7,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 7,99 €
Boston, USA, 2019. Zwei Monate nach dem dramatischen Ende ihrer Jagd auf den »Musikbomber« kehrt Detective Carolyn Matthews zurück zum Boston Police Department. Die Wunden auf ihrer Seele sind noch nicht verheilt, als an einem Tatort ein rätselhafter Schlüssel gefunden wird. Schnell wird klar: Das massive Schließwerkzeug führt zu einem finsteren Geheimnis. Ist der "Musikbomber" doch noch am Leben? Ein blutiger Showdown droht, der die Geschichte der Rockmusik in ihren Grundfesten erschüttern würde. Doch je tiefer Carolyn und die musikbegeisterte Kriminalpsychologin Emily Erin Parker graben, desto deutlicher wird: Der mutmaßliche Täter bedroht nicht nur das Vermächtnis berühmter Rockstars, sondern auch Carolyns eigenes Leben …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 607
Veröffentlichungsjahr: 2025
Connie Klein
Rock ’n’ Roll Boulevard
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1: Keine Zeit, zu heilen
Kapitel 2: Merchandising hinter kalten Mauern
Kapitel 3: Rolle rückwärts
Kapitel 4: Die Last mit der Liste
Kapitel 5: Strawberry fields forever?
Kapitel 6: Gier nach Ruhm
Kapitel 7: Harrisons Stein
Kapitel 8: Die Rache des Musikbombers?
Kapitel 9: Das Haus, das Nat baute
Kapitel 10: Falsche Freunde
Kapitel 11: Die letzte Party
Kapitel 12: Long. Live. Rock.
Kapitel 13: Showdown in Rocktown
Kapitel 14: Der Klang des Todes
Epilog
Impressum neobooks
Pete O’ Leary hatte schon alles gehört. Jedenfalls jedes Geräusch, dass einem zwangsläufig begegnete, wenn man vierzigeinhalb Jahre zur See fuhr und Fische fing. Meistens Barsche, Schellfisch, Thunfisch. Vor allem Thunfisch.
Doch diesmal war es anders. Petes Herz schlug bis zum Hals als er seine Gischt geplagten Finger in den hölzernen Rumpf seines Kutters krallte und behutsam ein Bein über die Reling setzte. Tausende Mal hatte er die Red Mary auf diese Weise betreten, doch diesmal würde es das letzte Mal sein. Das letzte Grollen der Wellen, die mit brachialer Kraft gegen den Bug schlugen, wenn er von einem Fang zurückkam. Der letzte Griff nach der maroden Leine, die er tausende Male sorgfältig vertäut hatte.
Mühsam holte er auch das zweite Bein nach und richtete sich an Deck auf, Wirbel für Wirbel. Verstohlen tippte er mit dem Zeigefinger an die verwaschene Kapitänsmütze, die ihm das Gefühl gab, von einer enorm wichtigen Mission zurückzukehren, obwohl gegen Mitternacht selten mehr Publikum am Boston Fish Pier auf ihn wartete als eine schlaflose Entenfamilie. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann hatte Pete nur deshalb auch seine komplette Freizeit an Bord verbracht, weil zuhause in Savin Hill sowieso niemand auf ihn wartete.
Er sog die frische Meeresluft ein. Sie war salziger als sonst; vermutlich frischte der Ostwind auf. Seine Nase täuschte ihn selten, während der in den vielen Jahren seines Lebens trüb gewordene Blick sich mitunter recht mühsam am Horizont entlang hangelte, um etwas Brauchbares zu erspähen. Mehr als ein anderes Fischerboot, vielleicht ein Patrouillenboot der New England Coast Guard, konnte man so spät am Abend ohnehin nicht erwarten.
Er horchte auf. Das dumpfe Klopfen, das geklungen hatte, als würde jemand sein Holzbein über die Lamellen ziehen, aus denen er als junger Mann den Fußboden gezimmert hatte, war verstummt. Der Wind trug nur noch einen leisen Klangteppich vom Bostoner North End herüber zum Seaport District, den seine Hörgeräte als undefinierbaren Brei aus Motorengeräuschen und Musik wiedergaben. Vermutlich erwachte die Hanover Street an diesem ersten, wirklich warmen Junisamstag aus dem verlängerten Winterschlaf.
Ächzend ließ sich Pete auf ein Brett fallen, dass ihm all die Jahre als Bank gedient hatte, obwohl es am Ende doch nur blieb, was es war – ein mittlerweile ziemlich morsches Stück Holz auf einer zersägten Palette. Nüchtern betrachtet, war der alte Kahn keinen Heller mehr wert, aber Pete hatte schon vor Jahren damit aufgehört, die Dinge nüchtern zu betrachten. Vielleicht war das der Grund, warum er sich schon mit fünfundsechzig fühlte wie fünfundachtzig und das Fischernetz viel früher an den Haken hängen musste, als es ihm seine schmale Rente erlaubte. Immerhin war er noch klar genug, um zu begreifen, dass der anonyme Käufer, den er nach Monaten des vergeblichen Annoncierens endlich gefunden hatte, mit der Red Mary sicherlich keine Fische fangen wollte.
Pete griff nach einem Seil, das dicht neben der Bank im Heckkorb lag, und ließ es fast zärtlich durch seine Finger gleiten. Es war rau, an manchen Stellen fast marode, doch noch immer tat es seinen Zweck. Seufzend sah er auf.
»Verfluchte Hausierer.« Er verdrängte die Möglichkeit, dass auch er in Kürze ohne Obdach sein könnte, und fixierte eine leere Colaflasche, die dicht neben dem Heckkorb lag und bei stärkerem Wellengang ein paar Zentimeter Richtung Bug rollte. Er hatte davon gehört, dass gelegentlich Obdachlose in verlassen geglaubten Fischerbooten übernachteten, aber die Erkenntnis, dass dies auch für seine Mary galt, traf ihn schwer.
Verärgert warf er das Seil zurück auf den Boden.
Da war es wieder – dieses Geräusch, das er nicht orten konnte.
Tok. Tok. Tok.
Ob der Hausierer noch da war – vielleicht in der Kajüte?
Mühsam rappelte er sich auf und streckte seine alten Knochen von sich, bis er einigermaßen aufrecht stand. Mittlerweile waren die Lichter der Straßenlaternen an der Kaimauer erloschen, sodass ihm nichts weiter blieb als eine alte Positionslaterne, die am Eingang zur Kajüte hing und es nur mit Mühe schaffte, das Deck auszuleuchten. Warum war ihm das nie aufgefallen?
Pete warf einen kurzen Blick auf das schwarze Wasser, das mit einem Mal nahezu regungslos wirkte. »Hallo, is’ da wer?«, murmelte er so leise, dass es nicht einmal die Enten am Kai hätten hören können. »Hallo?«
Er spürte eine innere Unruhe in sich aufsteigen und entschied, dass er sich mit einem Baseballschläger, den so ziemlich alle Fischer mit sich trugen, die naiv genug waren, kurz vor Mitternacht noch unterwegs zu sein, wohler fühlen würde. Vorsichtig schob er einen Fuß vor den anderen. Die schweren Boots schabten über das Holz, doch noch immer war das Klopfen lauter.
Auf halbem Weg zwischen Reling und Kajüte begann die Batterie an seinem rechten Hörgerät zu piepsen; ein lauter, schriller Ton, den er auch ohne technische Unterstützung hören musste. Leider war es ihm in seiner langen Karriere als Fischer nicht vergönnt gewesen, Moby Dick zu fangen, und so musste er sich mit Hörgeräten begnügen, die so groß waren wie eine Venusmuschel, in der eine äußerst kurzlebige Zink-Luft-Batterie steckte. Schon beim ersten akustischen Ruf nach einer neuen Zink-Luft-Batterie verschwammen die Umgebungsgeräusche endgültig zu einem heillosen Aquarell aus undefinierbaren Tönen. An diesem Punkt war kein sinnvolles Gespräch mehr möglich, und vielleicht zog Pete deshalb die Gesellschaft von Fischen der von Menschen vor.
Als Pete den kleinen Plastikknopf aus seinem linken Ohr zog, wusste er, dass er sich jetzt auf seine anderen fünf Sinne verlassen musste.
Langsam nahm er ein kleines Kästchen aus seiner Hosentasche, in dem er das Hörgerät behutsam verwahrte, und setzte sich wieder in Bewegung. Die Fußbodenbohlen schwankten unter seinen Füßen. Womöglich fuhr ein Containerschiff durch den Boston Harbor. Oder Pete spürte noch immer den billigen Fusel vom Vormittag, mit dem er mit Ol’ Jeff auf sein neues Leben angestoßen hatte – vielleicht der einzige Freund, der ihm noch geblieben war, nachdem die Verantwortlichen der Stadt Boston die Gegend um das Fish Pier in eine Touristenattraktion verwandelt hatten, in der kaum Platz blieb für die alten Fischer.
Er drosselte seine Geschwindigkeit und legte die letzten Meter bis zur Kajüte im Schneckentempo zurück.
An der alten Holztür streckte er den Zeigefinger aus und fuhr die Furchen nach. Nur mit etwas Fantasie ließen sich die Initialen noch erkennen, die er als nicht mehr ganz junger Mann in das Eichenholz geschnitzt hatte. MM. Mary Marley, seine große Liebe, die ihm das Meer grausam entrissen und mit gebrochenem Herzen zurückgelassen hatte.
Als sein Finger am höchsten Punkt des zweiten M angekommen war, hielt er inne. Hatte der Wind gedreht oder gab es eine andere Begründung für den Luftzug, den er plötzlich in seinem Nacken spürte?
