Pop. Rock. Tod. - Connie Klein - E-Book
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Pop. Rock. Tod. E-Book

Connie Klein

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Beschreibung

Boston, USA, 2019. Detective Carolyn Matthews hat nicht viel mit Musik am Hut. Als sie die Ermittlungen zum Brandanschlag auf eine Konzerthalle übernimmt, will sie nur, dass ihre beste Freundin, die musikbegeisterte Psychologin Emily Erin Parker, endlich wieder schlafen kann. Doch die Graffiti-Botschaft, die der mutmaßliche Attentäter am Tatort hinterlässt, ist noch nicht getrocknet, da wird aus dem Surf Ballroom ein ähnlicher Anschlag gemeldet. Ein Zufall? Spätestens beim Anschlag auf das ehemalige Konzertgelände des Woodstock Love and Peace Fair wird ein erschreckendes Muster deutlich: Der "Musikbomber" hat es auf Schauplätze der Musikgeschichte abgesehen. Als Carolyn und Emily tiefer in die Strukturen des Musikbusiness eintauchen, geraten sie selbst ins Fadenkreuz. Und der Täter ist noch lange nicht fertig …

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MOBI

Seitenzahl: 511

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Connie Klein

Pop. Rock. Tod.

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

PROLOG

KAPITEL 1: The boys are back in town

KAPITEL 2: Der Preis des Ruhms

KAPITEL 3: Verhör mit Hindernissen

KAPITEL 4: Der Tag, an dem die Musik starb?

KAPITEL 5: Roter Wein und goldene Platten

KAPITEL 6: Frühling auf dem Friedhof

KAPITEL 7: Rot wie dein Blut

KAPITEL 8: Ringos letzte Fahrt

KAPITEL 9: Der Feind an meinem Tisch

KAPITEL 10: Eine haarige Entdeckung

KAPITEL 11: Die Höhle des Löwen

KAPITEL 12: Elvis has left the building

KAPITEL 13: Milchkaffee mit schalem Beigeschmack

KAPITEL 14: Rauch über Motown

KAPITEL 15: Stoned

KAPITEL 16: Ärger im Paradies

KAPITEL 17: Flammendes Inferno

EPILOG

Impressum neobooks

PROLOG

Cambridge bei Boston, 30. Januar 2019

Kurz vor der Zugabe krachte es.

Ein dumpfer Knall, der das Harvard Square Theater so markerschütternd vibrieren ließ, dass selbst im Keller der Putz von der Decke rieselte.

Erschrocken strich sich Josie Winslow etwas Mörtel aus dem kastanienbraunen Haar und stöhnte. Sie schob ihre Brille nach oben, während ihre grünen, sonst strahlenden Augen teilnahmslos in Richtung Flur starrten. Ihr Gehirn feuerte pausenlos Warnmeldungen, doch die Beine verweigerten den Dienst.

Resigniert presste sie den Rücken gegen die Wand und beobachtete eine Menschentraube, die sich wie in Trance auf die Tür zum Flur bewegte. Offenbar ließ sie sich nur noch einen Spaltbreit öffnen, und Josie wollte nicht darüber nachdenken, wer oder was dahinterklemmte.

Panik legte sich über den Raum wie eine Wolldecke, die den Besuchern des Meet and Greet von Mac ’n’ Cheese endgültig die noch verbleibende Luft zum Atmen nahm. Roadies, Fans, Tourmanager – sie alle wollten nur eines: weg.

Die Band selbst war gar nicht erst zur Autogrammstunde im Backstagebereich erschienen. Vermutlich saßen die Bandmitglieder längst im beheizten Tourbus. Oder sie waren tot.

Josie spürte, wie auch sie ein Gefühl von Panik erfasste, das von ihrem Magen aufstieg, um schließlich wie ein zu groß geratener Kuchenkrümel in ihrer Kehle steckenzubleiben.

Sie hustete. Die Luft in dem höchstens achtzehn Quadratmeter großen Kellerraum, in dem gut zwei Dutzend Menschen auf die Band gewartet hatten, war durchsetzt von abgestandenem Atem, penetrantem Parfüm und Schweiß. Vor allem Schweiß. Oder war da noch etwas?

Josie holte tief Luft und begann sofort wieder zu husten. Ihr Blick flog über die Köpfe der Fliehenden hinweg durch den Türspalt und blieb an einer milchig-grauen Nebelschwade hängen, die das klare UV-Licht der Neonröhre zunehmend an ein Gemälde von Monet erinnern ließ.

Oh, mein Gott – das ist Rauch!

Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn. Im Januar!

Verzweifelt drückte Josie ihren Rücken fester gegen die Wand und beobachtete mit leerem Blick den erbitterten Kampf um den Ausgang. Kaum jemand würde ihn gewinnen können.

Nur eine Armlänge vor ihr ging eine Frau zu Boden, nicht älter als sie selbst. Josie zuckte, doch noch immer ließ sich den Muskeln in ihren Beinen kaum mehr entlocken als ein wackliges Zittern.

Plötzlich löste sich einer der wenigen anwesenden Männer aus der Menschenmenge und versuchte, die schwere Holztür auszuhängen, die eine Frau auf der entgegengesetzten Seite des Raumes – vermutlich seine Begleiterin – an der Flucht hinderte. Er scheiterte.

Jetzt nur nicht durchdrehen! Bestimmt übertreiben sie es da oben nur ein bisschen mit der Pyro.

Josie strich sich etwas Staub aus dem gestuften Kurz-Bob und tastete mit zitternden Händen nach ihrer Gürteltasche.

Ich muss Hilfe holen, dachte sie, während sie endlich ihr Handy fand. Irgendwas läuft hier schief!

Das Display war schwarz.

Oh, mein Gott, der Akku ist leer – verfluchte Konzertvideos!

Hastig tippte sie auf den Notfall-Button.

Nichts.

Offensichtlich war das Mobilfunknetz vollständig zusammengebrochen.

Sie ließ das Handy in ihre Gürteltasche sinken und hustete. Die Luft wurde dünner. Der Raum war mit einem Mal erfüllt vom Gestank verbrannter Zuckerwatte.

Sie schloss die Augen. »Pyrotechnik! Bestimmt nur die Pyrotechnik.«

Wenn da draußen irgendwas brennt, bin ich sowieso hier drin sicherer. Sie versuchte, gleichmäßig zu atmen. Erfolglos.

Ein paar Meter weiter schien eine Mitdreißigerin zu hyperventilieren und sackte dann laut röchelnd in sich zusammen.

»Sie hat Asthma! Sie muss dringend hier raus!«, brüllte eine Frau neben ihr. Doch ihr Rufen ging in den panischen Schreien der anderen unter.

Josie schnappte nach Luft. Mittlerweile konnte sie vor Qualm kaum noch die blockierte Tür sehen.

Wie lange wird es dauern, bis auch meine Lunge schlappmacht?

Sie nestelte in ihrer Hosentasche herum und zog kurz darauf ein schweißnasses Taschentuch heraus, das sie sich vor die Nase hielt. Binnen Sekunden verfärbte sich der Zellstoff grau.

Eine dicke Träne bahnte sich den Weg über ihre Wange Richtung Nasenbein und hinterließ eine dünne Schweißspur.

Plötzlich krachte es erneut. Kurz darauf begann der Boden zu zittern; die Wand, an der Josie noch immer lehnte, vibrierte.

Direkt vor ihr donnerte ein Stück der Zimmerdecke zu Boden. Mörtel, Staub und Putz wirbelten durch die Luft. Sie zuckte zusammen und ging in die Hocke, während das rußgeschwärzte Taschentuch zu Boden segelte. Noch bevor sie durch den Staub hindurch etwas erkennen konnte, wurde sie so fest gegen die Wand geschleudert, dass ihre Brille von der Nase rutschte und auf den Boden fiel. Winzige Steine wirbelten durch die Luft. Sie presste die Augen zusammen.

Lass’ es nur ein beschissener Albtraum sein!

In der Ferne prasselte ein Feuer. Oder regnete es noch immer? Sirenen heulten dumpf.

Josie öffnete langsam wieder die Augen; der Rauch, der durch die Decke drang, ließ sie erneut tränen.

Verflucht, ich kann kaum was sehen. Wo ist meine Brille?

Sie schnappte nach Luft und hievte sich wieder nach oben, um wenigstens zu versuchen, dem Inferno zu entfliehen, doch ihre Beine waren noch immer taub. Panisch krallten sich ihre Finger in die Tapete hinter ihr, rutschten auf dem glatten Untergrund aber immer wieder ab.

»Hilfe!«, presste sie hervor, doch es war nur ein kraftloses Flüstern.

Ihre kurzsichtigen Augen scannten den Boden ab, der nun übersät war mit Putzresten. Zitternd löste sie ihre Finger von der Wand und hob ein zerfetztes Plakat mit dem Konterfei der Band auf, das kaum einen halben Meter neben ihr lag. Mit letzter Kraft stemmte sie es schützend über ihren Kopf, wohlwissend, dass es sie nicht würde retten können.

Oh, mein Gott!

Mit einem lauten Knall gab die Decke endgültig nach, und ein Riss fraß sich rasch von der Mitte des Raumes bis zu den Wänden. Die Deckenbeleuchtung flackerte. Josie röchelte und ließ das Bandplakat fallen.

Für den Bruchteil einer Sekunde war es ruhig im Keller des Harvard Square Theaters. Die Schreie aus tausenden Frauenkehlen im Innenraum waren verstummt. Zwei Dutzend Augenpaare im Keller starrten entsetzt zur Decke.

Plötzlich donnerte es. Ein gigantischer Parabolleuchter durchbrach die Deckenkonstruktion und blieb kaum drei Meter vor Josie liegen. Der aufgewirbelte Schutt versperrte endgültig jede Sicht. Nur ein schrilles Quieken verriet, dass der Leuchter nicht nur Stahl- und Betonteile unter sich begraben hatte.

Panikerfüllt starrte Josie auf das riesige Loch in der Decke. Vor ihren beeinträchtigten Augen hatte es die Umrisse von Ohio, und von seinen Rändern hing die Verschalung in Fetzen.

