Projektion - Peter Rehders - E-Book

Projektion E-Book

Peter Rehders

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Beschreibung

Daniel, der Highschool-Nerd aus Los Angeles. Die Adal, mächtige Organisation, hochtechnisiert, vor den Menschen verborgen. Und das Beben, welches das Schicksal beider unentwirrbar miteinander verbindet. Alle werden geprüft. Aber wer ist Prüfling, und wer ist Prüfer? Wer sucht Rat, und wer gibt ihn? Wer befiehlt, und wer gehorcht? Was ist Macht, und wer hat sie? Warum kann man nicht, was man doch darf? Folge Daniel und den Adal auf ihrem verschlungenen, aber gemeinsamen Weg!

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Seitenzahl: 754

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Buchbeschreibung:

Daniel, der Highschool-Nerd aus Los Angeles. Die Adal, mächtige Organisation, hochtechnisiert, vor den Menschen verborgen. Und das Beben, welches das Schicksal beider unentwirrbar miteinander verbindet. Alle werden geprüft. Aber wer ist Prüfling, und wer ist Prüfer? Wer sucht Rat, und wer gibt ihn? Wer befiehlt, und wer gehorcht? Was ist Macht, und wer hat sie? Warum kann man nicht, was man doch darf?

Folge Daniel und den Adal auf ihrem verschlungenen, aber gemeinsamen Weg!

Über den Autor:

Jahrgang 1965; somit knapp dem amerikanischen Bürgerkrieg entgangen. T5-Eierkopf vom anderen Ufer. Wissenschaft und Nachdenken; nicht denken zu wissen.

So cool, wie jemand nur sein kann, der sich selbst als cool bezeichnet. Liebhaber von Wein, Verächter von Selbstironie. Oder andersrum.

Inhalt

Vorbemerkung

Willkommensgeschenk

Subjekt

Prädikat

Objekt

Hunde, wollt ihr ewig heben?

Supreme Verband

A night to remember

Übersprung

Fehlfunktion

Babo

Einladung zum Kaffee

Pomp and Circumstances

Advent, Advent, die Hütte brennt

Beileidsbekundung

Eine einsame Glocke in Hoboken

Tee mit dem Präsidenten

Der Rat eines Meisters

Eine Frau namens Sir

Ein Freund und Helfer

Mars macht mobil

Rodeo

Eine Pfeife

New Kid on the Block

Abgreifen

Flotte machen

Ein Dolch aus der Dunkelheit

Bro

Der Junge aus Seattle

Hot Dog

Taschen leeren

Lackschaden

Noch ein Tässchen Tee

Ein nächtliches Gespräch

Wachwechsel

Verwandtenbesuch

Manöverkritik

Spielzeug

Flat Earth Society

Baumeister

Einzug

Ein Tuch, klein und fein und rot

Upward mobility

Fumbling Prayer

Die Werke des George Bool

Ruhestörung am Dammtor

Hammerschlag und Eisen bricht

Aber meine Hiebe nicht

Der Sterne Staub zum Sterne strebt

Malefiz

Ein milder Sommertag

Berechtigungen

Omertà

Muttertag

Probatio ultima

VORBEMERKUNG

Projektion« ist mein zweites Werk, aber mein erstes Buch. Es liegt zeitlich und inhaltlich nach »Resonanz«, welches jedoch noch gar nicht existiert, und weit vor »Druck« und »Analyse«, die beide eher Epiloge zu »Projektion« darstellen. Und ebenfalls noch nicht existieren.

Mein Stil mag manchem seltsam erscheinen, aber ich liebe ihn. Das schönste Geschenk wäre es, wenn der Leser die zahlreichen Andeutungen und Zitate erkennt oder versucht, sie sich zu erschließen. Und dabei neue Dinge kennenlernt. Oder voller Inbrunst sagt, dass das alles Blödsinn ist!

In diesem Sinne wünsche ich dem Leser viel Vergnügen mit genau diesem Stand meines Versuches; es wird noch viele andere geben!

WILLKOMMENSGESCHENK

Es war ein milder Herbsttag in San Diego, sonnig, ein paar Wolken ab und zu. Ideal für den Strand oder die Bar.

Die Stadt lag in weiten Teilen in Trümmern. Das Beben hatte die Metropole und ihre mexikanische Schwester Tijuana eiskalt erwischt. Obwohl es zwei Wochen vorher San Francisco und Los Angeles mit brutaler Gewalt zerlegt hatte, war niemand auf die Idee gekommen, dass hier vielleicht auch etwas passieren konnte.

Daniel war vor knapp einer Woche mit seinem Schiff zu Hilfe geeilt, um Hilfsgüter zu liefern, Kommunikation zu ermöglichen, die Kräfte am Boden zu koordinieren und Menschen an Bord zu bringen und zu verpflegen.

Nun saß er im Sessel des Kommandanten auf der Brücke des Kampfsterns Askania und fragte sich, wie zum Teufel das hatte passieren können. Er befehligte nicht nur dieses Monstrum von Raumschiff, zehn Kilometer lang, drei hoch und vier breit, sondern die ganze sogenannte Vierte Galaktische Flotte. Und auch wenn alle anderen Schiffe noch keine Besatzung hatten: Sie hatten Material, Gleiter, Sonden und mehr. Und das zählte.

Vor ein paar Wochen war er noch ein nerdiger Highschool-Schüler, der in ein Erdbeben geraten war. Jetzt saß er auf der Brücke und wurde Admiral genannt von den Adal, die dies alles hier heimlich geschaffen hatten. Und nicht nur das: Er war ein Lord, er befehligte eine Flotte und durfte im Namen des obersten aller Adal sprechen, des Squires. Absurd. Aber wahr. Seine Stellvertreterin hier an Bord, von Daniel »Jimmy« genannt, war ein Fieldmarshal, im Rang viel höherstehend als er. Absurd. Aber wahr.

Und jetzt saß er hier und hörte seinen Brückenoffizieren zu bei ihrer Bewertung der ziemlich ernsten Situation. Sie waren zusammengeklaubt von den Einsatzkräften, die gerade zufällig anwesend waren.

Er hatte die amerikanische Regierung aufgefordert, zusätzliche Hilfsgüter und Nahrungsmittel bereitzustellen und mit Transportflugzeugen nach San Diego zu bringen. Nachdem der Präsident bereits einmal Bekanntschaft mit Daniel und seiner Durchsetzungsfähigkeit gemacht hatte, kam die Hilfe schnell in Gang. Wohl auch, weil die Hierarchien unterhalb des Egozentrikers im Weißen Haus durchaus wussten, dass den Menschen hier damit optimal geholfen war.

Die automatischen Scansysteme der Askania hatten die Galaxy sofort nach dem Abheben als Sonderfall erkannt. Wenn die Adal etwas konnten, dann scannen und Kraftfelder erzeugen! Er hatte sich insgeheim noch darüber amüsiert, dass die Meldung von den »Nahfeld-Scannern« kam, denn das Flugzeug war von der Creech Air Force Base Nevada gestartet. Der zuständige Scan-Offizier ›Raj‹ meinte nur: »500 Kilometer ist für das Baby hier wie in der Unterhose!«

Was das sogenannte Autodefense-System nervte, war die Ladung. 60 Tonnen C4-Sprengstoff. »Genauer gesagt, 60 Tonnen minus 4 Kilogramm. Einer der Belader auf der Air-Force-Base hat wohl kurz lange Finger gemacht«, kam es von Raj.

»Ändert das etwas Entscheidendes an der Gefahreneinschätzung?«, entgegnete Daniel mit einer knapp um ein Dezibel lauteren Stimme. »Äh, nein, natürlich nicht, Sir. Botschaft ist angekommen, Sir. Sorry«. Jimmys hochgezogene Augenbraue war eine viel schlimmere Strafe als der subtile Rüffel des 17-jährigen »Sir«.

»C4 zählt aber wohl nicht zu den normalen Hilfsgütern«, sagte »Barry«, der Waffenkontrolloffizier (Defensiv). Sein Gegenstück »Sting« (Offensiv) meinte dazu nur trocken: »C4 soll bei Verstopfung wahre Wunder wirken!«

»Sir? Was machen wir?«, fragte Jimmy, bevor der nächste Rüffel fällig war. Der Kommandant war kein Adal-Offizier; er musste und wollte sich auf das Wesentliche konzentrieren. Und das war in Ordnung. Sie hätte auch erst einmal überlegen müssen, um die Optionen zu bewerten.

»Abfangen? Gleiter rausschicken?«

»Haben wir es nötig, Panik zu schieben?«, fragte sich Daniel insgeheim. Diese Scheiße nervte ihn. Was sollte das? Glaubten seine Landsleute wirklich, mit dem Ding das fünfzig Milliarden Tonnen schwere Schlachtschiff, das sich neuerdings Kampfstern nannte, auch nur am Lack zu beschädigen? Andererseits, er war jetzt natürlich nicht der fundierte Experte.

»Barry, was sagt Autodefense zur Bedrohung? Blinkt da was, was nicht blinken darf?« »Nein, Sir. Autodefense scannt weiterhin und sagt nichts.«

»Tower, die Landeoperationen gehen planmäßig weiter!« »Tower«, kein Platz auf dem Schiff, sondern der Leiter der Anflugkontrolle, bestätigte leicht zögernd: »Äh, ja, Sir, Landeoperationen gehen planmäßig weiter«.

Alles, was zur Askania hin- oder von ihr wegflog, nutzte die beiden riesigen Seitenstrukturen des Schiffs, genannt Pod-Links und Pod-Rechts. Pod-Links war den Gleitern, Fähren und Versorgungsschiffen der Adal vorbehalten, die Material und Flüchtlinge brachten. Pod-Rechts war den amerikanischen Flugzeugen zugewiesen, die auf dem dortigen Flugplatz landen konnten. Auf diese Weise hielt man die verschiedenen Arten von Luftfahrzeugen halbwegs auseinander.