Langsam drehte er sich um, konnte aber nichts weiter erkennen als die dunklen Umrisse des Fish Pier. Auf seinen behaarten Unterarmen bildete sich eine Gänsehaut. Er klammerte sich so fest an den Türknauf, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten, und nahm einen tiefen Atemzug. Wie konnte sein Atem nach Fisch riechen? Das letzte Mal, dass sein Gaumen mit ein paar Bissen Fischfleisch in Berührung gekommen war, lag gut und gerne drei Wochen zurück; die eilige Sonderbestellung für das Blue Oyster, dessen Geschäftsführer so glücklich über seinen Einsatz gewesen war, dass er ihm ein köstliches Schellfisch-Filet zubereiten ließ. Vermutlich hatte es mal wieder so einem neureichen Schnösel aus Martha’s Vineyard nach Seebarsch-Tatar gelüstet.
Der Gestank wurde penetranter. Pete war sich sicher: Zander, vermutlich angerichtet in einer Weißweinsauce.
Er schüttelte sich und drehte sich erneut um, als ein Gefühl der Beklemmung seinen Körper durchzuckte.
Ihm blieb kaum Zeit, um die Person, die urplötzlich hinter ihm aufgetaucht sein musste, anzusehen. War sie weiblich – oder womöglich einer dieser verfluchten Alt-Hippies, der sich die strähnigen Haare zum letzten Mal kurz vor der Jahrhundertwende gekämmt hatte? Ein Tränenfilm, der unkontrolliert aus seinen Augenwinkeln schoss, verschleierte endgültig seine Sicht. Vielleicht war die Person kleiner als er, vielleicht auch braunhaarig, vielleicht alt. Verflucht – wie viele Gedanken passten in den Bruchteil einer Sekunde? Sein Blick blieb an dem gezwirbelten Hanfseil in ihren Händen kleben, das sich so rasant auf ihn zubewegte, als sei er ein entlaufenes Rodeo-Pferd.
Er vermochte nicht, sich zu bewegen. Wozu auch? Wer auch immer die Person hinter dem Seil war: Sie musste ihm überlegen sein.
Im Bruchteil einer Sekunde flog die Schlinge durch die Luft und legte sich um seinen Hals. Reflexartig griff er nach dem Hanfseil und versuchte, es auseinanderzuziehen. Mit aller Kraft, die noch in seinen Muskeln war, krallte er seine Finger in das Tau und zog daran. Es dauerte kaum einen Wimpernschlag, bis er sich eingestehen musste, dass er keine Chance hatte. Fester und fester zog sich die Schlinge um seinen Hals.
Er begann zu keuchen. Nicht mehr als ein dünner Luftzug schaffte noch den Weg bis in seine Lunge. Auch dem Gehirn schien der Sauerstoff auszugehen, denn mit einem Mal fühlte er nichts mehr.
Er hustete; rang nach Luft, bis ihm kalt wurde.
Dann sackte er in sich zusammen.
Carolyn Matthews wischte sich eine karamellbraune Strähne aus dem Gesicht und schloss die Augen. Der warme Morgenwind kitzelte ihre Lider, und vielleicht zum ersten Mal seit Wochen brachte sie so etwas wie ein Lächeln zustande. Sie drückte ihren Rücken gegen die Lehne der Parkbank und erfühlte jede einzelne Teakholzlatte, die sich in ihre Haut grub. In solchen Momenten war sie jedes Mal aufs Neue überrascht, dass sie überhaupt noch etwas fühlte. Abgesehen von dem brennenden Schmerz auf ihrer Pupille, der sich noch immer einstellte, kurz nachdem das Sonnenlicht ungebremst auf ihre Hornhaut traf. Doch wenn sie die Augen zu lange schloss, waren die Bilder aus Jamaika wieder da; Bilder aus der Nacht, in der sie sich binnen Sekunden hatte entscheiden müssen, ob sie als Polizistin oder als Frau handeln würde. Natürlich hatte sie als Polizistin gehandelt, doch noch immer kämpfte sie tagtäglich gegen die letzten Gefühle an, die nicht mit Johnny McIntosh zusammen verbrannt waren.
Sie lehnte sich noch etwas weiter zurück und schüttelte seufzend ihren Kopf, als ließen sich die bösen Gedanken dadurch vertreiben.
Langsam öffnete sie die Augen und blinzelte. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, dabei war es nicht einmal elf Uhr. Eine Zaunkönig-Familie, die offenbar ihren Nistplatz im North End Park gefunden hatte, zwitscherte fröhlich gegen den Motorenlärm an, der von der nahen Cross Street herüberwehte. Vielleicht waren es auch Blauhäher, Zeisige oder Krähen – was machte das schon für einen Unterschied?
Als ihre Pupillen sich endlich an das grelle Licht gewöhnt hatten, wanderten ihre Augen über die dichten Baumkronen der Zedern, die irgendein gewiefter Stadtplaner in Zickzacklinien um einen sternförmigen Platz aus Pflastersteinen gepflanzt hatte als in Boston noch Kutschen statt Autos fuhren.
Ihr Blick flog weiter zur Hauswand, die den kaum hundert Quadratmeter großen Bostoner Stadtpark nach Norden hin begrenzte. Über dem ordentlich angebrachten Rauputz prangte ein unansehnliches Graffito; kaum größer als der Buchsbusch darunter.
Texas Chipotle-Sauce sucks.
Carolyns schmale Finger krallten sich so fest in die Latten der Parkbank, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. In Gedanken fuhr sie die ausgefransten Buchstaben nach, die offenbar nicht von einem geübten Graffiti-Sprayer stammten. Vielmehr hatte der Absender der Botschaft stümperhaft ein paar Striche aneinandergefügt, die auf den ersten Blick wirkten wie eine Ansammlung mathematischer Ziffern. Während der Abstand zwischen den ersten Buchstaben noch gut und gerne eine Handbreit ausfiel, verringerte er sich auf dem Weg zum Ende der Hauswand stetig, sodass das Wort sucks endgültig nur noch zu erraten war. Vermutlich hatte der Urheber unter enormem Zeitdruck gestanden.
»Entspann’ dich, Lynnie«, hörte sie plötzlich eine helle Stimme hinter sich sagen. »Du magst Texas Chipotle Sauce doch auch nich’.«
Emily Erin Parker ließ sich auf die Parkbank fallen und hielt ihr einen deckellosen Einweg-Kaffeebecher vors Gesicht. »Hatte meinen Mehrwegbecher vergessen«, murmelte sie entschuldigend. Den anderen Becher stellte sie neben sich auf die Bank.
Über Carolyns Gesicht huschte ein dankbares Lächeln, während sie nach dem Becher griff und sich auf das Herz aus Kakaopulver konzentrierte, das etwas windschief auf der dicken Schaumhaube schwamm. Seitdem sie vor zweiundzwanzig Jahren zum ersten Mal einen Milchkaffee in »Bruno’s Cozy Corner« in der Salem Street bestellt hatte, wurde das Kakaoherz mit jedem Becher schiefer. »Aber ich lasse es nicht ganz Boston wissen, indem ich meine Abneigung gegen Jalapeños an eine Wand sprühe.«
»Wir können uns nicht vor jedem roten Graffito verstecken«, stellte Emily mit einem beherzten Biss in einen Bagel fest. »Und abgesehen davon: So schlecht hat nicht mal Johnny gesprüht.«
Carolyn nickte bemüht, während ihr Blick zu ihren Füßen wanderte, die nervös über den Pflasterboden wippten. Waren ihre Sneaker wirklich einmal weiß gewesen? Sie nahm einen Schluck Milchkaffee, was das Kakaoherz endgültig in ein kubistisches Gemälde verwandelte und ein winziges Milchbärtchen auf ihrer Oberlippe hinterließ. Fahrig fuhr sie sich mit dem Handrücken über die schmalen Lippen. »Glaubst du, Molly ist sauer, dass wir einfach vom Leichenschmaus abgehauen sind, Em?« Sie griff nach dem Rührstäbchen und begann damit, das merkwürdige Schaumgebilde abzutragen.
Emily schüttelte den Kopf, sodass ihre blonden Locken tanzten. »Nein, Tante Molly weiß, was ich von dieser Tradition halte, und nimmt’s nicht persönlich. Es ist okay. Auch für Josie wäre es okay gewesen.« Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Sie … Tante Molly ist sehr froh, dass wir den Kerl gefasst haben, der das Attentat auf das Harvard Square Theater verübt hat.«
Carolyn atmete tief ein. Die Luft roch nach Frühling. »Du meinst, sie ist froh, dass der Mörder ihrer Tochter tot ist …«
»Ich kann’s ihr nicht verübeln«, sagte Emily kauend. »Dass Johnny noch weitere Anschläge verübt und dabei jedes Mal diese Graffitos hinterlassen hat, muss sie nicht wissen. Es ist so schon schlimm genug.«
Als Emily behutsam eine Hand auf ihren Oberschenkel legte, durchzuckte ein Adrenalinschub Carolyns Körper, der sie reflexartig zurückweichen ließ. Beschämt sah sie zu Boden. Wenn sie nicht einmal mehr ein gut gemeintes Tätscheln ihrer besten Freundin ertragen konnte, würde sie dann überhaupt jemals wieder Berührungen zulassen können?
»Lynnie, du hast in einem einzigen Kurzurlaub deinen Freund bei einem Brand verloren, vor dem du dich selbst nur mit knapper Not selbst retten konntest …«
»Ich nehme an, nach der Sache mit den K.O.-Tropfen war es eher mein Ex-Freund …«
»Dein Ex-Freund, der nebenbei noch zum Attentäter mutierte!« Emily richtete sich auf. »Mensch, Lynnie – wenn es jemandem gerade beschissen gehen darf, dann ja wohl dir!«
Carolyn zuckte die Achseln. »Ich bin Detective der Bostoner Mordkommission. Ich habe nur meinen Job gemacht.« Sie griff nach dem Rührstäbchen und rührte so lange in ihrem Becher herum, bis die Milch endgültig nicht mehr vom Kaffee zu unterscheiden war.
