PUNKTUM. - Wolfgang Priedl - E-Book

PUNKTUM. E-Book

Wolfgang Priedl

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Beschreibung

Anna, die junge, hübsche IT-Spezialistin und Inhaberin eines erfolgreichen Start-up-Unternehmens sorgt sich um ihre Mutter, die für sie nicht erreichbar ist. Auch von sich aus meldet sich ihre Mutter nicht. Es scheint, als wäre sie vom Erdboden verschluckt. Eine Mitarbeiterin der Mutter äußert einen leisen Verdacht. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Claudia, Redakteurin beim Kurier, beginnt die IT-Spezialistin mit ihren Nachforschungen. Schon bald merkt sie, wie wenig sie ihre Mutter kennt und entdeckt ein schreckliches, wohlgehütetes Geheimnis aus der Vergangenheit. Aber dieses Geheimnis betrifft nicht nur ihre Mutter, sondern auch sie selbst, noch dazu in hohem Maße …

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Seitenzahl: 510

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ähnliche


PUNKTUM.
Impressum
… für meine Liter(n)ar(r)ischen:
Das Buch:
Der Autor:
Prolog:
FREITAG
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SONNTAG
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TAGEBUCH
Sonntag, 5.3.1989
Sonntag, 5.3.1989 abends
Mittwoch, 10.5.1989 abends
Samstag, 13.5.1989 abends
Mittwoch, 31.5.1989
Freitag, 2.6.1989
Freitag, 2.6.1989 abends
Dienstag, 20.6.1989
Donnerstag, 29.6.1989
Freitag, 30.6.1989
Sonntag, 2.7.1989
GEDÄCHTNISPROTOKOLL
Sonntag, 2.7.1989 zuhause
Sonntag, 2.7.1989 19:00
Sonntag, 2.7.1989 23:00
Montag, 3.7.1989 02:00
Samstag, 29.09.1990
Dienstag, 17.4.1990
MONTAG
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DIENSTAG
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MITTWOCH
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FREITAG
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SONNTAG
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DONNERSTAG
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SAMSTAG
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SONNTAG
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DIENSTAG
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***
Epilog:
Das Beichtgeheimnis:
Die wichtigsten Protagonisten:
Danksagung:
Bereits erschienen:
COLLEGIUM

Impressum neobooks

PUNKTUM.

Endet die Vergangenheit mit dem Tod?

Holzinger ermittelt (1)

Kriminalroman

Wolfgang Priedl

2019

V 3.0 .

Impressum

Text / Grafik:

© Copyright by Wolfgang Priedl

neobooks Self-Publishing

Wolfgang Priedl

Geroldgasse 5

1170 Wien / Österreich

[email protected]

www.priedl.at

Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von dem Autor nicht beabsichtigt. Die aufgezeigten Möglichkeiten sind nicht fiktiv, sondern entsprechen dem heutigen Stand der Technik.

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Autors urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

… für meine Liter(n)ar(r)ischen:

Brigitte, Erika, Irmi, Isa, Jan, Rudi,

Wolfgang, Wolfgang, und Wolfgang

Das Buch:

Anna, die junge, hübsche IT-Spezialistin und Inhaberin eines erfolgreichen Start-up-Unternehmens sorgt sich um ihre Mutter, die für sie nicht erreichbar ist. Auch von sich aus meldet sich ihre Mutter nicht. Es scheint, als wäre sie vom Erdboden verschluckt. Eine Mitarbeiterin der Mutter äußert einen leisen Verdacht.

Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Claudia, Redakteurin beim Kurier, beginnt die IT-Spezialistin mit ihren Nachforschungen. Schon bald merkt sie, wie wenig sie ihre Mutter kennt und entdeckt ein schreckliches, wohlgehütetes Geheimnis aus der Vergangenheit. Dieses betrifft nicht nur ihre Mutter, sondern auch sie selbst, noch dazu in hohem Maße …

Der Autor:

Wolfgang Priedl lebt in Wien. Er war viele Jahre in der Marketing- und Werbebranche tätig. Durch Zufall entdeckte er seine Vorliebe zum Schreiben. Jedes Mal, wenn ihn heute ein gesellschaftliches Thema unter den Fingernägeln brennt, greift er zur Tastatur.

Die menschliche Psyche fasziniert ihn genauso wie spannende Stories. Mit dem vorliegenden Text erfüllt er sich den Wunsch, eine aktuelle, sozialkritische Thematik in einen Kriminalroman zu verweben.

Mit seinen Geschichten möchte er nicht nur unterhalten, sondern die Leser auch zum Nachdenken anregen.

Prolog:

Wie weit darf man gehen,

ohne Macht zu missbrauchen?

Wann werden Grenzen überschritten,

wenn Macht genutzt wird?

Hilft Transparenz, der Macht, Grenzen aufzuzeigen?

FREITAG

1

Anna tippt die letzte Programmzeile in den Sourcecode. Sie startet einen Probelauf und beobachtet angespannt ihren rechten Computermonitor. Eine Eingabemaske erscheint. Sie nickt zufrieden, beugt sich langsam zur Tastatur, gibt einen imaginären Namen ein und vervollständigt die restlichen Eingabefelder. Sie drückt auf >>ENTER<<.

Auf dem zweiten Monitor, in einem leeren, schwarz hinterlegten Fenster, erscheinen lange Zahlenreihen, vermischt mit kryptischen Zeichen. Das Window füllt sich rasch. Die Symbole scrollen wie von Geisterhand nach oben. Viel zu schnell, um mit den Augen zu folgen. Plötzlich Ruhe. Anna dreht bedächtig am Mausrad und das Anzeigefeld bewegt sich Zeile für Zeile. Sie stoppt und hebt ihre Hand von der Maus. Zufrieden breitet sich ein Lächeln um ihren Mund aus. Langsam erfasst es ihr ganzes Gesicht.

»Na, wer sagt’s denn – funktioniert«, lobt sie sich flüsternd.

Sie greift nach dem Telefon, tippt auf eine Nummer aus dem Kurzwahlverzeichnis und wartet, bis es läutet.

»DATAPOOL – was kann ich für Sie tun?«, meldet sich die wohlvertraute Stimme ihrer Mitarbeiterin.

»Ich bin es – Anna – lade soeben den neuen Sourcecode auf den Server«, antwortet sie grußlos, als würde das Gespräch schon einige Zeit andauern. »Die Sicherheitsabfrage funktioniert jetzt mit unserer Verschlüsselung. So – findet ihr ab sofort in meinem Verzeichnis«,

»Super. Danke Boss. – Deine Buben warten bereits sehnsüchtig. Ich leite die gute Nachricht sogleich weiter … Nochmals vielen Dank. Wir wünschen dir ein schönes Wochenende, Boss.«

»Ich euch auch. Ciao.«

Anna schaut auf ihre goldene Cartier-Uhr. Es ist knapp vor vier. Ihre Mutter hat noch immer nicht zurückgerufen. Sie checkt ihre SMS. Keine Nachricht von ihr, dafür findet sie eine Mitteilung von Claudia, ihrer engsten Freundin: ›Um fünf beim Italiener?‹

Sie tippt, ohne auf die Tastatur zu sehen: ›ok ba‹.

Anna wendet sich wieder ihrem Rechner zu und startet ihr wöchentliches Backup-Programm, klont ihre Festplatte 1:1. Anschließend lehnt sie sich in ihrem Drehstuhl zurück und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Ihr Computer rattert gleichmäßig. Mit einem tiefen Seufzer ergreift sie das Mobiltelefon. Drückt auf ›MAMA‹. Sie lässt es läuten. Lange läuten. Sehr lange läuten. »Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht. – Piep.«

»Hallo Mama, bitte rufe mich zurück, – wo immer du bist. Mache mir langsam Sorgen.«

Anna schüttelt den Kopf. Aus welchem Grund antwortet ihre Mutter nicht? Bereits den zweiten Tag nicht. Von Birgit, einer ihrer Mitarbeiterinnen und gleichzeitig beste Freundin, hat sie erfahren, dass sie sich den Freitag freigenommen hat. Warum hat sie es nicht ihrem letzten Gespräch erwähnt? Ungewöhnlich, denn ihre Mutter meldet sich fast täglich. So gut wie nie hört sie einen ganzen Tag lang nichts von ihr. Meist ruft sie ohne triftigen Grund an, lediglich um »Hallo« zu sagen.

Zeitweilig hat Anna das Gefühl beschlichen, als wolle sie ihr nur mitteilen, dass sie noch am Leben sei, dass es ihr gut ginge. Ihre Äußerungen hat sie oft nur als Klangteppich, wahrgenommen, ohne die einzelnen Worte und ihre Bedeutung zu hören. So wie Kleingedrucktes, als Grauwert auf einem Blatt Papier. Sie kennt jedes ihrer Vokabel. Auswendig. Kann die Reihenfolge ihrer Sätze antizipieren.

An manchen Tagen nervt ihre Mutter sie mit ihren Anrufen. Anna beschlich das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen, als ob sie ein unmündiges Kind wäre, das an der Hand geführt wird, damit es nicht davonläuft. Aber heute ist sie erwachsen. Ihr kommender Geburtstag wird ein runder sein. Dreißig Jahre. Sie bedarf keiner schützenden Hand mehr. Bei nächster Gelegenheit wird sie mit ihrer Mutter über dieses Thema sprechen. – Zumindest will sie es anklingen lassen.

Doch heute ist es anderes. Anna hat sich im Laufe der Zeit an Marias Anrufe gewöhnt. Sie könnte die Uhr danach stellen. Wenn dieses Telefonat ausbleibt, dann fehlt etwas in ihrem Tagesablauf.

