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Der Drittklässler Moritz aus München. der mit seinen Eltern in der indonesischen Hauptstadt Jakarta lebt, verbringt eine aufregende Ferienwoche beim Meeresforscher Don auf der winzigen Insel Opak vor der Küste von Java. Gemeinsam mit seinem indonesischen Freund Janto erkundet er den dichten Wald, der das Innere der Insel bedeckt und macht Bekanntschaft mit den merkwürdigsten Tieren. Das Korallenriff, das die Insel wie ein Ring umgibt, ist eine fremde, wunderbare Welt - aber nicht ohne Gefahren. Seltsame Dinge geschehen, die die fünfköpfige Inselbevölkerung und ihre beiden Gäste in Aufregung versetzen: Dinge und Tiere verschwinden spurlos. Sind Geister am Werk? Detektivischer Spürsinn ist gefragt. Die Autorin hat die Geschichte mit zahlreichen schwarzweißen federzeichnungen illustriert. Das Buch, das 1975 spielt, versetzt uns zurück in eine Zeit, in der es noch kein Internet und keine Smartphones gab, in der das Meer noch keine Müllkippe war und die Strände der "Tausend Inseln" touristisch unerschlossen und unverseucht von der Ölpest waren.
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Der Drittklässler Moritz verbringt eine aufregende Ferienwoche beim Meeresforscher Don auf der winzigen Insel Opak vor der Küste von Java.
Gemeinsam mit seinem indonesischen Freund Janto erkundet er den dichten Wald, der das Innere der Insel bedeckt und macht Bekanntschaft mit den merkwürdigsten Tieren. Das Korallenriff, das die Insel wie ein Ring umgibt, ist eine fremde, wunderbare Welt – aber nicht ohne Gefahren.
Seltsame Dinge geschehen: Viel Geld und ein kleiner Hund verschwinden spurlos. Am Ende wird aber alles gut, und es gibt ein großes Fest.
Pulau Dingsbums - eine von tausend Inseln
Pa Siin und die Nenek
Ein einsamer Angler
Die geheimnisvollen Tischtennisbälle
Eine streitsüchtige Familie
Ein Tiger?
Seltsame Gestalten
Abschiedsjubel - Das Riff
Seeanemonen, Biawake, Hundekuchen, - und ein Malheur!
Der Lügenbeutel
Eine Kokosnuss auf lila Beinen
Neneks Sparbüchse ist weg
Wissenschaftlicher Nachmittag
Wo ist Ramses?
Eine Flascheneilpost
Ein Dinosaurier namens Willi
Beichte
Hindernisse beim Zaubern
Karamellpudding mit Zuckersoße
Abrechnung mit den Fäusten
Nun ist ja alles klar!
Au Backe ein Steinfisch!
Ein Unglück kommt selten allein
Spritzen, Verbände und eine Tasche, die quiekt
Aus Feinden werden Freunde
Eine vorwitzige Nase bringt alles ans Licht
Übersichtskarte Pulau Opak
DIE HINFAHRT, ALSO DAS WAR ja schon ein ganz schönes Ding! Ich hab also auf dem Hinterdeck in der Sonne gesessen und die Beine ins Wasser baumeln lassen und habe mich mit dem kleinen Bootsmann unterhalten.
Ich habe ihm gesagt, dass sein Boot der letzte Tuckerkahn ist, und dass ich nicht glaube, dass wir je auf dieser Insel ankommen werden. Dass wir uns immer weiter verfahren und zum Schluss in Borneo rauskommen, oder in Australien, oder dass wir vorher schiffbrüchig werden und alle ertrinken. Und dass die Haie unsere Leichen fressen. Haie gibt es hier nämlich massenhaft.
Er hat bloß gegrinst und gesagt: „Jangan takut! Kita sebentar lagi sampai!“ – Ach ja, ich muss natürlich dazu sagen, dass wir uns auf Indonesisch unterhalten haben. Das war die einzige Sprache, die wir beide können, ich so ziemlich und er natürlich etwas besser. Weil er ja Indonesier ist, klar.