Emily wich kopfschüttelnd zurück. »Ja, aber – falls dich heute noch niemand daran erinnert hat – du bist auch ein Mensch. Ein ziemlich Toller, sogar.« Sie rückte näher an Carolyn heran. »Wenn auch manchmal ein bisschen starrköpfig.« Sie schob sich den letzten Bissen in den Mund.
Carolyn lehnte sich an Emilys Schulter. »Die Polizeipsychologin sagt das auch – dass ich auch Gefühle haben darf. Das vergesse ich manchmal. Aber ich komme gut damit zurecht, wenn ich Jamaika von meiner persönlichen Landkarte streiche.«
»Ich sage dir als Psychologin und als deine beste Freundin: Das sind ein paar Emotionen zu viel für so einen kurzen Zeitraum.«
Carolyn nickte und stellte den Becher auf der Parkbank ab. »Schon klar, aber wenn ich zu viel darüber nachdenke, tut es immer noch weh«, murmelte sie und wusste dabei nicht einmal, was genau den Schmerz verursachte: War es die Tatsache, dass sie sich überhaupt in einen Mann verliebt hatte, den sie im Rahmen einer, mit ziemlich heißer Nadel gestrickten, Undercover-Ermittlung eigentlich nur hatte beschatten wollen? Oder rührte der Schmerz aus der bitteren Erkenntnis, dass der Mann, den sie zu lieben geglaubt hatte, sich innerhalb kürzester Zeit als Monster entpuppte?
»Irgendwas dazwischen«, murmelte Carolyn und versuchte, die wenigen Bilder der letzten Minuten im Golden Eye Resort in Oracabessa, an die sie sich noch erinnern konnte, zu verdrängen. Die Minuten vor dem Filmriss. Noch immer waberte nachts diese quälende Frage durch ihre Träume. Was war passiert in den Stunden zwischen dem Strandnachmittag am Low Cay Beach und dem Augenblick, in dem sie mit pochenden Kopfschmerzen in einer jamaikanischen Blockhütte erwacht war?«
»Zwischen was?«, fragte Emily irritiert.
»Ach, nichts. Ich habe nur kurz laut gedacht.« Carolyn winkte ab. »Mit seinem Tod hat sich Johnny aus der Verantwortung gestohlen. Er hätte bezahlen müssen für das, was er Josie und den anderen angetan hat.« Sie presste ihre Finger gegen den Kaffeebecher und starrte auf die Hauswand. Wie hatte sie erwarten können, dass Josies Beerdigung das Schlimmste an diesem Tag bleiben würde?
»Hör’ zu, Lynnie. Diese Polizeipsychologin, die dir Bob Zimmerman – der als Sergeant Detective nun mal dein Vorgesetzter ist – verordnet hat, diagnostizierte eine Posttraumatische Belastungsstörung …«
»Was ein riesiger Quatsch ist«, fiel ihr Carolyn ins Wort. »Mir geht’s gut. Ich bin ein Cop, und es ist nicht das erste Mal, dass ich in Todesgefahr war. Und – falls Bob Zimmerman mich endlich mal wieder von meinem Schreibtisch weglässt, wird es auch nicht das letzte Mal sein. Herrgott, das ist mein Job!« Sie sprach so laut, dass sich eine ältere Dame, die auf der benachbarten Parkbank saß, pikiert umdrehte. »Außerdem glaube ich, dass diese merkwürdige Diagnose uns lediglich einigermaßen geräuschlos aus unserem Sonderermittlerposten entlassen sollte.« Carolyn griff in ihren Rucksack, um ihr klingelndes Handy herauszuholen. »Dabei hatte ich sowieso nicht vor, dauerhaft beim FBI anzuheuern«, sagte sie, während sie den Anruf annahm.
»Bob, gerade haben wir von dir geredet. Was gibt’s denn?«
Am anderen Ende meldete sich eine kräftige Bassstimme, die so gar nicht zu dem untersetzten, nahezu kahlköpfigen Leiter des Polizeireviers A3 im Bostoner North End passte. »Carolyn, ich hab’ hier jemandem, dem es heute wahrscheinlich noch schlechter geht als dir.«
»Ist er tot?«
Sie konnte ihn am anderen Ende förmlich nicken hören. »Männliche Leiche am Fish Pier, Anlegestelle 67b.« Er hielt inne. »Hör’ mal, ich weiß, dass du gerade von einer Beerdigung kommst, aber es gab fast zeitgleich noch einen Mord in der U-Bahn-Station Chiswick Road, und fast ein Drittel der Kollegen fällt mit Grippe aus. Und das Anfang Juni!«
»Ich hatte mich schon gewundert, dass du diesmal selbst ausrückst, Chief.« Sie sah auf die Uhr. »Chiswick liegt an der Green Line. Zum Glück fährt die Red Line Richtung Fish Pier. Ich bin in einer knappen Stunde da.«
♫
Carolyn blieb abrupt stehen und stützte die Hände auf ihre Oberschenkel, während sie nach Luft rang. Erst auf halber Strecke zwischen South Street Station und Fish Pier war ihr aufgefallen, dass die Folgen der leichten Rauchvergiftung offenbar noch immer an ihren Lungenflügeln nagten. Und so hoffte sie inständig, dass niemand sie in den letzten fünfhundert Metern beobachtet hatte, als sie sich humpelnd und stöhnend in Zeitlupe dem Anlegesteg im Bostoner Hafen genähert hatte.
Sie atmete tief durch, bis sie den Widerstand in ihrer Luftröhre spüren konnte. Aus den Augenwinkeln sah sie Bob Zimmerman auf einem Fischkutter stehen, der seine besten Jahre längst hinter sich gebracht hatte.
So wie Bob, dachte Carolyn, während ein Grinsen über ihre Lippen huschte.
Das Motorboot war kaum größer als eines dieser Glasbodenboote, mit denen Touristen am Ufer des Revere Beach entlanggeschippert wurden, nur um festzustellen, dass das trübe Meerwasser in Strandnähe nicht viel mehr Fauna zu bieten hatte als ein handelsüblicher Whirlpool.
Sie richtete sich wieder auf und winkte Bob zu. Die letzten Meter zwischen dem breiten Pier und dem Anlegesteg 23, der sich in eine Reihe mit gut und gerne vierzig weiteren Stegen einfügte, schaffte sie in kurzer Zeit, und als sie über die Reling auf die Red Mary kletterte, hatte sich ihre Atmung längst wieder beruhigt.
Neben Bob entdeckte sie die Gerichtsmedizinerin Dr. Cheryl Sarkisian, die vor der Leiche kniete. Die Absätze ihrer schwarzen Lederboots hatten sich so fest in den verschlissenen Holzboden gegraben, dass Carolyn unweigerlich verstand, warum keine einzige der hölzernen Paneele noch in Takt zu sein schien.
Als Dr. Sarkisian Carolyn bemerkte, warf sie ihren Kopf so schwungvoll zurück, dass ihre schwarzen Locken durch den milden Frühlingswind hindurch tanzten.
Carolyn nickte ihr freundlich zu und reichte Bob die Hand. »Du wolltest mich sehen, Bob?«
Bob Zimmerman rieb sich über die kahle Stelle an seiner Stirn und zeigte auf die Leiche am Boden. »Es ist deine erste Leiche, seit …«
»Es ist meine hundertachtundzwanzigste Leiche, seitdem ich vor zwei Jahren vom Drogendezernat zur Mordkommission gewechselt bin.« Carolyn blitzte ihn mit eisblauen Augen an. »Du musst mich nicht beschützen, Bob.«
»Du zählst mit?«, fragte Dr. Sarkisian erstaunt.
»Mit dir kann ich sicher nicht mithalten, Cher.« Carolyns Blick wanderte zu dem Toten, dessen Extremitäten nahezu parallel auf seinem Oberkörper ruhten, als sei er während irgendeiner Yogaübung zu Tode gekommen. Dabei wirkte der Mann, den sie auf weit über sechzig schätzte, nicht sonderlich sportlich, was möglicherweise mit seinem voluminösen Rumpf zu tun hatte, auf dem ein viel zu kleiner Kopf steckte. Die Augen waren so weit aufgerissen, dass feine Äderchen hervortraten. Vermutlich hatte das Opfer sein abruptes Ende nicht kommen sehen. Carolyns Blick glitt weiter zur unteren Gesichtspartie. Zwischen dem schmalen Nasenrücken und den schwulstigen Lippen hingen ein paar unkoordiniert gruppierte Bartstoppeln, die wirkten, als gehörten sie zu einem Malen-nach-Zahlen-Bild. Erst der Gesamteindruck – zu dem neben ein paar Büscheln strähniger Haare, die ungewaschen an seinem Oberkopf klebten, auch zentimeterlange Fingernägel gehörten –, ließ vermuten, dass es sich bei den Bartstoppeln nicht um einen mühsam kultivierten Dreitagebart handelte, sondern eher um das Ergebnis mangelnder Körperhygiene.
»Es geht mir gut, Bob«, murmelte Carolyn. »Ich habe Johnnys Überreste nicht gesehen, und bin auch recht froh darüber.«
»Aber du gehst doch noch zu der Polizeipsychologin?«
»Wenn nicht, hättest du’s bestimmt mitbekommen, Bob«, murmelte sie. »Habt ihr schon etwas über das Opfer rausgefunden?«
Bob nickte. »Das ist Pete O’Leary, 65. Er hatte den Fischkutter – die Red Mary – gerade verkauft.«
»Weiß man, an wen?« Carolyn drehte sich einmal um die eigene Achse, doch sie fand keine einzige Stelle, an der die Farblackierung aussah, als wäre sie in diesem Jahrhundert angebracht worden. »Einer von den Rockefellers wird’s wohl nicht gewesen sein.«
Bob schüttelte den Kopf. »Das konnte uns Jefferson Sherman, alias Ol’ Jeff, der Fischer, der ihn heute Morgen gegen sechs gefunden hat, nicht sagen.«
»War er mit O’Leary verabredet gewesen?«
Bob schüttelte den Kopf. »Er war gerade auf dem Weg zu seinem Boot, das ein paar Meter weiter ankert, als ihm auffiel, dass die Lampe an O’Learys Kajüte noch brannte.«
»Um sechs war es schon hell«, bestätigte Carolyn.