Soweit sie zurückdenken kann, hat sie ihre Mutter immer als beste Freundin gesehen. Deshalb spricht sie Maria ebenfalls mit ihrem Vornamen an; ausgenommen es handelt sich um ernste Belange, in solchen Fällen verwendet sie das Wort ›Mama‹, oder kurz ›Ma‹. Bei derart seltenen Gelegenheiten revanchierte sich ihre Mutter mit der Anrede ›Kind‹. Eine amüsante Erinnerung reiht sich an die nächste. Ihre Mundwinkel verziehen sich zu einem Lächeln.

Ihre Armbanduhr sagt ihr, dass es höchste Zeit ist, um sich stadtfein zu machen. Im Schlafzimmer öffnet den vollen Kleiderschrank. Welches Outfit wäre das Beste? Sie wirft einen Blick aus der geöffneten Balkontür. Es ist warm. Es ist sehr warm – und schwül obendrein. Der erste Sommertag, an dem das Thermometer mittags auf achtundzwanzig Grad im Schatten kletterte. Jetzt zeigt es immer noch fünfundzwanzig an.

Rock, T-Shirt, Blazer, High Heels – genau das Richtige.

Anna betrachtet sich im Spiegel. Sie wischt mit dem Zeigefinger über ihre neckischen Sommersprossen, die sich beidseits ihrer Nasenwurzel unregelmäßig verteilen. Das weiße T-Shirt mit dem V-Ausschnitt schmiegt sich hauteng an ihren Oberkörper. Der kurze schwarze Minirock in Kombination mit ihren Stilettos betont ihre schlanken Beine und lässt sie noch länger erscheinen.

»Na, da sehen wir betörend aus«, schmeichelt Anna ihrem Spiegelbild. Sie streicht ihren engen Rock glatt. An der Wohnungstür wechselt sie ihre hochhackigen Schuhe gegen ihre weißen Turnschuhe aus.

Der kleine Italiener, mit dem riesigen Holzofen, ist nur ein paar Häuserblocks entfernt.

In dem Gastgarten vor dem Lokal sind so früh am Abend nur wenige Tische belegt. Von Weitem sieht Anna ihre Freundin. Der Kellner neben ihr stützt sich salopp auf einer Sessellehne ab, während er mit der Anden Hand Richtung Himmel zeigt. Wenn es nur um eine Bestellung ginge, wäre seine Körperhaltung zu lässig; Claudia scheint in ihrem Element zu sein. Sie sieht verändert aus. An dem dunkelgrauen Businessanzug liegt es nicht. Anna grübelt. Mustert ihre Freundin von oben nach unten.

»Salute!«, ruft Claudia ihr entgegen. »Was machen die Bits und Bytes?«

»Sie warten am Server, um ausgelesen zu werden. Und wie geht es unserer ›lokalen Chefredakteurin‹? Wohl wieder beim Recherchieren des Lokalkolorits?« Sie deutet vielsagend mit dem Kopf zum Kellner.

»Habe ich schon erwähnt, dass du unmöglich bist?«

»Öfters, Claudia. Glaube mir … öfters.« Anna lässt sich lachend auf den Sessel fallen.

»Apropos ›Recherchieren des Lokalkolorits‹ – wenn ich dich ansehe, frage ich mich, wer von uns beiden heute etwas vorhat. Du siehst ja zum Anbeißen aus.« In Claudia Stimme schwingt ein Anflug von Neid mit.

»Weil du gerade vom Anbeißen sprichst: Ich habe einen Mörderhunger … «, lenkt Anna geschmeichelt vom Thema ab.

»Der Kellner hat mir soeben Lasagne empfohlen. Steht nicht auf der Speisekarte. Frisch zubereitet. Und Ravioli – stehen ebenfalls nicht auf der Karte.«

»Überredet, ich nehme die Ravioli«, entscheidet sich Anna, ohne lange nachzudenken.

»Ich die Lasagne. … Wein? Den Üblichen?«

»Ja, bitte.«

Claudia wendet sich an den Kellner, um zu bestellen.

Die beiden tauschen die Neuigkeiten der letzten Woche aus. Die Redakteurin ist sich nicht sicher, ob sie über die Ereignislosigkeit der vergangenen Tage froh sein sollte oder nicht. Es war ungewöhnlich still gewesen. Um die Seiten des ›Kuriers‹ zu füllen, hatte sie die Beiträge jedes noch so unbedeutenden Ereignisses, breitgewalzt. Keine befriedigende Aufgabe für sie.

»Wir haben mit einem Artikel über Hundekot eine halbe Seite gefüllt. Stell dir das einmal vor«, alteriert sich Claudia und nippt an ihrem Weinglas. »MMMHHH. – In den könnte ich mich verlieben.«

»In wen könntest du dich verlieben?«, fragt Anna abwesend.

»Hallo – Anna. Ich bin’s!«, ruft Claudia aus. »Du bist ja mit deinen Gedanken total woanders. – In den Wein könnte ich mich verlieben, habe ich gesagt.«

»Ja – der ist sehr gut«, erwidert Anna, ohne aufzublicken.

Claudia rückt ihren Stuhl näher an ihre Freundin heran. »Wo drückt der Schuh? Probleme im Job? Ärger mit deinen Mitarbeitern?«

Anna antwortet nicht sofort. Sie legt die Stirn in Falten. »Nein, die Firma läuft. Habe heute sogar ein riesiges Erfolgserlebnis eingefahren. Meine Buben haben sich bei der Implantierung der von uns entwickelten Krypto-Routine schwergetan. Ich hab das Problem gelöst – funktioniert.«

»Hier programmiert der Chef noch höchstpersönlich. Das nenne ich Mitarbeitermotivation … «

Der Kellner serviert ihre bestellten Speisen. »Guten Appetit.«

»Danke.«, flüstert Anna.

»Komm, lass es dir schmecken. Reden wir nachher weiter … wenn du willst.« Claudia läuft das Wasser im Mund zusammen.

»Gute Idee. Ich warne dich, ich brauche jemanden, mit dem ich reden kann.«

»Nur zu, dafür gibt es die beste Freundin. Klingt zumindest spannender als die vergangene Woche … Mahlzeit«, erwidert Claudia voll Neugier.

Genussvoll speisen die beiden. Wiederholt betonen sie, dass sich der Koch heute wieder selbst übertroffen hat.

Die karge Konversation lässt in Claudia die Spannung, die Neugier steigen. Ihr beruflicher Instinkt, ständig auf der Jagd nach Neuigkeiten zu sein, ist geweckt worden. Sie wird von Minute zu Minute ungeduldiger. Zuletzt kann sie es kaum mehr erwarten, zu erfahren, was ihre Freundin auf dem Herzen hat. Sie kommt ihr verändert vor. Der Job ist es nicht. So viel weiß sie bereits. Es muss etwas Wichtiges sein, denn selten noch hat sie ihre Freundin so kurz angebunden erlebt.

Kaum hat sie ihren Teller geleert, fordert sie sie auf, von ihrem Kummer zu erzählen.

Anna würgt den letzten Bissen hinunter. »Claudia, ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll. Ein Beispiel: Du gehst jeden Tag um dieselbe Uhrzeit, zum Bäcker und begrüßt die Verkäuferin. Du kaufst täglich zwei Semmeln. Bestellst sie mit denselben Worten. Und immer hörst du die gleiche Antwort. Es geht so weit, dass dich die Verkäuferin nur zu sehen braucht, um zwei Semmeln – ohne Nachfragen – in eine Papiertüte zu werfen und sie dir anschließend über den Tresen zu reichen. Nonverbale Konversation. Manchmal hat sie sie sogar schon griffbereit, vorbereitet. Die Münzen hast du abgezählt in der Hand und bezahlst. Und eines Tages passiert es: Du betrittst die Bäckerei und es steht eine neue Verkäuferin hinter dem Verkaufspult. Was denkst du in diesem Moment?«

Claudia runzelt ihre Stirn und setzt zur Antwort an. Doch Anna wehrt ab, lässt sie nicht zu Wort kommen: »Dir schießen tausende Gedanken durch den Kopf. Ist sie auf Urlaub? Ist sie krank? Hat sie gekündigt? Wann kommt sie wieder? Ist sie verunfallt? Liegt sie im Krankenhaus? Könnte man ihr helfen? – Du kaufst das Gebäck. Aber den ganzen Tag über schwirren dir die Gedanken über die Verkäuferin durch den Kopf. Du nimmst dir vor, dich morgen nach ihr zu erkundigen. Solange du den Grund nicht kennst, lassen dir deine Gedanken keine Ruhe … «

»Worauf willst du hinaus?«, fragt Claudia.

»Worauf ich hinaus will, ist einfach: Du kennst meine Mutter. Sie ruft mich täglich, oft auf die Minute genau, an. Gestern nicht – heute nicht. Gestern kam nur eine SMS: ›Melde mich später‹, das war’s. Jetzt muss ich ständig an sie denken. Ich habe ein ungutes Gefühl in der Magengegend.«

»Warum rufst du sie nicht an?«

»Ich habe es heute mehrmals probiert. – Bin stets in der Mailbox gelandet«, seufzte Anna entmutigt.

»Hast du es bei ihr im Labor versucht?«

»Natürlich. Ich habe mit Birgit, mit Frau Santora gesprochen. Sie meinte, Maria hat sich heute freigenommen, weil sie einen Freund besuchen will … «

»… Deine Mutter hat einen Freund?«, fragt Claudia überrascht.

»Gute Frage. – Eigenartig – nicht? Ich habe noch keinen Mann an ihrer Seite gesehen. Sie hat auch keinen erwähnt. Und jetzt, so von heute auf morgen, gibt es plötzlich einen Freund. – Sie nimmt sich sogar einen Tag frei, um ihn zu treffen. Das ist merkwürdig. Oder?«

»Wie soll ich sagen, ich kenne deine Mutter, seit wir beide im Sandkasten gespielt haben. Sie ist zwar mir gegenüber ein wenig reserviert, trotzdem habe das Gefühl, dass sie mich mag. Ich glaube daher, sie einschätzen zu können. Was du mir soeben von ihr erzählt hast, ist nicht die, die ich kenne. Du hast Recht: Ich wäre ebenfalls besorgt. … besser gesagt: beunruhigt – du weißt schon … «

Mit einem tiefen Seufzer checkt Anna ihr Mobiltelefon. Keine Nachricht. Kein Anruf in Abwesenheit.

