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Ein Blitz aus heiterem Himmel und warum Nate zum ersten Mal in seinem Leben einen Baseball fängt … Nate, der größte Pechvogel in Paradise Beach, wird an seinem elften Geburtstag vom strahlend blauen Himmel herab von einem Blitz getroffen - und stellt fest, dass er plötzlich ein ewiger Glückspilz ist. Dies bringt eine ganze Schiffsladung von unerwarteten Problemen mit sich, weil Glück auch falsche Freunde sowie Neid und Missgunst anlockt. Dadurch wird die Freundschaft zu Gen, dem schlauesten Mädchen in Paradise Beach und eigentlich seine beste Freundin, auf die Probe gestellt.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
Ein Blitz aus heiterem Himmel und warum Nate zum ersten Mal in seinem Leben einen Baseball fängt …
Nate, der größte Pechvogel in Paradise Beach, wird an seinem elften Geburtstag vom strahlend blauen Himmel herab von einem Blitz getroffen – und stellt fest, dass er plötzlich ein ewiger Glückspilz ist. Dies bringt eine ganze Schiffsladung von unerwarteten Problemen mit sich, weil Glück auch falsche Freunde sowie Neid und Missgunst anlockt. Dadurch wird die Freundschaft zu Gen, dem schlauesten Mädchen in Paradise Beach und eigentlich seine beste Freundin, auf die Probe gestellt.
© Todd Blackley
Bobbie Pyron studierte Psychologie und Anthropologie und ist Diplom-Bibliothekarin. Sie engagiert sich als Bibliothekarin in verschiedenen Verbänden und mochte schon immer alle Arten von Kinderbüchern. Sie lebt mit ihrem Mann in Park City, Utah.
[...]
Jeder in Paradise Beach würde dir sagen, wenn einer der 313 Einwohner jemals vom Blitz getroffen würde – von einem klaren blauen Himmel herab an seinem Geburtstag – dann wäre diese Person Nathaniel Harlow.
Denn war es nicht Nate, dessen Jagdhund samt Hundehütte und allem von einem Tornado mitgerissen und nie wieder gesehen wurde? Und war es nicht Nate, der in seinem ganzen elfjährigen Leben auf Gottes grüner Erde noch nie beim Münzenwerfen und Raten von Kopf oder Zahl gewonnen oder in einer Popcorn-Schachtel eine Überraschung gefunden hatte?
Pech schien Nate Harlow an den Fersen zu hängen wie sein Hund, der verloren gegangen war. Magerer als die meisten seiner Freunde und mit hochgezogenen Schultern gegen das Pech, das auf ihn niederprasselte, hatte dieser Junge einfach kein Glück.
Nate erwachte an dem Frühlingsmorgen seines elften Geburtstags mit einem unerklärlich leichten und kribbeligen Gefühl in der Brust. Er lag unter seiner Decke und lauschte. Er hörte seinen Großvater auf dem Sofa ihres Wohnmobils schnarchen. Er hörte, wie sich die Spottdrossel in der Magnolie vor seinem Schlafzimmerfenster die Seele aus dem Leib sang. Er hörte das Summen des Kühlschranks und das gleichmäßige Pochpochpoch in seiner Brust. Er hörte jedoch nichts, was ein Grund für den winzigen Hoffnungsfunken gewesen wäre, der wie eine Motte in seinem Herzen herumschwirrte.
„Aber es ist doch mein elfter Geburtstag!“, erklärte er der Drossel. „Es ist der elfte April an meinem elften Geburtstag. Das hat doch was zu bedeuten!“
Nate tat jeden Morgen, nachdem er der Spottdrossel gelauscht hatte, drei Dinge.
Als Erstes zog er seinen Glücksbringer, die Kaninchenpfote, unter dem Kopfkissen hervor. Sein Großvater hatte sie ihm an seinem fünften Geburtstag geschenkt. Nate war kurz davor zu ihm gezogen. Die Pfote, die einmal blau wie der Himmel und ganz mit Fell überzogen war, hatte sich inzwischen braun verfärbt und war vom vielen Rubbeln fast kahl geworden.
Als Nächstes berührte er das Foto seiner Eltern auf dem Nachttisch und sagte: „Guten Morgen. Ich vermisse euch immer noch.“ Als Nate vier war, wurden seine Mutter und sein Vater, die in ihrem ganzen Leben keinen Tropfen Alkohol angerührt hatten, bei einem Frontalzusammenstoß von einem betrunkenen Fahrer getötet. Da war Nathaniel Harlow zum ersten Mal bewusst geworden, dass sich das Leben blitzschnell verändern kann.
Als Letztes steckte Nate die Kamera, die ihm sein Großvater zum neunten Geburtstag geschenkt hatte, in die Tasche.
War der größte Pechvogel von Paradise Beach ein zukünftiger Fotograf, der einmal berühmt und erfolgreich sein würde? Nicht ganz. Nate machte Fotos – viele, viele Fotos –, aber nur von einzelnen Schuhen, die sich auf geheimnisvolle Weise von ihren Partnern getrennt hatten. Ein Flipflop mitten auf der Landstraße 102, ein Arbeitsstiefel, der einsam und verloren am Rand des Highway 98 lag, ein Tennisschuh, nur einer, der unter dem Henderson-Pier angespült worden war. Früher hatte er diese verwaisten Schuhe aufgehoben und mit nach Hause genommen, weil er hoffte, dass irgendwann der glückliche Tag käme, an dem er auf wundersame Weise den anderen Schuh finden und das Paar wiedervereinen könnte. Das ging so lange gut, bis der kleine Wohnwagen von Schuhen überschwemmt wurde.
