Preis der Rache - Elfriede Liebich - E-Book

Preis der Rache E-Book

Elfriede Liebich

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Beschreibung

Der Mord an ihrem Mann stellt Maries Leben von heute auf morgen auf den Kopf. Immer mehr Geheimnisse kommen ans Licht und bald muss sie sich fragen, wem sie überhaupt noch trauen kann. Unterstützt wird sie von ihrem Nachbarn Felix, der selbst gerade eine schwere Zeit durchmacht. Doch beide ahnen nicht, dass der Mord an Maries Mann nur der Anfang war und alles, was gerade passiert, mit einem Verbrechen zu tun hat, das vor über fünfzehn Jahren begangen wurde. Rache ist ein Urbedürfnis des Menschen, aber sie fordert immer einen Preis. Die Frage ist nur, wer ihn zahlen wird.

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Seitenzahl: 470

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über die Autorin

Elfriede Liebich wurde in Linz am Rhein geboren und ist mittlerweile stolze 85 Jahre alt. Sie heiratete jung und zog zwei Kinder groß, bevor sie in der Pflege in einem Altenheim arbeitete.

Sie schrieb für ihre Enkel Geschichten und es entwickelte sich ein wunderbares Hobby daraus. Jetzt als Rentnerin und dank der Ermutigung durch ihre Familie und ihre Lektorin, Andrea Benesch, traut sie sich, ein Buch zu veröffentlichen. Dem, wenn es nach ihrem Umfeld geht, noch viele weitere folgen werden.

Inhaltsverzeichnis

1 FREITAG, 05. AUGUST

2 SAMSTAG, 06. AUGUST

3 SONNTAG, 07. AUGUST

4 MONTAG, 08. AUGUST

5 DIENSTAG, 09. AUGUST

6 MITTWOCH, 10. AUGUST

7 DONNERSTAG, 11. AUGUST

8 FREITAG, 12. AUGUST

9 SAMSTAG, 13. AUGUST

10 MONTAG, 15. AUGUST

11 DIENSTAG, 16. AUGUST

12 MITTWOCH, 17. AUGUST

13 DONNERSTAG, 18. AUGUST

14 FREITAG, 19. AUGUST

15 SAMSTAG, 20. AUGUST

16 MONTAG, 22. AUGUST

17 DIENSTAG, 23. AUGUST

18 FREITAG, 26. AUGUST

19 SAMSTAG. 27. AUGUST

20 MONTAG, 29. AUGUST

21 DIENSTAG, 30. AUGUST

22 MITTWOCH, 31. AUGUST

23 DONNERSTAG, 01. SEPTEMBER

24 FREITAG, 02. SEPTEMBER

25 MONTAG, 05. SEPTEMBER

26 DIENSTAG, 06. SEPTEMBER

27 FREITAG, 09. SEPTEMBER

28 SAMSTAG, 10. SEPTEMBER

EPILOG

DANKSAGUNG

1 FREITAG, 05. AUGUST

Endlich war die Nachtschicht zu Ende, und nachdem Felix Stü-ber seine Maschine in einem ordentlichen Zustand verlassen hatte, musste er nur noch seinen Rucksack aus dem Aufenthaltsraum holen. Dort traf er auf seinen Freund und Kollegen Ben Kirschbaum, der bereits auf ihn gewartet hatte. Weil Bens Auto in der Werkstatt war, hatte Felix ihm angeboten, ihn mit seinem Wagen nach Hause zu bringen.

„Hallo Ben, wartest du schon lange?“

„Bloß ein paar Minuten.“

Während sich die beiden unterhielten, stürmten die Kollegen an ihnen vorbei auf den Ausgang zu. Sie hatten es eilig - kaum hatten sie die Maschinenbaufirma verlassen, waren sie auch schon in ihren Autos verschwunden und davongebraust. Nur das Auto von Felix stand noch auf dem riesigen Parkplatz.

„Wo sind die alle hin?“, fragte Felix seinen Freund, als beide aus dem Gebäude traten und Ben die Tür abschloss. Der Parkplatz lag verlassen da; nur eine einzige Straßenlaterne beleuchtete ihn und sorgte in der Dunkelheit zwar für ein wenig Licht, aber auch für eine ziemlich gruselige Atmosphäre.

„Seltsam“, antwortete Ben. „Wir waren doch direkt hinter ihnen.“

Die ersten Tropfen fielen. Ein leises Knacken und Rumpeln drang aus der Ferne an ihre Ohren. Es kam näher und wurde lauter. Ein kräftiger Windstoß riss Ben die Kappe vom Kopf. Er wollte ihr hinterher, sah aber schnell ein, dass es sinnlos war – sie war bereits in hohem Bogen davongeflogen.

„Glaubst du an Außerirdische?“, fragte Ben, während er hilflos seiner Kappe hinterher sah.

„Mir ist noch keiner über den Weg gelaufen. Aber wer weiß! Deine Kappe haben sie ja schon.“

Felix bekam einen Lachkrampf und er lachte noch immer, als er seinen Schlüssel ins Autoschloss steckte. Dann machte er Anstalten, sich zu Ben umzudrehen.

„Steig lieber ein, bevor sie dich …“ Felix stutzte.

Ben war weg. Einfach so. Hektisch sah sich Felix auf dem leeren Parkplatz um. Wie war das möglich? Jetzt war ihm nicht mehr nach Lachen zumute. Ben konnte sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben!

Ein weiterer Windstoß traf Felix, und trotz der warmen Morgenluft bekam er eine Gänsehaut. Der Parkplatz lag einsam in einem Industriegebiet; die nächste Halle war locker dreihundert Meter entfernt. Felix schluckte und blickte sich noch einmal um. Die große Fassade seiner Arbeitsstätte ragte im Schein des Blitzes, wie ein gefährliches Monster vor ihm auf und zwischen den hohen Bäumen, die seitlich standen, pfiff ein rauer Wind hindurch. Es rauschte und knackte. Die Zweige bewegten sich in unglaublicher Geschwindigkeit, auf und ab. Ein gutes Versteck für jemanden, der nichts Gutes im Sinn hatte, dachte er auf einmal. Gefährliche Verbrecher und Serienmörder gab es doch überall, oder? Es waren immer die Orte, wo wenig passierte und man sich sicher fühlte - die idyllischen Dörfer oder schnuckeligen Kleinstädte, die langweiligen, friedlichen Städte, die plötzlich wegen eines Gewaltverbrechens in den Nachrichten landeten. Zur falschen Zeit am falschen Ort und schon …

Was war mit ihm los? Er war eigentlich kein ängstlicher Typ … na gut, oder doch? Vielleicht sollte Felix wirklich nicht mehr so viele Thriller lesen - das tat ihm nicht gut. Diese Bücher fütterten seine Fantasie mit Misstrauen und Schreckensszenarien. Aber andererseits - es wäre doch wirklich dumm von ihm, in einer Situation wie dieser – er ganz allein auf dem Parkplatz, nachts, während eines heraufziehenden Gewitters, sein Kollege ganz plötzlich verschwunden – nicht misstrauisch zu sein, oder?

Es war durchaus möglich, dass sich jemand, der nicht hierhergehörte, in der Nähe aufhielt. Der Donner, der nun immer öfter knallte, hatte alle Geräusche übertönt, als sein Freund verschwand. Hätte Ben sich doch wenigstens auf irgendeine Art bemerkbar gemacht! Oh Gott! Vielleicht konnte er das nicht? Mit einem Messer am Hals … Er sah schon die Schlagzeile in allen großen Zeitungen:

BRUTALER MORD AUF EINSAMEM PARKPLATZ.

Ein lauter Knall ließ Felix mächtig zusammenzucken. Er drehte sich herum - und da sah er … Ben. Der fing gerade die Tür zur Firma wieder ein, die ihm offensichtlich der Wind aus der Hand gerissen hatte. Nur wenige Augenblicke später kam sein Freund mit Riesenschritten auf ihn zu. Felix’ Herz raste noch immer und er musste sich schwer beherrschen, um nicht laut zu schreien. Musste Ben ihn auch so erschrecken! Erst verschwand er spurlos – ganz ohne etwas zu sagen – und dann knallte er auch noch mit der Tür, als wolle er ihm den Rest geben. Gut, für die Tür konnte er nichts, das lag am Wind - aber trotzdem! Eine kurze Info vor dem Abhauen wäre nett gewesen.

„Entschuldige, dass du warten musstest“, sagte Ben außer Atem. „Ich hatte meinen Schlüssel im Aufenthaltsraum liegen lassen und musste noch mal zurück. Zu blöd auch, dass wir hier alleine sind. Normalerweise müsste die Frühschicht längst eingetroffen sein, doch wegen der Inventur haben die von der Frühund der Spätschicht frei.

