Problemwölfe - Agi Ofner - E-Book

Problemwölfe E-Book

Agi Ofner

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Beschreibung

Kann man auch nirgendwo dazugehören? Ein Wolf im Wald, ein geplanter Hotelbau auf einer Alm, ein kleines Dorf und dazwischen fünf Jugendliche – manche von ihnen kennen sich, manche lernen sich erst kennen und manche wollen sich eigentlich nicht mehr kennen. Anhand der Schicksalsgemeinschaft dieser fünf jungen Menschen zeigt Autorin und Künstlerin Agi Ofner, welch tiefen Keil ein gesellschaftlich aktuelles Thema zwischen Freundschaften treiben und wie schnell Überzeugungen fanatische Züge annehmen können. Facettenreich sind sie, die Gründe für Mitläufertum, ebenso sehr wie die Gründe für Gegenpositionen. "Ambiguitätstoleranz" ist der Fachbegriff dafür – eine gegenteilige Position in ihrem Wert anzuerkennen, selbst wenn man ihr aus ebenso wichtigen Gründen nicht zustimmen kann. Pro Wolf oder gegen ihn? Pro Hotelbau oder gegen ihn? Oder gar keine Meinung haben, weil eigene Probleme gerade wichtiger und drängender sind? Außerdem: Ist es manchmal sogar heikel, überhaupt eine Meinung zu haben …? Rasant, packend und vielschichtig ist dieser Roman auch erzählt. Abwechselnd aus der Sicht aller fünf Jugendlichen, in knappen Kapiteln formuliert, gepaart mit Stimmen aus Medien und Wissenschaft. Ein außerordentlicher und klug komponierter Roman, der die Komplexität des Zusammenlebens sowie die Herausforderungen von Demokratie anschaulich vor Augen stellt und sich dabei wie ein wildes, abenteuerliches Road-Movie liest.

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Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Agi Ofner · Problemwölfe

AGI OFNER, geboren 1989, arbeitet mit Herzblut als Autorin und Illustratorin. Sie wuchs in der Steiermark auf und studierte Sprachen und Grafik Design in Wien. Heute lebt sie mit ihrer Familie wieder auf dem Land, in der Nähe von Graz, und denkt sich Geschichten aus, die sie in Worten und Bildern zu Papier bringt. 2020 wurde sie mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Zu ihren größten Inspirationen gehören die Natur, die aktuelle Lage der Welt und die kleinen Momente dazwischen.

Für die Bilder in diesem Buch hat sie mit schwarzer Tusche zufällige Linien, Kleckse und Flecken gemalt und die entstandenen Formen im Anschluss mit unterschiedlichen Zeichenwerkzeugen (Marker, Buntstift, Pinsel etc.) in Wölfe verwandelt.

Agi Ofner

Die Zitate auf den Seiten 50, 78, 116 und 174 sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Gefördert durch das Mira-Lobe-Stipendium für Kinder- und Jugendliteratur 2020

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 42h UrhG (Text- und Data-Mining) zu gewinnen, ist untersagt.

2025

© Verlagsanstalt Tyrolia Ges.m.b.H.

Exlgasse 20 | A-6020 Innsbruck

Umschlagbild: Agi Ofner

Sensitivity Reading: Carla Heher

Grafische Gestaltung: Kevin Mitrega, Schriftloesung

Schriften: Arrieta, Museo

Druck und Bindung: Pustet, Regensburg

ISBN 978-3-7022-4313-5

[email protected] | www.tyrolia-verlag.at

Social Media: Tyrolia Verlag Kinderbuch

Inhalt

PROLOG

TEIL 1

TEIL 2

TEIL 3

TEIL 4

TEIL 5

EPILOG

Für alle Problemwölfe

Pluralismus:

Innerhalb einer Gesellschaft, eines Staates [in allen Bereichen] vorhandene Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander bestehender und miteinander um Einfluss, Macht konkurrierender Gruppen, Organisationen, Institutionen, Meinungen, Ideen, Werte, Weltanschauungen usw. (Duden)

Oder:

Ein Wolf taucht auf und spaltet einen Ort

Marleue, zuhause. Marlene steht vor dem Spiegel und ignoriert die Frühstücks-Rufe ihrer Eltern. Das Adrenalin in ihrem Körper macht sie auch ohne Kaffee munter. Sie streicht über die Wolfsmaske in ihren Händen, setzt sie auf und lächelt sich zu.