Nate zog seine Hose an und stapfte ins Wohnzimmer. Sein Großvater seufzte und prustete im Schlaf.
Er setzte Wasser auf für den Kaffee des Großvaters, machte Toast und schenkte sich ein Glas Milch ein. Das leichte, kribbelige Gefühl blieb in seiner Brust, obwohl die Milch sauer geworden war und der Toaster die Brotscheibe verbrannt hatte. Wieder einmal.
War es nicht ein Glück, dass sein Geburtstag – sein elfter Geburtstag – zum allerersten Mal auf einen Samstag fiel? Und war es nicht ein Glück, dass niemand mit dem Großvater und seinem Boot, der Süßen Jodie, zum Hochseefischen hinausfahren wollte? Und dass er stattdessen versprochen hatte, Nate und seine beste (und einzige) Freundin Genesis Beam zum Minigolfplatz zu bringen?
„Vielleicht habe ich plötzlich Glück“, hatte Nate abends zu Gen gesagt. „Mein Geburtstag war noch nie an einem Samstag, und es ist mein elfter Geburtstag am elften Tag des Monats.“
„Das hat mit den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu tun“, hatte Gen geantwortet, als das erste Glühwürmchen des Abends blinkte und wieder verschwand. Genesis Beam glaubte nicht an Glück oder Pech. Sie glaubte an das Wahrscheinlichkeitsgesetz und verließ sich auf die höhere Macht der Logik.
„Ja, aber bei Opa hat auch keiner eine Angelfahrt gebucht“, sagte Nate.
„Niemand bucht samstags eine Angelfahrt. Schon seit ewigen Zeiten nicht mehr. Das weißt du.“
Es stimmte: Eine Pechsträhne ließ die Charter-Boote und ihre Mannschaften auf dem Trockenen sitzen.
„Wenn wir mit einem Durchschnitt von zweiundfünfzig Samstagen im Jahr rechnen und sie mit den elf Jahren, die du am Leben bist, multiplizieren, kommen wir auf 572 Samstage. Die Chancen, dass einer deiner Geburtstage auf einen Samstag fällt, stehen also ziemlich gut.“
„Aber …“
„Auf die Chancen kommt es an, Nathaniel, nicht auf das Glück. Bei allem. Hier“, sagte Gen, „ich beweis es dir.“ Sie warf eine Münze in die Luft und klatschte sie dann auf ihren Handrücken. Und wie schon tausendmal zuvor, fragte sie: „Kopf oder Zahl?“
Nate seufzte. „Kopf.“
Sie zog die Hand zurück. „Zahl“, verkündete sie und warf die Münze wieder hoch. „Kopf oder Zahl?“
„Muss ich?“, fragte er. Gen funkelte ihn durch ihre dicken Brillengläser an. „Zahl“, sagte er.
„Es ist Kopf. Hat aber nichts zu bedeuten.“
Nate schlug nach einer Mücke.
Eine ganze Stunde lang warf Gen die Münze in die Höhe und fragte: „Kopf oder Zahl?“ Und Nate gab Antwort.
Er lag ununterbrochen daneben. Dreiundfünfzigmal.
Und wie immer sagte sie: „Mit der Münze kann irgendwas nicht stimmen. Wenn man eine Münze hundertmal in die Luft wirft, besteht die Chance, dass man so zwischen vierzig- und sechzigmal Kopf kriegt. Wenn man eine Münze zweimal hochwirft, ist die Chance, beide Male Kopf zu bekommen, gleich ein halbes Mal mal ein halbes Mal gleich ein Viertel. Und die Chance, dreimal hintereinander Kopf zu kriegen, ist gleich …“
„Aber ich hab dreiundfünfzigmal falsch geraten!“
„Das ist praktisch unmöglich“, sagte Gen und wühlte in ihrer Tasche nach einer anderen Münze. „Laut Wahrscheinlichkeitsgesetz …“
Er seufzte. Manchmal war es schwer, das klügste Mädchen in ganz Franklin County zur besten Freundin zu haben.
Aber selbst Gen hatte an diesem wolkenlosen Geburtstag von Nathaniel Harlow ihre Zweifel.
[...]
Nate seufzte. Das Minigolfspielen an seinem Geburtstag lief nicht gut. Er schaute in den Himmel, in den blauen, blauen Himmel und fragte: „Warum ich?“
Und ganz weit in der Ferne, über dem Golf von Mexiko, grummelte ein Gewitter.
„Okay, Gen, das letzte“, sagte Nate und starrte in das große, aufgerissene Maul des Tyrannosaurus Rex, der nur darauf wartete, jemandem – vor allem einem glücklosen Jungen –, der es wagte, den Ball mit einem einzigen Schlag einzulochen, den Kopf abzubeißen. Weil jeder, der den Ball beim Tyrannosaurus Rex mit einem einzigen Schlag einlochte, eine Runde Minigolf umsonst spielen durfte. Das war in ganz Paradise Beach bekannt und war etwas, das Nate in seinem elfjährigen Leben auf Gottes grüner Erde noch nie passiert war.