„Du hast mir einen Riesenschrecken eingejagt! Du warst plötzlich einfach weg und ich dachte schon …“

Ben verzog das Gesicht aus einer Mischung aus Reue und Erleichterung.

„Sorry, tut mir echt leid. Aber ehrlich: Irgendwie bin ich auch froh, dass nicht nur mir die Knie geschlottert haben. Jetzt kann ich es ja ruhig zugeben. Es war unheimlich allein in dem großen Gebäude. Alle waren weg, das Licht - bis auf die Notbeleuchtung - aus und dann noch das Gewitter und der Sturm … Du weißt ja, wie es da drin hallt. So was von gruselig! Ich habe mir einfach nur den Schlüssel gegriffen und bin schnell wieder raus. Oh Mann, wir sind schon zwei Helden, was?“

„Wieso wir? Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich Angst hatte - du kennst mich doch, war nur ein Spaß.“

Ben grinste. „Na klar, Kumpel.“

Beide lachten, und Felix schloss endlich das Auto auf.

„Aufgeweicht bis auf die Knochen“, stöhnte Felix, kaum dass sie beide im Auto saßen.

„Ich mach deinen Sitz ganz nass“, sagte Ben entschuldigend.

„Mach dir keinen Kopf, der trocknet wieder. Der alten Karre macht das nichts aus. Ist nicht das erste Mal, dass jemand patschnass drinsitzt. Viel schlimmer ist, dass wir noch eine Weile in den nassen Klamotten aushalten müssen.“ Felix verzog angewidert das Gesicht. Zwar war ihm nicht kalt - immerhin war es Sommer und die Temperatur im Auto daher angenehm - aber die nassen Sachen fühlten sich einfach richtig eklig an, wie sie ihm da an der Haut klebten.

„Ist halt so, da müssen wir durch.“

Ben drehte sich leicht in Felix Richtung.

„Danke, dass du extra den Umweg in Kauf nimmst, ich revanchier mich auch bei passender Gelegenheit. So wie ich deine Karre einschätze, wird das sicher schon bald der Fall sein.“

„Mal den Teufel nicht an die Wand! Ich bin mit Ach und Krach geradeso durch den TÜV gekommen. Ich hoffe, dass es noch die nächsten beiden Jahre übersteht. Doch sag mal Ben, was ist denn mit deinem Auto überhaupt los?“

„Immer wenn ich eine Kurve nahm, war da so ein Knacken. In der Werkstatt wollten die sich nicht festlegen. Heute Nachmittag bekomme ich es hoffentlich zurück. Aber ich denk mit Schrecken an die Rechnung.“

„Wird schon nicht so schlimm werden. Dein Auto ist ja erst drei Jahre alt.“

„Das ist aber keine Garantie für einen kleineren Schaden.“

„Stimmt auch wieder. Jetzt bin ich erst mal froh, dass diese verdammten Nachtschichten endlich vorbei sind. Die Zuschläge alle drei Wochen sind toll - immerhin muss ich ein Haus abbezahlen und bei meinem Wohnmobil sind auch noch einige Raten offen und na ja, die Reparaturen bei dem hier werden in letzter Zeit auch immer mehr. Aber tagsüber schlafen ist immer so ne Sache, weißt du ja.“

„Ja, ich weiß genau, was du meinst. Das Geld nehm ich gern, aber die Nachtschicht muss ich nicht haben.“ Ben lehnte sich entspannt zurück. „Wenn ich Glück habe, ist Nele schon auf, dann können wir noch zusammen frühstücken, danach hau ich mich in die Kiste.“

„Davon kann ich nur träumen, doch wenn ich es mir so recht überlege, bin ich eigentlich ganz froh, dass Greta mir nicht schon so früh am Morgen den Kopf vollquasselt.“

„Wie geht es Greta? Ich hab sie schon länger nicht mehr gesehen. Wir müssen mal wieder was zusammen machen.“

„Immer noch dasselbe. Sie hat ständig schlechte Laune und auf nichts Lust. Dabei geht´s uns doch gut! Wir haben ein eigenes Haus und seit zwei Jahren ein Wohnmobil. So oft es geht, fahren wir damit an die Mosel auf einen Campingplatz. Ist ja von hier aus nicht so weit.“

„Vielleicht solltet ihr mal woanders Urlaub machen, in Frankreich, Italien oder Spanien, damit sie mal was anderes sieht, und schönes Wetter ist da eher garantiert.“

„Bei euch klappt es doch auch. Schließlich macht ihr doch auch immer an der gleichen Stelle Urlaub.“

„Das kannst du aber nicht vergleichen. Wir fahren einmal im Jahr nach Frankreich in die Bretagne. Freunde meiner Eltern haben dort ein Haus. Wir nutzen es nur zum Schlafen und fahren täglich woanders hin. Wenn man schon mal da ist, will man vom Land ja auch was sehen.“

„Das wär mir viel zu stressig. Ich liege lieber in der Sonne und ruh mich aus. Ich kenn die Leute auf dem Platz - das ist wie mein zweites Zuhause. Das liegt mir eher, als von morgens bis abends durch die Städte zu laufen und die verpestete Luft einzuatmen.“

„Du klingst, als wärst du schon siebzig. Mit neunundzwanzig will man doch die Welt erobern und nicht immer das Gleiche machen. Mir wär das viel zu langweilig. Du musst auch mal an Greta denken. Ich könnte mir vorstellen, dass ihr ein bisschen Abwechslung gefallen würde. Ihr seid doch noch jung. Außerdem hat sie Nele gegenüber mal was angedeutet. Denk mal darüber nach - nicht, dass sie dir noch eines Tages davonläuft.“

„Ach was! Das ist nur eine vorübergehende Phase, das geht vorbei. Ich glaube, sie ist einfach nur nicht ausgelastet, vielleicht wäre ein Vollzeitjob besser für sie - in der Drogerie ist sie ja nur auf Teilzeit. Ich weiß auch nicht … irgendwie passt es nicht mehr so richtig zwischen uns. Es ist schon länger her, dass wir uns gemeinsam in Ruhe einen Film angesehen haben. Oder uns mal in anderer Hinsicht nahe waren. Ich hoffe einfach, wir kriegen das wieder hin.“

Ben erwiderte nichts darauf. Was hätte er auch sagen sollen?

Die letzten Minuten bis zu Bens Wohnung legten sie schweigend zurück. Ben stieg aus, bückt sich, um sich zu verabschieden. „Danke fürs Mitnehmen.“

„Gern geschehen. Bis Montag früh. Schlaf gut.“

„Du auch.“

Nachdem sein Freund durch die Tür verschwunden war, musste sich Felix zusammenreißen. Die monotonen Fahr- und Windgeräusche, die er jetzt deutlich wahrnahm, lullten ihn ein. Er war allein auf der Straße, kein Auto hinter ihm. In solchen Situationen drehte er das Radio voll auf, um einem Unfall vorzubeugen. Er kämpfte mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den Sekundenschlaf. Felix wusste, dass er eigentlich nicht mehr hätte fahren sollen, aber ihm blieb nichts anderes übrig. Die Firma war schlecht angebunden und Greta würde nie im Leben so früh aufstehen, nur um ihn von der Arbeit abzuholen. Fünfzehn Minuten musste er noch durchhalten, bis er sein Auto im Carport abstellen konnte. Das würde er schon irgendwie hinbekommen.

Es dauerte sogar nur zwölf Minuten, bis Felix zu Hause ankam. Er stellte den Motor aus und blieb vor Erleichterung noch kurz im Auto sitzen. Was Ben zu ihm über Greta gesagt hatte, ging ihm nicht aus dem Kopf. Vielleicht hatte er recht und Greta war es auf dem Campingplatz viel zu langweilig. Hatte er nur an sich gedacht und Gretas Bedürfnisse außer Acht gelassen? Vielleicht zog sie sich deshalb immer mehr von ihm zurück? Das musste er unbedingt mit ihr klären. Er wäre ja für Vorschläge, die ein anderes Reiseziel betrafen, durchaus offen. Vielleicht sollte er ihr das einfach mal sagen - bevor sie auf die Idee kam, ihn auf dem Campingplatz das Licht auszuknipsen, weil sie es dort nicht mehr aushielt. Sie würde es wahrscheinlich wie einen Unfall aussehen lassen - das war auch schon anderen Ehemännern, aus harmloseren Gründen passiert. Aber so weit wollte er es nicht kommen lassen. Felix war gern am Leben und würde es auch gern bleiben. Vielleicht hatte Ben auch unrecht, denn, dass Greta nicht mehr mit auf den Campingplatz fahren wollte, hatte sie nie gesagt. Ja, gut, sie hatte hier und da mal rumgemeckert und die Fahrt über geschwiegen. Er hatte ihr seltsames Verhalten auf ihre schlechte Laune geschoben - irgendwie hatte Greta fast immer schlechte Laune. Früher war ihm das nicht so deutlich aufgefallen, aber heute …

War es ein Fehler, dass sie heute Nachmittag - wenn er ausgeschlafen war - wieder an die Mosel fahren wollten, um den Geburtstag von Klaus auf dem Campingplatz zu feiern? Sie hatte doch zugestimmt, und mit keinem Wort verlauten lassen, dass sie keine Lust dazu hatte. Wenn sie zurück waren, würde er mal ernsthaft mit ihr darüber reden und ihr klarmachen, dass sie ein Team waren und offen darüber sprechen konnten, wenn ihr etwas fehlte oder sie lieber mal woanders hinfahren wollte.