»Sherman zufolge war O’Leary gerade in Rente gegangen, aber auch schon vorher nie vor zehn oder elf rausgefahren. Deshalb war Licht auf dem Boot um diese Zeit wohl ungewöhnlich.«
»Wann ging der Notruf ein?«
»Als er O’Learys Leiche sah, ist Sherman sofort zum Wharf gelaufen und hat die 911 angerufen. Er hat kein eigenes Handy.«
»Dass es sowas noch gibt!« Carolyn schüttelte irritiert den Kopf.
»Die Kollegen von der Streife waren gegen sieben da; die Spurensicherung etwa eineinhalb Stunden später, aber der Täter hat offenbar alle Spuren verwischt. Die Kollegen haben Reste von Spülmittel am Bugkorb und an der Reling gefunden.«
»Klingt nicht nach einem Profi«, murmelte Carolyn.
Dr. Sarkisian richtete sich auf. »Um eine toxikologische Untersuchung vorzunehmen, muss ich ihn mit in die Gerichtsmedizin nehmen.« Sie zog die Gummihandschuhe straff und öffnete die ersten drei Knöpfe seines verschlissenen Flanellhemdes, unter dem er ein Feinrippunterhemd trug. Behutsam schob sie die Träger zur Seite. »Am Oberkörper, im Gesicht und an den Händen war seine Haut offenbar stark durchblutet.« Sie deutete auf eine Rötung oberhalb des Brustkorbes, deren Form an eine Spinne erinnerte. »Diese erweiterten Blutgefäße bei gleichzeitig sehr trockener Haut, auf der es zu erhöhter Talgproduktion kommt, deuten auf Alkoholmissbrauch hin.«
»Dann könnte es ein Unfall unter Alkoholeinfluss gewesen sein?«, fragte Bob. »Das würde auch erklären, warum es keine DNA-Spuren gab.«
»Wurden DNA-Spuren von O’Leary gefunden?«, fragte Carolyn.
Dr. Sarkisian schüttelte den Kopf. »Nein, es gab weder Fingerabdrücke noch Hautschüppchen oder sonst irgendetwas. Nichts.«
»Dann tippe ich auf einen Mord, bei dem der Täter eben alle Abdrücke entfernt hat.«
»Ich halte es auch für Mord«, stimmte Dr. Sarkisian Carolyn zu. »Es gibt allerdings keine Hinweise auf einen Kampf. Das Opfer hat keinerlei Schürfwunden; nur Hämatome am vorderen Hals und an den Seiten – im Bereich des Thyrohyodeus-Muskels.«
Bob vergrub die Hände in den tiefen Taschen seines Trenchcoats. »Dann war es kein Streit, der einfach eskaliert ist?«
Carolyns Blick glitt über den verschlissenen Parkettboden, bis hin zum Bugkorb, aus dem ein abgenutztes Seilende hing. »Vermutlich wurde er vorsätzlich von hinten erdrosselt, Bob. Dieses Seil könnte die Mordwaffe sein. Immerhin gibt es offenbar nirgends Einschusslöcher oder Schmauchspuren. Und dass offenbar am Bugkorb Fingerabdrücke entfernt wurden, spricht auch dafür.«
»Carolyn hat recht«, erwiderte Dr. Sarkisian. »Die Wunden am Hals sind der einzige Hinweis auf eine Gewalteinwirkung. Es gibt noch eine Schürfwunde an der Schulter, die vermutlich vom Aufprall auf den Boden stammt, aber nicht totbringend war. Die Wunde verläuft nach außen hin sternförmig, was auf eine rasante Aufprallgeschwindigkeit hinweist.«
»Er hat demnach also das Bewusstsein verloren, als er noch aufrecht stand und ist dann in sich zusammengesackt«, überlegte Carolyn. »Dafür spricht auch, dass die Extremitäten sehr nah am Rumpf liegen. Wenn O’Leary die Zeit und Möglichkeit gehabt hätte, sich irgendwo festzuhalten, hätte er das sicher getan.«
Bob kniff die Lippen so fest zusammen, dass ihnen ein Zischen entfuhr. »Wir werden das Seil noch mal genauer untersuchen lassen.«
Carolyn griff in den Untersuchungsbeutel, der wie immer in ihrem Rucksack wartete, und streifte ein Paar Gummihandschuhe über. »Falls die Tat nicht geplant war, hatte der mutmaßliche Täter sicher weder eine richtige Waffe noch Handschuhe dabei.«
»Aber Spülmittel«, gab Bob zu bedenken.
»Das Spülmittel kann auch aus der Kajüte stammen. Sowas hatte O’Leary doch sicher dabei.« Carolyn ging ein paar Schritte Richtung Bugkorb. »Diese Lampe beleuchtet im Dunkeln kaum mehr als einen Radius von vielleicht fünf Metern. Der Korb mit dem Seil lag also gestern Nacht im Dunkeln.« Sie blieb stehen. »Da Mr. O’Leary ein Hörgerät fehlt, die meisten Menschen aber beidseitig schwerhörig sind, konnte er den Angreifer vermutlich nicht hören.« Sie ging die restlichen Schritte bis zum Bugkorb und kniete sich davor. »Dieses Tau wurde nicht einfach hastig aus der Kiste geholt«, sagte sie. »Das wäre viel zu laut gewesen. Der Täter hat es langsam herausgezogen. Mit dem anderen Hörgerät hat Mr. O’Leary ja wahrscheinlich gut gehört.«
Bob kniff die Augen zusammen und inspizierte O’Learys Ohr. »Obwohl es ein ziemlich günstiges Modell zu sein scheint.«
»Hören konnte er damit aber trotzdem – wenn vielleicht auch keine Arien in der Met«, erwiderte Carolyn. »Der Täter muss das Opfer zuvor beschattet haben, denn vermutlich wusste er, dass er ein Hörgerät trägt. Wahrscheinlich hat Mr. O’Leary noch irgendwo ein weiteres für das andere Ohr – meistens trägt man ja zwei Geräte. Aber im Moment des Todes war das Ohr ohne Hörgerät der Bugkiste zugeneigt; das denke ich jedenfalls, weil er sich sicherlich umgedreht hat, als er den Angreifer bemerkte.«
»Ergo liegt er jetzt mit dem Ohr, in dem ein Gerät steckt, zur Bugseite«, ergänzte Bob.
»Richtig«, bestätigte Carolyn. »Aber das gab dem Täter Zeit, das Seil behutsam aus der Kiste zu nehmen und sich anzuschleichen.« Sie ging in die Knie und ließ vorsichtig ihre Finger über das feste Seilende gleiten. »Es hat höchstens zwei Zentimeter Durchmesser und ist damit biegsam genug, um eine Schlinge zu legen – die er natürlich anschließend wieder gelöst hat.« Sie legte das Seil zurück in die Kiste und stand auf.
»Das beweist aber nicht, dass es eine vorsätzliche Tat war«, sagte Bob.
»Aber es ist unwahrscheinlich, dass ein Streit eskaliert ist, denn der Täter hat sich ziemlich sicher angeschlichen.« Carolyn ging zurück zur Leiche und kniete sich daneben. »Konnte Mr. Sherman etwas zum Täter sagen?«
Dr. Sarkisian schüttelte den Kopf. »Ich habe die Lebertemperatur gemessen und gehe von einem Tatzeitpunkt zwischen 23:30 und halb zwei aus. Mr. Sherman hat das Opfer erst um sechs gefunden. Da war der Täter sicherlich schon über alle Berge.«
Bob kratzte sich am Kopf. »Wir gehen davon aus, dass er männlich ist, weil er im Hinblick auf den Winkel der Wunde größer gewesen sein muss als Mr. O’Leary – der etwa einen Meter achtzig groß war.«
Carolyn hielt den Kopf schief und betrachtete einen bronzefarben schimmernden Messingschlüssel, der etwa fünf Zentimeter neben O’Learys Hosentasche lag. Auf dem Griff war – vermutlich mit Acrylfarben – eine rote Neun gemalt. »Ich nehme mal nicht an, dass auf diesem Schlüssel Fingerabdrücke gefunden wurden, aber kommt euch seine Position auch komisch vor?«
»Was meinst du?«, fragte Dr. Sarkisian.
»Dieser Schlüssel sieht nicht aus, als sei er Opfer oder Täter versehentlich aus der Tasche gefallen – dazu liegt er zu nah bei der Leiche. Vielleicht hat ihn der Täter mit Absicht dort hingelegt, um uns zu verwirren.«
»Das ging mir auch schon durch den Kopf«, sagte Bob. »Es könnte eine Art Rätsel sein.«
»Bleib’ mir bitte vom Leib mit Rätseln, Bob – davon hatte ich in den letzten Monaten genug.«
»Hättest du nicht gerne gewusst, wo dieser angekündigte Showdown hätte stattfinden sollen?«
Carolyn zog die Augenbrauen hoch. »Mir war diese Episode auf Jamaika Showdown genug.«
Dr. Sarkisian runzelte die Stirn. »Können wir uns kurz wieder auf diesen Fall konzentrieren?« Offenbar hatte sie es eilig. »Ich hab’ keine Ahnung von Schlüsseln, aber ich denke nicht, dass er aus diesem Jahrhundert stammt.«
»Das ist ein Buntbartschlüssel«, erwiderte Bob. »Die Räute – also der Griff – ist recht lang und mündet in einen Schlüsselbart; hier in C-Form.«
»Wieso kennst du dich so gut mit Schlüsseln aus, Bob?«, fragte Carolyn anerkennend.
