Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der Computer-Spezialist Falk Hoffmann wird von einem seiner Stammkunden zu einem Noteinsatz in dessen Prager Filiale geschickt. Was zunächst als willkommene Abwechslung vom üblichen Tagesgeschäft aussieht, entwickelt sich für den IT-Fachmann plötzlich zu einer Odyssee durch halb Europa mit Verwicklung in die organisierte Kriminalität, Polizei und Geheimdienste. Durch Zufall entdeckt er, dass mit dem Computer-System seines Kunden etwas nicht stimmt. Dass er damit einer weltweiten Bedrohung durch Wirtschaftskriminelle in einem bisher unbekannten Ausmaß auf die Spur gekommen ist, ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 692
Veröffentlichungsjahr: 2010
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Besonderer Dank geht an meine Ehefrau Michaela, die mit viel Akribie das erste Lektorat übernommen hat und den Roman nicht nur nach formalen, sondern auch inhaltlichen Fehlern durchforstet hat. Viele ihrer Anregungen habe ich übernommen und gerne mit ihr intensiv über Handlung und Charaktere diskutiert.
Auch an meine Eltern richte ich einen besonderen Dank. Als Kind liebevoll behütet und als Heranwachsender mit Werten und einer sehr fundierten Schulausbildung gefördert und nachfolgend mit besonderem Interesse beobachtet, haben sie mich auf meinem bisherigen Lebensweg ständig begleitet.
In diesem Zusammenhang möchte ich meine Schulzeit am Aachener Pius-Gymnasium nicht unerwähnt lassen. Auch wenn es mir und wahrscheinlich vielen meiner Mitschüler erst Jahre später bewusst wurde: Wir hatten eine tolle Zeit und wir haben viel gelernt. Hätten wir das enorme Potenzial damals erkannt, wäre vielleicht noch mehr hängen geblieben, doch so kämpfte mancher Lehrer mit uns Pennälern. Ausdrücklich möchte ich meinen damaligen Deutschlehrer der Jahrgangsstufe 12 und 13, Herrn Hoffmann, erwähnen, der es geschafft hat, mein Interesse für Literatur zu wecken und durch sorgfältige Auswahl und Interpretation verschiedener Werke dazu beigetragen hat, mein Weltbild nachhaltig zu prägen (Stichwort: Nathan der Weise).
Ebenso bedanke ich mich bei meinen Freunden, die frühe und späte Versionen des Manuskripts mit großem Interesse und Einsatz gelesen und durchgearbeitet haben und mir viel wichtiges Feedback gegeben haben. Dadurch wurde die Handlung und die Protagonisten sicher noch markanter und stimmiger.
Alle in diesem Roman vorkommenden Personen, Namen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind rein zufällig. Viele der erwähnten oder beschriebenen, meist staatlichen Institutionen existieren tatsächlich, ohne dass sie in irgendeiner Form in die im Roman beschriebene Handlung involviert wären.
Ein thematischer Bereich, der in dieser Geschichte behandelt wird, ist die Computer-Technik. Fachbegriffe sind daher notwendig und unterstreichen den Realismus. Daher gibt es – wo erforderlich - ein paar Abschnitte, in denen mehr oder weniger tief in die technische und technologische Trickkiste gegriffen wird. Aber keine Sorge: Die Story bleibt sicherlich spannend und nachvollziehbar, auch wenn der Leser nicht jede Finesse auf Anhieb versteht. Und wer über die technischen Hintergründe erfahren möchte, dem sei die Web-Site des Buches empfohlen: http://www.praha-online.de.
Die beschriebenen Technologien und technischen Designs sind im Detail vielfach reine Fantasieprodukte, wenngleich deren Existenz, Realisierbarkeit oder Basistechnologie – so wie beschrieben oder ähnlich – jetzt oder zukünftig nicht ausgeschlossen werden können.
Seien Sie daher auf der Hut. Trauen Sie niemandem – schon gar nicht einem Computer. Und nun viel Spaß und Spannung bei der Lektüre des Kriminalromans Praha.
Thomas Käfer
Danksagung
Vorwort
Prolog
Kapitel 1 – Aachen
Kapitel 2 – Prag
Kapitel 3 – Der Angriff
Kapitel 4 – Der Einbruch
Kapitel 5 – Genua
Kapitel 6 – Second Chance
Kapitel 7 – Ermittlungen
Kapitel 8 – Katharina
Kapitel 9 – Claudia
Kapitel 10 – Cannes
Kapitel 11 – Portofino
Kapitel 12 – Die Bombe
Kapitel 13 – Daniel
Kapitel 14 – D-Day
Kapitel 15 – Trauer
Kapitel 16 – Pläne
Kapitel 17 – Attacke
Kapitel 18 – Erntezeit
Kapitel 19 – Panik
Kapitel 20 – Angebote
Kapitel 21 – Revanche
Kapitel 22 – Backup
Epilog
Der Autor
Commissario Piolatto schaute finster drein, als er im Hafen von Livorno am Pier 2 eintraf. Er hatte kaum geschlafen, als ihn sein Assistent mitten in der Nacht aufgeweckt und ihn über den Leichenfund im Hafen informiert hatte. „Ich bin in 15 Minuten da“, hatte er schlaftrunken gemurmelt und sich danach nicht die Mühe gemacht, die Spuren der Übernächtigung aus dem Gesicht zu waschen. „Ich arbeite zu viel“, sagte er zu sich, als er aus dem Wagen stieg und zur Polizeiabsperrung ging, „Endlich mal wieder ausschlafen!“
„Also, was haben wir hier?“, fragte er grußlos seinen Adjutanten, der vor ihm eingetroffen war.
„Buon Giorno Commissario – sieht so aus, als hätten wir eine Überdosis Heroin. Goldener Schuss vermutlich“, antwortete Francipane. Er hob das Band der Polizeiabsperrung hoch und ließ seinem Vorgesetzen den Vortritt. Sie gingen ein paar Meter zur Rückseite einer spärlich beleuchteten Lagerhalle. Mit dem Rücken an die Mauer angelehnt saß dort ein etwa 25-jähriger Mann – tot. Neben der Leiche lagen eine Spritze, ein Löffel und ein Feuerzeug – die typischen Utensilien eines Fixers. Am linken Oberarm hing noch der gelöste Gürtel, der das Blut für den Moment des Einstichs zurückhalten sollte. Auf der Innenseite des linken Armes war deutlich eine frische Einstichstelle sichtbar. Der Tod musste rasch eingetreten sein. Verdammte Junkies.
„Das ist schon der vierte Drogentote in meiner Stadt dieses Jahr. Warum müssen die sich nur immer zu solch unchristlichen Uhrzeiten den letzten Schuss verpassen?“, murmelte Piolatto. „Wissen wir, wer er ist? Italiano?“
„Ja, äh nein. Der Tote ist amerikanischer Staatsbürger. Sein Name ist Larson – Richard Larson – hat seinen Pass, Führerschein und ein bisschen Bargeld in der Brieftasche.“
„Kreditkarten?“
„Negativ – keine Kreditkarte, keine Scheckkarte, keine Schecks“, antwortete Francipane.
„Wissen wir schon etwas über den Todeszeitpunkt?“
Der Gerichtsmediziner, der, während sich die beiden Kriminalbeamten unterhielten, die Leiche untersucht hatte, blickte kurz auf: „Der Tod ist vor ca. drei-vier Stunden eingetreten. Genaueres bekommen sie nach der Obduktion – Domani.“
Domani – die italienische Übersetzung für „morgen“ oder „später“ oder „nicht jetzt“ oder „warte es halt ab“. Bei allem Temperament, welches den Italienern nachgesagt wird, manches dauert eben seine Zeit. Oder etwas länger.
„Buono, dann gibt es für mich hier nichts mehr zu tun. Francipane, checken Sie die Buchungslisten der Fährbetriebe und klappern Sie dann die Hotels ab. Suchen Sie auch im Computer, ob der Mann vermisst wird oder auf der Fahndungsliste steht. Ach, und vergessen Sie nicht, die amerikanische Botschaft zu informieren. Ich lege mich jetzt noch ein paar Stunden hin und komme dann später ins Büro.“
Der Commissario trottete zu seinem Wagen zurück und fuhr davon.
Das hätte ich auch alleine gekonnt. Ich kann mir wieder die halbe Nacht um die Ohren schlagen und die Drecksarbeit machen. Francipane schickte einen der Carabinieri zu den Terminals der Fährschiffe, die von hier aus nach Sardinien, Korsika und Sizilien fuhren. Dann ging auch er zu seinem Wagen und fuhr ins Büro.
Falk Hoffmann tobte. Wenn er eines nicht leiden konnte, dann war das Inkompetenz gepaart mit Impertinenz: „Offensichtlich weiß bei Ihnen die linke Hand nicht, was die rechte gerade tut oder nicht tut!“ Seit Wochen wartete er darauf, dass sein Telefon- und Breitbandanschluss vom neuen Provider geschaltet wurde. Im stetigen Wechsel bekam er maschinell erstellte Schreiben, in denen er einmal darüber informiert wurde, dass der beauftragte Anschluss nun in Kürze eingerichtet würde, um dann im nächsten Schreiben wieder darüber in Kenntnis gesetzt zu werden, dass sich der Ausbau aus technischen Gründen noch hinziehen könnte. Die Krönung war dann das Kündigungsschreiben von Arcomtel, in dem bedauert wurde, dass die Anschaltung nun doch nicht erfolgen könne: „Wir bedauern … bla, bla, bla …“
Nun hatte er wieder eine Telefonistin genau dieses Telefondiensteanbieters am Hörer, die ihm – keine drei Tage nach dem Kündigungsschreiben – den Umstieg auf Arcomtel-Preselect schmackhaft machen wollte.