Wir sind mit unserem Tuckerkahn mitten auf der Javasee gewesen, ich hab dann später auf dem Atlas nachgeschaut, wo. Also falls es jemand interessiert: fünfeinhalb Grad südlicher Breite, hundertsieben Grad östlicher Länge, Zwölftausend Kilometer Luftlinie von München entfernt. Nicht, dass München etwas damit zu tun hätte. Aber ich rechne überall, wo ich bin, die Entfernung von München aus. In München bin ich nämlich zuhause.
Ach ja, noch was! Ich heiße Moritz Bichler und gehe in die dritte Klasse. Und ich wohne mit meinen Eltern in Indonesien. Und die letzten Osterferien, von denen ich erzählen will, sind die tollsten in meinem ganzen Leben gewesen.
Also der kleine Bootsmann sagt zu mir, ich soll keine Bange haben, wir sind gleich da. Und ich seufze, hoffentlich! Dann drehen wir uns beide um und schauen in die Kabine hinein. Aber es ist noch genau das Gleiche. Die Leute stehen immer noch um den Steuermann herum, meine Eltern sind auch dabei. Alle fuchteln mit den Armen in der Gegend herum. Manche zeigen nach links, manche nach rechts, manche geradeaus – bloß keiner in die Richtung von mir und dem kleinen Bootsmann. Da sind wir ja auch gerade hergekommen. Der Steuermann ist vor Angst schon ganz eingeschrumpft, denn alle reden auf ihn ein. Und er hat nicht die leiseste Ahnung, welche von den Inseln, die man in der Ferne sieht, die richtige ist. – Das heißt, die wo wir hinwollen. Eine Karte hat er nicht. Und sein Kompass ist kaputt. Und weil er es allen recht machen will, fährt er zickzack. Mal nach rechts, mal nach links. Dann mal geradeaus. Auf die Weise kommen wir natürlich nicht sehr schnell voran.
Der kleine Bootsmann sagt zu mir, dass die weißen Leute ungeduldig sind. Dann zündet er sich eine Zigarette an.
Ich will es ihm heimzahlen. Ich will ihm sagen, was die Indonesier sind – aber es fällt mir ums Verrecken nichts ein. Sie sind alle so verschieden.
Außerdem muss ich stark an was anderes denken.
Ich muss denken, das wir gleich explodieren. Weil nämlich direkt hinter uns, zwischen den Koffern und Taschen, ein offener Benzinkanister steht. Es gibt ein grausliches Gefühl im Bauch, besonders, wenn der kleine Bootsmann an der Zigarette zieht. Ich stelle mir vor, wie es uns zerreißt, und wie wir alle durch die Luft fliegen. Boing! Sssssssssssssst . . . . . . . Peng! Koffer, Beine, Schiffsteile, Taschen, Köpfe. Ich sage aber nichts, sonst heißt es bloß wieder, dass die weißen Leute Angsthasen sind. Mutter natürlich, Mutter würde sagen: machen Sie sofort die Zigarette aus! – Und der kleine Bootsmann würde die Zigarette ins Meer schmeißen und nichts sagen, weil er sich nicht trauen würde. Aber denken würde er, dass die weißen Leute Angsthasen sind. Er schmeißt aber die Zigarette ins Meer, als sie erst halb aufgeraucht ist, und ich atme auf.
Das Meer ist spiegelglatt und hat eine Farbe, die man schwer beschreiben kann. Etwa so: grüngrausilberblau. Es stößt auf allen Seiten ringsherum direkt an den Himmel. Der Himmel ist beinah weiß. Vor uns ein paar dunkle Striche in dem Meer, das sind die Inseln.
Ich zähle sie: es sind zusammen mit denen, an denen wir schon vorbeigefahren sind, zwanzig. Ich erzähle dem Bootsmann, dass in meinem indonesischen Atlas „Tausend Inseln“ steht, genau an der Stelle, wo wir jetzt herum tuckern, und dass die Indonesier Angeber sind.
