscheinlich ist er dem Auto viel zu dicht aufgefahren. Ich glaube, er hat nicht unbedingt die beste Selbsteinschätzung, aber ansonsten ist Mario ganz in Ordnung. Zumindest für einen Sozialarbeiter. Auch wenn sein grelles Ed-Hardy-T-Shirt mir in den Augen wehtut. Wenigstens erwartet er auf seine ausschweifenden Erzählungen keine Reaktion. Als ich den Mund öffne, zeigt er mit bedeutungsschwerem Blick bloß auf meinen dreckigen Rucksack, der auf der Fußmatte liegt.
»Schreib’s in das Gefühlsheft, Sherry.«
Das Gefühlsheft ist eigentlich nur ein dünner Block aus grauem Recyclingpapier. Ich habe es am ersten Tag im Arrest bekommen, zusammen mit einer Zahnbürste, einem Handtuch, einem Sparkassenkuli und einem ausschweifenden Monolog über die Hausregeln. Ich soll es – wie der Name verrät – nutzen, um meine Gefühle zu dokumentieren und sie anschließend zu reflektieren. Nur habe ich seit meinem Arrest versucht, möglichst wenig zu fühlen, weshalb die bisherigen Einträge ziemlich lahm sind.
Gefühlsheft Sherezade W. Sherry
Ankunft Arrest, 14 Uhr, Zimmer ist klein, Frau redet so laaangsam, dass mir immer wieder die Augen zufallen.
Gefühl: müde
Abendessen, 18:24 Uhr, besteht aus Haferschleim und einer Soße, die aussieht wie ein Baby aus Blut und Cola
Gefühl: Ekel
Bereits an Tag 1 ist das Heft in die Innenseite meines Rucksacks gewandert, aus dem ich es jetzt ziehe und aufschlage. Mario wirft einen kurzen Blick auf die einzige beschriebene Seite und kneift die Lippen zusammen. Anscheinend enttäuschen ihn meine bisherigen Gefühle. Was hat er erwartet? Wir sind gerade auf dem Weg in ein Camp für straffällige Jugendliche. Dachte er, da stünde ein langes, hoffnungsvolles Gedicht über meine ungewisse Zukunft in meinem Gefühlsbingoheft?
Ich kapituliere und krame nach dem Sparkassenstift. Das ist ein bisschen albern, aber es scheint wichtig zu sein. Und er ist einer der umgänglicheren Erwachsenen. Ich schätze, für seine Nettigkeit kann ich mich schon bedanken.
Gefühlsheft Sherezade W. Sherry
Autofahrt nach Morgenlicht, 11:27 Uhr, totes Wiesel am Seitenstreifen.
Gefühl: Trauer, ein bisschen Wut, glaube ich
Ich linse unauffällig nach links und bemerke das triumphierende Zucken von Marios Mundwinkel.
»Wenn du dich erst richtig eingelebt hast, wird dir das ganze Handy-Gedöns nicht mal fehlen.«
Ich runzle die Stirn. Wie kommt er auf die Idee, dass ausgerechnet das mir fehlen könnte? Das ist das Einzige, was ich hier garantiert nicht brauche. Aber ich nicke trotzdem und verkneife es mir, das Wort missverstanden auf der Seite zu ergänzen. Besser er kann am Ende des Tages seinen Bericht damit füllen, wie kooperativ ich gewesen bin. Das Letzte, was ich möchte, ist, dass er Ärger bekommt, weil er nicht ahnt, dass ich meine eigenen Pläne für den Abend habe.
»Hach, endlich!« Mario drosselt die Geschwindigkeit und zeigt auf das Schild rechts von uns. Ich lächle ihn dankbar an. Vor ungefähr zwei Stunden habe ich nach einer Toilettenpause gefragt, doch jedes Mal, wenn wir in der Nähe einer Ausfahrt waren, hat er es einfach vergessen. Wenn ich wirklich auf die Toilette gemusst hätte, würde sein Wagen jetzt ganz anders riechen.
Das Auto kommt auf dem fast ausgestorbenen Parkplatz einer Raststätte ruckelnd zu stehen. Ich reiße die Tür auf und strecke meine müden Glieder. Die Betten im Arrest waren steinhart – bestimmt hat sich der Lattenrost als Tattoo auf meinem Rücken verewigt. Ich ziehe das dicke Haargummi aus meinen ungekämmten, dunklen Haaren und binde sie zu einem noch festeren Knoten, der an meiner Kopfhaut zerrt. Dann setze ich meine Kapuze auf. Marios Blick fliegt unsicher von der Raststätte zu mir und zu der Zigarettenpackung, die in der Mittelkonsole liegt. Um ihm die Entscheidung abzunehmen, schiebe ich wie auf Knopfdruck ein Bein vor das andere und setze einen gequälten Gesichtsausdruck auf. Mein Vater wollte schon zigmal mit dem Rauchen aufhören und jede Art von Druck hat ihn näher an einen Glimmstängel gelockt.
»In zehn Minuten wieder hier«, sagt er mit strengem Blick und holt unter größter Anstrengung ein rostiges Zwanzig-Cent-Stück aus seiner Hosentasche.
Ich blinzle ihn an. Selbst diese Toilettendrehkreuze kosten doch mittlerweile zwei Euro?
Egal.
Bevor Mario überhaupt nach einem Feuerzeug suchen kann, steuere ich schon die Raststätte an. Jede Sekunde zählt. Die Tür schwingt auf und ein Lkw-Fahrer mit abgetragener Kappe, dunklen Augenringen und einem überdimensionalen Kaffeebecher schlurft achtlos an mir vorbei.
Drinnen steigt mir der Geruch von Bockwurst und tonnenschwerem Männerdeo in die Nase. An der Kasse sitzt ein Junge mit einer Beanie, der an seinem Handy klebt. Perfekt.
Ich bewege mich lautlos durch die Gänge mit den wenigen Regalen, in denen teure Chips, Schokoriegel und Kuscheltiere liegen. Mitten im Laden steht ein Eimer voller halb toter Blumen, die als Last-Minute-Geschenke halb toter Beziehungen herhalten müssen. Meine Vans bleiben an einigen Stellen auf dem dreckigen Boden kleben, sodass ich fast über meine Füße stolpere, als ich zum Bereich mit den Hygieneprodukten komme. Zahnbürsten, Mundspülung, Kondome, Feuchttücher – und ganz unten, bedeckt von einer ordentlichen Staubschicht, Haarfarbe. Bloß eine einzige Packung.
Wild.
Es gibt so viele Dramaserien, in denen sich Frauen direkt zu Anfang an ranzigen Tankstellen die Haare färben – sollte es da nicht mehr Auswahl geben?
Ich entstaube die Verpackung und versuche mir einzureden, dass es sich bei dem verblassten und seit Jahren abgelaufenen Haltbarkeitsdatum bloß um eine Empfehlung handelt. Mit staubig-klebrigen Fingern friemle ich einen der gestohlenen Geldscheine aus meinem BH heraus. Das schlechte Gewissen meldet sich für eine halbe Sekunde. Ich habe ihn der Eiskönigin – wie alle anderen Jugendlichen im Arrest sie nennen – gestohlen. Gut, eigentlich ist sie bloß eine dieser wirklich übel gelaunten Erzieherinnen, die einen wie einen Schwerverbrecher behandelt und nie aussprechen lässt. Na ja, in meinem Fall nicht ganz unbegründet. Ich habe mir zwar geschworen, keine weitere Straftat mehr zu begehen, aber meine Optionen waren extrem begrenzt, weil:
Ich klaue die Scheine einer Person, die mir die ganze Nacht verboten hat, auf Toilette zu gehen.
oder
Ich klaue die Haarfarbe an der Tankstelle, was einen Anruf bei der Polizei zur Folge haben könnte, die mich wieder unter die Aufsicht der Eiskönigin bringen würde.
