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Wie alles begann: die Vorgeschichte von Pu und seinen Freunden Wie kam Pu der Bär zu Christopher Robin? Warum ist I-Ah immer so mürrisch, und wieso ist Ferkel eigentlich so klein? In ›Pu – Es war einmal ein Bär‹ geht Jane Riordan diesen Fragen nach und bereitet allen Pu-der-Bär-Fans ein herrliches Lesevergnügen. Ihre Geschichten im Stil von Pu-Erfinder A. A. Milne führen die Leser*innen zum Ursprung des weltberühmten Bären und seiner Freunde und bieten somit auch Pu-Experten die Möglichkeit, ihre Helden neu zu entdecken.
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Seitenzahl: 78
Veröffentlichungsjahr: 2022
Jane Riordan
Pu. Es war einmal ein Bär
Wie alles begann
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Mit Illustrationen von Mark Burgess
Für Isaac, Oscar, Hannah und Alice – die Höhlenbauer.
J.R.
Schreiben ist nicht leicht. Manchmal haben es sich die Wörter im Kopf so gemütlich gemacht, dass sie sich tagelang weigern, zum Vorschein zu kommen, und wenn sie sich endlich dazu bequemen, haben sie schlechte Laune, irren missmutig kreuz und quer über die Seite und wollen nicht brav neben ihren Nachbarn bleiben. An anderen Tagen fühlen sie sich pudelwohl und sind so rasant zur Stelle, dass man kaum hinterherkommt.
Als ich zu meiner Freude gebeten wurde, darüber zu schreiben, wie es war, bevor Christopher Robin in einem Baum im Hundertsechzig-Morgen-Wald lebte, bevor I-Ah seinen Geburtstag feierte und bevor Ferkel Etwas Ganz Großes vollbrachte, waren die Wörter brav und taten, was ich wollte. Aber dann fragte eine schlaue Person, die dort arbeitet, wo Bücher entstehen: »Und die Vorstellung?«
»Die was?«, erwiderte ich, als hätte ich nicht verstanden, denn an jenem Tag war ich eigentlich schwer mit Nichtstun beschäftigt. »Na, die Vorstellung«, wiederholte die Person. »Sie gehört dazu. Mr Milne hat immer eine geschrieben, du solltest es also auch tun.« Man muss bedenken, dass ich minus zwanzig Jahre alt war, als Mr Milne starb. Allerdings ist er der einzige Autor auf der Welt, dessen Rat ich beherzigen würde, und wenn er sagt, es brauche eine Vorstellung, dann braucht es eine Vorstellung, und hier ist sie.
Pu meint, sie sei nicht besonders lang. I-Ah sagt hingegen, er habe die Ohren schon zugeklappt, als es um die herumirrenden Wörter ging, und die Vorstellung sei viel zu lang. Wenn Pu recht hat, und so ist es oft, mache ich mir keine Sorgen, denn ich weiß, dass der begabte Mr Burgess, wie von Mr Shepard gelernt, die perfekte Illustration zeichnet und diese Seite schon füllen wird.
Vielleicht mögt ihr auch ein paar Krümel auf der Seite verteilen, weil Lesen besonders schön ist, wenn man dabei eine Kleinigkeit isst (behauptet jedenfalls Pu).
J.R.
Nicht weit weg gibt es einen Wald. Ihr wart bestimmt schon einmal dort. Es ist die Sorte Wald mit Bäumen, hinter denen man sich verbergen kann, mit Stöcken, die sich biegen und brechen lassen, mit Bächen, in die man seine Zehen hineinhalten kann, und mit steilen Abhängen, die man gern hinunterrennt. In diesem Wald saßen zwei Freunde an einem sonnigen Fleckchen.
»Keine einzige Wolke am Himmel«, sagte Christopher Robin und legte seinen Kopf so weit in den Nacken, dass Pu (für manche Winnie-der-Pu, für dich und mich schlicht Pu) die Sorge hatte, er könnte abbrechen.
»Wo sie wohl alle sind?«, fragte Pu versonnen.
»Wer?«, fragte Christopher Robin.
»Die Wolken«, sagte Pu.