Ich muss … ich muss … die Decke kommt gleich runter. Ich muss raus.

Josie linkes Bein begann zu zittern. Schwer atmend sah sie an sich herunter. Ein winziger Metallstift hatte sich in ihren rechten Oberschenkel gefräst. Der Stoff ihrer Jeanshose färbte sich langsam blutrot. Ihr wurde schwindelig.

Mit letzter Kraft ließ sie sich nach vorne auf alle viere fallen und zog verzweifelt ihren schmerzenden Körper unerträglich langsam in Richtung Tür.

Sie kam nicht weit.

Aus dem Loch in der Decke drang ein lautes Ächzen, dann ein kurzes Knarzen. Augenblicklich gaben die tragenden Holzbalken endgültig nach und bogen sich nach unten, bis sie ein gutes Stück in den Raum hineinragten und gelegentlich zurückwippten. Über ihnen ließ sich der dunkle Laminatboden erahnen, auf dem Josie kurz zuvor noch getanzt hatte.

Es krachte erneut. Ein Teakholz-Klappstuhl aus dem Theatersaal rutschte auf einem der Holzbalken ungebremst nach unten in den Kellerraum. Er schlug kurz vor Josie auf und zerbarst krachend in seine Einzelteile, die wie eine Horde aufgescheuchter Wespen auseinandersprangen. Ein Holzscheit löste sich aus dem düsteren Aquarell aus Staub und Trümmern vor ihr und raste auf sie zu. Mit brachialer Wucht getrieben, traf sie der gigantische Splitter – Sekunden, bevor die Schreckensmeldung Josies Gehirn erreichen konnte.

Das Ding wird dich umbringen!

Josie schrie auf und versuchte, sich auf die Seite zu rollen, als sich das spitze Holzstück in ihre Stirn bohrte. Für einen Augenblick spürte sich das warme, blutige Rinnsal, das sich Richtung Nasenwurzel bewegte.

Dann wurde es endgültig dunkel.

KAPITEL 1: The boys are back in town

Detective Carolyn Matthews lehnte sich zurück und gähnte. Ihr Mantel klebte wie ein nasses Handtuch an der Stuhllehne, und er stank erbärmlich nach Spätschicht. Daran änderte auch diese eigenartige Mischung aus Bohnerwachs und Bourbon nichts, die in dem kleinen Eckcafé im Bostoner Norden zu jeder Tages- und Nachtzeit in der Luft zu hängen schien.

Seufzend korrigierte sie ihre Haltung, während die schmalen Fingerspitzen ein windschiefes Peace-Zeichen nachfuhren, das Emily vor einer halben Ewigkeit in die Tischplatte aus Mahagoniholz geritzt hatte. Damals, als Carolyn noch nicht auf die Verfassung des Bundesstaates Massachusetts geschworen hatte, dass sie sämtliche Straftaten, die ihr begegneten, zur Anzeige bringen würde.

Ungefähr auf der Hälfte des Kreises, der nur mit viel Wohlwollen als Kreis zu bezeichnen war; stoppte sie und umklammerte die Kaffeetasse, die dampfend auf dem Tisch vor ihr stand. Als ihre unterkühlten Finger endlich zu kribbeln begannen, griff Carolyn nach dem verkratzten Kaffeelöffel, der vermutlich schon zum Inventar gehört hatte, als sie fast zwanzig Jahre zuvor zum ersten Mal in das kleine Café in der Salem Street gestolpert war. Behutsam tauchte sie ihn in die Tasse mit Milchkaffee, während ihr Blick zum Schaufenster wanderte. Von draußen peitschte der Regen gegen die riesige Glasscheibe mit dem ausgeblichenen Schriftzug »Bruno’s Cozy Corner«.

Ein guter Ort für einen Zwischenstopp nach einem anstrengenden Arbeitstag. Dabei ließ Carolyns zierliche Statur nicht vermuten, dass sie kaum zwei Stunden zuvor noch einen mutmaßlichen Mörder durch das North End gehetzt hatte, bis sie ihn endlich zu fassen bekam.

Allein schmeckt der Milchkaffee nicht besser als Bobs Instant-Plörre.

Sie schloss kurz die Augen und lauschte, wie Bill Martin, der Barpianist, zum letzten Stück des Abends ansetzte.

Gedankenverloren ließ sie den Löffel so schwungvoll in die halbleere Kaffeetasse sinken, dass ein Tropfen auf dem hellblauen Hemd landete, das unter ihrem Jackett hervorblitzte.

Verflucht, keine dreißig Minuten Feierabend und schon ruiniere ich meine Klamotten.

Hektisch zog sie eine Serviette zwischen Tasse und Unterteller hervor und begann, über den centgroßen Kaffeefleck auf ihrer rechten Brust zu reiben.

Einen Augenblick später legte sie resigniert die Serviette auf den Tisch und beschloss, den nun walnussgroßen Fleck auf ihrem Hemd zu ignorieren.

Ihr Blick wanderte zu dem kleinen Flachbildschirm, der über einem windschiefen Zeitschriftenständer neben dem Tresen hing und unentwegt die neuesten Sensationsmeldungen irgendeines Klatschsenders präsentierte.

Carolyn blies sich eine Haarsträhne aus der Stirn, doch der sonst so akkurat gescheitelte Pagenschnitt war nicht mehr zu retten. Gelangweilt nahm sie zur Kenntnis, dass irgendein Kennedy mal wieder unangenehm auf einer High Society-Party aufgefallen sei.

Kurz darauf scannten ihre meerblauen Augen den Zeitschriftenständer. Der Boston Globe lag etwas verloren im untersten Fach. Darüber befanden sich eine vergilbte Ausgabe des Boston Business Journal und ein paar Frauenzeitschriften. Im obersten Fach lag mit dem National Enquirer die einzige Zeitschrift, die noch druckfrisch aussah.

Carolyn kniff die Augen zusammen und versuchte, die Headline auf dem Cover zu entziffern.

Mac ’n’ Cheese sagen nach Bombendrohung Konzert am Sonntag in New Haven ab.

Mac ’n’ Cheese. Ein riesiges Poster mit fünf attraktiven Männern, kaum älter als zwanzig, schob sich in ihr Gedächtnis. Erst nach und nach setzte sich das Puzzle zusammen und offenbarte den Standort: die pinkfarben tapezierte Wand neben Emilys Bett, um die Carolyn sie immer beneidet hatte – ohne das fast lebensgroße Abbild dieser gräßlichen Boyband. Auch zwei Jahrzehnte später konnte Carolyn die jugendlichen Schwärmereien ihrer besten Freundin noch nicht nachvollziehen.

Sie schüttelte sich und sah auf. Hinter der Bar winkte Bruno.

Er ist alt geworden, dachte Carolyn und nickte dem dicklichen Wirt freundlich zu. Sie rührte den Kaffee erneut um.

In der Ferne heulten Sirenen, doch das Brummen von Brunos Kaffeemaschine verhinderte, dass Carolyn sie orten konnte.

Bill hatte aufgehört zu spielen. Trotzdem saß er noch immer an seinem Piano und nippte teilnahmslos an einem Gin Tonic.

Sie zwinkerte ihm zu. »Spielst du noch eins, Bill?«

»Für meinen Lieblings-Cop mache ich eine Ausnahme!«, grinste Bill und stimmte irgendeine Sonate an.

»Wo ist Emily denn heute?« Seine Finger wanderten so leicht über die Tasten, dass Carolyn nicht sicher war, ob er sie überhaupt berührte.

»Psychologenkongress in Atlanta.« Sie rief es lauter als beabsichtigt.

»Ich vergesse immer, dass sie ja gar kein Cop ist!«, rief Bill über einen Dur-Dreiklang hinweg. Die Melodie erfüllte nun den gesamten Gastraum und übertönte die unheilvollen Geräusche der Nacht.

Als Bill endgültig den Tastaturdeckel schloss, hatte sich das Café merklich geleert. Nur eine ältere Dame mit Dutt saß noch am Fenster schräg gegenüber und hielt sich an ihrem Wasserglas fest.

Bruno kam auf Carolyn zu. »Hast du mal wieder einen Fall abgeschlossen?«, fragte er freundlich.

»Der Milchkaffee ist ein schönes Ritual, wenn man einen Verbrecher geschnappt hat«, grinste sie und setzte zum letzten Schluck an. »Und bei dir schmeckt er eben am besten.«

Bruno kratzte sich verlegen am Kinn. »Hör’ zu, ich würde gerne schließen, ich hab’ seit zehn Minuten Hochzeitstag. Der vierzigste.«

Carolyn sah erschrocken auf die Uhr. Sie nickte und schob ihm einen Fünf-Dollar-Schein zu.

»Lass’ stecken«, lachte Bruno. »Der geht auf mich. Immerhin ist durch dich Boston wieder ein bisschen sicherer geworden.«

Er wischte kurz mit einem Lappen über den Tisch und schien eine Reaktion zu erwarten.

Carolyns schmale Lippen verzogen sich zu einem bemühten Lächeln. Sie mochte es nicht, anderen etwas schuldig zu bleiben.

Der Signalton ihres Handys durchbrach die peinliche Stille. Dankbar für diese Unterbrechung holte sie es hervor und nahm die Push-Benachrichtigung von CNN zur Kenntnis, die zum sechsten Mal in dieser Woche irgendeine Breaking News ankündigte. Genervt schob sie das Gerät zur Seite.

Die App meldete sich erneut.

Carolyn rümpfte die Nase, sodass ihr Nasenrücken noch kürzer wirkte als sonst, riskierte dann aber doch einen Blick.

... TOTE UND VERLETZTE BEI GROSSBRAND IM HARVARD SQUARE THEATER. MEHR IN KÜRZE ...

Ihr Blick schnellte zum Fernseher, wo die Nachricht offenbar noch nicht angekommen war.

Sie spürte eine Unruhe in sich aufsteigen, die sie sich nicht erklären konnte. Immerhin war sie seit elf Dienstjahren beim Boston Police Department permanent mit unerfreulichen Zwischenfällen konfrontiert.

Das leise Klingeln ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken. Ein warmer Dur-Ton, der so gar nicht zu ihrer düsteren Vorahnung passte. Sie nahm den Anruf schon beim dritten Signalton an.