Die Entscheidung war schnell gefällt.
Ich laufe mit zügigen Schritten zur Kasse.
»Scheiße, Alter.«
»W-Was?« Ich hebe den Kopf und starre den Kassierer an. Auf dem Namensschild, das an seinem schmuddeligen dunkelblauen T-Shirt hängt, steht der Name Melvin. Seine Akne sieht ein wenig aus wie meine – damals, bevor Mama mich mit vierzehn dazu verdonnert hat, Make-up zu tragen, weil sich zu viele Menschen an meiner unreinen Haut störten. Mittlerweile sind auf meiner Haut nur beim genauen Hinsehen noch grobe Pickelmale zu erkennen.
Melvin schaut nur kurz auf, um dann sofort wieder in seinem Handy zu verschwinden und etwas zu nuscheln, das wie Formel 1 klingt. Er hält den Scanner an die Verpackung, ohne seinen Bildschirm aus den Augen zu lassen. Unter seiner Mütze lugen blonde, fettige Strähnen hervor. Nach etwa zehn Sekunden, in denen er sich nicht bewegt und bloß die Geräusche von durchdrehenden Reifen und quietschenden Bremsen aus dem Handy kommen, räuspere ich mich. Mit wütendem Gesichtsausdruck sperrt er das Handy und wirft es auf den Tresen, bevor er meinen Geldschein auf passiv-aggressive Weise glättet. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und versuche, durch die Scheiben Mario zu erkennen. Zu meiner Erleichterung lehnt er rauchend an seiner Motorhaube und telefoniert.
»Ist das alles?«
»Ähm, ja.« Das Pling der Kasse und das metallische Rasseln von Münzen folgen. Mein Blick fliegt zurück zu Mario und anschließend wieder zu Melvins Telefon, bis ich mir einen Ruck gebe.
»Sag mal, darf ich mir mal kurz dein Handy leihen?«
Er schiebt mir das Rückgeld über den Tresen und runzelt die Stirn. »Um die Ecke ist ein Münztelefon, da kannst –«
»Ich brauche ein Handy«, falle ich ihm direkt ins Wort. Mal davon abgesehen, dass ich um keinen Preis den klebrigen Hörer eines Münztelefons berühre, läuft mir die Zeit davon. Wie viel Pipi-Zeit ist normal für einen ausgewachsenen Teenager? Fünf Minuten? Zehn?
»Mein Vater hat mir Handyverbot gegeben, aber ich muss nur kurz was nachgucken. Dauert nur eine Minute.«
Sein misstrauischer Blick fliegt von mir zu Mario und wieder zurück. Wahrscheinlich wägt er gerade ab, ob er Zeuge eines Entführungsdramas ist. Und ob er die Wartezeiten bei der Polizeihotline in Kauf nehmen will.
Verdammt. Ich muss das alles weniger schlimm klingen lassen. »Ich habe letztes Schuljahr zu oft geschwänzt und jetzt hat er mir mein Telefon abgenommen«, lüge ich.
Im ersten Moment kneift er misstrauisch die Augen zusammen, doch dann nickt er wissend und schiebt mir das Handy über den Tresen zu. Ich bin eine richtig gute Lügnerin – auch wenn ich nicht unbedingt stolz darauf sein sollte.
»Wenn ich du wäre, würde ich mir das nicht gefallen lassen. Mein Alter hat das auch immer versucht, aber ich …«
Ich höre ihm schon gar nicht mehr zu. Mein Herzschlag ist in meine Ohren gewandert. Schnell, schnell, schnell. Das Handy ist nicht durch einen Code gesichert und YouTube ist auf dem Homedisplay. Seine Startseite besteht aus Rennautos und XXL-Straßenumfragen. Meine Finger fliegen hektisch über das Display. Zwei Worte.
Neun Buchstaben, die Papa, Mama und mich zusammenfassen:
Die Whites.
Der Name war die Idee meines Vaters. Englische Namen klingen immer besser. Internationaler, erfolgreicher. Lockt größere Kooperationspartner an. Mit einem Nachnamen wie Weiß hatten sie Angst, wie Spießer von einer Behörde zu wirken.
Das Rädchen dreht sich, ich beiße mir auf den rechten Daumennagel und werfe einen Blick auf die zwei Balken oben rechts. Entweder der Empfang ist schlecht, oder … Ich flüstere ein Stoßgebet und hoffe, dass mich irgendwer da oben trotz der Radiomusik und dem Autobahnlärm hören kann.
Ich muss wissen, was sie den Followern erzählt haben. Oder … wie sie kaschiert haben, dass ich verschwunden bin. Vielleicht haben sie aber auch begriffen, wieso ich es tun musste – was das alles aus mir gemacht hat –, und …
In der nächsten Sekunde ist der Bildschirm bunt und prall gefüllt – hauptsächlich mit meinem Gesicht.
2064 Videos, 10055728 Abonnenten.
Ich schlucke den Schock herunter, aber er landet in meinem Bauch und wandert von dort aus in meine – jetzt zitternden – Beine.
Im Arrest gab es jeden Tag einen Stuhlkreis. Ich und fünf andere zu Tode gelangweilte Jugendliche haben eine Stunde lang unsere Hausschuhe angestarrt und gebetet, woanders zu sein. Wenigstens durften wir dabei Schokokekse und Salzbrezeln snacken und ungesüßten Tee trinken. Wir wurden zu irgendwelchen Kennlernspielen gezwungen, in denen wir Dinge über uns erzählen sollten. Ich kenne jetzt sämtliche Lieblingsfarben und Snackpräferenzen irgendwelcher Leute, die so alt sind wie ich. Es war nicht unbedingt eine typische Beichtstunde von Kriminellen, eher wie das Vorlesen aus einem Freundebuch.
Name: Sherry
Alter: 17
Hobby: Stricken, Origami-Figuren falten
Lieblingsserie: Heartstopper
Wunschberuf: weiß ich nicht
Kleine Bausteine, aus denen ein Mensch zusammengesetzt ist. Trotzdem hatte ich nach der Vorstellung nicht das Gefühl, dass einer der anderen Jugendlichen mich jetzt kennt. Mit Blick auf die Playlists des YouTube-Kanals, in die meine Mutter sorgsam seit über zwanzig Jahren jedes Video einsortiert, verstehe ich auch, wieso. Bausteine, die mich beschreiben, sind eher Kategorien wie Vlogs, Storytimes, Challenges und Q&A’s.
»Was schaust du da?«
Ich zucke so krass zusammen, dass mir das Telefon fast aus der Hand fällt. Melvin streckt die Hand aus, um mir sein Handy abzunehmen, doch ich weiche panisch zurück. Mit zittrigen Fingern klicke ich auf den Pfeil in der linken Ecke. Er soll es nicht sehen. Diese Videos brauchen keinen weiteren Zuschauer, dieser YouTube-Kanal keinen weiteren Abonnenten.
»Willst du mich verarschen? Her damit!« Er gibt mir keine Chance, darauf zu antworten, denn bereits im nächsten Moment hat er sich über die Verkaufstheke gelehnt und mir das Telefon aus der Hand gerissen, das mit einem unschönen Geräusch auf dem Zahlteller landet. Die Melodie eines Liedes erklingt und sein wütender Blick fliegt augenblicklich zum Bildschirm. Er muss versehentlich eines der vorgeschlagenen Videos angeklickt haben. Doch es ist keines von dem YouTube-Kanal meiner Eltern, sondern von jemandem, der sich Thewhitefamily2003 nennt. Ein Fanaccount, davon gibt es Hunderte. Das Profilbild ist eines unserer Familienfotos. Ich schlucke bei der Videounterschrift.