Er grub tief in seiner Brust und fand einen winzigen Hoffnungsschimmer.
Als er seinen Golfball auf das Tee setzte und auf den langen grünen Streifen zwischen sich und dem T. Rex schaute, entfuhr dem Maul des Dinosauriers so etwas Ähnliches wie ein gurgelndes Gebrüll. Seine Kiefer öffneten und schlossen sich knarrend, und die kleinen Arme hoben und senkten sich ruckartig.
Nate schauderte. Er holte tief Luft und packte seinen Golfschläger. „Das ist meine letzte Chance“, murmelte er. „Meine letzte Chance, den Ball auf Anhieb reinzukriegen und allen zu zeigen, dass ich kein Loser bin.“
Er wusste, dass ein Wunder nötig wäre, den Ball mit einem einzigen Schlag ins Loch zu bekommen. Aber redete Pfarrer Beam nicht ständig von Wundern? Von der Tortilla, die das Gesicht von Jesus trug? Von Lazarus, der von den Toten auferstanden war? Von Jonas im Wal?
Nate spürte, wie ein merkwürdiger Windstoß ihn von hinten schob und vorwärtstrieb.
„Oh, bitte friss mich nicht, Mister Dinosaurier!“, rief Ricky mit hoher Mädchenstimme.
Nate holte noch einmal tief Luft. Er schaute in den klaren blauen Himmel von Florida und bat, wer auch immer über glücklose Jungen wachte: „Bitte! Nur das eine Mal, bitte!“ Er kniff die Augen zu und hob den Golfschläger mit Schwung hoch über seine Schultern. Der Schlägerkopf funkelte in der Sonne.
„Das schaffst du“, sagte Gen. „Deine Chancen stehen besser, weil …“
Nate hörte nicht, was Gen als Nächstes sagte.
Im selben Augenblick erschütterten der hellste Blitz und ein Donnerschlag, so laut wie die Stimme Gottes, Nates Welt. Und dann war es, als ob ihn die Hand Gottes packte, und zwar nicht gerade sanft, ihn hoch in die Luft wirbelte und ihn dem König der Dinosaurier vor die Füße warf.
Das Letzte, was er sah, waren die knarrenden Kiefer des T. Rex, die sich vor ihm schlossen. Das Letzte, was er dachte, war, dass Geburtstagswünsche nie, nie in Erfüllung gingen.
Dann spürte er, dass er von tausend Fäden, die so fein wie Spinnweben waren, in die Höhe gezogen wurde. Die Fäden zogen ihn durch seine Brust, seinen Bauch, seine Arme und Beine und am Ende mit dem Blubb einer Seifenblase aus seiner Haut.
Er schwebte durch die Luft, in der tausend Millionen Lichter funkelten. Es war, als ob sich sämtliche Glühwürmchen der Vereinigten Staaten von Amerika um ihn versammelt hätten. Sie kitzelten ihn an den Armen, dem Kopf und an seiner Brust. Sie erfüllten ihn mit einem freudigen und friedlichen Gefühl.
Musik ertönte ringsum und trug ihn wie die wunderschönsten Engel, die ihm alle gleichzeitig etwas vorsangen, oder wie der Chor der Kirche des Einen Wahren Erlösers und Ewigen Lichts, nach oben.
„Er hat keinen Puls!“, rief eine Stimme von unten.
Nate schaute auf die Leute herab, die sich um einen menschlichen Klumpen drängten.
„Kann mal jemand über die Straße laufen und seinen Großvater holen?“, schrie eine andere Stimme.
„Rufen Sie die 122 an!“, brüllte Ricky Sands dem Mann in der Hütte zu.
Nate konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was der Zirkus sollte. Er fühlte sich gut. Sogar besser als je zuvor.
Jemand schob sich durch die Menge und kauerte sich neben ihn. Ihm wurde warm ums Herz. Gen, die Gute.
Er sah, dass sie ihm die Nase zuhielt und dann ihren Mund auf seinen drückte.
„Iiieh!“, kreischte eines der Mädchen. „Sie küsst ihn!“
Sie legte die Hände übereinander, drückte auf seinen Brustkorb – eins zwei drei eins zwei drei eins zwei drei – und atmete wieder in seinen Mund.
„Verlass mich nicht, Nathaniel Harlow!“, befahl sie.
Er hörte das Heulen einer Sirene in der Ferne. Er sah, dass sein Großvater über die Straße rannte. Er spürte, wie das Herz des Großvaters in seiner Brust hämmerte. Nate wollte ihm so gerne sagen, dass alles okay war.
Sein Großvater warf sich neben ihn auf die Erde und rief immer wieder seinen Namen. Nate staunte über die Tränen, die dem alten Mann über das Gesicht liefen. Er hatte seinen Großvater nie weinen gesehen, außer, als seine Eltern starben.
„Komm schon, Nathaniel!“, sagte Gen, während sie weiter pumpte. „Loser und Irre halten zusammen!“
Mit jedem Atemzug, den Gen in seinen Mund stieß, und mit jedem Ruf seines Namens spürte er, wie die Fäden, die ihn oben hielten, rissen. Einer nach dem anderen – Ping! Ping! Ping! –, bis er merkte, dass er fiel. Er fiel und fiel. Zurück in seinen zerbrochenen Körper.