„Danke, ich bin bedient“, schnauzte er in den Hörer, „und wagen Sie es ja nicht, mich noch einmal anzurufen!“
Falk Hoffmann knallte den Telefonhörer geräuschvoll auf die Gabel.
„Frühstück?“
Viktor steckte den Kopf vorsichtig durch die offene Bürotür, nicht sicher, ob die Luft frei von umherfliegenden Gegenständen war.
„Ja“, brummelte Hoffmann, „besser ist das.“
„Die nächste Pappnase, die mir heute quer kommt, erschlage ich!“, verkündete Hoffmann, als er sich zu seinen drei Mitarbeitern an den zum Frühstückstisch umfunktionierten Besprechungstisch setzte.
„Dann mache ich wohl besser für den Rest des Tages den Telefondienst“, grinste Andreas und biss in sein Brötchen.
Falk Hoffmann genoss das vor Jahren in seinem kleinen Unternehmen eingeführte Ritual der gemeinsamen Frühstückspause.
Irgendwann zwischen 10:00 und 14:00 Uhr – so wie es das Tagesgeschäft zuließ oder sich der Magen eines Mitarbeiters meldete – setzten sich Hoffmann und seine drei Angestellten zusammen und ließen sich Brötchen, Kaffee und das eine oder andere Mitbringsel in Form von Obst oder Kuchen schmecken.
Wenn es etwas gab, das sein kleines Unternehmen im Inneren besonders auszeichnete, dann war es das kollegiale und faire, ja fast freundschaftliche Miteinander zwischen ihm und seinen Angestellten. Neben den täglichen Anforderungen und Anspannungen, die die IT-Welt und die Kunden mit sich brachten, blieb so immer auch Raum für ein privates Gespräch und den einen oder anderen Blödsinn.
Anders als in vielen explodierenden Yuppie-Firmen des neuen Marktes, in denen sich das joviale „Du“ bis zur Chefetage durchzog und Mitarbeiter mit Afterwork-Parties und Incentive-Reisen in einer „heilen“ Arbeitswelt bei Partylaune gehalten wurden und dann, nach dem Zusammenbrechen der New Economy im Jahr 2000, auf dem harten Boden des Überlebenskampfes aufschlugen, pflegte Falk Hoffmann seit Jahren seinen fairen Führungsstil. Auch in wirtschaftlich angespannteren Zeiten blieb er seinen Prinzipien treu und führte seine Mannen mit einem offenen und klaren, aber auch kollegialen Wort.
Die gute Stimmung untereinander schlug sich auch in der Qualität der Arbeit nieder. Mit dem vergleichsweise kleinen Techniker-Team lösten sie täglich auch knifflige Aufgabenstellungen zur Zufriedenheit der überwiegenden Zahl ihrer Kunden.
Es hatte sich bewährt, dass Falk Hoffmann sein Studium doch noch erfolgreich abgeschlossen hatte und seine Techniker nun selbst ausbilden konnte. Eigentlich hätte er den Abschluss Diplom-Ingenieur nicht gebraucht, denn seine Kunden fragten nie danach, ob er einen solchen Titel habe, sondern nur Können Sie das?, Was kostet das? und Bis wann ist das fertig?
Dadurch, dass er sich zu Beginn des Studiums schon selbstständig gemacht hatte und über freiberufliche Tätigkeiten schnell praktische Erfahrungen in der IT-Branche und Kontakte sammeln konnte, hatte er, wie so viele seiner Kommilitonen, das Studium nach und nach vernachlässigt. Aber irgendwann hatte es ihn dann doch wieder gepackt. Aus einer Laune heraus war er zur Hochschule gewandert um seinen Erzfeind, seines Zeichens Dekan und Prüfungsausschussvorsitzender, zu fragen, was er denn tun müsse, um sein Studium kurzfristig abschließen zu können.
Der Professor hatte sich seine Story angehört und versprochen, ihm zu helfen: „Dafür müssen Sie allerdings auch was tun: arbeiten, arbeiten, arbeiten – der Tag hat 24 Stunden, und wenn das nicht reicht, nehmen Sie noch die Nacht hinzu.“
Genau ein Jahr später hielt Falk Hoffmann dann die Urkunde mit dem Titel Dipl.-Ing. in der Hand und konnte sich sogar noch über ein Einser-Diplom freuen. Die Party danach war heftig ausgefallen und das Wissen um den persönlichen Erfolg – quasi neben der täglichen, selbstständigen Arbeit – hatte ihn beflügelt.
Was er bis dahin selbst nicht bedacht hatte: In Akquise-Gesprächen trat er nun lockerer auf. Er brauchte seine auch vorher - ohne Titel - schon vorhandene Fachkompetenz nicht zu verargumentieren, sondern legte einfach die Visitenkarte auf den Tisch: Dipl.-Ing. Falk Hoffmann – Geschäftsführer der Hoffmann EDV Systeme GmbH.
Jetzt war er bereits 15 Jahre im Geschäft und galt mit seinen gerade mal 35 Jahren in der Computer-Branche schon als „alter Hase“.
Seine analytischen Fähigkeiten im Bereich der Hard- und Software und in den vergangenen Jahren verstärkt im Security-Bereich hatten ihm in der jüngeren Vergangenheit lukrative Aufträge als Sachverständiger und Dozent eingebracht.
Das Telefon klingelte und Andreas stand auf: „Ich geh’ schon.“
Sie leisteten sich nicht den Luxus einer Sekretärin, sondern wickelten den gesamten Kontakt mit Kunden und Lieferanten selber ab. Speziell die Kunden schätzten die dadurch kurzen und direkten Kommunikationswege zu den Technikern.
„Das ist Frau Schiffers von Corsten Essen. Die möchte Sie sprechen – es klingt dringend“, sagte Andreas und riss Falk Hoffmann damit aus seinen Erinnerungen. Die Spedition Corsten war einer seiner treuesten und wichtigsten Kunden, denn sie hatten der Hoffmann EDV Systeme GmbH schon vor Jahren die gesamte IT-Administration der Hauptstelle in Essen und einiger Filialen in Neckarsulm, Frankfurt und Belgien übertragen. Als internationale Spedition waren sie weltweit tätig und lebten unter anderem auch von einer funktionierenden und leistungsfähigen ITInfrastruktur.
Hoffmann griff den Hörer und ließ sich in seinen Bürostuhl fallen: „Hallo Frau Schiffers, was kann ich für Sie tun?“
„Herr Hoffmann!?“, sagte sie und zog dabei, wie gewöhnlich, wenn sie ein Problem hatte und davon ausging, dass er es lösen würde, die Stimme mit dem letzten „n“ halb fragend, halb bittend nach oben.
„Es gibt ein Problem in Prag. Wir haben den Systemadministrator in Tschechien rausgeworfen und der hat das Admin-Passwort für die EDV dort unten und rückt es jetzt nicht mehr raus, weil er angeblich noch Geld von uns zu bekommen hat.“
„Warum fragen Sie nicht den Geschäftsführer vor Ort, wie hieß der noch gleich?“
„Zelima – den haben wir auch gefeuert!“
„Hm – war vielleicht nicht so clever, was?“
„Das habe ich auch gesagt, aber Sie kennen doch unseren Chef. Wenn er etwas macht, dann macht er es richtig. Und nachdem er dem Treiben da unten eine Zeitlang recht tatenlos zugesehen hat, ist ihm letzte Woche der Kragen geplatzt.“
Frau Schiffers konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. Falk wusste, worauf sie anspielte. Corsten hatte in der Vergangenheit schon das ein oder andere Mal Pech bei der Personalauswahl gehabt und die falschen Leute an die Spitze einer Filiale gesetzt. Essen war weit weg und so ließen einige die Mäuse auf dem Tisch tanzen, wenn der Chef nicht in den Filialen präsent war. In Essen war das anders. Hier saß und arbeitete die Stammmannschaft teilweise schon seit ein bis zwei Jahrzehnten zusammen. Sie zogen nicht nur an einem Strang, sondern, was viel wichtiger war, vor allem in die gleiche Richtung. Das Essener Team bestand eigentlich nur aus Leistungsträgern. Frau Schiffers, eine lebenslustige Frau – Falk schätzte sie auf Anfang fünfzig – war ein Arbeitstier.
Sie kam morgens um sechs als Erste ins Büro, um in Ruhe die wichtigsten Buchungen zu erledigen. Sie bewältigte die komplette Buchhaltung aller Corsten-Firmen – der Mandantenzähler in der Fibu-Software war gerade auf einen zweistelligen Wert umgesprungen – und kümmerte sich um die meisten administrativen Tätigkeiten, so auch die Koordination der EDV. Neben ihr gab es Herrn Rochus, ein bärbeißiger Typ, den man zu nehmen wissen musste. Er war lange nicht so griesgrämig, wie er sich oft gab, und hielt seine Leute ständig auf Trab. Sein Aufgabenbereich war die Akquise und Organisation von größeren Projekten.
In dem modernen Großraumbüro davor – Falk hatte noch das Containerdorf am alten Standort miterlebt – saßen rund 15 Mitarbeiter und koordinierten täglich die Fracht- und Transportaufträge in alle Welt.
In den Filialen, die die Firma Hoffmann nach und nach ebenfalls EDV-technisch ausgestattet und mit der Zentrale in Essen vernetzt hatte, gab es manchmal einen Mitarbeiter, der sich zum Filialleiter berufen fühlte und sein eigenes Ding machte.