Jetzt war es Zeit fürs Bett – beziehungsweise für die Couch. Damit er sie nicht weckte, wenn er von der Nachtschicht nach Hause kam, hatten sie beschlossen, dass er unten, auf der Couch schlief. Das war eine gute Regelung, weil Greta zum einen eine Langschläferin war und zum anderen regelmäßig ewig das Bad blockierte. Außerdem gab es unten noch eine Gästetoilette mit Dusche. Und genau dort wollte er jetzt hin. Zwar hätte er sich am liebsten direkt auf die Couch fallen lassen, aber seine Klamotten waren immer noch nass - und er roch auch immer noch nach Arbeit.

Mühsam quälte sich Felix aus dem Auto und zur Tür. Im Haus war alles ruhig. Greta schlief noch – kein Wunder um die Uhrzeit. Da würde jeder normale Mensch noch im Bett liegen. Er ging am Wohnzimmer und der Küche vorbei, auf direktem Weg zur Gästetoilette. In einem kleinen Schrank lagen frische Klamotten für ihn bereit. Die nassen Sachen, warf er erst mal auf den Fliesenboden, die würde er nachher über die Dusche hängen, sobald er fertig war.

Die Dusche war eine Wohltat, denn das warme Wasser entspannte seine Muskeln. Zweimal schlief er fast im Stehen ein, also hielt er die Dusche recht kurz, obwohl er, gern noch eine ganze Weile das warme Wasser auf seiner Haut gespürt hätte.

Nach der Dusche trocknete er sich ab, zog sich die frischen Sachen an und putzte die Zähne. Anschließend warf er noch die nassen Kleidungsstücke oben über die Duschabtrennung - so konnten sie trocknen und Felix würde nicht von Greta wegen der Wäsche angemeckert werden.

Abgestandene Luft, empfing ihn im Wohnzimmer. Er hatte Greta schon so oft gesagt, dass sie einfach das Fenster auflassen sollte, wenn es so warm war - aber sie weigerte sich. Als ob Einbrecher sich ausgerechnet ihr Haus in diesem Wohnviertel aussuchen würden. Außerdem: Wenn man die Rollläden auch nur teilweise herunterließ, kämen die Einbrecher gar nicht rein.

Felix zog den Rollladen ein kleines Stück weit hoch, gerade genug, dass sich kleine Spalten zeigten, und öffnete dann das Fenster. Augenblicklich zuckte er zusammen. Laute Stimmen drangen mal wieder aus dem Nachbarhaus. Das kam leider öfter vor, aber so früh am Morgen, das war ungewöhnlich. Meistens ging das erst abends los, wenn Florian nach Hause kam. Heute waren die beiden besonders laut.

Vor drei Jahren hatten die Neuraths den Bungalow gekauft; da wohnten er und Greta bereits seit einem Jahr in ihrem Haus. Florian Neurath war Anwalt, seine Frau Stewardess. Sie waren immer top gekleidet und hatten zwei wahnsinnsteure Autos in ihren Garagen stehen. Er hatte es mit seinem Beruf als Anwalt schon mehrmals in die Zeitung geschafft, weil er wieder einmal einem bekannten Kriminellen zur Freiheit verholfen hatte. Felix konnte diesen aufgeblasenen Wichtigtuer nicht leiden. Marie Neurath umso mehr. Sie war hübsch, hatte Stil und nahm sich Zeit für ein Gespräch, wenn man sich begegnete. Wenn sie ihm gegenüberstand und ihn anlächelte, löste das warme Gefühle in ihm aus. Als er sie neulich bei einer Feier in der Nachbarschaft zum Tanz aufgefordert hatte, hatte sie keine Sekunde gezögert und direkt Ja gesagt. Es hatte da so einen Moment zwischen ihnen gegeben, beim Tanzen … aber es durfte einfach nicht sein. Sie hatten beide ihre Partner. Und vielleicht hatte er sich diesen Moment auch nur eingebildet. Aber trotzdem - er mochte Marie und ihren kleinen Sohn.

Gerade überlegte Felix, ob er das Fenster trotz des stickigen Wohnzimmers vielleicht besser wieder schließen sollte, da sah er durch einen der offenen Spalten, wie Marie Neurath aus dem Haus gestürzt kam. Sofort war seine Aufmerksamkeit gefesselt. Er stellte sich leicht seitlich hin, damit sie ihn nicht sehen konnte, er aber alles im Blick hatte. Der Bewegungsmelder war angesprungen und Felix konnte genau erkennen, was draußen geschah. Marie hatte ihren kleinen Sohn auf dem Arm. Er war in eine Decke gewickelt und quengelte leise. Kein Geräusch entging ihm in der plötzlichen, unheimlichen Stille - sogar das Klacken ihrer Absätze war deutlich zu hören. Das Garagentor ließ sie mit einem Knopfdruck hochfahren und aus ihren hektischen Bewegungen sowie dem unruhigen Blick in Richtung Haustür, schloss er, dass sie Angst hatte. Angst vor ihm?

Stocksteif, den Atem anhaltend, beobachtete er das Geschehen. Es war nicht auszuschließen, dass Herr Neurath seiner Frau was antun könnte. Sie setzte ihren Sohn auf den Kindersitz und lehnte sich weit ins Auto hinein. Dann kam sie wieder zum Vorschein, lief um den Wagen herum und stieg ein. Die Autotür fiel mit lautem Knall ins Schloss und kurz darauf fuhr sie aus der Einfahrt und bog um die Ecke.

Felix blieb noch eine Weile stehen, um auf eine Reaktion seines Nachbarn zu warten. Florian Neurath ließ sich nicht blicken. Es konnte ihm doch nicht egal sein, dass seine Frau ihn nach diesem heftigen Streit verlassen hatte? Obwohl Marie längst in Sicherheit war, schossen Felix die wildesten Gedanken durch den Kopf. Was mochte in dem Haus passiert sein? Sie hatte ihn doch wohl nicht … oh Gott - und was, wenn doch? Sollte er vorsichtshalber die Polizei rufen? Felix suchte nach einer guten Ausrede es nicht zu tun. Vielleicht war Marie diejenige gewesen, die den Streit provoziert hatte. Oder Florian war es wirklich egal, dass seine Frau gegangen war. Zuzutrauen wäre es ihm. Als Felix darüber nachdachte … was ging ihn der Streit der beiden eigentlich an? Hatte er überhaupt das Recht, sich da einzumischen? Er hatte weder verstanden, worum es ging, noch - deutliche Geräusche gehört, die auf Gewalt hindeuten.

Er grübelte noch eine Weile, kam dann zu dem Schluss, dass es keinen Grund gab, die Polizei zu rufen. Vermutlich las er zu viele Thriller. Umgehend sank sein Blutdruck wieder auf normale Werte. Erleichtert stellte er das Fenster auf Kippen und blieb so lange mit dem Rücken zum Fenster stehen, bis ihn die Müdigkeit in ungebremster Heftigkeit überfiel. Er gab ihr gern nach, schleppte sich zur Couch und ließ sich wie ein Stein darauf fallen.

Marie parkte das Auto in der Einfahrt ihrer Mutter. Aron war im Kindersitz wieder eingeschlafen, sie vernahm die gleichmäßigen Atemzüge ihres Schatzes. Eine Weile blieb sie noch sitzen, weil sie ihn nicht aus dem Schlaf reißen wollte.

Marie wäre überall lieber als hier. Hätte sie woanders hingehen können, wäre sie nicht zu ihrer Mutter gefahren. Leider war ihre Tante Mathilda in Bayern bei ihrer Tochter. Mit ihr konnte sie über alles reden, Mathilda verstand Marie einfach und hatte immer einen guten Rat für sie. Außerdem hörte sie ihr zu, im Gegensatz zu Ihrer Mutter.