»Ach so«, sagte Christopher Robin schläfrig. Es war ein wahrlich wundersames Wunder, denn es war April, vielleicht ein Dienstag, vielleicht ein Donnerstag, und wie üblich im April hätte es regnen müssen. Stattdessen wölbte sich der Himmel ohne ein einziges zartes, zaghaftes Wölkchen strahlend blau vom überschwemmten Ort bis zum Nordpohl.
Christopher Robin und Pu taten, was sie am liebsten taten. Das heißt fast gar nichts, aber sie taten es gemeinsam und hatten also doch etwas zu tun. Das wohlige Gefühl des Nichtstuns versetzte Pu in eine summige Stimmung. Und so summte er:
Im Winter ist es oft sehr kalt.
Im Sommer heiß – so ist das halt.
Im Herbst verliert ein Baum die Blätter.
Im Frühling, tja, da spinnt das Wetter.
Hier zögerte Pu, denn er konnte sich nie merken, worin sich Frühling und Herbst unterschieden und welche dieser zwei Jahreszeiten vor den Sommer gequetscht war und welche dahinter. Er versuchte, sie auseinanderzuhalten, aber ähnlich wie Dienstag und Donnerstag schienen sie ihre Plätze zu wechseln, sobald man wegsah. Christopher Robin korrigierte ihn jedoch nicht, er musste also richtigliegen und summte weiter:
Ob Wind, ob Regen, ganz egal …
Doch Pu konnte nicht zu Ende summen, weil irgendetwas um ein Haar auf ihm gelandet wäre.
»Hallo, Tieger«, sagte Christopher Robin, half Pu auf die Beine und klopfte ihn ab.
»Tieger mögen Spiele«, sagte Tieger mit einem breiten Lächeln. »Welches Spiel spielt ihr gerade?«
»Es ist kein Spiel«, erwiderte Pu verstimmt. »Jedenfalls war es keines. Es war ein Gesumm.«
»Oh«, sagte Tieger und wunderte sich kurz, warum es ein Geh-Summ war, obwohl Pu doch saß. »Das mögen Tieger auch.«
»Ach ja?«, fragte Pu. »Als du im Wald angekommen bist, mochtest du angeblich alles Mögliche, wie Honig und viele andere Dinge, die ich vergessen habe. Doch in Wahrheit mochtest du nichts davon.«
Und ob ihr’s glaubt oder nicht, als Pu das Wort »angekommen« aussprach, kamen lustigerweise jede Menge Freunde an. Plötzlich waren Ferkel und Eule da, dann erschienen Känga und Klein Ruh und natürlich Kaninchen, das wie üblich zig Bekannte-und-Verwandte im Schlepptau hatte. Es war ein richtiger Freundes-Auflauf. Sogar I-Ah, der sich selten blicken ließ, war aufgetaucht.
»Ich habe fast vergessen, wie es ist, anzukommen«, sagte Tieger nachdenklich. »Dabei ist das so lustig. Tieger kommen gern an. Als ich angekommen bin, gab es ein großes Hallo, und ich hatte neue Freunde, denen ich vorführen konnte, wie ich springe. Ich meine, die ich kennenlernen konnte«, berichtigte er sich. »Wie bist du denn angekommen, Christopher Robin?«, wollte er wissen.
»Hier im Wald?«, fragte Christopher Robin überrascht. »Oh, ich war schon immer hier.«
Daraufhin ergriff Kaninchen das Wort. »Es muss aber ein Bevor gegeben haben«, sagte es. »Es gibt immer ein Bevor.«
Christopher Robin fand das nicht, zumindest wenn es um ihn ging.
»Bevor«, erklärte Eule getragen, »nicht zzzu verwechssseln mit anno Tobak oder ssseinerzzzeit, issst eine Tatsache. Soll heißßßen, esss issst wahr und echt. Du solltessst etwasss über dein Bevor herausssfinden, Chrisssstopher Robin, und unssss davon erzzzählen.«
»Oh, wie eine Geschichte?«, quiekte Ruh aufgeregt.
