Probandenqual - Jürgen Will - E-Book

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Jürgen Will

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Beschreibung

Nachdem Hauptkommissar Jan-Wilbur Jergens wegen angeblicher Verfehlungen gegenüber seiner Kollegin Vanessa van Aken vom Dienst suspendiert wurde, liegt es nun an Hauptkommissar Roman Alberts, die alltäglichen Routinearbeiten zu erledigen. Er vermisst seinen Kollegen – auch wenn er das nie so zugeben würde. Zumindest hört er dessen laute, „therapeutische“ Musik in der gemeinsamen Wohngemeinschaft der Kommissare und weiß so, dass es ihm einigermaßen gut geht. Klärt sich die Angelegenheit auf, sodass Alberts sich nicht allein des Falls eines vermissten Urbexers annehmen muss? Der junge Mann war auf der Erkundung eines Lost Places und kam nicht mehr zurück. Doch damit nicht genug: Nahe des verlassenen Militärgeländes verschwindet ein Auslieferungsfahrer, dessen Transporter viele Kilometer entfernt im Wald entdeckt wird. Die Security, die das verlassene Areal bewacht, wirkt ebenso verdächtig wie das Verschwinden des Fahrers und des Unfallopfers. Haben die Sicherheitsleute etwas damit zu tun? Und warum wird ein seit Jahren leerstehender Komplex überhaupt so stark bewacht? Erneut ermittelt das Team aus Öldenettel – und stößt auf Vorgänge, die weit über normale Verbrechen und Motive hinausgehen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Probandenqual

Ein Fall für Jergens & Alberts

von Jürgen Will

Copyright: 2025

Jürgen Will

Erste Auflage

Impressum:

Schreibstark-Verlag

Saalburgstr 30, 61267 Neu Anspach

Das Frontcover wurde mit Mid Journey und Photoshop erstellt

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Die Handlung und alle Namen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit existierenden Personen oder tatsächlichen Geschehnissen wäre rein zufällig.

Kapitel 1

Sie hat Seitenstiche und kann vor Erschöpfung kaum mehr atmen. Ihre Füße schmerzen und die Beine sind kurz davor, ihren Dienst zu verweigern. Gehetzt blickt sie sich um. Hinter ihr das Wäldchen, das sie hastig rennend durchquert hat. Vor ihr eine Weide, an deren anderer Seite es scheinbar in ein weiteres Wäldchen geht. Die Flüchtige steht auf einem Schotterweg, der parallel zum Wäldchen und der Weide verläuft. Würde sie ihm nach links folgen, könnte sie eventuell eine Straße erreichen und jemanden finden, der ihr womöglich helfen würde. Das setzt aber voraus, dass die Straße befahren ist, was in dieser einsamen Gegend eher nicht der Fall sein dürfte. Dem Weg nach rechts zu folgen kommt nicht in Frage, denn ihre Verfolger kämen ihr dann sicher aus der Richtung entgegen. Dann wäre ihre Flucht vergebens gewesen. Die Strafe für ihre Tat will sie sich jetzt nicht ausmalen, aber es würde grausam sein, da ist sie sich sicher.

Eine Entscheidung muss schnell getroffen werden. Hinter sich hört die junge Frau die Motorengeräusche der Quads, auf denen die Männer ihr seit ihrer Flucht folgen. Sie kommen hörbar näher. Hektisch schaut sie hinter sich in den Wald, kann aber noch niemanden darin entdecken. Dichte Büsche, in denen sie sich verstecken könnte, gibt es nicht.

Sie fasst einen Entschluss und läuft über die kleine Böschung die wenigen Schritte zur Weide hinüber, die mit einem Weidezaun begrenzt ist. Vorsichtig zwängt sie sich zwischen dem oberen und dem unteren Draht durch. Trotzdem bleibt sie mit ihrem weißen Leibchen an einem der scharfen Grate der abstehenden Enden hängen. Bei dem Versuch, sich zu befreien, reißt sie sich einen kleinen Fetzen aus dem Stoff, der am Draht hängenbleibt. Ein stechender Schmerz durchfährt ihren Fuß, als sie ihn über den unteren Draht ziehen will und sich an einem anderen Grat des Stacheldrahts einen langen, blutenden Riss ins Fleisch auf der Oberseite ihres Fußes reißt.

Nachdem sie durch den Zaun hindurch geklettert ist, rennt sie, in der Hoffnung, die Böschung am anderen Ende der Weide zu erreichen, bevor die Verfolger sie sehen, los. Die Verfolgte ignoriert den Schmerz und mobilisiert ihre letzten Kräfte.