Sie verstand nicht, warum sie immer wieder zu Florian zurückkehrte, warum sie ihn nie wirklich, endgültig verließ, auch wenn sie nach einem Streit oft Abstand brauchte. War es Liebe oder emotionale Abhängigkeit? Warum kam sie nicht von ihm los? Im Moment tendierte sie noch zu Liebe, doch sicher war sie sich nicht. Es war schon zu lange her, dass sie unbeschwert glücklich mit ihm war. Gut, während seiner Treuephasen war sie immer noch glücklich mit ihm, aber unbeschwert war dieses Glück schon lange nicht mehr. Sie wusste, dass es nicht anhalten würde, weil es das nie tat. Irgendwann folgte immer der Absturz.

Warum war sie geblieben? Warum schaffte sie es nicht, endlich einen Schlussstrich zu ziehen? Wenn Florian wollte, konnte er ihr das Gefühl geben, der Mittelpunkt seiner Welt zu sein. Deswegen hatte sie ihm immer wieder seine Seitensprünge verziehen und zugelassen, dass sie in einem ständigen Wechsel zwischen zwei Extremen lebte: dem Hochgefühl des Glücks, oder der verzweifelten Weltuntergangsstimmung. Mit der Zeit hatte sie gelernt, die Anzeichen zu erkennen. Wenn Florian fremdging, änderte er sein Verhalten, blühte regelrecht auf, kam abends später von der „Arbeit“ und roch nach einem anderen Parfüm. Etliche Marken hatte er schon durch. Aber da war noch mehr. Immer wenn er eine Affäre hatte, ließ er sein Handy nicht mehr herumliegen und er verbrachte mehr Zeit im Bad – und vor dem Spiegel – als sonst.

Eigentlich war sie doch eine selbstständige Frau und verdiente ihr eigenes Geld. Eine eigene Wohnung konnte sie sich durchaus leisten. Warum hatte sie das so lange mit sich machen lassen? Warum hatte sie nicht schon längst diese Spirale der Abhängigkeit durchbrochen? Sie wusste es nicht. Irgendein Teil von ihr, hatte es einfach nicht über sich gebracht. Doch jetzt war sie fest entschlossen, ihn zu verlassen. Marie wusste, dass es ihr dieses Mal gelingen würde. Das Maß war voll. Sie schloss die Augen und drückte den Hinterkopf gegen die Sitzlehne. Es war schwerer, als man glaubte, einfach mal an nichts zu denken und sich zu entspannen, aber Marie gab sich alle Mühe.

Ihre Atmung wurde gleichmäßig und ruhig. Doch die Gedanken kamen zurück und dieses Mal drehten sie sich um ihre Mutter. Diese ließ immer nichts unversucht, Salz in die Wunde zu streuen, wenn der Streit mit Florian wieder einmal eskaliert war und Marie sich hilfesuchend an sie wandte und ihr davon berichtet hatte. Statt auf dem Absatz wieder kehrtzumachen, wenn ihre Mutter das Thema dramatisierte, ließ sie ihre Tiraden einfach über sich ergehen. Erst hinterher packte sie dann jedes Mal die Wut - und die richtete sich immer gegen sie selbst. Sie hätte schon längst für eine Ausweichmöglichkeit sorgen müssen.

Marie stieg aus dem Auto. Sie wollte es heute drauf ankommen lassen. Mal fand sie die Tiraden ihrer Mutter schlimmer, mal weniger schlimm. Je nach eigener Verfassung. Nicht immer gelang es ihr, ihre Ohren auf Durchzug zu stellen. Statt Vorwürfen, wollte sie Trost, wie man ihn von der eigenen Mutter doch wohl erwarten durfte. Mehr hatte Marie nie gewollt! Schon ihr ganzes Leben lang, wollte sie einfach nur geliebt werden: von ihrer Mutter, ihrem Mann, ihrem Sohn. Aber wenigstens Aron liebte sie, das wusste sie. Gut, er war erst drei, oft musste sie sich mit Trotzanfällen herumschlagen. Doch die waren sofort vergessen, wenn er sie umarmte, oder ihr auf diese typische, direkte Kleinkindart zeigte, dass sie seine Mama war und dass er sie lieb hatte.

Sie holte Aron aus dem Kindersitz, schloss das Auto ab und ging zum Hauseingang. Vor der Tür angekommen, konnte sie sich noch nicht entschließen, auf die Klingel zu drücken. Erst als sie sich noch einmal ins Gedächtnis rief, dass es keine Alternative gab, ließ sie dieses unangenehme Klingelgeräusch ertönen.

Marie hörte die Schritte ihrer Mutter näherkommen, die Tür ging auf - und schon standen sie einander gegenüber. Innerlich wappnete sich Marie bereits für das, was kommen würde, obwohl ein Teil von ihr die Hoffnung nicht aufgeben wollte, dass ihre Mutter sie heute vielleicht mal positiv überraschte.

„Es musste ja so kommen“, prasselten vorwurfsvolle Worte auf Marie herab. Anna hatte die rot geschwollenen Augen ihrer Tochter gesehen. „Hast du endlich eingesehen, dass dieser Kerl es nicht wert ist, auch nur noch einen Gedanken an ihn zu verschwenden? Ich hoffe, dass du dieses Mal, die richtige Entscheidung triffst.“

„Mama, hör auf! Kannst du nicht warten, bis wir drinnen sind? Es geht, mir schlecht und ich habe keine Lust mich schon an der Haustür zu rechtfertigen.“

„Na gut, gib mir mal den Kleinen.“

Anna streckte die Arme aus, nahm Aron aus Maries Umklammerung, wiegte ihn hin und her, weil er noch im Halbschlaf war und ging voraus.

„Ich habe dich immer gewarnt. Gutaussehende Männer können einfach nicht treu sein, aber du wolltest ja nicht auf mich hören. Und was hast du jetzt vor?“

„Ich verlasse ihn.“

„Na endlich kommst du mal zur Vernunft. Hat ja lange genug gedauert. Glaub mir, du sitzt auf einem Pulverfass, das jeden Moment explodieren kann - und mein Enkel ist mittendrin. Noch kannst du das verhindern.“

„Mama, lass mich in Ruhe mit deinen ständigen Vorwürfen. Es geht mir nicht gut. Kannst du nicht ein wenig Verständnis für mich zeigen - oder mich einfach mal trösten?“

„Ich habe durchaus Verständnis für dich. Ich kann nur einfach nicht zusehen, wie er dich behandelt, er ist ein egoistisches Scheusal.“

Aron war nun hellwach. „Ich will runter!“, jammerte er auf Annas Arm und weil er nicht zu zappeln aufhörte, stellte Anna ihn auf die Füße.

„Es ist das verdammte Haus - es hat Unglück über uns gebracht“, sagte Marie.

„Wieso das Haus? Was willst du denn damit andeuten?“

„Florian stellt seit einiger Zeit Nachforschungen über den früheren Besitzer des Hauses an. Ich hatte ja keine Ahnung, dass unser Haus mal einem Mörder gehörte. Nachdem Florian davon erfahren hat, war er nicht mehr zu bremsen. Er will mehr darüber herausfinden, vor allem, wie es zu dem grausamen Mord, an einem Kind, gekommen war. Er meinte, einer verdammt heißen Sache auf der Spur zu sein.“

Anna, die mitten im Zimmer gestanden hatte, zog ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und tupfte sich damit die Stirn ab. Sie lief im Wohnzimmer auf und ab. Kurz vor Marie blieb sie stehen und machte in ungezügelter Lautstärke ihrem Unmut Luft.

„Der soll verdammt noch mal die Finger von der alten Geschichte lassen! Was bringt es ihm, nach so langer Zeit im Dreck zu wühlen und seine Frau damit verrückt zu machen? Es ist Florian, der Unglück über dich bringt! Es reicht doch, dass er diese Schwerverbrecher verteidigt - da muss er nicht auch noch ein weiteres krankes Hirn in seine Sammlung aufnehmen. Ich habe ständig Angst, dass einer von denen, euch mal was antut. Glaub mir, das sind tickende Zeitbomben.“

Eigentlich hätte es Marie egal sein müssen, dass ihre Mutter über ihn herzog, schließlich wollte sie sich von ihm trennen. Doch ihr ständiges Gemeckere ging ihr derart auf die Nerven, dass sie automatisch Partei für Florian ergriff. Es artete immer aus, wenn ihre Mutter auf ihn zu sprechen kam. Wenn sie ihr recht gab, zog sich ihr Geschimpfe über Stunden hin.