»Hey, Problemwölfin!«

Die Wölfin im Spiegel verzieht keine Miene, aber ihre Augen leuchten voller Entschlossenheit durch die kleinen Schlitze.

»Bereit für heute?«

Die Wölfin nickt. Alles in Marlene kribbelt.

»Angst?«

»Ich doch nicht!«, antwortet die Wölfin. »Angst haben nur die, die sich nicht sicher sind, bei dem was sie tun.«

»Gut.«

Marlene weiß, dass das, was sie vorhat, richtig ist. Das Kribbeln muss Vorfreude sein.

Sie lässt die Maske aufgesetzt und geht in die Küche.

Alles ganz harmlos am Frühstückstisch, wie immer. Müde Eltern. Kaffee in der Luft, in den Tassen und in den Mündern. Riecht viel besser, als er schmeckt.

Ihr Vater schreckt kurz auf, als er sie sieht, rollt mit den Augen und liest dann wieder weiter seine Zeitung. Ihre Mutter sagt: »Da bist du ja endlich«, und schaut sie dabei gar nicht richtig an.

Marlene setzt sich an den Tisch und beobachtet die beiden. Wartet auf einen Kommentar, der nicht kommt.

Ihre Eltern frühstücken gelassen weiter, bis sie auf die Uhr schauen und es plötzlich furchtbar eilig haben. Auch wie immer.

»Sicher, dass du nicht mitfahren willst?«, fragt ihr Vater, während er hektisch seine Sachen zusammensammelt.

»Ich geh zu Fuß. Wie jeden Tag. Zukunft und so.«

»Wir fahren doch trotzdem mit dem Auto, ob du dabei bist oder nicht.«

Marlene hebt kurz die Maske an und wirft ihrem Vater einen bitterbösen Blick zu, bevor sie wieder hinter dem Wolfsgesicht verschwindet. Ihre Mutter hat irgendwas wie Verständnis im Gesicht, aber was auch immer ihr auf der Zunge liegt, schafft es nicht nach draußen.

»Heut ist Dienstag, keinen Unfug machen bitte, ja?«, sagt sie nur noch zwischen Tür und Angel. »Die ist eh brav«, setzt ihr Vater nach. »Ein böser Wolf reicht.« Dabei krault er Marlene im Vorbeigehen zwischen den Ohren, als wäre sie irgendein lächerlicher Chihuahua, den niemand ernst nimmt. Wut zischt durch ihren Körper. Eine Wölfin würde die Nackenhaare aufstellen und die Zähne fletschen.

›Pass auf‹, denkt Marlene. ›Viel fehlt nicht und ich beiß.‹

Laut sagt sie: »Ich doch nicht!«

Die Eltern grinsen. Haha, ja, du bist uns eine. Wir müssen jetzt wirklich los. Tschüssi, bis später dann, ja?

Marlene unter der Maske grinst nicht. Sie presst sich die Fingernägel in die Handflächen und braucht alles an Willenskraft, um freundlich zu bleiben. Bloß keinen Streit riskieren.

»Ich übernachte heute bei Amal«, sagt sie zuckersüß. »Passt das eh noch?«

»Oh, ja klar. Dann bis morgen. Grüß ihre Familie von uns.«

»Mach ich. Bis morgen.« Bussi, baba. Alles ganz harmlos.

Marlenes Tag beginnt mit einer Lüge.

Jouas, zuhause. Jonas liegt in seinem Bett und starrt an die Zimmerdecke. Vor kurzem frisch weiß gestrichen. Kein Fleckchen irgendwas zu sehen. Keine Spuren von all dem, was in diesem Zimmer schon passiert ist, bevor es sein Zimmer wurde. Keine Anhaltspunkte, wer hier schon gelacht, geweint und gelebt haben könnte.