Er meint, ich soll warten, weiter da hinten geht es erst richtig los, da ist eine Insel neben der andern. Aber nachgezählt, ob es wirklich tausend sind, hat er noch nicht. Es ist ihm zu schwierig und auch egal.
Wenn man ihn fragt, sind Inseln überhaupt stinklangweilig. Und er ist froh, dass sie mit ihren Kahn meistens nur so ein bisschen vor der Küste herum tuckern. In der Stadt ist wenigstens was los. Auf so’ner kleinen Insel hat man gar nichts, nicht mal Kino.
Ich erkläre ihm, dass das gerade das Schöne ist. Leben wie Robinson. Aber er hat noch nichts von Robinson gehört. Ich glaube auch, es würde ihn sowieso nicht sehr beeindrucken. Er würde Kino und Autos und Elektrizität doch besser finden.
Nach einer Weile sieht es tatsächlich so aus, als ob sich alle auf die gleiche Richtung geeinigt hätten. Wir tuckern nämlich geradewegs auf eine von den Inseln zu. Sie sieht so aus wie alle andern. Lang gestreckt, unten weiß, oben grün.
Das Weiße ist natürlich der Strand, das Grüne ein ziemlich dichter Wald mit vielen Kokospalmen, die über die andern Bäume rausragen. Das ist also Pulau Dingsbums, denke ich – ich kann immer diesen Namen nicht behalten. Dann fällt es mir ein: Pulau Opak heißt sie oder auf Deutsch: „die Insel Opak.“ Es soll so furchtbar einsam dort sein, dass wir alles von der Stadt mitgenommen haben, damit wir nicht verhungern.
Beim Näherkommen bemerke ich aber, dass die Insel Opak doch nicht genau so aussieht wie alle anderen. Es liegt nämlich eine Reihe von kleinen Motorbooten am Ufer, weiß mit roten und blauen Verdecken. Und auf dem Strand bewegen sich Pünktchen. Ich laufe nach vorn zu meinen Vater und borge mir den Feldstecher. Die Pünktchen sind Leute in Badeanzügen. Sie glotzen neugierig zu uns rüber. Na ja, so halt, wie ich auch zu ihnen hin glotze. Ein paar Kinder winken sogar. Ich denke aber gar nicht dran, zurück zu winken.
Unser alter Tuckerkahn stoppt plötzlich, weil der Steuermann die Motoren abgestellt hat. Und die Stille tut mir beinah in den Ohren weh, weil ich so an den Krach gewöhnt bin.
Wir halten genau vor einem Holzschild, das an einer langen Bambusstange aus dem Wasser ragt. „Vorsicht!“ steht drauf.
„Was ist, fahren wir nicht zum Ufer?“ frage ich den Vater. Er erklärt, dass es nicht geht. Dass wir auf dem Korallenriff auflaufen würden, und dass wir zu viel Tiefgang für die Einfahrt haben.
Wir müssen also warten, bis ein Mann vom Ufer her mit einem kleinen Kahn auf uns zu stakt.
Die anderen Leute an Bord unseres Schiffes starren inzwischen alle ins Meer. Manche legen sich zu dem Zweck sogar auf den Bauch. Dabei schreien sie „Ahhh!“ und „Ohhh“! und „Hau wanderfull“, weil man das Korallenriff unter der Wasseroberfläche sehen kann. Ich achte aber darauf nicht, denn ich bin abgelenkt. Plötzlich taucht von irgendwoher ein Motorboot auf, ein ganz toller Flitzer und fegt an uns vorüber. Ein Junge auf Wasserskiern hinterher. Er kommt mir irgendwie bekannt vor. Die Leute am Strand stehen in Grüppchen zusammen und glotzen immerzu zu uns rüber.
Ich frage meinen Vater, ob er das nun im Ernst eine einsame Insel nennt, – und ich teile ihm mit, dass ich unsere Tour jedenfalls für einen ganz schönen Reinfall halte.