„Du solltest froh sein, dass sich Florian Gedanken über die Gefährlichkeit des Mannes macht. So wissen wir wenigstens, wie wir uns verhalten müssen, wenn er eines Tages vor unserer Tür steht. Außerdem ist es doch Florians Sache.“

„Ihr seid verheiratet, da hat die Frau wohl ein Wörtchen mitzureden! Immer lässt du dir von ihm alles gefallen. Wie kannst du nur zulassen, dass Verbrecher bei euch ein- und ausgehen? Ich habe so einiges mitbekommen, als ich deinen Sohn bei euch betreut habe. Es mangelt ihm doch bestimmt nicht an seriösen Klienten, warum also ausgerechnet diese Ganoven? Nur, weil er den Hals nicht vollkriegt? Du musst ihn und nicht das Haus dafür verantwortlich machen.“

„Es gibt keine seriösen Klienten, es sei denn, sie sind unschuldig. Die meisten Leute haben eine Leiche im Keller und sie zu verteidigen, ist alles andere als ein Zuckerschlecken. Außerdem geht es jetzt nicht um Florian, sondern um den Mann, der sein Kind ermordet hat. Glaubst du wirklich, dass ich das einfach ignorieren kann? Wie kann ich mich in einem Haus wohlfühlen, in dem ein kleines Kind getötet wurde? Nachdem seine Frau ihn verlassen hat, soll dieser Typ durchgedreht sein. Das hat Florian mir erzählt.“ Dann schoss Marie ein Gedanke durch den Kopf. „Mama, kann es sein, dass du längst wusstest, was vor fünfzehn Jahren in unserm Haus geschehen ist?“

„Ja. Ich wusste davon. Es hat ja damals in allen Zeitungen gestanden und im Fernsehen kam es auch. Aber ich wusste nicht, dass es in eurem Haus passiert ist. Inzwischen hatte ich das längst vergessen - und jetzt fängst du wieder davon an. Aber ehrlich gesagt, es interessiert mich mehr, was zurzeit bei euch abläuft. Wenn du das Haus so unheimlich findest, dann zieh doch aus! Wenn du Florian verlässt, schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe. Er wird dir sowieso nie treu sein.

„Mama, mir reicht’s!“

„Na schön, wie du meinst. Dann lassen wir das Thema erst mal. Ich hoffe nur, dass du doch noch rechtzeitig zu Verstand kommst. Ich koche uns jetzt einen Kaffee. Aber vorher hole ich noch Arons Spielkiste aus der Abstellkammer, dann kann er sich beschäftigen.“

Aron trottete seiner Oma hinterher und als er die Kiste sah, kreischte er vor Vergnügen. Anna stellte sie mitten ins Wohnzimmer und Aron setzte sich davor. Es dauerte nicht lange, bis er die Spielsachen überall auf dem Parkettboden verteilt hatte. Er griff sich ein Auto, ließ es über den Boden fahren und machte das Brummen des Motors nach.

Während Anna in der Küche hantierte, ging Marie, der Mörder, ein gewisser Henry Vogt, nicht mehr aus dem Kopf. Sie musste um die zwölf gewesen sein, als er ins Gefängnis kam. Damals war sie mit ihren Eltern nach Bonn gezogen, in die jetzige Wohnung ihrer Mutter, nicht weit von ihrem Haus entfernt. Mit achtzehn zog sie zu Florian, da war er sechsundzwanzig. Erst sechs Jahre später kauften sie ihr jetziges Haus.

Marie war sich nicht sicher, ob sie sich weiter mit Vogt und dem Mordfall beschäftigen sollte, denn wenn sie allein zu Hause war, fürchtete sie sich neuerdings in den eigenen vier Wänden. Sie hatten das Haus günstig bekommen, weil es zwangsversteigert worden war, und die Lage war wirklich gut. Doch seit sie wusste, dass dort ein Verbrechen an einem Kind begangen worden war, konnte sie die traurigen Tatsachen nicht mehr verdrängen – auch wenn ihr jedes Mal dabei mulmig wurde. Der Mord verfolgte sie bis in den letzten Winkel ihres Hauses. Ein Kindermord, in ihren Augen das schlimmste Verbrechen überhaupt.

Anna brachte den Kaffee, schenkte ein und setzte sich. Marie trank einen Schluck. Der warme Kaffee tat ihr gut.

„Wie geht es deinem Diabetes aktuell? Hast du ihn inzwischen im Griff?“

„Seitdem ich auf deftiges Essen verzichte, ja. Es geht mir gut. Aber hier und da muss ich mal was Richtiges essen. Dann gehen die Werte kurz rauf und fallen von selbst wieder runter.“

„Dann ist es ja gut.“

Rauf und runter. So leichtfertig ging sie mit ihrer Gesundheit um. Anna hatte schon mehrmals im Krankenhaus behandelt werden müssen, weil sie wieder einmal über die Stränge geschlagen hatte. Marie wünschte sich, ihre Mutter würde sich endlich mal mit etwas anderem beschäftigen, zum Beispiel mit einer neuen Liebe. Mit siebenundfünfzig war sie doch noch nicht zu alt dafür. Seit ihr Vater vor acht Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war, ließ sie sich gehen. Es war, als habe sie vergessen, wer sie früher war. Sie konzentrierte sich nur noch darauf, wie ungerecht das Leben zu ihr war.

Während Marie ihren Kaffee trank, stach ihr das gerahmte Foto ihrer Schwester ins Auge, das ihr gegenüber, auf einer Anrichte stand. Ihr Blick blieb eine ganze Weile auf dem Foto haften. Seit diese ihre Heimat verlassen hatte, war der Kontakt zwischen den Schwestern abgebrochen.

„Hat sie sich noch mal bei dir gemeldet?“, fragte sie ihre Mutter. Erst als Anna Maries Blick folgte, antwortete sie.

„Ach Leonie meinst du. Ja, sie meldet sich hin und wieder. Manchmal schickt sie mir ein Foto. Ich würde ja viel zu gern mal nach Amerika fliegen. Aber wegen meines Diabetes ist mir die Reise zu anstrengend und gefährlich. Zeit hätte ich ja jetzt, da ich in Frührente bin.“

„Ich habe nie verstanden, warum sie das Leben im Ausland, dem in der Heimat vorgezogen hat. Erst wanderte sie nach Indien aus, und jetzt wohnt sie schon eine halbe Ewigkeit in Amerika. Warum hat sie uns nie besucht und uns ihren kleinen Sohn Jakob mal vorgestellt? Ist ihr die Reise einfach zu teuer - oder hat sie keinen Bock auf Familie? Das würde zu ihr passen.“

„Du weißt doch, dass sie mit schweren Depressionen zu kämpfen hatte, weil sie so lange nicht schwanger werden konnte. Erst als sie nach Berlin zog, hat es geklappt. Es hat sich wieder einmal bewahrheitet, dass Tapetenwechsel und neue Gedanken Wunder vollbringen können. Deine Schwester ist der lebende Beweis dafür. Ich kann gut verstehen, dass sie irgendwo ganz neu anfangen wollte.“

„Aber mussten es ausgerechnet Indien und Amerika sein?“

„Wenn sich deine Schwester was in den Kopf gesetzt hat …“

„Mir kam das jedes Mal wie eine Flucht vor. Ich verstehe einfach nicht, dass sie uns nie besucht hat. Sie tut so, als gäbe es mich nicht. Sie hat mich einfach aus ihrem Leben gestrichen. Warum macht sie so was?“

„Nun sei mal nicht so hart. Gib ihr eine Chance. Sie ist nicht mehr so chaotisch wie früher. Deine Schwester wollte immer mit dem Kopf durch die Wand, das weißt du doch - auch ihre Auswanderungspläne ließ sie sich nicht ausreden. Ich konnte sie nicht aufhalten.“

„Wenn es um sie geht, hast du für alles Verständnis - egal, welchen Mist sie gebaut hat. Das war schon immer so. Und was ist mit mir? Ständig hast du an mir und meinen Entscheidungen, was auszusetzen. Das ist ungerecht.“

„Das bildest du dir nur ein. Ich war immer für euch beide da. Immerhin warst du die Vernünftigere und hast mich nicht so sehr wie deine Schwester gebraucht. Warst – wohlbemerkt. Und wenn ich dir sage, dass es dir ohne diesen Schürzenjäger besser geht, meine ich es nur gut.“

Und schon waren sie wieder bei dem leidigen Thema angelangt. Ihre Mutter konnte es einfach nicht lassen. Sie hätte erst gar nicht hierherkommen dürfen. Marie überlegte fieberhaft, mit welcher Ausrede sie sich schnell verabschieden könnte. Sie wollte einfach nur noch weg. Sie machte sich schon genug Vorwürfe wegen ihrer Lebensentscheidungen - da musste ihre Mutter nicht auch noch auf ihr herumhacken. Jetzt wollte sie alleine sein, denn es ging ihr inzwischen wesentlich schlechter als zuvor. Die Spannungen zwischen ihr und ihrer Mutter nahmen spürbar zu. Marie beschloss, nach Hause zu fahren. Florian müsste inzwischen in der Kanzlei sein. Sie brauchte einige Sachen für sich und Aron, denn sie wollte die kommende Nacht in einem Hotel verbringen. Sie brauchte Abstand und Zeit zum Nachdenken. Auf keinen Fall durfte sie wieder einknicken. Schließlich musste sie sich mit einem kleinen Kind ein neues Leben aufbauen. Entscheidungen treffen, die gut durchdacht werden mussten.