Jonas ist neidisch. Er wünschte, er könnte dasselbe mit seinem Kopf machen. Alle blöden Gedanken einfach weiß übermalen. Über alles, was weh tut, was Angst macht, über alle Erinnerungen, die er nicht haben will. In seinem Kopf ist das ärgste Durcheinander aus vierzehn Jahren schönem Leben und ein paar wenigen Monaten, die alles kaputt gemacht haben. Selbst die guten Erinnerungen fühlen sich plötzlich falsch an. Lauter Flecken und Schrammen an den Wänden in seinem Kopf.

Jonas schließt seine Augen und atmet ein, atmet aus. Dann macht er, was er seit dem Umzug jeden Morgen macht. Er überredet sich selbst aufzustehen. Das klappt nur, wenn man dem Tag zutraut, besser zu werden als der Tag davor und der Tag davor. Wenn man für möglich hält, dass heute irgendetwas Gutes passieren könnte, von dem man noch überhaupt gar keine Ahnung hat. Irgendwas, das das ganze Durcheinander wettmacht.

Jonas' Tag beginnt mit Hoffnung.

Amal, zuhause. Amal steht im Vorzimmer. Fixfertig angezogen, bereit für Draußen. Fast. Eine Sache fehlt noch. Mit der Hand auf der Türklinke wartet sie auf das, was gleich kommt.

Im Hintergrund Geschrei von ihrer kleinen Schwester. Dann ein tiefer Bass in ihre Richtung.

»Amal?«

»Ja, Papa?«

»Hast du alles?«

»Jap.«

»Mütze?«

»Jap.«

»Handschuhe?«

»Jap.«

»Schnorchelzeug?«

»Jap, jap. Alles dabei.«

Ein Lächeln in beiden Stimmen.

»Mach's gut, ja?«

Mehr Befehl als gutgemeinte Floskel. Hört aber vielleicht nur Amal.

Sie verlässt das Haus und lässt ihr Lächeln hinter der Tür zurück.

Denn sofort ist es da, das bekannte, flaue Gefühl. Erzeugt durch die Unmöglichkeit, allen Erwartungen gerecht zu werden.

Kann sie noch so sehr versuchen, geht nicht.

Amals Tag beginnt mit der Gewissheit, dass sie heute mindestens einen Menschen enttäuschen wird.

Saskia-Mattea, Jugeudgästehaus. Stell dir vor, es ist Schikurs und keiner geht hin.

Stell dir vor, es ist Schikurs und alle gehen hin.

Nur du nicht.

Saskia-Matteas Tag beginnt mit einer Flucht.

Rudi, zuhause. Bei Rudis Familie gibt es Sorgen zum Frühstück. Jeden Tag ein ähnliches Lied mit jeweils leicht abgeänderter Melodie. Heute klingt es so: Schafe, kein Geld, Rücken, Schafe, Rücken, Geld, Rücken, Rücken, Zeit, Arbeit, Schafe, Rücken. Das Ende ist immer gleich: Wolf Wolf Wolf.

Dazu gibt es eine Choreografie aus unterschiedlichen Gesichtsausdrücken.

Rudis Papa schaut schmerzverzerrt.

Rudis Mutter schaut traurig.

Rudis Bruder Paul schaut weg.

Rudi schaut hin.

Sagt: »Ich kann zu den Schafen gehen!«

»Rudi …«, sagt die Mutter. Und Papa: »Ach komm, ist doch nur ein kleiner Hexenschuss, ich schaff das schon.«

Rudi schüttelt den Kopf. »Lasst mich doch helfen! In der Schule machen wir heute nur unnötiges Zeug, Sport und Vertretung und so, da verpass ich nichts.«

Stimmt nicht, aber er hat keinen Bock auf Schule. Noch weniger darauf, wen er dort sehen würde. Die Schafe wären ihm eindeutig lieber.

Rudi hat nämlich ein ganz eigenes Sorgenlied, das Ende ist aber auch immer gleich. Der Wolf Wolf Wolf. Alles macht er kaputt.

Rudi hat die Nase so voll von dem ganzen Mist. Er will, dass alles wieder so ist wie früher.

Und dass der Wolf endlich verschwindet.

Und dann passiert es, mitten im Frühstück. Irgendwo tief in ihm zieht sich etwas hart zusammen und gibt einen Gedanken frei, den er bis jetzt immer weggeboxt hatte. Einen eigentlich undenkbaren Gedanken. Einen, der sich auf einmal so richtig anfühlt, dass er gar nicht mehr raus will aus seinem Kopf.

