Pretty Funny for a Girl - Rebecca Elliott - E-Book

Pretty Funny for a Girl E-Book

Rebecca Elliott

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Beschreibung

Haylah ist lustig. Wirklich lustig. Bevor andere über sie Witze reißen, über ihren Körper oder weil sie mit einer alleinerziehenden Mutter zusammenlebt, macht sie die Jokes lieber zuerst. Klar, dass ihre große Leidenschaft die Stand-up-Comedy ist. Trotzdem scheint es ihr unvorstellbar, dass sie mit ihren Körperformen je auf einer Bühne stehen wird! Als Haylah feststellt, dass der Junge, den sie heimlich anbetet, ihre Leidenschaft für Comedy teilt, fasst sie einen Entschluss. Sie wird ihm helfen, ein richtig großer Stand-up-Comedian zu werden! Und Leo hat mit den Witzen, die Haylah ihm schreibt, Erfolg. Sogar großen Erfolg. Offenbar erwidert er auch ihre Zuneigung – oder sollte Haylah die Warnungen ihrer beiden allerbesten Freundinnen ernst nehmen, dass er sie nur ausnutzt?

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Seitenzahl: 413

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Rebecca Elliott

Pretty Funny for a Girl

Roman

 

 

Aus dem Englischen von Birgit Schmitz

 

Über dieses Buch

Haylah ist lustig. Wirklich lustig. Bevor andere über sie Witze reißen, über ihren Körper oder weil sie mit einer alleinerziehenden Mutter zusammenlebt, macht sie die Jokes lieber zuerst. Klar, dass ihre große Leidenschaft die Stand-up-Comedy ist. Trotzdem scheint es ihr unvorstellbar, dass sie mit ihren Körperformen je auf einer Bühne stehen wird! Als Haylah feststellt, dass der Junge, den sie heimlich anbetet, ihre Leidenschaft für Comedy teilt, fasst sie einen Entschluss. Sie wird ihm helfen, ein richtig großer Stand-up-Comedian zu werden! Und Leo hat mit den Witzen, die Haylah ihm schreibt, Erfolg. Sogar großen Erfolg. Offenbar erwidert er auch ihre Zuneigung – oder sollte Haylah die Warnungen ihrer beiden allerbesten Freundinnen ernst nehmen, dass er sie nur ausnutzt?

Vita

Rebecca Elliott wollte schon als Kind Autorin und Künstlerin werden. Nachdem sie zuerst einen Abschluss in Philosophie machte und einen langweiligen Bürojob annahm, erfüllte sie sich ihren Traum und wurde Kinderbuchillustratorin. «Pretty Funny for a Girl» ist ihr erster Roman für Jugendliche.

Für Clementine. Immer für Clementine.

1

Ich trage einen hautengen schulterfreien Catsuit mit goldenen Pailletten und schwinge mein Bein über die Schulter von Ron Weasley. Wir tanzen Salsa vor einem begeisterten Studiopublikum, das komplett aus Bären besteht.

Keinen echten Bären. Gummibären.

Der Tanz endet, und sämtliche Juroren – Lady Gaga, Paddington Bär, Winston Churchill und Darth Vader – geben uns zehn Punkte. Ron Weasley küsst mich auf die Wange und sagt, das sei nur mir zu verdanken, ich tanze nicht nur wie eine Göttin, sondern sei auch noch umwerfend komisch. Ich werde rot und reiße schnell einen Witz. Die Leute brüllen vor Lachen, Ron zieht mich zurück auf die Tanzfläche, und wir tanzen Salsa bis zum Morgen.

Kann sein, dass ich träume …

Was mich etwas misstrauisch macht: Gummibären sind normalerweise nicht so groß wie Menschen, Winston Churchill ist eigentlich tot, Ron Weasley ist eine fiktive Figur, und mein echter Körper wäre zu solchen Verrenkungen nicht mal imstande, wenn es um Leben und Tod ginge. Aber mein echter Körper ist ja auch dick, und in diesem Traum bin ich, wie in allen anderen, nicht dick. Ich bin auch nicht dünn – ich bin einfach ich. Nur eben das innere Ich, das Ich-Ich. Allerdings ist mein Ich-Ich, dem aktuellen Traum nach zu urteilen, zwar nicht dick, dafür aber irgendwie schräg drauf, und es scheint in Ron Weasley verknallt zu sein, wovon ich bislang keine Ahnung hatte.

Ich will den Traum festhalten, aber er entgleitet mir, und an seine Stelle rückt prompt die Erkenntnis, dass die Musik, zu der ich mich so traumtänzerisch bewegt habe, in Wirklichkeit mein plärrendes Handy ist. Es liegt neben meinem Kopf und spielt «La Cucaracha»: mein Wecker für die Schule.

Was bedeutet, dass ich – urgh! – aufstehen muss.

Was bedeutet, dass ich mich bewegen muss.

Was völlig undenkbar ist.

Die Augen weiter fest geschlossen, lenke ich all meine Kraft in einen Arm. Er hebt sich langsam, schwenkt zum Nachttisch hinüber und verharrt dort in der Luft. Wie ein Greifautomat auf dem Jahrmarkt bewege ich meine Hand dann wiederholt nach unten und grapsche wild herum in der Hoffnung, zufällig das Telefon zu erwischen, was noch immer die nervigste Melodie spielt, die je geschrieben wurde.

Warum habe ich mir bloß eingebildet, das wäre ein prima Weckton? UND Klingelton? Muss ich wohl lustig gefunden haben. Ich ändere das später. (Weiß aber jetzt schon, dass ich’s nicht tun werde. Das geht nämlich schon seit Tagen jeden Morgen so.)

Bücher, Wassergläser und Tiegel mit Feuchtigkeitscreme (die ich nur ein-, zweimal benutzt habe, bevor mir dieses tägliche Gesichtspflegeprogramm zu öde wurde) fallen zu Boden, bis meine Fingerspitzen endlich das Handy orten. Ich umklammere es so fest, als wollte ich es erdrosseln, und ziehe es ruckartig zu mir hin.

Dann stemme ich mühsam ein Auge auf, um kurz aufs Display zu sehen, das unfassbare 6 Uhr 45 anzeigt. Niemand sollte um 6 Uhr 45 wach sein. Das ist doch Irrsinn. Ich fummele blind auf dem Ding herum, bis es mir endlich gelingt, den Weckton auszustellen.

 

Im nächsten Moment schreit Ron Weasley plötzlich gellend meinen Namen und boxt mir in den Bauch, weil ich den Foxtrott vermasselt habe.

«Haylah!»

Meine Augen klappen schlagartig auf, als ich begreife, dass Ron Weasley in Wahrheit mein vierjähriger Bruder Noah ist, der auf meinen Bauch gehüpft ist, um mich zu wecken.

«Haylah! Hay … Hay … Hay!»

«Aua – Noah! Was machst du denn?», grummele ich.

«Ich hab Hunger! Will Fühstüpp!»

Ich stoße einen Laut aus, der irgendwo zwischen Seufzer und Schluchzer liegt, als mein Blick auf das Handy fällt, das ich immer noch umklammert halte. Es ist 7 Uhr 30. Ich habe – wieder mal – verschlafen.

Ich bin gestern – wieder mal – viel zu lange aufgeblieben, um mir Comedy-Clips im Internet anzuschauen. Warum kann mein Hirn nicht um Mitternacht folgenden Gedanken fassen: Ich sehe mir das nächste Video lieber morgen an und lege mich jetzt schlafen – aus eigenem Entschluss –, anstatt mir noch einen Clip reinzuziehen und noch einen und noch einen, bis ich ins Koma sinke und mir das Handy aufs Gesicht fällt.

«Danke, liebes Mitternachtshirn», stöhne ich, ziehe die Decke über den Kopf und zappele herum, um Noah abzuschütteln. Aber er ist wie ein kleiner Meister-Rodeo-Reiter auf einem buckelnden Wildpferd und lässt sich einfach nicht abwerfen, egal, wie sehr ich strampele und wie viele Tierschutzorganisationen ich herbeirufe.