Die Motorengeräusche hinter ihr nähern sich. Nur gut, dass sie durch den Wald geflohen ist und sich gegen den Weg entschieden hat, denn dort hätten die Männer sie womöglich längst eingeholt. Sie hofft, dass der Stacheldraht die drei Quadfahrer zumindest etwas aufhalten würde, sodass sie nach einem Versteck oder alternativ einem Autofahrer Ausschau halten könnte.

Mit ihrer letzten verbleibenden Kraft und schwer atmend gelingt es ihr, die Weide zu überqueren. Sie ist nur durch eine Wallhecke von der Straße getrennt, auf der in diesem Moment ein Fahrzeug vorbeifährt. Doch die Flüchtende ist noch zu weit entfernt, um sich bemerkbar zu machen. Mit einem letzten Aufbäumen gelingt es ihr, sich in die Wallhecke vor den Blicken der Verfolger, die eine Möglichkeit gefunden haben, mit den Quads auf die Weide zu gelangen, im dichten Gebüsch zu verbergen. Schnell atmend und mit schmerzenden Wunden, legt sie sich flach auf den Boden unter die Hecken. Sie hofft, dass sie dadurch vor den Blicken der Männer, die sie verfolgen, verborgen bleibt.

Obwohl sie auf dem Boden liegt, wird ihr schummerig und sie ist einer Ohnmacht nah, was der Erschöpfung nach der ungewohnten Anstrengung geschuldet ist. Immerhin hatte sie viele Monate in einem Bett gelegen, das sie höchstens eine Stunde am Tag verlassen konnte, um ein wenig Bewegung zu bekommen. Wäre sie früher nicht eine aktive Leichtathletin gewesen, hätte ihr Körper sicherlich viel eher Tribut für die übermäßige Anstrengung gefordert.

Die Motorengeräusche der Off-Road-Fahrzeuge nähern sich und als sie den Kopf dreht, um durch die Hecke auf die Weide zu schauen, bleibt ihr vor Schreck beinahe das Herz stehen: Die Verfolger sind bis auf wenige Meter an ihr Versteck herangekommen. Sie stoppen ihre Fahrzeuge und rufen sich gegenseitig etwas zu. Da der Wind aus Richtung der Flüchtenden kommt, kann sie nicht verstehen, was die Männer rufen. Dann steigen sie wieder auf die Vierrad-Bikes und teilen sich auf. Einer fährt aus ihrer Sicht nach links auf der Weide weiter, ein zweiter Verfolger nach rechts und der dritte Mann kommt geradewegs auf ihr Versteck zu gefahren. Ihr bleiben höchstens zwei Minuten, bis er sie erreichen und dann vermutlich entdecken wird. Sie muss weiter fliehen und hoffen, dass die Quads durch die Knicks, wie Abgrenzungen von Feldern und Weiden in Norddeutschland genannt werden, nicht einfach durchbrechen können. Sie kriecht unter der Hecke weiter in Richtung der Straße, von der sie aber nicht genau weiß, wie weit sie entfernt ist. Dann springt sie auf und rennt los.

„Itze, kitze Mägik!“, singt Andreas den Refrain des berühmten Queen-Songs, der aus dem Radio im Führerhaus seines Mercedes Sprinters ertönt, lauthals mit. Heute ist ein guter Tag, denn er hat eine neue Tour als Auslieferungsfahrer bekommen, die mehr Kilometer umfasst und somit mehr Arbeitsstunden bedeutet, was sich in einer höheren Bezahlung für ihn bemerkbar machen wird.

Andreas singt gerne, meist aber falsche Texte, da er kaum Englisch versteht, und ist glücklich, dass er mit seinem „Truck“, wie er seinen Transporter nennt, unterwegs sein kann. Mehr benötigt er nicht zum Glücklichsein. Er fährt schon seit mehr als dreißig Jahren als Auslieferungsfahrer, würde auch gerne einen echten Truck fahren, am liebsten einen wie Kris Kristofferson in Andreas' Lieblingsfilm «Convoy». Doch dieser Traum ließ sich bisher nicht erfüllen.