Um von ihrer Mutter wegzukommen, musste halt ihre Freundin als Ausrede herhalten. Dass sie in Urlaub war, wusste Anna ja nicht.

„Ich habe Elisa versprochen, noch bei ihr vorbei zu kommen. Ich mache mich auf den Weg“, log Marie. Es half nichts – sie musste hier weg, und das schnell.

„Ich dachte, du wolltest hier übernachten. Darum bist du doch hergekommen. Lass wenigstens Aron hier.“

„Nein, Mama. Ich habe Elisa versprochen ihn mitzubringen. Er kann ein anderes Mal bei dir bleiben.“

„Du gehst aber nicht wieder zu ihm zurück, oder?“

„Ich will jetzt nicht mehr über Florian reden, versteh das bitte.“

Marie erhob sich und ging zu Aron, der aber nicht mitkommen wollte. Erst als sie ihm ein Eis versprach, gab er nach. Marie wusste, dass sie ihn bestochen hatte - und man das eigentlich nicht tun sollte - aber diese blöden Elternratgeber konnten ihr gerade wirklich den Buckel runterrutschen. Es kam ja nicht oft vor, dieses eine Mal würde Aron schon nicht fürs Leben prägen.

Die Verabschiedung war genauso frostig - wie die Begrüßung, die eigentlich gar nicht stattgefunden hatte. Sie hatte ja auch nichts anderes erwartet. Trotzdem war sie enttäuscht.

Felix schoss in die Höhe. Die blöde Klingel hatte ihn geweckt. Wer klingelte ihn denn schon so früh am Morgen aus dem Bett? Die Uhr an der gegenüberliegenden Wand zeigte etwas anderes an, als ihm sein Gefühl vorgaukeln wollte, 14:10 Uhr. Schon so spät? Hatte er wirklich so lange geschlafen? Und warum hatte der Wecker nicht geklingelt? Er hatte ihn doch auf dreizehn Uhr gestellt. Blödes Mistding! Bestimmt waren wieder mal die Batterien leer – das waren sie doch immer. Vielleicht war das auch so ein Verschwörungsding – dachte er grummelnd. Man las doch ständig in den Zeitungen, dass Firmen ihre Produkte absichtlich so bauten, dass sie nicht lange hielten, und Batterien gehörten bestimmt auch dazu. Die waren irgendwie immer leer, egal, wie oft man sie wechselte.

Kaum hatte er sich halbwegs gesammelt, klingelte es schon wieder, gleich drei Mal hintereinander. Felix brachte es nicht übers Herz, das noch länger zu ignorieren. Er erhob sich schwerfällig von der Couch, gähnte und riss die Tür auf. Der Briefträger stand davor, sah ihn erschrocken an und reichte ihm ein Päckchen.

„Ich habe nichts bestellt“, wehrte Felix ab und machte eine abweisende Handbewegung. Das muss ein Irrtum sein“, er drehte sich um und ging wieder ins Haus.

Kurz war der Mann irritiert. Er war erst seit zwei Monaten bei der Post und kannte die Leute in seinem Bezirk noch nicht so gut. Er sah sich die Adresse auf dem Päckchen noch einmal genau an.

„Warten Sie! Hier wohnt doch eine Greta Stüber, oder etwa nicht!“, rief er ihm hinterher.

Felix blieb stehen und drehte sich wieder zu ihm um. „Ach, entschuldigen Sie, dann ist es für meine Frau.“ Jetzt war ihm sein Benehmen peinlich. Greta hielt ihm immer vor, er sei ein Morgenmuffel, und der Postbote dachte das nun bestimmt auch.

Der Mann reichte ihm das Päckchen und verabschiedete sich mit einem betont freundlichen: „Einen schönen Tag, wünsche ich Ihnen.“

Felix hatte das Grinsen in seinem Gesicht gesehen. Also hatte er mit seiner Vermutung wahrscheinlich recht.

Er ging zurück ins Wohnzimmer und legte das Päckchen auf den Tisch. Laut und lang gähnend blieb er stehen, reckte und streckte sich. Heute würde es dauern, bis er richtig wach war - das spürte er. Die Nachtschicht brachte seine innere Uhr jedes Mal komplett durcheinander. Er musste sich langsam zusammenreißen, sonst würde Greta gleich wieder mit ihm schimpfen, wenn sie nach Hause kam. Er konnte sie jetzt schon hören: Du hast mich gedrängt, früher Schluss zu machen, und bist nicht mal angezogen? Ja, er hatte sie gebeten, heute früher zu kommen, damit sie um siebzehn Uhr losfahren konnten. Klaus, ein Campingplatzkumpel hatte Greta und ihn zu seinem fünfzigsten Geburtstag an die Mosel eingeladen. Der halbe Platz würde mitfeiern und Felix wollte auf jeden Fall dabei sein. Klaus war es wichtig, heute zu feiern, nicht am Wochenende. Da viele ohnehin schon dort Urlaub machten, war das für die meisten auch kein Problem. Hoffentlich hielt sich Greta an die Abmachung, ihr Spätdienst dauerte normalerweise bis neunzehn Uhr.

Felix schlurfte zur Kaffeemaschine und trank erst mal schwarzen Kaffee ohne Milch und Zucker zum Wachwerden. Er musste sich beeilen: duschen, frühstücken und das Wohnmobil abholen und beladen. Sie blieben zwar nur eine Nacht, aber er wusste aus Erfahrung, dass Greta trotzdem das halbe Haus mitnehmen würde.

Felix hatte ganz in der Nähe einen günstigen, eingezäunten Stellplatz gemietet. Zu Fuß waren es nur fünfzehn Minuten. Das war ein richtiger Glücksfall, sichere, bewachte Plätze waren rar.

Als Felix mit dem Wohnmobil um 15:30 Uhr vorfuhr, kam Greta gleichzeitig mit ihm zu Hause an.

„Schön, dass du schon da bist. Um 17 Uhr müssen wir los“, empfing Felix seine Frau. Die ging gebückt und hielt sich den Bauch. Ihr gepeinigter Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.

„Felix, mir ist so schlecht. Ich musste mich vorhin schon übergeben. Es tut mir so leid.“

Felix starrte sie an. „Und was heißt das jetzt?“

„So kann ich unmöglich mitfahren. Oh Gott …“ Greta rannte ins Haus und verschwand auf der Toilette. Felix folgte ihr und hoffte, dass, wenn sie etwas später fuhren, es ihr vielleicht schon besser ginge und er sie dann umstimmen konnte.

Als Greta einige Minuten später aus der Toilette kam, hielt sie sich noch immer den Bauch. „Ich muss ins Bett, es tut mir leid. Fahr allein, hab du wenigstens Spaß. Ich will dir und den anderen nicht den Abend verderben. Klaus ist dein Freund, du darfst ihn nicht enttäuschen.“

Es war Felix, der enttäuscht war, obwohl er sie verstand. Sie würde, wenn sie mitkäme, ja doch nur im Wohnmobil auf dem Bett liegen und der Krach um sie herum, würde alles für sie noch viel schlimmer machen. Außerdem hatte sie es hier deutlich bequemer. Es war nur schade, dass sie den Abend nicht zusammen verbringen konnten.

„Es ist ja nicht deine Schuld“, sagte er verständnisvoll. „Wir bleiben beide hier, ich kann dich doch jetzt nicht alleine lassen, ich sage Klaus ab.“

„Nein, wirklich Felix. Die Ruhe wird mir guttun. Ich werfe gleich eine Vomex und eine Paracetamol ein und werde wahrscheinlich sowieso die ganze Zeit nur schlafen. Wenn du morgen nach Hause kommst, geht es mir bestimmt schon viel besser.“

„Bist du dir wirklich sicher?“, hakte er noch einmal nach.

„Ja.“

„Wie du meinst. Aber dann koche ich dir wenigstens einen Tee.“ Insgeheim hatte er gehofft, dass sie das sagen würde. Eine Magenverstimmung war zwar unangenehm, aber keine lebensbedrohliche Krankheit. Ein oder zwei Tage - dann war sie wieder auf dem Damm.