»Carolyn, bist du noch in der Nähe vom Revier?«, hörte sie die sonore Stimme von Detective Sergeant Bob Zimmermann fragen, als sie abhob.

Fall-Abschluss-Kaffee bei Bruno, Chief.«

»Allein?« Er klang überrascht.

»Em ist in Atlanta, du arbeitest offenbar noch, Aaron hat sich von mir getrennt – soll ich weitermachen?«

»Schon gut, ich hab’s kapiert.«

Sie kräuselte die Stirn. »Bob, was ist denn da in Cambridge los?«

»Ich weiß, du hast heute schon einen Dienst hinter dir, aber wir haben im Harvard Square Theater wohl einen Code 29.«

»Es gab also Tote«, erwiderte Carolyn. »Wenn der Fall bei uns landet, dann war es Mord?«

Vielleicht war’s ein Unfall – die Konzerthalle ist alt –, aber wir müssen auch in Erwägung ziehen, dass noch Täter in der Stadt unterwegs sind.« Er stockte kurz. »Ich brauche dich hier.«

Carolyn nahm ihre Jacke. »Ich bin in zwanzig Minuten auf dem Revier.«

Schon von Weitem leuchtete das Polizeirevier A-3 wie die Mayflower am Unabhängigkeitstag. Das war mindestens ungewöhnlich für einen Samstagabend im Bostoner Winter, achtunddreißig Minuten nach Mitternacht. Es hatte aufgehört zu regnen, doch als Carolyn über den Bürgersteig in der Bennett Street hastete, zeigte sich der Januar noch immer von seiner hässlichsten Seite. Vor dem uralten Ahornbaum neben dem Revier übersah sie eine Pfütze. Als ihr das eiskalte Wasser in die Schuhe schwappte, zuckte sie kurz zusammen und lief dann keuchend auf die massive Steintreppe in der Mitte des vierstöckigen Gebäudes zu.

Sie stolperte die regennasse Treppe nach oben und schob dabei mit dem Ellenbogen den Kollegen vom Empfang zur Seite, der an der Eingangstür lehnte und rauchte.

»Sorry, Gordon!«, zischte sie und stieß hastig die Tür auf.

»Bob ist in seinem Büro«, rief Gordon ihr hinterher.

Im Foyer hielt sie kurz inne und zog den dicken Cord-Parka aus. Auf dem riesigen Flatscreen im Wartebereich lief CNN. In Großaufnahme erklärte Polizei-Pressesprecher Eric Clapp gerade, dass noch keine Aussagen über die Ursache einer möglichen Detonation gemacht werden könnten. Sein bulliger Körper war umringt von unzähligen Mikrofonen.

Carolyn holte tief Luft und lief zum Treppenhaus im hinteren Teil des Foyers. Sie nahm zwei Stufen auf einmal. Mit jedem Schritt wurde der Fernsehton stärker überlagert von aufgeregtem Stimmengewirr, das vermutlich aus dem dritten Stock kam. Dort angekommen, erlaubte sie sich nur eine kurze Pause zum Durchatmen und rannte dann weiter.

Bobs Büro war der erste von zehn Räumen, die von einem langen Flur abgingen. Er mündete schließlich in ein Großraumbüro, das wirkte wie ein Klischee aus einem Sechzigerjahre-Krimi. Auf einer Hälfte klebte ein gutes Dutzend winziger Schreibtische, während die andere Platz bot für Faxgerät und Kaffeemaschine. Ein Faxgerät im 21. Jahrhundert! Carolyn schüttelte den Kopf, wie jedes Mal, wenn sie in den Raum spähte, und riss die Tür zu Bobs Büro auf. Keuchend ließ sie sich auf den erstbesten Stuhl gegenüber von Bobs Schreibtisch fallen. »Was gibt’s Chief?«, japste sie und schob sich eine schweißnasse Strähne aus der Stirn. »Wenn sogar die Kollegen im Großraumbüro noch arbeiten, gibt es wohl keine guten Neuigkeiten!«

»Hoffentlich hast du deinen Kaffee wenigstens ausgetrunken, so schnell, wie du hier warst, Detective Matthews!« Bob schielte über den schmalen Brillenrand und nickte ihr anerkennend zu. Dann stand er auf und ging zum Schrank. Im obersten Fach lag immer eine Grundausstattung für den Notfall: Zahnbürste, Waschlappen, Duschgel, ein paar frische T-Shirts. Mit einem gezielten Griff zog er ein Handtuch aus dem Schrank und warf es ihr auf den Schoß.

»Danke, Bob.«

Wortlos hievte er seinen untersetzten Körper wieder zurück auf den Chefsessel an seinem gläsernen Schreibtisch. Vor ihm lag ein kleiner Stapel Papier.

Carolyn rubbelte sich die schweißnassen Haare trocken, legte das Handtuch feinsäuberlich auf den Stuhl neben sich und beugte sich nach vorn. »Bob, du hast mich in elf Dienstjahren nicht einmal aus dem Feierabend zurückgerufen. Ich schätze, es gibt einen guten Grund dafür, dass ich hier bin.«

Bob zog die Schulter nach hinten und richtete sich in seinem Sessel auf. Trotzdem reichte sein fast kahler Kopf kaum über die Stuhllehne hinaus. Seine breiten Finger griffen nach einem Apfel, der auf einem Unterteller neben dem Computer lag. »Um etwa dreiundzwanzig Uhr ging ein Notruf aus dem Harvard Square Theater ein, wo diese Boyband spielte.« Er biss vom Apfel ab.

»Ich nehme an, du redest von Mac ’n’ Cheese?« Carolyn klang betont abfällig. »Das ist wohl eher eine Ex-Boyband.«

»Ja, es war irgendwas zu essen«, murmelte Bob und betrachtete intensiv die Abbissstelle an seinem Apfel.

»Und du hast noch nichts gegessen, weil du natürlich schon vor Ort warst.«

Mit seinem untersetzten Körper auf viel zu kleinen Füßen mochte Detective Sergeant Bob Zimmerman äußerlich wirken wie die schlechte Karikatur eines behäbigen Gebrauchtwagenhändlers, aber er schien trotzdem immer der Erste am Ort des Geschehens zu sein.

»Du kennst mich ganz gut, Carolyn«, erwiderte er. »Die Einsatzkräfte konnten das Feuer schnell unter Kontrolle bringen. Ich befürchte trotzdem, das wir das ganze Ausmaß des Brandes frühestens morgen kennen werden, aber viel ist von der Halle wohl nicht mehr übrig. Es sind hundertfünfzig Polizisten vor Ort, die die Stadt sichern sollen. Auf dem Harvard Square kümmern sich drei Dutzend Rettungskräfte um die Verletzten.«

»Die Stadt muss gesichert werden?« Sie sah ihn überrascht an. »Dann wurde der Brand gelegt?«

»Nein … vielleicht.« Er setzte sich auf und legte den Apfel zurück auf den Unterteller. »Du weißt doch, wie sowas läuft: Bürgermeister McGovern hat ein Attentat schon dementiert, weil kein Bekennerschreiben gefunden wurde, und auf den ersten Blick sieht es wirklich nach einem schlimmen Unfall aus. Trotzdem müssen wir alle Möglichkeiten prüfen.«

»Gibt es schon genauere Daten zu Toten und Verletzten?«

Bob nahm das oberste Blatt vom Stapel vor ihm und schob es über den Schreibtisch. »Die Stadt Cambridge hat eine Hotline für Angehörige eingerichtet. Es werden bis jetzt siebenundzwanzig Personen vermisst. Dazu gibt es fünfzehn Verletzte, sieben davon schwer.«

Carolyn nahm das Blatt vom Tisch und scannte die Namensliste. »Scheiße«, murmelte sie. »Josephine Winslow ist die Cousine meiner besten Freundin. Eigentlich wollte Emily auch zu diesem Konzert, weil sie an ihrer Dissertation über parasoziale Beziehungen arbeitet.«

»Sie hat ihre Psychotherapiepraxis in Dorcester aufgegeben?«

»Sie hat genug von rehabilitierten Verbrechern und nimmt sich eine Auszeit.«

»Dann war sie also nicht auf dem Konzert?«

»Nein, dieser Psychologenkongress kam dazwischen. Josie hatte ihr Ticket.«

»Das tut mir wirklich leid für sie. Ich nehme an, das war Schicksal.« Bob ließ offen, ob er Emily oder Josie meinte. »Einer dieser Boyband-Typen liegt mit Verbrennungen zweiten und dritten Grades im General Hospital.«

Carolyn musterte ihre akkurat geschnittenen Fingernägel, wie meistens, wenn sie ihre Gedanken ordnete. »Gibt es schon Genaueres zum Tathergang?«

»Zwischen dem eigentlichen Konzert und der Zugabe gab es eine etwa dreieinhalbminütige Pause. Die Officers vor Ort gehen davon aus, dass in diesem Zeitraum irgendetwas passiert ist, woraufhin Teile der Bühne in Flammen aufgegangen sind. Einige Zeuginnen glauben, einen lauten Knall gehört zu haben. Kurz darauf sind wohl im Keller Teile der Decke eingestürzt.«

»Wenn wir doch erstmal von einem Unfall ausgehen – was hat das Ganze mit mir zu tun?«, fragte Carolyn und ahnte die Antwort längst. »Ich bin Mordermittlerin.«

»Carolyn, ich habe mit dem Lovejoy-Fall schon mehr als genug zu tun, aber ich werde das Gefühl nicht los, das mehr hinter dem Brand steckt. Die Halle war uralt, aber gerade deshalb muss sie doch vor so einem Großkonzert auf Herz und Nieren überprüft worden sein. Außerdem wurde ein für morgen angekündigtes Konzert der Band im New Haven abgesagt, weil es eine Bombendrohung gab. Vielleicht ist das kein Zufall.«

Carolyn verschränkte die Arme vor der Brust. »Was ist mit den Kollegen in Cambridge?«

»Die ermitteln vielleicht, wenn ein Student vom MIT mit Drogen hinter’m Steuer erwischt wurde. Oder beim Überfall auf einen Supermarkt. Aber sie haben keine Mordkommission. Superintendent-in-Chief Rodriguez hat mir den Fall offiziell übertragen. Und ich will, dass du die Sache in Cambridge aufklärst. Du hast die beste Aufklärungsrate im ganzen Bezirk A-3. Wenn sich herausstellt, dass es doch ein Anschlag oder Attentat war, und du die Verantwortlichen dingfest machst, dann kann ein ziemlicher Karriereschub für dich dabei rausspringen.«

Carolyn zog ihre Unterlippe nach innen. Sie konnte sich selbst nicht erklären, warum ihr die Vorstellung, den Fall zu übernehmen, nicht behagte. »Du bist der Boss. Aber glaubst du wirklich, dass ich die Richtige für diesen Job bin?«

»Natürlich.« Er tippte ein paar Wörter in die Suchmaske auf dem Computer vor ihm. Kurz darauf erschien ein Foto der Band auf dem Display. Fünf einigermaßen attraktive Männer in schillernden Seidenanzügen, die im Wesentlichen einte, dass jedes Haar am vorgesehenen Platz zu liegen schien. Und doch konnte die millimeterdicke Makeup-Schicht auf ihren Gesichtern nicht verdecken, dass keiner der Männer wesentlich jünger als Mitte dreißig war.

