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In München steht ein Pfandleihhaus … und dort, nahe dem Hauptbahnhof, kommen höchst unterschiedliche Menschen vorbei, wenn sie schnell und unkompliziert Geld brauchen: der verarmte Adel, der inkognito bleiben will. Der 18-Jährige mit dem noch originalverpackten Handy, der auf Big Business macht. Der durstige Wiesn-Besucher, der einen geklauten Maßkrug anbietet. Leihhaus-Chef Thomas Käfer – vielen auch als Superhändler der gleichnamigen RTL-Sendung bekannt – bekommt an seinem Pfandleih-Schalter hautnah mit, was heute noch als wertvoll erachtet wird, wie es um unsere Gesellschaft steht und welchen Preis wir dafür bezahlen.
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Seitenzahl: 243
Veröffentlichungsjahr: 2020
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Originalausgabe
1. Auflage 2021
© 2021 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
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Redaktion: Susann Harring
Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer
Umschlagabbildung: Nils Schwarz
E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, Torgau
ISBN Print 978-3-7423-1502-1
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-1169-3
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-1170-9
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
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Kapitel I: Geld her!
Kapitel II: Ein Käfer sucht das Glück
Kapitel III: Von VHS zu iPhone 12
Kapitel IV: Zwischen Rolex und Gammelfleisch
Kapitel V: Völlig losgelöst
Kapitel VI: Der Käferkrieg
Kapitel VII: Warum Reiche reich bleiben
Kapitel VIII: Warum Arme arm bleiben
Kapitel IX: Betrug!
Kapitel X: Fälschung!
Kapitel XI: Zahltag
Kapitel XII: Super, Händler!
Kapitel XIII: Die Corona-Kluft
Kapitel XIV: Ein krisensicherer Beruf
Aus den Augenwinkeln sah ich etwas großes Weißes, das sich durch die Eingangstür zwängte, dann klappte mir die Kinnlade herunter. War das ein Missverständnis? Die Gruppe musste sich doch verlaufen haben! Vielleicht suchten sie ja einen Juwelier.
Aber sie wollten tatsächlich zu uns – ins Pfandleihhaus. Sie blieben vor dem Schalter stehen und blickten meine Mitarbeiterin und mich nervös und erwartungsvoll an: eine Frau mit einem sensationellen Brautkleid und ein Mann im feinen Anzug. Eine kleine Delegation begleitete sie, zur Sicherheit vermutlich. Schließlich trug die Braut nicht nur eine dicke Perlenkette am Hals. In der kleinen Tüte in ihrer Hand klimperte es leise. Das klang verdächtig nach Schmuck. Sie hatte sicher alle Blicke auf sich gezogen unten am Bahnhofsplatz, hatte mit Schleppe und Saum den Bürgersteig der belebten Bayerstraße gefegt, das wunderbare Kleid war bis auf Knöchelhöhe schmutzig. Auch das sprach eindeutig für einen Notfall. »Wie kann ich Ihnen denn helfen?«, fragte meine Mitarbeiterin, etwas neugieriger als sonst. »Wir brauchen dringend Geld«, antwortete die Braut, die leicht angesäuert schien.
Es war ein Samstagmittag im Frühjahr 2019. Zum Glück herrschte gerade wenig Betrieb, so konnten wir uns auf unsere besonderen Gäste konzentrieren. Das Paar war schon getraut, jetzt stand die Feier an. Doch irgendwas hatte die Planung offensichtlich durcheinandergebracht. Der Verdacht bestätigte sich, als der Bräutigam verärgert sagte: »Der Wirt will vorher bezahlt werden.« Und das wohl auch noch in bar. Also hatten sie die ersten Geschenke in eine Tüte gepackt und präsentierten sie uns nun: Armbänder, Ketten und ein paar Ringe, alles in 14 Karat Gold, teilweise noch hochwertiger. Meine Mitarbeiterin legte alles nacheinander auf die Waage und fragte, wie viel das frischgebackene Hochzeitspaar beleihen wolle. Bei knapp 4000 Euro hatten sie genug, den Rest packten sie wieder ein. Das schien eine große Feier zu werden. Sie dürfte dann auch reibungslos über die Bühne gegangen sein, denn ein paar Wochen später wurden die Schmuckstücke wieder abgeholt. In Zivil hätte meine Mitarbeiterin das Pärchen fast nicht wiedererkannt.
Ein Brautpaar – das war natürlich auch für uns, mit über 20 Jahren Berufserfahrung, ein außergewöhnlicher Leihfall.