Sherezade White Moments #Edit #diewhites #Anton #Merle #Shazi #funny #familyvlog #Baby #viral
Zu übertrieben glücklicher Musik starre ich auf ein kleines Baby, das in einem Hochstuhl sitzt. Es trägt ein blaues Lätzchen mit kleinen Melonen, an dessen Kragen eindeutige Flecken von Kotze kleben, doch die Frau mit den hellblonden Haaren schiebt ihm bereits den nächsten Löffel in den Mund. Das Kind spuckt und beginnt zu weinen.
»Der schmeckt wie Scheiße.« Ich sehe zu Melvin, der nicht mehr wütend, sondern irgendwie … gefesselt wirkt. Als er meinen Blick bemerkt, hebt er unschuldig die Hände. »Ich bin kein Creep, ich hab ’ne kleine Schwester, die hat davon auch immer gekotzt.« Er verschränkt die Arme vor der Brust und verengt die Augen. »Aber meine Mutter hat den trotzdem immer wieder nachgekauft, weil so viele Influencer Werbung für den gemacht haben.«
Auf dem Bildschirm hebt die Mutter das weinende Kind aus dem Stuhl. Es trägt einen ärmellosen Body, der durch die volle Windel am Hintern spannt. Seine Beine sind nackt. Eine Sekunde später liegt es auf dem Wickeltisch und spielt mit einem gelben Känguru. Die Kamera schwenkt auf die Frau. Ihr glatter Pony verdeckt ihre gesamte Stirn, ihre Augen sind blau und stehen weit auseinander. Sie bewegt die Lippen, doch durch die darüber gelegte Musik weiß man nicht, was sie sagt. Die Aufmerksamkeit liegt eher auf der zusammengeklebten Windel, die sie den Zuschauern präsentiert. Cut.
Ein kleines Mädchen steht im Fokus der Kamera. Die beiden Muttermale auf der Stirn verraten, dass es dasselbe Kind ist. Sie hat dunkle lange Haare, die ihr unordentlich über die Schultern fallen. Cut.
Sie schreit, bis ihr das Blut aus der Nase schießt, als ihre Mutter versucht eine Bürste durch die unbändigen Locken zu führen. Cut.
Zu den Füßen des Mädchens steht ein kleines Planschbecken im Garten. Sie strahlt mit ihrem grünen Bikini in die Kamera, als ihr Vater in Badehose neben sie tritt. Er lacht auch, bevor er so tut, als würde er mit seiner Tochter herumalbern und dabei seine Hüften ungelenk bewegen. Sie tanzen, bis das kleine Mädchen mit gerunzelter Stirn beginnt, sich im Nacken zu kratzen. Ihre Mutter tritt vor die Kamera, löst die Träger des Bikinioberteils. Dann tanzt das Mädchen weiter – oben ohne. Cut.
Die Familie – Mutter, Vater, Kind – sitzt an einem Esstisch. Das Mädchen ist wieder etwas älter, vielleicht neun oder zehn. Tränen kullern ihr über die Wangen, als ihr Vater aufsteht und eine korrigierte Klassenarbeit in die Kamera hält. Die rote Fünf nimmt beinahe ein Viertel des Blattes ein.
»Die Arme, man. Wieso müssen die das filmen?« Melvin sieht mitleidig auf den Bildschirm. Als er das Display kurz antippt, zeigt sich, dass das Video noch etwa zwei Minuten geht.
Ich bin wie versteinert und schaffe es nicht mal, nach Mario zu sehen – geschweige denn, mich vom Fleck zu bewegen.
Das Mädchen, diesmal offensichtlich in der Pubertät, steht vor einem Spiegel. Um sie herum herrscht Chaos: Die Wände ihres Zimmers sind rosa, über ihrem Bett hängt ein Himmel in pastelligen Regenbogenfarben. Ihr Lampenschirm hat die Form einer Blume. Ihre Bettwäsche ist weiß mit kleinen roten Kirschen. Auf dem grünen Teppich liegen neben Schokoriegelverpackungen und leeren Trinkflaschen noch getragene Unterwäsche samt Slipeinlagen. Sie hält eine Deoflasche an den Mund und singt lauthals, bis sie die Kamera bemerkt. Die Aufnahme rüttelt hin und her, als würde die Person dahinter lachen. Das Mädchen schüttelt den Kopf und zieht die langen Tennissocken, die es sich für eine größere Oberweite in das Tanktop geschoben hat, heraus. Cut.
Es ist ein strahlender Tag mit blauem Himmel. Sie steigt mit hängenden Schultern aus dem Schulbus. Um ihre Hüften hat sie ein kariertes Baumfällerhemd gebunden, das ihr weißes Sommerkleid verdeckt. Im Hintergrund erkennt man ein klobiges Gebäude, eine alte Schule mit bunten Gardinen. Die anderen Schülerinnen verstreuen sich in alle möglichen Richtungen. Sie stellt kaum Blickkontakt mit der Kamera her, man erkennt bloß mit Mühe, dass sie irgendwelche Worte murmelt. Auf ihren Wangen mischen sich rote Flecken mit feinen Sommersprossen. Es muss wieder ein bisschen Zeit vergangen sein, sie sieht älter und größer aus. Dann schüttelt sie mit geweiteten Augen den Kopf, als hätte jemand hinter der Kamera sie zu etwas aufgefordert, womit sie nicht einverstanden ist. Doch schon eine Sekunde später löst sie resigniert das Hemd von ihren Hüften und dreht sich mit einem gequälten Gesichtsausdruck herum. Auf Höhe ihres Hinterns prangt ein blassroter Fleck.
Wahrscheinlich hat mein Gesicht gerade genau die gleiche Farbe.
»Das ist … das ist voll krank.« Kein Plan, ob Melvin das Periodenblut auf dem Rock oder das Video meint. »Also, dass die das aufnehmen … und dass irgendjemand so was zusammenschneidet.« Er verzieht angewidert das Gesicht und mir ist wieder übel.
Denn genau das beschreibt mein Leben.
@therealwhites • 900000 Abonnenten • 181 Videos
Hey, White Family! Willkommen bei uns zu Hause. Wir sind Anton, Merle und unsere 10 Monate alte Tochter Sherezade …
»Nur noch eine Minute …« Merle zwängt mit einer Hand die enge Schleife über den Kopf ihres Babys, das sich seit zwanzig Minuten brüllend an sie klammert.
»Schhh.« Sie klopft ihr nur leicht auf den Rücken, damit sie bloß nicht einschläft. Zwischen den Aufnahmen vom Morgen – Anton und sie haben ein virales Rezept für High-Proteine-Zimtschnecken ausprobiert – und dem Weg in dieses Fotostudio haben sie den Mittagsschlaf von Sherezade vernachlässigt.
»Ich will das Video starten, kannst du kurz machen, dass sie aufhört zu weinen?«
Er steht ein paar Schritte von ihr entfernt und hält die Kamera in der Hand, mit der gerade schon das Studio, die mit pinkfarbenem Tüll aufgehübschte Kulisse und die riesige Sahnetorte gefilmt wurden.
»Wie denn?«, fragt Merle gereizt über das Gebrüll des Kindes hinweg.
»Keine Ahnung«, antwortet er in einem ähnlich genervten Ton. »Aber wenn sie sich nicht bald beruhigt, besteht unser Vlog nur aus den Zimtschnecken.« Er sieht sich in dem Fotostudio um.
»Und dann haben wir dieses Smashcake-Ding umsonst gebucht. Die Anzahlung kriegen wir nicht zurück, wenn wir es verschieben.«
Merle fährt sich gestresst durchs Haar. Eigentlich ist Sherezade kein schwieriges Kind. Sie schläft durch, ist fast jeden Tag gut gelaunt und sie ist nicht pingelig, was die Babynahrung angeht. Keine der von anderen Müttern in den Kommentarspalten angekündigten Horrorszenarien ist eingetroffen.
Aber es gibt auch Wochen wie diese, in denen sie nicht perfekt, sondern quengelig und anstrengend ist.