[...]
Beim Sportunterricht am Nachmittag steckte Mr Hull, der Trainer, seine silberne Trillerpfeife in den Mund und pfiff. „Wir beenden das Schuljahr mit meinem liebsten Hobby.“
„Essen?“, rief jemand von ganz hinten. Gekicher und Gelächter waberten durch die Halle.
Das Gesicht des Trainers war knallrot geworden. Er gab sich große Mühe, seinen dicken Bauch einzuziehen und hinter dem Gürtel zu verstecken.
„Nein, Schlaukopf“, sagte er. „Baseball.“
Nate vermutete, dass es schon lange her war, seit der Trainer tatsächlich von einer Base zur anderen gerannt war. Andererseits hatte er selbst nie einen Ball getroffen. Der Trainer war der Meinung, dass Nate, der Schläger und der Ball nicht dieselbe Sprache sprachen.
Draußen teilte Mr Hull die Klasse in Mannschaften ein. Ricky Sands stöhnte wie immer, als Nate seinem Team zugeteilt wurde. Aber Nate fand, dass Ricky dieses Mal nicht so laut protestierte wie sonst. Trotzdem reichte Ricky ihm den ältesten Fanghandschuh von allen und schickte ihn weit, weit raus aufs Feld – fast bis zur Bucht der Halbinsel. Wie gern wäre Nate nur ein einziges Mal wie alle anderen im Infield geblieben!
Nate stapfte weit, weit hinaus, blinzelte in die Sonne und suchte den Himmel ab. Rumpelte es in der Ferne oder war das sein Bauch? Über dem Golf von Mexiko ballten sich Wolken zusammen. Nate lief es eiskalt über den Rücken.
Dann hörte er es: Rums!
Er ließ sich auf die Erde fallen, als hätte jemand auf ihn geschossen, und schützte seinen Kopf mit den Armen.
„Nate! Nate! Fang ihn!“
Er nahm die Arme runter und schaute nach oben. Hoch am blauen, blauen Himmel machte ein weißer Baseball langsam einen Bogen. Der Ball drehte sich um sich selbst und hing über Nates Kopf, als hätte er alle Zeit der Welt.
„Fang ihn, Sparky!“, schrie Ricky Sands vom Pitcher’s Mound, dem 25 cm hohen Hügel.
Nate wusste nicht, ob er über die Vorstellung lachen oder weinen sollte, dass er, Nate Harlow, einen Flugball fangen könnte.
Aber dann brannte es prickelnd und knisternd in seinem Arm und in seiner Hand, und ein Gefühl der Sicherheit dehnte sich wie ein Luftballon in ihm aus.
Er sprang auf die Füße und blickte starr auf den Ball. Er streckte den Arm und öffnete den Fanghandschuh. Dann senkte sich der Ball wie eine verloren geglaubte Brieftaube, die zu ihrem Schlag zurückkehrt, und ließ sich elegant auf dem Leder des Handschuhs nieder. Nate schnappte nach Luft und starrte mit Telleraugen auf den weißen Ball.
Er hielt ihn mit seinem immer noch zitternden Arm in die Höhe, damit ihn alle sehen konnten. „Ich hab ihn gefangen“, flüsterte er heiser. Dann brüllte und jubelte er: „Ich hab ihn gefangen! Ich hab ihn gefangen!“
Kinnladen fielen ungläubig herunter. Möwen hörten auf zu kreischen, und der Wind sirrte nicht mehr. Die silberne Pfeife fiel dem Trainer aus dem Mund.
Ricky Sands sprang vom Pitcher’s Mound und gab einen Freudenschrei von sich, der bis an die Grenze zwischen Florida und Alabama zu hören war.
Der Trainer steckte die Pfeife wieder in den Mund und pfiff. „Out!“, schrie er. „Out!“ Im Handumdrehen servierte Ricky zwei weitere Spieler ab.
Die Teams wechselten die Seiten. Mary Beth Malloy (auch als Jinx bekannt) stakste zum Pitcher’s Mound. Sie warf die roten Zöpfe nach hinten und ließ ihren Kaugummi knallen.
Jinx Malloy war nicht nur die beste Klarinettistin im Schulorchester. Sie konnte auch den gemeinsten und hinterhältigsten Knuckleball der ganzen Schule werfen. „Wir sind erledigt“, stöhnte Ricky Sands.
Zuerst warf sie Dummi raus, was kein Kunststück war.
Als Nächstes machte sie Ricky fertig, was beinah unmöglich war. Sein zweiter Schlag ging voll daneben und schickte den Ball in eine unglückliche Richtung, und beim dritten Mal verfehlte er den Ball total. „Out!“, schrie der Coach. Ricky schmiss seine Kappe in den Sand.
Dann war Nate an der Reihe.
Er schlich sich zur Platte und hielt den Schläger vorsichtig in seiner heilen Hand. „Hoffentlich läutet es, bevor sie ihn rauswirft“, sagte jemand hinter ihm. Normalerweise hätte er zugestimmt: Den Ball zu treffen, war so gut wie aussichtslos, aber ihn einhändig mit seiner Linken zu treffen? Dafür wäre ein Wunder nötig.