ICH HEISSE FORTINBRAS MACDONALD und komme eigentlich in dieser Geschichte erst viel später vor. Die Sache ist aber die. Gestern kam mein Freund Moritz zu mir und brachte mir den Anfang von der Geschichte. Wir haben nämlich ausgemacht, dass ich ihm helfe, die Kommas zu setzen. Als ich damit fertig war, sagte ich zu ihm, er müsse schon entschuldigen, aber was er bisher über die Insel Opak geschrieben hätte, fände ich ein bisschen unfreundlich. – Diese Insel ist mir nämlich wirklich ans Herz gewachsen.
Moritz sagte, da gäbe es nur eine Möglichkeit, dem abzuhelfen. Und ehe ich mich’s versah, hatte er mich überredet, das zweite Kapitel dieser Geschichte zu erzählen. Was ich hiermit zu tun beginne.
Es hat nämlich schon seine Richtigkeit mit der „einsamen Insel“, nur eben nicht an Wochenenden. Und der Tag, an welchem Moritz kam, war ein Samstag.
Von Montag bis Freitagnachmittag hat die Insel Opak fünf Einwohner – (mich nicht mitgerechnet) – und das kann man ja wohl einsam nennen. Wo doch die Insel so groß ist, dass einer für die Umkreisung zwischen dreißig Minuten und anderthalb Stunden braucht – je nachdem wie gut er zu Fuß ist.
Die fünf Einwohner finden auch, dass es einsam ist. Deshalb drängen sie sich alle auf einem kleinen Platz zusammen und lassen die ganze übrige Insel frei.
Es sind drei männliche und zwei weibliche Einwohner: Pa Siin und seine Söhne Janto und Irpan, seine dicke Frau Mina – und die Nenek. Pa Siin hat natürlich mehr als nur zwei Kinder, nämlich insgesamt acht. Aber zwei davon sind gestorben, und die anderen vier sind schon groß und leben in der Stadt.
Die Nenek ist uralt und dürr wie eine Zaunlatte. Sie hat nur noch zwei Zähne, und die sind rabenschwarz, weil sie damit Betel kaut. Sie gehört nicht zu Pa Siins Familie, und sie heißt eigentlich Ana. Aber alle nennen sie bloß Nenek, was auf Indonesisch Großmutter heißt. Die Nenek ist dazu da, die Kokosnüsse zu bewachen.
Vor ein paar Jahren hat hier noch keine Menschenseele gewohnt. Nur hin und wieder ist jemand von dem großen Dorf auf der gegenüberliegenden Insel Kelapa herüber gekommen, um Palmblätter für ein neues Dach zu sammeln oder die reifen Kokosnüsse abzupflücken. Dann kaufte eine indonesische Dame die Insel. Sie hat sechs Gästehütten gebaut und zwei Brunnen gegraben.
Seitdem kommen Leute aus der Stadt und verbringen die Wochenenden auf Pulau Opak. Manche, die reich genug sind, haben sich extra deswegen ein Motorboot gekauft. Die anderen mieten sich Tuckerkähne. Die meisten von den Gästen sind keine Indonesier, sondern Europäer. Die schwitzen in der Stadt, wo sie wohnen, die Woche über ganz fürchterlich, denn dort ist es immer heiß, selbst um drei Uhr nachts. Auf Pulau Opak aber weht stets ein kühler Wind.
Als die ersten Fremden kamen, ist Pa Siin hierhergezogen. Er ist Gepäckträger, Wasserträger, Lampenanzünder, Rattenfänger, Zimmermädchen und Fischbauchaufschneider. Mir fällt gar nicht ein, was er sonst noch alles ist.
Wirklich, ohne Pa Siin wären die Gäste verloren. Eine einsame Insel ist ja romantisch. Aber man muss dafür geeignet sein. Und sie wissen so vieles nicht, was man wissen muss:
Sie wissen nicht, wie man flackernde Petroleumlampen entflackert. Sie wissen nicht, wie man mit ersoffenen Dochten umgeht. Sie wissen nicht, wie man Ratten fängt. Sie wissen nicht, wie sich die giftigen Fische von den anderen unterscheiden.
Sie wissen nicht, wie man Wasser aus dem Brunnen zieht, ohne dass entweder der Eimer unten bleibt oder man selber hineinfällt.