Noah kichert. Er liebt unser neues «Spiel». Also gebe ich auf, komme langsam unter der Decke hervor und blinzele ins gleißende Tageslicht wie eine schlecht gelaunte Schildkröte, die von einem psychotischen Eichhörnchen zur Unzeit aus dem Winterschlaf gerissen wurde. «Also gut», sage ich. «Ich mach ja Frühstück – geh einfach schon mal runter, ja?»

«Jetzt, jetzt, jetzt!», schreit er, auf meinem Bauch auf und ab hopsend.

«Aua – hör auf, Noah! Das tut echt weh!»

«Aber das ist wie eine Hüpfburg!», sagt er fröhlich und macht weiter.

«Danke», sage ich und ziehe die Augenbrauen hoch. Feingefühl gehört nicht gerade zu den Stärken meines kleinen Bruders. Oder vielleicht doch – für ihn ist es ja ein Vorzug, an eine Hüpfburg zu erinnern. Für einen Vierjährigen würde der ideale Körper wahrscheinlich auf- und abfedern, einen Schwanz, fünf Arme und Fell in allen Regenbogenfarben haben. Jedenfalls wäre er nicht so was Langweiliges wie schlank und schön.

Er schaut mich verwirrt an, hoppelt aber weiter. «Danke? Wofür?»

«Das war ironisch.»

Noah hört auf zu hüpfen und führt sein kleines rundes Gesicht mit den Sommersprossen näher an meines heran.

«Was ist ‹ihh-rooh-nüsch›?»

Ich komme auf die Ellenbogen hoch, bis sich unsere Nasen fast berühren. «Das ist eine sehr gute Frage, Noah», erwidere ich ernst. Dann grinse ich. «Komm, lass uns frühstücken.»

«Yeah, Füh-stüpp!»

Ich lache schnaubend. Es gibt ein paar Wörter, die Noah noch nicht richtig ausspricht. Mum sagt, dass wir ihn deswegen nicht auslachen sollen, aber manchmal fällt das extrem schwer.

«Das heißt Früh-stück», sage ich.

«Füh-stüpp!»

«Nein, versuch’s noch mal langsam: Früh-stück.»

«Füh-stüpp.»

Ich geb’s auf. «Ja, genau so. Komm!»

 

Wir stapfen nach unten – vorbei an Spielzeug, Klamotten und Büchern, die Mum immer voller Optimismus auf die Treppe legt, auf dass wir sie mit hoch in unsere Zimmer nehmen. Selbstverständlich ignorieren wir die Sachen und gehen in die Küche, wo alles vollsteht mit benutztem Geschirr, schmutzigen Töpfen, mikrowellentauglichen Verpackungen, halbvollen Konservendosen und, und, und. Kurz: Es herrscht Chaos. Ich weiß, dass ich es beseitigen sollte, aber Aufräumen ist so irre langweilig. Ich meine, noch nie hat jemand auf dem Sterbebett gelegen und gedacht: Ich wünschte, ich hätte öfter mal die Küche aufgeräumt.

Obwohl – vielleicht gibt es ja Leute, die auf dem Sterbebett denken: Ich wünschte, ich hätte mir in meiner versifften Küche nicht diesen tödlichen Keim eingefangen.

Also gut, ich räume heute Abend auf, okay?

«Hungäääh!», ruft Noah, holt einen Löffel aus der Schublade und setzt sich auf seinen Lieblingsstuhl am Küchentisch, den dunklen aus Holz mit dem rotzgrünen, fleckigen Sitzkissen aus Velours. Bei uns passt kein Möbelstück zum anderen, was aber nicht heißt, dass wir so ein schickes Sammelsurium haben, wie es heute modern ist. Unsere Möbel passen nicht nur nicht zueinander, sie passen auch nicht zu dem, was man sich unter hübschen Möbeln vorstellt.

«Was hättest du denn gern heute?», frage ich, während ich in dem Schrank mit den Frühstücksflocken herumkrame. «Cornyflakers? Rice Krispicles? Chocopops?»

Wir haben nie die echten Marken-Cornflakes, nur die billigen von der Eigenmarke unseres Supermarkts, aber Mum behauptet steif und fest, sie kämen aus exakt derselben Fabrik, nur dass die einen Cornflakes in die Packungen für die blöden Reichen gefüllt werden und die anderen in die für die schlauen armen Leute.

Noah ignoriert mich, weil er voll und ganz auf sein Spiegelbild im Löffel fixiert ist. Es steht auf dem Kopf und schneidet gruselige kleine Fratzen.

«Komm schon, Noah – entscheide dich schnell. Wir haben’s ein bisschen eilig», sage ich.

Schließlich schaufelt Noah sich «Wheaty Bixits» in den Mund, während ich alles, was irgendwie trag- und essbar ist, in sein Lunchpaket packe. Nachdem ich die normalen Fressalien für die Pause darin verstaut habe, nehme ich ein Glas Gemüsebrühe, halte es gegen das Licht und stopfe es dann auch hinein. Das ist eines unserer Lieblingsspiele. Eigentlich haben wir gar keine Zeit für so was, aber ich kann nicht widerstehen.

«Nein!», ruft er, den Löffel schon halb im Mund. «Das kann ich nicht essen!»

«Nicht? Wie wär’s dann damit?», frage ich und lege stattdessen eine Kartoffel hinein.

«Die auch nicht!», ruft er lachend, schaufelt sich aber weiter Frühstücksflocken in den Mund.

«Nein? Oh, okay. Aber das schon, oder?», sage ich und packe einen Teebeutel und zwei Spülmaschinen-Tabs dazu. Jetzt kichert er, und als ich so tue, als wollte ich noch Soßenbinder oben drüberstreuen, spuckt er hysterisch lachend Wheaty Bixits durch die Küche.

«Noah!», rufe ich und wische den Dreck weg. Aber ich bin nicht genervt. Ich liebe es, wenn ich ihn so sehr zum Lachen bringen kann, dass ihm Cornflakes aus der Nase kommen.

«Noch mal! Noch mal!», ruft er, während ich ihm das Gesicht abwische.

«Nein, wir haben echt keine Zeit mehr, Noah. Komm jetzt, iss auf!»

Ich selbst mache gerade Diät und esse deshalb nur einen Joghurt.

Und zwei Scheiben Toast.

Und ein Twix.

Dann setze ich Noah vor Mums iPad, damit ich schnell duschen gehen kann.

Im Badezimmer stelle ich mich auf die Waage. Dann fällt mir ein, dass ich mein Schlafshirt noch anhabe, also ziehe ich es aus und wiege mich erneut.

Dann fällt mir ein, dass ich mir die Haare mit einem Haargummi zusammengebunden habe, also ziehe ich es raus und überlege kurz, mir den Kopf kahl zu rasieren, denn Haare wiegen schließlich auch was, oder?

Dann erinnere ich mich daran, dass langes Haar einem runden Gesicht mehr schmeichelt, und steige wieder auf die Waage.

Dann fällt mir ein, dass ich noch nicht auf dem Klo war, also setze ich mich schnell darauf, drücke raus, was geht, und stelle mich wieder auf die Waage.

Dann fällt mir ein, dass ich mich vor dem Frühstück hätte wiegen sollen, nicht danach – das weiß doch jeder. Also schätze ich, dass ich sowieso ungefähr sechs Pfund abziehen kann.

Dann fällt mir ein, dass ich gestern Abend spät noch Pasta gegessen habe und es immer heißt, dass man sich nicht wiegen soll, wenn man Nudeln gegessen hat, weil es das Ergebnis völlig verfälscht. Also ignoriere ich die Anzeige komplett und verstecke die Waage hinter dem Wäschekorb, damit sie mich nicht länger so abschätzig und böse anglotzen kann.