»Der Traum aller Schwiegermütter.«

»Für jeden Geschmack ist was dabei.« Carolyn deutete auf einen blassen Mann, dessen dunkelbraune Locken so weich über die hohe Stirn fielen, dass sein kantiges Gesicht fast lieblich wirkte. Er starrte sie aus mandelförmigen Augen an, die unter den buschigen Augenbrauen so geheimnisvoll anmuteten, als sei er geradewegs einem orientalischen Märchen entsprungen. »Der da hing als Starschnitt an Emilys Tür.«

»Johnny McIntosh, zweiundvierzig«, las Bob vom Bildschirm ab. »Aus Dorcester. Diese Typen kommen alle aus dem Großraum Boston.«

Carolyns Zeigefinger wanderte zu einem rothaarigen Mann mit Shortcut, der breiter grinste als Barack Obama bei der Amtseinführung. Dabei tanzte eine ganze Armada von Sommersprossen über den langen Nasenrücken, der in frisch gezupften Augenbrauen mündete.

»Später war’s der da, Nathan Stone, achtunddreißig.« Seine freundlichen Augen strahlten so verbindlich vom Foto, dass Carolyn insgeheim beschloss, mit einer möglicherweise benötigten Zeugenbefragung bei ihm zu beginnen.

»Carolyn, du bist fast zweiunddreißig. Als diese Typen vor vielleicht zwanzig Jahren noch eine echte Boyband waren, gehörtest du zur Zielgruppe. Dir erzählen die Zeuginnen sicher mehr als einem dreiundfünfzigjährigen Jazzfan mit Bauchansatz.« Bob schien überzeugt von seinem Plan und Carolyn wusste nur zu gut, dass ihr Chef nicht davon abzubringen sein würde. »Außerdem hast du gerade den Little Italy-Fall erfolgreich abgeschlossen und vor drei Wochen deine ›Major Case Qualification‹ erhalten«, legte Bob nach. »Und: Du bist mein bester Detective.«

Carolyn zuckte mit den Achseln. »Dass die Cousine meiner besten Freundin und Mitbewohnerin unter den Vermissten ist – macht mich das nicht irgendwie befangen?«

»Diese Halle war mit zweitausend Karten ausverkauft, und Cambridge ist keine fünf Meilen vom North End entfernt, wahrscheinlich kennt jeder hier irgendjemanden, der dort war.« Er hielt kurz inne. »Ich denke, es ist Zeit, dass du mal einen großen Fall leitest – vielleicht wird es ja sogar ein Mordfall.«

»Schon gut, ich übernehme den Fall, Chief.« Sie verdrehte theatralisch die Augen und überflog erneut die Vermisstenliste. »Unter den siebenundzwanzig Vermissten sind vierundzwanzig Frauen.«

»Wie viele Männer vermutest du denn auf einem Boyband-Konzert?« Bob klang belustigt.

Carolyn rümpfte die Nase.

»Du leitest also die Ermittlungen«, sagte Bob. »Such dir dein Team zusammen. Einige Kräfte sind durch den Lovejoy-Fall gebündelt, aber wenn du Verstärkung brauchst, sag’ Bescheid.«

Carolyn setzte sich auf und legte die Handflächen auf den Schreibtisch. »Sollte ein Zusammenhang zu New Haven bestehen, hab’ ich doch gleich das FBI am Hals, weil zwei Staaten betroffen sind.«

»Unser Fokus liegt erstmal auf dem Harvard Square Theater, also auf Cambridge und Boston – und damit auf Massachusetts. Vielleicht kommen wir ohne das FBI aus. Ich weiß, dass du kein Fan der Bundespolizei bist.« Er stand auf und schob seinen Sessel an den Schreibtisch. »Ach, noch was: Momentan kannst du vor Ort nichts tun, aber wenn die Feuerwehr die Brandwache beendet hat, solltest du dich noch mal in der Halle umsehen. Vielleicht fällt dir was Verdächtiges auf.«

Carolyn klaubte die Unterlagen zusammen und stand ebenfalls auf. »Du bist der Boss, Bob.«

KAPITEL 2: Der Preis des Ruhms

Die Ruine des Harvard Square Theaters sah aus wie das überdimensionierte Skelett eines Blauwals, der sich in den Boston Main Channel verirrt hatte und dort verendet war. Riesige Stahlbetonrippen erhoben sich mahnend in den eisigen Winterhimmel. Dabei schien der ziegelrote Eingangsbereich weitgehend intakt. Lediglich die Glasscheiben der beiden Eingangstüren waren gesplittert, und darüber bröckelte die Fassade.

Carolyn schlüpfte unter dem schwarz-gelben Absperrband mit der Aufschrift »Police Line« hindurch und bahnte sich einen Weg durch das riesige Foyer der Halle. Ihre Finger krallten sich um das dicke Stoffband um ihren Hals, an dem ihre Dienstmarke baumelte. Für gewöhnlich trug sie die Marke etwas versteckt an ihrem Gürtel, doch an diesem Morgen hatte sie keine Lust, allzu viele Fragen zu beantworten. In der vergangenen Nacht war sie erst gegen zwei Uhr nach Hause gekommen und der anschließende Versuch, die mediale Berichterstattung über den Brand einzuordnen, hatte ihre Nettoschlafzeit auf zwei, höchstens drei Stunden reduziert. Immerhin war sie frisch geduscht, mit gewaschenen Haaren und sauberen Kleidern.

Sie gähnte und sah sich um. Das weitläufige Foyer wirkte nahezu unversehrt; selbst die Garderobenstangen, die hinter einem breiten Tresen an der Wand montiert waren, schienen am ihnen zugewiesenen Platz zu sein. Nur hier und da war – wohl durch die Erschütterung – etwas Putz von der Decke gerieselt, der sich nun mit den Überresten des Löschwassers zu einem schmierigen Brei verband. Selbst die breite Stahltür zum Konzertsaal wirkte intakt. Allein der beißende Gestank von verbranntem Holz hatte sich in sämtlichen Ritzen festgesetzt und erschwerte das Atmen.

Sie bückte sich und griff nach einem ausgetretenen Sportschuh, der vermutlich einem Fluchtversuch zum Opfer gefallen war. Erst beim näheren Hinsehen offenbarten sich unter dem feuchten Staub unzählige verlorengegangene Gegenstände, die von dramatischen Szenen zeugten. Verbogene Pins und Buttons mit dem Konterfei der Band, einige verbeulte Trinkflaschen, das ein oder andere zerrissene Halstuch, dessen Besitzerinnen die Flucht aus der brennenden Halle womöglich nicht rechtzeitig gelungen war.

Carolyn ließ ihren Blick zum Treppenhaus vor der rechten Seitenwand schweifen, das von einem guten Dutzend Pylonen versperrt wurde. Nur fünf Stufen waren erkennbar, der Rest wurde von der Dunkelheit, die sich in dem fensterlosen Gang ausbreitete, verschluckt. Vermutlich war der Weg zu den Kellerräumen ohnehin versperrt.

Seufzend stand sie auf und zog ein paar Gummihandschuhe aus ihrer Gürteltasche, die sie sich überstreifte.

Mit jedem Schritt, den sie sich der Tür zum Konzertsaal näherte, pochte ihr Herz einen Taktschlag schneller. Was würde sie hinter der Stahltür vorfinden – oder wen? Vielleicht waren noch nicht alle Leichen abtransportiert oder gar gefunden worden. Die Sichtung von Todesopfern war ihr noch nie schwergefallen – Mordopfer mit zigfachen Durchschüssen, Verunglückte bei Unfällen mit Kettensägen, die bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt waren – all das ertrug sie mit Fassung. Doch sie hasste es, nicht zu wissen, was sie erwartete.

Als sie vor der Tür ankam, blieb sie kurz stehen und holte tief Luft. Der Rauchgestank fraß sich in ihre Schleimhäute, die augenblicklich begannen, aus allen Poren zu triefen.

Sie nestelte ein zerknittertes Taschentuch aus der Hosentasche, wischte sich kurz über Augen und Nase und stieß dann mit beiden Händen gegen die schwere Stahltür, die mit einem leisen Ächzen nachgab.

»Scheiße!«, entfuhr es ihr, als sie den Konzertsaal betrat. Der durchweichte Boden war übersät von zersplitterten Holzstücken, und lediglich die Erinnerung an vergangene Konzertbesuche ließ Carolyn vermuten, dass es sich dabei um Reste der gut zweitausend Klappstühle mit edlem Satinüberzug handelte, die das Harvard Square Theater einst zum begehrten Veranstaltungsort für unterschiedlichste Konzerte gemacht hatten.

Dazwischen stapelten sich feuchte Betonteile und allerlei Habseligkeiten, die die Besucher in der Massenpanik am Vorabend verloren hatten.