»Nein, wir können das nicht verschieben, ich habe noch die offene Kooperation, das muss bis heute gepostet werden.« Eine YouTuberin aus Neuseeland hatte für ihre Tochter die gleiche Kooperation für die Babyklamotten, die Sherezade trägt.
Ihre Tochter hat es wieder geschafft, sich die passende gelbe Schleife von den Ohren zu zerren. Anton hebt sie auf und schiebt sie ihr so tief auf die Stirn, dass das Kind ihre gesamte Energie braucht, um sie wieder auszuziehen.
Ein lauter Knall hallt durch das kleine Studio. Der Fotograf, der gerade eine rauchen war, ist zurück und verteilt sämtlichen Qualm, der nicht in seiner Lunge gelandet ist, in der Umgebung.
»Können wir?« Merle nickt, dann löst sie den klammernden Griff ihres schreienden Babys und setzt es auf das weiße Kissen, direkt vor die gigantische Sahnetorte. Sie geht weg, nimmt sich eine Handpuppe und versucht, die Aufmerksamkeit ihrer Tochter zu erregen. Anton steht links von ihr und filmt. Die White Vlogs werden jeden Sonntag auf YouTube hochgeladen und die mit Sherezade im Thumbnail funktionieren am besten.
»Komm schon, Shazi-Hase. Einmal in die Kamera lächeln.« Merle fuchtelt hektisch mit der Handpuppe herum, doch sie bekommt keine Aufmerksamkeit. Sherezade schreit und schlägt umsich. Das ganze Szenario ist weit entfernt von den lächelnden Babys, die grinsend im Kuchen rummatschen.
»Das macht so doch gar keinen Sinn.« Der Fotograf hebt den Kopf und sieht die Eltern nacheinander an. »Die will den Kuchen nicht mal anrühren.«
Ehe er sich versehen kann, hat Anton seiner Frau die Kamera in die Hand gedrückt, und geht auf seine Tochter zu. Das Heulen erstirbt und hoffnungsvoll streckt das kleine Mädchen ihre Hände nach dem Vater aus. Doch dieser drückt ihre kleinen Hände tief in die kühle Sahne der Torte. Dann nimmt er noch ein bisschen und füttert sie damit – oder vielmehr schiebt er es ihr in den offenen, schreienden Mund und verteilt davon noch mehr in ihren Haaren und ihrem Gesicht.
Sherezade schläft in der Sekunde ein, in der das Fotoshooting vorbei ist. Das ist aber in Ordnung, denn ihre Eltern haben genug.
In der Nacht fängt sie wieder an zu brüllen, bis die beiden verschlafen in das schön eingerichtete Kinderzimmer stolpern. Genau wie die Nächte davor scheint ihre Tochter sich nicht beruhigen zu lassen.
»Hey, White-Family! Willkommen zurück in unserem Leben. Ihr wisst, wie wichtig es uns ist, immer real zu sein und euch an allem teilhaben zu lassen. Ihr gehört schließlich zu uns. Deshalb wollen wir euch zeigen, dass es auch harte Momente gibt.« Anton hält die Kamera auf sich, als er zurück ins Kinderzimmer geht, wo Sherezade in einem ärmellosen Body und rotem Gesicht auf dem Schoß ihrer Mutter sitzt. »Wir haben schon alles versucht, aber sie lässt sich einfach nicht beruhigen.«
Er streckt die Hand nach ihr aus, doch sie dreht ihren Kopf sofort weg. Als würde sie sich daran erinnern, dass er ihr vor ein paar Stunden den Kuchen in den Mund geschoben hat.
»Es ist mir auch peinlich, mich so zu zeigen, wisst ihr.« Merles Augen füllen sich mit Tränen. »So fertig, unausgeschlafen. Ungeschminkt. Unperfekt.«
Realness kommt immer gut, aber nur in Maßen. Es ist ein schmaler Grat zwischen einer Realität, mit der sich ihre Follower identifizieren können, und der perfekt gezeichneten Familie, die in einem Haus mit Designermöbeln lebt und riesige Summen für ihre Kooperation bekommt.
»Ich will gut genug für sie sein. Würde alles geben, um sie glücklich zu machen. Aber ich habe alles ausprobiert, damit es ihr besser geht. Sogar jede Art von Gute-Nacht-Tee, die ihr mir in die Kommentare geschrie –«
Merle stoppt mitten im Satz und reißt die Augen auf. Ihr Blick zuckt zu Sherezade, die einfach eingeschlafen ist – als wäre sie eine Puppe, deren Batterien plötzlich leer sind.
»Was ist?«, hört man Anton hinter der Kamera fragen.
»Das … irgendwas hier fühlt sich ziemlich nass an.« Merle schiebt ihre Hände unter die Achseln ihrer Tochter und hebt sie vorsichtig hoch, während näher gezoomt wird. Direkt auf den gelb-bräunlichen Durchfall, der es an der Windel vorbei geschafft hat und jetzt das Bein des Kindes herunterläuft.
@SabriaH_
Omg, Sherezade ist einfach ein girl mit Tummy-Problems. Dieses Gefühl, wenn es endlich vorbei ist!
@FEMFAT_
Liebe Merle, weißt du, was ich sehe, wenn du so zweifelst? Einfach eine wunderschöne Seele, die alles tut, um glücklich zu sein.
@PeopleLover
Ich liebe es, wie real ihr seid.
@BrumbleBoo_
Postest du die Smashcake-Fotos auch auf Instagram? Will sehen, die sind bestimmt süß
@Schildkröterfam_
Woher ist Sherezades Kleid und die Schleife?
@DieWhites
Die sind von huffytherabbit.com – steht auch in der Videobeschreibung. Wir haben dort auch einen 50 % Rabattcode für die erste Bestellung! 😀
@Schildkröterfam_
Ah perfekt! Welche Größe trägt Sherezade im Video? Bin nicht sicher mit den Konfektionsgrößen. Mein Kind ist ungefähr so groß wie sie, aber wiegt acht Kilo. Sherezade sieht viel viel dicker aus.
@DieWhites
Sherezade trägt 74/80. Aber bei huffytherabbit.com gibt es eine Größentabelle auf der Seite (Link in unserer Bio.) Sie haben auch einen tollen Support, der dir da weiterhilft!
@Kassy_Slemsli
@DieWhites: Wie kannst du den Kommentar zum Gewicht deines Kindes ignorieren und nicht mal was dazu sagen?!
@MeyMey
DANKE! Dachte gerade GENAU das gleiche. Hauptsache x Mal auf den Rabattcode hinweisen, damit man schön viel Geld sieht.
@JecksSpero
Körper kommentieren geht gar nicht. Schau doch einfach von Anfang an in die Größentabelle.
@Praisethestrom
Heutzutage darf man wirklich gar nichts mehr sagen. Wenn sie ihr dickes Kind zeigt, dürfen Leute das doch auch sagen.
@KirniteldasSchnitzel
Gruselige Vorstellung, dass Sherezade diese Kommentare irgendwann sieht.
@Praisethestrom
Und dann? Sie wird doch auch sehen, dass sie dick ist.
@KirniteldasSchnitzel
Ziemlich große Fresse für jemanden ohne Profilbild.
@Timora
Das Baby trägt doch NIEMALS eine 74 – kannst du ein Video machen, in dem du das Etikett zeigst?
@Classychillypiy
Willst du gleich noch ein Foto vom Inhalt der Windel?
@FedoricFUAngrybidr
Lol, braucht man nicht. Haben ja schon alles gefilmt.
@MeikeMareike
Danke!!!! Ich kann diese ganzen glattgebügelten Blogger nicht mehr sehen, die mir andauernd ihr perfektes Kind präsentieren.
@Sarimaaaa
Welche Windelmarke benutzt ihr??