Aber irgendwie auch ein typischer: Wenn jemand ganz schnell Bargeld braucht, geht er am besten in eines der rund 250 Pfandhäuser des Landes. Für viele sind wir die letzte Hoffnung, weil das Geld bis zum nächsten Gehalt einfach nicht reicht. Deswegen ist bei uns am Monatsende auch besonders viel los. Dann steht eine Mischung aus verzweifelten Spontankunden und denen, die fast jeden Monat kommen, in der Tür. Ein typisches Beispiel: Ein Mann, wohl zwischen 40 und 50 Jahre alt, legt sein Handy in den Schubladenschacht. »Ich will das hier gerne wieder abgeben.« Ihm ist anzusehen, dass er das mitnichten gerne tut. Aber er braucht eben die 120 Euro. Typisch an ihm ist in gewisser Weise auch: Ein bisschen Luxus und darunter ein bisschen Not – er trägt einen schicken Mantel, darunter aber eine alte Jogginghose und Sneaker. Und jetzt geht es einfach darum, diese Woche noch einmal den Kühlschrank aufzufüllen, ohne Freunde oder Verwandte anhauen zu müssen.
Denn die fragen gleich immer nach: Was ist los, muss ich mir Sorgen machen? Im Pfandhaus muss man keine Fragen beantworten. Und wenn man den abgegebenen Gegenstand nicht mehr zurückholt, tut das vielleicht weh, aber danach hat man zumindest keine Schulden mehr. Außerdem haben wir abends nicht nur länger geöffnet als Banken, wir zahlen auch viel unkomplizierter aus, mit einem Minimum an Bürokratie. Das Einzige, was man vorlegen muss, ist ein gültiger Ausweis. Ohne eine einzige Unterschrift bekommt man den Pfandschein. Der wiederum ist das Einzige, was man beim Abholen mitbringen muss. Auf der Bank müssen Sie für ein Darlehen erst mal einen Termin machen. Mit eBay kann es Tage dauern, bis Sie nach einer Onlineauktion das Geld auf dem Konto haben. Bei uns ist die Sache in zwei, drei Minuten erledigt.
Jeder kann in so einen Engpass geraten. Weil es eine große Anschaffung braucht, aber das nächste Gehalt erst in einer Woche eintrifft. Weil dem Unternehmer für den neuen Kleinlaster noch 1000 Euro fehlen. Weil der Freiberufler keine Ahnung hat, wann die nächste Gage eintrifft. Ab und zu kommen auch Schauspieler, selten, aber regelmäßig. Manche Promis stecken öfter in Geldnot, als man annehmen würde, das liegt einfach an der unregelmäßigen Bezahlung. Für solche Kunden haben wir einen fünften Schalter, in einem abgetrennten Raum. Wobei dieser natürlich auch allen anderen Kunden zur Verfügung steht, wenn sie das möchten. Vor allem Erstkunden sind manchmal ein bisschen nervös, und viele sind es nicht gewohnt, plötzlich mehrere Hunderter auf einmal in den Händen zu halten. Nicht wenige werden schon bei viel kleineren Beträgen nervös und fürchten, Aufsehen zu erregen. Das Bedürfnis nach Privatsphäre liegt bei jedem Menschen bei einem anderen Betrag.
Mein Nachname wird vor allem in München meist mit anderen Dingen verbunden: mit Delikatessen, mit Partys, mit Schickeria. Mein Cousin bedient mit Feinkost Käfer die oberen Zehntausend, ich bediene die unteren Hunderttausend, sage ich gerne. Wobei das gar nicht ausschließt, dass auch mal ein verarmter Adeliger zu uns kommt. Wer weiß, vielleicht ja deshalb, weil er auch bei meinem Cousin zu viel ausgegeben hat. So oder so, zu uns kommen Menschen, die noch etwas besitzen, nur eben gerade kein Bargeld. Zu uns kommen Leute, die ein Einkommen haben, aber nicht damit auskommen. Und so passt der Kundenstamm eigentlich in keine soziale Schublade.
Jahrelang gehörte zum Beispiel ein steinreiches Pärchen aus dem Nobelviertel Grünwald zu unseren Stammkunden. Warum sie zum Monatsende immer sündhaft teuren Schmuck versetzten, war mir lange Zeit nicht klar. Bis man mir auf einer Party in der gehobenen Gesellschaft den Hintergrund erklärte: Das Paar hatte ein Vermögen geerbt, bekam es aber nur in kleinen Scheiben ausgezahlt, 50 000 Euro zum Monatsanfang. Damit kamen sie aber nicht über die Runden. Sie seien regelmäßig betrunken, bekam ich zu hören, und im Suff bestellten sie online immer wieder Antiquitäten oder weiteren Schmuck. Niemand soll glauben, Geld löse alle Probleme – manchmal verschärft es sie sogar.