„Referent Blue Jeans“ von Neil Diamond singend und ein wenig in Gedanken versunken fährt er über die kleine Landstraße unweit von Öldenettel in Richtung Wiesmoor. Als er durch eine langgezogene Kurve fährt, sieht er auf der rechten Seite auf einem Feldweg zwei Männer in Richtung der Straße laufen. Sie tragen schwarze Kleidung wie er sie von Security-Kräften kennt. Einer hat ein Sprechfunkgerät in der Hand, der andere einen Schlagstock. Andreas erscheint es zwar etwas ungewöhnlich, denkt sich aber nichts dabei, da hier in der Nähe verlassene Militäranlagen stehen. Deshalb vermutet er, dass die Sicherheitskräfte dort Streife laufen, damit keiner in das Gelände einbricht, auch wenn es seit Jahren leersteht.

Er schaut wieder auf die Straße, die sich vor ihm in einem recht mitgenommenen Zustand präsentiert. Schneller als 70 Stundenkilometer kann er hier nicht fahren, da viele Schlaglöcher einfach nur mit Asphalt ausgegossen wurden und so über die Jahre ein Flickenteppich aus zugegossenen Schlaglöchern entstanden ist. Im Augenwinkel nimmt er hinter den beiden Sicherheitskräften, die noch rund 150 Meter von der Einmündung des Feldwegs auf die Straße entfernt sind, etwas Ungewöhnliches wahr: einen Reptilienmenschen.

Andreas wendet seinen Blick direkt in die Richtung und erschrickt, als er erkennt, dass er sich nicht getäuscht hat. Das Wesen trottet hinter den Security-Kräften hinterher. Diese haben derweil den Transporter auf der Straße entdeckt und beschleunigen ihren Schritt. Das seltsame Reptilienwesen tut es ihnen gleich.

Die Situation wirkt auf Andreas skurril und beängstigend zugleich. Ihm ist klar, dass es keine Reptilienmenschen gibt und seine Augen ihm einen Streich spielen. Andererseits weiß man nie, was in irgendwelchen Militäranlagen, die offiziell als stillgelegt gelten, vor sich geht. Vielleicht gibt es doch Außerirdische oder Züchtungen dieser Art. Die Sicherheitskräfte würden die Straße vor ihm erreichen, da sie nun in Richtung der Straße rennen. Vermutlich würden sie ihn anhalten, weil er womöglich etwas gesehen hat, das er nicht sehen darf. Da die Landstraße kaum befahren ist, in den vergangenen zehn Minuten ist ihm weder ein Auto begegnet, noch eines hinter ihm gefahren, beschließt Andreas, zur eigenen Sicherheit zu beschleunigen. Er erhöht die Geschwindigkeit auf 100 Stundenkilometer. Zwar muss er nun konzentrierter fahren und das Lenkrad stärker festhalten, doch so würde er die Einmündung vor den Männern und dem Wesen erreichen und sich so keiner Gefahr aussetzen. In wenigen hundert Metern könnte er dann wieder langsamer fahren, da die Männer ihn zu Fuß nicht einholen könnten.

In der Tat passiert Andreas die Einmündung des Feldwegs, als die Männer noch zehn Meter entfernt sind. Das seltsame Wesen steht weiter entfernt auf dem Feldweg und schaut in Richtung einer Weide, die an den Feldweg angrenzt und von der Landstraße mit einer Wallhecke abgegrenzt ist. Kurz richtet Andreas seinen Blick schräg nach rechts, wo die Männer stehenbleiben, während er den Weg passiert. Im rechten Außenspiegel sieht er, dass sie keine Anstalten mehr machen, ihm zu folgen. Erleichtert verringert er die Geschwindigkeit und schaut wieder auf die Straße. In diesem Moment rennt aus den Büschen der Wallhecke eine, mit einem weißen Leibchen bekleidete Person, auf die Straße direkt vor Andreas' Sprinter. Geistesgegenwärtig tritt er auf die Bremse und zieht gleichzeitig das Lenkrad nach links, um so der Person auszuweichen. Doch ein lauter, harter Knall an seinem Frontgrill verdeutlicht ihm, dass diese beiden Fahrmanöver nicht von Erfolg gekrönt sind und er die Person frontal erwischt hat. Durch die Lenkbewegung gerät das Unfallopfer zwar nicht direkt unter die Räder des Transporters, wird aber dennoch vom Fahrzeug, das sich nun leicht quer zur Straße stellt, erfasst. Davon zeugt ein weiterer lauter Knall.