Doch diesmal fühlte sich alles anders an. Er achtete nicht auf Jinx Malloy, die wie eine Katze grinste, bevor sie sich über einen Kanarienvogel ohne Flügel hermacht. Er hörte nicht hin, als seine Teamkameraden „Jetzt ist alles vorbei!“ murmelten und ihre Schultaschen und Bücher zusammenrafften.
Nein, er achtete auf gar nichts. Alles, was er unter der Aprilsonne mitbekam, war das Gespräch zwischen dem Ball, der gegen Jinx‘ Handschuh klatschte, und dem Schläger, der in seiner heilen Hand vor freudiger Erwartung tanzte.
Nate hob die Schultern, richtete sich pfeilgerade auf und grinste Jinx an. „Zeig mir, was du drauf hast!“, rief er ihr zu.
Er erinnerte sich anschließend gar nicht mehr daran, den Schläger geschwungen zu haben. Es gab einen Knall – so laut wie ein Böller am vierten Juli, dem Nationalfeiertag. Der Ball segelte höher und höher in den Himmel, über Jinx Malloys hochgerecktes Gesicht, über den First Baseman und die Outfielders hinweg und verharrte dann sekundenlang, als ob er sich überlegte, was er tun sollte.
„Der Ball hat wahrscheinlich einen zweiten Schub vom Wind bekommen“, sagte Nate später zu Gen. Er sammelte sich und segelte über den Maschendrahtzaun und außer Sichtweite. Später behaupteten die Leute, es sei der gleiche Baseball gewesen, der die Windschutzscheibe des brandneuen roten Lieferwagens, einem Ford, auf dem Gelände des Gebraucht- und Neuwagenhändlers in Crystal Sands eingeschlagen hatte.
„Lauf, Sparky! Lauf!“, johlte Ricky Sands.
Nate ließ den Schläger fallen und rannte von Base zu Base. Sein Grinsen wurde mit jedem Sandsack, an dem er vorbeilief, breiter. Jinx schmiss ihre Kappe und ihren Handschuh auf die Erde.
Als er zurück zur Home Base stolzierte, applaudierte das ganze Team und rief: „Spar-ky! Spar-ky!“ Alle klatschten sich ab. Nate drückte seinen mageren Brustkorb heraus. Glück zu haben, fühlte sich echt gut an!
„Ich kann dir eins versichern, Gen“, sagte Nate, als sie nach der Schule zum Bus gingen. „Es war das reinste Wunder. Es war, als ob jemand den Ball und den Schläger verzaubert hätte.“
Sie verdrehte die Augen. „So etwas wie Zauberei gibt es nicht, und das weißt du.“
„Ja, aber …“
Gen ignorierte ihn. „Es ist durchaus im Bereich des Möglichen, dass du einen Homerun zustande bringst.“
Er wollte sie gerade daran erinnern, dass er bisher so gut wie nie einen Ball getroffen und erst recht keinen Homerun einhändig geschafft hatte, als jemand seinen Namen rief.
[...]
„Hey, wer winkt denn dort drüben wie ein Verrückter?“ Ricky Sands kniff die Augen zusammen und schaute über das Baseballfeld, wo jemand Großes hinter dem Maschendrahtzahn mit den Armen wedelte.
Die Jungs, die sich für das Spiel nach der Schule warmliefen, blieben stehen und blickten zum Zaun.
„Ist das dein großer Bruder, Ricky?“, fragte Buddy.
Ricky schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, wer das ist.“
Dann trat jemand Kleines hinter dem Großen hervor und legte die hohlen Hände an den Mund. „Nathaniel! Nathaniel Harlow!“, schrie der kleine Jemand.
Alle schauten Nate an. „Wer ist das?“, fragte Connor.
Nate schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. „Woher soll ich das wissen?“ Dabei wusste er es genau. Er würde die Stimme überall erkennen. Was zum Kuckuck wollte sie hier? Er versuchte, sich so klein wie möglich zu machen, damit Gen ihn nicht entdeckte und verschwand.
Die beiden Gestalten stapften über das Feld ins Sonnenlicht, sodass alle Welt samt Jungs sie sehen konnten.
„Mannomann!“, schrie Ricky und lachte schallend.
Buddy und Connor starrten den Ankömmlingen ins Gesicht und grinsten. „Nicht zu fassen! Die komischsten Kids der ganzen Schule!“
„Hey, Nate“, sagte Charles, meist Dummi genannt. „Wir haben dich überall gesucht. Ein Glück, dass wir hierhergekommen sind.“
Nate hielt das überhaupt nicht für Glück.
Ricky klopfte ihm auf den Rücken. „Hast du das gehört, Sparky? Sie haben dich überall gesucht. Da hast du ja wieder mal Glück. Wie immer.“
Gen studierte den Ausdruck in Nates Gesicht. Sie war nicht die Beste im Erkennen, was andere Leute dachten. Aber sie merkte, dass er sich nicht freute, sie zu sehen. Das würde sich allerdings ändern, wenn sie ihm die Sandale und die Kamera zeigte.