„Danke, das wäre lieb von dir. Bringst du ihn mir bitte gleich ans Bett? Ich ziehe mich schnell um.“ Sie wandte sich zum Gehen.

„Warte, Greta, da ist was für dich gekommen. Hier das Päckchen. Was hast du denn bestellt?“

„Ach, es ist schon da! Nichts Besonderes, bloß ein Kleid. Ich brauche mal wieder was Neues.“

„Zeigst du es mir? Dann lasse ich dich auch in Ruhe.“

Erst zögerte Greta, doch dann öffnete sie das Päckchen, nahm das Kleid heraus und hielt es sich vor.

„Wow“, sagte Felix.

Greta legte das Kleid über eine Stuhllehne.

„Ich muss mich hinlegen, sei nicht böse.“

„Natürlich nicht. Ich mache dir schnell den Tee.“

Greta lag im Bett und stöhnte, als Felix ihr den Tee brachte.

„Danke, der wird mir bestimmt guttun. Ich lasse ihn kurz abkühlen. Gibst du mir bitte die Tabletten, dort vom Stuhl? Ich habe vergessen, sie mit zum Nachttisch zu nehmen. Bestell den anderen einen lieben Gruß von mir. Sag ihnen, dass ich wirklich traurig bin, nicht dabei sein zu können. Aber spätestens nach dem dritten Bier wird mich keiner mehr vermissen. Genieß den Abend. Bis morgen.“

„Ich habe ja schon ein schlechtes Gewissen. Bist du mir auch wirklich nicht böse, wenn ich dich allein lasse?“

„Nein, wirklich nicht. Im Gegenteil! Versteh das nicht falsch, aber ich brauche jetzt meine Ruhe.“

Felix ging zu seiner Frau und küsste sie auf die Stirn. Dann wandte er sich zur Tür, drehte sich noch einmal um. „Gute Besserung und versuch, etwas zu schlafen.“ Leise schloss er die Tür, ging nach unten und machte sich daran, das Wohnmobil zu beladen. Danach hatte er noch eine halbe Stunde Zeit. Er wollte nicht als Erster auf der Feier auftauchen - das war ihm unangenehm, er wusste dann nie etwas mit sich anzufangen.

Felix setzte sich auf die Couch und sein Blick fiel auf das Kleid. Es war ein festliches Kleid in bodenlänge, in Gretas Lieblingsfarbe Grün. Sie würde umwerfend darin aussehen. Sicher hatte sie es für einen besonderen Anlass gekauft. So ein Kleid trug man nur zum Ausgehen. Im Alltag war seine Frau eher praktisch veranlagt und hatte meistens Jeans an. Was stand denn in der nächsten Zeit so an? Ach – das war es! Warum war er nicht gleich darauf gekommen? In vier Wochen war ihr vierter Hochzeitstag. Lieb von ihr, dass sie daran gedacht hatte. Er bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Felix hatte ihr des Öfteren vorgeworfen, ihm gegenüber kühl und abweisend zu sein – das tat ihm jetzt leid. Vielleicht hatte sie Probleme auf der Arbeit, und er war darauf nicht eingegangen? Hatte sie ihm davon erzählt und er hatte es vergessen? Oder glaubte sie, ihm das gar nicht erst erzählen zu können, weil es ihn nicht interessierte? Er würde sich bei ihr entschuldigen, wenn er zurück war. Bestimmt könnten sie dann alles klären und danach würde er sich einen schicken Anzug kaufen. Sie sollte sich nicht für ihn schämen, wenn sie sich schon so schick machte. Ob sie schon was geplant hatte?

Er lehnte sich entspannt zurück. Zappte durch die Programme, doch er konnte sich einfach nicht konzentrieren, also machte er den Fernseher wieder aus. Er beschloss, doch gleich loszufahren, aber vorher wollte er noch mal nach seiner Frau sehen und wenn sie eingeschlafen war, würde das sein Gewissen erleichtern.

Ganz leise drückte er die Klinke nach unten und streckte den Kopf ins Schlafzimmer hinein.

Greta war noch wach. „Ich fahre jetzt. Wenn wir die halbe Nacht durchfeiern, wird es morgen spät. Ich bin bestimmt erst nachmittags zurück.“

„Ist gut. Ich weiß ja, dass du nicht leichtsinnig bist und betrunken Auto fährst. Darum lass dir Zeit. Ich komm zurecht. Ich nehme jetzt die beiden Tabletten mit dem Rest Tee und versuche zu schlafen - bis morgen und viel Spaß!“

Als Felix auf dem Campingplatz ankam, stellte er sein Wohnmobil auf den - ihm zugewiesenen Platz ab. Dann suchte er das Geburtstagskind. Klaus drehte gerade das Fleisch und mindestens fünfzehn Personen standen um den Grill herum. Alle freuten sich, ihn zu sehen, und einige kamen direkt auf ihn zu und klopften ihm auf die Schulter. Nur das mit dem Händeschütteln wurde nichts, denn er hielt sechs Weinflaschen, die er bei einem Weinhändler besorgt hatte, gut verpackt in einem Karton in beiden Händen. Felix bahnte sich einen Weg zu seinem Freund, gratulierte ihm und überreichte ihm das Geschenk. Klaus nahm ihm den Karton ab und ließ sich von seinem Freund umarmen.

„Wo hast du Greta gelassen, ist sie noch im Wohnmobil?“

„Sie ist leider krank und liegt zu Hause im Bett. Sie bestand darauf, dass wenigstens ich fahre. Sie richtet dir Geburtstagsgrüße aus und dass wir den Abend genießen sollen.“

„Die Arme. Wenn es ihr wieder besser geht, ruf ich sie an. Bestell ihr gute Besserung. Das wollte ich jetzt schon mal loswerden, denn ich weiß nicht, ob ich mich morgen, wenn du abreist, noch daran erinnere.“

Klaus kümmerte sich wieder um den Grill und irgendjemand drückte Felix ein Bier in die Hand und so nach und nach vergrößerte sich die Gesellschaft. Einer von ihnen war zum Bierzapfen verdonnert worden und man beschloss, sich abzuwechseln, denn es würde bestimmt nicht bei einem Fass bleiben. Die Stimmung wurde immer ausgelassener, je mehr sich das Fass leerte. Die Gesichter röteten sich allmählich und je später es wurde, desto verschwommener die Blicke. Kaum einer war noch nüchtern genug, um einen zusammenhängenden Satz zu bilden. Immer mehr zogen sich für die Nacht zurück; und wenn es ihnen nicht mehr gelang, geradeaus zu laufen, landete manch einer auf dem Rasen.

Edgar bildete gezwungenermaßen eine Ausnahme. Den ganzen Abend hatte er nur Wasser getrunken. Seine Leberwerte waren bei der letzten Kontrolle ziemlich schlecht gewesen, und sein Arzt hatte ihm deshalb in aller Deutlichkeit einen Alkoholverzicht nahegelegt, an den er sich auch halten wollte. Heute hatte er die Bewährungsprobe mit Bravour bestanden.

Als ihm die Gesprächspartner alkoholbedingt ausgingen, setzte sich Edgar neben Felix, der noch einigermaßen nüchtern wirkte. „Du hebst dich von der Menge ab“, sagte Felix zu Edgar. Wenn er ganz ehrlich war, bewunderte er seinen Freund dafür. Gerade an einem Abend wie diesem war es schwer, sich zurückzuhalten - das wusste er aus eigener Erfahrung.

„Ich mach mich auf den Heimweg, es ist immerhin schon ein Uhr. Den anderen fällt sowieso nicht auf, wenn einer fehlt.“

Felix schaltete schnell. Er hatte sich mit dem Trinken zurückgehalten, weil ihm die Geschichte mit dem neuen Kleid einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte. Er hatte den ganzen Abend an Greta gedacht. Das schlechte Gewissen plagte ihn. Er alberte hier mit seinen Kumpels herum, während sie mit Schmerzen im Bett lag.

„Sag mal, Edgar. Wir haben doch den gleichen Weg. Kannst du mich mitnehmen, du hast ja sicher mitbekommen, dass meine Frau krank ist. Ich mach mir Sorgen.“

„Klar kann ich dich mitnehmen. Aber du bist doch mit dem Wohnmobil hier - willst du es einfach hier stehen lassen?“

„Ja. Ich werde am Montag einen meiner Kollegen bitten, mich herzufahren. Hier steht es ja sicher. Ich muss Klaus nur Bescheid sagen, falls er noch aufnahmefähig ist. Wo steht dein Auto? Ich brauche nicht lange.“

„Hetz dich nicht. Bis gleich.“

„Bis gleich.“

Während der Fahrt schlief Felix ein, was zu erwarten war. Erst kurz vor dem Ziel wachte er auf.