»Andererseits: Deine Mutter ist erwachsen. Sie hat ein Anrecht auf Privatleben. Vielleicht hat sie nach all den Jahren jemanden kennengelernt und macht sich ein heißes Wochenende. … «

»Das ist nicht dein Ernst.« Anna schüttelt ihren Kopf. »Schließe nicht von dir auf andere. – Schon gar nicht von dir auf meine Mutter. – Und komme mir nicht mit deinen One-Night-Stands Ansichten. Maria ist kein Twen. Sie ist fast sechzig Jahre alt … «

»Was glaubst du? Mit sechzig spielt Sex keine Rolle mehr in deinem Leben, gibt es keine Liebe auf den ersten Blick und all die Dinge? – Können ihr ihre Hormone keinen Streich spielen? Vielleicht kommt sie dienstags zurück und wird von einer leuchtenden, alles überstrahlenden Aura umgeben. Frei nach dem Motto: Ich hatte vor kurzem Sex. Du nicht. Ich habe gewonnen. – Du nicht.«

»Claudia, – hallo – aufwachen. Wir sprechen hier von meiner Mutter … «, rügt Anna ihre Freundin scharf.

»Entschuldige, ich sollte mit meinen Sprüchen ein wenig hinter dem Berg halten. Sorry. … Sag, ist Maria in einem Social Media Kanal vertreten?«

»Ja, WhatsApp. Sporadisch. Hab ich versucht. Fehlanzeige. Diese App öffnet sie nur, wenn sie Fotos verschickt.«

»Gut, worauf wartest du? Willst du dich das ganze Wochenende quälen und in nebulosen Sorgen ergehen … «

Anna zuckt resignierend mit den Achseln. Ihre Freundin hat Recht. Sie kann nur abwarten. Ob sie – bis sie Antworten auf ihre Fragen erhält – sich in ständigem Unbehagen ergeht oder nicht, liegt ausschließlich an ihr. Leichter gesagt, als getan.

»Anna, ich sehe, uns muss etwas einfallen, das dir hilft. Folgender Vorschlag: Wir checken die umliegenden Spitäler und erkundigen uns, ob jemand mit dem Namen deiner Mutter eingeliefert wurde. Sollten wir nicht erfolgreich sein, dann ist das bereits eine gute Nachricht. – Was hältst du davon?«

Anna nickt zögerlich. »Super Idee, aber willst du zwanzig – oder mehr – Krankenhäuser anrufen?«

»Nein. Hör zu: Erstens haben wir in der Redaktion keinen Hinweis auf einen schweren Unfall. Das ist schon einmal positiv. Und was die Liste der Spitäler angeht, da habe ich eine Idee: Ich habe diese Woche mehrmals den Holzinger Peter – von der Kripo – sekkiert, habe ihn wiederholt nach einer Story gefragt. Er hatte zwar nie etwas für mich, aber ich glaube, wir funken auf derselben Wellenlänge. Waren immer sehr amüsante Gespräche. Ein Wort gab das andere. Er hat mir angeboten, dass ich mich jederzeit bei ihm melden darf, wenn der Schuh drückt. Und jetzt drückt er. Mit etwas Glück ist er noch in Amt und Würden. Soll ich ihn für dich anrufen?«

Anna nickt wieder. Hoffnung keimt auf, während Claudia in ihrem Mobiltelefon nach der Nummer sucht.

»Es läutet … «

»Tomacic.«

»Grüß Gott, Claudia Bigler spricht. Ich möchte bitte mit Herrn Dr. Peter Holzinger sprechen … «

»… Tut mir leid, Oberkommissar Holzinger ist vor zehn Minuten ins Weekend entflohen. Kann ich Ihnen weiter helfen?«

Claudia zögert kurz. »Äh, nein danke. Wäre privat gewesen. Danke jedenfalls. Wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.«

»Wünsche ich Ihnen auch. Auf Wiederhören.«

Kaum hat sie ihr Telefon zur Seite gelegt, wird ihr bewusst, wie gerne sie mit dem Kommissar gesprochen, sie diese sonore Stimme vernommen hätte. »Soll ich es auf seiner Privatnummer probieren?«, Sie kreist mit dem Finger über dem Display.

»Ja, warum nicht? – Oh, ich verstehe, du willst nicht nur wegen mir mit ihm sprechen … «

»Anna, soweit sind wir … äh … bin ich noch lange nicht«, antwortet Claudia mit gespielter Entrüstung. Indigniert schüttelt sie ihren Kopf und tippt auf die Privatnummer. »Ruhe jetzt, es bimmelt.«

Eine tiefe Bassstimme meldet sich: »Holzinger«.

»Äh, grüß Gott. Bigler spricht. Claudia Bigler vom … «

»… vom Kurier. – Habe Sie sofort an der Stimme erkannt. Was kann ich gegen Sie tun?«, scherzt Peter.

»Herr Holzinger, Sie können sich vorstellen, dass ich Sie nicht grundlos am Wochenende störe. Aber ich sitze hier mit meiner Freundin. Und die hat ein Problem. Ihre Mutter wird vermisst … «

»Seit wann?«

»Na ja, eigentlich erst seit heute. Ist eine lange Geschichte. – Normalerweise meldet sie sich jeden Tag. Aber gestern kam nur ein SMS, dass sie sich später melden würde. Doch sie hat sich nicht gemeldet … «

Nach einer kurzen Pause fragt Holzinger: »Und wie kann ich Ihnen bei der Sache helfen?«

»Na ja, wir dachten, sie könnten überprüfen, ob es einen Unfall gegeben hat. Hier im Umkreis. Bei Ihnen gehen ja alle Meldungen zentral ein. Wenn Sie nachschauen könnten, ersparen Sie uns, eine Menge von Krankenhäusern anzurufen.«

»Ich bin leider nicht mehr im Büro. Von zuhause aus habe ich keinen Zugriff auf das System. – Sie sagen, Sie haben versucht, Sie telefonisch zu erreichen?«

»Ja … «

»Seit gestern? Das ist eine sehr kurze Zeitspanne. Haben Sie es in ihrer Wohnung nachgesehen?«

»Nein … «

»… ich würde Ihnen raten, zuerst in ihrer Wohnung nachsehen. Vielleicht ist sie dort, oder es gibt konkrete Hinweise.«

»Daran haben wir noch gar nicht gedacht, weil wir von einer Mitarbeiterin erfahren haben, dass sie möglicherweise einen Freund besuchen wollte. … «

»Warum rufen sie nicht ihren Freund an? Vielleicht ist sie tatsächlich bei ihm.«

»Nächstes Problem: Wir kennen seinen Namen nicht. – Geschweige denn, wo er wohnt.«

»Andere Freunde?«

Claudia drückt auf das Lautsprechericon, damit Anna mithören kann.

»Nein. Fehlanzeige. Meine Freundin sagt, ihre Mutter habe keine Freunde. Zumindest kennt sie keine. Die einzige nähere Bekannte, von der sie weiß, ist eine Arbeitskollegin und von der wissen wir, dass sie sich den heutigen Tag freigenommen hat, um einen Freund zu besuchen.«

»Wenn ich Sie beruhigen darf: Vermisste Personen tauchen in der Regel nach spätestens 72 Stunden wieder auf. Checken Sie zunächst die Wohnung. Und ich kann Ihnen Folgendes anbieten: Sollte ich noch jemanden in meinem Büro erreichen, der autorisiert ist, sich in unser System einzuloggen, dann werde ich ihn um Überprüfung bitten. Ist das ein Angebot?«

›Was für eine Stimme‹, schwirrt es Claudia durch den Kopf. »Äh … «, stammelt sie. »Großartig. – Das wäre super, wenn Sie das für mich machen könnten.«

»Ich rufe zurück, sobald ich etwas erfahren habe. Erwarten Sie sich aber nicht zu viel. Ich kann nichts versprechen. Sie sind unter dieser Nummer erreichbar?«

»Ja, das ganze Wochenende. Ist meine Privatnummer. – Jederzeit«, entfuhr es verwundert Claudia. Sie unterbricht die Verbindung und starrt auf das Display. Was hatte sie gesagt? Das ganze Wochenende und Privatnummer und jederzeit?

»Woher hast du seine private Telefonnummer?«, setzt Anna erstaunt nach.

»Äh … Von einem seiner Mitarbeiter – als ich ihn diese Woche nicht erreichen konnte. Er hat gemeint, er sei in der Mittagspause. Wenn es dringend ist, wäre er auf seinem privaten Handy erreichbar. Er hat mir die Nummer gegeben.«

»Und du hast sie sofort gespeichert … Egal, wir sollen jetzt einfach warten … «

»… hast ihn ja gehört.«

»Wie lange wird das dauern? … «, fragt Anna und trommelt mit den Fingern am leeren Weinglas.

»Beruhige dich. Eines nach dem anderen. Zunächst gönnen wir uns einen Prosecco, warten auf Peters Rückruf und anschließend beratschlagen wir unsere next steps. OK?«

»Gute Idee. Wir warten auf Peters Rückruf und betrinken uns zwischenzeitlich«, neckt Anna.

Claudia schlägt ihrer Freundin mit flacher Hand auf den Oberschenkel. »Ich hole uns den ›Sprudel‹.«

Sie steht auf und wackelt mit ihren Beinen, damit die eng anliegende Hose ihres dunkelgrauen, längs gestreiften Businessanzuges wieder nach unten rutscht. Anna sieht ihrer schlanken hochgewachsenen Freundin hinterher. Die hohen Absätze ließen sie noch größer erscheinen. Sie kommt aber nicht dahinter, warum sie heute verändert aussieht. Den Hosenanzug kennt sie, die Pumps auch.