Sie schob Dummi mit dem Ellbogen zur Seite und lächelte Nate an. „Ich hab dir was mitgebracht.“
Die Jungs johlten und grölten: „Oooh, Sparky, deine Freundin hat dir was mitgebracht!“ Ricky machte Kussgeräusche.
Nate lief vor Scham rot an.
Gen ignorierte die Jungs, holte eine Plastiktüte hinter ihrem Rücken hervor und gab sie Nate.
„Schau rein!“, sagte sie. Gen und Dummi grinsten. Wie zwei Idioten, fand Nate.
Die Jungs kreisten ihn ein. „Ich kann es gar nicht erwarten zu sehen, was Sparkys Freundin ihm mitgebracht hat!“, sagte Connor mit hoher Mädchenstimme.
Nate starrte Gen und Dummi an. Warum mussten sie hier auftauchen und alles verderben?
„Los, schau schon nach, was es ist!“, forderte ihn Dummi auf.
„Genau“, sagte Ricky. „Lass sehen!“ Er entriss Nate die Tüte und zog einen kaputten Flipflop heraus.
Nate schnappte nach Luft. Sein Schuh!
Gen grinste. Der Ausdruck in seinem Gesicht war genau der, den sie erwartet hatte. „Wir haben auch deine Kamera gefunden. Sie ist im Plastikbeutel“, sagte sie.
Connor holte die Kamera aus der Tüte und hob sie hoch, damit alle sie sehen konnten. Wasser tropfte aus dem Gehäuse. Buddy packte die Kamera und krümmte sich vor Lachen. „Was für ein super Geschenk! Ein kaputter Fotoapparat!“
Ein Teil von Nate wollte Ricky den Flipflop und Buddy die Kamera entreißen und vor Freude tanzen, aber ein anderer Teil wollte, dass Gen, Dummi, die Sandale und der Fotoapparat einfach verschwanden.
Gen versuchte, die Kamera zu schnappen. „Sie gehört Nathaniel, nicht dir! Gib sie zurück!“ Aber Buddy schubste sie, und Gen fiel hin.
„Hey!“, schrie Dummi. „Lass sie in Ruhe!“ Er zog Gen auf die Füße. Sie blickte von Buddy zu Nate. Er würde doch sicher zu ihr halten, wie er es immer getan hatte. Er würde den Typen bestimmt die Meinung geigen!
Gen hob die Kamera auf, die im Unkraut lag. Jemand hatte wohl im Eifer des Gefechts darauf getreten, weil sie zerbrochen war.
„Hier“, sagte Gen und reichte sie Nate mit zitternder Hand.
„Au ja, Sparky“, spottete Buddy. „Nimm deine Kamera und den Schuh und spiel mit deiner Freundin und der großen Dumpfbacke.“
Gen merkte, dass Dummi einen Schritt zurückmachte. Sie wartete darauf, dass Nate den Typen sagte, sie könnten alle zusammen die Fliege machen.
Stattdessen schob er die Sandale und die nasse Kamera heftig von sich. Sie fielen zu Boden. „Was soll ich denn mit einem Flipflop und einem kaputten Fotoapparat?“
Gens ziemlich kahl gezupfte Augenbrauen zogen sich verwirrt zusammen. „Aber jetzt kannst du die Schuhe wiedervereinen – so, wie du es immer wolltest.“
Buddy und Connor schmissen sich vor Lachen fast hin. Ricky runzelte die Stirn.
Nate spürte, dass sich in seinem Innern Wörter wie flüssige Lava in einem Vulkan zusammenbrauten. Er wusste, dass es schreckliche Wörter waren, verletzende Wörter, gemeine Wörter, aber er konnte sich nicht beherrschen.
„Du bist so komisch, Gen. Du bist so komisch wie dein Name.“
Ihre Augen wurden groß, und ihr Mund stand offen. „Ich versteh nicht …“
„Du verstehst nie was“, sagte er.
Gen zupfte wie wild an ihren Augenbrauen. Sie spürte, wie ein riesiger brennender Knoten aus ihrem Bauch bis zu den Augen hochstieg. „Was ist los mit dir?“, wisperte sie.
Nate packte seinen Fanghandschuh. „Mit mir ist gar nichts los. Du bist die Irre.“
Und bevor er ihren Gesichtsausdruck sehen konnte, drehte er ihr den Rücken zu. „Los, kommt!“, rief er. „Lasst uns spielen! Ich glaube, ich hab heute Glück.“
Gen beobachtete, wie Nate über das von Unkraut überwucherte Feld stakste. Ihre Beine zitterten. Ihre Hände zitterten. Ihr ganzes Innere zitterte.
Dummi klopfte ihr auf die Schulter. „Tut mir leid, dass er die Sachen zu dir gesagt hat. Ich bin’s gewohnt, aber …“
Gen versuchte, etwas zu erwidern, etwas Logisches, das Nates Verhalten erklären würde. Aber es kam nichts heraus. Sie fühlte sich nur tief, tief verletzt, so, wie noch nie in ihrem Leben. Sie hörte nur seine Worte, die sie wie Messer geschnitten hatten: Du bist die Irre.
Sie ließ Dummi stehen und rannte schneller als je zuvor, weg von Nate und seinem schrecklichen, verletzenden Satz.
[...]