@Holiger72
Die Kleine muss noch ein bisschen treffsicherer werden, hat sich ja richtig eingesaut.
@HerzNierenundBier
Das ist nicht normal für ein Baby dieser Größe so viel Durchfall zu haben. Bitte geht zum Arzt, sie hat bestimmt eine Krankheit
@Sunsetlinke
Übergriffige Menschen im Internet be like:
@KikkysSchee
Übergriffig sind eher die Eltern, die das hochladen.
@GreysonFiear
Bitte mehr Vlogs mit Sherezade. So eine süße Maus.
@SmilyMilesly
Hauptsache die Kamera draufhalten, während das Kind so schreit? Mitten in der Nacht hätte ich wirklich andere Sorgen????
@TanzschuleKlark
Könnt ihr auch filmen, was ihr danach gemacht habt mit ihr?
@SerafineBlue
Ihr seid so eine tolle Familie, die mir immer ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
@Casperknopf
Oh, wie Sherezade sich mit dem Kuchen eingesaut hat, da will man ja auch direkt mitnaschen 🙂
Mario kann mich lesen wie ein Buch mit unsichtbarer Schrift. Also … gar nicht. Als ich wieder neben ihm Platz nehme, summt er vor sich hin. Er scheint gar nicht bemerkt zu haben, dass ich länger weg war. Oder er traut sich nicht, mich auf meine Toilettenzeit anzusprechen. Vielleicht ist er einer dieser Männer, die Angst vor einem menstruierenden Körper haben. Mir soll’s recht sein.
Der Gedanke an dieses Video treibt wie ein Krankheitskeim durch meinen ganzen Körper und lässt mich die ganze Zeit zusammenzucken. Am liebsten hätte ich ein Bett und eine riesige Decke, unter der ich mich vor der Realität verstecken kann. Oder vielleicht direkt einen brüchigen Erdboden, der aufreißt und mich verschluckt. Ich bin so durcheinander, dass ich sogar zustimme, als Mario mich fragt, ob wir mal in den Radiosender mit 80er-Jahre-Klassikern schnuppern wollen (seine Worte, nicht meine).
Die Ortsschilder fliegen an uns vorbei, während Mario zu ABBA, Modern Talking, Whitney Houston und so vielen anderen Liedern trällert, dass ich irgendwann auf Durchzug schalte. Mein Kopf ist heiß und etwas Krampfiges sitzt auf meiner Brust. Ich ziehe den Rucksack auf meinen Schoß und krame vorsorglich nach einem Taschentuch, weil erfahrungsgemäß gleich unkontrolliertes Nasenbluten folgen wird. Früher dachten meine Eltern, das passiert nur, wenn ich richtig wütend bin, aber eigentlich ist es jedes Gefühl, das mir in den Kopf steigt. Meine Mutter hat mich schon zu so vielen Ärzten geschleppt, aber so eine richtige Diagnose gibt es nicht. Ich muss einfach damit leben, dass mir ab und zu das Blut aus der Nase schießt, als wäre ich ein sexuell erregter Junge aus einem Anime.
Mein Rucksack ist nicht besonders voll: Eine angebrochene Packung Butterkekse, eine leere Mezzomix-Flasche, bei der ich das Pfandetikett abgepult habe, eine Packung Kaugummi und Mimi, mein gelbes Plüschkänguru. Na ja, mittlerweile sieht es eher aus wie ein blassgraues, in die Jahre gekommenes, einäugiges Wiesel. Ah, und natürlich mein unfassbar sinnvolles Gefühlsheft. Aber weit und breit kein Taschentuch – großartig. Ich öffne das Heft und starre nachdenklich auf die wenigen Worte auf dem grauen Recyclingpapier. Die unangenehmen Gefühle krabbeln unter meiner Haut, als wären sie Ameisen. Wenn ich allein wäre, würde ich die Augen schließen und so lange schreien, bis ich wieder Platz in meinem Bauch habe. Wahrscheinlich würde mich Mario bitten, all die Wut und Trauer in das Gefühlsheft zu übertragen.
Doch bevor ich Selbstekel, Übelkeit und Selbsthass aufs Papier bringen kann, tropft das Blut bereits in dicken Tropfen auf die Seite und in meinen Schoß, wo es in den Stoff meiner schwarzen Leggings sickert.
»Oh, was ist da denn los?« Mario sieht mich mit aufgerissenen Augen an. Das Auto macht einen ungemütlichen Schlenker, der mit einem ohrenbetäubenden Hupen eines Lkws bestraft wird. Er lenkt hektisch zurück in die Spur, dann greift er nach dem Regler und Stille kehrt ein. Wahrscheinlich überschlägt er gerade, wie sehr er seine Aufsichtspflicht verletzt hat und ob ich in der Tankstelle in eine spontane Prügelei geraten bin.
»Ja, sorry, das passiert mir manchmal.« Ich hebe das Heft an die Nase, während Mario hektisch in seinem Seitenfach kramt. Anschließend kann er mir trotzdem bloß ein zerknülltes Taschentuch aus seiner Jackentasche anbieten. Nein, danke. Da blute ich das Ding lieber voll. Und ich brauche den Zettel nicht mehr. Das Gefühl, das mich am besten beschreibt, steht mir ohnehin bereits auf die Stirn geschrieben:
Transparent.
Die Blutflecken auf der beschriebenen Seite sind bereits braun, als wir die asphaltierte Straße verlassen.
Wir fahren gerade durch einen Ort, Pirna, als Mario sich grinsend zu mir dreht und sagt: »Willkommen, das ist das Tor zur Sächsischen Schweiz«, worauf ich mit einem sehr enthusiastischen und gar nicht gelangweilten Schulterzucken reagiere. Dabei ist es nett hier, alles erinnert an ein hübsches Postkartenmotiv, das man bestimmt an den örtlichen Souvenirshops kaufen kann. Der Ort ist umgeben von leichten Hügeln und Bergen, alles ist irgendwie malerisch, mit alten Gebäuden in warmen Farben. Von hier aus kann ich nur einen kurzen Blick auf die süßen Gassen, die nur für Fußgänger bestimmt sind und an denen sich Touristen tummeln, werfen.
Ich bin viel zu fertig, um es irgendwie wertzuschätzen. Das Einzige, was mich hier interessiert, ist der Fast-Food-Laden an der Landstraße, deshalb prasseln Marios Schwärmereien zum Elbsandsteingebirge, der Kirnitzschtalbahn und der Basteibrücke sofort an mir ab. Die Umgebung wird mit jedem Kilometer, den wir hinter uns lassen, einsamer und wilder. Mario schaltet irgendwann das Radio aus und telefoniert anschließend zweimal mit dem Ex-Mann seiner Freundin (keine Ahnung, wieso). Ich höre auf zu zählen, wie viele Steigungen, Täler und Wälder wir durchqueren. Für einen kurzen Moment haben wir eine atemberaubende Aussicht auf eine grau-grüne felsige Landschaft über einem breiten glitzernden Gewässer.
»Die gute Elbe«, sagt Mario und ich nicke und kaue weiter an meinem Daumennagel. Dann öffne ich das Fenster einen Spalt und atme die klare Luft ein – diesmal, ohne einer Fliege das Leben zu nehmen.
Plötzlich wird mir bewusst, wie weit weg Köln jetzt ist. Von zu Hause bin ich eher graue Gebäude, breite Straßen und durchgehenden Lärm gewohnt – wobei ich genau genommen kein Zuhause mehr habe.
»Also das, wo du mich jetzt hinbringst …«, ich räuspere mich, »… ist nicht so was wie ein Sommercamp, oder?«
Gestern früh hat die Eiskönigin mir bloß mitgeteilt, dass Mario mich abholen kommt, weil ich jetzt in ein Camp muss. Ich habe bloß genickt, weil ich allem zugestimmt hätte, was mich aus den stickigen vier Wänden des Arrest-Zimmers bringt – und weil ich wusste, dass ich so zumindest die Chance habe, meinen Plan umzusetzen.