Schwungvoll kehrt Claudia mit den Proseccogläsern zurück, setzt sie auf dem Tisch ab und stellt sich breitbeinig vor ihre Freundin. Anna mustert sie von Kopf bis Fuß.

»Weil wir vorhin von veränderter Umgebung gesprochen haben: Fällt dir nichts auf?«, fragt Claudia und hält ihre Hände unter ihren Haaransatz.

»Natürlich, – jetzt wo du mich mit der Nase darauf stößt: Du hast eine neue Frisur … «

Claudia dreht sich mit abgespreizten Armen um die eigene Achse.

»… Du siehst fantastisch aus. Der Pony passt zu den rotblonden Haaren. Steht dir hervorragend. Spießt sich auch nicht mit deinem Businessoutfit. Sehr stimmig. Sag, wie groß bist du eigentlich?«

»Einen Meter fünfundsiebzig«, antwortet Claudia.

»Fünf Zentimeter größer als ich … «

Claudias Telefon klingelt. Sie wirft einen Blick auf das Display, während sie Platz nimmt. »Peter«, haucht sie aufgeregt zu Anna und berührt das Hörersymbol. »Bigler«, sagt Claudia förmlich und drückt auf das Lautsprechersymbol.

Peter erzählt, dass er Richard Tomacic, seinen Freund und Boss erreicht hat. Dieser habe alle gemeldeten Unfälle in näherer Umgebung durchgesehen, doch ohne Ergebnis. Er hat niemanden gefunden, auf den der Name oder die Beschreibung passen würde. Zu guter Letzt erwähnt der Kommissar, in einem Nebensatz, dass er jetzt bei ihr etwas gut hätte; einen Stein im Brett habe. Claudia stimmt ihm zu: »Herr Holzinger. Ich würde Sie gerne auf einen Kaffee einladen – bei nächster Gelegenheit. Ihr Stein bleibt aber nach wie vor im Brett.« Kurz darauf beendet sie das Gespräch.

»Sag, Liebste, bist du zuweilen nicht ein wenig zu aufdringlich? Zu direkt, meine ich. Wenn man dir zuhört, könnte man meinen, du hättest ›ES‹ nötig«, rügt Anna ihre Freundin.

»Und wie ich ›ES‹ nötig habe. Ist das wirklich so augenfällig? … «

»Ja. – Beinahe peinlich.« Anna huscht ein mitfühlendes Lächeln über die Lippen.

»Aber zu meiner Verteidigung: Er hat eine furchtbar erotische Stimme … «

»… und eine Frau, fünf Kinder, Schmerbauch und eine Hakennase«, stichelt Anna.

2

Man kann die Zeit weder anhalten, noch zurückdrehen. Vergangenes nicht ungeschehen machen. Schlechte Erlebnisse werden schneller vergessen als Gute. Stimmt das? Dramatische Ereignisse bleiben jedenfalls länger im Gedächtnis. Psychotraumatische Vorkommnisse nisten sich hingegen tief in unserem Unterbewusstsein ein. Sie können niemals aus dem persönlichen Geschichtsbuch gestrichen werden. Bestenfalls konservieren, verarbeiten oder verdrängen wir sie. Ohne vor deren unvermuteter Rückkehr sicher zu sein. Sie können aber auch für immer in uns schlummern.

Sie vergraben sich in den hintersten Winkeln unserer Ganglien. Sie schlafen dort länger, als ein Winterschlaf sich hinzieht. Wenn sie ruhen, bemerken wir sie nicht. Und eines Tages erwachen sie, kriechen langsam, Schicht um Schicht, wie Regenwürmer bei Schlechtwetter, Richtung Oberfläche, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Es dauert Tage, Wochen, Jahre oder sogar Jahrzehnte. Wie Bomben, die während des Krieges, von Flugzeugen abgeworfen wurden und nicht zündeten. Sie liegen verborgen, in tiefen Abgründen. Sie landen in einem See, verstecken sich. Oder schlagen abgrundtiefe Löcher ins Erdreich, um ihrerseits wieder meterhoch von tonnenschwerem Gestein verschüttet zu werden. Rosten – billigem Eisen gleich – vor sich hin. Niemand weiß, ob ihre vernichtende Kraft jemals von Neuem zum Vorschein kommen wird.

Doch eines Tages, durch welchen Umstand immer, zeigen sie ihr alles zerstörende Wesen. Verursachen kollaterale Schäden an ihrer Umgebung. Sie sind in der Lage, jedes Gestein mit Leichtigkeit beiseite zu schleudern, lassen Flutwellen entstehen, die sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit ausbreiten. Genau darin besteht die unterschätzte Gefahr. Gewöhnung an das drohende Unheil birgt enormes Risiko.

Dörfer, die an längst erloschenen Vulkanen gebaut oder Atomkraftwerke die auf seismisch aktiven Bruchlinien errichtet sind, beweisen nur, dass die Bedrohung, derer man sich nicht vordergründig bewusst ist, als inexistent wahrgenommen wird.

Den Regenwurm, der bei zu viel Wasser im Boden seinem Heil an der Oberfläche zustrebt, nehmen wir nicht wahr. Wir sehen ihn auch nicht im hohen Gras, wenn er längst den angestammten Lebensbereich verlassen hat. Nur wer gezielt nach ihm Ausschau hält, wird ihn finden.

Dieser Wurm, diese Zeitbomben sind der Grund für die schleichende Veränderung unseres Wesens, unserer Stimmungslagen. Hoch und Tiefs wechseln sich in immer kürzer werdenden Abständen ab. Man kann es nicht beschreiben: Körperlich unangenehme Symptome werden dem Stress, dem man am Arbeitsplatz ausgesetzt ist, zugeschrieben. Oder der letzten sportlichen Betätigung, bei der man sich anscheinend übernommen hat. Oder einem Infekt, den man übergangen hat. Viele Gründe werden gefunden und manches falsch interpretiert. Wir erstellen laienhafte Diagnosen. Erst wenn man bereit ist, in sich hineinzuhören, sich dem Unterbewusstsein zu stellen, kann man seinen Gefühlen und deren Ursachen entgegentreten. Nur dann hat man eine geringe Chance, rechtzeitig Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Sich auf die große, alles vernichtende Explosion vorzubereiten. Das Unvermeidliche nicht geschehen zu lassen.

Die Frau, die mit ihrem Wagen auf der Autobahn Richtung Westen unterwegs ist, ist sich der Gefahr, in der sie sich befindet, nicht bewusst. In ihr schlummert eine Bombe von verheerender Zerstörungskraft.

An diesem Vormittag sind ungewöhnlich viele Fernlastzüge unterwegs, die sie im Minutentakt überholen. Sie fühlt sich nicht wohl. Sie hat einzig ihr Ziel vor Augen. Die Landschaft abseits der Autobahn interessiert sie nicht. Die Fahrzeuge, die an ihr auf der Überholspur vorbeipreschen, interessieren sie nicht. Selbst die Musik in ihrem Auto beachtet sie nicht. Nichts kann ihre Stimmung zum Besseren wenden.

Sie verheddert sich immer tiefer in ihren Erinnerungen, fragt sich, warum es ihr schlecht geht. Sie verringert noch mehr ihre Geschwindigkeit. Ihr Blickfeld verengt sich von Kilometer zu Kilometer. Sie hofft, dass es ihr am Ziel besser gehen würde.

Das tiefe, laut warnende Tröten eines Sattelschleppers, der gerade dabei ist, sie zu überholten, reißt sie unsanft in die Realität zurück. Sie erschrickt, denn beinahe hätte sie die Ausfahrt verpasst. Ihre Hände transpirieren. Schweißnass liegen sie auf dem feinen Leder ihres Lenkrades. Sie kramt ein Tuch aus dem Handschuhfach hervor. Wischt sich ihre Handflächen trocken und legt es auf ihren Schoss, um es jederzeit in Griffweite zu haben.

Die Bundesstraße kommt ihr heute länger vor als sonst. Ab und zu blickt sie hinunter in das Bachbett der Schwarza. Wie zwei Verliebte, eng aneinandergeschmiegt, winden sich die Straße und der große Bach durch das Tal. Einmal befindet sich das Wildwasser mit den majestätischen Schaumkronen zu ihrer linken, ein anderes Mal zu ihrer rechten Seite. ›Nur noch wenige Kilometer. Und dann rufe ich an‹, ermuntert sie sich, als sie den wohlvertrauten Wegweiser erreicht.

Sie setzt den Blinker und biegt vom Lengthal aus in die schmale kurvenreiche Straße ein, die zum Bergsee hinaufführt. Wie oft war sie diese Landstraße in all den Jahrzehnten schon gefahren? Bereits vor dreißig Jahren quälte sie ihren uralten VW-Käfer 1302 bergwärts. Sie riecht den Wagen noch heute riechen, denn sie besitzt die Gabe, sich Gerüche einzuprägen. Sie scheinen für ewige Zeiten in ihre Gehirnschale eingebrannt zu sein. Wie in Stein gemeißelt. Und sie kann jede Duftnote jederzeit abrufen, wann immer sie es will. Sie ist in der Lage, sie auf die blumigste Art zu beschreiben. Sie erschnuppert die geringsten Nuancen. Genauso wie sie in diesem Augenblick den Mief des alten Käfers, mit seinem billigen Plastikgeruch und dem allgegenwärtigen Abgasgestank im Wageninneren, in ihrer Nase verspürt. Sie versucht, die damit verbundenen Erinnerungen zu verdrängen.