»Du erinnerst dich sicher an den Fall in der Lovejoy-Werft vor zwei, drei Monaten?«
Carolyn nickte. »Das FBI hat die Ermittlungen übernommen, weil Werften aus mehreren Bundesstaaten involviert waren.«
»Richtig«, bestätigte Bob. »Die Täter konnten ins Werftgebäude eindringen, weil sich die Türen mit Buntbartschlüsseln öffnen ließen, die eigentlich nur für Zimmertüren verwendet werden – und heute oft nicht mal mehr das. So kamen wir darauf, dass der Inhaber der Werft in die Tat involviert war.«
»Der Schlüssel ist ziemlich zerkratzt«, bemerkte Carolyn. »Außerdem stellt man heute doch keine Schlüssel in dieser Größe mehr her. Der ist bestimmt fünf Zentimeter lang.«
»Und genau deshalb denke ich, dass er zu einem älteren Gebäude gehört, das vielleicht leer steht oder kurz vor dem Abriss, sodass sich die Montage eines neuen Schlosssystems nicht mehr lohnt – vielleicht eine Lagerhalle.«
»Ein Haustürschlüssel ist es vermutlich nicht.« Dr. Sarkisian musterte die Hand des Opfers. »Im Labor kann ich die Haut an seiner Hand auf Messingspuren untersuchen. Dann wissen wir, ob der Schlüssel dem Opfer oder dem Täter gehörte.«
»Das könnte uns wirklich weiterhelfen. Cher«, erwiderte Carolyn. »Soweit ich weiß, haben zumindest die Lagerhallen an den Docks keine Hausnummern. Allerdings sind sie nach deren Erbauung nummeriert; deshalb ist die Reihenfolge manchmal etwas schräg. Vielleicht sollten wir dort mit der Suche beginnen.«
Bob nickte. »Joan Larkin hat vorhin alle Lagerhallen mit der Nummer Neun innerhalb der Bostoner Gemarkung überprüft. Es sind vier – eine in Dorcester und die anderen an den Docks. In zwei Hallen wird noch immer Fisch gelagert; eine steht offenbar leer und ist baufällig.«
»Die sollten wir uns zuerst vornehmen.« Carolyn klemmte die Unterlippe zwischen ihre Schneidezähne. »Sie wird doch aber trotzdem jemandem gehören?«
Bob nickte. »Der Besitzer heißt Vernon Smith, oder so ähnlich – irgendein Unternehmer aus dem Mittleren Westen.«
Carolyn spürte, wie der Frühstückspfannkuchen versuchte, ihre Speiseröhre emporzuklettern, bis er kurz vor ihrer Kehle kehrt machte und mit Lichtgeschwindigkeit wieder nach unten rutschte. »Aus irgendeinem Kaff in North Dakota?« Sie ging ein paar Schritte rückwärts, um sich an der Reling festzuhalten.
»Ist alles okay, Carolyn?« Bob sah sie besorgt an. »Du kennst den Mann?«
Carolyn holte tief Luft und versuchte, sich auf das kalte Metall an der Griffleiste zu konzentrieren, um ihre Gedanken zu sortieren. »Die Halle gehörte Johnny McIntosh«, flüsterte sie. »Er benutzte diesen Namen, wenn er anonym bleiben wollte – damit hat er wohl auch verhindert, dass die Halle unmittelbar nach seinem Tod durchsucht wurde.« Sie atmete erneut tief ein, stieß dabei aber auf einen Widerstand auf der Höhe des Kehlkopfes. »Vernon hieß Elvis Presleys Vater; Smith ist der Mädchenname seiner Mutter – Gladys Love Smith.« Sie sah Bob mit glasigen Augen an.
»Aber – du hast doch gesehen, dass McIntosh in diesem Blockhaus verbrannt ist, Carolyn?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe gesehen, dass er in einem Feuerkreis eingeschlossen war.« Die Bilder wanderten erneut durch ihre Gehirnwindungen. »Er hat mich angesehen. Diesen Blick werde ich niemals vergessen, Bob. Aber das Fenster war viel zu hoch und er hatte keine Chance, da rauszuklettern. Das war unmöglich.«
»Die Spurensuche des Jamaica Constabulary Force hat unter dem verkohlten Fenster eindeutig menschliche Überreste gefunden, die aber zu stark verbrannt waren, um eindeutig identifiziert werden zu können.« Dr. Sarkisian richtete sich auf. »Ein Haarbüschel am Fenster konnte McIntosh zugeordnet werden, ebenso Überreste von Kleidern.«
Bob suchte Carolyns Blick. »Hat dir McIntosh wirklich eindeutig gesagt, dass er der Musikbomber war?«
Carolyn senkte den Blick. »Das musste er gar nicht, Bob. Er wusste Dinge, die niemand sonst wissen konnte. Miles Maddox, der Kerl, den wir in Dyess gefasst haben, war nur ein Helfer. Aber es gibt für mich keinen Zweifel daran, dass Johnny den Plan geschmiedet und ausgeführt hat.«
»Dafür spricht auch, dass der angekündigte Anschlag auf das MTV-Hauptgebäude bisher ausblieb«, bestätigte Dr. Sarkisian.
»Du hast recht, Cher«, erwiderte Carolyn. »Das FBI hat die Fallakte schon vor Wochen offiziell geschlossen.«
Carolyn fixierte erneut den Schlüssel neben der Leiche. »Dieser Schlüssel liegt nicht zufällig dort. Das ist kein Zufall.« Sie ging einen Schritt nach vorn, bis sie über dem Messingschlüssel stand. »Pete O’Leary war aber ein zufälliges Opfer. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort – nämlich allein irgendwo im Einsatzgebiet des Reviers A3. Er musste sterben, weil der Täter wusste, dass wir bei einem Mordfall hier auftauchen würden.« Sie sah fast flehentlich in Bobs Richtung. »Ich brauche Emily.«
»Carolyn, wie du schon sagtest: Der Musikbomber-Fall ist offiziell abgeschlossen.« Bob zuckte die Schultern. »Emily hat den Civilian Consultant-Kurs zwar abgeschlossen, aber sie ist nach wie vor kein Cop und arbeitet nicht mehr für das Boston Police Department. Ich kann sie nicht einer solchen Gefahr aussetzen.«
Carolyn zog die Unterlippe nach innen. »Bob – wir haben beide nicht die geringste Ahnung von Musik, und Emily hat uns als Beraterin in diesem Fall schon ein paar Mal aus der Patsche geholfen. Wir brauchen sie.«
»Carolyn …«
»Wenn ich genau darüber nachdenke, habe ich eigentlich heute Urlaub …«
»Herrgott, ich kümmere mich darum – bring’ sie an die Halle.«
Carolyn hielt sich schützend die Hand vor die Stirn, während ihr Blick die bröckelnde Fassade abtastete. Die Sonne stand schon tief, als sie die Lagerhalle mit der rot aufgemalten Neun erreichten. Das Gebäude, ein paar Blocks südlich der Rowes Wharf, wirkte bedrohlich, selbst bei Tageslicht. Das mochte an den vernagelten Fenstern liegen, die sie wie aus leeren Augenhöhlen anzustarren schienen, und deren matte Glasscheiben übersät waren mit feinen Sprüngen, die an Spinnweben erinnerten. Über dem rostigen Metalltor entsprang ein tiefer Riss, der den Blick freigab auf das rohe Mauerwerk. Fast senkrecht fraß sich der Schlitz Richtung Flachdach. Mit etwas Fantasie erinnerte er an die Umrisse Floridas.
»Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?« Emily runzelte ihre makellos glatte Stirn. »Wer würde denn für diese Ruine Geld zahlen?«
»Jemand, der ungestört bleiben möchte, würde ich sagen«, erwiderte Carolyn und zog ihre Pistole, die sie auf den Namen Stan getauft hatte, aus dem Halfter.
Bob nickte und nahm seine Sonnenbrille ab. »Das ist jedenfalls die Adresse, die Joan uns gegeben hat.«
Langsam näherten sie sich dem großen, rostigen Tor. Carolyn spürte, wie ihr Herz mit jedem Schritt schneller schlug. Als sie vor der schweren Metallpforte stehenblieb, schien es sich beinahe zu überschlagen.
Er ist tot, hämmerte es in ihrem Kleinhirn. Sicher gibt es dafür eine plausible Erklärung!
Ihre zitternden Hände umfassten den kalten Türknauf. Mit aller Kraft, die sie aufzubringen vermochte, zog sie daran, bis das Tor mit einem lauten Knarren nachgab. »Sie ist offen«, murmelte sie irritiert, während Bob und Emily näherkamen.
Bob verzog das Gesicht. »Kein Wunder – wer würde schon freiwillig da reingehen?«
Der Geruch von altem Öl und verrottendem Holz schlug ihnen entgegen.
Bob richtete seine Waffe aus und zwängte sich an Carolyn vorbei durch das halbgeöffnete Tor. »Emily, du bleibst zwischen uns«, knurrte er. »Was auch immer uns da drin erwartet – ich will, dass du die Halle in einem Stück wieder verlässt; jedenfalls, bis wir das FBI informiert haben.«
Carolyn warf ihm einen verächtlichen Blick zu, beschloss dann aber, dass es weder die richtige Zeit noch der richtige Ort für die Klärung von Zuständigkeiten war. Seufzend legte sie eine Hand in Emilys Rücken und schob sie durch den geöffneten Türspalt ins Innere, während sie mit der anderen die Glock justierte.
»Hier drin ist es ziemlich düster,« murmelte Emily, obwohl etwas Tageslicht durch den Riss in der Wand fiel.
»Dann haben wir schon einen Job für dich«, raunte ihr Carolyn zu. »Du trägst die Taschenlampe.« Sie griff in ihre Gürteltasche und zog eine winzige Taschenlampe heraus, die sie Emily in die Hand drückte.
»Und ich dachte schon, ihr habt mich mitgenommen, weil ich irgendwelche Handlangerjobs machen soll«, grummelte Emily, während sie den Lichtkegel über die Wände tanzen ließ.