Während ich unter der Dusche ein Körperpeeling mache (all die toten Hautschuppen wiegen bestimmt auch ein paar Pfund, oder?), stelle ich erschrocken fest, dass an der Außenseite meines rechten Oberschenkels ein goldener Aufkleber haftet, auf dem MADE IN CHINA steht. Wahrscheinlich hat er sich von einem von Noahs Spielzeugen abgelöst. Aber weil ich ganz schön schrubben muss, bis er abgeht, frage ich mich, wie lange er da wohl schon klebt.

O Gott, war er gestern Abend schon da, als ich schwimmen war?

Meine Tante, die sich in alles einmischt, hat mir zum Geburtstag eine Jahreskarte fürs örtliche Schwimmbad geschenkt. Um mir zu helfen, fitter zu werden, hat sie gesagt, aber natürlich meinte sie, um mir beim Abnehmen zu helfen.

Jetzt, wo ich darüber nachdenke, erinnere ich mich wieder, dass eine streng aussehende Frau mittleren Alters meine Oberschenkel angestarrt hat, als ich gestern aus dem Becken stieg. Ich dachte, sie wäre einfach nur ein bisschen seltsam, aber wahrscheinlich hat sie gedacht: Ach du lieber Himmel, machen die Chinesen jetzt auch schon unsere dicken Kinder?

Ich schätze, an dieser Stelle sollten wir mal auf den Elefanten im Raum zu sprechen kommen. Der Raum ist jeder Raum, in dem ich mich aufhalte, und der Elefant bin immer ich. Weil Elefanten dick sind. Und ich bin es auch.

Ich bin nicht irre dick, falls ihr das jetzt denkt. Ich gehöre nicht zu der Art von Dicken, über die Dokus im Nachmittagsfernsehen laufen, weil sie versehentlich eine Katze erstickt haben, als sie sich im Bett umgedreht haben, und es erst zwei Wochen später merken. Ich bin einfach normal dick. Rund und wabbelig. Und ich bin auch nicht eines von den Dickerchen, die vor allem oben oder untenrum zu viel haben – nope, ich bin überall dick. Dicker Bauch. Dicker Hintern. Und neuerdings auch dicke Titten. Die Brüste sind vor ungefähr zwei Jahren dazugekommen, und seitdem ist mein Körper eine Ansammlung von perfekt runden, sich überlappenden Ringen. Wie ein lebendes Mengendiagramm oder ein sehr einfaches und schlecht gemaltes Spirographen-Muster.

Ja, ich hab also mächtig Holz vor der Hütte. Aber auch schon bevor die Tiddies dazukamen, war ich immer dick. Meine Mum hat früher «Babyspeck» dazu gesagt, aber ich glaube, selbst sie hat inzwischen kapiert, dass sich das mit dem Baby inzwischen erledigt hat, das mit dem Speck aber leider nicht.

Ehrlich gesagt fühle ich mich aber gar nicht so, als wäre ich dick – ganz gleich, wie ich aussehe. Nicht-dicke Menschen glauben, dass dicke Menschen sich anders fühlen müssen als sie; dass wir die Welt anders wahrnehmen; dass alles, was wir denken und tun, von unserem Dicksein beeinträchtigt sein muss. Aber ich fühle mich normal (was auch immer «normal» ist). Ich fühle mich nicht schwerbeladen oder als würde ich zusätzliche Polster mit mir rumschleppen. Ich vergesse sogar, dass ich dick bin – bis ich irgendwann an einem Spiegel vorbeikomme oder beschimpft werde und mir plötzlich wieder einfällt: Ach ja, ich bin ja dick. Ich esse auch nicht permanent. Oder träume ständig vom Essen. Oder sitze rum und schlinge einen ganzen Kuchen auf einmal in mich rein. Oder stopfe mich erst total voll und hungere mich dann zu Tode.

Ich bekomme einfach Hunger. Und ich esse gern.

Ziemlich viel zu essen ist normal für mich. Aber in dieser Geschichte geht’s gar nicht um mein Gewicht. Wenn ihr also denkt, die ganze Sache hier steuert auf ein Happy End zu, an dem ich eine Erleuchtung habe und eine schlanke, sexy Gesundheitsfanatikerin werde, die Yoga macht und Mungobohnen isst (die sind jetzt in, oder?), dann habt ihr falsch gedacht, meine Lieben.

Das bin ich. Und das sind meine Riesentitten.

Akzeptiert uns oder lasst’s eben bleiben.

2

Nachdem ich es eine ganze Weile mit gutem Zureden, Betteln, Kitzeln und süßen Bestechungen versucht habe, zerre ich Noah schließlich von dem iPad weg, um ihm etwas anzuziehen, was einer Schuluniform wenigstens nahekommt. Weil er auch ganz schön moppelig ist, trägt er extraweite graue Shorts mit Gummizug, und als ich sehe, dass alle seine weißen Polohemden mit Dreck, Knete oder Rotz bekleckert sind, ziehe ich einfach ein weißes Sporthemd hinten aus seinem Schrank. Während er durchs Wohnzimmer tanzt, spüre ich, wie uns die Zeit wegrennt, und schaue hilfesuchend auf die ausgeblichene Blumenwanduhr, die mit der vorwurfsvollen Nachricht zurückschaut, dass ich, ja, schon wieder zu spät zur Schule kommen werde.

Verdammt.

Ich halte das Sporthemd vor Noah hoch. «Okay, lass uns das schnell überziehen, Noah. Wir haben es jetzt echt ein bisschen eilig.»

Er hört auf zu tanzen und betrachtet angewidert das Sporthemd.

«Aber das hat gar kein Dings!», meckert er und verschränkt die Arme über seinem runden rosa Bauch.

«Kein was?», frage ich.

«Kein Dings!», schreit er, legt seine speckigen Händchen um meinen Hals und reibt dabei aufgeweichte Wheaty Bixits in meine Schulbluse, die ausnahmsweise mal sauber in den Tag gestartet war.

«Ach so – keinen Kragen meinst du. Okay, warte kurz», sage ich.

Ich renne weg und hole einen schwarzen Edding, mit dem ich einen Kragen auf sein T-Shirt male.

«Zufrieden?», frage ich.

Er nickt heftig, während ich ihm das Shirt über den Kopf ziehe.

Als Nächstes folgt eine hektische zehnminütige Suche nach seinen Schuhen (die wir schließlich im Gefrierschrank finden, weil er gestern «so heiße Füße» hatte). Dann kommt die Sonnenmilch dran, aber weil Noah nicht stillhalten will, ist das kein leichtes Projekt, sondern so, als würde ich ein hyperaktives Äffchen mit Spraylack einsprühen.

Ich nehme unsere Schultaschen und setze Noah seine Kappe auf, dann bahnen wir uns einen Weg durch Berge von Schuhen, Jacken, Rollern und Werbeprospekten in unserem kackbraunen Flur, bis wir schließlich aus dem Haus treten. Wir sind spät dran, aber wenn wir schnell gehen, haut es vielleicht noch einigermaßen hin.

«Meine Flasche», sagt Noah, als ich gerade die Tür abgeschlossen habe.

«Oh, okay», sage ich, wobei ich meinen Unmut unterdrücken muss, gehe zurück ins Haus, suche seine Trinkflasche und fülle sie mit Wasser auf. «Sonst noch was?», schreie ich.

«Nein!», sagt er.

Ich schließe wieder ab und halte ihm die Flasche mit einem angestrengten Lächeln hin.

Er starrt sie an und sagt dann fröhlich: «Kann kein Reifenschluss.»

«Ach ja», sage ich, greife nach seiner Tasche, öffne den Reißverschluss und stopfe die Flasche hinein. Dann nehme ich seine Hand. «So, jetzt aber los!»

«Mein Lesebuch!», kreischt er.

«O Mann! Wir haben keine Zeit mehr, Noah. Heute muss es ohne gehen.»