Andreas versucht den schleudernden Wagen abzufangen und nicht gegen einen der Bäume auf der linken Straßenseite zu krachen. Wie durch ein Wunder gelingt es ihm, das Fahrzeug quer auf der Straße zum Stehen zu bringen. Es ist sein Glück, dass die Straße so wenig frequentiert ist, sonst wäre es bestimmt zu einem Zusammenstoß mit einem anderen Fahrzeug gekommen. Andreas sitzt auf dem Fahrersitz und atmet tief durch. Dann erinnert er sich, dass er jemanden angefahren hat, löst den Sicherheitsgurt, öffnet die Fahrertür, springt aus dem Fahrerhaus und landet unsanft auf der Fahrbahn. Ein starker Schmerz durchfährt seinen rechten Fuß, mit dem er zu hart für seine Knochen auf dem Asphalt aufgekommen ist. Andreas versucht aufzustehen, um um sein Fahrzeug herum zu dem Unfallopfer zu gelangen, stürzt aber umgehend wieder zu Boden, als er den rechten Fuß belastet. Es scheint, als wäre der Fuß gebrochen. Andreas steht unter Schock und versucht erneut aufzustehen, als er die beiden Sicherheitskräfte vor sich stehend wahrnimmt.

„Geht es Ihnen gut?“, fragt einer der beiden Männer. „Ich glaube, mein Fuß ist gebrochen“, antwortet Andreas unter Schmerzen.

„Keine Sorge, wir kümmern uns um Sie und auch um das Unfallopfer“, verspricht der zweite Mann. Andreas hört, wie sich weitere Motorengeräusche nähern.

Dann erleidet er einen Kreislaufzusammenbruch und ihm wird schwarz vor Augen.

Kapitel 2

Das Oldenburger Polizeipräsidium wurde 1973 geplant und 1984 bezogen. Der Bau trägt den unverkennbaren Charme seiner Entstehungszeit – nüchtern, funktional und in grauem Sichtbeton gehalten. Errichtet wurde es auf einem Gelände, das in alten Stadtplänen nur als «Pestwiese» vermerkt ist, jener Ort, an dem im 17. und 18. Jahrhundert die Opfer der großen Seuchen anonym begraben wurden. Bis zum Bau des Präsidiums lag das Areal weitgehend ungenutzt brach, als würde selbst der Boden die Erinnerung an das Vergangene nicht loswerden.

Heute ist der Tag von Jergens Anhörung. Der Hauptkommissar steht vor dem Polizeipräsidium in Oldenburg und blickt kurz zur Uhr. 8:42 Uhr. Der Termin ist für 9:00 Uhr angesetzt, doch wie immer ist er zu früh. Nicht aus Pflichtgefühl, das ist nicht sein Stil, sondern aus Prinzip. Wer zu spät kommt, signalisiert Schwäche. Wer zu früh kommt, hat Kontrolle. Und heute braucht er jede Kontrolle, die er kriegen kann.

Er streicht sich den Kragen seines schwarzen Hemdes glatt, rückt den Zopf ein wenig zurecht und schnaubt leise. Heute kein Bandshirt, keine Jeans, keine abgelaufenen Turnschuhe, sondern ein Anzug. Schwarz. Dezent. Widerwillig.

Die Glastür öffnet sich zischend. Ein jüngerer Beamter in zu groß wirkender Uniform nickt ihm zu, hält die Tür einen Moment offen. „Sie sind Herr Hauptkommissar Jergens?“

„Der war ich. Dann nicht mehr. Und vielleicht bald wieder.“

Der Beamte sieht ihn irritiert an. Jergens reicht ihm den Ausweis und marschiert durch den Flur, bevor eine Antwort folgen kann.

Der Anhörungsraum liegt im zweiten Stock. Zwei Flure, ein Aufzug, den Jergens bewusst ignoriert. Er nimmt die Treppe, Schritt für Schritt. Als er oben ankommt, ist ihm, nicht vom Gehen, sondern vom Adrenalin, warm. Die Hände in den Taschen, das Gesicht ruhig, nach außen gelassen, innerlich aber angespannt. Für Jergens eine eher ungewohnte Situation.

Vor dem Raum der Disziplinarkommission wartet bereits Claaßen. Dienstlich korrekt gekleidet, dezente Bluse, Haare zusammengebunden, ernstes Gesicht. Als sie ihn sieht, nickt sie ihm freundlich zu. „Guten Morgen, Jan.“

„Femke. Nett, dass du da bist.“

„Das ist doch selbstverständlich, schließlich sind wir ein Team.“ In Gedanken fügt sie ein „und vielleicht sogar Freunde“ hinzu.

Sie sagen nichts weiter. Es braucht keine Worte. Beide sind da, Seite an Seite, wie zwei Angeklagte vor dem Richtertisch, obwohl nur einer von ihnen zur Rechenschaft gezogen werden soll.