Ein zwei Meter langer Gleiter der Adal würde glatt durch eine Galaxy samt Ladung durchfliegen. Und im Flugprotokoll stünde nur: »Ups!«

Der Flughafen nahm die ganze Breite des Pods von einem Kilometer ein und war vier Kilometer lang, sodass auch die dicken, schwer beladenen Flugzeuge wie gewohnt landen und wieder starten konnten. Auch wenn dies die Nerven der Air Force-Piloten ganz erheblich beanspruchte, die noch niemals etwas derart Riesiges gesehen hatten. Geschweige denn da reingeflogen waren.

Alle zwei Minuten landete ein Flugzeug, rollte aus bis Kilometer 3,5 und manövrierte dann zu einer der vielen Parkpositionen. Diese Flughäfen waren genau hierfür gebaut worden und hatten daher alle Systeme, die man zur Koordination dieser altertümlichen Dinger benötigte. Nach dem Abstellen hatten die Entlader fünf Minuten, um alles rauszuschaffen. Dabei halfen ihnen die Systeme der Adal, die so intuitiv waren, dass die Arbeiten nun meist von angelernten Flüchtlingen verrichtet wurden, den Aiden. Daniel war offiziell auch eine dieser Hilfskräfte; immer noch.

Er sah auf dem Hauptschirm die lange Kette der Flugzeuge im Anflug auf sein Schiff. Eines der Symbole kam von Nevada auf Südkurs, um dann später auf Westkurs in Richtung der Askania zu schwenken. Das Symbol war rot.

»Ich bezeichne Attack-1«, rief Barry, und die Bezeichnung erschien neben dem Symbol auf dem großen Schirm ganz vorn. Daniel schaute seinen Brückenoffizier genau an; zu schneller Atem, unruhiger Blick. Stress. Nicht gut.

Er sah auch, dass Jimmy, die erfahrene Fieldmarshal, die ihr eigenes Kommando einer Schweren Fregatte gegen diesen Posten getauscht hatte, alles mit Adleraugen beobachtete. »Gut, dann kann sie übernehmen, wenn ich mir in die Hose mache!«

»Landeoperationen laufen planmäßig weiter«, sagte er mit betont ruhiger, aber etwas lauterer Stimme. »Tower, lass uns bitte am Funkverkehr teilhaben«, gab er an die Anflugkontrolle. Kurz danach begann das Quäken der Unterhaltungen aus den Lautsprechern der Brücke.

»Air-Force-0232, kommen Sie aus Richtung Ost und halten sich auf der rechten Seite des Schiffes, ich wiederhole: rechte Seite. Das längliche, blinkende Rechteck ist unser Flughafen für Sie. Und keine Angst, das Ding ist groß. Bleiben Sie auf genau fünf Kilometer Höhe, dann kommen Sie perfekt rein. Roter Streifen in Blickrichtung heißt zu tief, blau heißt zu hoch. Roter und blauer Punkt heißt alles supi!«

»Air-Force-0233, bleiben Sie direkt hinter Ihrem Vordermann. Zwei Minuten Abstand.«

»Air-Force-Galaxy über Lake Salton, Ihr Rufzeichen ist jetzt Air-Force-0235. Und nein, wir diskutieren nicht darüber!« Air-Force-0235 war auf dem Bildschirm rot und hatte noch eine zweite Bezeichnung.

Raj meldete sich auf seinem Posten, wodurch das Kommsystem die Übertragung der Anflugkontrolle sofort leiser stellte. »Sir, ich habe Attack-1 einmal etwas genauer gescannt. Ist eine Galaxy mit nur einer Person an Bord. Absolut untypisch. Vitalfunktionen deuten auf erheblichen Stress!« Daniel wollte sich wundern über diese sehr tiefgehende Analyse, ließ es dann aber doch. Die konnten es einfach. Nicht drüber nachdenken. »Also Selbstmordkommando?«, fragte er seinen Offizier. »Klingt plausibel«, kam es von Jimmy.

Daniel war stinkig. »Kann er haben, Arschloch!«, dachte er sich.

»Stellt die Sprengladung eine Gefahr dar, laut euren Systemen?«, fragte er, ohne einen Adressaten zu nennen. »Autodefense scannt weiter und sagt nichts Spezielles«. Daniel sah seinen Barry, der langsam ein paar kleine Schweißperlen auf der Stirn hatte und fahrig zwischen seinen Bildschirmen hin- und herblickte. Die Ader am Hals trat etwas hervor.

»Air-Force-0235, reihen Sie sich ein. Sie sind als Übernächstes dran. Können Sie uns etwas über Ihre Ladung sagen? Für die Disposition?« Das war noch nicht einmal eine Fangfrage, sondern wurde alle Flugzeugbesatzungen gefragt, damit die Leute unten schon entsprechend Güter ankündigen konnten.

»Ja, äh, ich habe Medikamente an Bord. Aber keine Ahnung, was«, kam es mit etwas zitternder Stimme zurück.

»So ein Dilettant! Keine Medikamentenladung wiegt so viel bei dem Volumen!«, fauchte Barry etwas zu laut.

»Er kann aber nicht wissen, dass du von hier seinen Bodymass-Index misst«, sagte Daniel ruhig in die Runde und erntete ein paar Schmunzler zur Entspannung. Er drehte sich nach links, wo sein eigenes kleines Pult mit Bildschirmen und anderen Systemen stand. Er tippte etwas auf einem Bildschirm ein. Jimmy schielte interessiert in seine Richtung, drehte sich sofort wieder der Brücke zu und sah, dass »Scotty«, der Leitende Ingenieur, eine Anzeige auf der Reaktorkontrolle bekam. Er tippte auf das Bild des dritten Reaktors, der gerade von Schwarzweiß- auf Farbanzeige umgesprungen, also aktiviert worden war.

Jetzt sah Scotty, wer den Befehl gegeben hatte, und schaute sich verstohlen zu »Sir« um. Er war erfahren genug, um zu verstehen, dass der Kommandant seine Anweisung aus einem bestimmten Grund nicht gesprochen, sondern geschrieben hatte. Jimmy war jetzt klar, dass ihr Boss lieber eine kleine Sicherheitsreserve bei der Energieversorgung hatte, ohne dies an die große Glocke zu hängen.

Barry war unruhig; zu unruhig. Daniel musste etwas unternehmen, damit das nicht übersprang. »Barry, komm mal her«, sagte er in aller Ruhe. »Äh, ja, Sir. Natürlich. Aber ich muss …«

»Nein, musst du nicht. Dafür ist das ›Auto‹ in ›Autodefense‹ da. Komm!«, befahl er und nickte nach rechts zu seiner Seite. Der Colonel sah sehr unglücklich aus, konnte aber natürlich dem Befehl seines Kommandanten, Lord-Admiral Fischer, schlecht widersprechen. Sichtlich voller Unbehagen kam er hoch zu Daniels Sessel und lehnte sich an das Pult von Jimmy.

»Air-Force-0235, Sie sind als Nächstes dran. Irgendwelche Fragen?« »Nein, keine Fragen, hab schon alles mitgehört. Freu mich, meine Ladung bei euch abzuliefern!« »Wir freuen uns auch, Air-Force-0235!«

»Wo warst du, bevor du auf die Askania gekommen bist, Colonel?« »Äh, wie, Sir? Entschuldigen Sie, ich hab nicht aufgepasst«. »Was hast du getrieben, bevor ich dich unten im Hangar sieben aufgelesen hab?« »Ich war davor auf der Fregatte Nairobi als Sting, aber direkt vorher hatte ich eine Fortbildung, als das Erdbeben in L.A. losging. In San Diego war ich nur zufällig.«

»Tja, Zufälle gibt es manchmal. Schau mich an!«, gab Daniel betont gelassen zurück. »Und kannst du dir vorstellen, auf der Askania zu bleiben?«

»Autodefense setzt die Sprungfeldgeneratoren auf Hot Standby«, kam es ruhig und geschäftsmäßig von Sting, der ein Auge auf die Systeme seines unglücklichen Kollegen hatte.

»Air-Force-0235, Sie kommen rein. Viertel Schub, und achten Sie drauf: Wenn Sie im Hangar sind, ist der Luftdruck auf Normhöhe 1013 Hektopascal eingestellt, da machen Sie einen kleinen Hüpfer.«

»Sir, das wäre natürlich mein Traum; auf einem Kampfstern. Aber das wollen viele«.

»So, jetzt hört mal her, ihr Affen! Die besten Grüße vom besten Präsidenten überhaupt. Und: GOTT SCHÜTZE DIE VEREINIGTEN ST …!!«

SUBJEKT

Es war ein sonniger, warmer Herbsttag in Paris. Oder besser auch in Paris, denn die Runde tagte nicht direkt dort, sondern in Saint-Germain-en-Laye. Bauten innerhalb großer Städte waren ihrem Oberboss, dem »High Quartermaster«, zu aufwändig. Den Fehler hatten sie in Hamburg und anderswo bereits begangen. Hier waren sie unterhalb des gigantischen Waldes dieser Gemeinde im Speckgürtel von Paris untergebracht. Das mit der Sonne war somit auch nur anekdotisch.

Maria Svenson leitete die Besprechung. Die hoch gewachsene blonde Dänin war Counter-Marshal und die Leiterin dieser Abteilung. Und »Katastrophenhilfe« im weitesten Sinne war ihr Thema. Zusammen mit ihren vielen Kollegen hatten sie unzählige Szenarien entworfen und analysiert. Konkrete Szenarien oder auch generische, die mehr eine Art von Unglück darstellten und mehr oder weniger überall passieren konnten.