Känga betrachtete es stolz. »Ja, Ruh, mein Liebes, du magst Geschichten, nicht wahr? Nicht jeder kann so geduldig zuhören wie du«, erklärte sie. »Erst gestern, müsst ihr wissen …« Aber die anderen hörten schon nicht mehr hin.
Tieger wirkte besorgt. Und seine Sorge war, dass es in Christopher Robins Bevor keine Tieger geben könnte.
»Diese Geschichte mag ich am liebsten«, sagte er, »weil ich darin vorkomme.«
»Aber dies ist keine Geschichte«, erwiderte Christopher Robin lachend. »Das erkennt man daran, dass so gut wie nichts passiert.«
»Ach so«, sagte Tieger enttäuscht, aber das hielt nicht lange an, denn Tieger haben ständig lustige Ideen. »Dann sorge ich eben dafür, dass etwas passiert, damit es eine Geschichte ist.« Und mit diesen Worten sprang er davon.
Die anderen warteten ein wenig beunruhigt. Wenn Tieger da war, passierte meist etwas, ob man wollte oder nicht. Als sich nach einiger Zeit noch immer nichts getan hatte, sahen alle Freunde zum strahlend blauen Himmel auf, und Pu fragte sich, wie weit er mit dem Gesumm gekommen war.
»Ich will ja nicht für schlechte Laune sorgen«, brach I-Ah schließlich das Schweigen. »Aber Tieger ist schon eine ganze Weile weg. Das ist sehr untypisch für ihn. Ich weiß aus Erfahrung …«, und an dieser Stelle seufzte er, »… dass er IMMER da ist. Hier, meine ich. Hier und da, ihr wisst schon, und er ist IMMERLAUT.« Die Worte »immer laut« sagte I-Ah auch nicht gerade leise, sodass mehrere kleinere Bekannte-und-Verwandte zusammenzuckten. »Ich will damit sagen«, fuhr I-Ah fort, »es ist so still, dass ich mich frage, wo er steckt.«
Christopher Robin war von dieser Rede sehr beeindruckt. Er wusste, dass I-Ah und Tieger nicht immer die besten Freunde waren. I-Ah hatte den ungestümen Schubs in den Fluss nie ganz verdaut …
»I-Ah«, sagte Christopher Robin feierlich. »Du hast gerade etwas sehr Liebes gesagt.« Daraufhin senkte I-Ah den Kopf und verbarg seinen roten Kopf hinter seinen langen, schlaffen Ohren. »Tieger ist viel zu still, wir müssen ihn finden.«
Also brachen sie auf.
Kaninchen hätte Tieger gern gefunden. Und wenn Pu vor der Suche nicht noch schnell nach Hause gegangen wäre, um eine Handvoll Honig zu essen, dann hätte er ihn gefunden, davon war er überzeugt. Doch es war Ferkel, das Tieger entdeckte, wenn auch nur durch Zufall.
Ferkel war die Suche auf die allerbeste Art und Weise angegangen – indem es suchte. Aber die Sonne war so warm und das junge Laub war so herrlich grün, dass es das kleine rosige Gesicht schon bald in die Luft reckte, die Baumwipfel betrachtete und die Suche vergaß. Plötzlich stolperte es und landete kopfüber in einer sandigen Stelle. Auf seinen verblüfften Schrei hin kamen alle angeflitzt, und Christopher Robin bemerkte, dass das, was Ferkel zu Fall gebracht hatte, geringelt und beschwanzt war.
Danach wurde gezogen, und als das nicht half, wurde gegraben. Immer tiefer und tiefer. Alle halfen. Und Ruh grub so begeistert wie kein anderer.
»Schau mal! Schau nur, wie ich grabe!«, rief er jedem zu, der es hören wollte. »Ich grabe am besten und schnellsten von allen.«
Endlich hatten sie Tieger ausgegraben. Er hatte das Maul voller Sand und war sich nicht sicher, warum sein Schwanz in der Sonne gelegen, alles andere aber tief im Sand gesteckt hatte.
»Waff war bemm baff? Waff iff paffieht?«, prustete er. Und fragte dann deutlicher: »Ist das jetzt eine Geschichte?«