Rudis Wangen werden heiß, seine Hände beginnen zu zittern. Er klemmt sie zwischen den Beinen fest. Jetzt nur nichts anmerken lassen.

»Lasst mich helfen!«, sagt er noch einmal. »Heute geh ich zu den Schafen.«

Rudis Tag beginnt mit einem Entschluss.

Marleue, zuhause. Die Tür fällt ins Schloss. Das Auto springt an. Die Eltern sind weg. Geblieben ist die Wut, stärker als das Kribbeln davor.

Marlene öffnet ihre Fäuste. Wo eben noch ihre Nägel waren, sind nun kleine rote Halbkreise. Am liebsten würde sie die beknackte Zeitung ihres Vaters zerfetzen, den Kaffee durch die Küche schleudern, den Tisch gegen die Wand schmettern. Ganz egal was, solange sie dieses Gefühl nicht mehr haben muss. Immer tut er so, als wäre er bis oben hin mit Weisheit vollgestopft, dabei hat er überhaupt nichts verstanden. Es gibt keine bösen Wölfe. Gab es nicht und wird es auch nie geben.

Es gibt nur Wölfe.

Punkt.

Und Menschen, die alles kaputtmachen.

Mit einem Ruck steht Marlene auf, schnappt ihren Rucksack. Im Vorzimmer hält sie vor dem Spiegle inne, schaut auf die Stelle, die ihr Vater vorhin gestreichelt hat und plötzlich sind da zwei neue Gefühle in ihr. Ein Anflug von Scham und ein leiser Zweifel. Was, wenn er recht hat? Wenn sie nur ein Mädchen mit Maske ist, das auch sonst niemand ernst nimmt? Wut steigt in ihr hoch.

›So ein Idiot‹, denkt Marlene. ›So ein Idiot, so ein Idiot, alles Idioten.‹

»Ruhig«, sagt die Wölfin im Spiegel. »Ganz ruhig. Du machst das schon!«

Marlene schließt kurz ihre Augen, öffnet sie wieder und nickt. »Ich mach das schon.«

Sie steckt die Maske in den Rucksack, schlüpft in ihre Winterjacke, öffnet die Tür und tritt ins Freie.

Jouas, zuhause. Jonas braucht eine Portion Mut, um überhaupt aufzustehen, und dann noch eine, um einen Fuß vor den anderen zu setzen und irgendwann in der Schule anzukommen. Der neuen Schule, in seinem neuen Leben, das sich noch absolut nicht wie seins anfühlt.

Dafür nimmt er sich etwas vor, vor dem er Angst hat. Wegen Eleanor Roosevelt. Also nicht wirklich wegen ihr. Aber sie hat das gesagt und er hat es irgendwo gelesen und seitdem macht er das. Wenn man gleich in der Früh etwas tut, vor dem man Angst hat, fühlt sich der ganze restliche Tag weniger schlimm an.

Die Angst ist ein kleiner Vogel, der genau dort sitzt, wo sein Herz ist. Jonas denkt an unterschiedliche Dinge, die er heute tun könnte, und spürt nach, wie der Vogel reagiert:

Aus dem Fenster springen – nichts.

Aus dem Fenster springen und einen Salto plus Hechtrolle machen – leichtes Flattern.

Marlene anrufen – ein Wirbelsturm aus Vogel in seiner Brust.

»Morgen, Jonas!« Mamas Stimme reißt ihn aus den Gedanken. Er lächelt, weil er weiß, was als nächstes passiert. Es klopft zweimal, dann geht die Tür einen Spalt auf und Yuki saust in sein Zimmer, fetzt über das Bett, dreht sich im Kreis, schleckt Jonas ab und bleibt irgendwann auf ihm liegen. Jonas ist klar, dass Hunde nicht dieselben Gefühle zeigen wie Menschen. Er ist nicht blöd. Aber anders kann man das nicht beschreiben: Yuki grinst bis über beide Ohren. Jeden Morgen grinst sie ihn an und Jonas grinst zurück.