Das Durchschnittspfand wird meist schnell wieder abgeholt, meistens muss der Kunde nur aufs nächste Gehalt warten. Am Monatsanfang ist deshalb fast genauso viel los wie am Monatsende. Bei den Kunden mit richtig wertvollen Gegenständen ist das allerdings oft anders. Wenn ein gut gekleideter, aber verzweifelt aussehender Mann mittleren Alters ins Pfandhaus kommt und einen Gegenstand mitbringt, der mehr als 10 000 Euro wert ist; wenn er vielleicht sogar mehrere solcher Gegenstände mitbringt, weil er dringend 50 000 oder 100 000 Euro braucht – dann kann man davon ausgehen, dass diese Gegenstände nicht mehr abgeholt werden. Dabei handelt es sich nämlich in aller Regel um Menschen, die gerade sehr tief fallen. Und wer richtig tief fällt, kommt entweder nur sehr langsam wieder hoch oder gar nicht mehr. Für uns ist es dann natürlich doppelt und dreifach wichtig, nachzuprüfen, wie viel die Schmuckstücke wert sind und vor allem dass sie echt sind. Kurz gesagt: Reiche sieht man selten. Und wenn man sie sieht, nicht besonders oft.
Manche kommen einmal im Monat, andere wiederum genau einmal im Jahr. Oktoberfest-Bedienungen zum Beispiel. Vor der Wiesn brauchen sie Geld, weil sie sich ihre Arbeitskleidung selbst besorgen müssen. Nachdem sie 16 Tage lang Maßkrüge getragen haben, sind sie stets ausreichend liquide, um ihr Pfand problemlos auszulösen. Es gibt aber auch Menschen, die in völlig unregelmäßigen Abständen zu uns kommen. Eine chinesische Frau etwa immer dann, wenn sie mal wieder Geld für ihre heiß geliebten Pferdewetten brauchte. Auch bei Kunden, die das Pfand am Vormittag abgeben und noch am selben Tag wieder abholen, ist der Fall klar. Sie halten sich in der Zwischenzeit meist in unserer unmittelbaren Nachbarschaft auf: in den Spielotheken rund um den Hauptbahnhof nämlich. Sie kommen natürlich nur dann zurück, wenn sie etwas gewonnen haben.
Wir garantieren Anonymität, vielleicht schütten manche Menschen gerade deshalb uns ihr Herz aus. So wie der Bluffer, dem das Leben hinter der Fassade irgendwann einfach zu viel wurde. Ständig hatte er seine teuren Uhren zu uns gebracht. Er meinte, dass er keine andere Wahl habe: Er hatte komplett über seine Verhältnisse gelebt, klar, das hatte er eingesehen. Aber um halbwegs wieder aus den Schulden herauszukommen, musste er den Schein wahren: Golfspielen oder Champagnerabende wollte er nicht absagen, um die Kontakte zu den wichtigsten Kunden nicht abreißen zu lassen. Irgendwann versuchte er mich um Geld anzupumpen, ohne eine Uhr mitgebracht zu haben. Danach habe ich ihn nie wiedergesehen. Es sind solche Geschichten, die einen erahnen lassen, in welcher Notlage Menschen oft stecken, wenn sie zu uns kommen.
Einmal kam ich auch hinter die Geschichte eines vermeintlich so kleinen 40-Euro-Notfalls. Hinter der angeblichen Mahnung zum Begleichen der Stromrechnung steckte in Wahrheit ein junger Mann, der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war, bei einem Bekannten wohnte und den Auftrag hatte, den Kühlschrank aufzufüllen. Er sei zu Unrecht wegen Anstiftung zum Raub verurteilt worden, sagte er. Jetzt wolle er Jura studieren, um seine Unschuld zu beweisen. Beim zweiten Teil der Geschichte war ich mir schon nicht mehr so sicher, ob sie stimmte.