Er verzieht das Gesicht, und ich weiß, dass ich dieses verdammte Buch holen muss, weil er sonst einen mega Anfall kriegt und wir ewig hier festhängen.

«Ist ja gut, ist ja gut!», sage ich, und schon bin ich wieder im Haus, hole das Buch, gehe raus und schließe noch mal ab. Und all das mit einem eingefrorenen Lächeln im Gesicht, damit er sich nicht aufregt.

Ich versuche, ihn im Eiltempo zum Kindergarten zu bringen, aber wie immer verhält sich Noahs Tempo gegenläufig zu meinem: Je schneller ich gehen will, desto langsamer wird er.

«Komm, Noah!», sage ich betont fröhlich, während ich ihn über den Gehsteig zerre. Aber er hört den drängenden Unterton in meiner Stimme und bleibt wie angewurzelt stehen.

«Warum bist du sauer?», fragt er.

«Ich bin nicht sauer!» Das sollte gut gelaunt klingen, kommt aber leicht hysterisch und erstickt heraus, und ich weiß, dass mir nur ungefähr zwei Sekunden Zeit bleiben, bevor der Junge explodiert. «Nur … ein klitzekleines bisschen in Eile», füge ich mit lustig verstellter Stimme hinzu, um meinen Frust zu kaschieren. Die Maskerade gelingt aber ungefähr genauso gut, wie wenn man einem Hund einen Filzhut aufsetzt und behauptet, er wäre ein Mensch.

«Wieso?»

«Weil wir spät dran sind. Das ist alles. Komm jetzt, ja?»

Ich reibe über seinen Rücken und lächele ihn an, womit ich zwar den drohenden Anfall verhindern kann, aber nur um den Preis, dass er glaubt, er könne weiter herumtrödeln.

Ich versuche, seine Hand zu nehmen, aber er streckt beide Arme nach vorn, stöhnt laut und macht einen quälend langsamen Schritt nach vorn.

«Was machst du, Noah?»

«Ich … bin … ein … Zombie …», sagt er ächzend.

«Super. Könntest du bitte ein schneller Zombie sein?»

«Zombies … sind … nicht … schnell.»

«Hm, und was wäre, wenn du das Hirn eines superschnellen Läufers gefressen hättest? Dann wärst du ein schneller Zombie.»

«So … geht … das … aber … nicht.»

«Könnte es heute ausnahmsweise trotzdem mal so gehen?»

«Nein.»

Ich beuge mich zu ihm hinunter, schaue ihm in die Augen und versuche, in einem ruhigen, geduldigen Ton mit ihm zu reden, wie Mum es tun würde, aber es klingt dann doch streng.

«Das ist aber blöd, Noah. Wir müssen schneller gehen. Wir sind SUPERspät dran. Komm jetzt!»

Seine Unterlippe bebt. O Gott, jetzt ist es so weit.

«Schon gut, schon gut», presse ich durch zusammengebissene Zähne hindurch. «Ich bin nicht sauer, guck: Ich mache ein fröhliches Gesicht!» Ich verziehe die Lippen zu einem Grinsen, was wahrscheinlich eher finster als fröhlich aussieht.

Er heult laut auf und lässt sich mit dem Hintern voraus schwerfällig auf den Rasen neben dem Gehsteig fallen.

«Du bist DOCH sauer!», weint er.

«Na ja, JETZT SCHON!», zische ich, wende mich ab und balle frustriert die Fäuste. Ich könnte schreien. Ich möchte seine kleine Hand packen und ihn notfalls bis zum Kindergarten schleifen.

Ich meine, jetzt mal ehrlich – die Leute reden dauernd davon, wie süß und unschuldig kleine Kinder sind, dabei können sie selbst die Geduld einer Heiligen auf die Probe stellen. Sogar Mutter Teresa müsste aufpassen, bei so einem nervigen Scheiß nicht total auszurasten.

Drauf und dran, Noah mal so richtig den Marsch zu blasen, drehe ich mich wieder um und schaue in sein verzerrtes, rosarotes kleines Gesicht, das inzwischen tränennass ist. Aber als er mit großen braunen Augen traurig zu mir hochblickt, verpufft meine Wut. Ich schmelze dahin und möchte nur noch eines: dass er wieder fröhlich ist.

Also kneife ich einen Moment lang fest die Augen zu, raffe alle Geduld zusammen, die ich noch aufbringen kann, und setze mich neben ihn ins Gras.

«Tut mir leid», sage ich, während er weiterschluchzt. «Sollen wir was spielen?»

«Nein.»

«Sollen wir … spielen, wir wären Züge?»

«Nein.»

«Soll ich … dir nach der Schule einen Schokoriegel schenken?»

Er schnieft. «Ein Milky Way?»

«Ja, in Ordnung, ein Milky Way.»

«Versprochen?», fragt er und hält mir seine kleine Hand hin.

«Versprochen», sage ich und schlage ein.

«Okay», sagt er, springt auf und geht weiter, als wäre nichts gewesen.

Aber ich habe ein schlechtes Gewissen, weil Mum immer sagt, wir sollten besser darauf achten, was er isst. Aber Milky Ways werden ja aus Milch gemacht, oder? Und Milch wird von Kühen hergestellt. Und Kühe fressen Gras. Und Gras ist doch quasi Gemüse und damit, wenn man es recht überlegt, quasi eins von den Dingen, die er fünfmal täglich essen soll. Quasi.

 

Nachdem ich Noah im Kindergarten abgegeben habe, renne ich das letzte Stück zu meiner Schule – bis mir die Brüste weh tun und ich die restliche Strecke walke. Mit «Walken» meine ich, dass ich die Fäuste balle und etwas schneller gehe, als ich es sonst tue. Um ehrlich zu sein, ist es weniger «Walken» als «energisches Spazierengehen».

Und natürlich komme ich zu spät.

Als ich den Tutorenraum betrete, klebt mir der Pony an der Stirn, aber immerhin ist die Lehrerin noch nicht ganz durch mit der Anwesenheitskontrolle. Der schmachvolle Gang zum Sekretariat, um meinen Namen nachtragen zu lassen, bleibt mir also erspart.

«Na, mal wieder spät dran, Haylah?», blafft Mrs. Perkins und richtet ihre spitze Nase und ihre strengen Wangenknochen auf mich aus. Wenn mein Körper aus lauter Ringen besteht, ist ihrer aus lauter Dreiecken zusammengesetzt. Sie ist wie der Eiffelturm in einer Strickjacke. Aber trotz ihrer dürren, geraden Knochigkeit ist ihre Stimme lauter als Gewehrfeuer.

«Entschuldigung, Miss», keuche ich. «Ich hab mich echt bemüht, aber …»

«Ist in Ordnung», sagt sie mit einem gönnerhaften Raubtiergrinsen. «Aber sorg dafür, dass es das letzte Mal für diese Woche ist, sonst muss ich einen Vermerk machen.»

Ich nicke. Einerseits bin ich der Frau dankbar, dass sie mich davonkommen lässt, andererseits wünschte ich, sie würde es nicht tun. Denn genauso gut könnte sie ans Whiteboard schreiben: «Haylah Swinton ist eine Loserin aus einer mittellosen, kaputten Familie, von der man wohl kaum erwarten kann, dass sie genauso funktioniert wie normale Leute».

Ich gehe nach hinten durch, wo Kasia und Chloe sitzen, wie immer. Wir drei sind schon seit der Primary School beste Freundinnen, als die einzigen Entscheidungskriterien für die Auswahl bester Freundinnen noch waren, dass sie möglichst in der Nähe wohnen und genauso auf My Little Pony und Freundschaftsarmbändchen stehen wie man selbst. Jetzt sind wir schon so lange befreundet, dass wir wie ein altes Ehepaar sind: Vielleicht wären wir ohne einander glücklicher und besser dran, aber das ist einfach keine Option mehr, weil wir uns gar nicht daran erinnern können, wie es war, ohne einander zu leben. Aber wir sind ja zu dritt. Also sind wir vielleicht eher wie ein altes Ehepaar und sein fetter, treuer Köter.