Carolyn fröstelte. Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust und blickte zur Decke, von der gut zwei Drittel fehlten. Mühsam arbeitete sie sich ein paar Meter vor in Richtung Bühne, bis sich über ihr der wolkenverhangene Winterhimmel erstreckte – eingerahmt von sechs massiven Stahlbetonsäulen, die dem Feuer offenbar standgehalten hatten. Vom Sockel der mittleren, linken Säule zog sich eine Rußspur über die Ziegelsteinwand und wurde nach oben kegelförmig breiter. Kurz vor dem Sockel lagen die verkohlten Überreste einer Holzsäule.

»Das Theater stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert, und der Bühnenaufbau war aus Holz«, murmelte sie, während sie mit dem Zeigefinger über den verkohlten Stumpf fuhr. »Nur die Stahltür wurde nachträglich in den Siebzigerjahren eingebaut.« Ihr Blick wanderte über die verrußte Wand bis zur Decke. »Das Feuer ist am linken Bühnenrand ausgebrochen und hat sich dann bis zur Decke hochgefressen«, murmelte sie. »Die alten Balken und Dachziegel hielten den Flammen nicht stand.« Ihr Blick ging zurück zum Boden. An der Stelle, an der noch Stunden zuvor die Bühne gestanden hatte, war nun ein Trümmerfeld aus Holz und Stahl. Nachdem das Dach Feuer gefangen hatte, war offenbar die dort befestigte Beleuchtungsanlage auf die Bühne gekracht und auseinandergebrochen, sodass die Trümmerteile in alle Richtungen fliegen konnten.

Carolyn drehte sich um. Bis in die letzte Reihe, dachte sie und kletterte ein paar Meter in Richtung Bühnenrand.

Ein Teil der Stahlkonstruktion hatte offenbar eine solche Wucht gehabt, dass sie auf der Höhe der ersten Stuhlreihe durch den Boden gekracht war und ein wagenradgroßes Loch hinterließ, an dessen ausgefransten Rändern Stahlrohre und gesplittertes Holz hervorblitzten.

Sieht aus wie Ohio. Sie lugte nur kurz in den Krater, den die Kollegen mit schwarz-gelbem Flatterband abgesperrt hatten, und steuerte dann auf die Bühne zu.

»Vorsicht, das Loch ist noch nicht vollständig gesichert. Halten Sie bitte Abstand!«

Carolyn zuckte zusammen. Sie hatte den bulligen Feuerwehrmann, der einen Handfeuerlöcher mit sich herumtrug und dessen Uniform den Rang eines Captains zierte, nicht kommen hören.

»Detective Carolyn Matthews, BPD«, schleuderte sie seinem fragenden Blick entgegen und deutete auf ihre Dienstmarke. »Ich muss mich hier etwas umsehen.«

»Sie können hier nicht ohne Helm herumlaufen!«, mahnte der Feuerwehrmann. Offenbar sah er keinen Anlass, sich ebenfalls vorzustellen. »Ein Statiker hat vorhin bestätigt, dass die Halle nicht akut einsturzgefährdet ist, aber trotzdem könnten immer noch Ziegelsteine oder Dachziegel abstürzen.«

»Nicht akut?«, wiederholte Carolyn und schaute skeptisch in das schwarze Loch im Boden.

»Es sind noch etwa dreißig Prozent der Dachkonstruktion erhalten. Die Stahlverstrebungen halten sie bisher aber zusammen.«

»Bisher?« Carolyn runzelte die Stirn. »Wenn mir jetzt das Dach auf den Kopf fällt, wird das die Ermittlungen nicht weiterbringen.«

»Das wird nicht passieren«, beruhigte sie der Captain. »Die Dachkonstruktion wird abgetragen, sobald die Ermittlungen es zulassen, aber wirklich sicher ist sie nicht mehr.« Sein wuchtiger Handschuh deutete auf das Loch im Boden. »Außerdem könnte der Boden absacken. Die Holzbalken um den Krater herum sind durch das Löschwasser morsch. Wir können noch nicht da runter, bevor alles abgestützt ist.« Der Feuerwehrmann zog eine Taschenlampe aus dem Gürtel und beleuchtete einen Haufen aus Schutt, Holz und Stahlteilen, der sich im Keller aufgetürmt hatte. »Es gibt keinerlei Lebenszeichen, aber vielleicht sind da unten noch Tote. Nach dem Konzert sollte dort ein Treffen mit der Band stattfinden.«

Verdammt, in Josies Ticket war das Meet & Greet inbegriffen. Dann ist sie vielleicht noch da unten.

»Wurden schon Leichen gefunden?«

Der Feuerwehrmann nickte. »Einundzwanzig Todesopfer sind bereits bei der Gerichtsmedizin im General Hospital. Offenbar wurden sie totgetrampelt oder von Deckentrümmern getroffen. Aber sechs vermisste Personen wurden noch nicht gefunden. Wir befürchten, dass sie noch im Keller sind.«

Carolyn spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. »War das CSI schon da?« Selbst als Kriminalpolizistin durfte sie nicht einfach einen Tatort betreten, bevor die Kollegen nicht alles nach möglichen Spuren abgesucht hatten. Wenn das Harvard Square Theater denn überhaupt ein Tatort war.

»Ja, heute früh, als zwei Kollegen Dienst hatten. Was dabei rauskam, erfragen Sie dort besser selbst.«

Carolyn nickte, während ihr Blick über den Boden glitt und an einem gut zwei Meter langen Metallstab hängenblieb, der eine abrupte Abbruchkante aufwies. »Dass die Stahltür zum Innenraum nachträglich eingebaut wurde, habe ich schon gesehen, aber was ist mit der Beleuchtung? Die war wohl auch noch keine hundert Jahre alt.«

»Die Beleuchtungsanlage wurde vor zehn Jahren modernisiert, mit einem Schienensystem aus Aluminium. Deshalb ist sie nicht verbrannt, sondern beim Aufprall nur auseinandergebrochen. Leider ist dabei ein Teil der Bühne eingestürzt.«

Carolyn stützte die Hände in die Taille. »Offenbar hatte die Konstruktion trotz der Leichtbauweise durch die Fallgeschwindigkeit eine solche Wucht, dass sie, selbst, nachdem sie auseinandergebrochen war, bis in den Keller durchkrachte. Aber der Bühnenaufbau ist doch auch ziemlich im Eimer?« Sie sah ihn fragend an.

»Fünfhundert Kilo gebürstetes Mahagoniholz mit Schnitzereien aus dem neunzehnten Jahrhundert, denkmalgeschützt. Brennt wie Zunder. Ein Jammer. Der Bodenbelag auf der Bühne ist aus feuerfestem Vinyl, deshalb ist der hintere Teil noch einigermaßen intakt.« Umständlich reichte er ihr ein Paar Überschuhe, vermutlich ebenfalls feuerfest. »Sie können den Bereich betreten, Detective, aber ziehen Sie den hier an.« Er löste einen verblassten Schutzhelm vom Gürtel und hielt ihn ihr auffordernd vors Gesicht.

Falls die restliche Hallendecke einstürzt, wird mir dieser Helm nicht viel nützen.

Er richtete sich auf und tippte sich mit den Fingerkuppen an den Helm. »Die Brandwache ist nun beendet. Aber seien Sie vorsichtig.«

»Danke, Captain.«

Dass sie gleich den Captain zur Brandwache schicken, hat vermutlich mit den Fernsehkameras vor der Tür zu tun, dachte sie, drehte sich um und lief auf das geschmolzene Gebilde am hinteren Hallenrand zu, das nur der Form nach noch an eine Bühne erinnerte. Neben der zerstörten Treppe hatten die Feuerwehrleute einen Metalltritt platziert, um den Höhenunterschied von etwa zwei Metern überwinden zu können. Carolyn atmete tief durch. Sie war vermutlich die einzige Polizistin im Raum Boston, die sich eine gehörige Portion Höhenangst leistete. Mit beiden Händen klammerte sie sich so fest an den Handlauf der kleinen Leiter, dass die Knöchel an ihren Fingern weiß hervortraten. Behutsam setzte sie einen Fuß vor den anderen und ließ dabei den schmalen Streifen aus Vinyllaminat nicht aus den Augen, der noch vor kurzer Zeit als Bodenbelag für das hinterste Drittel der Bühne gedient hatte. Auf der obersten Sprosse angekommen, hievte sie erleichtert ihre Beine auf den Boden und rappelte sich auf, um die Gummihandschuhe zurecht zu zupfen.

Der Boden ist verdammt feucht. Hoffentlich hält er mich noch ein paar Minuten aus, dachte sie und ließ ihren Blick durch den Innenraum schweifen. Von oben wirkte die Zerstörung noch viel verheerender. Kaum fünf Meter vor Carolyns Füßen hatte ein Stahlträger, an dem noch die Überreste eines Scheinwerfers hingen, den vorderen Teil der Bühne in eine Kraterlandschaft verwandelt, die auf halber Höhe plötzlich unvermittelt und fast kerzengerade abriss und so den Bühnenrand gute sechs Meter nach hinten versetzte. Vom Schlagzeug, das dem nachtblauen Bühnenbild an der Rückwand am nächsten stand, war nicht mehr als eine verbeulte Snare Drum übrig, die auf einer rußgeschwärzten Trompete lag.

Carolyn kickte mit dem Fuß einen Ball zur Seite, der wie ein Wollknäuel wirkte, in Wirklichkeit jedoch aus geschmolzenen Gitarrensaiten bestand, und tastete sich vorsichtig vor zu der Stelle, an der sie die Pyrotechnik vermutete.

Vermutlich ist eine Flamme außer Kontrolle geraten, dachte sie, während sie von oben in das riesige Loch im Front of Stage-Bereich vor der Bühne starrte. Die besten Plätze in der Mitte waren faktisch ausradiert, um den Krater herum lagen zerbrochene Stuhllehnen und angesenkte Satinbezüge.