Sie wissen nicht, wie man auf eine Kokospalme klettert, um eine Nuss herunterzuholen.
Sie haben es einfach nicht gelernt.
Und das mit den Kokosnüssen ist noch fast am wichtigsten. Denn an flackernde Lampen und an Ratten kann man sich schließlich gewöhnen, und Fisch braucht man ja nicht unbedingt zu essen. Aber Kokosmilch ist das einzige Getränk auf Pulau Opak neben Wasser. Und das Wasser kann man ungekocht nicht trinken.
Also klettert Pa Siin auf die Palmen. Die Nenek beobachtet ihn dabei argwöhnisch, denn es sind ihre Palmen und nicht seine. Am liebsten würde sie selber raufklettern. Aber dafür ist sie doch zu klapprig – und außerdem ist die Kokosnuss-Ernte seit ewigen Zeiten Männersache.
Pa Siin kriegt für jede herunter geworfene Nuss fünf Rupiah von ihr. Aber wehe, wenn er aus Versehen eine unreife Nuss herunterwirft oder das Geld, das er von den Gästen bekommt, nicht vollständig bei ihr abliefert.
Es muss nämlich leider gesagt werden, dass die Nenek ein Geizkragen ist. Es ist der größte Kummer ihrer alten Tage, dass sie das Geld, das sie mit den Kokosnüssen verdient, nicht alles selbst behalten kann. Sie muss es mit den vierzehn Mitbesitzern der Kokospalmen teilen. Jawohl, vierzehn, und alle sind Großnichten, sowie Schwiegerneffen, Enkel und Urenkel von ihr – aber deswegen gibt sie das Geld doch nicht lieber ab.
Alle paar Wochen kommt ihr ältester Urenkel von Pulau Kelapa herüber gesegelt, um den Anteil für sich und die dreizehn anderen abzuholen. Dann stimmt die Nenek jedesmal ein lautes Wehklagen an. Wie die Zeiten doch so schlecht sind. Wie die Gäste nur noch Bier und Whisky trinken anstatt Kokosmilch.
Wie die Kinder noch die einzigen guten Kunden sind – aber ach, es gibt ja so wenige davon! Kümmerliche zwei Kinder haben die meisten Gäste bloß.
Die Nenek lamentiert, aber es hilft ihr nichts. Der Urenkel besticht Pa Siin mit einer Schachtel Zigaretten.
Und Pa Siin verrät ihm heimlich, wie vorzüglich das Kokosnuss-Geschäft in Wirklichkeit gelaufen ist.
Der Urenkel segelt zufrieden mit dem Geld davon, die Nenek jammert, dass es einen Stein erweichen könnte, und Pa Siin zündet sich eine von den geschenkten Zigaretten an.
Pa Siin kann eine Schachtel Extrazigaretten gut gebrauchen. Die Gäste sind ihm zwar dankbar für seine Dienste. Mancher vermacht ihm aus Dankbarkeit sogar eine abgelegte Hose, eine nur ganz leicht angeknackste Sonnenbrille oder einen Rest Teewurst. Aber wenn die Rede auf Geld kommt, dann feilschen sie meistens um jede Rupiah. Dann drohen sie scherzhaft mit dem Zeigefinger und sagen:
„Pa Siin, Pa Siin, du bist ein Schlitzohr!”
Pa Siin muss dreißigmal auf eine Palme klettern und eine Nuss herunterholen, ehe er das Geld für eine Schachtel Zigaretten zusammen hat.
ES IST SONNTAGMORGEN, und ich, Moritz, sitze unter dem großen Baum am Strand und schaue aufs Meer hinaus. Ich bin ziemlich grantig.
Eigentlich habe ich schon die meiste Zeit so dagesessen, seitdem wir auf der Insel angekommen sind. Nachts natürlich nicht. Nachts habe ich in meinem Bett in dieser Bambushütte gelegen, habe mich rum gewälzt und kein Auge zugetan. Es hat nämlich immerfort geraschelt und geknispert und getappelt. Überall, unter meinem Bett, auf dem Dach, vorn auf der Veranda. Aber die Eltern haben geschlafen wie die Steine.