Die Tür öffnet sich. Ein Justizbeamter ruft: „Hauptkommissar Jergens? Sie können eintreten.“

Jergens blickt kurz zu Claaßen, dann zieht er die Schultern zurück und geht mit festen Schritten in den Raum, während seine Kollegin draußen wartet, dass sie aufgerufen wird.

Der Raum ist sachlich eingerichtet: langgezogener Tisch, acht Stühle, grauer Teppich, der mehr nach Archiv als nach Gerechtigkeit riecht. Am Kopfende sitzt Kriminalrat Buchtmann, wie immer in Eile wirkend, wie immer mit strengem Blick über die Brillengläser hinweg. Rechts von ihm zwei Mitglieder der Disziplinarkommission, links ein Protokollführer, der kaum aufblickt. Kein Händedruck, keine Begrüßung, nur ein knapper Fingerzeig auf den Stuhl gegenüber.

„Hauptkommissar Jergens“, beginnt Buchtmann trocken, obwohl der Rang offiziell noch nicht wiederhergestellt ist. „Wir wollen heute feststellen, ob die Vorwürfe gegen Sie haltbar sind oder ob Ihre Suspendierung aufgehoben werden kann. Die Faktenlage ist… beweglich.“

Jergens setzt sich langsam, blickt Buchtmann direkt an. „Dann lassen Sie uns anfangen, bevor sie sich verflüchtigt.“

Buchtmann hebt eine Augenbraue, ignoriert die Bemerkung und nickt dem Protokollführer zu. Während der erste Paragraph vorgelesen wird, öffnet sich draußen auf dem Flur die Tür erneut. Vanessa van Aken betritt auf hohen Absätzen, mit stolz erhobenem Kinn den Flur. Alles an ihr sitzt perfekt: Frisur, Uniform und sogar die Fassade. Nur ein Anflug von Trotz verrät, wie tief die Kränkung sitzt.

Claaßen, die noch immer an der Wand wartet, sieht sie aus dem Augenwinkel kommen, doch sie dreht den Kopf nicht. Auch van Aken würdigt sie keines Blickes. Ohne ein Wort geht sie an ihr vorbei und lässt sich so weit wie möglich entfernt auf einen der Stühle in der Ecke fallen. Die Stimmung zwischen den beiden ist frostig. Sie fühlt sich messerscharf und elektrisch wie kurz vor einem Sommergewitter an.

Vanessa verschränkt die Beine, zieht ihr Handy aus der Tasche, schaut demonstrativ darauf. Kein Zucken, keine Regung, wirkt dabei aber nicht souverän. Eher wie jemand, der sich fest an seine Maske klammert, während es unter der Oberfläche längst brodelt.

Derweil beginnt hinter der verschlossenen Tür die Befragung von Jergens.

„Herr Jergens, laut Ihrer schriftlichen Stellungnahme fand der Vorfall mit Frau van Aken in Ihrer privaten Wohnung statt, korrekt?“, fragt der Vorsitzende der Disziplinarkommission, ein grauhaariger, scharf artikulierender Beamter mit randloser Brille und kalkuliert neutraler Miene.

„Korrekt. Sie erschien gegen 19 Uhr unangemeldet mit einer Flasche Champagner bei mir zu Hause“, antwortet Jergens ruhig. Seine Hände ruhen flach auf dem Tisch, die Finger leicht gespreizt. Er zeigt keinerlei Nervosität und spricht souverän und mit sicherer Stimme.

„Hatten Sie Frau van Aken zu diesem Besuch eingeladen?“

„Nein.“

„Gab es in der Zeit davor dienstlich oder privat irgendeinen Hinweis darauf, dass ein solcher Besuch erwartet wurde, zum Beispiel durch Nachrichten, Gespräche oder Annäherungen?“

Jergens schüttelt knapp den Kopf. „Keinerlei Anzeichen. Dienstlich war alles im Rahmen, privat gab es keine Gespräche über persönliche Treffen. Im Gegenteil, ich habe bewusst Abstand gehalten.“

Der Vorsitzende blättert in einem der Aktenordner, der auf dem Tisch vor ihm liegt. „Sie schildern, dass Frau van Aken sich im Verlauf des Besuchs entkleidet habe… und ich zitiere, ‚ohne Vorankündigung oder Einladung zu sexuellen Handlungen‘.“

„Das ist richtig“, sagt Jergens ruhig. „Sie begann, sich auszuziehen, sprach von ‚Vertiefung der Arbeitsbeziehung‘ und davon, dass es gut für ihre Karriere sei. Ich habe ihr mehrfach gesagt, sie solle sich bitte wieder anziehen und gehen.“