Manchmal war das dann nicht oder nicht ständig von Erfolg gekrönt, was sogar den Technikern von Hoffmann auffiel. Zum Glück gaben die dann nur ein kurzes Gastspiel und es gab genug gute Leute in den Filialen, die die eigentliche Arbeit übernahmen und Qualität ablieferten. Denn letztlich machten alle Corsten-Firmen Gewinn und konnten sich auch in einer von Verdrängungswettkampf geprägten Speditionsbranche offenbar dauerhaft behaupten.
Dass jetzt in Prag etwas Ähnliches passiert war, leitete Falk Hoffmann aus dem Kichern von Frau Schiffers ab. Mit Prag hatte er bisher wenig Kontakt gehabt. In der tschechischen Filiale stand die Software-Anbindung an den Hauptsitz in Essen noch bevor und es war mal die Rede davon gewesen, dass Falk möglicherweise in ein paar Monaten hinfahren sollte, um die EDV auch dort anzupassen.
Bisher hatten die Mitarbeiter der Prager Filiale den IT-Service eigenverantwortlich geregelt und Falk hatte nur ein einziges Mal per E-Mail Kontakt mit Prag gehabt und technische Grundvoraussetzungen für die Speditions-Software abgefragt.
„Und nun haben Sie keinen Zugang mehr zu Ihrer eigenen EDV?“, griff Falk den Gesprächsfaden wieder auf.
„Richtig“, antwortete Frau Schiffers, „die Anlage läuft zwar noch und kann von den Mitarbeitern normal genutzt werden, nur kommen wir nicht mehr an den Server ran. Der Administrator hat aber offenbar noch einen Zugang zum System von außen und wir haben jetzt die Sorge, dass er uns das System ganz dicht macht oder Daten stiehlt. Das Problem ist nämlich, dass der Administrator der Neffe vom Geschäftsführer ist und wir denen zutrauen, mit unseren Daten zur Konkurrenz zu gehen.“
„Klarer Fall von Vetternwirtschaft also“, resümierte Falk. „Wie viel fordert der Admin denn von Ihnen? Wenn wir hier über tausend Euro oder so reden, dann geben Sie ihm das Geld. Billiger bekommen wir das bestimmt nicht hin!“
„Schön wär’s!“, meinte Frau Schiffers. „Der glaubt, er hätte Anspruch auf sechs Monatsgehälter von je rund 2.000,- Euro.“
„Okay, das ist ein Argument“, räumte Falk ein. „Haben wir denn jetzt vor Ort noch einen vertrauenswürdigen Ansprechpartner?“
„Ja, rufen Sie bitte Herrn Stěpánek an. Der war früher hier bei uns in Essen und ihm können wir vertrauen. Er kümmert sich seit dem Rauswurf von Zelima kommissarisch um die Geschäftsführung. Wir müssen jetzt erst einmal sicherstellen, dass die da von außen nicht mehr zugreifen können.“
„Gut, ich kümmere mich darum. Mal sehen, was wir machen können.“
Falk legte den Hörer auf und wählte die Prager Nummer, die ihm Frau Schiffers durchgegeben hatte. Kurze Zeit später hatte er Stěpánek am Apparat. Sie tauschten sich kurz über die Situation aus.
„Haben Sie einen EDV-Fachmann vor Ort?“, fragte Falk Hoffmann. „Vielleicht können wir mit dessen Hilfe ein paar Infos über ihr System sammeln.“
„Ja“, sagte Stěpánek mit deutlich hörbarem Akzent, aber dennoch in fließendem Deutsch, „ich habe hier einen Computer-Mann, der sich die Anlage schon angeschaut hat. Der ist gerade vor Ort.“
Falk Hoffmanns Gedanken rotierten. Er versuchte, sich die Lage vor Ort bildlich vorzustellen: „Ist das System aktuell gesperrt?“
Stěpánek bestätigte: „Wir haben hier keinen Zugriff auf den Server. Der Server läuft und wir kommen ins Internet.“
„Okay, das ist das Erste, was wir jetzt abstellen. Wie ist der Internetzugang bei Ihnen realisiert? Haben Sie DSL?“
Hoffmann hörte, wie sich Stěpánek mit dem EDV-Mann auf Tschechisch unterhielt.
„Ja, so wie es aussieht, haben wir hier ein DSL-Modem.“
„Gut, lassen Sie sich zeigen, wie man das Modem deaktiviert und wieder aktiviert, ziehen Sie dann den Stecker raus und prüfen, ob Sie noch eine Internetverbindung haben.“
Eine Minute später kam Stěpánek zurück ans Telefon: „Okay, jetzt haben wir kein Internet mehr, aber wie bekommen wir jetzt unsere EMails?“
„Das ist jetzt zweitrangig. Wir können die Verbindung zunächst immer mal wieder kurz aktivieren, Sie können Ihre E-Mails übertragen und dann die Leitung wieder kappen. Die Wahrscheinlichkeit, dass genau dann ihr ehemaliger Admin zugreift, ist sehr gering. Haben Sie noch andere Kommunikationsleitungen nach außen, zum Beispiel eine ISDNLeitung vom Server zur Telefonanlage?“
„Warten Sie – äh, nein, da scheint sonst nichts zu sein.“
„Gut, wie ist ihr Server aufgebaut? Hat er gespiegelte Festplatten? Ist das ein SCSI-System?“
„Wie bekommt man das raus?“, fragte Stěpánek.
„Ihr EDV-Mann soll den Server vorsichtig öffnen und einen Blick in die Maschine werfen. Ein Fachmann erkennt das an den Kabeln.“
Es folgte eine heftige Diskussion zwischen Stěpánek und dem anderen Tschechen.
„Er traut sich nicht, die laufende Maschine aufzumachen. Das ist ihm zu heiß“, übermittelte Stěpánek den Konsens seiner Diskussion.
„No risk – no fun“, dachte Hoffmann mitleidig. „Okay, recht hat er. Wenn’s schief geht, haben wir das nächste Problem. Können Sie mir ein paar Fotos mit der Digital-Kamera machen und per E-Mail schicken? Ich brauche eine Frontansicht des Servers, eine Totale und eine Rückansicht mit den Anschlüssen.“
Stěpánek versprach, die Fotos gleich zu machen und ließ sich die EMail-Adresse durchgeben.
Falk legte den Hörer auf und rief daraufhin gleich seine beiden Techniker Andreas und Viktor zu sich zurück in sein Büro. Sie hatten das Frühstück zwischenzeitlich beendet und sich wieder ihren Aufgaben gewidmet. Hoffmann informierte die beiden über die aktuelle Situation: „Was können wir von hier aus tun?“
„Prag soll eine sehr schöne Stadt sein. Ich würde vorschlagen, Sie fahren nach Hause und packen Ihren Koffer“, brachte Andreas das auf den Punkt, was alle dachten.
„Dann sollten wir uns jetzt nur genau überlegen, was ich alles mitnehme, um vor Ort möglichst flexibel reagieren zu können. Wenn der Server mit einem SCSI-System ausgestattet ist, könnte ich die Datenplatte rausnehmen und in ein Serversystem von uns reinhängen. Dann kann ich den Besitz der Dateien übernehmen und habe zumindest schon mal den Datenbestand sicher“, sinnierte Falk.
„Was ist mit dem ERD-Commander oder einer Linux-Bootdisk? Ich kann Ihnen so eine CD fertig machen. Damit booten Sie das System und da gibt es ein Tool, mit dem Sie das Admin-Passwort zurücksetzen können“, schlug Viktor vor.
„Gute Idee!“, sagte Falk. „Was haben wir hier, um einen Ersatzserver aufzusetzen? Brauchen wir noch irgendetwas an Hardware dafür? Ich würde gerne eine Server-Maschine mit einer deutschen Basisinstallation mitnehmen, die ich in das Netzwerk da unten einklinken kann. Dann kann ich gegebenenfalls die Daten überspielen und den Server gefahrlos neu aufsetzen. Zusätzlich nehme ich auch noch mein Notebook und ein paar Ersatzteile mit.“
„Was ist mit der Kopplung nach Essen? Wenn Sie schon einmal da unten sind, dann könnten Sie doch auch in einem Schlag die Einrichtung der Speditions-Software vornehmen. Das war doch sowieso geplant, oder?“, schlug Andreas vor.
„Das ist mir gerade auch durch den Kopf gegangen. Dann würden wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und Corsten hätte wenigstens einen Benefit durch diesen Einsatz. Dann müssen wir aber dem Pankow von STS Feuer unter dem Hintern machen, damit er uns die Speditions-Software zukommen lässt.“
Pankow – bei diesem Namen kam Hoffmann die Galle hoch. „Auch wieder so ein Fall von Inkompetenz. Verkauft Software, von der er nicht wirklich Ahnung hat, und sichert den Kunden Funktionen zu, die er dann nicht realisiert bekommt. Und dann noch die Zuverlässigkeit einer Schlaftablette: Dem Mann konnte man beim Tanzen die Hose flicken“, dachte er.
„Okay, ich kläre das mit Frau Schiffers ab und ihr schaut schon einmal, was uns für einen Ersatzserver und für die Kopplung nach Essen noch fehlt. Mir fällt auf Anhieb eine Lizenz für die Filial-Kopplung und für die Fernwartungssoftware ein.“
Andreas und Viktor dackelten Richtung Werkstatt ab und Falk griff erneut zum Telefon und wählte die Nummer von Irene Schiffers: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Zuerst die Gute: Der Ex-Administrator kommt jetzt erst einmal nicht mehr ans System. Die schlechte Nachricht: So wie es aussieht, muss ich runter nach Prag.“
Falk schilderte in kurzen Zügen, wie sein Plan aussah. Irene Schiffers war zwar keine EDV-Fachfrau, aber durch die stetigen Kontakte mit Falk Hoffmann und die vielen, jahrelangen Berührungspunkte mit dem Computer konnte sie den Ausführungen des ITTechnikers gut folgen. Vor allem der Vorschlag, den Server in Prag direkt für die neue Speditions-Software fit zu machen, kam bei ihr gut an: „Das hätten wir ja sowieso kurzfristig machen müssen. Dann fahren Sie halt jetzt runter. Aber was ist mit dem Pankow? Bekommt der das so flott parat?“
„Rufen Sie ihn direkt an und geben Sie ihm den Auftrag. Ich setzte mich dann heute Nachmittag mit ihm in Verbindung und kläre, wie ich an die Software komme“, schlug Falk vor.