„Mein Gott! Hab ich die ganze Fahrt verschlafen?“

„Das war mir auch lieber so“, scherzte Edgar. „So konnte ich mich wenigstens auf den Verkehr konzentrieren.“ Grinsend stieg Felix aus, erwiderte aber nichts.

„Mach´s gut und grüß deine Frau von mir. Ich hoffe, es geht ihr bald besser.“

„Ich richte es ihr aus. Komm gut nach Hause und vielen, vielen Dank.“

„Nichts zu danken. Ich hab’s ja nicht mehr weit.“

Felix war froh, dass er sich dazu entschlossen hatte, die Feier abzubrechen. Klaus hatte nur genickt und gekichert, als er ihm das mitgeteilt hatte - er war echt blau. Darum hatte er auf Klaus’ Whiteboard draußen an seinem Wohnwagen, eine Nachricht hinterlassen, nicht, dass die anderen in Panik ausbrachen, falls sie ihn morgen vermissten. Also heute, streng genommen. Felix warf einen Blick auf seine Armbanduhr. 2:30 Uhr. Ging ja noch. Wenn er an den Kater dachte, den die anderen haben würden, war er noch gut weggekommen. Während die stöhnend im Bett lagen, würde er ausgeschlafen sein und etwas gegen sein schlechtes Gewissen unternehmen können. Morgen - ach nein heute - würde er Greta ein bisschen verwöhnen. Er würde sich um den Haushalt kümmern, und etwas zu essen bestellen, dann könnte sie den ganzen Tag im Bett bleiben und musste sich keine Sorgen machen, dass er ihre Küche in Unordnung brachte.

Zufrieden und mit sich selbst im Reinen, ging er ins Haus. Er wollte wieder auf der Couch schlafen, um Greta nicht zu stören. Er betrat das Wohnzimmer, und was ihm gleich auffiel, das Kleid war weg. Bei seiner Abfahrt hatte es noch über der Stuhllehne gehangen. Verflixt. Bestimmt hatte es Greta mit ins Schlafzimmer genommen, damit es nicht zerknitterte. Hoffentlich war ihr nichts passiert. Bevor er sich hinlegte, wollte er noch kurz nach ihr sehen.

Leise schlich Felix die Treppen hinauf. Vorsichtig drückte er die Klinke der Schlafzimmertür herunter und öffnete sie einen Spalt. Der Blick reichte zum Bett und ihm stockte der Atem. Keine Greta, keine Decke zur Seite geschlagen, nichts.

Ein kalter Stich fuhr ihm durchs Herz. Er suchte das ganze Haus ab, Bad, Wohnzimmer, Küche. Nirgends eine Spur von ihr. Sein Magen zog sich zusammen - hatte sie einen Krankenwagen rufen müssen? Aber dann hätte sie ihm doch Bescheid gegeben … oder? Er ließ sich auf einen Stuhl sinken, stützte den Kopf in die Hände. Anrufen, wenigstens anrufen wollte er sie. Er zog das Handy aus der Hosentasche, doch der Anruf landete auf der Mailbox.

Verflucht!

Das schlechte Gewissen nagte an ihm. Er hätte nicht gehen sollen. Er zwang sich, ruhig zu atmen. Keine Panik. Es gab bestimmt eine harmlose Erklärung. Nur glaubte er nicht daran. Er brauchte frische Luft, vielleicht würde das helfen, seine Gedanken zu sortieren. Hoffentlich streiten da drüben nicht schon wieder, schoss es ihm durch den Kopf, während er den Rollladen hochzog und das Fenster öffnet, doch der Anblick der sich ihm bot, zog ihm den Boden unter den Füßen weg.

Vor der Haustür des Nachbarn stand Greta in ihrem neuen Kleid, den Reißverschluss hinten – nicht mal ganz zugezogen – und Neurath. Sie küssten sich. Innig. Leidenschaftlich. Einen Moment lang war Felix wie gelähmt. Dann wisch der Schock der Wut, reiner brennender Zorn. Er drehte sich vom Fenster weg und bevor sein Verstand ihn einholen konnte, war sein Körper schon unterwegs. Wie ferngesteuert lief er hinaus, über den Hof, auf das Nachbargrundstück. Seine Gedanken verschwammen, übrig blieb nur das Toben in seiner Brust. Er riss Greta von Neurath weg, packte ihn am Kragen – und schlug zu. Hart. Mit voller Wucht. Neurath ging zu Boden.

Felix war sofort über ihm, schlug weiter zu, hemmungslos, blind vor Wut. Seltsam, dass der andere sich nicht sofort wehrte, lag es am Überraschungsmoment? Doch dann, blitzschnell rollte sich Neurath auf die Seite und schlug zurück. Härter, als Felix erwartet hatte.

Greta stand kreischend daneben. „Hört auf!“, schrie sie. Ihre Stimme überschlug sich vor Panik. Was danach geschah, nahm Felix nur durch einen dichten Nebel wahr. Jemand griff nach seinen Armen, Greta weinte. Jemand rief: „Polizei, zurücktreten!“ Irgendjemand redete auf ihn ein. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Sein Atem ging stoßweise, seine Hände zitterten. Was dann folgte, waren Sirenen, Stimmen, die immer leiser wurden. Dann schwarz. Felix kippte ins Nichts.

Einige Stunden früher.

Marie war fest entschlossen an ihrem Vorhaben, die Nacht im Hotel zu verbringen, festzuhalten. Es standen einige Veränderungen in ihrem Leben an und die Nacht im Hotel war der Anfang. Sie musste so viel erledigen, dass ihr der Kopf schwirrte; Sie brauchte eine Wohnung, musste mit ihrem Arbeitgeber reden und eine verlässliche Betreuung für Aron finden.

Normalerweise war sie zwei bis drei Tage für die Fluggesellschaft, bei der sie angestellt war, unterwegs. Im Moment hatte sie Urlaub zum Überstundenabbau, aber sie wollte ihren Chef gleich am Montag bitten - sie zumindest vorerst - halbtags beim Bodenpersonal unterzubringen, dann wäre sie nachmittags immer zu Hause und könnte sich um Aron kümmern. Sie hatte einen Fehler gemacht, indem sie ihn öfter ihrer Mutter überließ, wenn sie keine Betreuung fand. Sie ließ ihm alles durchgehen und setzte ihm keine Grenzen. Kein Wunder, dass Arons Trotzanfälle immer schlimmer wurden. Sogar in der Kita hatte man sie schon darauf hingewiesen. Höchste Zeit die Notbremse zu ziehen.

Marie bog in ihre Einfahrt ein - und erschrak als sie das Auto ihres Mannes in der Garage entdeckte, durch die sie eigentlich das Haus betreten wollte. Warum war er nicht in der Kanzlei? War er noch im Haus? Natürlich war er das. Er ging doch nicht zu Fuß. Was sollte sie jetzt machen? Für einen Moment stieg Panik in ihr auf. Sie war noch nicht bereit, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Dann straffte sie die Schultern und stieg aus dem Auto. Sie würde sich nicht von ihrer Entscheidung abbringen lassen - ob er da war oder nicht, sie konnte ihn ja ignorieren. Das machte er mit ihr ja auch oft genug.

Sie nahm Aron aus dem Kindersitz und ging ins Haus. Alles war ruhig. Und weil Florian im Wohnzimmer nicht anzutreffen war, wurde sie mutig und sah auch in den anderen Zimmern nach. Er war nicht da. Seltsam. War sein Auto vielleicht nicht angesprungen und er hatte sich ein Taxi genommen? Egal. Marie wollte sich nicht länger den Kopf darüber zerbrechen. Stattdessen suchte sie zusammen, was sie für sich und Aron, für ein zwei Tage brauchte und packte alles in einen Koffer. Sie verließen das Haus. Zuerst setzte sie ihren Sohn wieder in den Kindersitz, dann verstaute sie den Koffer im Kofferraum, bevor sie sich hinters Steuer setzte. Mithilfe ihres Handys suchte sie ein Hotel in der Nähe. Natürlich konnte das kein Dauerzustand werden, ihr Kind brauchte ein geregeltes Leben, aber im Moment hatte sie keine andere Wahl.

Marie entschloss sich für eine Pension zwei Kilometer entfernt. Sie wollte gleich dorthin fahren und vor Ort buchen. Sie brauchte nicht viel Schnick Schnack, nur ein sauberes Zimmer, ein Kinderbett für Aron, ein ordentliches Frühstück und freundliches Personal.