»Camp ist tatsächlich der falsche Ausdruck. Das hat irgendwann mal ein Praktikant versemmelt und jetzt ist es schwer, die Bezeichnung wieder loszuwerden. Es ist ein Programm. Das Morgenlicht-Programm, um genau zu sein. Benannt nach dem Ort.« Er reibt sich das Kinn. »Es ist mehr ein Zusammenschluss mit anderen Jugendlichen, die in einer ähnlichen Lage stecken und auf irgendeine Weise mit dem Gesetz in Berührung gekommen sind.« Mit Blick auf mich fügt er hinzu: »Mal mehr, mal weniger.«
Es ist offensichtlich, was er damit meint. Die anderen Jugendlichen sind das weniger, ich definitiv das mehr.
»Ihr wohnt in einem Anbau des Wolkensteins, das ist das einzige Hotel im Ort, und ihr arbeitet im Himmelsgenuss, das ist das Gasthaus.«
»Oh, alles ziemlich himmlisch«, murmle ich sarkastisch und er bricht in Gelächter aus. Drei volle Minuten erliegt er meinem Humor und haut dabei gegen sein Lenkrad. Dann wischt er sich die Lachtränen aus dem Gesicht und macht einfach weiter.
»Eure Zimmer liegen direkt darüber. Von Montag bis Freitag habt ihr ganz normal Unterricht bei einer Privatlehrerin – und natürlich regelmäßige Therapiestunden.« Als er das letzte Wort ausspricht, schenkt er mir einen bedeutungsvollen Blick.
»Und was daran … ist meine richtige Strafe?«
Er zieht die Augenbrauen in die Höhe, überrascht von meiner Frage. Ich runzle die Stirn. Habe ich etwas Falsches gesagt?
»Ich meine … wir sind nicht isoliert. Nicht eingesperrt. Wir können uns dort frei bewegen. Oder?«
»Sherry, lass mich eins klarstellen. Wir möchten dich nicht bestrafen, sondern dir helfen. Deshalb haben sich eine Menge Menschen dafür eingesetzt, dass du am Morgenlicht-Programm teilnehmen kannst. Sogar Constanza, die Leiterin, hat sich für dich starkgemacht. Und sie ist wirklich sehr wählerisch, was die Jugendlichen angeht, die sie aufnimmt.«
»Wieso? Wonach werden die Jugendlichen denn ausgewählt?«
»In erster Linie, und das hat oberste Priorität, dürft ihr keine Gefahr für euch selbst oder jemand anderen sein.« Ich blinzle angestrengt und bete, dass er direkt weiterspricht und sich nicht die Mühe macht, meine Körpersprache zu deuten.
»Dann steht natürlich auch der Resozialisierungsgedanke im Vordergrund. Wir wollen jedem Jugendlichen ermöglichen, sich nahtlos wieder in die Gesellschaft einzugliedern.«
Die Straße ist uneben und ich spüre, wie mein Magen sich erneut meldet. Schnell krame ich die halbe Packung Butterkekse aus meinem Rucksack und schiebe mir zwei auf einmal in den Mund. Eigentlich wollte ich mir das Essen aufsparen, aber der Seitenstreifen auf diesen Straßen ist schmal und ich vertraue Marios Fahrskills einfach nicht. Ich will nicht in einem Straßengraben meine letzte Ruhe finden.
»Dann solltet ihr alle noch schulpflichtig sein oder Constanza muss zur passenden Zeit eine Ausbildungsstelle im Hotel oder im Gasthaus haben. Natürlich ist es immer am günstigsten, wenn ihr alle in einem ähnlichen Alter seid, weil ihr dann gemeinsam unterrichtet werden könnt. Constanza hat mich informiert, dass fast alle so alt sind wie du.«
»Oh. Sie sind schon da? Wir fangen nicht gemeinsam an?«
»Tatsächlich sind sie schon seit den Winterferien dort. Die meisten der vorherigen Gruppe sind während der Programmzeit volljährig geworden und haben mittlerweile eine Ausbildung, ein Studium oder einen Job begonnen. Es geht ihnen besser. Das wird bei euch auch so sein.«
»Aber ich … ich bin vier Monate zu spät.«
»Du bist eine Ausnahme, Sherry. Normalerweise sind es auch immer nur vier Jugendliche. Aber dein Fall ist sehr speziell, deshalb gelten besondere Umstände.«
Ich kneife die Lippen zusammen und nicke leicht.
Ausnahme. Sehr speziell. Besondere Umstände.
Das hört man doch gern.
»Es wird alles gut, versprochen.« Er lächelt mich aufmunternd an, doch es funktioniert nicht. Es dauert noch eine halbe Stunde, bis wir schließlich unser Ziel erreichen. Auf dem gelben Ortsschild am Straßenrand steht Morgenlicht.
Ich habe mir die Ankunft hier anders vorgestellt.
Auch wenn Mario mir lang und breit erklärt hat, dass das kein Gefängnis in den Bergen ist, haben meine Gedanken sich in Richtung Bootcamp bewegt. Eines, wo man mich schreiend aus dem Auto zitiert, jedes meiner Widerworte mit Liegestütze bestraft und ich schließlich anfange, Zigaretten wie eine Währung zu behandeln.
Aber auf diesen Anblick jetzt hätte mich nichts vorbereiten können.
Mitten auf dem Schotterweg vor uns steht ein in knapper Badehose bekleideter Mann und leckt genüsslich an seinem Erdbeereis. Seine Haut ist krebsrot (wie sein Erdbeereis) und seine weißen Haare stehen an den Seiten unter seinem Strohhut heraus. Nach der wunderschönen Natur der letzten halben Stunde bringt mich der Anblick unmittelbar auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich setze mich ein wenig auf und lasse den Blick schweifen. So auf die Schnelle lässt sich dieser Ort am ehesten mit einem kleinen Touristendörfchen beschreiben. Von hier aus erkenne ich aufgereihte bunte Häuser, einen etwas hohen Kirchturm und ein bisschen Natur drum herum.
Rechts von uns steht ein riesiges, hellorange gestrichenes Gasthaus, das ein bisschen so aussieht, als würde es schon seit dem Mittelalter von Generation zu Generation treu weitervererbt werden. Davor sind mehrere Tische mit Bänken platziert, an denen Gäste sitzen und essen. Das muss das Himmelsgenuss sein. Ich presse mein Gesicht fast gegen die Scheibe, um einen Blick auf die obere Etage zu erhaschen – zu den Zimmern der anderen Jugendlichen –, aber kann nichts Außergewöhnliches ausmachen.
Direkt daneben reiht sich ein rosa gestrichenes Gebäude ein, das doppelt so lang ist. Über der gläsernen Tür hängt ein schwarzes Metallschild, auf dem Wolkenstein steht. Es sieht aus wie eine gigantische Scheune, mehrere Stockwerke hoch. Über die Hälfte der Fassade ist unter einer grünen Efeu-Ranke verborgen. Auf zwei der drei Balkonen im ersten Stock sitzen Personen und unterhalten sich. Direkt gegenüber, vielleicht eine halbe Gehminute entfernt, liegt ein Strand. Er ist durch eine hüfthohe Backsteinmauer vom schmalen Gehweg abgetrennt. Der Strand ist nicht riesig, aber groß genug für ein paar Strandkörbe, einen Bademeister-Hochsitz und einige Liegen. Ein bisschen weiter vorn steht ein Bootshäuschen an einem langen hölzernen Steg. Im Wasser daneben schaukelt ein Boot.
Der alte Mann in Badehose beachtet Mario kaum und bewegt sich erst zur Seite, als weitere Leute mit Eistüten, die sie sich vom gelben Eiswagen an der Straßenecke geholt haben, in Richtung Strand ziehen.