Es war Freitagmittag 12:30 Uhr.
Sie mussten sich beeilen, wenn sie die benötigten Hard- und Software-Produkte noch so rechtzeitig bestellen wollten, dass diese auch noch vor dem Wochenende das Lager des Distributors verließen.
„Wenn die Teile Montag Mittag hier sind, dann kann ich in der Nacht von Montag auf Dienstag nach Prag fahren“, dachte Falk. Er öffnet seinen Internet-Browser und kalkulierte die Fahrzeit von Aachen nach Prag mit einem Online-Routenplaner. 776,97 km und 8:28 h kalkulierte dieser.
„Na, das schaffen wir auch in sieben Stunden“, grinste Falk und ging in die Werkstatt.
Gemeinsam mit seinen Technikern stellte Falk eine Liste zusammen, was er alles mitnehmen sollte und welche Teile noch neu zu bestellen waren. Er legte einen neuen Auftrag an und rechnete den Einsatz grob durch. Dann rief er seine Frau an: „Hallo Spatz, du ich wollte dir nur kurz Bescheid geben, dass ich am Dienstag nach Prag fahre, willst du mitkommen?“
„Scherzkeks, was ist los? Wieso nach Prag?“, antwortete seine bessere Hälfte.
Falk informierte sie kurz über den bevorstehenden Einsatz: „Kannst du nicht deinen Chef fragen, ob du ein paar Tage freibekommst?“
„Vergiss es. Wir haben Urlaubszeit und wir sind sowieso schon unterbesetzt. Und außerdem haben wir Quartalswechsel. Ich muss die Abrechnung fertig machen.“
Katharina war wie immer pflichtbewusst. Zuerst der Job, dann das private Vergnügen. Manchmal wäre es Falk schon lieber, sie würde ihre Prioritäten anders setzen, aber auf der anderen Seite war das auch der Grund, warum sie in ihrem Beruf von Chef und Patienten gleichermaßen geschätzt wurde.
„Aber wie lange bleibst du denn dann weg? Dann können wir ja abends gar nicht kuscheln?“
Schlagartig war Katharina die Tragweite der Aktion klar geworden.
„Ja in der Tat. Das ist ein echtes Problem!“, lachte Falk, „Dann müssen wir am Wochenende auf Vorrat kuscheln …“
Nachdem er die Verfügbarkeit der benötigten Teile bei seinen Lieferanten abgecheckt hatte, telefonierte er mit Herrn Pankow von der Firma STS: „Hallo Herr Pankow, wie sieht es aus? Hat Sie Frau Schiffers schon informiert?“
„Ja“, antwortete Pankow, „ich bin schon dabei, Ihnen eine CD fertig zu machen. Wenn ich die nachher zur Post bringe, dann müsste sie morgen, spätestens Montag bei Ihnen sein. Reicht das?“
Falk Hoffmann war über die Schnelligkeit seiner Aktion positiv überrascht: „Klar das passt. Bitte legen Sie mir auch eine Installationsanleitung bei. Voraussichtlich Mittwoch oder Donnerstag bräuchte ich dann wahrscheinlich etwas Telefon-Support von Ihnen, wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert.“
„Ich sage unserem Entwickler, Herrn Bornheim, Bescheid. Er soll sich zur Verfügung halten, da ich nächste Woche unterwegs bin. Ich maile Ihnen gleich die Kontaktdaten.“
„Das klappt ja ausnahmsweise einmal wie am Schnürchen“, dachte Falk und schickte die grobe Kostenabschätzung per Fax direkt aus seinem PC an Frau Schiffers nach Essen.
Während seine Fax-Software noch mit dem Versand beschäftigt war, klingelte er bei Irene Schiffers an: „Also, wir wären quasi so weit. Alle Teile sind beim Vorlieferanten vorrätig und sollten am Montag bei uns sein. Herr Pankow hat mir gerade zugesagt, dass er die Software heute noch auf den Weg bringt und eine grobe Kostenabschätzung habe ich Ihnen gerade aufs Fax gelegt.“
Irene Schiffers überflog das Fax: „Tja, da hat der Chef halt Pech gehabt. Was es kostet, das kostet es eben. Wann fahren Sie?“
„In der Nacht von Montag auf Dienstag. Ich denke, ich fahre hier so gegen vier Uhr los, und dann bin ich etwa um elf oder zwölf Uhr vor Ort. Ich brauche übrigens noch die genaue Adresse.“
„Schicke ich Ihnen gleich. Wie lange denken Sie, werden Sie brauchen?“
Falk überlegte: „Kommt darauf an. Wenn alles gut läuft – 2 Tage mindestens. Vor dem Wochenende möchte ich auf jeden Fall wieder zurück sein. Wenn ich früh genug zurückkomme, könnte ich auf dem Rückweg über Neckarsulm fahren und dort noch die defekte Kamera austauschen.“
Sie hatten vor einem halben Jahr mehrere Webcams in der Speditionshalle am Standort Neckarsulm montiert, mit deren Hilfe die Mitarbeiter in Essen via Internet die Beladevorgänge in der Halle überwachen konnten. Eine der per Webbrowser steuerbaren Kameras, die gleichzeitig auch als Einbruchschutz dienten, fiel ständig aus und sollte testweise gegen eine neue Kamera ausgetauscht werden.
„Gute Idee und vielen Dank für den schnellen Einsatz. Melden Sie sich mal, wenn Sie unten sind.“
Irene Schiffers legte auf und kurze Zeit später spuckte das Faxgerät in Aachen die Adresse der Prager Filiale aus.
„Solche Kunden müsste man öfter haben. Die wissen unsere Leistung zu schätzten und da wird nicht um ein paar Euro gefeilscht“, sagte Falk zu seinem Mitarbeiter Andreas, der gerade das Büro betreten hatte.
„So Chef, der Server ist in der Mache. Wir haben alle wichtigen Teile hier und können die Maschine aufsetzen. Bis Montagmorgen läuft die. Den Rest müssen Sie dann gegebenenfalls vor Ort installieren.“
Ein akustisches Signal zeigte das Eintreffen einer neuen E-Mail an. Falk Hoffmann öffnete sie direkt, da er am Absender erkannte, dass sie aus Prag kam.
„Jetzt schauen Sie sich diesen Mist an!“
Falk öffnete die Anhänge und brachte das Foto des Servers auf den Bildschirm: „Das sieht schwer nach einem Verbundsystem aus mehreren Festplatten, sprich RAID-System aus. Wenn dem so ist, dann können wir die Aktion mit dem Kopieren auf unseren Server knicken.“
Falk überlegte kurz und sagte dann zu Andreas: „Bitte bauen Sie mir auch das Bandlaufwerk aus unserem Server aus. Das ist nagelneu und wenn die da unten keine Datensicherung haben, brauchen wir auch einen Streamer. Ich glaube, ich werde da wohl auch ein wenig improvisieren müssen. Packen Sie dann bitte schon einmal alles, was auf der Liste steht, für Montag zusammen. Ich mache jetzt Feierabend.“
„Wird gemacht Chef“, murmelte Andreas und marschierte in Richtung Werkstatt.
„Ach – und Andreas?!“, rief Falk ihm nach.
„Ja?“
„Danke und schönes Wochenende.“
Die Nacht hatte Abkühlung gebracht. Für Ende Juni war es fast schon zu heiß. Falk hatte die Klimaanlage auf angenehme 21° eingestellt und rauschte im Morgengrauen am Frankfurter Flughafen vorbei weiter Richtung Würzburg/Nürnberg. Nicht schlecht – gut 1 ½ Stunden bis Frankfurt – neuer persönlicher Rekord. Falk trat das Gaspedal seines 3er BMW Kombis durch. Das Chiptuning hat sich doch gelohnt. Er liebte das schnelle Autofahren.
Überhaupt mochte er alles, was mit Geschwindigkeit zu tun hatte. Ski-Langlauf war ihm zu langsam gewesen. Wenn schon, dann bitte Alpin-Ski. Die direkte Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine Gerade. So vermied er überflüssige Schwünge und suchte die Herausforderung in der Direttissima – nach unten. Er bevorzugte Squash vor Tennis. Golf lehnte er mangels körperlicher Herausforderung ab. Beim Mountainbike-Fahren schimpfte seine auch nicht gerade unsportliche Frau, er solle auch mal einen Tick langsamer fahren und die Natur genießen.
Meist hatten seine Sportarten oder Hobbies aber mit Motoren zu tun. Früher Motorräder, dann schnelle Autos und vor Kurzem erst hatte er sich ein besonderes Steckenpferd ausgesucht. Mit einem Vorjahresauto hatte er nun schon an einigen Rennen des Alfa 147 Cups teilgenommen. Die CLizenzprüfung in Theorie und Praxis hatte er bei Zakspeed, der Rennfahrschule am Nürburgring, gemacht. Diese dreitürigen Alfas 147 1.9 JTD Turbodiesel waren nicht ohne. In der Rennversion hatten sie immerhin rund 160 PS und ließen sich sehr zügig über die Piste jagen.