Und der bin selbstredend ich.

Als ich an ein paar Jungs vorbeikomme, pfeift Dylan – ein Großmaul, das keine Gelegenheit auslässt, Witze auf meine Kosten zu machen – ironisch durch die Zähne. Seine Freunde kichern. Also drehe ich mich zu ihnen um und mache einen Knicks. Und alle lachen. Mein Herz schlägt sofort höher. Vielleicht wird das doch noch ein guter Tag.

Es gibt kein besseres Gefühl, als Lacher abzusahnen. Da geht einfach nichts drüber. Ich meine, Gerüchten zufolge soll sich Knutschen ja auch ziemlich gut anfühlen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es mein Hirn auch nur annähernd mit so vielen Glückshormonen fluten würde. Und: Wenn du jemanden zum Lachen bringst, brauchst du seine Spucke nicht zu schlucken.

Es sei denn, dieser Jemand ist meine Tante Pam.

«Setz dich einfach hin, Haylah. Wir brauchen keinen großen Auftritt, danke», blafft Mrs. Perkins.

«Hübscher Knicks, Pig», sagt Chloe glucksend, als ich mich neben sie setze.

Jep, ich kann es euch nicht länger verschweigen: Alle nennen mich Pig, okay? Für mich geht das in Ordnung. Kriegt euch also wieder ein, damit’s weitergehen kann. Das Ganze ist eh quasi auf meinem Mist gewachsen.

 

Es hat angefangen, als wir alle noch neu in der «Schule für die Großen» und in der Kennenlernphase waren. Das erste Jahr an der Secondary School ist wie die Geburt einer dystopischen Gesellschaft. Bevor man eine Chance hatte, sich von dem Schock zu erholen, dass die Primary School plötzlich zu Ende ist, wird man schon in eine wildfremde und brutale geschlossene Gemeinschaft gestoßen, in der man sich allein durchschlagen muss. Von uns selbst bleibt nicht viel übrig, während wir uns, in die Standarduniform des neuen Regimes gequetscht, in einem wilden Gerangel gegenseitig vorgefertigte Labels aufdrücken: Streber, allgemeiner Liebling, Mobber, Loser, Superhirn, Prinzessin und so weiter. Unsere Vorgeschichten sind vergessen. Jetzt heißt es, dir schnell einen Platz in dieser neuen Ellenbogengesellschaft zu erobern, sonst stehst du am Ende allein da, ohne Freunde und ohne jede Hoffnung.

Und wenn du etwas offen mit dir rumträgst, was die Leute für einen Teil deiner Persönlichkeit halten, so wie ich, ziehen sie sofort voreilige Schlüsse. Ich war dick, was sie zu dem Schluss verleitete, ich wäre ein Loser, leichte Beute für Mobber, die ihre eigene Stärke und ihre Macht über andere demonstrieren wollen.

Zuerst kamen die üblichen Schimpfwörter: Dickerchen, Dampfwalze, Fettklops, Tonne – ihr wisst schon, das, was unterentwickelte Neandertalerhirne an Originalität eben so hergeben. Aber es dauerte nicht lange, bis einer von ihnen die Verbindung zwischen meinem Nachnamen – Swinton – und dem Wort «swine», also Schwein, herstellte. Was gleichbedeutend mit «pig» ist. Wenn ich irgendwo langging, hörte ich bald darauf, wie andere grunzten und sich leise «Pig» zuraunten. Chloe und Kasia rieten mir, es einfach zu ignorieren, aber ich beschloss, neue Wege zu gehen. Deshalb bat ich die beiden eines Tages, mich fortan auch Pig zu nennen.

«Was? Ist das dein Ernst?»

«Ja. Ich find’s ziemlich cool», sagte ich. «Ich mache mich zur Marke, indem ich mir einen neuen, aus nur einem Wort bestehenden Namen gebe, so wie andere geniale Frauen vor mir, Beyoncé zum Beispiel oder Pink. Oder Gott.»

«Ähm … Gott ist keine Frau», sagte Kasia.

«Jetzt mach aber mal einen Punkt! Er soll ein ganzes Universum erschaffen und gleichzeitig allein einen höflichen, gutgeratenen Sohn großgezogen haben? Das würde ein Mann doch nie hinkriegen.»

«Auch wieder wahr», sagte Kasia.

«Ja, aber ausgerechnet PIG?», fragte Chloe.

«Warum nicht?», gab ich zurück. «Schweine sind intelligent und niedlich, und sie schmecken großartig – alles Sachen, mit denen ich leben kann.»

Danach habe ich alle dazu genötigt, mich Pig zu nennen, und immer wenn ich jemanden im Schulflur tuscheln hörte, drehte ich mich zu ihm um, reichte ihm die Hand und sagte laut: «Ja, das bin ich. Mein Name ist Pig. Wolltest du irgendwas von mir?» Sie merkten dann sehr schnell, dass ihr Witz nicht mehr zündete. Sie zuckten die Achseln und gingen weg, und meine Freundinnen lachten, wenn ich die Arme hochwarf und ihnen stolz hinterherrief: «Ja, echt, ich bin Pig! Vergesst das nicht!» Es funktionierte. Die Mobber ließen von mir ab und wandten sich der nächsten leichten Beute zu, weil ich auf diese Weise klargestellt hatte, dass ich kein Opfer bin. Ich bin nicht der Witz. Ich mache die Witze.

Allerdings weiß ich noch gut, dass ich mich an dem Tag, als ich beschloss, mich Pig zu nennen, in den Schlaf geweint habe.

Heute bin ich einfach an den Namen gewöhnt. Er macht mir nichts mehr aus. Nicht wirklich. Die Pointe hab wenigstens ich geschrieben.

 

«So, alle mal herhören», ruft Mrs. Perkins mit ihrer durchdringenden Stimme, «heute ist Schulversammlung. Sucht also eure Sachen zusammen und begebt euch bitte LEISE in die Aula!»

Ihre Bitte um Ruhe wird ungefähr zwei Sekunden lang respektiert. Je mehr Stühle geräuschvoll über den Boden schrappen und je mehr Reißverschlüsse zugezogen werden, desto lauter wird auch das Gelächter und Gequatsche, und bald schreien sich die Ersten auch wieder quer durch den Raum hysterisch an. Mrs. Perkins ist von dieser Schlappe nicht weiter überrascht. Sie verdreht nur die Augen und verlässt den Raum, und die Klasse folgt ihr nach und nach. Das ist das Coole an einer so beschissenen Schule wie meiner – die Lehrer sind ungefähr genauso scharf darauf, die Vorschriften durchzusetzen, wie wir, sie einzuhalten.

Ich sehe, dass Chloe immer noch an ihrem Platz sitzt und ihr Make-up auffrischt. Sie schminkt sich sehr viel mehr als wir anderen. Ich selbst hab, ehrlich gesagt, keinen Dunst, was ich mit dem ganzen Zeug anstellen soll. Das letzte Mal, als ich versucht habe, Eyeliner aufzutragen, musste ich niesen und bin dabei so fest mit dem Kopf gegen den Spiegel geknallt, dass Mum mich mit einer Gehirnerschütterung in die Notfallambulanz bringen musste. Das war zwar schlimm, aber lange nicht so schlimm wie das Gezeter von Mum, die mir erklärte, sich zu schminken verstoße gegen unsere feministischen Prinzipien.

«Du bist hübsch, so wie du bist, Haylah», grummelte sie. «Ich wüsste wirklich nicht, warum du dir das Gesicht mit diesem Mist zukleistern solltest, nur um irgendwelchen Jungs zu gefallen! Ich meine, komm schon, Hay, wir alle in der Familie sind für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, und dann gehst du hin und schlägst dich beinahe selbst k.o., weil du deine Augen auf ‹sexy› schminken willst? Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn ein Junge einem Mädchen in die Augen schaut und sieht, dass sie nicht mindestens die Wimpern getuscht hat. Ich meine, Schockschwerenot! Wie sollte sich der arme Kerl je von diesem grauenhaften Anblick erholen?»