In einer Ecke standen ein paar verlassene Holzkisten, von denen wahrscheinlich der Gestank ausging, und eine verstaubte Maschine, die wohl seit der Jahrhundertwende vor sich hin rostete.
»Gesichert«, flüsterte Bob und ließ seine Waffe sinken.
»Hier gibt’s ja kaum eine Möglichkeit, sich zu verstecken.« Auch Carolyn ließ die Waffe sinken, während Bob auf die Maschine zuging und sich Handschuhe überstreifte.
»Das ist eine Fisch-Filetiermaschine«, flüsterte er. »Offenbar wurden hier nicht nur Fische gelagert, sondern auch das Fischfleisch von Haut und Gräten getrennt. Die Maschine könnte aus den 1960ern stammen.«
»Solange sich kein Sprengsatz darin versteckt, ist das Ding für uns also erstmal uninteressant.« Emily ließ den Lichtkegel über die Filetiermaschine wandern, während Bob behutsam die Verkleidung öffnete. »Da drin ist eine Kombination aus Band- und Kreismessern«, erklärte er. »Sie liegen direkt über dem Kompressor und dem Trockner.«
»Oh, Bob!« Ein Grinsen huschte über Carolyns Gesicht. »Du arbeitest einfach schon zu lange an diesem Lovejoy Wharf-Fall!«
Bob ließ die Verkleidung wieder einrasten. »Jedenfalls hat diese Maschine schon lange nichts mehr filetiert.«
Der Lichtkegel wanderte zu zwei baumhohen Metallregalen in der Hallenmitte, die einer handschriftlichen Notiz an der Wand zufolge offenbar einst mit Seebarsch gefüllt waren.
Carolyns Augen tasteten jedes der zehn Regalbretter ab, doch, abgesehen von ein paar dicken Staubflocken, waren sie leer. Ihr Blick glitt zum Linoleumboden, als ein leises Klirren aus dem Inneren des Gebäudes kam.
»An der Rückwand ist noch eine Tür!« rief Carolyn und lief los, während sich ihre Hand fester um den Griff ihrer Glock klammerte. »Vielleicht passt dazu der Schlüssel!«
♫
Carolyns Fingerkuppen tasteten über das kalte Metallblatt, bis sie die Türklinke erreichten. Sie musste kaum Kraft aufwenden. Unter sanftem Druck öffnete sich das Türblatt an der Rückwand der riesigen Lagerhalle und gab den Blick frei auf einen schmalen Flur, der im Licht der Taschenlampe wirkte, als sei er geradewegs in einen Berg gemeißelt worden. Dass die Wand dennoch verputzt war, ließ sich lediglich an ein paar Fugen erkennen, die hier und da durch den porösen Mörtel hindurchschimmerten.
Was soll bloß dieser dämliche Schlüssel, wenn sowieso alle Türen geöffnet sind? Vielleicht ist das nicht mal die richtige Halle!, dachte Carolyn, während ihre Augen dem Lauf der Waffe folgten.
Der Flur war kaum zwei Meter breit und höchstens zehn Meter lang. Abgesehen von einer vermoderten Weinkiste mit drei leeren Flaschen, die am hinteren Ende des Ganges stand, schien er völlig leer zu sein. Eine weitere Weinflasche lag zerbrochen vor der Kiste.
Plötzlich spürte Carolyn eine fleischige Hand auf ihrer Schulter.
Sie zuckte zusammen und fuhr herum.
»Ganz ruhig!«, sagte Bob. »Wenn du noch nicht soweit bist …«
Carolyn sog die weingetränkte Luft ein. »Nein … ich … Es ist okay.«
»Wir müssen den Flur ganz durchqueren«, sagte Bob. »Da hinten rechts ist eine Tür.«
Carolyn fröstelte. Offenbar schluckten die windschiefen Steinwände auch den letzten Rest der Frühlingswärme. Oder war es eine innere Kälte, die sie so lange lähmen würde, bis sie wusste, was sich hinter dieser Tür verbarg? Sie schob die Arme vor ihren Körper und justierte dabei den Lauf ihrer Glock .22, während sie langsam auf die Sperrholztür am hinteren Ende des Flures zusteuerte. »Was immer sich in diesem Raum befindet – es kann nicht allzu wertvoll sein«, murmelte sie. »Zumindest nicht im konventionellen Sinn.« Hastig ging sie auf die Tür zu und rüttelte am Türknauf.
»Warte!« Bob hob die Hand. »Bevor du die Spanplatte eintrittst …« Er zog den Messingschlüssel aus der Jackentasche, der im Licht der Taschenlampe golden glänzte, und steckte ihn ins Türschloss.
Zwei Umdrehungen später gab er dem Türblatt einen kräftigen Stoß, bis es sich weit genug öffnete, um nicht mehr zufallen zu können.
Fast gleichzeitig ließen Bob und Carolyn ihre Waffen kreisen, während Emilys Taschenlampe ihnen den Weg durch den garagengroßen Lagerraum leuchtete. Behutsam wanderte der Lichtkegel über den Linoleumboden, der übersät war mit fein säuberlich beschrifteten Plastikkisten, Wäschekörben und Pappkartons. In einigen erahnte Carolyn bunte Kleidungsstücke, andere schienen mit Briefen und Zeitschriften gefüllt zu sein.
»Gesichert – hier ist niemand.« Carolyn nickte Bob zu.
Emilys graue Augen wirkten ängstlich. »Und was war dann dieses Geräusch vorhin?«
Carolyn sah sich um. »Ich schätze, die Weinflasche im Flur ist aus der Kiste gefallen. Vielleicht gibt’s hier Mäuse oder Ratten.« Plötzlich nahm sie ein leises Summen wahr, das aus der Trennwand zum Flur zu kommen schien. »Der Raum scheint elektrifiziert zu sein.« Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als Bob mit einem Hechtsprung den Lichtschalter betätigte.
Carolyn blinzelte. Ihre Augen gewöhnten sich noch immer nur langsam an die abrupte Veränderung von Lichtverhältnissen; erst recht, wenn sie von einer gleißend hellen LED-Röhre hervorgerufen wurden. Für Minuten wirkten die Zeitungsausschnitte, bunt bemalten Briefe und Teddybären, als hätte Claude Monet sich an einem expressionistischen Werk versucht. Ihre Gedanken verschwammen mit den Bildern auf ihrer Netzhaut zu einem bunten Aquarell. Sie ging in die Knie und ließ ihre Hände durch eine Plastikkiste voller Briefe gleiten, deren farbenfrohe Bemalung so verblasst war wie die Jugend der Urheberinnen. Auch das Papier fühlte sich gealtert an – rau, und an manchen Stellen erfühlte Carolyn Knicke oder Risse, die womöglich durch säurehaltige Inhaltsstoffe oder äußere Einflüsse entstanden waren.
»Das Papier ist sicher zehn Jahre alt – wenn nicht mehr.« Sie zog ihre Hände aus der Kiste und richtete sich wieder auf. »Das sind alte Fanbriefe von Mac ’n’ Cheese. Offenbar ist der ganze Raum mit Fanartikeln der Band gefüllt.«
»Die Boyband, in der Johnny McIntosh gesungen hat?« Bob sah sie irritiert an. »Haben die sich nicht nach McIntoshs Tod getrennt?«
Emily nickte und deutete auf ein weißes Bettlaken, auf dem mit blauer Acrylfarbe »Johnny, ich liebe dich!« geschrieben stand. »Sieht nicht aus, als hätte das eine Fünfunddreißigjährige geschrieben.«
»Ich denke, dass alle diese Sachen aus der Zeit stammen, als Mac ’n’ Cheese noch eine Boyband und ihre Fans zwölf oder dreizehn waren.« Carolyn klopfte sich die Hände an ihrer Jeans ab. »Hat Joan Larkin eigentlich auch rausgefunden, wann dieser Vernon Smith die Halle gekauft hat?«
Bob nickte. »Ja, sie gehört ihm seit etwa zehn Jahren, und er hat sie in einer einzigen Rate bezahlt – immerhin 90.000 Dollar.«
Emily runzelte die Stirn. »Dass Vernon Smith nicht existiert, wird wohl spätestens auffallen, wenn er im nächsten Januar die Grundsteuer für die Halle nicht bezahlt …«
Carolyn nahm ein Regal ins Visier, dass die Hinterwand des Raumes fast vollständig einnahm und mit drei Dutzend Heftordnern gefüllt war. »Wenn Johnny alias Vernon Smith die Halle schon so lange besaß, dann hat er sie damals vielleicht wirklich nur gekauft, um darin diese Memorabilia aufzubewahren. Vielleicht gab ihm das Kraft, als der Erfolg ausblieb.« Sie kniff die Augen zusammen, konnte allerdings auf den kleinen Krepppapierstreifen, die an den Regalböden klebten, nicht viel mehr entziffern als »Big«, »The Big Bopper« und »Fanpost Europe«. Die Druckbuchstaben wirkten gleichmäßig und aufgeräumt, doch trugen sie unverkennbar Johnny McIntoshs Handschrift. »Wahrscheinlich wollte er seine Popstar-Karriere für die Ewigkeit konservieren.«
Emily zwirbelte nervös an einer blonden Locke, während ihr Blick von einer Pappkiste zur nächsten wanderte. Sie hatte Carolyn in den letzten Wochen in ihrer Trauer um Johnny McIntosh unterstützt – oder wem auch immer sie nachgetrauert hatte –, aber wahrscheinlich war niemand glücklicher als sie über das Ende der Ermittlungen gewesen. »Und wieso lag dann der Schlüssel zu genau diesem Raum neben O’Learys Leiche?«
Bob steckte seine Waffe zurück ins Halfter. »O’Leary hatte absolut nichts mit Johnny McIntosh und Miles Maddox zu tun. Ich würde sogar die Behauptung wagen, dass er kein Mac’n Cheese-Fan war.«
»Ich wünsche mir so sehr, dass dieser Musikbomber-Mist endlich zu Ende ist, aber wenn O’Leary auch nichts mit der Halle zu tun hatte …«
»Hatte er wirklich nicht«, fiel Bob Emily ins Wort.