Sein BMW hatte noch ein paar PS mehr, wenngleich dieser auch ein paar Kilos mehr mitschleppen musste als sein Rennwagen. Die Tachonadel hatte sich leicht oberhalb von 240 km/h eingependelt. Sein Radar-Warner piepste und blinkte. Falscher Alarm. Diesmal hatte das Gerät nur auf eine Automatiktür der Raststätte reagiert, an der er gerade vorbeigerauscht war. Außerdem war auf diesem Streckenabschnitt kein Tempolimit. Warum diese blöden Türen auch ausgerechnet das gleiche Frequenzband nutzen müssen, wie die Cops mit ihren Radarfallen. Das war der Nachteil an diesem Kasten. Er reagierte nicht nur auf echte Radarfallen und Laserpistolen, sondern schlug auch bei vielen Automatiktüren an.
Vor allem, weil diese auch noch aus unerfindlichen Gründen eine sehr große Reichweite hatten und er den nächsten Supermarkt so aus mehreren Hundert Metern Entfernung erkennen konnte.
Mittlerweile konnte er das Fiepen des Warners bei Türen von echten Signalen unterscheiden und so hatte ihm das kleine, unscheinbare Kästchen an der Sonnenblende schon mehr als einmal den Führerschein gerettet.
„Jetzt rüste ich auch auf“, hatte er sich vor einem Jahr gesagt, als sie ihn zweimal kurz hintereinander mit so einer typischen Abzockerfalle erwischt hatten. Mit 70 in einer 30er Zone vor einem Kindergarten erwischt zu werden und dann den Führerschein abzugeben, das wäre für ihn in Ordnung gegangen. Aber sich auf einer schnurgeraden, bestens ausgebauten Landstraße hinter ein 70er Schild zu stellen, das empfand er nur als Abzocke zur Aufbesserung der kommunalen Kassen.
Der Verkehr wurde dichter und zwang ihn zu einer gemäßigten Fahrweise. Zeit fürs Frühstück. Katharina war noch vor ihm aufgestanden und hatte ihm Brote geschmiert, Kaffee gekocht und Möhren, Gurken und Tomaten in autofahrerfreundliche, mundgerechte Stücke geschnitten.
„Fehlt nur noch, dass ich gefüttert werde“, schmunzelte er, als er in die Tupperdose griff.
„Der Service war wieder einmal erstklassig“, rief er in das Mikro der Freisprechanlage.
Katharina war gar nicht mehr ins Bett gegangen, sondern hatte sich schon früh zur Praxis auf den Weg gemacht. So konnte sie ungestört die Quartalsabrechnung machen, bevor die ersten Patienten mit ihren kleinen und großen Wehwehchen aufschlugen.
„Na, hat es geschmeckt? Wo bist du denn jetzt?“, fragte sie. „Kurz vor Würzburg. Es läuft ganz gut. Ich denke, gegen Mittag bin ich in Prag.“
„Okay, aber fahr vorsichtig! Und, du? Ich vermisse dich jetzt schon.“
„Mache ich, du lästige kleine Kröte.“
Er drückte auf das Hörersymbol auf seinem Communicator und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Seine Frau war schon sehr anhänglich, aber er genoss das. In den gut vier Jahren, in denen sie nun schon zusammen waren, hatten sie fast nur glückliche Stunden verlebt. Er hatte es nicht bereut, ein zweites Mal geheiratet zu haben.
Er drehte das Radio lauter und ließ Kilometer um Kilometer hinter sich.
Bei Waldhaus überquerte er die Grenze nach Tschechien. Frau Schiffers hatte ihm geraten, sich direkt eine Vignette für die Autobahn zu kaufen. Eine Fünf-Tageskarte wird wohl reichen. Ah, 130 darf man hier nur fahren. Im Vorübergehen hatte er einen Blick auf die Tafel mit den Tempolimits geworfen, die neben den Verkaufsständen für die Autobahntickets direkt hinter der Grenze aufgebaut war.
Er stellte den Tempomat auf 135 ein und rollte auf einer gut ausgebauten, recht leeren Autobahn weiter Richtung Prag. Das Navigationssystem zeigte ihm nun nur noch wenige Straßen links und rechts seiner Route an. So weit sind sie mit dem Digitalisieren der Landkarten wohl noch nicht. Wenigstens kennt Carin Prag.
Carin hatte er die weibliche Stimme seines Navigationssystems getauft. Er fand das einfach netter als Routenluder, so wie einer seiner Freunde seinen eingebauten Wegfinder nannte. Das war schon eine feine Sache, immer eine Beifahrerin zu haben, die den Weg wusste. Naja, fast immer. Das eine oder andere Mal hatte er Streit mit ihr gehabt.
Erst hatte sie gar nichts gesagt und als er sich dann für die Straße nach links entschieden hatte, hatte sie jetzt rechts abbiegen von sich gegeben. Typisch Frau – erst keine Entscheidung treffen und dann alles besser wissen wollen. Er war natürlich auf dem von ihm eingeschlagenen Weg weitergefahren. Carin schmollte eine Zeitlang und bemerkte zwischendurch nur monoton wenn möglich, bitte wenden. Irgendwann hatte er ihr dann einfach den Mund verboten.
Als er sich dann damals hoffnungslos verfahren hatte, war er irgendwann dem von ihr dezent mit Hinweispfeilen auf dem Bildschirm signalisierten nun neu vorgeschlagenen Weg gefolgt. Warum braucht es Millionen Spermien um eine weibliche Eizelle zu befruchten? Ein Mann würde nie nach dem Weg fragen …
Auf den Straßenschildern tauchte die Stadt Plzěn auf. Das kann ja heiter werden. Wie man das wohl ausspricht? Die Antwort darauf lieferte kurze Zeit später die überdimensionale Werbung einer bekannten Biermarke. Ja klar: Pilsen. Der Rest der Schriftzüge auf Straßenschildern, Hinweistafeln und Plakaten blieb für ihn unverständlich. Offensichtlich ein komplett anderer Sprachstamm als deutsch.
„Sie nähern sich der Ausfahrt“, riss ihn Carin aus seinen Gedanken. Er schaltete den Tempomaten ab und ließ den Wagen auf das Autobahnkreuz zurollen. In diesem Moment schlug der Radar-Warner wieder an. Ein reflexartiger Tritt auf die Bremse und ein Blick auf Tacho, Beschilderung und Seitenstreifen.
War ich jetzt zu schnell? Mist, ja hier ist ein Tempolimit, aber wo ist die Radarfalle? Haben die mich jetzt? Sein Blick schweifte umher. Er nahm wie geplant die Ausfahrt und folgte dem Straßenverlauf in einem weiten Bogen nach rechts. Im Rückspiegel sah er weiter hinten – gut getarnt hinter einer Brücke – den Radarwagen stehen. Und nun? Von einem Polizisten, der ihn anhalten wollte, war weit und breit nichts zu sehen. Zu früh gefreut. Als er am Ende des Zubringers ankam, sah er auf der linken Seite auf einer Art Standstreifen eine Polizeistreife stehen. Zunächst machte keiner der Beamten Anstalten, ihn anzuhalten.
Im letzten Moment sprang einer der Männer auf die Fahrbahn und signalisierte ihm mit einer Kelle, dass er stoppen sollte. Falk musste heftig auf die Bremse treten. Die Dose mit seinen Möhren ignorierte das Bremsmanöver und machte sich auf den Weg in Richtung Windschutzscheibe.
„Idiot!“, zischte Falk und machte aus seinem Missfallen zu dieser Aktion keinen Hehl, als er die Seitenscheibe herunterfuhr. Der Polizist begrüßte ihn auf Tschechisch und als Falk ihn nur verständnislos anschaute, wechselte er auf ein gebrochenes, aber dennoch verständliches Deutsch. Er bat um die Papiere und verschwand mit ihnen zu dem Polizeifahrzeug. Als er wiederkam, erklärte er Falk, dass er zu schnell gefahren wäre und dafür ein Protokoll bezahlen müsse: „Die Strafe ist 500 Kronen.“
„Ich habe nur Euro und Kreditkarte dabei.“
Der Polizist reagierte mit Unverständnis: „Sie sind hier in Tschechische Republik. Hier Sie können nur mit Kronen bezahlen.“
„Dann schicken Sie mir das Protokoll zu oder geben mir einen Einzahlungsschein für die Bank“, erwiderte Falk.
Widerwillig ging der Polizist zu seinem Wagen zurück und ließ sich mit dem Ausfüllen des Strafzettels und dem Überweisungsträger betont viel Zeit. Falk Hoffmann nutzte die Zeit, sammelte den Rest seines Frühstücks ein und setzte Selbiges aufgrund dieser Zwangspause nun fort.
Endlich erschien der Beamte wieder am Fenster und händigte Falk die Papiere, den Zahlschein und das Protokoll aus: „Hier unterschreiben.“
„Was steht denn da?“
Die tschechischen Begriffe entzogen sich für ihn jeglicher Übersetzungsfähigkeit. Er ließ sich jeden Satz von dem Beamten übersetzen und unterschrieb dann widerwillig das Formular.
„Wegelagerer“, murmelte er, als er das Fenster wieder geschlossen hatte und auf die Autobahn zurückrollte: „Das kostet mich doch bestimmt wieder einen Haufen Kohle!“
Es dauerte keine fünf Kilometer, als der Radar-Warner zum zweiten Mal anschlug. Diesmal war das Polizeifahrzeug auch aus der Entfernung zu erkennen. Ihr wollt einem das Schnellfahren aber richtig vermiesen, was? Wenn ihr uns beim ersten Mal nicht bekommen habt, dann versucht ihr es direkt wieder. Zum Glück war er diesmal nicht zu schnell. Er sollte in den nächsten Tagen noch des Öfteren an Polizeikontrollen vorbeikommen. Wie er erst abends beim „Durchzappen“ der lokalen Fernsehsender im Hotel erfahren sollte, war in Tschechien so etwas wie Großkampftag gegen Verkehrssünder angesagt.