Was könnte geschehen, was würde man benötigen, wie könnte man die Menschen unterstützen und wie diejenigen, die den Menschen halfen. Versorgungsfachleute gehörten zu ihrer Truppe, Logistiker, Planer, Produktionstechniker. Und jede Menge IT-Leute für Simulationen und generische Programme, die im Falle eines Falles schnellstens für die konkrete Situation konfigurierbar waren.

Neben Verbindungsoffizieren zu den diversen anderen Bereichen, denn bei einem Unglück mussten alle ran, und zwar alle koordiniert!

Eine Wahnsinnsaufgabe. Und bisher vollständig für die Schublade. Sie durften alles das, was sie vorbereitet hatten, nicht einsetzen. Denn sie durften sich nicht zeigen, durften nicht helfen, niemand durfte von ihnen wissen. Das hatte der Souverän verfügt.

Aber jetzt hatte sich etwas geändert, und Maria musste es ihren Leuten des inneren Zirkels nun schonend beibringen. Das war einerseits natürlich aufregend, denn die Arbeit der letzten Jahre sollte nicht umsonst sein, aber gerade jetzt hatte sie anderes im Kopf. Und zwar ihre Augen! Das natürlich immer, aber sie bereiteten ihr Probleme; die Ablösung der Netzhaut in beiden Augen war fortgeschritten und die Operation war überfällig. Also war dies ihre letzte Amtshandlung vor der Unterbrechung.

Sie blickte neben sich an dem großen Tisch im südlichen der fünf unterirdischen Zylinder, welche die Zentrale Paris bildeten. Dort saß ihr Stellvertreter, Admiral Finn DeSmet, ein groß gewachsener, dunkelhaariger Flame Ende zwanzig. Immer der lockere Sunnyboy, fläzte er sich in seinen Sessel und wartete, was die Chefin so Dringendes hatte. Sie schätzte an ihm, dass er diese Lockerheit verband mit dem Wesen eines Terriers, der ein Problem erst dann aus den Fängen ließ, wenn es gelöst worden war. Seine gelegentlichen Temperamentsausbrüche konnte sie als die Vorgesetzte dann immer gut einfangen.

Sie war Boss, er war Spieß.

Nachdem sich alle Eingeladenen gesetzt hatten, begann sie. »Guten Morgen. Wie ihr wisst, bin ich ab morgen für mindestens eine Woche außer Gefecht. Danach habe ich dann hoffentlich meinen Röntgenblick!« Leichtes Gelächter aus allen Richtungen. Den Röntgenblick hatte sie schon längst. Es war eine der Hauptaufgaben der höheren Chargen, zu beobachten und Stimmungen und Nuancen mitzubekommen. Und das konnte Counter-Marshal Svenson!

»Finn wird mich gewohnt charmant vertreten, wie ihr euch sicher schon gedacht habt!« »Na, toll! Wieder nur Vorteile für die Damen!«, kam es von einem General mit gespielter Empörung. »Tja, manche Dinge an Admiral DeSmet kann auch ich nicht ändern!«, konterte die Chefin mit einem Grinsen im Gesicht. Das Grinsen des Admirals hingegen sagte nur »Ätsch!«

»Trotzdem habe ich noch eine Sache für alle hier, die ich euch nicht vorenthalten möchte«. Wenn sie bisher nur lockere Aufmerksamkeit besessen hatte, jetzt waren alle in höchster Bereitschaft!

»Ihr wisst alle, dass der Squire und die meisten Granden vor zwei Tagen den Abflug gemacht und sich irgendwohin zum großen Palaver zurückgezogen haben. Das wollen wir ihnen auch alle gönnen. Allerdings hat er etwas dagelassen. Und zwar für uns. Die Katastrophenhilfe«. Sie zögerte und schaute auf ihren Stellvertreter, der immer noch Grinsebacke spielte.

»Die Supreme Notary hat mir gestern ein stilles Edikt des Squires übermittelt, welches mit seiner Abreise gültig geworden ist. Ganz einfach formuliert sagt es aus, dass wir als Abteilung unsere Vorbereitungen für die Katastrophenhilfe auf das erforderliche Mindestmaß gebracht haben. Und damit einsatzbereit wären«. Sie legte eine Pause ein, denn sie wusste, dass dieser schlichte Satz eine brutale Wirkung auf ihre Leute haben würde. So wie auch auf sie, aber sie hatte bereits eine Nacht zum Nachdenken gehabt.

Bisher war alles theoretisch, wenn auch wahnwitzig umfangreich. Und der Chefin war klar, dass etliche ihrer Leute das alles auch liebend gern theoretisch lassen würden.

Ihre Mitarbeiter schauten sich an, unsicher, was sie davon halten sollten. Ein Colonel aus der IT-Truppe sprach schließlich aus, was vielen auf der Zunge lag: »Und was ist mit 116?«

Edikt 116 war die Vorschrift, nach der sich die Adal komplett unsichtbar machen mussten und nicht auf der »Oberfläche« eingreifen durften. Recht praktisch, wenn man sämtlichen Fragen und Diskussionen aus dem Weg gehen wollte. Unpraktisch, wenn man sich mit vielen Leuten und erheblichen Ressourcen auf genau dieses Eingreifen vorbereitete.

»Ich bin mir bewusst, dass wir da ein theoretisches Problem haben. Edikt 116 ist nicht aufgehoben. Und im Normalfall würde ich jetzt zum Squire oder einem der Hohen Räte gehen und mal höflich nachfragen, wie wir das übereinander bringen. Aber die sind alle nicht da, und wir müssen uns da selbst ein paar Gedanken machen. Also wird sich diese Runde in den nächsten Tagen damit beschäftigen, Einsatzempfehlungen und entsprechende Kriterien zusammenzustellen. Finn? Da gibts dann mal ordentlich was zu tun!«

Das war jetzt nicht das, was sich die Teilnehmer gewünscht hatten. Aber dafür konnte Maria nichts. Diese Anweisung des Squires direkt vor dem Abflug war etwas seltsam, aber vielleicht lag das Edikt schon länger herum und er hatte nur den Tisch aufgeräumt. Wer wusste das schon. Aber sie war Abteilungsleiterin des High Quartermaster und keine Verfassungsexpertin.

»Alles klar, Boss. Und bis dahin halten wir schön die Füße still, okay?«

»Das wird wohl das Beste sein, Admiral!«

Nach einigen Gesprächen zu dieser neuen Entwicklung schickte Maria ihre Leute an die Arbeit. Sie musste zugeben, dass ihr Geduldsfaden wegen ihrer Augen ziemlich verkürzt war. Nur ihr Stellvertreter blieb bei ihr zurück.

»Unzufrieden?«, deutete sie den Gesichtsausdruck des Mannes. »Hm, weiß nicht. Zufrieden jedenfalls nicht. Zu plötzlich und unvorbereitet. Die Diskussion zwischen ›Splendid Isolation‹ und ›Benevolent Involvement‹ sollte meiner Meinung nach gesteuert stattfinden. Und der Squire sollte entscheiden, bevor irgendjemand ein tatsächliches Eingreifen in Betracht zieht«.

Maria dachte darüber nach und nickte. »Wahre Worte. Aber er wird das zurzeit nicht tun. Und der Einzige, der über einen Einsatz entscheiden könnte, ist der Hohe Richter aus London«. »Der würde das wohl kaum tun. So krank, wie er ist. Und du bist im Hospital. Entscheidung vertagt!«

»Tja!«, lachte Maria endlich mal wieder. »Was du heute kannst verschieben …!«

***************

Das Licht des frühen Morgens schlängelte sich durch die Vorhänge in Daniels Zimmer. Wieder einmal verfluchte er sich selbst dafür, abends nicht darauf zu achten, dass der Stoff auch wirklich das ganze Fenster verhüllte. Nun stach ihm so ein fieser Sonnenstrahl genau ins Auge. Er hätte den Kopf drei Zentimeter bewegen können. Aber dazu mochte er sich nicht durchringen. Also leiden und fluchen. Aufstehen war keine ernsthafte Alternative.

Nur noch ein bisschen schlafen. Das war alles nicht fair.

Aber völlig egal, wie er sich fühlte, was ihm passiert war oder was er in diesem Moment für Pläne hatte, auf eine Sache war Verlass. Und das war seine Mutter.

Denn pünktlich zum letztmöglichen Moment klopfte es ziemlich deutlich an der Tür. »Daaaniel!«, rief sie von draußen ins Zimmer. »Aufstehen! Jetzt!« »Mama!«, kam es gequält von Daniel, der natürlich wusste, dass er verloren und auch nie eine Chance gehabt hatte.

»Etwa nicht ausgeschlafen?«, fragte Linda nervtötend fröhlich vom Flur aus. »Ne, ist gestern spät geworden«. »Dann schau abends nicht so viele Pornos!« »LINDA!«

Aber Linda war schon auf dem Weg nach unten, ein breites Grinsen im Gesicht. Sie hatte es immer noch drauf. Jeden Tag ein Treffer, jeden Tag versenkt!

Sie war zwar nicht seine leibliche Mutter, aber sie hatte seinen Vater Norman kennengelernt, als Daniel drei Jahre alt war. Sie liebte ihn wie ein eigenes Kind, und deshalb scheuchte sie ihn auch jeden Tag, wenn er mal wieder nicht zu Potte kam. Ihr war klar, dass er in der High School nicht gerade glücklich war, aber es half ja nichts. Zum Glück hatte er die kleine Tosha von nebenan, die auf ihn aufpasste. Das sollte genügen. Und dass jemals etwas zwischen den beiden passieren würde, schloss sie inzwischen ziemlich weitgehend aus. Aber da sprach sie Daniel lieber nicht drauf an. Das musste er mit sich ausmachen.