Ihr habt bestimmt hundert Dollar mehr bezahlt als alle anderen Konzertbesucher. Und was habt ihr bekommen? Ihr Blick tastete eine kreisrunde Öffnung kurz vor der Abbruchkante auf der Bühne ab. Sie sah aus wie ein Pizzateller, auf dem ein verkohltes Stück Blumenkohl lag. Vorsichtig balancierte Carolyn um ein verbranntes Keyboard herum, ging kurz vor der Öffnung auf die Knie und stemmte beide Arme auf den Boden, um an dem verschmorten Klumpen zu riechen. »Das ist geschmolzenes Plastik – riecht nach Brennspiritus«, murmelte sie und sah zur Decke. »Es hat gestern zum Zeitpunkt des Notrufs stark geregnet, das hätte die Flammen zumindest hemmen müssen. Außerdem kann der Druckzylinder in der Zündung der Pyrotechnik kaum einen größeren Durchmesser als vielleicht zehn Zentimeter gehabt haben. Ohne Beigabe von Hilfsmitteln erreicht man damit die Decke wahrscheinlich nicht.«

Carolyn kniete sich auf ihre Unterschenkel und versuchte, die Ereignisse vom Vortag zu rekonstruieren. Links von ihr lag ein verschmorter Plastikkasten, der einmal eine Nebelmaschine gewesen sein konnte. »Die Flamme der Pyrotechnik war also zu hoch. Möglicherweise hat sich durch den Druck der Nebelmaschine die Richtung verändert, sodass das Feuer auf die Holzsäule übergriff und dann bis zum Dach kletterte. Als das Dach dann in Flammen stand, hat sich die Scheinwerferanlage gelöst und ist abgestürzt, wobei sie vom Unterbau der Bühne abgebremst wurde. Den gab es im Front of Stage-Bereich nicht. Deshalb hat der Scheinwerfer ein Loch in die Decke gerissen.«

Plötzlich krachte es, als sei irgendwo eine Tür zugefallen.

Das kam aus der Garderobe, dachte Carolyn und sprang auf. Zielstrebig steuerte sie auf die Hinterwand der Bühne zu, in die eine ebenfalls nachtblau gestrichene Tür eingelassen war.

Sie griff nach der Klinke, zuckte aber kurz zurück, da das Metall offenbar noch etwas Resthitze gespeichert hatte, die sich sogar durch die Gummihandschuhe fraß. Ansonsten schien die Stahltür jedoch intakt zu sein. Behutsam zog sie die Handschuhe glatt und wagte einen zweiten Versuch, der offenbarte, dass der kleine Raum hinter der Bühne nahezu unversehrt war. An der Rückwand kauerte neben dem Notausgang, der verschlossen schien, eine wenig glamouröse Holzbank, die bei Carolyn Erinnerungen an den Umkleideraum im Sportunterricht weckten. Die rechte Seitenwand hingegen wurde nahezu vollständig von einem Garderobenständer eingenommen, auf dem drei Dutzend Jacketts hingen, die in allen Farben des Regenbogens glitzerten und – wie der ganze Raum – erbärmlich nach Rauch stanken. Carolyn drehte sich um und blickte in ein winziges Badezimmer, das links neben dem Notausgang über einen türlosen Durchgang mit der Garderobe verbunden war. Sie steuerte auf die Toilettenkabine zu, bis der riesige Spiegel über dem Waschbecken gegenüber ihre Aufmerksamkeit erweckte. Quer über die Spiegelfläche zog sich ein windschiefer Schriftzug, den sie als So bye-bye, Miss A. entzifferte. Unter dem O war eine Zwei gemalt.

Sie las die Worte, die als blutrotes Graffito auf der glatten Spiegeloberfläche prangten, dreimal. An den Rändern war die Schrift verlaufen.

»Klingt wie eine Morddrohung – nur, gegen wen?«, murmelte sie, während sie einen kurzen Blick auf die müde dreinblickende Frau im Spiegel warf. »Wer, zum Teufel, ist Miss A.?«

»Das war kein professioneller Sprayer«, hörte sie plötzlich eine Stimme neben sich sagen.

Erschrocken fuhr sie herum. Der Feuerwehrmann, der Brandwache gehalten hatte, war ihr offenbar gefolgt.

»Damit Graffiti auf einem Spiegel schnell trocknet, braucht man hochwertige Farbe. Dann geht das in zwanzig, dreißig Minuten.«

Sie streckte den Arm aus und ließ ihre Fingerkuppen behutsam über die noch feuchte Farbe gleiten. »Ist jedenfalls kein Lippenstift. Kann der Urheber die Nachricht dann erst vor Kurzem gesprüht haben – vielleicht, als vorhin die Tür zufiel?«

»Nein, dafür ist die Farbe schon zu angetrocknet.« Er deutete auf den ausgefransten Buchstaben A. »Sehen Sie – die Schrift ist nach außen hin verlaufen. Es wurde eindeutig billige Sprühfarbe benutzt, die nur bei mehrmaligem Sprühen richtig deckt und Stunden braucht, um zu trocknen.«

»Vielleicht war ihm das nicht bewusst, und so wurde er mit seiner Nachricht nicht fertig, bevor das Feuer außer Kontrolle geriet.« Carolyn zog die Augenbrauen hoch.

»Ich habe vor etwa fünf Minuten in der Garderobe ein Geräusch gehört«, sagte der Feuerwehrmann. »Ich wollte nachsehen, aber bis ich hier ankam, war niemand mehr zu sehen.«

»Die Tür zum Notausgang kann ja nicht abgeschlossen sein.«

»Natürlich nicht. Aber vielleicht kam der Urheber vorhin zurück, um sein Werk zu vollenden.« Der Feuerwehrmann schien langsam Gefallen an den Ermittlungen zu gewinnen. »Dann bemerkte er, dass er nicht allein war, und drehte postwendend um.«

»Das Areal ist abgesperrt und umzingelt von Übertragungswagen«, murmelte Carolyn, ohne eine eigene Erklärung für das Geräusch zu haben. »Er kann nur geflohen sein, wenn er Helfer hatte. Ich werde trotzdem umgehend alle Eingänge sichern lassen.«

»Wieso er?«, fragte der Feuerwehrmann verwundert.

»Die Buchstaben sind recht groß, ziemlich eckig und etwas unsauber. Auf mich wirkt das männlich. Außerdem lässt er viel Platz zwischen zwei Worten. Es sind einzelne Buchstaben; sie sind nicht miteinander verbunden, und trotzdem wirken sie, als habe sie dieselbe Person gesprüht. Ein Orthografietrainer könnte uns wahrscheinlich einen Monolog über jeden einzelnen Buchstaben liefern, und was sie über die Persönlichkeit des Täters aussagen, aber so viel Zeit haben wir wahrscheinlich nicht.«

»Vermutlich ist er ein sadistischer Egomane, das sehe ich auch ohne orthografische Analyse, Detective.«

Carolyn kniff stirnrunzelnd die Augen zusammen und dachte nach. Miss A – wer könnte das sein? Vielleicht eine Grundschullehrerin? Ein Kindermädchen?

»Ich denke, er brauchte das ›O‹ unbedingt, um die Zahl drunter zu sprühen«, sagte sie laut. »Das soll sicher was bedeuten – und der ganze Text hätte zu lange dauert.«

»Sie meinen, er hat mit ›A‹ angefangen, dann gemerkt, dass die Zeit nicht reicht? Da sollte noch mehr Text kommen?«

»Wäre doch möglich!«

Er kräuselte die Stirn und schien den Buchstaben A in Gedanken nachzufahren. »Wenn ich ihn mit den anderen Buchstaben vergleiche, sieht das A wirklich fliehender aus; weniger ordentlich.«

Sie zog die Unterlippe nach innen. »Sie scheinen sich mit Graffiti auszukennen. Fällt Ihnen sonst irgendwas an der Schrift selbst auf?«

Der Feuerwehrmann beugte sich vor. »Wie Sie sagen: Sie ist etwas eckig. Professionelle Sprayer bekommen die Bögen der Buchstaben runder hin, außerdem würden sie bei ihnen breiter ausfallen, vielleicht mit einem Schatten. Mich wundert auch, dass er den Spiegel als Untergrund gewählt hat, obwohl an den Wänden hier mächtig viel Platz gewesen wäre. Auf einen Spiegel malt man besser mit Pinsel und Acrylfarben.« Er ging einen Schritt auf den Spiegel zu und deutete auf das Wort Miss. »Sehen Sie – die Schrift ist an den Rändern sehr verlaufen. Spiegelnde Oberflächen eignen sich nicht gut für Graffiti, weil sie zu glatt sind. Er kann kein Profi gewesen sein, und wenn Sie mich fragen, war das alles mit heißer Nadel gestrickt.«

»Sie meinen, er hat sich erst kurzfristig für ein Graffito entschieden, um auf sich aufmerksam zu machen?«

»Vielleicht wollte er überhaupt erst darauf aufmerksam machen, dass das hier keine Unfallstelle ist, sondern ein Tatort, ja.« Nun kniff auch er die Augen zusammen. »Aber was heißt So bye-bye, Miss A?« Und was soll die Zwei bedeuten?«

Carolyn zuckte die Achseln. »Vielleicht kann uns das jemand von der Crew sagen.«

»Haben Sie sich eben noch ein bisschen umgesehen?« Der Feuerwehrmann streifte seine dicken Handschuhe von den geschwollenen Händen. »Ziemlich übler Anblick, was?«

Carolyn nickte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er noch müder aussah als sie selbst. »Hören Sie, Captain – gibt es schon genauere Erkenntnisse über die Brandursache?«

»Bisher ist nur klar, dass der Brandherd vom linken, vorderen Bühnenrand ausging, wo eine pyrotechnische Anlage installiert war.«

»Die Überreste habe ich gesehen.«

»Es wurden keine Hinweise auf eine Rohrbombe oder Ähnliches gefunden. Die Pyros wurden vermutlich zu großflächig und zu hoch abgebrannt, sodass die Flammen auf die Säule übergreifen konnten. Vielleicht wurde auch die Flammenhöhe durch Brandbeschleuniger – womöglich Di-Ethyl-Äther – oder Flüssigbrennstoff manipuliert. Die Flammen konnten so bis zur Decke klettern. Allerdings wurden auch keine Rückstände zusätzlicher Substanzen gefunden, wobei die meisten Brandbeschleuniger ohnehin rückstandslos mit verbrannt wären.«

Sie sah ihn prüfend an. »Dann gab es gar keine Detonation?«

»Wären die Teile der Beleuchtung über der Bühne lediglich heruntergefallen, wären sicherlich ein paar Teile abgebrochen. Aber diese Überreste sind völlig zerfetzt. Deshalb vermuten wir, dass die Flammen Teile der Gasleitung erwischt haben, weshalb es zu einem Flashover kam, bevor sich die Beleuchtung von der Decke löste. Das würde auch erklären, warum keine Überreste einer Bombe gefunden wurden.«

»Sie meinen – falls es sich hier tatsächlich um einen Anschlag handelt, war die Explosion womöglich gar nicht geplant?«

Der Feuerwehrmann nickte. »Zu einem Flashover kommt es, wenn sich Gase entzünden – das ist dann eine ungeplante Explosion. Vielleicht sollte es gar nicht zum Großbrand kommen und die Sache ist außer Kontrolle geraten.«

Carolyn seufzte. »Wenn sich hier niemand einen wirklich schlechten Scherz nach einem tragischen Unfall erlaubt hat, dann … Also doch eine Mordermittlung.«

Carolyn klemmte sich den Ordner mit Bobs Polizeibericht und den Unterlagen aus der Pathologie unter den Arm und machte sich auf den Weg ins Besprechungszimmer im dritten Stock. Zum zweiten Mal an diesem Tag verfluchte sie den kaputten Aufzug, als ihr auf dem Flur eilig George Fleming von der Spurensicherung entgegenkam.