Es brauchte nach der Polizeikontrolle noch gut eine Stunde, in der er sich über das Protokoll ärgerte, bis er seinen Rechenfehler beim Konvertieren von Kronen in Euro bemerkte. Das waren nicht rund 150,- Euro sondern lediglich etwa 15,- Euro, die er als Strafe zu zahlen hatte. Dafür kann ich zu Hause ja gerade mal falsch parken. Seine Laune verbesserte sich rasch und langsam kamen die Vororte von Prag in Sicht. Carin lotste ihn sicher durch die gesamte Innenstadt zum anderen Ende, wo sich die Firma Corsten befinden sollte. Der Verkehr war immens. Prag zeigte sich als eine pulsierende Metropole, in der nichts mehr davon zu spüren war, dass sie noch vor gut 15 Jahren unter dem Joch des Sozialismus zu leiden hatte. Falk war zum ersten Mal in seinem Leben in einem früheren Ostblock-Land. Ihn hatte es nie Richtung Osten, sondern immer Richtung Süden gezogen. Süddeutschland, Österreich, die Schweiz, Italien sowie Teile Frankreichs und Spaniens kannte er fast wie seine Westentasche und er fühlte sich in diesen Regionen heimisch. Der Osten und der Norden Europas waren hingegen für ihn ein recht unbeschriebenes Blatt geblieben. Nicht dass er Ressentiments gegenüber diesen Völkern und Regionen gehegt hätte – es hatte sich bisher nie ergeben.
So rätselte er auch darüber, wie wohl der Fluss hieß, den er gerade in der Innenstadt überquert hatte.
Geografie war zwar eigentlich keine Schwäche von ihm, aber er ahnte selber, dass sein erster Tipp Donau nicht wirklich überzeugte.
Carin meldete: „Ziel erreicht“. Und tatsächlich wies das Straßenschild an einer Häuserecke den gleichen Namen aus, wie auf den Adressdaten, die er von Frau Schiffers bekommen hatte. Nur von einer Halbinsel und Fabrikgebäuden war nichts zu sehen.
Was Falk zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wusste, war, dass die Namen ganze Straßenzüge bezeichnen konnten und er noch gut einen Kilometer vom eigentlichen Ziel entfernt war.
An einer markanten Stelle mit zwei neuen Hochhäusern mit eindrucksvoller Glasfassade fuhr er an den Straßenrand und wählte die Nummer von Pavel Stěpánek, dem Corsten-Mitarbeiter, mit dem er auch schon von Deutschland aus telefoniert hatte.
„Wo sind Sie jetzt genau?“, fragte der Angerufene und Falk beschrieb seinen Standort. „Gut, dann fahren Sie jetzt in östlicher Richtung die Straße hinunter. Am Ende der Straße warte ich auf Sie. Ich fahre einen weißen Skoda.“
Witzbold – hier fahren alle Skoda und nicht wenige davon sind weiß.
Seine Sorge war unbegründet. Stěpáneks Auto war das einzige weit und breit und er erkannte den jungen Tschechen gleich wieder: „Kenne ich Sie aus Essener Zeiten?“
„Ja, ich habe bei Herrn Marberg im Büro gesessen und dort drei Jahre meine Ausbildung zum Speditionskaufmann gemacht. Dann bin ich nach Prag zurückgegangen.“
Er folgte Stěpáneks Skoda und kurze Zeit später hielten sie vor einem alten Fabrikgebäude auf einer Insel zwischen einem Nebenarm des Flusses und einer Art Hafenbecken.
„Da wären wir. Hatten Sie eine gute Reise?“
„Danke, ja.“
Falk hatte den Strafzettel schon wieder verdrängt. Trotz seiner Zwangspause auf der Autobahn hatte er die Strecke Aachen-Prag in knapp 7 Stunden geschafft. Er wählte Katharinas Nummer und teilte ihr mit, dass er wohlbehalten angekommen sei. Dann machte er sich an die Arbeit und lud, nachdem ihm Stěpánek die Büroräume und den Standort des Servers gezeigt hatte, seine Gerätschaften und Computer aus.
„Soll ich für Sie ein Hotel hier in der Nähe buchen?“, fragte Stěpánek. „Herr Corsten steigt dort auch immer ab. Es ist ein gutes Haus mit Garage, nicht allzu weit vom Zentrum entfernt.“
„Danke, gerne“, sagte Falk. „Ich brauche Sie dann gleich mal wegen ein paar Informationen zu ihrem Computersystem.“
Der Server war in dem Büro des zwischenzeitlich entlassenen Geschäftsführers im ersten Stock des Gebäudes in einer Ecke aufgebaut. Der Rechner selber war in einem etwa hüfthohen 19-Zoll-Gehäuse eingebaut und ließ sich wie eine Schublade nach vorne herausziehen. Die Seitenwände des Racks waren jedoch verschlossen, sodass man nicht an den hinteren Anschlussbereich des Rechners heranreichen konnte.
Auf dem Rack stand ein kleiner, ziemlich alter Monitor, der offenbar aber nicht an den Server angeschlossen war. Somit war zunächst einmal kein direkter Zugriff auf die Konsole der Maschine möglich.
Das Chefbüro war recht einfach ausgestattet. Zwei Schränke, ein Schreibtisch und ein Beistelltisch, Telefon und neben einem Arbeitsplatz-PC eben der besagte Server. Die Telefonanlage war ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Serverschrankes an der Wand montiert. Ein kurzer Blick genügte und Falk erkannte, dass Stěpánek das Modem für die Verbindung nach außen, wie besprochen, deaktiviert hatte.
Gut, so kann uns der Ex-Administrator schon mal nicht in die Suppe spucken. Neben dem Fenster war eine Klimaanlage installiert, die Falk in den nächsten Tagen noch zu schätzen lernen sollte, denn der Sommer war auch in Prag angekommen und die Sonne stieg höher und höher.
Er schaltete den PC auf dem Schreibtisch ein. Stěpánek kam, bewaffnet mit Mineralwasser und Kaffee, in das Büro.
„Prima, Sie kommen wie gerufen. Ich hätte gerne eine Liste mit allen Ihnen bekannten Benutzernamen und den dazugehörigen Passwörtern des Netzwerkes. Dann versuchen wir mal, wie weit wir mit diesen Konten kommen. Wissen Sie das Passwort von dem Benutzer Zelima?“
„Nein, keine Ahnung“, antwortete Stěpánek. „Nützt Ihnen mein Passwort etwas?“
„Klar, das wäre mal ein Anfang.“
Stěpánek wollte gerade ansetzten, um es Hoffmann zu sagen, als er selber merkte, dass das aufgrund der Eigenheiten seiner Muttersprache nicht viel bringen würde. Stattdessen nahm er einen Zettel und schrieb seinen Benutzernamen mit dem dazugehörigen Kennwort auf: „Die restlichen Namen gebe ich Ihnen gleich hoch.“
Stěpánek verschwand wieder und Falk widmete sich der Tastatur. Er hatte damit gerechnet, dass er eine ungewohnte Tastaturbelegung vorfinden würde und so dauerte es einige Momente, die richtigen Tasten zu lokalisieren. Tschechisch wird mit dem lateinischen Alphabet geschrieben, benutzt zur Wiedergabe der tschechischen Laute aber so genannte diakritische Zeichen.
Einige Tippfehler später erschien der gewohnte Desktop eines Windows® XP auf dem Bildschirm. Na, wenigstens die Bilder sind gleich. Falk begann mit der systematischen Suche nach Ressourcen im Netzwerk. Schnell war der Server anhand von Netzlaufwerken identifiziert und so versuchte er, auf die einzelnen Verzeichnisse zuzugreifen. Das funktionierte wie erwartet. Dann begann Hoffmann damit, alle relevanten Informationen über das Netzwerk und die angeschlossenen PC zu sammeln.
Falk holte den Ersatzserver aus dem Auto und baute ihn neben Zelima’s PC auf. Daneben brachte er sein Notebook in Stellung. Er schloss beide Maschinen an den Netzwerk-Switch, der zur Verteilung der Datenpakete im Netz diente, im Rack an und konfigurierte die IP-Adressen auf das Prager Netzwerk.
Kurze Zeit später hingen auch diese beiden Maschinen im Netz. Anhand der Liste, die ihm Stěpánek dann vorlegte, probierte Hoffmann systematisch durch, mit welchen Zugangsdaten er den weitreichensten Zugang erhielt. Der Benutzer Petr Novák hatte offenbar fast Admin-Berechtigungen. Eingeloggt als Novák sicherte er zunächst alle Daten des Servers, die über Netzwerkfreigaben erreichbar waren, auf den mitgebrachten Server. Sicher ist sicher und was wir haben, das haben wir.
Die Aktion würde jetzt etwas Zeit in Anspruch nehmen. Falk beschloss daher, sich einmal näher mit dem Server zu beschäftigen. Die ursprünglich wohl abgeschlossene Fronttür hatte Stěpánek offensichtlich schon durch Lösen der Scharniere herausnehmen können. Falk machte sich von vorn an den Verschlüssen der Seitenteile zu schaffen. Er löste die Verschraubung von innen und hatte kurze Zeit später die rechte Seitentür in der Hand. Jetzt hatte er weitestgehend ungehinderten Zugang zu den Anschlüssen. Er schloss den Monitor an den Server an und schaltete ihn ein. Das Monitorbild war vollkommen unleserlich und verschwommen. Seltsam, damit kann der Administrator doch wohl nie irgendwelche Wartungsarbeiten am Server vorgenommen haben.