Mit ihrem modernen Audi A1 merkt sie nur wenig von der Steigung. Leise schnurrt der Wagen der kurvigen Straße entlang, die sich seit damals stark verändert hat. Viele der engen Kurven sind durch Brückenbauten begradigt worden. Lawinengalerie reiht sich an Lawinengalerie. Die dereinst häufigen Straßensperren gehören der Vergangenheit an.

›Zwei Kurven noch, dann bin ich am Ziel.‹

Sie biegt in den großen, fast leeren Parkplatz ein. Normans alten Jeep erkennt sie sofort. Daneben parken drei weitere Autos der Luxusklasse.

»Gott sei Dank – wenig Betrieb heute«, atmet sie erleichtert auf und stellt ihren Wagen neben den anderen ab. Schaltet den Motor aus. Zieht die Handbremse an. Greift nach ihrem Tuch und reibt sich die Hände trocken. Die Anspannung weicht aus ihrem Körper. Sie nimmt sich vor, nie wieder in einem Gemütszustand – wie auf der Autobahn – ein Fahrzeug zu lenken.

Sie wischt sich winzigen Schweißperlen von der Stirn. Mit unsäglicher Kraft und Schnelligkeit heizt die Sonne den Innenraum des kleinen Wagens auf. Sie öffnet die Tür, um frische Luft hereinzulassen. Sie atmet kräftig ein, saugt die kühle Brise tief in ihre Lunge, und lässt sie mit einem lang gezogenen Seufzen wieder entweichen.

Kurz überlegt sie, ob sie ihre Reisetasche aus dem Kofferraum holen sollte. Sie steigt aus und merkt, wie sehr sie die Fahrt körperlich angestrengt hat. Sie ist müde, sie ist durstig. Ungemein durstig. Ihr Gepäck lässt sie im Wagen und trottet zum heimeligen Hotel, das zwischen dem idyllischen See und dem Parkplatz liegt.

Jedes Mal, wenn sie den alten Steinbau mit seiner großen, einladenden Terrasse sieht, muss sie an das Stanley Hotel in Estes Park, in Colorado denken, in dem der Film ›Shining‹ mit Jack Nicholson gedreht worden ist. Der ›Berghof‹ hat aber bei Weitem nicht die endlosen Ausmaße. Außerdem liegt er an einem malerischen See, ist viel kleiner und strahlt mehr Gemütlichkeit aus. Seit dreißig Jahren besucht sie bereits dieses Juwel hier in den Bergen. Der Efeu, der sich mit der Zeit an den Wänden emporgearbeitet hat, scheint es vor Wind und Wetter zu schützen, und alle, die sich in den Gemäuern aufhalten.

Der Torbogen am Eingang, vor den Treppen, ist ebenfalls dicht mit Efeu überwuchert. Daneben lehnt eine schwarze Tafel, auf der mit Kreide geschrieben steht: »Herzlich willkommen im Berghof. Heute fangfrische Forellen« Sie liest, lächelt müde und nickt.

Die Frau schleppt sich die Stufen hinauf zur Terrasse. Es macht den Eindruck, als würde sie sich am Handlauf emporziehen. Zwei Männer sitzen an einem Tisch und prosten sich mit großen Biergläsern zu.

Im Empfangsbereich des Hotels ist niemand zu sehen. Sie geht durch die alte, mit Butzenscheiben und groben Intarsien verzierte Schwingtüre. Blickt in die Speisestube. Menschenleer. Kurz überlegt sie, ob sie die Rezeptionsklingel betätigen sollte, um den Wirt herbeizurufen. Sie entdeckt ihn hinter der Durchreiche zur Küche, eine große, schwere Gusseisenpfanne schwenkend. Norman, der in die Jahre gekommene Chef des Hauses und Koch in einer Person, ist von einer übermächtigen Rauch- und Dampfwolke umgeben. Nur schemenhaft sind seine Umrisse zu erkennen.

»Norman!«, ruft die Frau.

Der Koch schaut von der dampfenden Pfanne auf und erkennt die Ruferin sofort. Ein breites, freundliches Lächeln überzieht sein rundliches Gesicht.

»Bin gleich bei dir – Moment bitte!«

»Mach dir keine Umstände!«, ruft sie zurück. »Ich habe Zeit. Viel Zeit sogar.«

»Zimmer wie üblich – Seeblickzimmer. Ist schon hergerichtet. Minibar ist voll. Solltest durstig sein, bediene dich. – Der Schlüssel steckt.«

Und wie es sie dürstet. »Danke, du bist ein Schatz. – Man sieht sich nachher.«

Die Frau dreht sich um und schleppt sich zum Aufzug. Die Anzeige sagt ihr, dass die Kabine jeden Augenblick im Erdgeschoss eintreffen wird. Die Türe gleitet zweigeteilt zur Seite. Ein stämmiger, muskulöser Mann steigt aus dem Lift. Glatzköpfig, geschätzte fünfundsechzig Jahre alt. Trägt Freizeitkleidung. Er gibt den Weg frei und grüßt.

»Bitte sehr«, sagt er.

»Danke«, murmelt die Frau, ihren Blick zum Boden gerichtet. Sie steigt in die leere Kabine und drückt auf die Nummer 3 – Dachgeschoss.

Plötzlich, die Tür hat sich noch gar nicht komplett geschlossen, zuckt sie wie vom Blitz getroffen zusammen. Sie holt, durch die Nase, tief Luft. Schnuppert. Sie wankt. Ihre Knie werden weicher und weicher. Es scheint, als würde sie alle Kraft dieser Welt verlassen. Sie muss sich an der rückwärtigen Wand abstützen. Schwindel erfasst sie. Der lang gezogene Gong dröhnt in ihren Ohren. Sie legt ihre Hände an ihren Kopf, um den Lärm zu dämpfen. Die Tür öffnet sich, aber sie steigt nicht aus. Sie drückt die Taste ›E‹ für Erdgeschoss. Die Türhälften schließen sich. Während der Lift nach unten fährt, hat sie Zeit, sich zu sammeln. Was war mit ihr geschehen? Warum hat sie die Kraft verlassen?

Es war der würzig-ledrige Duft in dem Aufzug. Dieser einzigartig herbe Männerduft. Genau der, den sie mit einem südländischen Typ mit gewelltem, langem Haar verbindet. Sollte sie diesem Mann von damals, heute hier und jetzt wieder begegnen?

Zittrig, vorsichtig um sich blickend, verlässt sie die Aufzugskabine. Aus der Küche hört sie appetitliches Prasseln. Dazwischen das typische Hämmern eines Schlögels, der Fleisch mürbe klopft. Sie betritt zögerlich die Gaststube, von der man durch das Panoramafenster einen uneingeschränkten Blick auf die weitläufige Terrasse hat.

Der Kahlköpfige steht bei den beiden Männern. Er greift nach einem vollen Bierglas. Sie prosten sich zu. Sie trinken. Der Glatzkopf dreht sich Richtung See. Jetzt erkennt die Frau sein Gesicht.

Sie sucht Halt. Findet keinen. Wendet sich zur Eingangstür. Der Fluchtweg scheint kilometerweit entfernt zu sein. Ihre Kräfte drohen sie jederzeit zu verlassen. Sie bäumt sich innerlich auf. Versucht, die Orientierung zu behalten. Visiert das Treppengeländer vor dem Haus an. Ergreift es. Stützt sich unbeholfen ab. Presst ihre Hüfte gegen den verchromten Handlauf. Die Reibungswärme auf ihrer linken Handfläche steigt stetig an. Sie schafft es auf wackeligen Knien hinunter zum Parkplatz. Erreicht schweißgebadet ihr Fahrzeug. Startet wie in Trance. Ruft jahrelang eintrainierte Bewegungsabläufe ab. Tritt das Gaspedal fast bis zum Anschlag durch. Lässt die Kupplung schnalzen. Reifen quietschen.

Der Audi A1 rast der ersten Kurve entgegen.

*

»Na, die Dame hat es aber eilig«, mokiert sich der Glatzköpfige, während er dem kleinen schwarzen Wagen hinterherblickt.

»Ja, dabei sollte man annehmen, dass man es im fortgeschritteneren Lebensalter gemütlicher angeht«, erwidert der zu seiner Linken räuspernd.

»Jungs, stört es euch gar, dass man im Alter noch Feuer unterm Arsch hat? Mag sein, dass sie einfach nur jung geblieben ist. Hast du ihre Figur gesehen? An der Körpersprache konnte man vielleicht ihr wahres Alter erkennen, aber vom Körperbau her – höchstens 40. Wenn nicht jünger … «

»Und im Kopf noch keine 20, so wie sie Gas gegeben hat … «

»Hallo, hallo«, unterbricht ihn der Große, der sich mit der Hand über seinen kahlen Schädel streicht. »Was haben wir nicht alles im Alter von 20 angestellt. Wir dachten damals, uns gehört die Welt alleine. Selten haben wir auf andere Rücksicht genommen. Schon gar nicht auf die im vorgerückten Alter. Haben ihre Weltanschauung nicht verstanden. Wir haben uns ohne Nachdenken, rücksichtslos, das genommen, was uns geboten wurde. Möchte jetzt gar nicht daran erinnern, was wir bei dieser Hochzeit damals trieben … War doch … «

»Psst. – Wir haben vereinbart, nie mehr über die ›Hochzeitsnacht‹ zu sprechen. Punktum«, fällt ihm der Hagere mit den wulstigen Lippen ins Wort.

Der Mann schweigt sofort.

Der Bann ist gebrochen. Sie erzählen sich enthusiastisch ihre ›Heldentaten‹ von einst. So, als hätten sie die einzelnen Geschichten erst gestern erlebt. Sie lassen keine Erinnerung aus. Vom gemeinsamen Handballspiel, als sie das entscheidende Match aufgrund eines regelwidrigen Tricks zu ihren Gunsten entschieden, über das Katz und Maus Spiel mit der Verkehrspolizei, bis zu dem Abend, an dem sie mit dem Porsche die Skipiste hinaufgefahren sind, um am nächsten Tag vom Pistengerät geborgen zu werden. Vieles, das sie seinerzeit angestellt haben, würde heutzutage unweigerlich mit harten Konsequenzen geahndet und von der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert werden.