Als Jonas in die Küche kommt, steht bereits ein Teller mit French Toast auf dem Tisch. Er setzt sich aber nicht sofort hin, sondern holt erst das Hundefutter aus dem Kühlschrank. Das ist auch jeden Tag gleich. Mama macht Frühstück für Jonas, Jonas macht Frühstück für Yuki. Niemand macht Frühstück für Mama. Die hat sowieso keine Zeit. Die zieht sich gerade um oder putzt sich die Zähne oder beantwortet irgendwelche Mails. Wahrscheinlich alles gleichzeitig.

Neben seinem Teller liegen eine Einkaufsliste und ein Stift.

»Brauchst du was?«, steht darauf. In viel zu schnell geschriebener Schrift, die niemand lesen kann, der nicht damit aufgewachsen ist.

Der kleine Vogel flattert kurz auf. Jonas denkt nach, spielt in Gedanken verschiedene Möglichkeiten durch. Dann schreibt er groß »Gleitgel« darunter. Jeder Buchstabe ein Flügelschlag.

Ebenfalls jeden Tag gleich ist, dass Mama vor Jonas das Haus verlässt. Sie steckt die Einkaufsliste ein, streichelt Yuki über den Kopf und sagt »Mach's gut!«, ohne auch nur ein einziges Mal den Blick von ihrem Smartphone zu heben. Egal, wo sie wohnen, das ändert sich nie. In der Stadt war das so und jetzt in diesem Kaff ist das auch so.

Jonas dreht Musik auf und holt die Hundeleckerlies aus dem Regal. Er will Yuki beibringen, dass sie auf seinen Sessel springt. Sobald sie das kann, wird sich Jonas in der Früh in den Hundekorb setzen und er traut sich wetten, dass Mama dann ihn statt Yuki streicheln wird. Die merkt fix keinen Unterschied.

So wie sie fix nicht merken wird, dass »Gleitgel« auf dem Einkaufszettel steht. Sie wird durch die Regale sprinten und lauter imaginäre Häkchen hinter die einzelnen Punkte setzen, ohne zu kapieren, was da eigentlich wirklich steht. Check check check.

Und so schnell löst sich seine Eleanor wieder in Luft auf.

Jonas umarmt sich selbst. Richtig traurig, aber er lässt trotzdem nicht los. Seine Brust ist zu eng. Der kleine Vogel zieht verängstigte Kreise und die Flügel streifen überall an. Jonas kann so nicht in die Schule. Dort sind lauter Menschen, die er nicht kennt und die ihn nicht kennen. Während des Unterrichts ist es leichter, da weiß er, wo sein Platz ist. Dritte Reihe ganz links. Easy. Aber in den Pausen muss er das erst noch herausfinden. Da gibt es keine Sitzordnung.

Ich werde meinen Platz schon noch finden, denkt Jonas, ich bin ja kein Schisser.

Aber er braucht die richtige Vorbereitung. Wie wenn man einen Überschlag mit anschließendem Salto machen will. Das geht mit Anlauf auch wesentlich besser. Und wenn es nicht klappt, versucht man es noch mal.

Jonas geht also zurück an den Start.

Marleue, uuterwegs. Das Gehen tut gut. Einfach einen Fuß vor den anderen setzen und immer vorwärts denken, bloß nicht zurück. Heute ist es so weit. Heute wird sie Geschichte schreiben. Was sie vorhat, ist richtig. Das Kribbeln in ihr meldet sich zurück und mit jedem Schritt wird es stärker und stärker, bis das Gefühl irgendwann größer ist als sie selbst. Größer als ihre Straße, größer als der ganze Ort.

Die werden schon noch sehen.

Aber erst einmal in die Schule.

Alles schön nach Plan.