Ich habe mir die Bemerkung gespart, dass wir, wenn man das konsequent weiterdenkt, absolut gar nichts mehr tun sollten, um attraktiver zu wirken. Wir sollten uns nicht waschen, keine BHs tragen, nicht zum Friseur gehen und auch keine hübschen Sachen anziehen, weil echte Feministinnen als ungepflegte, stinkende, haarige Witzfiguren mit Hängetitten durch die Welt laufen sollten. Das Problem ist, dass du dann schlecht erwarten kannst, dass dir irgendwer nahe sein will, geschweige denn, dass er Lust auf dich bekommt.

Ich habe ihr weder das gesagt, noch habe ich ihr erklärt, dass ich gar nicht vorhatte, mich zu schminken, um Jungs anzulocken. Ich hatte nämlich bloß Langeweile und wollte mir eigentlich noch einen kleinen Jack-Sparrow-Bart aufmalen und Chloe und Kasia dann ein Selfie von mir schicken, mit der Bildunterschrift: «Ihr sagt doch immer, ich soll mehr Make-up tragen. Ist das so gut?» Stattdessen habe ich einfach leise zu dem pochenden Schmerz in meinem Schädel vor mich hin gestöhnt.

Mum ist Krankenschwester, und da sie mich ins Krankenhaus gebracht hat, muss ich wirklich schlimm ausgesehen haben. Du musst schon halb tot sein, damit sie dir ein bisschen Aspirin gibt, geschweige denn ihre Kolleginnen mit deinen Wehwehchen belästigt.

Chloe weiß sehr gut, wie man sich schminkt, auch wenn sie es (zumindest in Mums Augen) aus zweifelhaften Gründen tut. Sie orientiert sich an ihrer älteren Schwester Freya, die eine Ausbildung zur Kosmetikerin macht und außerdem als Model arbeitet. Nun ja, das behauptet sie jedenfalls, auch wenn sie bislang nur für den Flyer einer örtlichen Autowerkstatt posiert und im Internet irgendwelchen dubiosen Kram unter dem Namen «Kylie McGylie» gemacht hat.

Aber wie auch immer. Jedenfalls hat Freya Chloe alles beigebracht, was sie über Foundation, Contouring, Multi-Masking, Mörtel-Spreading und Pickel-Pimping weiß. Okay, die letzten beiden habe ich mir ausgedacht, aber ich meine, was zum Henker? Mal ganz abgesehen vom Feminismus und dem Risiko von Hirnschäden: Solange keiner ein Rouge erfindet, das meine Wangen weniger aussehen lässt wie zwei dicke, überreife Pfirsiche, hat es in meinen Augen wenig Sinn, dass ich mich schminke.

Chloe sieht allerdings immer toll aus. Na ja, ein bisschen nuttig, aber toll. Sie hat einen perfekt gestylten kurzen blonden Bob, Wangenknochen, an denen man ein Ei aufschlagen könnte, und Augenbrauen, die ein Kunstwerk für sich sind: Sie erinnern an elegante Taubenflügel und nicht an haarige Raupen, die sich zum Zweikampf rüsten, wie meine ungezupften Biester.

Während Chloe großzügig Lidschatten aufträgt, holt Kasia eine Bürste von der Größe eines Tennisschlägers raus und zieht sie durch ihr langes dunkles Haar. Kasia ist nicht so makellos schön wie Chloe und findet sich auch selbst nicht hübsch, aber alle anderen tun es. Und ja, ihre Stirn ist womöglich etwas breiter als eine durchschnittliche Stirn, aber ihr kleines Kinn verleiht ihrem Gesicht eine Herzform, und ihre permanent leicht zusammengekniffenen Augen lassen sie immer so aussehen, als würde sie jeden Moment einen hysterischen Anfall bekommen.

«O Gott, ich hatte ganz vergessen, dass heute Schülerversammlung ist. Wer spricht denn?», sagt sie mit ihrem leichten Akzent. Ach ja, sie ist Polin und hat, bis sie ungefähr fünf war, in Polen gelebt. Und obwohl sich das meiste davon längst abgeschliffen hat, klingt in ihrer Art zu sprechen immer noch ganz leicht ein fernes Land durch. Dieser sinnliche fremde Akzent wirkt sich also auch noch zu ihren Gunsten aus. Total unfair. Ich meine, wäre es denn wirklich zu viel von Mum verlangt gewesen, mich als Kind ein paar Jahre in ein osteuropäisches Land zu geben, bis ich einen sexy Akzent angenommen hätte?

«Oh, bitte, versprich mir, dass Mr. Jacobs nicht wieder vom Krieg erzählt», sagt Chloe zu ihrem Spiegelbild.

Und sofort imitiere ich Mr. Jacobs: leise Stimme, nuscheln, Augen groß aufreißen, schottischer Akzent. «Stellt euch vor, ihr wärt dort … in einem Graben … knietief in Exkrementen … und Matsch … und noch mehr Exkrementen … Ihr wisst nicht mehr, welcher Wochentag ist … Ihr könnt nicht mehr klar denken … Und über den ganzen Lärm und das Getöse von Tod und Zerstörung hinweg hört ihr auch nichts mehr … Ihr habt seit Tagen nicht geschlafen … Dieses Wochenende auf dem Glastonbury Festival war wirklich die Hölle, das kann ich euch sagen.»

Kasia und Chloe lachen beide, und ich lächele und habe innendrin ein schönes warmes Gefühl.

«Los, kommt, wir gehen besser», sagt Chloe.

 

In der Aula sind alle erleichtert, als der Schulleiter, Mr. Humphrey (der seinen Mangel an Persönlichkeit mit auffälligen Krawatten wettzumachen versucht), die alljährliche Talentshow aller Häuser ankündigt. Das bedeutet im Grunde nichts anderes, als dass jedes Haus einen Deppen auswählt, der den am Ende des Trimesters stattfindenden Wettbewerb «Castle Parks Supertalent» durchläuft. Und falls ihr gerade denkt: Oh, là, là, «Häuser» – wie vornehm, glaubt mir, das ist es nicht. Unsere Häuser sind einfach nur eine willkürliche Aufteilung der Schülerschaft in drei Pulks, die «Häuser» genannt werden, so als könnte man den Leuten auf die Tour weismachen, das hier sei eine piekfeine Schule wie Eton und keine schäbige Gesamtschule in einer benachteiligten, hässlichen Ecke von Suffolk.

Hinzu kommt, dass die Häuser nach berühmten Söhnen und Töchtern unseres Ortes benannt sind, was ja in Ordnung geht, wenn man zum Orwell-Haus oder zum Britten-Haus gehört, aber das dritte Haus hat seinen Namen von Elisabeth Frink, einer Bildhauerin. Das Dumme ist nur, dass keiner je von ihr gehört hat und Frink dazu auch noch ein grundlustiges Wort ist. «Na, hast du’s bis ins Frink-Haus geschafft?», hat sich unter den Jungs zu einer Art Code entwickelt, mit dem sie sich darüber austauschen, ob sie am Abend zuvor ihre Freundinnen flachgelegt haben. Darum will natürlich jeder zum Orwell- oder zum Britten-Haus gehören. Und ich bin selbstverständlich im Frink-Haus gelandet.

Der ganze Wettbewerb ist eine einzige endlose Peinlichkeit. Aber immer noch besser, als wenn Mr. Jacobs vorn am Mikrophon steht und wir uns vorstellen sollen, wie all unsere Freunde erschossen oder von Granatsplittern entstellt werden.