Der Kahlköpfige klappt seinen Computer auf und zeigt den Freunden die alten Fotos, die er in den letzten Wochen, eigens für ihr Treffen, eingescannt hat. Keines der gezeigten Bilder blieb unkommentiert. Jedes wird mit einer kurzen Geschichte verbrämt.

*

Der kleine Wagen rast die Bergstraße zu Tal. Er nützt die gesamte Straßenbreite. Schneidet die Kurven. In manchen hebt das hintere, kurveninnere Rad, vom Asphalt ab, wie ein Rüde, der sein Revier markiert. Entgegenkommende Fahrzeuge blinken wie wild mit ihren Scheinwerfer. Leitplanken kommen gefährlich nahe.

Eine dicke Staubwolke steigt auf, als die Frau ihren Audi auf dem geschotterten Parkplatz vor dem alten Haus, neben der Kirche, zum Stehen bringt. Nur wenige Zentimeter vor dem schweren Motorrad, einer schwarzen ›Triumph Tiger 1050‹.

Langsam öffnet sie die Wagentür. Das Lenkrad ist klitschnass. Schweißperlen, die der Fahrerin in die Augen rinnen, verursachen ein unangenehmes Brennen. Ihre Augen sind rot unterlaufen. Ihre Stirn lehnt erschöpft am lederumspannten Volant.

Das Tor des Pfarrhauses öffnet sich. Ein Mann tritt ins Freie. Er trägt eine Soutane. Freudig sieht er zu dem schwarzen Wagen hinüber, während er versucht, mit wedelnden Armbewegungen, die Staubwolke vor seinem Gesicht zu vertreiben.

»Hallo, Maria. – Bist heute aber flott unterwegs. Wollten wir uns nicht im ›Berghof‹ treffen?«

Die Frau sitzt noch immer – in sich zusammengesunken – am Fahrersitz.

»Maria – was ist? Ist dir nicht gut? – Komm, ich helfe dir … «

Besorgt greift der Pfarrer nach ihrer Hand und zieht sie aus dem Wagen, zu sich herauf. Umarmt sie liebevoll. Dabei merkt er, dass die Frau total durchnässt ist. Drückt sie noch fester an sich, so als wolle er ihr Kraft spenden, ihr fühlen lassen, dass sie in Sicherheit ist, dass sie beschützt wird.

Sie vergräbt ihr Gesicht an seiner Brust, ohne zu antworten.

Der Pfarrer erkennt, dass in diesem Augenblick jedes gesprochene Wort ein Wort zu viel ist. Er schweigt und streichelt Maria zärtlich ihren Haaren entlang, über ihren Rücken. Schließlich beruhigt sie sich, hebt ihren Kopf, sieht in seine Augen und drückt ihm ein Küsschen auf den Mund.

Sanft schiebt der Pfarrer seine Freundin in Richtung Haus. Maria umfasst die Hüften ihres Freundes. Wie ein frisch verliebtes Paar gehen sie durch das breite Haustor. Im Wohnzimmer lässt sie der Priester auf die Couch gleiten. »Hast du noch ein frisches T-Shirt dabei?« Sie nickt. »Im Auto?« Nickt noch einmal. »Gib mir den Autoschlüssel, ich hole es dir.«

»Ist offen … Danke Joseph. … Du bist ein Engel.«

Der Geistliche kehrt mit einem trockenen T-Shirt zurück. Maria erhebt sich mit einem tiefen Seufzer von der Couch. Ohne Scham öffnet sie ihre Bluse und streift sie ab. So, als wäre es das Alltäglichste der Welt, sich vor einem Pfarrer zu entkleiden. Sie nimmt das T-Shirt und zieht es sich über. Nachdem sie sich wieder in die Couch sinken lässt, mustert Joseph seine Freundin von der Seite. All ihre Schönheit scheint für immer von ihr gegangen zu sein, als wäre sie ein Schatten ihrer selbst.

»Maria – was ist los? So habe ich dich noch nie erlebt. Total durch den Wind. – Total von der Rolle«, versucht Joseph seine Freundin zum Reden animieren.

Sie schluchzt. Schnappt nach Luft. Atmet abgehackt.

»Erzähl – was liegt dir auf der Seele? Quälen dich wieder Panikattacken? Ist es erneut diese innere Unruhe, die dir den Schlaf raubt? Deine Albträume … Du weißt, solange ich das grundlegende Problem nicht kenne, kann ich dir nicht helfen. Du weißt, wie erleichternd es sein kann, wenn man jemanden von seinen Sorgen erzählt. Oft ergeben sich, bereits während des Erzählens die Lösungen von selbst, ohne dass ich dir helfen müsste. Liebes, sprich zu mir … «

Aber Maria schweigt. Presst ihr Lippen aufeinander. Schließlich hebt sie schweigend ihren Kopf und sieht ihren Freund mit blutunterlaufenen, verschwollenen Augen an.

»Ich kenne dich nun schon Jahrzehnte lang. Wir haben doch keine Geheimnisse voreinander. Du kannst mir alles sagen«, forderte sie der Pfarrer erneut auf.

Der gütige, aber doch fordernde Blick ihres Freundes verleiht ihr Kraft. Gibt ihr Mut. Und schließlich erzählt Maria: »Joseph, du weißt genau, dass ich dir alles erzähle. Bis auf den einen Abend kennst du mein ganzes Leben. Minutiös. Was mir an damals widerfahren ist, holt mich in meinen Träumen immer wieder ein. Und in letzter Zeit häufen sich diese schrecklichen Visionen. Und was sie bei mir auslösen, das kennst du zur Genüge. Haben wir oft vielfach durchgekaut. Die Träume verlangen von mir, mich zu rächen. Aber du sagst mir immer, es sei mir verboten. Verboten aufgrund meines Glaubens, der in einem wesentlichen Teil auf den Lebenserfahrungen des Menschen basiert. Du sagst immer, Rache würde mich nicht glücklich befriedigen, würde mir keine Genugtuung verschaffen. Ich würde meine Rachegefühle gegen schwer wiegendere Schuldgefühle eintauschen … «

»Gott fordert von uns, dass wir den Menschen, die uns Böses angetan haben, vergeben, und davon profitieren, wenn wir uns von aller Bitterkeit befreien. Wie heißt es in der Heiligen Schrift: Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern lasst Raum für den Zorn Gottes. Und er verspricht uns: Mein ist die Rache, ich werde vergelten.«

»Siehst du Joseph, Gott versichert mir, dass er meine Rache übernimmt. Aber wann? – Genau den gleichen Satz hast du mir schon vor vielen Jahren gesagt. Ich habe auf weitere Nachforschungen verzichtet, um nicht in die Lage versetzt zu werden, Rache zu üben. Ich habe darauf vertraut, dass es Gott für mich … «, Maria zögert und vollendet nach einer kurzen Pause den Satz. »… erledigt.«

»Zuweilen mahlen Gottes Mühlen sehr langsam. Seine Wege sind unergründlich. Uns Menschen bleibt nur, an ihn zu glauben … «

»Und mit dem Vergeben tue ich mir verdammt schwer. Meine Albträume erinnern mich ständig daran. Sie verhindern, dass ich das Geschehene hinter mir lassen kann. Dass ich es abschütteln kann. Je öfter ich von diesen Träumen heimgesucht werde, desto schwerer lasten sie auf mir. Ich weiß nicht, wie lange ich noch die Kraft habe, gegen sie anzukämpfen. Oft bitte ich Gott – vor dem Einschlafen – mich von den Qualen zu erlösen.«

»Wie oft hast du denn diese Albträume?«, fragt Joseph besorgt nach.

»In den letzten zwei Wochen – beinahe jede Nacht. Ich gehe bereits am Zahnfleisch.«

»Kannst du mir bitte erzählen, was das für Träume sind, die dich derart aus der Bahn katapultierten?«

»Joseph, es ist kein Traum mehr. Er ist beinharte Realität geworden. Ich stand meinem Albtraum leibhaftig gegenüber. Ich habe ihr heute ins Auge gesehen. Ich bin vor ihm geflohen, um bei dir Schutz zu suchen, bevor ich Dinge tue, die ich mein Leben lang bereue. Ich suche Schutz vor den Albträumen, aber auch Schutz vor mir selbst. Mit deiner Hilfe alleine ist es nicht mehr getan. … Es muss etwas geschehen.« Maria klingt verzweifelt.

»Keine Sorge, ich beschütze dich. Versprochen«, versucht Joseph, sie zu beruhigen.

»Den einzigen Ausweg, den ich sehe, heißt: Rache. Auch wenn es mir Gott verbietet. Rache ist menschliches Bedürfnis. Und heute hat sich dazu die Möglichkeit ergeben, Vergeltung zu üben. … Ich werde … «

»… Nichts wirst du«, fällt ihr Joseph barsch ins Wort und versucht dabei, nicht aufzubrausen. »Wenn du Rache rein philosophisch, ohne Gott, betrachtest, wirst du zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen. Ich versuche, es auf den Punkt zu bringen: Falls dir Schlechtes von deinem Umfeld angetan wird, dann stell dich aufrechten Kopfes hin und zeige, dass es dir gut geht. Das ist eine härtere Strafe für sie, als wenn du ihnen Ungemach antust.«

»Joseph … bitte … Verwirre mich nicht zusätzlich. Alleine das Gespräch mit dir hat mir schon geholfen, meinen Schock zu verarbeiten. Eigentlich will ich zurück, zum Berghof. Kommst du mit?«

»Maria, du bist noch lange nicht so weit, um ein Fahrzeug zu lenken. Ein Wunder, dass du es heil zu mir geschafft hast. Ich mache dir einen Vorschlag: Ich wollte sowieso zum Kirchlein hinauf. Mein neuer Wagen ist zwar bestellt, aber noch nicht geliefert. Wir nehmen deinen. Erstens können wir auf der Fahrt weitersprechen, zweitens hast du gleich dein Gepäck zur Hand. Ich werde Norman bitten, mich zurückzufahren.«

Maria ist über den Vorschlag erleichtert. Jetzt, noch einmal an diesem Tag, ein Fahrzeug zu lenken, so gut fühlt sie sich nicht. Außerdem ist sie sich nicht sicher, wie sie reagieren würde, wenn sie die drei Männer nochmals sieht. Ein guter Freund an ihrer Seite kann in dieser Situation von großem Nutzen sein.