Viele kommen tatsächlich unverschuldet. Zu ihnen gehören kranke Menschen, denen das Geld für die teuren Medikamente, die sie regelmäßig brauchen, ausgeht. Oder besorgte Eltern, wenn der Zögling Mist gebaut hat und nun horrende Anwaltskosten drohen. Alles, was das Leben eben so hergibt. Immer wiederkehrende Notfälle, aber auch Fälle, die unsere gierige Gesellschaft entlarven. Man könnte es einen Luxusnotstand nennen, wenn Menschen alte Gegenstände versetzen, weil sie unbedingt das neue iPhone oder die neue Rolex brauchen. Früher traf da der Kontostand die Entscheidung, aber das ist schon lange nicht mehr so. Die Welt scheint sich immer schneller zu drehen. Früher gab es nur Menschen mit einem finanziellen Engpass, jetzt gibt es auch solche mit einem Konsumengpass. Sie scheinen einfach keine Geduld mehr zu haben, sie wollen alles, und zwar sofort. Auf die Idee, einfach auf das nächste Gehalt zu warten, bis man wieder Geld ausgibt, kommen sie gar nicht. Für ein Pfandhaus mit dem Geschäftsmodell »Schnelles Geld« ist das natürlich gut.
Wir sind für sie alle da. Und das, wie ich finde, zu sehr guten Konditionen: Pro Monat fällt ein Prozent Zinsen an, dazu kommen ungefähr 2,5 Prozent Bearbeitungsgebühren – das berechnet sich je nach Höhe des Leihwerts. Wer zum Beispiel eine Uhr für 200 Euro beleiht, bekommt sie innerhalb der ersten vier Wochen für 206,50 Euro zurück.
Wenn es Menschen eilig haben, die gerade heiraten, dann gilt das selbstverständlich auch für Menschen, die sich scheiden lassen. Einmal stürmte eine Endvierzigerin in das Geschäft, sie trug ein schwarzes Kostüm. Viele Scheidungen werden ganz in der Nähe meines Pfandhauses abgewickelt, im Justizpalast am Stachus. Offensichtlich kam die Dame gerade von einem Termin dort, denn sie zog ihren Ehering vom Finger und sagte, dass sie ihn »so-fort« verkaufen möchte – wir kaufen im Leihhaus durchaus auch Dinge an. »Dafür kann ich Ihnen leider nicht viel geben, das ist ein recht dünner Ring«, sagte ich. In so einem Fall handelt es sich eigentlich nur um Schmelzware, den Ring kauft niemand mehr.
Bei Scheidungen sind es normalerweise die Männer, die wütend reagieren. Frauen sind eher in sich gekehrt und beginnen, von einem »Neuanfang« und ähnlich weitreichenden Dingen zu sprechen. Nicht in diesem Fall. Die Frau plusterte die Backen auf, dann platzte es aus ihr heraus: »Ich will den doch nur loswerden! Der erinnert mich an die schrecklichste Zeit meines Lebens! Wissen Sie was: Machen Sie damit, was Sie wollen. Ich schenke Ihnen den Ring!« Ich versuchte sie noch aufzuhalten: »Na ja, ein bisschen was ist er ja schon wert, 50 Euro kann ich Ihnen …« Aber da war sie schon rausgerannt. Den Ring hatte sie mir förmlich hingeworfen.
Besonders spontane Kunden spült uns bisweilen auch das Oktoberfest an – in der Bayerstraße sind wir nur wenige Hundert Meter von der Wiesn entfernt. Ein semmelblonder Gast mit blutunterlaufenen Augen hatte eigentlich schon genug, aber immer noch Durst. Er wollte so schnell wie möglich zurück ins Zelt, aber er brauchte noch Geld für die nächste Maß. So schnell konnte ich gar nicht reagieren, da stand der junge Mann schon in Unterhose vor mir. Denn das Wertvollste, was er zu bieten hatte, war seine Krachlederne. Zugegeben ein gutes Stück aus Hirschleder, für den Gegenwert würde er sicherlich 20 oder 30 Maß bekommen, selbst auf der teuren Wiesn. Aber sie würden ihn so eben auch nicht mehr ins Zelt lassen. Das sah er dann auch ein.