»… dann hat sein Mörder den Schlüssel vielleicht tatsächlich mit Absicht bei der Leiche abgelegt, damit wir ihn finden.«
»Aber wieso?« Carolyns Blick fiel auf eine Ecke des Raumes, in der ein Garderobenwagen mit Jacketts in allen denkbaren Farben und Stoffen stand. Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Gestank von kaltem Rauch in der Luft lag. »Wir gehen davon aus, dass Johnny tot ist. Das würde bedeuten, dass vermutlich noch ein weiterer Komplize involviert war, der uns nun auf sein Versteck aufmerksam machen wollte. Aber warum sollte er das tun?«
»Das müssen wir herausfinden«, erwiderte Bob.
Carolyn versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Der Abschlussbericht des FBI, immerhin zwanzig Seiten stark, war eindeutig gewesen: Jonathan McIntosh III. hatte als Einzeltäter gehandelt. Motiv: Gier nach Ruhm. Damit war davon auszugehen, dass sein Tod das jähe Ende der Anschlagserie auf bedeutende Orte der Rockmusik in der ersten Hälfte des Jahres 2019 markierte. Jedenfalls wollte sie daran glauben.
Nervös lief sie ein paar Schritte in den Raum und stolperte dabei über einen weiteren Wäschekorb mit bunt bemalten Briefumschlägen. Sie strauchelte, hielt sie mit schmerzverzerrtem Blick den Knöcheln, um sich schließlich an einem Regalbrett wieder nach oben zu ziehen. »Sind das auch alles Liebesbriefe?«, stammelte sie. Ausgeschlossen, dass Emily und Bob ihr Gemütszustand entgangen war.
»Vielleicht ist auch einer von mir dabei«, hörte sie Emily hinter sich sagen.
Bob bückte sich und fuhr mit dem Zeigefinger über die Griffleiste, während er das Gesicht zu einer Grimasse verzog. »Das ist nicht nur Staub von ein paar Wochen.« Er wischte sich die Hände an seiner Cordhose ab.
»Das spricht dafür, dass seit Johnnys Tod niemand mehr hier war«, entgegnete Carolyn. »Das FBI hat die Halle jedenfalls nicht durchsucht. Das wüsste ich.«
»Du weißt, dass wir Peppers Team involvieren müssen.« Bob suchte ihren verärgerten Blick.
»Du weißt, dass ich anderer Meinung bin, aber du bist nun mal der Boss.«
»Carolyn, nach dem Attentat auf den Surf Ballroom in Clear Lake hat das FBI übernommen, weil mehrere Staaten involviert waren.«
»Das FBI hat die Fallakte geschlossen, weil Johnny starb, bevor er zur Verantwortung gezogen werden konnte«, erwiderte Carolyn. »Damit ist der Mord an O’Leary ein neuer Fall. Und soweit ich es beurteilen kann, ist die Tat hier in Boston verübt worden – in unserem Revier. Damit ist es unser Fall.«
Bob zog die Augenbrauen nach oben. »Du bist der erste Cop in ganz Massachusetts, der sich davor drückt, Sonderermittler für das FBI zu spielen, Carolyn.«
»Würde es nicht reichen, wenn wir Pepper erzählen, dass wir diesen Verdacht haben?« Emily setzte ihr unschuldigstes Lächeln auf.
»Emily, wenn nur irgendetwas darauf hinweist, dass der Mord an Pete O’Leary mit dem Musikbomber-Fall zusammenhängt, ist es unsere Pflicht, Special Agent in Charge Pepper und seine Leute zu informieren – ob sie Interesse an einer Ermittlung haben oder nicht.«
Carolyn nickte bemüht. Die Special Agents Lloyd Pinkerstone und Kimberley Connor vom FBI Field Office in Chelsea, einer Kleinstadt knapp fünf Meilen nördlich von Boston, waren die Art Menschen, bei denen sie normalerweise die Straßenseite wechselte. Der Gedanke, dass sie einem der beiden in einem Notfall womöglich ihr Leben anvertrauen musste, war für sie unerträglich.
Sie schüttelte sich und ging auf den Garderobenwagen zu. Mit jedem Schritt, den sie sich dem klapprig wirkenden Gestell näherte, vermischte sich die abgestandene Luft im Raum mehr mit einem Gestank, den Carolyn wohl für den Rest ihres Lebens von tausend anderen würde unterscheiden können: Rauch. Zäher, beißender Rauch.
»Das sind die Bühnenklamotten der Mac ’n’ Cheese«, murmelte sie, als sie die Garderobe erreichte. Gedankenverloren legte sie ihre Finger auf eines der bunt glitzernden Jacketts und ließ sie über den festen Stoff gleiten; vermutlich war es Seide. Die meisten anderen Blazer schienen aus Pailletten-Tüll gefertigt zu sein oder Crêpe-de-Chine.
»Carolyn, konzentrier’ dich«, fauchte Bob plötzlich und griff unsanft nach ihrem Ärmel.
Erschrocken zog sie den Arm weg und sah ihn fragend an. »Aber sonst ist alles okay mit dir, Bob?«
»Hör’ mal«, sagte er beschwichtigend, »wenn McIntosh tatsächlich einen Helfer hatte, dann könnten wir dessen Abdrücke hier finden.« Er warf ihr ein paar Gummihandschuhe zu, die sie sich missmutig überzog.
»Die Abdrücke könnten hier überall sein – und nirgends.« Sie verdrehte theatralisch die Augen und klemmte das Revers eines Hemdes aus edlem grünem Gewebe zwischen Zeigefinger und Daumen, um daran zu reiben. Sofort vernahm sie ein leises Quietschen. »Diese Kleider wirken zwar, als kämen sie aus einem Zirkus, aber ich schätze, keines der Stücke hat weniger als fünfhundert Dollar gekostet.« Das raue Material der Handschuhe schabte über den weichen Stoff. »Und sie sind sicher keine zwanzig Jahre alt – auch, wenn sie so riechen.«
»Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs waren die Mac ’n’ Cheese zwischen fünfzehn und achtzehn, und damit vermutlich noch nicht ausgewachsen«, bestätigte Emily. »Aber diese Jacketts sind riesig.«
»Und sie stinken nicht nur nach altem Schweiß, weil sie vielleicht nach einer Show nicht gewaschen wurden.« Carolyn atmete hörbar aus. »Sie stinken nach Rauch. Das sind eindeutig die Kleider, die die Bandmitglieder in der Nacht des Harvard Square-Brandes trugen.«
»Das Feuer im Harvard Square Theater brach kurz vor der Zugabe von Mac ’n’ Cheese aus; da hatte sich Johnny schon für seine Breakdance-Nummer umgezogen.« Emily deutete auf einen Kleiderbügel, auf dem ein metallicblau schillerndes Seidenjackett hing, das besonders intensiv stank. »Er trug dazu immer ein Sweatshirt der Boston Celtics. Dieses Jackett hatte er vermutlich vorher getragen. Aber müsste es nich’ als Beweis beim FBI sein, anstatt hier?«
»Em hat recht«, bestätigte Carolyn. »Der Brand am Harvard Square ist gut sechs Monate her, und damals ermittelte noch das BPD. Am Tag nach dem Anschlag wurden alle brauchbaren Gegenstände vom Tatort aufs Revier gebracht und untersucht – auch die Kleider aus der Garderobe.«
Bob kratzte sich an der kahlen Stirn. »Ich erinnere mich: Wir haben eine Wagenladung voller Asservate an das FBI gegeben, als sie vor vier Monaten den Fall federführend übernahmen. Für gewöhnlich müssen sie so lange in der Asservatenkammer bleiben, bis das Verfahren abgeschlossen ist und die Staatsanwaltschaft sie freigegeben hat.«
»Hat sie?«, fragte Emily.
Bob schüttelte den Kopf. »Die Polizei von Jamaika hat den Papierkram zu Johnnys Tod noch immer nicht übermittelt. Das wird wohl noch eine Weile dauern.«
»Und was machen diese Kleider dann hier?«
Carolyn presste die Lippen aufeinander. »Das frage ich mich auch. Selbst, wenn die Staatsanwaltschaft die Sachen schon freigegeben hätte – wenn die Asservate dem Täter gehörten, werden sie in der Regel zerstört. Und bis heute hat weder die Band noch jemand aus Johnnys Familie danach gefragt.«
»Solange das Verfahren nicht auch formal abgeschlossen ist«, sagte Bob, »könnte nur ein Special Agent oder ein Ranghöherer beim FBI die Asservate freigeben – und das nur mit einer stichhaltigen Begründung.«
»Wir sollten also rausfinden, wer in den letzten vier Monaten Dienst in der Asservatenkammer des FBI hatte«, sagte Emily. »Und ob der Garderobenständer damals überhaupt beim Boston Police Department oder später beim FBI angekommen ist.«
»Was meinst du, Em?«
»Vielleicht wollte jemand die Sachen zu Geld machen.« Emily strich sich mit dem Zeigefinger über den langen Nasenrücken, den wohl nicht einmal ein plastischer Chirurg so gleichmäßig hätte modellieren können. »Immerhin ist Johnny für die Öffentlichkeit bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen.« Sie kräuselte die Lippen. »Es könnte doch jemand die Sachen auf dem Schwarzmarkt gekauft und eine Art Schrein daraus gemacht haben.«
»Wer würde denn ungewaschene Kleider kaufen?« Für dieses Szenario schien Bobs Fantasie nicht auszureichen.
»Ich habe von einem Fan gehört, der 1991 einen angebissenen Burger von einem New Kid on the Block ersteigert hat und ihn bis heute in einer Glasvitrine aufbewahrt …«, bemerkte Emily.