Joseph steuert den kleinen Audi bedächtig die Bergstraße hinauf. Seine Freundin erscheint ihm gefasster als zuvor. Doch, als sie auf den Parkplatz einbiegen, erblickt Maria die drei großen Limousinen. Sie bittet Joseph, die gegenüberliegende Seite anzusteuern, gleich in der Nähe des Kirchleins, der Waldkapelle.

Zögerlich steigt Maria aus dem Wagen.

»Willst du ins Hotel?«, fragt der Pfarrer.

»Nein, nein, das hat Zeit«, wehrt seine Freundin mit matter Stimme die Frage ab. Angesichts der drei Männer auf der Terrasse überlegt Maria, ob sie heute überhaupt im Berghof übernachten will. Vielleicht könnte sie ja im Pfarrhaus schlafen.

Joseph nimmt sie an der Hand und schlendert mit ihr zum Kirchlein. Während der Pfarrer im Inneren nach dem Rechten sieht, zupft Maria welke Blätter von den Rosenstöcken. »Ich will zum Seeblick«, lässt sie ihren Freund plötzlich wissen.

»Zum Seeblick? In deinem Zustand? Bist du dir sicher. Du weißt, der Aufstieg ist beschwerlich.«

»Joseph, ich war schon oft dort oben. An diesem Ort habe ich immer Ruhe gefunden. Das hilft mir. Willst du mich begleiten? Würde mir viel Spaß bereiten.«

»Selbstverständlich. Mache ich. Warte, ich hole mir nur die Bergschuhe aus der Sakristei. Du gehst mit deinen Tennisschuhen?«

Maria nickt.

Nachdem er seine Schuhe gewechselt hat, schlendern sie durch den Wald hinüber zum See, wo ihnen ein Wegweiser die Richtung zum Seeblick weist. Zu Beginn ist die Steigung noch mäßig, aber je mehr sie an Höhe gewinnen, desto beschwerlicher wird der Weg. Mehrfach kommen sie an kleinen Ausbuchtungen vorüber, die einen wunderschönen Ausblick über das Tal gewähren. An einer pausieren sie, und Maria genießt die beeindruckende Gegend. Am liebsten würde sie sie umarmen. Streichelt sanft den See mit ihren Blicken. Sie sieht zum Parkplatz, wo die drei Autos noch immer parken. Ob sie bald verschwinden werden, fragt sie sich. Ihre Gedanken beginnen um den Mann mit dem typischen herben Herrenduft, den sie seit Jahren mit sich trug, zu kreisen. Keinen ihrer Gedankenstränge kann sie zu Ende denken, kann sie endgültig abschließen. Wie aus dem Nichts entspringen immerzu neue Bilder vor ihrem geistigen Auge. Sie ist froh, Joseph an ihrer Seite zu wissen.

Dem Pfarrer bleibt ihre Geistesabwesenheit, ihre Versonnenheit, nicht verborgen. Als sie die Aussichtsplattform erreichen, fragt er sie: »Alles in Ordnung? Geht es dir gut?«

Seine Freundin antwortete ihm mit einem Knappen: »Relativ«, während sie sich ein Lächeln abringt.

Joseph legt ihr den Arm um ihre Schultern. Schweigend stehen sie eng umschlungen und betrachten das Smaragdgrün des Sees. Ruhig, friedlich liegt er vor ihnen. Die spiegelglatte Oberfläche wird nur von einem Ruderboot gestört, das auf das Hotel zusteuert.

»Der alte Thilo kehrt zurück. Hat wohl wieder eine kleine Seerundfahrt gemacht, um sich fit zu halten – feiert er heuer nicht seinen fünfundachtzigsten Geburtstag?«, bemerkt der Geistliche rhetorisch.

Maria löst sich aus der Umarmung ihres Freundes und geht in Richtung Abhang. Für Joseph zu nahe. Er macht ein paar rasche Schritte auf sie zu und zieht sie vehement zurück. Dabei verliert er fast das Gleichgewicht. Seine Schuhe haben den Halt auf dem geschotterten Untergrund verloren.

»Was war das denn? … «, will sie von ihm wissen und reibt sich die Schulter.

»Ach nichts, bin nur ausgerutscht.«

Anscheinend hört sie die Antwort nicht, vielmehr setzt sie zu einem ähnlichen Gespräch an, wie sie es heute schon einmal geführt hatten. Joseph versucht, wieder mit den gleichen Argumenten zu überzeugen. Er sucht verzweifelt nach einer ultimativen Lösung für Maria. Doch er findet keine. Aussichtslose Verzweiflung scheint nun auch von ihm Besitz zu ergreifen. Er ist am Ende seines Lateins angelangt! Er setzt auf Zeit. Er hofft, dass all die Worte, die er in den vergangen Dekaden mit ihr gewechselt hatte, endlich greifen würden.

Oder gibt es doch eine ganz andere Lösung, die er bisher nicht in Erwägung gezogen hat?

In diesem Augenblick klingelt sein Mobiltelefon. »Moser. Grüß Gott! … äh, wann? … Geben Sie mir eine dreiviertel Stunde. Ich mache mich sofort auf den Weg.«

»Schlechte Nachricht?«, fragt Maria neugierig.

Josephs Miene wirkt wie aus Stein gehauen. Tiefe Besorgnis spricht aus seinen Augen. »Eines meiner Schäfchen möchte das Sakrament der Krankensalbung, die ›letzte Ölung‹ wie sie früher genannt wurde, empfangen. Es geht dem Ende zu. Maria, kannst du mich ins Dorf zurückfahren?« Eigentlich will Joseph nicht von seiner Freundin chauffiert werden, aber wie sollte er sonst ins Tal kommen? Dass Norman sofort für ihn Zeit hat, davon kann er nicht ausgehen.

»Hier ist der Autoschlüssel. – Ich bleibe noch eine Weile hier«, schlägt Maria vor und drückt ihm den Wagenschlüssel in die Hand. »Ich möchte den Ausblick genießen und meine Gedanken ordnen. Du hast mir heute schon sehr geholfen … «

»Kann ich dich wirklich hier alleine lassen?« Seine Freundin nickt mehrmals. »Gut, aber bleibe nicht zu lange, schau, dort drüben ziehen bereits die ersten Gewitterwolken über den Bergkamm. – Ich bringe dir den Wagen später wieder.«

»Joseph, das ist nicht nötig. Ich brauche bis Sonntag kein Auto. Wenn doch, melde ich mich bei dir. Und das soll jetzt nicht heißen, dass du nicht jederzeit willkommen bist. Wir bleiben in telefonischem Kontakt.«

Joseph beschleicht ein ungutes Gefühl, bei dem Gedanken, seine Freundin hier oberhalb der Felswand zurückzulassen.

Maria drückt ihm einen Kuss auf die Lippen. »Wir sehen uns. – Auf Wiedersehen.«

*

Kurz nach dem Wetterleuchten entluden sich die Wolken. Ein schweres Unwetter wütete für Stunden in der Region. Es schüttete, dass man meinen konnte, das Ende der Welt sei angebrochen. Genauso schnell wie das Gewitter aufzog, ebenso rasch war der Spuk wieder vorbei.

Die Scheinwerfer des Autos tauchen die Gebirgsstraße in ein eigentümliches Licht. Viele kleine Äste liegen verstreut auf der längst aufgetrockneten Fahrbahn. Die Abkühlung tut gut. Die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigt 23:32.

Joseph biegt in den Parkplatz des Berghofs ein. Das Hotel liegt bereits im Dunkeln. Kein Licht erleuchtet mehr das Restaurant. Die Laternen wiegen sich im kalten Wind. Der Pfarrer steigt aus dem Wagen, hört leise Männerstimmen von der Hotelterrasse und schreitet gemächlich zum Bootssteg hinüber. Er schaut vom Ende des Steges zurück zum Seeblickzimmer, in dem kein Licht brennt.

Den Tod eines lieben, langjährigen Freundes erlebt man nicht jeden Tag. Joseph sehnt sich plötzlich selbst nach einer verständnisvollen Schulter.

Als er bei dem alten, todkranken Bauern heute seine tröstenden Worte sprach, fiel ihm das Wort ›erlösen‹ auf. Der Erlöser, der am Kreuz für uns gestorben ist, erlöse uns von dem Übel. – Wovon will uns Gott erlösen? Von unserem mühevollen Leben? Um was zu erreichen? Das ewige Leben? Gott erlöst uns von einem kurzen Leben, um es gegen ewiges Leben zu tauschen?!

Nein, die Heilige Schrift muss man im Ganzen lesen – nicht einzelne Sätze extrahieren und sie neu zusammensetzen.

Aber wurde sein langjähriger Freund heute Abend wirklich erlöst? Nur weil er ohne Bewusstsein, ohne Herzschlag in seinem Bett lag.

Er wurde er von seinem Siechtum erlöst. … Doch er hat es mit seinem Leben bezahlt. – Eine zu einfache Lösung.