„Ist sie mir immer noch böse?“
Dummi zog die Stirn kraus. „Du hast sie sehr verletzt, Nate. Deshalb ist sie nicht mehr in die Schule gekommen, und du weißt ja, wie wichtig die Schule für sie ist.“
Nates Herz sank tiefer als der Bauch eines Krebses. Er wusste genau, wie sehr sie die Schule liebte. Sie war bestimmt das einzige Kind in Paradise Beach und wahrscheinlich in ganz Florida, dem es vor den Sommerferien graute.
Der Bus kam neben der hohen Fichte zum Stehen. Dummi ergriff den Plastikbeutel voller Bücher für Gen und stand auf.
Nate schlich sich hinter dem großen Jungen aus dem Bus. Unten angekommen rief Mr Tom ihm nach: „Alles klar, Nate.“ Er seufzte. Dummi hatte ihn auffliegen lassen.
Als sie die rote Lehmstraße entlang und an den Kiefern vorbei zur Kirche des Einen Wahren Erlösers und Ewigen Lichts stapften, brannte die Sonne heiß wie Feuer vom Himmel. Schweiß rann Nate über den Rücken und klebte seine Haare unter der Kapuze seines Sweatshirts am Kopf fest. Er wischte sich die Tropfen von der Oberlippe. Seine Hand war schweißnass.
„Ich muss Gen etwas fragen. Meinst du, sie redet mit mir?“
Dummi beobachtete eine Krähe im hohen Baum. „Schwer zu sagen. Worüber willst du denn mit ihr reden?“
„Ich muss rausfinden, wie ich das Glück wieder loswerde. Sie ist wahrscheinlich die Einzige, die so etwas weiß.“
„Du willst wieder Pech haben? Warum denn das?“
„Also, ich will nicht unbedingt Pech haben“, versuchte er zu erklären. „Nicht, wenn ich es vermeiden kann. Aber ich möchte gern, dass alles wieder so ist, wie es war, bevor ich vom Blitz getroffen wurde.“
Dummi schüttelte den Kopf. Seine Mutter sagte immer, dass die Menschen nie mit dem zufrieden waren, was der Herr ihnen schenkte, was auf Nate jedenfalls zuzutreffen schien.
Er hob die Schultern. „Wir werden sehen. Sobald wir da sind.“
[...]
Genesis Beam stemmte sich mit aller Macht gegen den Wind. Manchmal blieb sie stehen, um sich bei einem besonders kräftigen Windstoß an einen Baum zu klammern. Im strömenden Regen sah sie endlich das Schild der Wohnwagensiedlung Magnolie. Nur hatte der Sturm inzwischen die meisten Buchstaben abgerissen. Jetzt war nur noch OH SIE MAG LIE zu lesen. „Heiliger Einstein!“
Gen kämpfte sich bis zum Wohnmobil von Nates Großvater vor und rechnete sich die Chancen aus, dass die beiden noch zu Hause waren. Das Ergebnis war (mehr oder weniger) eine Million zu eins. Sie hatte sie nicht im Rathaus gesehen, und Nate war der Einzige, der etwas von Schildkröten verstand.
Sie schickte ein Gebet himmelwärts und sagte: „Bitte lass sie da sein!“ Aber sobald sie sah, dass die Tür weit offen stand, wusste sie, dass ihr Gebet nicht erhört worden war.
„Verflixt.“ Die arme Gen war völlig erschöpft und nass bis auf die Knochen. Mondweiße Blütenblätter der duftenden Magnolie wirbelten wie Engelsflügel um sie herum.
Plötzlich legte sich der Sturm und die Wolken teilten sich. Sie blickte nach oben und sah, dass der Mond auf sie herunterspähte. Ihr Gen-Verstand sagte ihr, dass das Auge des Sturms vorüberzog und dass es ein rein meteorologisches Phänomen war. Aber für einen kurzen Moment schaute sie in das Gesicht des Mondes – eines blauen Mondes! – und erlaubte sich, staunend zu verharren.
Ein Windspiel klimperte. Sie blinzelte. „Die Schildkröten!“ Dann entdeckte sie einen großen Köder-Eimer unter dem Wohnwagen und zog ihn hervor. Sie rannte vom menschenleeren Park zum Strand. Wenn sie es zu den Eiern schaffte, bevor das Auge des Sturms vorbeigezogen war und der Sturm zurückkam, könnte sie die Schildkröteneier vielleicht retten.
Nate rannte die Straße entlang, bis er vor dem Wohnmobil schlitternd zum Stehen kam. Die Tür stand offen. Der Sturm hatte die Stühle von der Veranda gefegt. Er ging schnell hinein und rief seine Freundin, weil er hoffte, dass sie sich in den Wagen geflüchtet hatte.
Er schaute in alle vier Räume, auch in sein eigenes Zimmerchen. Keine Gen. „Verflixt und zugenäht!“, schimpfte er, als der Sturm wieder zu stöhnen begann. Donner grollte und Blitze zuckten.
Nate rieb seinen pochenden Kopf und befahl seinem kullernden Magen, er solle sich gefälligst benehmen. Er prüfte schnell noch einmal nach, ob die Kaninchenpfote in seiner Tasche war, und steckte das gerahmte Foto seiner Eltern ins Hemd. Mit einem letzten Blick auf seinen eigenen Raum, den er, wie ihm plötzlich klar wurde, liebte, lief er wieder hinaus in den Sturm.