Meistens geht es aber nicht so aufregend bei uns zu. Wobei, ein Schmucklaie würde wahrscheinlich schon große Augen machen, was bei uns so alles jeden Tag über die vier Schalter wandert. Das reicht vom Paar Trauringe mit 8-karätigem Gold für 55 Euro über ein 585er Armband für 275 Euro bis zur Halskette für 1000 Euro. Kürzlich hatten wir auch einmal einen Brillanten im Tresor, der locker 100 000 Euro wert sein dürfte, beliehen war er allerdings mit 35 000 Euro. Mehr als 600 000 Pfänder haben wir seit der Eröffnung 1999 angenommen, von über 60 000 verschiedenen Kunden. Die Zahlen zeigen, dass wir viele Stammkunden haben, die eher selten mit kuriosen Überraschungen aufwarten, sondern meistens eher mit den immer gleichen Schmuckstücken. Wir haben sogar Kunden, die ihre Wertgegenstände elf Monate bei uns lagern und nur für einen Monat im Jahr auslösen. Ein älterer Mann holte über viele Jahre seinen durchaus wertvollen Gamsbart immer am Freitag vor dem Wiesnstart ab, und eine ältere Frau bewahrte ihre Weihnachtskrippe bei uns auf. Außer dem Jesuskind, denn das, sagte sie mit fester Stimme, »gehört doch nicht in ein Pfandhaus!«
Die meisten Schmucksachen passen in kleine braune Papiertüten, die wir durchnummerieren. Tausende Brillantringe, Goldketten, Broschen, Ohrringe, Manschettenknöpfe, Armband- und Taschenuhren fristen in den Tresoren ein oft ruhiges Dasein über mehrere Wochen hinweg. Jeder Tresor wiegt zwei Tonnen, der Inhalt dürfte zusammen genommen nicht sehr viel weniger wiegen. Damit wir das im dritten Stock lagern können, haben wir beim Umzug 2012 zu den bestehenden Stahlträgern für 50 000 Euro zusätzliche Querverstrebungen in die Decken ziehen lassen, um die Traglast zu erhöhen. Um in die Räume hinter dem Geschäftsraum zu gelangen, muss man durch mehrere Sicherheitstüren gehen, die nur mit sehr schwerem Werkzeug zu knacken wären. Darüber hinaus ist natürlich die gesamte Räumlichkeit mit Alarmanlagen und Überwachungskameras gesichert. Alles hier ist mit den besten Sicherheitsanlagen ausgestattet, die käuflich erwerbbar sind. Damit dürfte unser Leihhaus sogar besser gesichert sein als so manch kleine Bank. Ein ganz erheblicher Teil der Pfandgebühren erklärt sich übrigens aus den immensen Sicherheitskosten, die jeden Monat anfallen.
Wir haben auch schusssicheres Glas an den Schaltern eingebaut. Zu größeren Gewalttaten kam es in unserem Pfandhaus zum Glück noch nicht. Was aber freilich immer wieder mal vorkommt, das ist ein kräftiger Fußtritt gegen das Inventar oder eine deftige Beleidigung. Meistens kippt die Stimmung bei Leuten, denen die Oma, der Papa oder irgendein Schlaumeierfreund erzählt hat, das Armband sei 5000 Euro wert, und dann sind es doch nur 500. Da kann man dann noch so lange erklären, dass wir uns am reinen Materialwert orientieren, die Enttäuschung bekommt man aus ihnen nicht mehr heraus. Der Mensch behält eben immer die Höchstpreise im Kopf, er geht viel zu oft vom best case aus. Logisch, dass wir es oft mit Leuten zu tun bekommen, die in ihren Finanzplanungen nicht vom worst case her gedacht haben. Da ist es wichtig, sich nicht erweichen zu lassen, wenn jemand, »es ist wirklich dringend«, mit dem Angebot nicht zufrieden ist. Mitleid ist kein guter Pfandgeber. »Das Gold ist aber nicht echt, für diese Kette kann ich Ihnen leider nicht viel bieten« ist ein typischer Satz.
Echtheit und Reinheit sind schnell festgestellt, vor allem bei Gold. Im Normalfall braucht man dafür nur eine Waage und einen Tropfen Salpetersäure. Auskennen muss man sich aber mittlerweile natürlich auch mit den gängigen Smartphone-Marken, vielen anderen elektronischen Geräten oder auch mit teuren Uhren. Mag schon sein, dass eine bestimmte Rolex einen Marktwert von 10 000 Euro hat. Wenn der Mitarbeiter aber nicht erkennen kann, dass schon einmal Wasser in diese Uhr eingedrungen ist, dann gibt er Pfandkredit weit über Marktwert aus – und glauben Sie mir, viele Menschen spekulieren darauf. Uns sind schon die perfidesten Betrüger untergekommen. Die meisten haben wir erwischt – aber sicher nicht alle.