Ihm kam eine Idee. Wahrscheinlich hat er den Server auch hier über Fernzugriff administriert. Mal sehen, ob wir nicht eine Remote-Desktop-Verbindung hinbekommen. Falk startete die entsprechende Software auf seinem Notebook und gab die IP-Adresse des Servers ein. Einen Moment später hatte er die Anmeldemaske des Prager Servers auf seinem Schirm. Nun konnte er, ohne laufende Prozesse der durch den Administrator gesperrten Hauptanmeldung zu beeinflussen, mit dem User-Namen Novák schon recht tief in das System blicken. Er durchforstete das System, soweit seine aktuellen Berechtigungen ausreichten, und suchte nach aktiven Backdoor-Prozessen und verdächtigen Programmen, mit denen sich der ehemalige Systembetreuer möglicherweise Zugriff verschaffen konnte, wenn das System wieder online war.
Wie befürchtet reichten seine Benutzerrechte nicht aus, um auf die Verwaltung des Systems mit der Benutzerverwaltung zugreifen zu können. Damit war ihm dieser Weg zum Zurücksetzen des Administratorpasswortes verwehrt.
Zwischenzeitlich war die Sicherung der Daten auf dem mitgebrachten Server fertig. Falk rief in seinem Büro an, um sich mit seinen Angestellten über die nächsten Schritte auszutauschen.
„Haben Sie schon mal mit dem ERD-Commander gebootet? Da ist ein Tool zum Resetten des Admin-Passwortes dabei“, schlug Andreas vor.
„Okay, wäre einen Versuch wert“, antwortete Falk. „Ich habe aber gerade auch eine Idee. Da gibt es doch so ein Tool, mit dem man die SAM auslesen kann und eine Brute-Force-Attacke auf das LANMAN-Passwort machen kann.“
„SAM?“, fragte Andreas nach.
„Security Accounts Manager“, antwortete Falk, „speichert alle Benutzernamen und dazugehörigen Passwörter in verschlüsselter Form ab.“
Viktor hatte sich zwischenzeitlich in die Telefonkonferenz eingeschaltet: „Da habe ich was. Das Ding heißt SAM-Attack. Habe mir das gerade mal runtergeladen und auf Ihrem PC gestartet. Fängt ihr Passwort mit peterpan an?“
„Mistkerl!“, lachte Falk. „Okay, das bringt uns weiter. Geben Sie mir mal die Adresse durch und ich ziehe mir das Tool hier runter. Dann probiere ich zunächst mal die Sache mit dem ERD-Commander und wenn das nichts bringt, dieses SAM-Attack.“
Falk notierte die Internet-Adresse, die ihm Viktor diktierte, und legte auf. Stěpánek klopfte an die Bürotür: „Wie sieht es aus? Schon Erfolge?“
„Teilweise. Ich habe offensichtlich einen Großteil Ihrer Daten erst einmal auf meinen Server sichern können. Jetzt müsste ich mal Ihren Server herunterfahren und neu starten. Können Sie bitte Ihre Kollegen informieren, dass Sie ab jetzt für etwa 1-2 Stunden nicht mehr mit dem Server arbeiten können?“
„Kein Problem. Es sind sowieso nur noch zwei da und die kommen jetzt auch ohne PC aus.“
Stěpánek verließ das Büro wieder und Falk wartete ein paar Minuten, bis er den Server herunterfuhr. Mit einem Monitor aus dem Ersatzteilfundus des Prager Büros hatte er jetzt auch direkten Zugriff auf die Maschine.
Er startete den Server von der eingelegten CD und kurze Zeit später erschien das Prompt des ERD-Commanders auf dem Bildschirm. Falk versuchte, auf die Festplatte des Servers zuzugreifen.
Error – no harddisk found.
Das hatte er befürchtet. Der Server schien wirklich ein RAID-System zu besitzen, für das man separate Treiber brauchte. Falk schaltete den Server aus und öffnete das Gehäuse. Tatsächlich. Auf dem Hauptplatine, dem so genannten Mainboard war ein SCSI-Controller enthalten. Auf dem Chip neben den Festplattenanschlüssen stand sogar „RAID BIOS“ aufgedruckt. Ein BIOS oder Basic Input Output System ist der zentraler Baustein in einem Computer, über den die wichtigsten Ein- und Ausgaben laufen und der den Startvorgang des Rechners steuert.
Okay, dann Plan B. Er schaltete das DSL-Modem ein und öffnete den Browser auf seinem Notebook. Bingo, das klappt schon mal. Falk Hoffmann hatte Zugriff auf das Internet und konnte nun die benötigte Software von der Adresse, die Viktor ihm durchgegeben hatte, herunterladen. Den Server ließ er ausgeschaltet: Wenn der Typ jetzt versuchen sollte, von außen zuzugreifen, kommt er schon mal nicht an die Daten ran. Wenige Minuten später war das Tool auf seiner Platte. Er klemmte das DSLModem wieder ab und startete den Server von den internen Platten. Nachdem sich Falk mit den Daten von Petr Novák eingeloggt hatte, überspielte er das Hacker-Programm vom Notebook auf den Server. Er startete die Brute-Force-Attacke auf das Passwort des Superusers.
Wollen wir hoffen, dass der Admin faul genug war, das gleiche Passwort für den System-Account wie auch für die Active-Directory des Netzwerks zu nutzen.
Falk schaute auf die Uhr. Kurz vor sechs – für heute reicht es. Er zog sich noch eine Kopie der SAM auf sein Notebook und klemmte sich das Teil unter den Arm. An der Tür traf er auf Stěpánek.
„Ah – ich wollte schon fragen, wie lange Sie heute noch arbeiten. Soll ich Sie zum Hotel begleiten?“
„Das wäre nett. Hier können wir dicht machen.“
Falk stieg in seinen BMW und wartete, bis Stěpánek alle Türen verschlossen hatte. Dann folgte er dem Skoda.
Nach einer kurzen Fahrt erreichten sie das Hotel Alta. Nach den Check-In-Formalitäten fuhr Falk den BMW in die Garage. Sie verabredeten sich für den nächsten Morgen um 9:00 Uhr.
„Waren Sie schon einmal in Prag?“, fragte Stěpánek.
„Nein, daher werde ich mir jetzt gleich auch mal die Stadt ein wenig ansehen. Soll ja sehr schön sein.“
„In jedem Fall. Dann viel Spaß und bis morgen.“
Falk nahm den Zimmerschlüssel in die Hand und machte sich auf den Weg zum Aufzug. Wieder so ein neumodischer Schnickschnack: Schlüssel im Scheckkartenformat. Das Zimmer war modern eingerichtet. Minibar, Fernseher, ein kleiner Sekretär – der übliche Standard in einem guten Hotel. Falk ließ das Notebook hochlaufen, während er seine Sachen in Schrank und Bad verstaute und kurz unter die Dusche sprang, um sich zu erfrischen.
Als er sich umgezogen hatte, startete er auch auf dem Notebook die Brute-Force-Attacke auf die Passwort Datei. Er zog die Türe hinter sich zu und fuhr mit dem BMW aus der Garage. Einmal Zentrum bitte. Auch wenn Carin nicht jede kleine Gasse in Prag kannte, anhand der Kartendarstellung und dem Flussverlauf konnte man sich gut orientieren. Falk parkte den BMW am Bahnhof auf einem bewachten Parkplatz und verschaffte sich anhand einer kleinen Touristenkarte, die er sich aus dem Hotel mitgenommen hatte, einen Überblick und setzte sich in Richtung Altstadt in Bewegung.
Es war angenehm warm und gerade die junge Damenwelt war sommerlich knapp angezogen. Na, das sind doch schon mal sympathische Aussichten.
Falk schlenderte eine Prachtstraße entlang, die von dem monumentalen Gebäude des Nationalmuseums am oberen Ende hinunter in die mit engeren Gassen durchzogene Altstadt führte. Er nahm einen Gesprächsfetzen auf, als ein Fremdenführer den Touristen erklärte, dass die Truppen des damaligen Warschauer Paktes bei der Erstürmung Prags und der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 das Gebäude für den Regierungssitz gehalten und es mit Panzern unter Beschuss genommen hatten. Die Einschüsse sind heute noch an den Säulen erkennbar.
Im unteren Bereich der Allee schloss sich die Altstadt St. Město an. Hier reihte sich ein Restaurant beziehungsweise Club an den anderen, meist unterbrochen von einer Filiale internationaler Modehäuser oder Banken. Die engeren Gässchen warteten mit den typisch touristisch orientierten Souvenirshops, aber auch mit dem einen oder anderen hochwertigeren Spezialgeschäft auf. Alle Geschäfte waren geöffnet und Falk schwamm im Strom der Menschenmassen in Richtung Marktplatz. Er spazierte über den Platz und ließ seinen Blick über die Vielzahl der historischen und sehr gut erhaltenen Gebäude schweifen. Der erste Eindruck erinnerte ihn an eine Mischung aus Wien und Florenz.
„Schön“, dachte er und schritt den Wegweiser entlang in das Prager Judenviertel. Langsam kam ihm die eine oder andere Geschichte aus der Schulzeit wieder in den Sinn. Stimmt – da war doch etwas mit dem Prager Ghetto. Jetzt stand er dort, wo sich das Ghetto einst befunden hatte. Geblieben waren vor allem der jüdische Friedhof und die Altneuschul, die Synagoge aus dem 13. Jahrhundert, als Zeugen dieser architektonischen und geschichtlichen Besonderheit.