Daniel quälte sich langsam aus dem Bett und versuchte, sich für den Tag zu motivieren. Gelang nur so halb. Er hatte heute Physik und Informatik, das war nicht schlecht. Es machte Spaß und die Idioten waren nicht dabei. Insbesondere Michael. Der Blödmann hatte es auf Daniel abgesehen; schon ewig. Und als Sportler hatte er natürlich seinen Hofstaat, der ihn kräftig unterstützte. Und er selbst hatte nur Tosha, die immer für ihn da war, manchmal auch tatkräftig. Da musste er immer wieder schmunzeln. Was für ein Klischee! Der Nerd wird von seiner besten Freundin beschützt!

Nun sprang er erst einmal unter die Dusche, dann abtrocknen, anziehen und hinaus in die Welt. Er würde in die Schule fahren und dort versuchen, an allen vorbeizuschleichen und seinen Mund zu halten. Jedes Mal, wenn er sich gegen Michael wehrte, wurde es schlimmer. Also lassen. Aber vielleicht sollte er doch noch einmal mit seinen Eltern reden, damit er ein Auto bekam. Er war siebzehn und fuhr immer noch mit dem Fahrrad zur Schule. Total sinnvoll. Total umweltbewusst. Total simpel. Und total uncool.

So kam er in die Küche und mümmelte das belegte Brot, das Linda vorbereitet hatte. Daniel bewunderte sie dafür. Egal, was zu tun war, was alles brannte und was von wo nach irgendwo zu transportieren war, etwas zum Essen stand immer auf dem Tisch in der Küche. Da müsste er mal eine Versuchsreihe durchführen. Dreißig Sekunden umdrehen, zwanzig Sekunden umdrehen, nur kurz die Augen zu. Jedes Mal würde etwas Frisches auf dem Tisch stehen. Irgendwo hatte sie einen Zauberstab versteckt. Nicht, dass Linda eine typische Hausfrau wäre. Sie arbeitete im Child Protection Service, was bedeutete, dass sie manchmal zu den unmöglichsten Zeiten zu einem Fall gerufen wurde. Aber die Familie ging vor, da konnten sich ihre beiden Männer sicher sein.

Plötzlich hörte er einen Pfiff von der Straße. »Ich muss los! Tosha wartet!«, rief er ihr zu. Linda kam aus dem Wohnzimmer rüber und gab ihm einen dicken Kuss auf die Wange. »Hab einen schönen Tag! Und noch eins: Ich weiß doch, dass du abends keine Pornos schaust. Du bist so ein lieber Junge!«

Jetzt schrillten alle Alarmglocken beim ›lieben Jungen‹! »Und außerdem: Wenn du das tätest, hätten wir doch schon längst einen Blindenhund!«

»LINDA!«

Heute mal ein Double Strike!

***************

»Hallo Hübscher!«, begrüßte Tosha Daniel vor dem Haus. Sie wartete mit ihrem Fahrrad wie jeden Morgen, wenn sie zur gleichen Zeit in der Schule sein mussten. Tosha war ein sehr hübsches Mädchen, kaffeebraun und mit einer wilden Mähne. Und mit fiesen Reißzähnen, wenn jemand »ihrem« Daniel etwas Böses wollte.

»Hi! Auf ein Neues! Wie ich es liebe!« »Komm schon, Nerd! Du machst sie alle nieder!« »Schön wärs. Vielleicht sollte ich Michael mal zu einer Partie GTA rausfordern«. »Na, siehst du! So will ich das hören! Grand Theft Auto. Das ist endlich mal nicht so nerdy!«, lachte das Mädchen laut vor sich hin und zeigte ihre blendendweißen Zähne.

Daniel wusste, dass es mit ihm hoffnungslos war. Aber er kam einfach nicht gegen diese hirnlosen Brecher an. Die wussten im Zweifelsfall ja nicht einmal, dass er sie beleidigte, wenn er sich wehrte.

Und so machten sie sich auf ihren Fahrrädern auf zu ihrer High School. Im Prinzip nur ein paar Blocks die Straße hoch.

Das waren nur ein paar Minuten, und sie kamen doch noch rechtzeitig an. Die Fahrräder waren schnell abgestellt und sie machten sich auf den Weg zum Eingang. Gerade als Daniel dachte, er hätte es geschafft, hörte er hinter sich die eine Stimme, auf die er gern verzichtet hätte. »Hey Fischer, alter Schwuli! Naa, hast du auf mich gewartet?«, rief ihm Michael unter dem Gejohle dreier seiner Kumpel zu. Daniel rollte nur mit den Augen und drehte sich um. Half ja nichts. Michael stand neben seinem Wagen, breitbeinig in Richtung Daniel. »Na, komm. Ich weiß, du willst es!«, und griff sich demonstrativ in den Schritt.

Daniel wollte diesen Scheiß nicht mehr hören. Und bevor Tosha irgendetwas unternehmen konnte, antwortete er: »Tut mir leid, Michael. Geht grad nicht. Hab meine Lupe zu Hause vergessen!«

Das war jetzt nicht das, was Michael hören wollte. Seine Kumpel amüsierten sich allerdings köstlich, bis Michael sich zu ihnen hindrehte und sie merkten, dass der auf seine Kosten ging.

Das gab Daniel die Zeit, zu bemerken, dass er da nicht besonders diplomatisch vorgegangen war. Und so nahmen er und Tosha die Beine in die Hand und verschwanden in den Gängen der High School.

Der weitere Vormittag verlief zum Glück einigermaßen ruhig. Michael und seine Schergen waren nicht zu sehen. Aber das lag sicher auch daran, dass sie sich den Räumen, in denen sich Tosha und Daniel am liebsten aufhielten, möglichst nie näherten. Vor der Mittagspause hatten sie Informatik, sein Lieblingsfach. Es ging um Entscheidungsbäume und wie man sie am besten darstellt. Da war er in seinem Element, denn das Aufdröseln von vertrackten Problemen und Situationen machte ihm Spaß.

Nur das Problem mit Michael ließ sich nicht so einfach darstellen.

***************

Nach Ende der Stunde hatten sie Mittagspause und schlenderten auf dem Gang in Richtung der Kantine. Dabei konnte Tosha auch noch gleich eine Frage anbringen: »Wieso heißt das Ganze jetzt eigentlich Bool’sche Logik?« »So heißt der Typ, der das Ganze mal entwickelt und aufgeschrieben hat. George oder so. Und auf der Art, das darzustellen, basiert im Prinzip alle Software und Hardware. Bis auf Quantencomputer; da wird’s dann ganz komisch!«, grinste Daniel sie an. Aber er ließ es, jetzt auch noch damit anzufangen. Er wusste, wann er Tosha bei einem seiner Vorträge verlieren würde.

Zumal er in diesem Moment mit Urgewalt an einen der Spinde geknallt wurde, an denen sie gerade vorbeigingen. Michael hatte Daniels Kragen gepackt und presste den um einiges leichteren Jungen gegen eine Spindtür. Als Daniel erfasste, was los war, sah er Michaels Gesicht nur Zentimeter von sich entfernt. »Toller Scherz, Fischer! Soll ich mir mal mit dir einen Scherz erlauben?« Der Angesprochene hatte allerdings Probleme, zu antworten, denn ihm ging langsam die Luft aus. Aber nur ihm, nicht Tosha! »Holbrook, du Affe! Lass ihn in Frieden!« Aber Michael grinste sie lediglich schief an. Da half dann nur die Verzweiflung.

»Weißt du was? Ich hab gehört, heute gibts in der Kantine Bananen, du Gorilla!«

Das hatte dann doch den gewünschten Effekt. Michael ließ Daniel los und setzte sich in Richtung Tosha in Bewegung. Aber sowohl das Mädchen als auch sein bisheriges Opfer waren glücklicherweise flink und über die Jahre gewohnt, jede Gelegenheit zu nutzen.

»Ich krieg dich ja doch, Fischer!«, brüllte er den beiden noch hinterher.

Das leichte Vibrieren des Gebäudes während dieser Szene hatte niemand wahrgenommen.

PRÄDIKAT

Finn DeSmet war ein lieber Sohn. Er war in Brüssel geboren und aufgewachsen, also kein »geborener« Adal. Und so hatte er sich aufgemacht, seine Eltern zu besuchen, die glaubten, er würde immer noch in Berlin in Deutschland studieren. Nicht sehr erfolgreich, aber langwierig studieren. Seine Kollegen hatte er mit dem Auftrag seiner Chefin zurückgelassen, in Paris. Sollten die sich darum kümmern, wann man was tun oder lassen sollte. Das würde die Counter-Marshal später dann schon mit den hohen Herrschaften absprechen. Wenn alle wieder da wären.

Sie hatte sich noch einmal kurz bei ihm gemeldet, bevor es in den OP ging. Er hatte ihr artig alles Gute gewünscht, und das war auch ehrlich gemeint. Er mochte sie, weil sie sich beide gut ergänzten. Er war der Hitzkopf, und das wusste er, sie war die Ruhige, Gefasste. Die, die immer aus einer ihrer Uniformtaschen eine kleine Schaufel herbeizauberte, um die gelegentlichen Scherbenhaufen ihres Stellvertreters unauffällig zusammenzukehren.

Aber heute passte es ihm ganz gut, dass er das Sagen hatte. Was auch immer das bedeutete. Aber so musste er nicht viel erklären und um Erlaubnis bitten. Nur die Wache informieren, dass man »auf Obererde« ist und los.

Zwar konnte er die Fassade mit dem Studium nicht mehr lange aufrechterhalten, aber bisher war die Anweisung, abzutauchen, noch nicht gekommen. Und dafür war er auch sehr dankbar.