Der erste Vortragende ist Henry aus der siebten Klasse. Henry ist auch ein Frinker und wurde nur deswegen ausgewählt, weil er sich als Einziger freiwillig gemeldet hat. Falls ihr euch fragt, warum ich mich nicht gemeldet habe: Nun, was ich in meinen Träumen tue, ist das Eine, aber ich könnte genauso wenig vor einem Raum voller Menschen auf eine Bühne treten, wie ich Noah dazu bringen könnte, einen Teller Broccoli zu essen. Beides würde damit enden, dass ich als Häufchen Elend am Boden liegen und mit Gemüse beworfen würde.

Henry aus der siebten Klasse dagegen hat sich mit Freuden gemeldet, weil er felsenfest davon überzeugt ist, ein großartiger Magier zu sein. Fairerweise muss man sagen, dass er wahrscheinlich wirklich ein großartiger Magier wäre, wenn er über normale soziale Kompetenzen verfügen würde, über eine Stimme, die man noch einen Meter weiter hören kann, über brauchbare Requisiten und über ein gewisses Talent zum Vorführen von Zauberkunststücken. Leider ist ihm jedoch nichts davon gegeben.

Er nuschelt vor sich hin, seine Requisiten sind Schrott – und an einer Stelle bleibt er mit seiner Gürtelschnalle an dem schwarzen Tischtuch hängen und enthüllt so das weiße Plüschkaninchen, das er eigentlich erst im Finale aus seiner Baseballkappe hervorzaubern wollte. Also setzt er eine andere Nummer an den Schluss und zieht eine gefaltete, übergroße Spielkarte aus seiner Tasche, die der entsprechen soll, die Mr. Humphrey vorher zufällig von einem größeren Stapel ausgewählt hat. Nur dass Henry die falsche Karte hochhält.

Er starrt die Karte an.

Wir starren die Karte an.

Und einen Moment lang sieht es so aus, als würde er in Tränen ausbrechen. Deshalb fange ich schnell an zu klatschen, was die anderen glücklicherweise zum Mitmachen animiert, sodass Mr. Humphrey ihn von der Bühne komplimentieren kann, indem er ruft: «Vielen Dank, Henry, oder sollte ich sagen: der Phantastische Henry?»

Nein, denken alle, sollten Sie nicht.

Als Nächstes ist Jinny dran, ein Mädchen aus dem Britten-Haus, das in die neunte Klasse geht. Sie singt einen Song von Adele zu einem Karaoke-Playback und macht das gar nicht so übel. So richtig toll leider auch nicht, aber nach dem Phantastischen Henry kann selbst eine Passable Jinny Eindruck schinden.

Als Letztes ist der Kandidat aus dem Orwell-Haus dran, und zum allgemeinen Erstaunen ist es niemand von den Strebern oder Prinzessinnen, sondern Leo. Als er auf die Seitenbühne tritt und darauf wartet, aufgerufen zu werden, geht ein Raunen des Staunens und der Bewunderung durch den Saal.

Ah, Leo. Alle kennen Leo. Er ist ein großer, lässiger und cooler Typ aus dem Jahrgang zwei Jahre über uns. Er hat ein Lächeln, mit dem er den Weltfrieden stiften könnte, und seine Stimme ist so weich und geschmeidig, dass man sie sich aufs Brot schmieren möchte. Ahhh, Leo.

«Ohhh, der leckere Leo!», flüstert Chloe.

«Der ist sooo süß», schnurrt Kasia.

«Ugh, bitte, Leute – ihr klingt wie eine Puddingwerbung. Hört sofort auf», sage ich. Ich meine, sicher, mir gefällt er auch, aber ich erniedrige mich doch nicht selbst, indem ich zugebe, auf jemanden zu stehen, der eindeutig in einer völlig anderen Liga spielt. «Was glaubt ihr, was er vorhat?»

«O Gott, ich hoffe, er tanzt», sagt Kasia.

«Solange er mit nacktem Oberkörper tanzt, gern», sagt Chloe.

«Natürlich», erwidert Kasia kichernd.

«Ist das euer Ernst, Ladys? Ich meine, was würdet ihr sagen, wenn Jungs so über euch reden würden?», gebe ich zu bedenken.

«O Gott, ich wünschte, es wäre so», antwortet Chloe mit einem Lächeln, das klarmacht, dass sie mich provozieren will.

«Ooohhh ja, ich auch», sagt Kasia mit einem ebenso bösen Grinsen. «Ich würde mich liebend gern zum Objekt machen lassen.»

Ich mache gute Miene zum bösen Spiel. «Gut zu wissen, dass die Anstrengungen von Emmeline Pankhurst nicht an euch verschwendet waren», sage ich in einem übertrieben sarkastischen Ton.

«Emmeline wer?», fragt Chloe.

«Pankhurst! Die Suffragette! Frauenemanzipation!», flüstere ich laut. Und als sie und Kasia erneut loskichern, merke ich, dass sie mich immer noch aufziehen.

«Ha, ha, sehr witzig», sage ich, bevor wir alle unser Lachen unterdrücken müssen, weil Mr. Humphrey Leo nun ankündigt.

Ich wette, er singt auch noch dazu, denke ich. Ich meine, ein so beliebter Typ wie er braucht nicht mal wirklich Talent zu haben. Er braucht nur den Mund aufzumachen und zu bellen, und der Großteil des Publikums schmilzt dahin.

«Als Nächstes ist Leo Jackson an der Reihe. Er tritt heute Morgen als Stand-up-Comedian an.»

Moment mal, was? Ich sitze sofort kerzengerade da, als hätte mich jemand gerade erst vollständig aufgeblasen, und starre Leo mit großen Augen an.

«Klingt so, als wäre seine Show eher was für dich, Pig!», flüstert Chloe.

«Psst!», mache ich und rutsche nach vorn auf die Stuhlkante, ohne Leo auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Ja, sicher, teilweise auch, weil ich froh über den Vorwand bin, Leo Jackson ununterbrochen anstarren zu können. Aber vor allem, weil ich Stand-up-Comedy noch nie live gesehen habe. Bislang habe ich mir solche Auftritte ausschließlich im Fernsehen und im Internet angeguckt, dafür aber in rauen Mengen.

Die Wahrheit ist, dass ich besessen von allem bin, was komisch ist, und jeden Tag Stunden mit Comedy und Comedians verbringe. Ich gucke mir ihre Stand-up-Acts im Internet an, höre ihre Podcasts und lese jedes Buch über Comedy und Comedians, das ich in die Finger kriege. Und wenn ich keine Comedy schaue oder höre, schreibe ich heimlich meine eigenen Sachen und träume (noch heimlicher) davon, dass ich eines Tages vielleicht mal den Mut aufbringen werde, sie selbst vorzutragen. Wozu es wahrscheinlich nie kommt. Aber ich hege die Hoffnung, meine Persönlichkeit in, sagen wir, zehn Jahren so komplett ausgewechselt zu haben, dass mich die Vorstellung, meine Seele öffentlich zu entblößen, nur damit die Leute dann mit den Füßen darauf rumtrampeln, nicht mehr erschreckt. Humor ist alles für mich – er ist das, was mich im Innersten ausmacht. Ich suche ihn in allem, was mich umgibt. Wenn du in dieser ernsten Welt, die zu häufig voller Schmerz und Grausamkeit ist, etwas Komisches entdeckst, ist das so, als würdest du einen Diamanten in einem Scheißhaufen finden. Es ist kostbar. Vielleicht das Kostbarste überhaupt.

Geld, Schönheit, Ruhm, Macht? Kein Interesse. Ich möchte nichts weiter als Leute zum Lachen bringen. Ich möchte etwas sagen können, das anderen ins Hirn schießt, und sie einen Moment lang nichts anderes empfinden lässt als Glück … Vergesst den Phantastischen Henry – das ist wahre Magie. Plötzlich stellt sich heraus, dass jemand meine Liebe zum Komischen teilt, und dann ist es auch noch Leo Jackson!