Amal, Schule. Amal ist die erste im Klassenzimmer, wie jeden Tag. Die anderen sagen ständig: »Ach Amal, fahr doch mit einem späteren Bus, dann bist du immer noch pünktlich genug.« Und Amal so: »Ja, nein, lieber nicht. Danke.«

Denn Amal liebt diese paar Minuten Stille. Irgendetwas passiert mit ihr an diesem Ort, an dem sonst niemand freiwillig früher sein will. Es atmet sich ganz anders, es bewegt sich ganz anders. Sie tanzt mit einer Selbstverständlichkeit durch den Raum, als würde jedes Eck ihr gehören, ihr ganz allein. Nur ein winziger Teil von Amal ist auf der Hut. Bereit, bei der kleinsten Bewegung der Klassentür auf den Boden der Tatsachen zurückzuknallen. Ab dem Moment, in dem die ersten anderen eintrudeln, ist es vorbei. Je nachdem, wo Amal gerade steht, tut sie so, als würde sie mal eben dieses eine Poster gerade hängen, die Kritzeleien auf einem Tisch inspizieren oder kurz lüften. Dann schleicht sie zu ihrem Platz, macht sich klein und immer kleiner, bis maximal ein schmaler Streifen Tisch noch ihr gehört.

Marlene ist eine der letzten, die in die Klasse kommt. Sie lässt sich neben Amal auf den Sessel fallen: »Morgen.«

»Morgen!«

Marlene braucht immer viel Raum, aber gerade kommt sie Amal besonders nahe vor. Vielleicht liegt es daran, was für ein Tag heute ist. Oder an der Frage, die Marlene sicher gleich stellen wird. Oder vermutlich noch viel mehr an der Antwort, die Amal nicht geben möchte. Sie vergräbt ihr Gesicht im Mathebuch, als hinge ihr Leben davon ab.

»Amal?«

»Gleich, ich muss noch …«

Dann zum Glück das erlösende Läuten der Glocke.

Rudi, zuhause. Rudi lehnt an der kalten Hauswand, vom Eingang aus nicht zu sehen, und denkt den ehemals undenkbaren Gedanken in Dauerschleife, während er wartet, dass seine Familie sich endlich auf den Weg macht. Paul ist der erste. Kurz darauf fährt die Mutter los. Fehlt nur noch Papa.

»Kompromiss«, hat der vorhin gesagt. »Ich fahr jetzt vor der Arbeit noch schnell zu den Schafen und du übernimmst dann zu Mittag.«

›Kompromiss‹, hat sich Rudi gedacht. ›Machen wir, aber von Schule hast du kein Wort gesagt, also geh ich da auch nicht hin.‹

Rudi hört, wie sich die Haustür ein drittes Mal öffnet. Und er hört seinen Papa keuchen und stöhnen, jetzt, wo er sich allein wähnt. Es geht ihm also doch viel schlechter, als er zugibt.

Rudi legt seinen Kopf in die Hände und unterdrückt den Impuls aufzustehen. Es könnte so viel einfacher sein. Er könnte jetzt gleich zu den Schafen gehen, während sich Papa vielleicht einmal ausnahmsweise den Rücken von irgendjemandem anschauen lassen könnte. Aber nein, alles will er selber machen.

Das Schnaufen wird leiser, irgendwann hört Rudi den Motor starten und dann nur noch vereinzeltes Vogelgezwitscher und den Wind. Seufzend legt er den Kopf in den Nacken und denkt noch einmal über das Undenkbare nach.

Dann steht er mit einem Ruck auf und geht zurück ins Haus, bevor er es sich anders überlegt.

Jouas, zuhause. Jonas liegt in der Badewanne. Ein guter Ort, um noch einmal von vorne zu beginnen – wenn es hier nicht so verdammt gemütlich wäre. Reicht das als neue Mutprobe? Das heiße Wasser verlassen und raus an die kalte Luft? ›Fünf Minuten noch‹, denkt Jonas. ›Fünf Minuten noch.‹

Und nach den fünf Minuten noch einmal fünf Minuten. Und dann zumindest noch einmal zwei. Und noch eine. Eigentlich wollte er es zur zweiten Stunde in die Schule schaffen, aber die Zeit vergeht viel zu schnell. Er müsste jetzt. Sofort. Los. Um noch pünktlich zu kommen. Und er muss sich auch noch anziehen und Zähne putzen und mit Yuki raus. Keine Chance, dass er rechtzeitig kommt. Und zu spät kommen geht nicht, das ist zu viel verlangt. Alle Augen auf einen gerichtet, Scheinwerferlicht und so. Außerdem kommt man ja eh nicht wirklich mit, wenn man den Anfang verpasst. Er kann sich also ruhig noch ein bisschen mehr heißes Wasser einlassen und erst zur dritten Stunde in die Schule gehen.