„Und danach?“

„Sie kam mir körperlich näher, wollte mich küssen. Ich habe den Kopf weggedreht und einen Schritt zur Seite gemacht. Dabei verlor sie, wohl durch die hohen Absätze, das Gleichgewicht und stürzte zu Boden.“

„Haben Sie ihr aufgeholfen?“

„Ich habe ihr die Hand gereicht. Sie hat sie weggeschlagen, sich selbst angezogen und das Haus verlassen.“

Ein kurzes Blättern. Der Vorsitzende legt die Akte zur Seite und schaut Jergens direkt an. „Ihnen ist bewusst, dass Frau van Aken eine diametral entgegengesetzte Version dieses Abends vorgelegt hat?“

„Nein“, sagt Jergens und hebt leicht die Augenbrauen.

„Mir liegt ihre Aussage nicht vor.“

„Sie beschuldigt Sie, sie mit dem Ziel, sie unter Druck zu setzen und sexuell zu nötigen, zu diesem Treffen eingeladen zu haben. Sie behauptet, Sie hätten ihre Ablehnung nicht akzeptiert und sie körperlich bedrängt.“

Jergens lacht kurz, nicht höhnisch, sondern bitter. „Ich war derjenige, der bedrängt wurde. Sie stand nackt in meinem Musikzimmer. Ich habe sie rausgeworfen.“

Ein kurzes, bedeutungsschweres Schweigen legt sich über den Raum.

„Waren Sie zu diesem Zeitpunkt… allein im Haus?“

Jergens nickt. „Bis zu dem Moment, als meine Kollegin Claaßen vor der Tür stand. Sie hat gesehen, wie van Aken fluchtartig das Haus verließ.“

„War Frau Claaßen Zeugin des Vorfalls?“

„Nicht direkt. Aber sie hat van Aken kurz nach der Situation gesehen. Außerdem hat sie gesehen, dass ich nichts zu verbergen hatte.“

Der Protokollführer hebt kurz den Blick. Selbst Buchtmann räuspert sich leicht.

„Gut“, sagt der Vorsitzende. „Wir werden nun Frau Claaßen als Zeugin anhören. Bitte verlassen Sie den Raum, Herr Jergens.“

Jergens steht auf, nickt knapp und geht in kontrollierter Ruhe zur Tür. Als er sie öffnet, huscht sein Blick zu Claaßen, die ihn entschlossen ansieht.

Dann betritt sie den Raum.

Jergens tritt mit unbewegter Miene aus dem Anhörungsraum. Ohne seinen Blick zu van Aken zu richten, die weiterhin stumm und stocksteif auf ihrem Stuhl sitzt, geht er wortlos am Fenster vorbei in Richtung Ausgang des Flurs. Statt sich auf die harten Stühle des Flurs zu setzen, biegt er in das angrenzende Treppenhaus ab. Dort, zwischen grauem Handlauf und abgegriffenen Stufen, lehnt er sich mit verschränkten Armen an die Wand. Ein Moment der Ruhe, fern vom Geschehen.

Die Tür zum Erdgeschoss öffnet sich klackend. Schritte hallen durch das Treppenhaus. Jergens hebt leicht den Kopf und ist überrascht, als Angela Schuhmann mit einer braunen Ledertasche und festem Schritt die Treppe hinaufkommt.

„Ach, Angela… was machst Du denn hier?“, fragt er, sichtlich irritiert.

„Ich denke, ich bin heute wichtiger, als du denkst, Jan“, antwortet sie knapp und geht an ihm vorbei, durch die Tür zum Treppenhaus und direkt zur Tür des Anhörungsraum.

Dort sitzt Claaßen nun auf dem Stuhl, auf dem zuvor Jergens Platz genommen hatte. Ihre Hände ruhen auf dem Tisch, die Haltung ist gerade, die Miene gefasst. Sie wartet auf die erste Frage, als es plötzlich an der Tür klopft.

Ein kurzer Blickwechsel zwischen dem Vorsitzenden und Buchtmann, dann folgt ein knappes „Herein.“

Die Tür öffnet sich, und Angela Schuhmann tritt ein. Selbstsicher, aber mit erkennbarem Ernst im Gesicht. In der Hand hält sie ihre Ledertasche.