Wäre es da nicht logischer gewesen, wenn er ihn schon früher von seinen Qualen erlöst hätte. Ihm gnadenvolle Sterbehilfe angedeihen lassen hätte? Einzig, sein Freund hat ihn nicht darum gebeten. Wäre es deshalb moralisch verwerflich gewesen? Aber wenn er dazu aufgefordert worden wäre? Hätte er sich je zu Gottes rechter Hand aufgeschwungen? Hätte er je die Rolle des Erlösers übernommen? Wenn ja – wann hätte er die Rolle übernehmen dürfen, wann war der richtige Zeitpunkt, um zu handeln – um ihm den ultimativen Frieden angedeihen zu lassen, den sich verzweifelnde, leidende Menschen so sehnlich herbeiwünschen?

Joseph verheddert sich immer tiefer in seinen Gedanken. Kälte steigt in ihm auf. Sie überdeckt seine Fantasien. Er schaut hinaus auf den See und hat Mühe, die tiefschwarze Finsternis mit seinen Blicken zu durchdringen. Nur schemenhaft erkennt er die Steilwand, an die sich scheinbar ein schweres, schwarzes Leichentuch schmiegt.

Der kühle Wind bahnt sich seinen Weg unter Josephs Soutane, als wollte er sich dort wärmen. Dem Pfarrer fröstelt.

Verstört, über den Tag nachdenkend, stapft er zurück zum Parkplatz, an den Booten vorüber, in denen Wasserlachen im Rhythmus der Wellen von einer Seite zur anderen schwappen. Er hört das gleichmäßige Plätschern der Dünung an den Bootsplanken und fragt sich, ob er heute alles richtig gemacht hat.

Joseph ist froh, nicht mit dem Motorrad zum See gefahren zu sein. Es ist einfach zu kalt.

*

Bald nach den Gewittern waren die drei Männer, im Anschluss an ein formidables Abendessen, aus dem Gastraum wieder auf die Terrasse gewechselt. Sie wollen ihre Zigarren genießen.

Rauchen ist aber, seit die Politiker die Meinung vertreten, dass ihre Gesellschaft, die sie zu repräsentieren haben, unmündig ist, obendrein den Wirten die freie Wahl genommen haben, nur mehr im Freien erlaubt. Als die drei Männer sich ihre Zigarren anstecken, sagt der Untersetzte räuspernd, wehmütig: »Das war früher ganz anderes, als man in den Lokalen noch rauchen durfte.«

»Ja, ja, die guten alten Zeiten, als wir selbstbestimmt durch die Welt wandelten. Damals galten die freie Wahl und Selbstverantwortung noch etwas. Wir und die Lokalinhaber durften seinerzeit noch selbst entscheiden. Dafür stinkt es heutzutage in den Diskotheken nach pubertierenden Jugendlichen, wie in einem Turnsaal … «. Sie lachen herzhaft und paffen zufrieden ihre teuren Zigarren.

»… und damals hätte man auch nicht das Licht vor Mitternacht abgedreht. Hätte es alles früher nicht gegeben. Genauso wenig, dass wir hier im Dunkeln unseren Whisky trinken müssen«, ereifert sich der große Hagere und bläst geübt einen Rauchring in die kühle Nachtluft.

Der Glatzköpfige stellt sein Whiskyglas auf dem breiten Geländer der Terrasse ab. Er späht zum See hinüber und sieht einen dunklen Schatten am Bootssteg stehen. Er kneift die Augen zusammen und erkennt eine Gestalt, die eine Soutane mit Kollar und schwarzem Zingulum trägt. Sie kommt auf ihn zu.

Als der Priester an der Terrasse vorüber schlendert, sagt er: »Grüß Gott Herr Pfarrer. Genießen Sie die Kühle der Nacht?«

»Grüß Gott. Ja – manchmal benötigt man einfach Zeit für ungestörtes Nachdenken, um seine Gedanken neu zu sortieren. Das ist der ideale Platz dafür. – Schönen Abend noch … «

»Verzeihen Sie – eine Frage: Tragen Priester auch in ihrer Freizeit ihre Soutane?«, will der Mann wissen.

»In unserer Region gehört es bis heute zum Brauchtum … «, antwortet Joseph im Vorübergehen, ohne anzuhalten. Ihm ist nicht nach Small-Talk. Ihm ist kalt.

SAMSTAG

3

Annas Samstage sind von einem rituellen Ablauf geprägt. Zwei Stunden länger schlafen. Nach der Morgentoilette eine genüssliche Dusche. Anschließend ein kurzer Blick auf die Newsseiten der Presse. Alles ohne Zeitdruck. Danach trifft sie sich mit Claudia zum Frühstück in ihrem Stammlokal. Zwei Buttersemmel, ein großer Brauner und ein Ei im Glas. Hinterher flanieren sie bis mittags durch die Stadt, um in der Prosecco-Bar ihre Runde abzuschließen, und um das restliche Wochenende zu planen.

Aber an diesem Samstag war der gewohnte Ablauf unterbrochen. Sie wachte früh auf. Viel zu früh. Ihre innere Unruhe weckte sie. Sie schaut sofort auf ihr Mobiltelefon. Keine Nachricht. Sie checkt ihre E-Mails. Nichts, außer Spam. Loggt sich in ihren WhatsApp-Account ein. Nichts. Zu guter Letzt überprüft sie auch noch Facebook. Wieder nichts. Anna kann nicht mehr schlafen. Selbst wenn sie es versuchen würde nochmals die Augen zu schließen, die schweren, blickdichten Vorhänge vor den Fenstern zuzieht, die Sorgen um ihre Mutter würden sie wach halten.

Missmutig klettert sie aus ihrem Bett. Nur mit ihrem kurzen Nachthemd bekleidet wackelt sie in die Küche und schaltet den Kaffeeautomaten ein. Sie lehnt sich gegen die Küchenzeile, stützt sich mit beiden Händen ab und beobachtet tranceartig wie die dunkle Flüssigkeit in die kleine Schale tröpfelt. Anna liebt den Duft von Kaffee. Dieses Aroma weckt jeden Morgen ihre letzten, noch verbliebenden, schlummernden Lebensgeister.

Sie nimmt die Tasse und tritt auf den Balkon hinaus. In der vergangenen Nacht musste es geregnet haben, denn die Luft ist ungewöhnlich klar. Der Wind hat die schwüle Dunstwolke aus der Stadt geblasen, die Atmosphäre gereinigt. Eine kühle, aber nicht unangenehme Brise umspült ihren Körper.

Sie setzt sich auf den Gartenstuhl und legt ihre Beine auf das Geländer. Beinahe verbrüht sie sich ihre Zunge an dem heißen Kaffee. Langsam lässt sie die Tasse auf den Beistelltisch sinken und angelt sich ihr Telefon. Ein Blick auf ihre kleine Cartier-Uhr sagt ihr, dass es noch zu früh ist, um Claudia anzurufen. Sie holt tief Luft.

Sie will gerade ihr Mobile beiseitelegen, als sie ein leichtes Vibrieren vom Gerät verspürt, begleitet von einem einzigen, leisen Piepton. Ah – SMS, denkt Anna.

Neugierig holt sie es aus dem Standby-Modus und wischt über das Display. Die Nachricht ist von Claudia: »Sorry, muss zum Flammenkogel. Geschäftlich. Sonntagsausgabe will gefüllt werden. :Smiley mit heruntergezogenem Mund: Trinke einen Prosecco für mich mit. Melde mich, wenn ich zurück bin. :winkendes Smiley:«.

»Shit … «, stößt Anna verärgert hervor. ›Muss sie gerade heute zu einer ›Story‹ gerufen werden‹, denkt sie. ›Hat sie mir gestern nicht erzählt, wie unsäglich ruhig ihre Woche war, ohne Katastrophen, ohne amüsante Geschichten, die das Leben zuweilen schreibt. Sie hat Seiten mit nebulosen Themen gefüllt. Und heute, am Wochenende wird sie in die Provinz gerufen.‹

Das sind die weniger schönen Aspekte im Berufsleben einer Redakteurin. Die schreibende Zunft kann unmöglich ihre Freizeit im Vorhinein planen, denn sie ist fremdbestimmt.

Anna überlegt, wie sie den Tag, ohne ihre Freundin anlegen wird. Was soll sie tun? Wie konnte sie die näheren Umstände herausfinden, warum sich ihre Mutter nicht meldet?

Die acht Gongschläge der kleinen Pendeluhr reißen sie aus ihren Gedanken. Sie steht auf und schaltet das TV-Gerät ein. Nachrichten. Ungeduldig verfolgt sie die Berichterstattung. Sie ist weniger an den Geschehnissen in der Welt interessiert, vielmehr an den Lokalnachrichten. Keine Verkehrsunfälle, keine Wohnungsbrände, keine Überfälle, keine fatalen Unwetter, keine Naturgewalten. Nichts.

Sind keine Nachrichten wirklich gute Nachrichten, überlegt sie zweifelnd. Anna stellt sich die Frage, wen sie noch kontaktieren könnte. Bis auf Frau Santora fällt ihr niemand ein. Ihre Mutter hat keine Freundinnen, außer eben Frau Birgit Santora. Führte ihre Mutter wirklich ein solch einsames Leben? Anna wird diese Tatsache erst jetzt bewusst. Sie blickt auf ihre Cartier. Halb neun zeigt die Uhr.

Anna tippt Santoras Nummer ins Telefon.

»Santora.«

»Verzeihen Sie, dass ich Sie am Wochenende nochmals störe. Meine Mutter hat mir ja ihre private Telefonnummer – für den Fall der Fälle – geben. … «

»Wer spricht denn? … «

»Äh, Steiger … Anna Steiger, ich bin die Tochter von … «

»Guten Tag. Ich weiß, wer Sie sind. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Liebe Frau Santora, wir haben schon gestern miteinander telefoniert. Sie sagten mir, meine Mutter hätte sich freigenommen und wollte zu einem Freund fahren … «

»Ja … und?«