Marleue, Schule. Die Pausenglocke läutet, Amal springt auf, murmelt: »Klo, zu viel Tee in der Früh« und läuft aus der Klasse.

Marlene blickt ihr nach und beschließt, sich nicht zu ärgern. Ihr ist vollkommen klar, wieso Amal ihr ausweicht. Sie ist zu feig, um mit auf die Demo zu kommen, und auch zu feig, um ihr das ins Gesicht zu sagen. Davon geht die Welt aber auch nicht unter.

Marlene wendet ihren Blick von der Tür zu den Fenstern und dem zu, was wirklich wichtig ist. Sie braucht niemanden. Der Wolf da draußen ist auch allein.

Saskia-Mattea, Jugeudgästehaus. Stell dir vor, du bist auf Schikurs und es gibt keinen Schnee. Stell dir vor, es war bisher noch zu warm, so dass nicht einmal die Schneekanonen ihr Ding machen konnten. Stell dir vor, wie gemütlich es wäre, einfach nur im Zimmer zu chillen.

Und dann stell dir vor, dass die Turnfrau so geil auf Schikurs ist, dass sie den auch ohne Schnee durchzieht. Stell dir vor, es gibt einen bescheuerten Outdoor-Gatsch-Parkour, der alle nötigen Schimuskeln trainieren soll, bis die ersten Flocken morgen endlich vom Himmel segeln.

Schimuskel klingt wie Schließmuskel. Saskia-Mattea glaubt nicht, dass das ein Zufall ist. Stell dir vor, es gibt einen Schließmuskel-Outdoor-Gatsch-Parkour und keiner geht hin.

In Wirklichkeit gehen wahrscheinlich alle hin.

Saskia-Mattea wollte eigentlich auch mitmachen, aber nach dem Frühstück hatte sie plötzlich ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache. Was, wenn sie schon in der ersten Runde mit dem Gesicht im Dreck landet?

»Saskia-Matschea«, hört sie die anderen rufen. Und sie hört sich erwidern: »Matsch ist gut für die Haut.« Und obwohl das stimmt und sogar relativ schlagfertig ist, lachen alle nur noch lauter und rufen: »Du hast es eh nötig«. Das kann sie nicht gebrauchen.

Sie braucht einen Plan, der sie vor dem Matsch bewahrt. In einer halben Stunde ist Treffpunkt. Das gibt ihr etwas Zeit, um eine kleine Runde zu drehen. Vielleicht fällt ihr beim Gehen etwas ein.

Saskia-Mattea schlendert durch die Gänge des Jugendgästehauses und hört, wie hinter den geschlossenen Zimmertüren gelacht und gekichert wird. Es erinnert sie an das Gefühl, wenn man zu Weihnachten durch die Kälte spaziert und sieht, wie andere Familien in warmen Wohnzimmern gemeinsam feiern.

Saskia-Mattea hält die Vorfreude der anderen nicht mehr aus. Sie läuft die Treppen hinunter und, weil die Rezeption gerade nicht besetzt ist, öffnet sie die Tür und macht einen Schritt nach draußen. Nur kurz frische Luft schnappen.

Und weil sich das gut anfühlt und man bei frischer Luft besser denken kann, geht sie ein paar Schritte mehr.

Und als die Kirchenglocke läutet und sie eigentlich umdrehen sollte, kommt ihr die Idee, dass sie auch einfach weiterspazieren könnte. Sie braucht dann einfach nur eine gute Ausrede, sonst muss sie den Parkour als Strafe wahrscheinlich bis morgen Früh nonstop machen und würde dann vor Erschöpfung sterben.

Und auch wenn Saskia-Mattea den Tod durchaus faszinierend findet, würde sie lieber noch eine Weile damit warten. Beim Spazieren wird ihr schon was einfallen.

Rudi, zuhause. Die beiden Schlüssel sind noch genau dort, wo sie schon waren, als er und sein Bruder nur einen Bruchteil so groß waren wie jetzt, und wo sie sie niemals nie finden durften. Dort, wo sie manchmal auf lautlosen Katzenpfoten hingeschlichen waren, um sie andächtig anzusehen.