In einem Pfandhaus kann man sehr viel Lebenserfahrung sammeln. Ich habe aber auch außerhalb der Bayerstraße 27 wichtige Erfahrungen gemacht. Natürlich auch im Familienbetrieb. Alles begann damit, dass mein Großvater im Jahr 1930 in Schwabing einen Kolonialwarenladen eröffnete. In der Wirtschaftswunderzeit brachte Käfer die Delikatessen der ganzen Welt ins verschlafene München. 1971 wurden wir in die Münchner Variante eines Adelsstandes erhoben: Käfer durfte auf dem Oktoberfest ausschenken. Mein Vater Helmut und mein Onkel Gerd übernahmen außerdem die Bewirtung im Prinzregententheater und schufen ein weiteres wichtiges Standbein: den Partyservice. Mein Cousin Michael bekam von seinem Vater 1984 die Disco »P1« geschenkt, zusammen mit einem Startkapital von 50 000 Mark. Michael hatte Mick Jagger zu Gast, Tina Turner auf dem Schoß und hat viele wilde Nächte organisiert und erlebt. Das P1 war die Wiege der Schickeria und die nächtliche Heimat der Reichen, Schönen und ganz schön Durchgeknallten. Doch der Workaholic vernachlässigte dabei nie den Betrieb, das Leib-und-Magen-Geschäft. Man darf das, was er geschaffen hat, ein Imperium nennen, mit einem Catering-Service für den Bundestag oder während der Fußball-WM 2006, mit einem Edelrestaurant in Shanghai und zahllosen Ehrungen.
Manchmal ruft im Pfandhaus jemand an und sagt: »Ich würde gerne einen Tisch für vier Personen bestellen.« Da hat man ihm bei der Auskunft wohl die falsche Nummer genannt. Mein Cousin und ich wohnen zwar noch im selben Stadtteil. Doch außer dem Nachnamen teilen wir nicht mehr sehr viel miteinander. Weil ich meinen eigenen Weg gehen wollte, bin ich zum schwarzen Käfer-Schaf mutiert. Anders kann es in seinen Augen auch gar nicht sein, denn zum einen habe ich nie die »Ich habe diese Woche 80 Stunden gearbeitet und du nicht«-Attitüde angenommen. Zum anderen führe ich einen Betrieb für Kunden, die nichts mit seiner heilen Feinkostwelt zu tun haben. Der Hauptbahnhof ist ganz sicher nicht seine Welt.
In meinen Jugendjahren habe ich viel im Betrieb gejobbt, mir meine ersten D-Mark verdient und viel gelernt. Etwa, was es heißt, hart zu arbeiten. Für diese Erfahrungen bin ich überaus dankbar. Sie verleihen mir Tatendrang und lassen mich vieles, was ich erreicht habe, wertschätzen. Ich denke, ich darf mich einen glücklichen Menschen nennen. Das liegt aber auch daran, dass ich den goldenen Käfig verlassen habe. Meinen eigenen Weg zu gehen war nur möglich, indem ich auf ein großes Vermögen verzichtete. Zwischenzeitlich war ich sogar hoch verschuldet. Alles hat eben seinen Preis.
Mittlerweile habe ich Freunde und Bekannte in allen Gesellschaftsschichten. Ich bin oft wochenlang nicht im Büro, weil ich noch eine andere Bestimmung gefunden habe: Als Superhändler bei RTL lernt man noch einmal eine ganz andere Welt kennen. Ich finde es interessant, wie auch ich in Konkurrenz mit den anderen Händlern gelegentlich noch dieser Gier verfalle – und dann für eine silberne Dose in Form einer Ananas oder für eine Einmannsauna plötzlich mehr bezahle als geplant –, obwohl ich es womöglich noch nicht einmal haben will! Tief in unserem Inneren sind wir eben alle immer noch Jäger und Sammler.
Ich kenne arme und reiche Menschen und ihre jeweiligen Sorgen und Nöte, ich kann mich in beide Welten hineinversetzen. Meine Erfahrung: Geld macht nicht unbedingt glücklich, und Schulden machen nicht unbedingt unglücklich. Leider ist meine eigene Familie ein gutes Beispiel dafür, dass Geld überhaupt keine Probleme löst, sondern manchmal eher Gräben aufreißt.
Aber warum verschulden sich so viele Menschen für Statussymbole, mit denen sie so tun können, als gehörten sie dazu? Was für Geschichten erzählen die Gegenstände, die bei uns im Regal liegen? Es sind Geschichten über Liebe, Hass, Betrug, Dummheit, Gier und Hoffnung. Manche sind lustig, manche zum Kopfschütteln. Für dieses Buch leihe ich sie mir kurz von unseren Kunden aus.