Und so saß er nun mit seinen Eltern und einigen Verwandten und Freunden seiner Eltern in der guten Stube eines Brüsseler Vorortes, und sie tranken alle brav Kaffee und aßen Kuchen. Wie man es so machte.

Finns Vater hatte gerade mal wieder das Thema Studium auf den Tisch gebracht. »Wie lang wird es denn noch so dauern mit deinem … wie heißt das noch mal?« »›Organisation öffentlicher Verwaltung‹ heißt das, Papa. Und ist ganz schön anspruchsvoll!« »Ja, das glaube ich. Und langsam! Wie so vieles in der öffentlichen Verwaltung!« Finn rollte nur mit den Augen und sah hinüber zu seiner Mutter. Ihr mitleidvoller Blick hieß nur: »Nein, er wird den Witz auch beim hundertersten Mal noch komisch finden«.

Aber da ging er jetzt lieber nicht drauf ein. Sonst müsste er seinen Kollegen noch erklären, wieso ein Admiral der Adal übers Knie gelegt worden war.

Finn hatte sein Handy, oder besser seinen Kommunikator, vor sich auf dem Tisch liegen. Sah aus wie eine bekannte Marke, war aber mehr. Aber in dieser Situation achtete er nicht darauf. Deshalb war er auch leicht erschrocken, als ihn der Cousin, der neben ihm saß, darauf ansprach: »Hey, Finn, willst du nicht rangehen?« Der wusste gerade nicht, was gemeint war, aber sein Cousin nickte in Richtung des ›Handys‹, auf dessen Display etwas blinkte. »Oh, ach so. Nichts Wichtiges«, sagte er nach einem kurzen Blick und tippte auf die Stummschaltung.

»Notruf-Code? Was soll die Scheiße?«, dachte er sich noch, leicht beunruhigt. Aber dann war sein Vater wieder an der Reihe, und er wollte doch höflich sein. Aber das Display blinkte abermals. Wieder Notruf-Code. »Ich kann jetzt nicht, Freunde der Sonne!«, fluchte Finn in sich hinein und drückte den Code wieder weg.

»Na, das ist aber jemand hartnäckig! Eine Freundin?«, grinste sein Vater nun rüber zu ihm. Noch so ein Thema. »Papa, das Spielchen versuchst du jetzt auch zum hundertsten Mal. Wart es ab!« Und gerade, als er sich lässig grinsend in seinen Sessel lümmelte, ging der Kommunikator los.

»NOTRUF. ALPHA OVERRIDE. Geologischer Dienst, Offizier vom Dienst für Admiral DeSmet!« Das Ganze in Flämisch, denn Finn war schließlich auf der Oberfläche unterwegs. Volltreffer. Alle schauten auf den Kommunikator. Und auf Finn. Und auf den Kommunikator. »Was …?« Aber nun half es nichts mehr. Jemand auf der anderen Seite hatte dringend versucht, ihn zu kontaktieren, und als das nicht gelungen war, den Joker auf den Tisch gepackt. Alpha-Override. Das hieß, es war scheißegal, was er gerade tat. Er musste rangehen. »Alle halten jetzt mal den Mund!«, sprach der Admiral, während der brave Sohn sich an einen fernen Ort wünschte.

Jetzt drückte er das andere Symbol, welches die Verbindung herstellte. »Hier DeSmet!« Das reichte der künstlichen Intelligenz schon, um das Gespräch zwischen der Sprache der Adal und dem Flämischen umzuwandeln. Finn bemerkte gar nicht, dass seine ganze Familie nicht nur mithören, sondern auch verstehen würde.

»Hallo Finn, hier Thomas vom geologischen Dienst. Finn, wir müssen reden!« Seine Stimme klang unheilvoll. Sehr unheilvoll. »Was gibts, dass du mich mit Override anrufst?« »Mit einem Wort: Kalifornien. San-Andreas. Gab schon die letzten Tage Unruhe. Viele Mikrobeben und Gezitter. Wir haben noch ein paar Tiefenscanner rausgeschickt, und die Daten kommen gerade rein. Das sieht nicht gut aus. Die Wellenmuster verfestigen sich. Ich weiß, die Forscher da oben sind sich noch nicht einig, ob das wirklich etwas heißt. Aber unsere Scanner sind besser. Zwei Größenordnungen besser! Da kommt was!«

Finn wurde heiß und kalt. Erdbebenvoraussage war keine exakte Wissenschaft, aber sie robbte sich langsam und unaufhaltsam an genauere Vorhersagen heran. Die Menge und Qualität der Inputdaten für die verschiedenen Modelle waren entscheidend. Und die Adal hatten Scannersysteme, die in einer Art und Tiefe in die Erde schauen konnten, von der die »irdischen« Wissenschaftler nur träumten. Vor allem konnten sie die Spannungen im Gestein aufspüren, die man sonst lediglich anhand der von ihnen ausgelösten Mikrobeben herleiten würde.

»Was sagen die Amplituden? Beim letzten Mal habt ihr was erzählt, dass die etwas aussagen«. »Jupp, die Amplituden werden rhythmisch größer. Und zwar verdammt viel größer! Finn?« »Ja, Thomas?« »Ich habe Angst!«

So hatte Finn den Offizier vom Dienst noch nie erlebt. »Angst« war kein guter Messwert. Aber ein guter Indikator, wenn sie von einem der besten Spezialisten auf dem Fachgebiet kam. Aber was sollte Finn jetzt tun?

»Zeithorizont?« »Stunden. Maximal. Oder nie. Das alte Spiel. Sorry, Finn«.

Es half nichts. Aber vielleicht konnte man vorerst einmal etwas tun, ohne dass es so aussah, dass man etwas tat. »Schalt uns mal rüber nach Paris zu meinen Leuten, bitte«. »Kein Ding. Geht los«.

»Hallo. Hier ist Finn. Der geologische Dienst ist extrem beunruhigt wegen der Situation am San-Andreas-Graben. Bis wir da etwas mehr Klarheit haben, veranstalten wir bitte einfach mal eine kleine Einsatzübung. Folgende Aktionen: Die Galaktischen Flotten und die Auxiliarys werden um Bereitsetzung gebeten. Die Lunar-Depots werden übungsweise aktiviert und die Personal-Einsatzkreise für einen Katastrophenalarm der Stufe eins vorbereitet«.

»Na, da wirbeln Sie aber eine Menge Übungsstaub auf, Admiral«, entgegnete der Full-General aus dem Stab des Katastrophenschutzes. Wohlweislich wirbelte Finn den Staub auf, nicht der Katastrophenschutz.

»Einfach machen, General. Du kannst mir dann ja im Innenhof die Augenbinde reichen!« Aus dem Kommunikator hörte man Tastenklicks und gesprochene Befehle.

»Befehle sind auf der Kette. Ich erhalte schon Bestätigungen. Nimmt Formen an. Da wird sich Maria aber freuen, wenn sie wieder da ist«. »Soll sie. Ist im Moment aber gerade meine Show!«, schnaubte Finn, dem in diesem Moment etliche Gedanken durch den Kopf jagten.

»Dann … bist du gar kein Student?«, bohrte sich in diesem Moment die schüchterne Stimme seiner Mutter durch Finns Fokussierung.

Aber bevor er diese wichtige Frage ehrlich und umfassend beantworten konnte, schrillte die Stimme des Geologen aus dem Lautsprecher.

»Es ist passiert! Oh, Gott! Es ist passiert. Beben! San-Andreas. Wellen laufen durch, sind extrem, Richterwert dauert noch. Aber die Amplituden! Acht Minimum. Epizentrum irgendwo um Los Angeles. Dauert noch. Ich hau alle Scanner raus, Tiefe und Oberfläche. Admiral DeSmet: Offizielle Katastrophenmeldung. Ich bekomme grad die ersten Oberflächenscans rein. Beben dauern an. Sind so stark, dass die Scanner Probleme mit der Strukturerkennung haben. Heilige Scheiße. Die trifft es knüppelhart. Finn, macht ihr was? Bitte!«

Finns Gedanken rasten. Er konnte und wollte sich kaum vorstellen, was gerade in Kalifornien los war. Im echten Leben. Oder besser Sterben? Nicht in irgendwelchen simulierten Szenarien. Und er saß hier in Brüssel beim Kaffee und sollte entscheiden, was passiert. Ihm war klar, dass die Adal das könnten, denn sie hatten sich darauf vorbereitet. Mit großem Einsatz und viel vorbereiteter Technik und Plänen. Aber wenn er jetzt den Startschuss abgab, dann gab es kein Zurück mehr. Und er hätte es ausgelöst. Noch könnte er erklären, dass sich seine Kommilitonen aus Berlin immer gern solche blöden Scherze einfallen ließen. Haha, was ein Spaß! Zurück zum Kaffee!

»Ella! Schalt mich auf den Kreuzverbinder!« Zwar hieß niemand im Raum Ella, aber alle hörten einen hellen Ton. Die »Linguistische Assistenz«, kurz »Ella«, hing grundsätzlich immer mit in jedem Gespräch eines Adal und wartete auf ihren Einsatz. Finn atmetet zweimal tief ein und aus, um das Adrenalin unter Kontrolle zu bringen und die eingeübten Abläufe zu starten.

»Kommando-Log: Es hat eine schwere Naturkatastrophe am San-Andreas-Graben in Kalifornien gegeben. Es ist mit einer erheblichen Zahl Toter und Verletzter zu rechnen. Abteilung Katastrophenschutz unter meinem Kommando evoziert die Befehlsgewalt. Umgehend publizieren!«

»Kommando-Log: Es werden die Katastrophenpläne 1321, 1323 und 1325 aktiviert. Sofort. Unterstützungs-Szenarien eins bis fünf werden aktiviert. Sofort!«

»Kommando der Flotte, OvD: Es wird die Rückkehr der drei Galaktischen Flotten sowie der Auxiliarys zur Erde angeordnet. Alle Einheiten bereiten sich unmittelbar auf die Rettungsszenarien vor!«

»Kommando der Flotte, OvD: Sofort eine Einheit mit Skillset Operationszentrale über Los Angeles verankern«.