Bob verzog angewidert das Gesicht. »Aber auf diesem Ständer hängen vermutlich gut zehntausend Dollar …«
Carolyn sah Emily zögerlich an. »Du denkst, es gibt einen Maulwurf beim FBI, der von all dem hier wusste – und der vielleicht ein Komplize von Johnny war?«
Emily zuckte die Schultern. »Ich denke, wir sollten nachfragen, ob dieser Ständer überhaupt in der Asservatenkammer angekommen ist oder zwischenzeitlich dort abgeholt wurde – und von wem.«
Bob vergrub seine Hände tief in den Taschen des Trenchcoats. »Wenn du denkst, dass das FBI da irgendwie mit drinhängt, wäre das eine heftige Anschuldigung, Emily. Das sollten wir unbedingt erstmal intern überprüfen – sonst bekommt ihr beide nie wieder einen Fuß ins Field Office.«
Carolyn hatte nicht vor, eines Tages zum FBI zurückzukehren, aber sie beschloss, diesen Hinweis für sich zu behalten. »Es könnte trotzdem eine Spur sein, Bob.« Ihr Blick wanderte hinüber zur rechten Seitenwand. Der Garderobenwagen nahm so viel Raum ein, dass sie die helle Tür dahinter erst auf den zweiten Blick entdeckte.
Sie kniff die Augen zusammen. »Hier geht’s noch weiter«, sagte sie irritiert und lief auf den weißlackierten Muschelgriff in der Wand zu, der zu einer zweiflügligen Schiebetür gehörte.
♫
Als Carolyn die Tür aufschob, kam ihr ein muffiger Gestank entgegen, was kaum verwundern konnte: Der Raum hatte kein einziges Fenster und wirkte nicht größer als der Verkaufstresen einer durchschnittlichen McDonaldֹ’s-Filiale. Vermutlich war die dünne Rigipswand, die ihn vom Lager trennte, erst später eingezogen worden.
Sie kräuselte die Nasenflügel und sah sich um. Der Raum war fast leer. Neben einem Metallschrank, wie man ihn in Werkstätten nutzt, stand an der Rückwand lediglich ein gläserner Schminktisch. Carolyn verharrte einige Sekunden, um ihn mit den Bildern in ihrem Gedächtnis abzugleichen. Immerhin benötigte sie nach der Morgendusche für gewöhnlich kaum mehr als einen erbsengroßen Klecks Make-up, etwas Mascara und exakt drei Pinselstriche eines apricotfarbenen Lipgloss, der so transparent war, dass selbst der Verkäufer an der Kasse bei CVS sie mitleidig angesehen hatte.
Fünf quälende Sekunden später fiel der Groschen: Die Frisierkommode auf einer Roaring Twenties Lawn Party, zu der sie Emilys Tante Molly vor unendlich langer Zeit einmal geschleppt hatte!
»Wie damals in Ipswich, was?«, las Emily ihre Gedanken, während Carolyns faszinierter Blick über die gewaltige Spiegelfläche flog.
Bob schien deutlich vertrauter mit derartigen Möbelstücken, und so sprintete er nach vorne und betätigte zielsicher einen winzigen Lichtschalter an der Frontseite. Augenblicklich erstrahlten zwölf kugelrunde Lampen wie der Kronleuchter im Spiegelsaal von Versailles.
Carolyn wiegte ihren Kopf ein paar Mal hin und her, ohne selbst den Grund dafür zu kennen, und war mit fünf Schritten am benachbarten Schrank, dessen schäbige Metallfassade in etwa so gut zum Schminktisch passte, wie die Bronx zu Beverly Hills. Sie nickte Bob zu, während ihre Hand zum Halfter glitt. Immerhin hatte Johnny im Laufe ihrer nicht einmal dreimonatigen Beziehung ein ums andere Mal bewiesen, dass sie in seiner Gegenwart immer mit Überraschungen rechnen musste – und am Ende waren es selten Gute gewesen. Vielleicht galt das sogar über seinen Tod hinaus?
Sie holte tief Luft und fasste mit der freien Hand nach dem Knopfgriff; die Glock in der anderen entsichert. Alles konnte sie hinter der verbeulten Metallwand erwarten: merkwürdige Kostüme, vielleicht ein irrer Fan … Carolyn holte noch einmal Luft und riss an der Schranktür, deren Scharniere auf einer Frequenz quietschten, die eigentlich nur Fledermäusen vorbehalten war. Reflexartig schloss sie die Augen.
Ein schöner Cop bist du, Detective Matthews!, dachte sie und zwang sich, hinzusehen.
Emily trat neben sie und beleuchtete die beiden kaum gefüllten Regalböden. Auf dem oberen lag nichts weiter als eine Kleenex-Packung; auf dem unteren ein Kästchen, das gefüllt war mit allerlei Schminkutensilien – Pinsel, Mascara, Theaterschminke.
Schwarze Theaterschminke.
Daneben stand ein Fläschchen, das sie als Kontaktlinsenlösung identifizierte.
»Wir wissen, dass der Musikbomber verschieden farbige Kontaktlinsen trug«, hörte sie Bobs Stimme hinter sich sagen, »aber wofür brauchte er schwarze Theaterschminke? Wollte er für Cats vorsingen?«
Carolyn spürte den Schleimpfropf, der ihre Kehle verklebte. Dabei konnte sie sich die Funktion der Theaterschminke selbst nicht erklären. Wie in Trance zog sie die Gummihandschuhe straff und griff nach der Schminke. »Der Musikbomber hat bei jedem Anschlag ein Detail an seiner Verkleidung ergänzt – erst Buddy Hollys Brille, dann den Anhänger mit einem Peace-Zeichen, Elvis’ Jumpsuit und schließlich Michael Jacksons Handschuh. Könnte es sein, dass diese Schminke etwas damit zu tun hat?«
Über Emilys Gesicht huschte ein Lächeln, das offenbar exakt zu dem Zeitpunkt erstarb, als sie die Konsequenz ihrer Idee begriff. »Nach dem Anschlag auf die Motown Studios ist der Musikbomber umgekommen, bevor er den nächsten Anschlag verüben konnte – auf die MTV-Studios in New York City. Die stehen quasi symbolisch für den Classic Rock der Achtzigerjahre.«
Bob spähte über Carolyns Schulter. »Und was hat das mit dieser Schminke zu tun?«
»Kiss, the Cure, Alice Cooper – es gibt viele Beispiele für Bands und Sänger, die in dieser Zeit schwarz geschminkt rumliefen.«
Carolyn ließ ihren Oberkörper zurückwippen. Verflucht! »Ich wünschte, dass das einfach die Überreste von Johnnys Vorbereitungen wären, aber …«
»Wenn jemand diesen Schlüssel bewusst neben O´Learys Leiche gelegt hat, dann wollte er uns damit mitteilen, dass der Anschlag auf das Hauptquartier von MTV trotz McIntoshs Tod stattfinden wird«, führte Bob Carolyns Gedanken weiter.
»Aber wieso gerade jetzt?«, fragte Emily. »MTV ging am 1. August um 0:01 Uhr auf Sendung.« Sie sah auf die Uhr. »Heute ist der 21. Juni. Das würde uns eineinhalb Monate geben, um uns darauf vorzubereiten. Wir haben einen genauen Ort und eine genaue Uhrzeit – zu der könnte vermutlich das halbe NYPD das Gebäude bewachen.« Ihr Blick wanderte zum Schminktisch, auf dem eine Ausgabe des Rolling Stone Magazine lag. »Moment mal …« Sie ging zum Tisch und setzte sich auf den Hocker, der davorstand. Dann legte sie beide Hände auf die Tischplatte und starrte wie hypnotisiert auf das Rolling Stone-Cover. »Scheiße, ich hätte es ahnen müssen.«
»Was meinst du, Em?«, fragte Carolyn, während sie ihr über die Schulter blickte. Auf dem Cover, datiert auf Dezember 2018, strahlte ihr irgendeine blondierte Musikerin entgegen, die ihre besten Jahre längst gesehen hatte.
»Debbie Harry – Blondie«, beantwortete Emily die nicht gestellte Frage.
»Was hättest du ahnen müssen, Em?« Carolyn sah sie so ungeduldig an, dass Emily sich offenbar genötigt fühlte, ihren Gedanken zu unterbrechen. »Was ist mit diesem Cover?«
»Nichts. Absolut gar nichts.« Noch immer fixierte sie das großformatige Hochglanz-Magazin, als kündige es den Untergang des Abendlandes an. »Wir wissen, dass der Kerl mit der Reihenfolge der bisherigen Anschläge nach irgendeinem Schema vorgegangen ist – aber bisher wussten wir nicht, nach welchem.« Emily nickte – offenbar, um ihre eigenen Worte zu bestätigen. »Erst traf es das Harvard Square Theater, dann den Surf Ballroom, Woodstock, Graceland und anschließend Motown.«
»Em, wir waren alle dabei – komm’ zum Punkt.«
»Das sind alles Orte, an denen Rockmusikgeschichte geschrieben wurde, wie wir wissen. Das konnte natürlich kein Zufall sein. Er hatte wirklich eine Liste.« Emily schien höchst zufrieden mit ihrer detektivischen Arbeit.
Carolyn dämmerte nur langsam, worauf Emily hinauswollte. »Sowas wie eine Einkaufsliste?«
»Eher eine Rangliste – eine Bestenliste.« Emily seufzte. »Die Billboard Charts der meistverkauften Lieder und CDs gibt es in jeder Ausgabe des Rolling Stone Magazine, meistens ganz hinten und kompakt. Alle paar Monate veröffentlicht die Redaktion aber auch zusätzliche Listen zu anderen Themen, die dann auch genauer erläutert werden. Meistens werden sie schon auf dem Cover angepriesen und erscheinen dann weiter vorne, zumindest aber in der Mitte.«
»Ich verstehe immer noch nicht, worauf du raus willst, Em.« Carolyn ahnte, dass sie im Grunde nur nicht wissen wollte