„Verzeihung, meine Herren, aber ich muss dringend mit Herrn Kriminalrat Buchtmann sprechen. Es geht um neue Erkenntnisse zur vorliegenden Disziplinarangelegenheit.“

Buchtmann richtet sich leicht auf. „Frau Schuhmann? Was machen Sie hier?“

„Ich bitte um ein paar Minuten unter vier Augen. Es betrifft direkt den Vorfall zwischen Hauptkommissar Jergens und der Kollegin van Aken.“

Ein kurzes, gereiztes Aufatmen beim Vorsitzenden. Er sieht zu Buchtmann, der bereits aufsteht.

„Gut. Wir unterbrechen die Sitzung. Kommen Sie, Herr Buchtmann, Frau Schuhmann, hier entlang.“

Die drei verlassen den Raum in Richtung eines kleinen Besprechungszimmers, während Claaßen und die übrigen Mitglieder der Kommission schweigend zurückbleiben.

Stille legt sich über den Raum, durchbrochen nur vom leisen Kratzen eines Kugelschreibers über Papier. Niemand sagt ein Wort. Alle warten.

Der Nebenraum ist klein, funktional und spartanisch eingerichtet. Ein schmaler Tisch, drei Stühle, eine Glastür mit Lamellen, die halb geschlossen sind. Die Atmosphäre wirkt nüchtern, fast kühl, es ist ein Raum für Akten, nicht für Wahrheiten.

Buchtmann setzt sich zuerst, der Vorsitzende folgt, während Angela Schuhmann stehen bleibt und ihre Tasche auf dem Tisch ablegt. Ihr Blick ist fest, die Stirn leicht angespannt.

„Angela“, beginnt Buchtmann, diesmal ungewohnt persönlich, „Du bist Dir sicher, dass das hier relevant ist?“

„Absolut“, antwortet sie ruhig und zieht ihr Smartphone aus der Tasche. „Ich weiß, dass das, was ich gleich zeige, nicht offiziell verwertbar ist. Aber es ist die Wahrheit und vielleicht die einzige Möglichkeit, Gerechtigkeit herzustellen.“

Der Vorsitzende hebt eine Augenbraue. „Was genau wollen Sie uns zeigen?“

„Ein Gespräch. Es fand letzte Woche statt, zufällig, an einem Nachbartisch im «Café Calisto». Ich saß mit einer Freundin dort. Am Nebentisch saß Vanessa van Aken. Sie hat mit einer Bekannten telefoniert. Ich habe den Namen Jergens aufgeschnappt und was ich dann hörte, hat mich schockiert. Geistesgegenwärtig habe ich die Aufnahmefunktion auf meinem Smartphone gestartet.“

Sie tippt auf ihrem Display und öffnet die Audioaufnahme. Die Männer lauschen. Eine Frauenstimme, unverkennbar Vanessas, dringt aus dem Lautsprecher: „… ist mir doch egal. Wenn der meint, er kann mich abweisen, dann soll er spüren, was es bedeutet, mich zu kränken und mich so peinlich abblitzen zu lassen. Der wollte nichts von mir, gut. Aber dann ist er halt übergriffig gewesen, wenn man mich fragt. Niemand kann das Gegenteil beweisen.“

Es folgt ein kurzes Lachen. Dann wieder die Stimme: „Die Claaßen hat mich schon früher genervt. Sie soll ruhig denken, ich hätte sein wahres Ich aufgedeckt. Solche Spiele kenn ich nur zu gut, doch diesmal hab ich die Zügel in der Hand. Ich werde triumphierend daraus hervorgehen.“

Angela stoppt die Aufnahme. Es ist still. Nur das leise Surren der Klimaanlage ist zu hören.

Buchtmann lehnt sich zurück. Sein Blick ist auf die Tischplatte gerichtet, doch sein Verstand arbeitet sichtlich.

„Das ist… eindeutig“, sagt der Vorsitzende schließlich.

„Aber nicht zulässig als Beweismittel.“

„Das weiß ich“, sagt Schuhmann ruhig. „Aber es ist der Wahrheit verdammt nahe. Vielleicht bringt es van Aken dazu, sich selbst zu demaskieren. Wenn Sie sie mit dem Inhalt konfrontieren, ohne den Mitschnitt zu erwähnen, kippt ihre Fassade vielleicht schneller, als sie denkt.“

Buchtmann schaut sie an. „Du bist Dir bewusst, dass du Dich mit der Aufnahme auf rechtlich sehr dünnem Eis bewegst?“

„Bin ich. Aber ich habe lieber nasse Füße als ein schmutziges Gewissen. Manchmal braucht die Wahrheit jemanden, der das Gesetz kurz vergisst.“

„Was hier ganz konkret Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes laut § 201 StGB bedeuten würde“, ergänzt der Vorsitzende.