Falk wanderte weiter die Straße entlang und gelangte schließlich an den Fluss. Verdammt, wie heißt der nur? Falk blickte umher und sein Blick blieb an einem Straßenschild haften. Smetana. Die Moldau. Gut, dass du damals in Musik aufgepasst hast, während du in Erdkunde offenbar gefehlt hast. Falk summte leise das Thema der weltberühmten Sinfonie. Spontan fielen ihm die Stationen Quelle, Jagd und Stromschnellen ein. Stimmt – und dann kommt irgendwann auch die Station „Königsstadt Prag“.
Zufrieden, auch diese Frage gelöst zu haben, bummelte er flussaufwärts zur berühmten Karlsbrücke, auf der sich allerlei Gaukler und fliegende Händler niedergelassen hatten. Unterhalb der Brücke erspähte er ein Restaurant mit Biergarten und so ließ er den Tag, der langsam der Dämmerung wich, bei dem hier offenbar typischen Gulasch und einem frischen Pils langsam ausklingen. Die Lichter der Stadt tauchten die historischen Gebäude und die Burg hoch oben auf dem Hradschin in ein malerisches Licht.
Als Falk wieder im Hotelzimmer angekommen war, wartete dort eine Überraschung auf ihn.
Es interessierte Hoffmann natürlich brennend, ob sein Notebook bei der Passwortsuche fündig geworden war. Und tatsächlich – hinter dem Benutzernamen Administrator waren einige der Platzhalter durch Buchstaben ausgewechselt worden:
*reambox******
Ich würde wetten, dass der erste Buchstabe ein „d“ ist. Falk tippte das „d“ anstelle des ersten Sternchens ein und ließ das Passwort prüfen. Bingo. Das Programm bestätigte das erste Zeichen als korrekt. Aber das Passwort war noch nicht vollständig entschlüsselt. Das Programm hatte den Durchlauf beendet. Ein Blick in die Hilfefunktion des Tools erklärte die Ursache. Die kostenfreie Version war im Funktionsumfang auf Buchstaben beschränkt. Nur die Vollversion für 39 US$ prüfte den gesamten Zeichenvorrat inklusive Zahlen und Sonderzeichen. Gut angelegtes Geld. Falk wählte sich über seine GPRS-Funkkarte ins Internet ein und wechselte auf die Homepage des Herstellers. Da der Anbieter eine sichere Zahlungsmethode über SSL bei der Verwendung von Kreditkarten-Informationen versprach, griff er zu seiner Mastercard und löste die Zahlung online aus. Kurze Zeit später fand sich im Posteingang seines EMail-Programms die Zahlungsbestätigung inklusive Freischaltcode für die Software.
Falk tippte den Code in die Maske des Programms ein und sofort waren auch die Ziffern und Sonderzeichen für die Passwortsuche verfügbar. Er wählte den kompletten Zeichenvorrat aus und startete die Brute-Force-Attacke erneut.
„Das kann dauern“, sagte er zu sich selbst und machte sich bettfertig. Er meldete sich kurz bei seiner Frau und erzählte die Highlights des Tages.
Als er das Licht ausgemacht hatte, rief er sich noch einmal die technischen Hintergründe der Passwort-Attacke in den Kopf. Das LANMANPasswort bestand aus maximal 14 Zeichen aus zwei Gruppen zu je 7 Zeichen. Diese wurden mit dem sogenannten Hash-Wert des Systems verschlüsselt. Dabei handelte es sich um einen Falltüralgorithmus, der sich leicht in die eine, nämlich der Verschlüsselungsrichtung, rechnen, aber praktisch unmöglich in die andere, der Entschlüsselungsrichtung, anwenden lässt. Er musste wieder an einen Vortrag denken, den er vor einiger Zeit zu diesem Thema gehalten und bei dem er einen sehr plastischen Vergleich gezogen hatte. Vergleichen Sie den Verschlüsselungsvorgang mit einem Fleischwolf, durch den Sie ein komplettes Schwein jagen. Dann kommt unten Hackfleisch heraus.
Wenn Sie nun aber das Hackfleisch als Parallele zu dem verschlüsselten Text wieder unten in den Fleischwolf stopfen, kommt oben kein komplettes und vor allem kein funktionsfähiges Schwein mehr zum Vorschein. Neben den Lachern, die er dafür geerntet hatte, war er sich sicher, dass er damit bei den meisten Zuhörern ein bleibendes Bild für diese Art der Verschlüsselung geliefert hatte. Das Programm, welches nun munter vor sich hinarbeitete, ging daher auch anders vor. Es probierte einfach sämtliche Zeichen des Zeichenvorrates aus und verschlüsselte sie genauso mit dem Hash-Wert des Systems, wie es auch die Betriebssystem-Funktion mit gespeicherten Passwörtern machen würde. Dann verglich es den erzeugten Hash-Wert mit dem des gespeicherten Passwortes. Stimmten beide Werte überein, war ein weiteres Zeichen des Passwortes gefunden. Das machte das Programm so lange, bis es alle Stellen des Passwortes durchprobiert hatte. Das konnte je nach Art des Passwortes schneller oder langsamer ablaufen. Hatte ein Benutzer ein sehr kurzes Passwort gewählt, wurden vom Betriebssystem die fehlenden Stellen einfach mit Leerzeichen aufgefüllt. Die waren natürlich leicht zu finden. Hatte das Programm ein Leerzeichen entschlüsselt, dann fielen auf diese Weise direkt mehrere Stellen der Attacke zum Opfer. Einen Schönheitsfehler hatte die LANMAN-Verschlüsselung jedoch. Sie unterschied nicht zwischen Groß- und Kleinschreibung und verschlüsselte beide Buchstaben gleich. Man wusste also nachher nicht, ob man die erratenen Zeichen nun in Groß- oder Kleinbuchstaben eintippen musste. Aber da vertraute er auf die Faulheit der meisten Administratoren und Anwender. Brute Force – mit brutaler Gewalt. Dramatischer Begriff, aber irgendwie trifft er den Nagel auf den Kopf. Langsam übermannte ihn die Müdigkeit und er versank in einen tiefen Schlaf mit Träumen aus Zahlen, Burgen, Computern und Flüssen.
Am nächsten Morgen galt sein erster Blick dem Notebook. So richtig weit war das Programm noch nicht gekommen.
Bisher hatte es erst
*******x007___
entschlüsselt. Falk grinste. Da muss ich wohl etwas nachhelfen. Computer sind zwar fleißig, aber auch blöd.
Okay – fairerweise musste man besser sagen: Sie waren nur so schlau, wie der Mensch vor dem Bildschirm. Wie sagte er immer so schön: Die Intelligenz sitzt vor der Mattscheibe.
Der ausgewählte Zeichenvorrat für die Passwortsuche war offenbar so groß gewählt, dass der Computer noch einen oder zwei Tage und Nächte gerechnet hätte. Tja, dumm gelaufen. Du hast von der falschen Seite her angefangen.
Zum Glück hatte der vorherige Durchlauf ja schon einen Großteil des Passwortes ermittelt.
Ich wette mein Frühstück darauf, dass *reambox****** und *******x007___ dreambox007 ergibt.
Falk tippte das komplette Wort ein. Der Computer quittierte die Eingabe mit „Password found“. Falk grinste zufrieden und ging pfeifend ins Bad. Nach dem ausgiebigen Frühstück im Hotel-Restaurant zog es ihn alsbald zurück zur Firma Corsten.
Stěpánek schloss ihm das Büro auf: „Gut geschlafen?“
„Bestens. Und ich habe wahrscheinlich eine gute Nachricht.“
Auch der Server war zwischenzeitlich bis zum dreambox fündig geworden und hatte dann die Suche abgebrochen. Falk meldete sich als Administrator an und tippte dreambox007 ein. Eine tschechische Fehlermeldung erschien.
„Äh, da steht „Passwort nicht korrekt …“, sagte Stěpánek, der ihm über die Schulter geschaut hatte.
Falk hatte die Übersetzung nicht abgewartet und tippte nun Dreambox007 ein. Die Bildschirmanzeige wechselte und der übliche Desktop eines Servers erschien – jetzt mit allen Programmen, die ein Administrator so braucht.
Stěpánek und Hoffmann strahlten um die Wette. „So, jetzt haben wir wieder die Kontrolle über die Maschine. Als Erstes werde ich jetzt das Kennwort ändern und mich dann um den Zugang von Ihrem Ex-Administrator kümmern. Wie heißt der noch gleich?“, fragte Falk.
„Sezam“, antwortete Stěpánek.
Just in diesem Moment ging die Bürotür auf und eine hünenhafte Gestalt mit einer geschulterten Notebooktasche trat in den Raum. Stěpánek’s Blick verfinsterte sich und er fuhr den Besucher auf Tschechisch an. Es entwickelte sich ein heftiger Wortwechsel, dem Falk nicht ansatzweise folgen konnte. Als die Lautstärke des Gesprächs weiter anschwoll, schob Stěpánek den Eindringling aus dem Büro und komplimentierte ihn lautstark aus dem Gebäude heraus.
Falk hatte sich derweil an die Arbeit gemacht und durchforstete nun systematisch das System nach Programmen, die dort nichts zu suchen hatten und nach bekannten Hintertüren.
Stěpánek kam zurück ins Büro.
„Wer war denn das?“, fragte Falk.
„Das -“, sagte Stěpánek, „war Sezam.“
„Und was wollte er hier?“
„Das war ziemlich dreist. Er hat gesagt, er hätte ja immer noch einen Auftrag zur Systempflege, käme jetzt aber schon seit mehreren Tagen nicht mehr von außen an den Server. Und dann hat er gefragt, was wir beziehungsweise Sie hier machen würden. Sie sollten verschwinden.“