»Katastrophenschutz: Alle Mitarbeiter transferieren umgehend zur Operationszentrale!«

»Kommando-Log: Den Stab des Squires informieren und den Hohen Richter sowie den Master Of The Floor!«

»Geologischer Dienst: Status«.

»Kommando der Flotte: Fortlaufender Status!«

»Ella, sofort einen Gleiter zu meinem Standort. Ich fliege nach Kalifornien!«

Es war passiert. Er hatte es getan. Nun saß Finn in seinem Sessel im kleinen Wohnzimmer in Brüssel und starrte vor sich auf den Tisch. Aus dem Kommunikator kamen eine nach der anderen die verschiedenen Statusmeldungen. Alle sauber auf Flämisch, und alle hörten mit, wie sich die Operationen der Adal über Kalifornien anbahnten. Und vor dem Fenster sahen sie plötzlich ein futuristisch aussehendes Gefährt, welches sich lautlos auf den gepflegten Rasen der Familie DeSmet senkte.

Der Kaffee würde wohl kalt werden.

***************

Die Schwere Fregatte »Kenia« war mit dem Rest der Ersten Galaktischen Flotte auf der erdabgewandten Seite des Mondes stationiert, als der Alarmruf kam. Und egal, wie überraschend der Befehl auch war, er war gültig, und so wurde er befolgt. Das Flottenkommando hatte unmittelbar nach der Aktivierung der Hilfspläne die Kenia abkommandiert, um als Operationszentrale über Kalifornien zu fungieren. Und so schwenkte sie umgehend in Richtung Erde und war nach wenigen Minuten vor Ort. Wobei »vor Ort« hieß, dass sie sich mit ihrer Unterkante auf vier Kilometer Höhe herabließ. Währenddessen plärrten ihre Sender auf allen Frequenzen die erste Botschaft an die Menschen dort unten. Tenor: »Wir wollen euch helfen!«

Die Erste Flotte war nach zwanzig Minuten über Kalifornien, die Zweite nach fünfundzwanzig Minuten, und die Dritte benötigte etwa zwei Stunden, da sie vom Mars kam. Zusammen mit etlichen Hilfsschiffen waren nach zwei Stunden über zweihundert Schiffe der Adal vor Ort.

Angestoßen durch die vorbereiteten Pläne strömten Tausende von Sonden, Gleitern und Adal aus den Hangars der Schiffe. Unterstützungssysteme wurden hochgefahren und Unterkünfte, Hospitäler und Lazarette vorbereitet. Scannersonden flogen die gesamte Region ab, um erste grobe Daten zu den Zerstörungen und verschütteten Personen zu erhalten, die dann später verfeinert werden konnten. Tausende von Sonden spannten WLAN- und Telefonnetze auf, denn die Kommunikationsnetze auf der Oberfläche waren nahezu komplett ausgefallen.

All das lief an, bevor der zuständige Offizier, Admiral DeSmet, mit seinen Mitarbeitern der Abteilung Katastrophenhilfe auf der Kenia eintraf.

Nachdem sein Gleiter im großen Hangar aufgesetzt hatte, schwang sich der Admiral direkt in einen Hot Seat, der ihn zur Operationszentrale im Bauch des Schiffes brachte. Dort erwarteten ihn bereits einige seiner Mitarbeiter sowie Offiziere der Kenia, die fürs Erste mithelfen würden.

Die Zentrale war kreisförmig angelegt mit einem runden Bildschirm als Tisch in der Mitte. Dort stand DeSmet mit seinen engsten Mitarbeitern und versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen. Um den zentralen Tisch waren in mehreren Kreisen weitere aufgebaut, an denen jeweils einige Adal für ein Gebiet oder einen bestimmten Aspekt zuständig waren. Je dichter an der Mitte, desto wichtiger und abstrakter wurden die Probleme.

Alle hier hatten das geübt und immer wieder verfeinert und verbessert. Aber nun mussten sie alle zusammen ins eiskalte Wasser springen. Dies war keine Übung, sondern der Ernstfall, und Tausende und Abertausende von Menschen kämpften da unten um ihr Leben. Und viele hatten den Kampf bereits verloren.

Die verschiedenen Arten von Anzeigen machten das Grauen deutlich. Die geologischen Scanner zeigten, was in der Erde passiert war, wie groß die Verschiebungen an den einzelnen Stellen war, wo über- und unterirdische Risse verliefen. Die Oberflächenscanner verglichen ihre aktuellen Messungen mit dem, was früher an Gebäuden existiert hatte, und stellten die Zerstörungsgrade dar. Downtown war übel getroffen, aber im gesamten Stadtgebiet von Los Angeles gab es schwere Schäden. San Francisco war ebenfalls betroffen, aber nicht so gravierend. Dort hatte es allerdings einige Gebiete getroffen, in denen sich der Untergrund verflüssigt und alles verschlungen hatte, was darauf gebaut worden war.

Das Schlimmste waren die biologischen Scanner. Sie zeigten, wo sich Menschen aufhielten. Auf der Straße war das weniger ein Problem, unter einem zusammengestürzten Haus aber schon. Da diese Sonden sofort mit ihrer Arbeit angefangen hatten, war ein erster Überblick über die Zahl der Hilfebedürftigen sehr schnell bereit. »Fünfhundertsechzigtausend? Nur in L.A.? Verdammt! Also gut, die Scanner machen weiter mit der Suche nach Überlebenden. Die Toten können danach gesucht werden«.

»Unsere Leute verteilen sich im Schwarm an die Stellen, an denen große Menschenmengen sind, sowie dort, wo die meisten Verschütteten vermutet werden. Wir warten dann erst einmal ab, was die Rückmeldungen von unten sagen«.

Finn DeSmet stand an seinem zentralen Schirm und versuchte, Ordnung in das Chaos zu bringen. So hatten sie es geplant und vorbereitet. Alle Ressourcen zur Hilfe runterzubringen und auf den Schiffen die größtmögliche Unterstützung ins Laufen zu bringen. Aber das hieß, dass der Schwarm der Sonden, Gleiter und Adal ins Arbeiten kommen musste.

»Wie sieht es aus mit der Kommunikation da unten? Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz? Gibt es bereits Kontakte?« Dieses unendliche Gefühl der Hilflosigkeit hatten sie nicht geübt. »Unsere Dispatcher haben schon etliche Polizei- und Feuerwachen erreicht. Sie klinken sich alle ins KatKommNet ein und versuchen, sich mit uns abzustimmen. Wir haben sie gebeten, sich um die Hilfe in ihrer jeweiligen Nachbarschaft zu kümmern. Die Straßen sind komplett unpassierbar«.

»Bürgermeister?« »Wir suchen, aber das Rathaus ist zusammengeklappt. Kann sein, dass alle tot sind«.

Plötzlich bemerkte Finn eine neue Person links neben sich. Eigentlich musste er sich auf die Informationen vor sich konzentrieren, aber irgendetwas ließ ihn zur Seite schauen. Neben ihm stand ein Militär. Schwarze Uniform, Wappen der Ersten Flotte am Ärmel, eine kleine, stilisierte Krone auf der rechten Brust. Tiefschwarze Haare mit ein paar einzelnen grauen Fäden. Und dann fiel Finns Blick nach unten an die Seite des Mannes. Dort hing der Dolch in seiner schwarz-silbernen Scheide.

»Wohl doch keine eurer beschissenen kleinen Übungen, was?«, presste Lord-Commodore Decker, Kommandeur der Ersten Galaktischen Flotte und oberster Militär, zwischen den zusammengepressten Lippen hervor.

»Ich fürchte, nicht«, antwortete Finn und blickte wieder auf den Tisch vor ihm. »Und wenn Sie nicht damit einverstanden sind, dass meine Abteilung die Befehlsgewalt evoziert hat, dann müssen Sie sich wohl an den Hohen Richter wenden!«

»Gemach, junger Admiral! Erstens hast DU die Befehlsgewalt evoziert, in Abwesenheit deiner Chefin, nicht deine Abteilung. Und zweitens habe ich diese Rücksprache schon gehalten!«

»Und? Bin ich abgesetzt?« »Oh, nein, Admiral. Aber es hat einiges an Fingerspitzengefühl verlangt, den Spaten wieder rauszubekommen, den er mir in den Arsch geschoben und langsam umgedreht hat!«

OBJEKT

Daniel und Tosha hatten die rettende Kantine erreicht. Hier waren jede Menge Schüler, aber auch etliche Lehrer. Michael wusste zwar, wo sie waren, aber auch er konnte hier nichts ausrichten. Vorerst.

»Bananen? Echt?«, grinste Daniel seine Beschützerin an. »Das wird er dir nicht verzeihen!« »Wie so vieles. Lass ihn. Irgendwann fahren wir beide mit unserem Porsche an der Tanke vor und lassen Holbrook einmal volltanken und Scheiben wischen. Und ich gebe ihm dann einen Dollar Trinkgeld«. Daniel grinste breit. »Weißt du eigentlich, dass in Indien die Rachegöttin …« »Stopp, Daniel! Versau mir meine zukünftige Genugtuung nicht!«

Nachdem sie sich aus dem wieder einmal recht übersichtlichen Angebot der Kantine beide etwas ausgesucht hatten, machten sie sich auf den Weg zu den Tischen. Sauber getrennt in die verschiedenen Kasten, aus denen eine moderne Schule, egal welcher Art, bestand. Ihre war normalerweise die der Nerds. Hauptsächlich Daniels Verdienst. Tosha hatte durchaus einige Freundinnen in anderen Gruppen dieses großen sozialen Experiments. Aber wenn sie mit Daniel zusammen war, und das war häufig der Fall, dann ging sie mit ihm in Richtung Bedeutungslosigkeit und Spott. Oder Nichtbeachtung.