„Ich muss zu den Eiern!“, schrie Gen in den aufkommenden Sturm. Direkt über ihrem Kopf zuckte ein Blitz. Ein Windstoß drückte sie auf den feuchten Sand.
Genesis Beam, nicht nur das klügste Mädchen von ganz Franklin County, sondern auch das sturste, kroch schluchzend auf Händen und Knien. „Ich kann es nicht! Ich kann es einfach nicht allein!“
Ein Blitz zuckte vorbei und traf den Mast eines Segelboots, das keine zehn Meter entfernt am Fuß ihrer und Nates Sanddüne gestrandet war. Gen standen die Haare zu Berge. Ihre Füße kitzelten.
Sie zitterte vor Angst und kniff die Augen zu. Wie hat er es überlebt, von einer solchen Kraft – wenn auch nur indirekt – getroffen zu werden?, fragte sie sich.
„Aber er hat’s überlebt!“, schrie sie dem Sturm entgegen. Sie rappelte sich auf, packte den Eimer und machte sich auf den Weg zu den Schildkröteneiern.
Nate stand auf der höchsten Düne von Paradise Beach und suchte die Küste nach seiner Freundin ab. Zweimal warf ihn der Sturm in den Sand, aber er stand immer wieder auf. Reiß dich zusammen, Sparky!, befahl er sich selbst. Reiß dich zusammen!
Dann fing es ringsherum an zu blitzen. Es blitzte neben ihm, hinter ihm und vor ihm, als ob das Gewitter Maß nehmen wollte. Wie ein Hund, der sein verloren geglaubtes Herrchen sucht.
„Oh, mein Gott“, stöhnte er und fiel auf die Knie. „Ich kann nicht!“ schrie er und schlug die Hände vors Gesicht. „Ich kann es einfach nicht!“
Der Sturm war mit Macht zurückgekehrt. Hohe, von Gischt gekrönte, Wellen schlugen so gewaltig auf den Strand ein, wie er es bisher nur selten erlebt hatte. Es blitzte, und fast im selben Augenblick brüllte der Donner über seinem Kopf. Der Wind kreischte.
„Nate! Nate!“
Oder war es gar nicht der Wind? Er blickte in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Ein besonders greller Blitz machte das Ufer taghell.
Und dann sah er Gen, die sich an dem gestrandeten Segelboot festkrallte. Wellen rollten höher und höher auf sie zu.
„Oh, Mann“, wimmerte er. „Sie kann doch nicht schwimmen. Gen!“, schrie er. „Halt dich fest, ich komme!“ Er stürzte die Sanddüne hinunter und rannte zu seiner Freundin. Eine Bö erfasste ihn mit solcher Kraft, dass er später schwor, seine Füße hätten den Boden nicht berührt.
Nate schaute blinzelnd durch den strömenden Regen auf Gen, die mit einer Hand einen Eimer voll nassem Sand und weißen Schildkröteneiern festhielt und sich mit der anderen Hand an den Mast des Bootes klammerte. Wasser wirbelte um ihre Beine. „Wir müssen hier raus“, sagte er. „Wir müssen uns von dem eisernen Mast entfernen.“
Ein Blitz zuckte und zersplitterte über ihren Köpfen.
„Ich weiß“, sagte Gen. „Metall ist ein natürlicher Stromleiter.“ Sie streckte ihrem Freund den Eimer entgegen. „Aber schau!“, sagte sie, während der Regen ihr ins Gesicht peitschte. „Ich hab die Eier gerettet.“
Nate nahm den Eimer und hielt ihre Hand ganz fest. „Du bist die beste Freundin, die eine Schildkröte haben kann“, sagte er. Dann packte er ihre Hand noch fester. „Los, machen wir, dass wir wegkommen!“
Es krachte und blitzte grell, und ein ohrenbetäubender Knall erschütterte die Erde. Nate spürte, wie eine nur allzu vertraute Hand ihn (wieder nicht eben sanft) am Arm packte, in die Luft wirbelte und von Gen wegschleuderte.
Pyron, Bobbie:
Plötzlich Glückspilz (Leseprobe)
ISBN 978 3 522 68023 3
Aus dem Amerikanischen von Gerda Bean
Einbandgestaltung: Formlabor, Hamburg
E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
© 2015 Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart
© 2015 by Bobbie Pyron
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Lucky Strike bei Arthur A. Levine Books, an imprint of Scholastic Inc., New York
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Bobbie Pyron
Verloren in der Wildnis
ab 10 Jahren
ISBN 978-3-522-61013-1
Thienemann Verlag
Bei einem Unfall wird Abby schwer verletzt und ihr Hund Tam aus dem Wagen geschleudert. Alle kümmern sich nur um sie, keiner um Tam. Und dann ist er verschwunden. Doch die beiden sind beste Freunde, Abby hört nicht auf, nach Tam zu suchen. Und Tam kann Abby nicht vergessen. 600 Meilen streift er durch die Wildnis. Wochenlang, bei Eis und Schnee, hungernd und frierend. Aber er gibt nicht auf – er will zurück zu Abby!
Eine Leseprobe und weitere Infos zum Buch gibt es auf www.thienemann.de