Rudi kann sich nicht mehr erinnern, woher sie von den Schlüsseln wussten. Sie waren immer schon ein fixer Bestandteil ihres Zuhauses. So wie die lose herumliegenden Wattestäbchen im Badezimmerregal oder das silberne Besteck in der unteren Schublade für besondere Anlässe. So gab es auch diese zwei verbotenen Schlüssel an diesem verbotenen Ort.

Berührt hatten er und sein Bruder sie nie. Der Respekt war zu groß. Als wären dann sofort beide Elternteile inklusive Polizei ins Zimmer gestürmt und hätten sie festgenommen.

Das Gefühl ist immer noch da. Rudi zögert. Unschlüssig steht er vor der Kommode im Schlafzimmer seiner Eltern. Er könnte sie auch später holen. Eigentlich braucht er sie erst heute Abend. Aber jetzt weiß er mit Sicherheit, dass niemand zuhause ist. Und wenn er länger wartet, verlässt ihn womöglich der Mut.

Also greift er nach den Schlüsseln und steckt sie so schnell in seine Hosentasche, dass das kühle Metall kaum seine Haut berührt. Drei-Sekunden-Regel. Quasi nie passiert.

Er hört sein Herz, das klopft klopft klopft.

Weg von hier. Rudi verlässt das Haus und läuft los.

Saskia-Mattea, irgeudwo. Stell dir vor, du schlenderst gerade durch einen fremden Ort auf der Suche nach einer guten Ausrede, da läuft plötzlich jemand mit so einer Wucht an dir vorbei, dass dich sein Laufwind fast in die Hecke schleudert. Saskia-Mattea schaut ihm nach.

Sie ist gut darin, Dingen nachzuschauen. Manchmal fallen ihr dabei Sachen auf, die sonst niemand sieht. Dieser Junge zum Beispiel, der läuft nicht so, wie man es tut, wenn man glücklich ist und zu viel Leben in den Beinen hat. Der läuft so, als könnte ihn ein Monster einholen.

In Saskia-Mattea erwacht ein ganz eigenes Ungeheuer namens Neugier. Aber sie beschließt, es lieber nicht zu füttern und dem Typen nicht zu folgen, sondern in eine andere Straße einzubiegen. Sicher ist sicher.

Amal, Schule. Obwohl der Feueralarm angekündigt war, zuckt alles in Amal zusammen, als es plötzlich losheult. Was, wenn das ein wirklicher Alarm ist, der zufällig genau an demselben Tag stattfindet wie der Probealarm? Amal unterdrückt den Impuls, sofort aufzuspringen. Die meisten in der Klasse tun betont cool, schlendern langsam Richtung Tür. Amal steht auch auf, bemüht, ebenso entspannt zu wirken. Alles in ihr möchte eigentlich rennen. ›Macht ja auch Sinn bei einem Feueralarm‹, denkt sie.

Der Gimpel ist das auch alles zu langsam. »Zweierreihe und dann los!«, schreit sie. Wie im Kindergarten.

Amal steht mit den anderen bei der Tür und wartet auf Marlene, aber die sitzt noch auf ihrem Platz und starrt so besonnen auf die Lautsprecher, als wäre das Heulen Musik in ihren Ohren.

›Komm doch bitte endlich!‹, fleht Amal innerlich. Aber der Platz neben ihr bleibt leer. Anders als im Kindergarten. Keine klebrige Hand, die sich in ihre schiebt. Keine piepsige Stimme, die sagt »Ich bin Marli.«

Stattdessen eine verzweifelte Gimpel, die schreit, dass Marlene verdammt noch einmal bitte sofort aufstehen soll. Jetzt.

Marleue, Schule. Der Feueralarm ist so laut, dass Marlene nicht hört, was die Gimpel schreit. Sie sieht nur, wie sich ihr Mund auf und zu bewegt. Die Falte zwischen ihren Augenbrauen ist richtig tief.

Langsam packt Marlene ihre Kopfhörer ein. Schlägt ihr Heft zu. Schlichtet alles fein säuberlich in den Rucksack. Stück für Stück. Als Marlene aufblickt, steht die Gimpel direkt vor ihr. So nahe, dass sie plötzlich jedes Wort versteht: »Alles liegen lassen verdammt! Komm jetzt!«