«Ich wusste gar nicht, dass Leo Comedy macht», flüstert Kasia.

«Pssst, sei still! Ich will das hören!», flüstere ich laut zurück, ohne den Blick von ihm abzuwenden.

«Ooohhh, ich glaube, Pig ist verliiiebt», sagt Chloe.

«Vergiss es, Pig – der Typ ist megabeliebt. Er würde niemals auch nur ein Wort mit uns reden», sagt Kasia.

«Ist mir klar! Jetzt seid schon still!»

Mir stellen sich die Nackenhaare auf, als Leo sich räuspert und nach dem Mikrophon greift. Ich habe mir schon so oft vorgestellt, genau das zu tun, und selbst in meiner Phantasie kann ich das Mikro vor lauter Nervosität kaum halten.

Ich fühle, was er fühlen muss, da einige von den Schmetterlingen in seinem Bauch auch durch meinen flattern. Du musst Nerven wie Drahtseile haben, um dich vor einen Raum voller Leute zu stellen – ohne Musik, ohne Requisiten, ohne irgendjemanden, der dir aushelfen kann, wenn du deinen Text vergisst: nur du selbst, ein Mikrophon und ein Publikum, von dem du inständig hoffst, dass es dich komisch finden wird. Wenn du ein schlechter Sänger bist oder meinetwegen ein schlechter Magier, dann klatschen die Leute trotzdem am Ende. Aber wenn du Witze machst und die Leute nicht lachen, dann kann das noch so viel Applaus am Ende nicht ausgleichen.

Wer als Stand-up-Comedian auftritt, setzt sich aus freien Stücken einer möglicherweise totalen öffentlichen Blamage aus. Deshalb hätte ich niemals die Nerven dafür.

Leo dagegen hat sie. Und während ich ihm dabei zusehe, wie er mutig das Mikrophon nimmt, ist mir, als hätte gerade jemand meine Eingeweide durch warme, energiegeladene Katzenbabys ersetzt, was zwar wahnsinnig aufreibend, aber zugleich auch seltsam angenehm ist.

Ich habe noch nie jemanden getroffen, der genauso verrückt nach Comedy ist wie ich. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der bescheuert genug ist, sich dem auszusetzen, nur um andere zu belustigen.

Es ist lächerlich, ich weiß, aber in diesem Moment habe ich das Gefühl, ihn zu verstehen, wahrscheinlich mehr als jeder andere ihn jemals verstehen könnte, und dass er mich, wenn er mich kennen würde, ganz sicher auch verstehen würde.

Und mir wird klar, dass ich mich, wenn er gut ist, wenn er mich zum Lachen bringt, bestimmt auf der Stelle in Leo Jackson verlieben werde.

Was wahrscheinlich nicht die beste Idee der Welt ist, wenn man bedenkt, dass er der beliebteste Junge der ganzen Schule ist und ich, nun ja, ich bin.

Oh, bitte, sei nicht gut, Leo. Bitte, sei nicht gut.

3

Aber natürlich ist Leo gut.

Mehr als gut. Er ist großartig.

Er muss nervös sein, aber davon merkt man kaum was. Mit einer Hand in der Hosentasche nimmt er das Mikro aus dem Ständer und hält es unter sein freundliches breites Lächeln. Es ist ein Lächeln, das auf einer Seite beginnt, und dann gibt’s so eine hinreißende Minipause, bevor die andere Seite nachzieht. Ein Lächeln, das von seinen ausdrucksstarken, nach oben zeigenden Augenbrauen ergänzt und von arrogant in verletzlich und schließlich keck verwandelt wird. Kein Lächeln, das dir das Gefühl vermittelt, dass er sich wichtig nimmt, sondern ein Lächeln, das dir das Gefühl gibt, dass er dich wichtig nimmt. Ein Lächeln, das allen im Raum das Gefühl vermittelt, es würde nur ihnen und ihnen allein gelten. Ein Lächeln, das dir das Gefühl gibt, dass alles gut wird. Und mit dem er das Publikum sofort auf seine Seite zieht. Natürlich sind ohnehin alle auf seiner Seite. Denn da vorn steht schließlich Leo.

Er holt tief Luft und sagt unnötigerweise: «Hallo, ich bin Leo.»

Seine Freunde ganz hinten in der Aula fangen wie aufs Stichwort an zu jubeln und zu grölen.

Er beginnt ganz langsam und leise, er verhaspelt sich nicht, und er scheut sich auch nicht, bestimmte Formulierungen mit großer Geste zu unterstreichen oder am Ende jedes Gags lange Pausen zu lassen, die der Saal bereitwillig mit Gelächter und Jubel ausfüllt. Ich wusste ja, dass Leo beliebt ist, aber ich dachte, das läge an seinem Aussehen. Woher zum Teufel hat er dieses komödiantische Selbstvertrauen? Und, falls er mehr davon hat, als er braucht, kann ich was davon abhaben?

Er steigt mit ein paar knackigen Onelinern ein, aber erst beim Anekdotenerzählen kommt er so richtig in Fahrt.

«Okay, also ich bin ja vor kurzem sechzehn geworden …»

Seine Freunde jauchzen. Er nickt, um sie anzufeuern.

«Danke, aber ich weiß ja nicht. Ich bin mir gar nicht sicher, ob das so was Tolles ist. Ich meine, ich bin ja noch nicht erwachsen – das kommt erst mit achtzehn. Stattdessen bin ich jetzt in so eine seltsame Grauzone zwischen Kindheit und Erwachsenenalter geraten. Ich bin so was wie ein Mutant, halb Mann, halb Kind. Was man beispielsweise daran erkennt, dass ich zwar immer noch Videospiele spiele, jetzt aber nachher die Konsolen wegräume. Ich esse weiter Sandwiches mit Coco-Pops, ekle mich aber, wenn ich’s tue, auch ein bisschen vor mir selbst.»

O Gott, er ist irrsinnig niedlich, und dann nimmt er sich auch noch selbst auf die Schippe. Wenn er doch nur total von sich selbst eingenommen wäre, dann könnte ich ihn blöd finden, aber das … Jetzt möchte ich nur noch unter seinen Pulli kriechen und ihn nie mehr loslassen.

Die gesamte Aula biegt sich inzwischen vor Lachen.

«Wow, er ist richtig gut!», flüstert Chloe.

«Hör auf zu sabbern, Pig – den kannst du so was von vergessen!», sagt Kasia und knufft mich in die Seite.

«Klappe!», zische ich, weil ich nicht ein einziges Wort von Leo verpassen möchte. Und vielleicht wische ich mir auch ein bisschen Sabber vom Kinn.

«Ich hab ja jetzt auch ein paar ‹Rechte›», fährt er fort. «Juristisch gesehen, meine ich. Ja, ich hab das im Internet nachgelesen. Mir eine Liste gemacht und alles.»

Er wühlt in seiner Tasche und zieht einen Zettel heraus.

«Sind echt aufregende Sachen dabei. Ich meine, welcher Fünfzehnjährige freut sich nicht wie verrückt auf seinen nächsten Geburtstag, wenn er dann endlich einer Gewerkschaft beitreten, seinen Hausarzt selbst aussuchen und Staatsanleihen kaufen darf? Geil, oder?»

Er hebt eine Hand und läuft vorn am Bühnenrand auf und ab, als wäre das sein natürlicher Lebensraum. Als wäre es das Leichteste von der Welt, sich vor einen Raum voller Menschen zu stellen und sie zum Lachen zu bringen.

«Okay, die meisten von diesen Rechten sind ziemlich unaufregend, aber es sind auch ein paar dabei, die sind echt interessant. Zum Beispiel das: Ich darf zwar noch nicht Auto fahren, bin aber berechtigt, einen Pilotenschein für Segelflieger zu machen. Ja, wirklich, ich darf ein echtes Flugzeug steuern, am echten Himmel, hoch über den Köpfen anderer Menschen. Ich meine, wer das