»Carolyn, warte kurz.« Seine makellos glatte Stirn glänzte unter dem haargelgetränkten Fassonschnitt, der ein nahezu symmetrisches Gesicht einrahmte.

Carolyn reichte ihm dezent ein Taschentuch. »Du hast es aber verflucht eilig, George.« Sie sah auf die Uhr. »Wir haben doch noch fünf Minuten.«

»Ich wollte dich vor dem Treffen erwischen, vielleicht hab’ ich da was.« Er drückte ihr einen Stapel Papiere in die Hand. »Wir haben alles überprüft. Ein technischer Defekt lässt sich zu fast hundert Prozent ausschließen.«

»Dann war es also kein Unfall?«

»Wir haben praktisch keine verwertbaren Spuren gefunden – weder Fingerabdrücke noch sonstige Hinweise auf die DNA. Aber die Pyrotechnikanlage, von der der Brand offensichtlich ausging, wurde nur zwei Tage zuvor überprüft. Danach hatte niemand mehr Zutritt, der nicht zum Theater oder zur Crew gehörte.«

»Wenn man mal von 2.000 Gästen absieht, die auch im Saal waren.« Sie seufzte. »Was ist mit dem Graffito?«

George schüttelte den Kopf so vehement, dass seine Haare der Geldecke trotzten, die sie umhüllte, und wie im Takt harmonisch hin und her wippten. »Der Täter muss Handschuhe getragen haben.« Er musterte sie. »Was is’n das überhaupt für ’ne Band? Ich hab’ noch nie von Mac ’n’ Cheese gehört.«

Carolyn winkte ab. »Das liegt wahrscheinlich daran, dass du ein Kerl bist und Ende der Neunzigerjahre wahrscheinlich eher Grunge oder was auch immer gehört hast.«

»Da war ich knapp zwanzig, das kommt hin.« Er lachte. »Ich hab’ Kurt Cobain noch live gesehen.«

»Ich schätze, das is’ was Gutes.« Ihr Blick fing den Forensiker Aaron Rashbaum ein, der sich vom Treppenhaus näherte. »Mac ’n’ Cheeseist eine Boyband, die meisten der fünf Bandmitglieder stammen direkt aus Boston. Sie haben um die Jahrhundertwende Millionen verdient. Und, wie das so läuft – irgendwann wollte sie keiner mehr sehen, aber die Traumhäuser und Luxusautos mussten trotzdem bezahlt werden.«

»Ein Motiv?«, fragte George. »Immerhin sind vier der fünf Bandmitglieder offenbar unverletzt, obwohl sie sich näher an der manipulierten Pyrotechnik befanden als die meisten anderen im Saal.«

»Wär’n Ding, oder?« Carolyn hob theatralisch beide Arme nach oben. »Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: Boyband lässt eigene Fans in die Luft fliegen! Das wäre was für den Enquirer.« Sie grinste. »Nee, die sind ja wieder regelmäßig auf Tour und melken die Kuh noch mal kräftig. Ich hab’ vorhin die Konten der Typen checken lassen. Zwischen 1998 und 2003 hat jeder von ihnen pro Jahr etwa acht Millionen verdient. Und seitdem sie wieder auftreten, rollt der Rubel ordentlich. Die wär’n ja blöd, wenn sie sich das selbst kaputtmachen.«

Sie gingen ein paar Schritte und erreichten die Tür zum Besprechungsraum fast zeitgleich mit Aaron Rashbaum.

»Du bist also kein Fan«, stellte George fest, während Aaron stehenblieb und nervös zwischen den beiden hin und her schaute.

Carolyn zuckte kurz zusammen, was George offenbar nicht verborgen blieb.

Bob kam aus seinem Büro, das gegenüber dem Besprechungsraum lag.

»Wenn ihr zusammenarbeiten wollt, müsste ihr diese Sache hinter euch lassen«, knurrte er und schob sich zwischen Aaron und George ins Zimmer.

Carolyn sah zu Boden. »Er hat recht. Du hast mich für einen Kerl verlassen, Aaron. Das hat mein Selbstbewusstsein schon genug angekratzt. Mach’s nicht noch schlimmer.«

Aaron errötete und rang um Worte. »Ich … ich …«

»Wir haben einen Fall zu lösen«, fauchte George und betrat ebenfalls den Besprechungsraum.

Carolyn sah ihm kurz nach, bevor sie ihm folgte und sich neben Bob auf einen Stuhl fallen ließ.

»Das hättest du dir ersparen können«, raunte Bob ihr zu.

»Er ist der beste Forensiker in ganz New England. Wir brauchen ihn.«

Bob zog die Augenbrauen nach oben. »Das Pflichtbewusstsein immer an erster Stelle, was? Deshalb leitest du diesen Fall.« Er nahm einen Schluck von seinem Instant-Kaffee. Der schwarze Rand in der Tasse legte die Vermutung nahe, dass das Gefäß nur selten gespült wurde. Im Grunde sah die Tasse genauso unappetitlich aus, wie der verkalkte Wasserkocher, der seit Jahrzehnten seinen Platz auf einem klapprigen Holztisch zwischen der Flipchart und einer Übersichtskarte des Distrikts A3 hatte. Die Flipchart stand immerhin direkt vor einem neuen Whiteboard, das jedoch nur dann zum Einsatz kam, wenn Bob Zimmerman, der keine technischen Veränderungen mochte, nicht im Raum war.

Carolyn legte einige Fotos vom Tatort in die Mitte des Tisches. Dann lehnte sie sich zurück, sah in die Runde und räusperte sich. Sie hatte diesen Moment herbeigesehnt, ihn tausendfach in ihren Gedanken durchgespielt, doch jetzt spürte sie, wie sich ihre Kehle zuschnürte. Sicher, als Detective hatte sie schon dutzende Ermittlungen geleitet. Gewaltdelikte, auch mal Brandstiftung. Doch war sie wirklich schon bereit dazu, eine Mordermittlung zu leiten?

Sie schnappte nach Luft und sah sich in dem kleinen Besprechungsraum um, der fast bis auf den letzten Platz gefüllt war. Sieben erwartungsvolle Augenpaare sahen sie an. Die Detectives Joan Larkin und Stanley Eisen, ebenso die Assistentin der Mordkommission Judith Robinson, bei der alle Fäden zusammenliefen. Auch Pressesprecher Eric Clapp hatte den Weg in den Raum mit dem großen Glastisch gefunden. Und eben Aaron, Bob und George.

Carolyn fühlte, dass ihr Herz schneller schlug als sonst. Sie rückte ihren Laptop zurecht und lächelte unverbindlich. »Guten Morgen.«

Die Kollegen erwiderten ihren Gruß, verfielen jedoch augenblicklich wieder in gespanntes Schweigen.

»Ich habe euch gebeten, mit mir am Harvard Square-Fall zu arbeiten, weil ihr die Besten seid. Und für diesen Fall brauche ich die Besten, denn wenn sich unsere Vermutungen bestätigen, dann könnte das einer der größten Anschläge in der neueren Geschichte Bostons sein.« Sie pausierte und ließ ihre Worte wirken. »Ihr habt alle den Polizeibericht gelesen und die Fotos gesehen. Einundzwanzig Menschen sind gestorben, sechs werden noch vermisst. Das ist mittlerweile leider traurige Gewissheit. Es gab Dutzende Verletzte.« Mechanisch rezitierte sie die ersten Ermittlungsergebnisse. »George und sein Team können mittlerweile einen Unfall nahezu ausschließen.«

George räusperte sich. »Ja, es gibt keine Hinweise auf einen Defekt der Pyrotechnikanlage oder menschliches Versagen. Außerdem hätte sich die Anlage bei einer Fehlfunktion selbst abgeschaltet, bei einem Stromausfall allemal. Auch Materialermüdung kann ausgeschlossen werden, da die Anlage zwei Tage zuvor von einem externen Gutachter überprüft wurde.«

Carolyn nickte ihm dankbar zu. »Die Halle wurde eigentlich bereits 2012 geschlossen. Drei Jahre später hat sie ein Investor gekauft, aber seitdem ist kaum etwas passiert. Womöglich hat er sich finanziell übernommen.«

»Ein Motiv?«, fragte Bob.