Ach ja, die Eltern sind natürlich entzückt von der Insel. Für mich ist Pulau Opak bis jetzt nicht bloß ein Reinfall, sondern eine echte Katastrophe!
Wenn ich von meinem Platz unter dem großen Baum zum Riff hinüber schaue, kann ich meinen Vater sehen: eine schwarze Röhre mit einem roten Ring am oberen Ende. Und die Röhre daneben, die ab und zu eine Wasserfontäne in die Luft speit, das ist meine Mutter. Die kann das nicht so richtig und kriegt immer Wasser in den Schnorchel.
Es sieht ihnen ja ähnlich, einfach abzuschnorcheln zu diesem ollen Riff und stundenlang nicht wieder aufzutauchen! Mich könnte inzwischen ein Krokodil fressen oder der unstillbare Schluckauf könnte mich befallen – die würden es noch nicht einmal bemerken.
Zugegeben, zu Anfang waren sie noch ziemlich annehmbar. Sie fummelten endlos lange an meiner Tauchermaske herum. Erst war sie zu eng, denn war sie zu weit, dann war sie wieder zu eng und immer so fort. Und sie haben mir einen Vortrag darüber gehalten, wie man richtig schnorchelt. Es hatte aber keinen Zweck. Ich habe trotzdem literweise Wasser geschluckt. Und meine Augen haben furchtbar gebrannt, von dem vielen Salzwasser, das in meiner Maske herum schwappte.
Schließlich gaben sie es auf.
„Ich weiß nicht, was du für einen Eierkopf hast, dass diese Maske nicht passt!“ hat der Vater kopfschüttelnd gesagt.
Und die Mutter schlug mir vor, doch ein bisschen mit den anderen Kindern zu spielen oder die Burg fertig zu bauen, und sie sind gleich wieder da, hat sie gesagt. Platsch, weg ist sie gewesen. Von wegen gleich! Mindestens schon eine Stunde sitze ich einsam und verlassen da.
Weiter hinten am Strand schreien die anderen Kinder rum. Lauter Babys und Weiber! Es sind zwar auch drei größere Jungens da, die sogar ein Schlauchboot haben. Ich bin gestern, gleich nachdem wir angekommen waren, mal so am Strand entlang geschlendert und bei den dreien stehen geblieben, als sie gerade das Boot aufpumpten. Sie taten aber so, als ob ich Luft wäre. Ich fragte sie, ob das Schlauchboot nicht kaputt geht, wenn sie damit gegen eine Koralle stoßen. Da hat sich der eine zu mir umgedreht und „häää?” gemacht. Die anderen haben laut los gewiehert. Dann redeten sie in irgendeinem unverständlichen Kauderwelsch miteinander. Da bin ich weitergegangen. Die waren wirklich blöd!
Jetzt stehen die drei draußen auf dem Riff und angeln. Sie scheinen sogar was zu fangen. Ab und zu blitzt es in der Luft, wenn sie die Angel aus dem Wasser ziehen. Das muss ein Fisch sein, der am Haken zappelt.
Warum gehe ich eigentlich nicht auch zum Angeln? Ich flitze in unsere Hütte, die gleich hinter dem Gebüsch am Strand ist und ziehe unter Vaters Bett den Korb vor, in dem die Badesachen sind. Ganz unten liegt das Angelzeug. Wir haben keine richtigen Angelruten, nur ein paar hölzerne Rollen, auf denen die Angelschnur aufgewickelt ist. Eigentlich kann man damit nur vom Boot aus angeln, aber ich kann es ja trotzdem mal versuchen. Ich suche mir eine von den Rollen aus, die mit dem größten Haken.
Jetzt fehlen mir nur noch Köder. Ich laufe hinter die Hütte, wo das Küchenhäuschen steht und wühle in der Kiste mit den Essensvorräten herum, bis ich auf einen trockenen Kanten Weißbrot stoße. Das ist zwar nicht das Richtige, aber besser als gar nichts.