Sie waren fast am Ende des großen Saales angekommen. Hinten in der Ecke für die Nerds. Aber immerhin waren Plätze an der großen Fensterfront frei. Dort konnten sie wenigstens etwas mehr Tageslicht erhaschen als weiter im Inneren.

»Hey, Fischer, kannst du mir nachher mal was in Mathe erklären?«, kam es auf einmal vom Tisch, neben dem Daniel gerade stand und Ausschau hielt. »Klar, wenn ich …« Aber er konnte den Satz nicht beenden, denn auf einmal vibrierte sein Tablett. In seiner Hand. Und dann bemerkte Daniel mit aufsteigendem Entsetzen, dass nicht nur sein Tablett vibrierte. Sondern er auch. Und alles andere im Saal. Und der Saal. Nicht stark, aber irgendwie bedrohlich. Er hatte bereits kleinere Beben mitgemacht, aber die Tatsache, dass sich der Erdboden, auf dem man steht, bewegt, war für ihn beunruhigend. Es war dieses Urvertrauen, dass die Erde fest und unverrückbar war, das sich nicht vertrug mit den an- und abschwellenden Vibrationen, die ihm durch den ganzen Körper jagten.

Noch weniger vertrug sich dieses Urvertrauen mit der Tatsache, dass auf einmal das gesamte Gelände, auf dem die Schule stand, um mehr als einen Meter in Richtung Norden schnellte. Innerhalb weniger als einer Sekunde. So schnell, dass nur das Erdgeschoss des kellerlosen Gebäudes die Bewegung mitmachte. Die darüberliegenden Stockwerke aber erst einige Zeit später.

Daniel und auch alle anderen, die standen, wurden von der brutalen Bewegung sofort von den Füßen gerissen. Als ihm bewusst wurde, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, blickte er hoch. Durch die Wand aus ohrenbetäubenden Schreien sah er bei den Stützpfeilern, auf denen die oberen Gebäudeteile ruhten, wie sie alle im unteren Teil anfingen, zu zerbröseln. Die Lampen an der Decke tanzten und überall kamen Putzteile und Teile der Deckenverkleidung herabgesegelt. Und das Schaukeln und Zittern war nicht vorbei. Vielmehr setzten die Vibrationen wieder ein. Und sie wurden stärker. Viel stärker.

»Tosha! Alles in Ordnung?«, brüllte Daniel über den infernalischen Lärm zu seiner Freundin. »Ja, ja, geht schon. Wir müssen hier raus!« »Aber so was von. Raus auf die Straße«. Tosha gaffte ihn verständnislos an. »Wieso auf die Straße? Hinten raus in den Innenhof ist viel kürzer!« »Nein, raus hier. Schau dir die Pfeiler an. Das ganze Gebäude klappt zusammen«. Daniel sprang fast zu ihr und packte sie an den Schultern. Ein heftiges Knacken aus Richtung der Glasfassade unterstrich seine Bedenken. Die Fassade aus diversen, schweren Glasplatten war natürlich erdbebensicher. Daniel und Tosha sahen die ersten Risse an den Einfassungen auftreten und fragten sich beide unwillkürlich, ob irgendjemand den Glasplatten diese Eigenschaft auch mitgeteilt hatte.

Daniel packte die Freundin am Arm und zerrte sie in Richtung Ausgang. Das war einfacher gesagt als getan, da der Boden immer wieder heftig bockte und zitterte. Glücklicherweise erwiesen sich nun die ständigen Übungen als hilfreich, denn es gab schnell einen stetigen Strom in Richtung Hauptausgang und niemand kam auf die Idee, gegen diesen Strom zu schwimmen.

Als sie fast an der Halle angekommen waren, die ins Freie führte, sah Daniel auf einmal Michael. Er stand bei den Spinden, wo die beiden ihm vorhin entwischt waren. Aber er war sicher nicht die ganze Zeit hier gewesen. Sein gelbes T-Shirt war eingerissen und voller Blut. Er lehnte gegen die Spinde und starrte nur ins Leere. Die beiden waren schon fast an ihm vorbei, als Daniel anhielt, was nicht einfach war in diesem Menschenstrom. Dann kämpfte er sich, Tosha immer noch im Schlepptau, zum Rand des Ganges, wo Michael stand. »Holbrook! Was ist los? Wir müssen hier weg!« Michael schien gar nicht zu realisieren, wer ihn ansprach.

»Der Brocken kam einfach runter. Genau in den Nacken. Er ist tot!«, stammelte der völlig verstörte Michael nur. Daniel hatte keine Ahnung, wen er meinte, aber das war jetzt auch nicht wichtig. Er packte Michael mit der noch freien Hand und zerrte nun beide hinter sich her in Richtung Ausgang.

Draußen auf der Straße vor der Schule empfing sie eine weitere Kakofonie. Sirenen, Hupen diverser Diebstahlwarnanlagen in den Autos, Schreie und Rufe, panisch kläffende Hunde. Und Risse. Risse in Wänden, Risse in den Straßen, Risse auf Wiesen und an Hängen. Daniel umklammerte immer noch die Arme seiner beiden Begleiter, als sie auf dem Parkplatz standen. »Mein Auto ist da hinten!«, rief Michael. »Bist du bescheuert? Wo willst du den hin? Und was glaubst du, wird auf den Straßen los sein. Da geht nichts mehr. Wir sollten alle erst einmal hier warten, bis es aufhört!«, entgegnete Daniel, plötzlich sehr ruhig. Solange nicht auf einmal einer dieser Risse direkt auf sie zukam, schien es ihm hier am sichersten zu sein. Aber die Erde hörte nicht auf, sich aufzuwerfen und in deutlich sichtbaren Wellen durch die Stadt zu pflügen.

Auf einmal hörten sie ein seltsames, knirschendes Geräusch. Sehr tief, und doch auch mit vielen Obertönen. Es kam von hinter ihnen. Mit einer Mischung aus Neugier und Grauen drehten sie sich alle drei gleichzeitig um. Was sie sahen, ließ sie nur noch entsetzt dreinschauen. Das gesamte Schulgebäude bewegte sich jetzt. Es kam auf seltsame Weise auf sie zu. Dann bemerkten sie, dass es nur die oberen Stockwerke waren. Das Erdgeschoss blieb, wo es stand. Und so glitt das obere Gebäude fast in Zeitlupentempo vom Erdgeschoss herunter und begrub im Zusammenfallen alles unter sich. Auch alle Schüler und Lehrer, die sich eben noch im Bereich des Ausgangs aufgehalten hatten.

Und dann hörten sie die entsetzlichen Schreie von dort, wo der Innenhof gewesen war. Bevor der rückseitige Flügel die gleiche Bewegung in das Innere vollführt hatte.

***************

Die meisten Schüler und Lehrer nahmen die Beine in die Hand und liefen weg. Nur ein paar Dutzend standen noch rat- und fassungslos auf dem Parkplatz zwischen den wild durcheinanderstehenden Autos und fragten sich, was zu tun war. Daniel kam als Erster wieder zu sich. Egal, welches Chaos gerade herrschte. Dort, wo eben noch der Eingangsflügel ihrer Schule gestanden hatte, war jetzt ein Trümmerhaufen, und darunter lagen Menschen!

»Los! Wir müssen helfen! Kommt!«, brüllte er die anderen an und lief zu dem Berg aus Beton, Stahl und vereinzelt sichtbaren Möbelstücken. Er hatte keine Ahnung, was genau zu tun war und wie man am besten an diese Aufgabe herangehen sollte, aber darum ging es jetzt nicht. Da waren Menschen, und denen mussten sie helfen.

Nachdem sich Daniel in Bewegung gesetzt hatte, kamen auch Tosha, Michael und etliche andere zu dem Trümmerberg und begannen, an diversen Trümmerstücken zu zerren. Einige riefen immer wieder nach Verschütteten, aber sie bekamen keine Antworten. Sie hatten bereits einiges an kleineren Stücken wegbewegt, als Daniel aus dem Augenwinkel etwas am Himmel bemerkte. »Sind das Hubschrauber? Das müssen welche sein!« Tosha sah auch nach oben und kniff die Augen zusammen. »Hm, die sind aber hoch. Warum kommen die nicht tiefer?« Michael spähte nun nach oben, und er machte eine bemerkenswerte Beobachtung. »Das sind keine Hubschrauber. Die sehen total rechteckig aus. Und sind auch verdammt hoch. Schaut euch die Flugbahnen an. Gerade, wie mit dem Lineal. Was zum Teufel ist das?«

Daniel schaute immer noch in den Himmel. Irgendwas stimmte hier nicht. Und dann sah er in Richtung Süden. Dort war etwas Riesiges am Himmel. Und eine Wolke kleiner Teile kam aus der Richtung und verteilte sich über der Stadt. »Was zum …?« Aber er wurde abgelenkt von Michaels aufgeregter Stimme. »Schaut mal her, was ist das?« Er hielt ihnen sein Handy hin und sie kamen zu ihm rüber und schauten auf den Bildschirm. Es war die Auswahlmaske für das WLAN. Es waren nur wenige zur Auswahl, und die auch nur schwach, und wahrscheinlich auch ohne Internetverbindung. Aber ganz oben stand ein Eintrag: »KatastrophenKommunikationsNetz KatKommNet(frei)«. Sie sahen sich an und Daniel und Tosha riefen synchron: »Los! Aufrufen!«

Das ließ sich Michael nicht zweimal sagen. Er tippte drauf und sein Handy verband sich mit dem Netz, das Tausende von kleinen Sonden über der Stadt bereits aufgespannt hatten. Da WLANs einen Begrüßungsbildschirm aufrufen, wo dieser vorhanden ist, gelangte der Browser sofort auf einen Startbildschirm, der sich direkt meldete: »Dies ist das Katastrophen-Kommunikationsnetz im Raum Kalifornien. Wir sind die Adal, und wir wollen euch helfen. Wir kommen mit großen Flugkörpern über eure Städte. Habt keine Angst, wir kommen auf die Oberfläche und helfen euch bei der Bergung und der Evakuierung. Bitte bleibt in diesem Netzwerk, dann können wir euch am besten helfen.«

Danach erschien ein weiterer Schirm mit der direkten Frage, ob man für sich oder andere Hilfe benötigte.