»Für manche Menschen ist wohl immer Urlaub.« Mario lenkt den Wagen grimmig über die schmale, unebene Straße, wobei er noch einige Male anhalten muss, weil andauernd jemand vor sein Auto stolpert. Ich kurble das Fenster herunter und atme den Geruch von Sonnenmilch und fettigen Pommes ein.
Die Gebäude rechts von mir sind unterschiedlich groß und allesamt bunt, auf der gesamten linken Seite ist bloß Wasser. Egal, wo man steht, man hat immer einen Ausblick auf die steilen hohen Felsen. Sie sind irgendwie seltsam verformt, sehen alle unterschiedlich aus und scheinen direkt hinter dem Wasser zu beginnen, da Morgenlicht in einem Tal liegt.
Mario biegt irgendwann rechts ab und parkt in einer schmalen Straße, direkt vor ein paar Strohballen.
Dann greift er nervös in die Mittelkonsole, bekommt nichts zu fassen und erinnert sich im selben Moment daran, dass er seine Kippen aufgebraucht hat.
»Bleib hier, ich hole Constanza.« Anders als bei der Tankstelle checkt er die Gegend nicht ab, um meine Flucht ausschließen zu können.
Ich steige aus dem Auto und komme mir vor wie eine Figur aus einem Sommercamp-Film. Eigentlich müsste ich jetzt die Hände in die Hüften stemmen, lächelnd den Kopf schütteln und so was sagen wie »Dieser Sommer wird mein Leben verändern!«, dann werde ich die besten Freunde der Welt treffen und jeden Abend beten, dass dieser Sommer niemals endet.
Die Realität trifft mich in Form einer Geruchswolke aus Pferdemist und Bauernhof. Ich ziehe mir das Shirt über die Nase, auch wenn das nichts besser macht. Vielleicht hätte ich nicht ganz so tief einatmen sollen, aber zu meiner Verteidigung: Ich dachte, es würde irgendwie blumig riechen. Ich war einmal mit Mama und Papa in den Highlands und da war die Luft so frisch und unverbraucht, dass ich kurz das Gefühl hatte, der Sauerstoff würde ausnahmslos jede Pore meines Körpers erreichen. Aber das hier … riecht anders. So auf den ersten Blick sehe ich keinen Bauernhof oder Ähnliches, aber die große Scheune, an der wir parken, ist schon mal ein erstes Indiz.
Im Gegensatz zu dem anderen Gebäude wurde sie sehr eindeutig nicht zu einem Hotel umgebaut. Als ich gerade einen Schritt machen will, hält mich etwas Kleines zurück. Pelziges Fell streift meinen Knöchel.
Als ich heruntersehe, sitzt eine kleine schwarze Katze zu meinen Füßen. Sie hat weiße Tatzen und riesige grüne Augen, die mich unentwegt anstarren. Mein Vater hat eine starke Katzenhaarallergie, deshalb durfte ich selten mit der Nachbarkatze spielen – eigentlich nur, wenn meine Mutter ein paar Tränen für eins der traurigeren Videos aus Papa herausquetschen wollte. Im Gegensatz zu ihr konnte er nämlich nicht auf Knopfdruck weinen.
»Hi, du«, sage ich nun und bücke mich wie selbstverständlich zu ihr. Meine Mundwinkel ziehen sich nach oben.
Dann faucht sie mich an.
Constanza Alvarez ist eine große Frau mit einer schmerzhaft geraden Haltung, kleinen, tief liegenden Augen, die von jeder Menge Krähenfüßen umgeben sind, und einem strengen Mund. Ihre dunkelgrauen Haare trägt sie in einem langen geflochtenen Zopf, der ihr über die Schulter fällt. Sie ist bestimmt bereits um die sechzig, aber auf den ersten Blick erkenne ich nicht direkt etwas Großmütterliches an ihr. Auf jeden Fall sieht sie nicht aus wie jemand, der mir gleich eine Kette aus rohen Nudeln überreicht und mir einen tollen Sommer wünscht. Als Mario mit ihr im Schlepptau zurückkommt, erhole ich mich gerade von meiner ersten Begegnung. Die Katze hat sich nicht von der Stelle bewegt und sieht mich an, als hätte sie mir nicht gerade verbal gedroht. (Oder wie auch immer man das in Katzensprache nennt.)
Mario stellt uns einander vor und Constanza ergreift meine Hand und schüttelt sie. Sie ist nicht nur Leiterin und Gründerin vom Morgenlicht-Programm, sondern ehemalige Polizistin und Bewährungshelferin. Das erklärt, warum ihr Händedruck meine Fingerknöchel beinahe in Brei verwandelt.
»Sherezade«, sagt sie und hält eine rote Mappe, auf der mein Name steht, hoch. »Schön, dass du da bist.« Ich beiße mir auf die Unterlippe und unterdrücke meinen natürlichen Drang, sie zu berichtigen. Ich will nicht mehr Sherezade oder Shazi genannt werden. Das habe ich in den letzten drei Wochen jedem Sozialarbeiter, Polizisten, Richter und Anwalt erklärt. Alle haben getan, als würden sie diese Information vermerken, aber so langsam bezweifle ich das. Sie sieht mir meine Nervosität offensichtlich an – nicht weiter schwer, sogar meine Nasenflügel beben. Versöhnlich heben sich ihre Mundwinkel.
»Hattest du eine gute Fahrt?« Ich nicke, weil ich Marios Gefühle nicht verletzen will.
»Hast du denn schon Fragen?«
Mario holt meinen Rucksack aus dem Auto, während Constanza mich erwartungsvoll ansieht. Es ist nett, dass sie fragt, aber ihr Blick ist so stechend, als würden die nächsten Worte entscheiden, in welche Kategorie Mensch sie mich steckt. Also verwerfe ich den Gedanken, sie nach der nächsten Mahlzeit zu fragen, obwohl ich mittlerweile echt am Verhungern bin.
»Eigentlich nicht.«
Ich ziehe mir die Ärmel über die Finger und verlagere mein Gewicht von einem auf das andere Bein.
»Gut, dann komm mal mit.« Sie verschränkt die Hände hinter dem Rücken und läuft neben mir her. Schweiß rinnt mir wasserfallartig über den Rücken, weil ich nicht vorbereitet bin. Die Entscheidung, mich hierherzuschicken, kann ziemlich schnell rückgängig gemacht werden. Dann müsste Mario mich wieder zurückbringen – aber vielleicht wäre das gar nicht so schlimm?
Meine Knie verfallen in ein seltsames Zittern und dann spüre ich wieder, wie Hitze sich in meinen Kopf breitmacht.
Nein, Nein, Nein.
»Mario hat dir bestimmt schon gesagt, dass du eine Weile hierbleiben wirst. In dieser Mappe findest du deinen Stundenplan und die Regeln, die für alle hier gelten.« Ich greife nach der roten Mappe, doch sie lässt sie nicht los, bis ich ihr ins Gesicht sehe. »Ich hoffe, du weißt, was für ein Privileg es ist, dass die Konsequenzen deines Handelns so mild ausfallen.« Natürlich weiß ich das.
»Der kleinste Regelverstoß und ich werde umgehend das Gericht informieren. Und danach gibt es keine weitere Chance oder Diskussionsspielraum.«
Ich nicke wieder, dabei ist der Kloß in meinem Hals so riesig, dass ich kaum schlucken kann. Was habe ich denn erwartet? Die wenigen Stunden mit Mario haben mich vergessen lassen, dass mich alle seit Wochen wie eine Schwerverbrecherin behandeln.
Die ich … schließlich bin.