»Das dachte ist zuerst auch«, bestätigte Carolyn. »Denn im Sommer 2017 hat der Bürgermeister der Stadt Cambridge dem Investor ein dreißigtägiges Ultimatum gestellt, bis zu dem er einen Bauplan vorlegen sollte. Das ist verstrichen, ohne, dass etwas passiert ist. Anfang des Jahres hat die Stadt den Bau offiziell übernommen und einen Verwalter eingesetzt. Der ehemalige Investor hat einen zweistelligen Millionenbetrag erhalten. Also kein Motiv.«

»Was hatten die Verantwortlichen von Cambridge mit der Halle vor?«, fragte Stanley Eisen. »Der übliche Versuch, Boston nachzueifern?«

»Nach diesem letzten Konzert sollte die Halle einem Neubau weichen. Die Stadt Cambridge hat den Verwalter mit der Planung beauftragt. Dahinter könnte also tatsächlich ein Versicherungsbetrug stecken.«

»Und wie passt das mit dem Graffito zusammen?«, fragte Stanley Eisen, der ihr schräg gegenübersaß. Sein drahtiger Körper klebte förmlich an dem eleganten Lederschwinger.

Carolyn griff nach einem Foto, auf dem das Graffito abgebildet war, und hielt es hoch.

So bye-bye, Miss A, mit einer roten Zwei unter dem O.

»Das ist die große Frage. Momentan sind das zwei verschiedene Dinge, die wir erstmal gesondert behandeln. Das Graffito wurde in der Garderobe gefunden. Es muss ungefähr zum Zeitpunkt des Brandes entstanden sein, und Form und Farbe deuten darauf hin, dass der Urheber kein professioneller Sprayer war. Es könnte ein Ablenkungsmanöver sein, aber ich denke eher, dass wir auch andere Motive im Blick haben sollten.«

»Ein Terroranschlag? Oder Suizid?«

»Nein, Bob – das würde ich ausschließen. Es gibt weder ein Bekennerschreiben noch einen Abschiedsbrief. Ein Graffito erfordert Planung. Schließlich hätte eine Sprühdose bei der Sicherheitskontrolle vor Konzertbeginn auffallen müssen. Das spricht auch gegen eine Tat im Affekt, etwa einen Amoklauf.«

»Wird auch die Crew überprüft?«, fragte Judith Robinson.

»Ja, für ein Crewmitglied wäre es einfacher gewesen als für einen Fan, die Dose in die Halle zu schmuggeln. Leider wurde sie nicht gefunden.« Carolyn lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Langsam entspannte sie sich. »Ich werde mir nachher mal den Veranstalter vornehmen, Jimmy James von James Entertainment. Er kann mir vielleicht mehr über die Umstände der Konzertplanung sagen.«

»Was ist mit dem Promoter?« Bob legte seine fleischigen Fingerkuppen aufeinander.

Carolyn zuckte die Achseln. »Live Nation? Soweit ich weiß, sind die Marktführer. Außerdem ist ein Promoter ja nur fürs Marketing zuständig – dafür, dass möglichst viele von dem Konzert erfahren. Ich denke nicht, dass die viel mit der Planung und Organisation des Konzerts zu tun hatte. Die haben wohl kein Motiv.«

»Erpressung wäre ein Motiv«, murmelte Bob. »Aber du hast recht: Das wäre eher einem lokalen Veranstalter wie James Entertainment zuzutrauen als diesem riesigen Unternehmen Live Nation.«

»Bisher hat sich noch kein Erpresser gemeldet.« Carolyn setzte sich auf. »Und der Vorfall ist schon zu lange her, als dass wir noch mit einem Anruf rechnen sollten.«

»Aber es gibt noch keine Beweise dafür, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Brand und Graffito?«

»Nein, Eric, und natürlich kann es sein, dass der Urheber des Graffitos von dem Feuer überrascht wurde«, erwiderte Carolyn. »Allerdings hatte während des Konzertes lediglich die Band selbst Zugang zur Garderobe, und die Tür zum Notausgang lässt sich nur von innen öffnen. Ich glaube deshalb kaum, dass zwei Straftaten parallel stattfanden.«

»Was denkst du dann?« Bob sah sie auffordernd an.

»Ich halte es für möglich, dass der Urheber des Graffitos oder Komplizen auch den Brand gelegt haben, aber mit dem Sprühen nicht fertig geworden ist, bevor das Feuer außer Kontrolle geriet.«

Bob nickte. »Ein paar Zeuginnen haben gestern ausgesagt, dass sie auf der Flucht nach draußen einen lauten Knall hörten, ein paar Minuten, nachdem der Brand ausgebrochen war.«

Sie nickte. »Gegen dreiundzwanzig Uhr, kurz vor der Zugabe, ereignete sich offenbar eine Explosion. Vermutlich ausgelöst, als das Feuer eine marode Gasleitung unter dem Dach erreichte. Das hat wohl den Brand beschleunigt. Vielleicht hat der Täter die Pyrotechnikanlage manipuliert, um Aufmerksamkeit zu erregen, aber nicht damit gerechnet, die halbe Halle abzufackeln.«

»Ein Unfall während einer Straftat?« Joan Larkin zwirbelte skeptisch eine aschblonde Haarsträhne über ihren Zeigefinger.

Carolyn holte tief Luft. »Ich glaube, es war ihm wichtig, dass wir seine Botschaft erhalten.«

»Für eine wichtige Nachricht klingt die Botschaft reichlich kryptisch.« Stanley Eisen wischte sich mit dem Handrücken über die schwulstigen Lippen und fixierte das Foto in der Tischmitte. »Und was soll diese Zahl unter dem O?«

»Wir glauben, dass es eine Art Rätsel ist.«

»Aber das O ist nicht der zweite, sondern der fünfzehnte Buchstabe im Alphabet.«

»Ja, Stanley, aber darum geht es ihm nicht. Ich befürchte, dass es um ein Lösungswort geht, und dann…«

»Wäre er noch nicht fertig?«, beendete Stanley Eisen Carolyns Satz.

Sie nickte. »Wir werden schon rausfinden, was er uns sagen wollte.« Carolyn nippte an ihrem Wasserglas. »Immerhin haben wir Zeugen aus dem direkten Umfeld der Band. Das Graffito muss zum Ausbruch des Brandes schon da gewesen sein.«

»Was ist denn mit der Band selbst? Die Presse stürzt sich auf die Story, aber ich habe eine Interview-Sperrfrist eingeräumt, bis alle verhört wurden.«

Carolyn konnte förmlich fühlen, wie Eric Clapp mit den Hufen scharrte. »Vier Bandmitglieder waren mutmaßlich zum Unglückszeitpunkt in der Garderobe. Das hat ihnen wohl das Leben gerettet. Einer – Tom Belt – liegt auf der Intensivstation. Sein Zustand ist kritisch. Wir überprüfen noch, wo er sich zu dieser Zeit befand.«

»Glaubst du, dass die Band was damit zu tun hat?«, fragte Stanley Eisen. »Oder Tom Belt? Ein Selbstmord mit großer Showeinlage und billigend in Kauf genommenen weiteren Opfern?«

»Oder ein sehr makabrer Publicity-Gag, der schiefging«, erwiderte Aaron Rashbaum.

»Wie gesagt – es gibt keinen Abschiedsbrief. Und ich habe Belts Akte gecheckt. Er ist zweifacher Familienvater, verheiratet, gut situiert, und in seiner Krankenakte findet sich kein Vermerk über psychosomatische oder sonstige Erkrankungen. Das passt für mich erstmal nicht zusammen.«

»Der Globe spekuliert schon über einen Anschlag.« Eric Clapp warf die aktuelle Ausgabe des Boston Globe auf den Tisch.

Wer ist der Täter vom Harvard Square?, leuchtete in roten Lettern vom Cover.

»Verdammt – hat doch jemand gesungen?« Bob klang verärgert.

»Das glaube ich nicht«, erwiderte Eric Clapp. »Nur die üblichen schwammigen Verschwörungstheorien und viel Blabla, aber keine zitierte Quelle.«

»Daran werden wir uns bei diesem Fall gewöhnen müssen.« Carolyn seufzte. »Viel wichtiger ist, dass die Öffentlichkeit erstmal nichts von dem Graffito erfährt. Sowas lässt sich leicht nachahmen. Wir müssen der Presse immer mal wieder ein Leckerli hinwerfen, damit sie nicht so oft nachbohrt.«

»Was wissen wir also über den mutmaßlichen Täter?« Aaron konnte ihr noch immer nicht in die Augen sehen.

»Noch nichts, Aaron«, sagte Carolyn. »Die Fahndung läuft, aber bisher erfolglos. Es kann eine Person sein, vielleicht sind es auch mehrere. In der Regel sind solche Konzerte gut mit Sicherheitspersonal ausgestattet, sodass man sich ohne Ticket oder Dienstausweis schon gewaltsam hätte Zutritt verschaffen müssen. Das wäre aufgefallen. Daher nehme ich an, dass sich der Täter unter den Zuschauern oder – für mich wahrscheinlicher – unter der Crew befindet. Eine Einzelperson könnte unauffälliger agieren als eine ganze Gruppe, aber vielleicht hatte sie Helfer. Im gesamten Bühnenteam waren nur zwei Frauen, deshalb ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass der Täter ein Mann ist.«

Aarons hohe Wangenknochen brachten sie noch immer gelegentlich aus dem Konzept.

Er nickte. »Wie geht es jetzt weiter?«

»Unsere Aufgabe ist es zunächst, herauszufinden, wer und was das Feuer – oder die Explosion – ausgelöst hat. Und warum. Außerdem müssen wir diese Graffito-Botschaft entschlüsseln. Aaron, du erstellst die Tatanalyse, die später in ein Täterprofil mündet.«

»Sollen wir die Zeugen befragen, Boss?«, fragte Stanley Eisen.

»Die Band übernehme ich«, erwiderte Carolyn entschlossen. »Crew und Fans solltet tatsächlich ihr befragen, Stan. Ein paar Aussagen hat Bob schon in der Tatnacht gesammelt, aber die Besucherinnen standen ja ziemlich unter Schock. Jetzt ist die erste Aufregung vielleicht vorbei, aber wir müssen schnell sein – die Befragung muss innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden abgeschlossen sein, sonst verwässern die Aussagen und die Zeugen werden unzuverlässig. Judith, bitte stelle die Kontakte her. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Notiert alles in der Maske im Intranet. Sobald wir mehr wissen, gebe ich den Zeitpunkt für das nächste Treffen bekannt.« Carolyn klappte ihren Laptop zu, während Bob ihr anerkennend zunickte.