Sie schauten auf den Schirm und hatten sichtlich Mühe, das Ganze zu begreifen. Aber dann sagte Daniel nur: »Scheiß drauf! Wir brauchen hier Hilfe. Drück drauf!«, was Michael dann auch machte. Währenddessen suchten Daniel und Tosha auf ihren Handys auch nach dem WLAN und buchten sich ein.

»Dann sind das da diese ›Adal‹, oder?«, sagte Daniel und nickte in Richtung Süden, wo man jetzt immer deutlicher Flugkörper sehen konnte, die sich über die einzelnen Stadtteile von Los Angeles verteilten. Michael fing an, mit den Armen zu rudern und zu hüpfen. »Hallo! Hier!«

»Mann! Die sind Kilometer weit weg. Glaubst du, die hören und sehen dich? Los Tosha, wir drücken auch die ›Hilfe‹-Taste. Vielleicht wirkt das ja«.

Sie sahen die Flugkörper näherkommen, aber immer mehr von ihnen bogen ab und schwebten zur Oberfläche hinunter. Es wurden weniger und weniger. Aber einige blieben weiterhin in der Luft. Und sie kamen näher. Und plötzlich verdeckte eine Wolke die Sonne. Oder zumindest dachten sich das alle, denn wenn die Sonne auf einmal weg ist, dann ist da schließlich eine Wolke. Nur Michael sah etwas aus dem Augenwinkel und schaute sich um. »HEILIGE SCHEISSE! Was ist das denn?«, brüllte er auf einmal in die Gegend. Die anderen blickten ihn an, drehten sich in die Richtung, in die er starrte, und ließen ihre Unterkiefer synchron auf den Asphalt klatschen. Sie sahen ein Raumschiff. Das musste es sein, etwas anderes war nicht möglich. Und es war groß. Sehr groß. Furchtbar groß. Und es kam ihnen irgendwie vertraut vor. Ein vorderer Teil, der konisch zulief, ein Mittelteil, flach und rechteckig, aus dem links und rechts zwei flachere Kästen herausragten, und ein hinterer Teil, der aussah wie zwei mächtige Raketentrichter. »Wollt ihr mich verarschen? Hat hier einer zu viel Galaktica gesehen?«, kam es entgeistert von Michael. Und so wurde auch Daniel klar, warum ihm diese Form so vertraut war.

Sie konnten nicht sagen, wie groß dieses Raumschiff war oder wie hoch es in der Atmosphäre lag, denn es fehlte ein Bezugspunkt für ihre Beobachtung. Aber es war sicherlich nichts Außerirdisches, denn an der Seite des mittleren Teils prangte ein Name, in schlichten, lateinischen Buchstaben: »Kenia«.

Daniel sah, dass von diesem Ding noch viel mehr Flugkörper kamen. Und so konnte er abschätzen, dass es kilometergroß war. Nun flogen sie sehr nah heran. Etliche überflogen sie in Richtung anderer Stadtteile, aber ein paar verlangsamten ihren Flug und kamen näher. Michael fing wieder an zu hüpfen und zu schreien. Und Daniel und Tosha und weitere Schüler machten es ihm nach.

Einer der Flugkörper kam nun sehr nah, und auf einmal wussten sie, dass er zu ihnen unterwegs war. Sie sahen etwas, das breit und ziemlich flach und silberfarben war. Vielleicht fünf Meter lang, zwei Meter breit und etwas weniger hoch. Ein bisschen wie ein eckiger Sportwagen ohne Räder. Dass dieses seltsame Fluggerät keine Flügel, keine Rotoren oder Düsen hatte, bemerkten sie alle erst viel später.

Während das Gerät zu ihnen hinabglitt, lasen sie an der Flanke die Beschriftung »Atlantia-02413«, wohl so etwas wie ein Kennzeichen. In einem halben Meter Höhe öffneten sich Flügeltüren auf beiden Seiten, und sie sahen eine Frau und einen Mann darin sitzen, die nun ziemlich sportlich ausstiegen.

Die beiden standen an der Seite ihres fliegenden Untersatzes und schauten sich um. Die Frau nickte in Richtung Daniels und seiner Begleiter. Dann kamen sie zu ihnen. Die Frau sprach mit einer tiefen, ruhigen Stimme und einem deutlichen Akzent: »Hallo, ich bin Captain Gambini, das ist Lieutenant Adams, wir sind Adal und wollen euch helfen. Ihr habt über KatKommNet um Hilfe gebeten?« Daniel kam zuerst wieder zu Sinnen. »Äh, ja. Vielen Dank, Captain. Wir brauchen hier tatsächlich Hilfe. Hier sind Leute verschüttet. Ihr müsst uns helfen!« Dabei drehte er sich halb um und zeigte auf den Trümmerhaufen hinter ihnen.

Der Captain sah den Lieutenant an, und der Blick war seltsam. »Okay, wir schauen noch einmal«, sagte sie und nahm ein Tablet aus einer Halterung, die an einem Gurt über ihrer Schulter hing. »Wir haben das Gebiet bereits vorgescannt. Mal schauen«, murmelte sie vor sich hin, aber auf Englisch. Auf einmal schnippte sie mit den Fingern: »Re-Scan!«, befahl sie irgendjemandem, den die anderen nicht sahen. »Schaut mal hier, das ist das Gelände hier«, sagte sie auf einmal mit einer ziemlich sanften Stimme und drehte das Tablet zu den Schülern. Sie sahen eine Karte des Geländes, auf der die Gebäude grafisch angedeutet waren und einige gelbe Punkte. Und einige rote Punkte. Dann erschien eine Schrift auf dem Bildschirm: »Re-Scan«. Und es änderte sich nur wenig. Aus ein paar gelben waren nun rote Punkte geworden. Captain Gambini sah sehr betroffen aus. »Gelbe Punkte sind lebende Menschen. Rote sind …«, aber sie musste nicht weitersprechen. Im vorderen Teil der Schule, dem Eingangsbereich, waren etliche Punkte. Alle rot.

Daniel begriff sofort, was sie ihnen sagen wollte. Aber umgehend setzte der Verstand ein und analysierte die Situation. »Okay, aber hier hinten sind etliche gelbe. Das heißt, das sind Überlebende? Dann müssen wir hier rüber und dort hin!«, sagte er sehr bestimmt und deutete in Richtung des ehemaligen Innenhofes. Captain Gambini reagierte sofort. »Adams, nimm dir auch ein paar Leute. Ich hüpf rüber und schick dir den Gleiter zurück. Ihr kommt mit mir!«, deutete sie auf Daniel und die anderen. Sie gingen zu dem Flugkörper, der plötzlich an der Unterseite Kufen ausfuhr. Sie setzte sich rein und befahl: »Ein Fuß auf die Kufe und festhalten!« Die Schüler, insgesamt acht, taten, wie ihnen geheißen war, und traten auf die Kufen auf beiden Seiten des Gleiters.

Plötzlich und ohne einen Ruck hob der Gleiter ab und flog über die Trümmer des vorderen Schulgebäudes in den ehemaligen Innenhof, der in weiten Teilen ebenfalls von Trümmern bedeckt war. Sie sahen einige Schüler und Lehrer, die auf den Ruinen herumkletterten und verzweifelt an ihnen herumrissen, um nach Verschütteten zu suchen.

HUNDE, WOLLT IHR EWIG HEBEN?

Der Gleiter sank schnell auf den Boden; auch jetzt bemerkten sie keinerlei Beschleunigung. Daniel bemerkte, wie sein Gehirn versuchte, die Bewegung, welche die Augen meldeten, mit dem Fehlen jeglicher Beschleunigung zu verheiraten. Klappte nur bedingt. Er hatte ein flaues Gefühl im Magen, und er sah, dass auch die anderen ihre Probleme hatten. Also waren sie froh, als sie wieder festen Boden unter den Füssen hatten, wenn man mitten in einem aktiven Erdbeben überhaupt davon sprechen konnte.

Captain Gambini sprang aus dem Gleiter und rief ein Wort in einer fremden Sprache. »Ga’al teré!«, woraufhin sich das Gefährt sofort wieder in die Luft bewegte und zurück zum Parkplatz flog. Sie schauten sich im ehemaligen Innenhof um. Auch hier war ein ganzes Gebäude ab dem ersten Stockwerk in den Hof gerutscht. Das Erdgeschoss war ziemlich ramponiert, zumindest, was man davon vom Innenhof aus sehen konnte. Gambini blickte von einer Seite zur nächsten, als könnte sie durch die Trümmer schauen. »Da oben fangen wir an. Da sind Überlebende!«, sagte sie plötzlich bestimmt und zeigte auf die Reste des Gebäudes, die oben lagen. Das klang logisch, aber alle sahen sich auf einmal an und fragten sich, wie sie da hinkommen sollten.