Das Zimmer ist quadratisch und sieht aus, als hätte jemand versucht, sich so wenig Mühe wie möglich zu geben – liebloser Jugendherbergen- Vibe irgendwie. An den gegenüberliegenden Wänden steht jeweils ein Bett (zum Glück kein Hochbett!), unter dem Fenster ein großer Schreibtisch mit zwei ungemütlich aussehenden Holzstühlen und abgerundet wird das Ganze mit identisch aussehenden Schränken auf der jeweiligen Seite. Der einzige Farbtupfer ist ein gerahmtes Bild eines grünen Apfels über dem Bett meiner Mitbewohnerin und ein kreisrunder roter Teppich auf dem Boden. Der Apfel ist anscheinend ein jämmerlicher Beitrag, der sich unter Kunsterziehung verbuchen lässt. Ich schlüpfe aus meinem schweißnassen Pullover und pfeffere ihn in die Ecke, bevor ich mir den Pferdeschwanz neu binde. Mein eigener Geruch steigt mir in die Nase und am liebsten würde ich mich an den Hygieneprodukten im winzigen, angrenzenden Badezimmer bedienen, aber die gehören dem anderen Mädchen.
Bisher kenne ich nur den Namen meiner Zimmermitbewohnerin, weil Constanza ihn kurz erwähnt hat: Aluna. Zweifelhaft, ob ich ihr damit schon nah genug bin, um ihre Deoflasche zu benutzen. Oder die Zahnbürste – schließlich ist mein Mund noch immer ein Fliegenfriedhof.
Ich schiebe mir die Turnschuhe vom Körper und muss lächeln, als meine Füße tief in den weichen Teppich sinken. Ganz kurz habe ich das Bedürfnis, mich reinzulegen und ein paar Stunden zu schlafen, aber verwerfe den Gedanken wieder.
Ich spiele ein bisschen mit den quietschenden Schubladen des Schreibtischs, teste mein Bett auf Gemütlichkeit und bemerke, dass zwei Leisten des Lattenrosts angebrochen sind, bevor ich zum verstaubten Schrank übergehe.
Nun, das ist hier kein Hotel, das mir auf verzweifelte Art und Weise versucht zu gefallen. Ich schließe die Schranktür wieder – mir gehören ohnehin bloß noch ein paar Habseligkeiten, die ich in meinem Rucksack lassen werde. Ich stelle mich an den Schreibtisch, um aus dem Fenster zu schauen. Das Zimmer befindet sich im Dachgeschoss des orangefarbenen Gasthauses, direkt neben dem rosaroten Wolkenstein. Constanza ist mit mir durch das Himmelsgenuss gelaufen (es ist sogar noch größer, als die Fassade vermuten lässt), dann durch die Küche und die Personalräume, bis wir in einem dunklen Flur gelandet sind. Von dort sind wir eine schmale, schlecht beleuchtete Wendeltreppe hochgestiegen, zu einem verlassenen Flur, von dem drei Türen abgehen: Eine davon führt zu diesem Zimmer, die zweite zu einem Einzelzimmer, in dem ein weiteres Mädchen wohnt, die dritte Tür führt zum Bad. Im hinteren Teil des Dachgeschosses wohnen die zwei Jungen, die im Gegensatz zu uns nur einen Blick auf den Innenhof haben. Pech für sie, wenn ich die Landschaft aus dem Fenster gerade so betrachte.
Die unförmigen, besonderen Felsen erheben sich über dem glitzernden Gewässer. Ich kann von hier oben auch die niedrige rote Mauer, die mir vorhin bereits aufgefallen ist, den kleinen Strand, die Körbe und den langen Holzsteg sehen. In dem kleinen Boot, das vorhin neben dem alten Bootshäuschen angebunden war, sitzen nun zwei Männer, die sich über das Wasser treiben lassen. Wenn ich auf den Schreibtisch klettere und mich ganz nah an die Scheibe stelle, erkenne ich auf der Straße unter uns einen geparkten weißen Transporter, aus dem gerade Getränke ausgeladen werden. Mario musste sein Auto vorhin daran vorbeiquetschen, als er wieder gefahren ist.
In dem Moment, in dem er sich auf den Rückweg machen wollte, bin ich plötzlich in Tränen ausgebrochen. Ich habe bloß ein paar Stunden mit ihm verbracht – und die meiste Zeit davon war ich genervt, aber trotzdem habe ich den Abschied nicht verkraftet. Einzig das Versprechen, dass wir einmal die Woche telefonieren und ich mir mehr zu seiner Ex-Frau, neuen Frau, Stieftochter, Stiefsohn, Ex-Mann anhören darf, konnte mich trösten. Nur wird das nicht passieren. Ich habe ihn heute das letzte Mal gesehen … und gesprochen.
Ich klettere den Schreibtisch wieder herunter und befördere dabei die Mappe, auf der mein Name steht, auf den Boden. Die meisten von Constanzas Anweisungen habe ich bloß schweigend zur Kenntnis genommen, bevor sie mich hier allein gelassen hat, um anzukommen.
Ich klaue mir einen Kugelschreiber von der Schreibtischseite meiner Mitbewohnerin, setze mich auf das quietschende Bett und streiche zuallererst meinen Namen durch, um ihn mit meinem Spitznamen zu ersetzen.
Ich hasse es, Sherezade genannt zu werden. Ist auch irgendwie verdammt schwer, einen Namen mit derartig vielen Tücken auszusprechen und zu mögen, wenn man selbst lispelt. Ich bin meine ganze Kindheit über bei einer Logopädin gewesen und den wenigsten fällt es überhaupt noch auf, aber mein eigener Name ist immer noch mein Endgegner.
Das Anfangs-S bei Sherry hingegen geht immer klar.
Der Stundenplan sieht aus … wie etwas, was absolut jedem ein genervtes Schnauben am ersten Schultag entlocken würde. Unterricht beginnt um 7:30 Uhr, jeden Tag. Montags und Donnerstag haben wir zusätzlich AA …?
Ich suche weiter unten auf dem Blatt nach einer Legende und unterdrücke ein Schmunzeln.
AA ist die Abkürzung für Antiaggressionstraining. Einmal die Woche Therapie – so oft? Was soll ich der denn sagen? Glücklicherweise erst mal nur Einzeltherapie und keine Gruppe … mein Bedarf an Stuhlkreisen ist nach dem Arrest gesättigt. Doch wie soll ich neben der Arbeit im Himmelsgenuss noch Energie dazu haben? Am Donnerstag steht hier was von Lieferservice-Donnerstag … sollen wir da Zeug ausliefern oder dürfen wir bestellen?
Ich schüttle den Kopf, vertreibe die Gedanken.
Hypothetisch. Alles bloß hypothetische Gedanken. Ab heute Nacht bin ich hier sowieso weg. Ich kaue auf meiner Unterlippe, lausche dem Gluckern der Rohre, schließe die Mappe wieder.
Ich habe keine Zeit dafür und muss mich gerade wirklich mit wichtigeren Dingen auseinandersetzen – und wenn ich Constanza richtig verstanden habe, wird sie mich erst morgen wieder besuchen. Anscheinend verlässt sie sich darauf, dass ich mich mit den Jugendlichen vernetze.
Ich hieve meinen Rucksack auf das Bett. Die Haarfarbe verstecke ich vorsorglich unter dem Kissen, das Gefühlsheft mit den Blutflecken lasse ich drin. Ich verteile bloß die wenigen Snacks, die mir Mario nach der Autofahrt überlassen hat, auf dem Schreibtisch. Wenn ich sie mir gut einteile, reichen sie bis übermorgen. Ich greife nach dem Bettlaken, das gefaltet auf dem Tisch liegt, und bemerke im selben Moment, wie eine durchsichtige Kulturtasche herausfällt. Sofort macht sich Erleichterung in mir breit. Dort ist alles drin, was mich von meinem miefenden Zustand erlöst: Shampoo, Deo, eine kleine Haarbürste und – zum Glück – auch eine Zahnbürste.
@therealwhites • 2,3 Mio. Abonnenten • 352 Videos