Ein kurzer Moment des Schweigens. Dann steht Buchtmann auf. „In Ordnung. Wir gehen zurück in den Saal. Wir lassen sie spüren, dass wir mehr wissen, als sie ahnt.“

Der Vorsitzende nickt zustimmend. Schuhmann verstaut ihr Smartphone wieder in der Tasche und folgt den beiden Männern zurück zum Anhörungssaal. Kriminalrat Buchtmann tritt als Erster ein, dicht gefolgt vom Vorsitzenden. Beide wirken, auf eine Weise, die erfahrene Beamte aufhorchen lässt, ruhiger als zuvor. Eine dieser angespannten Ruhephasen, die nur den Sturm vorbereiten.

„Wir setzen die Anhörung fort“, sagt der Vorsitzende trocken. „Frau Claaßen, wir danken Ihnen für Ihre Aussage.“ Die junge Polizistin steht auf und setzt sich an die Seite.

„Wir bitten nun Frau van Aken in den Saal.“

Ein Justizbediensteter geht hinaus und ruft Vanessas Namen. Einen Moment später betritt sie den Raum. Ihr Blick ist neutral, beinahe gelangweilt. Nur wer genau hinsieht, erkennt ein kurzes Zucken im linken Mundwinkel.

Van Aken setzt sich auf den freigewordenen Stuhl. Die Beine übereinandergeschlagen, den Rücken kerzengerade, beinahe demonstrativ würdevoll.

„Frau van Aken“, beginnt Buchtmann, diesmal in ruhigem, beinahe freundlichem Ton. „Wir möchten noch einmal auf Ihre Darstellung des Abends bei Hauptkommissar Jergens zurückkommen.“

Vanessa nickt leicht. „Natürlich. Ich habe aber bereits alles schriftlich und ausführlich erklärt.“

„Gewiss. Dennoch möchten wir einige Punkte noch einmal mit Ihnen durchgehen, vielleicht klärt sich manches ja doch noch“, wirft der Vorsitzende ein. Er blättert kurz in den Unterlagen, dann sieht er sie an. „Sie gaben an, Herr Jergens habe Sie eingeladen. War dies telefonisch, schriftlich oder persönlich?“

Ein kurzer Moment der Unsicherheit huscht über ihr Gesicht. „Persönlich. Er sagte auf dem Flur der Dienststelle, dass ich ruhig mal vorbeikommen könne. Es war nicht konkret, aber deutlich genug.“

„Gab es Zeugen für dieses Gespräch?“, fragt der Vorsitzende ohne erkennbare Emotion.

„Nein, nicht direkt. Aber das war auch nicht nötig. Es war in einem freundlichen Ton, mit einem Lächeln und ich habe es als Einladung verstanden.“

Der Vorsitzende nickt, schreibt etwas, schaut dann wieder zu ihr auf. „Und weshalb sind Sie dieser vermeintlichen Einladung gefolgt, Frau van Aken? Ging es um ein persönliches Interesse? Oder gab es einen beruflichen Hintergrund?“

Vanessa atmet durch. Ihre Antwort kommt langsamer als zuvor, als müsse sie sich erst sortieren. „Ich dachte, vielleicht ist es eine Möglichkeit, sich besser kennenzulernen. Herr Jergens ist nicht uninteressant. Intellektuell. Und ich dachte, wenn man ihm zeigt, dass man offen ist und auch charmant, dann könnte das vielleicht hilfreich sein.“

Der Vorsitzende zieht die Stirn leicht zusammen. „Hilfreich? In beruflicher Hinsicht?“

„Ich bin ehrlich: Ich wollte mehr Verantwortung. Ich wollte, dass man mich sieht. Ich hab gedacht, er könnte Türen öffnen. Und ja, vielleicht war ich auch ein bisschen neugierig auf ihn. Aber vor allem auf das, was sein Netzwerk für mich bedeuten könnte.“

Sie spricht den letzten Satz leiser, fast entschuldigend. „Mhm.“ Der Vorsitzende macht sich eine Notiz.

Dann lehnt sich Buchtmann leicht nach vorn. „Frau van Aken, wir sind heute auf neue Informationen gestoßen. Informationen, die Ihre Darstellung in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.“

Vanessa verzieht keine Miene. Doch ihre linke Hand, die bisher reglos auf dem Tisch lag, beginnt, unmerk- lich am Fingernagel des Daumens zu kratzen.

---ENDE DER LESEPROBE---