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Oberstleutnant Dr. Peter Holzinger ist zum Leiter der Europol Geschäftsstelle Central-South-Europe befördert worden. Bei seinem Antrittsbesuch in Den Haag erhält er den ersten Auftrag: Sicherung der zweitägigen Konferenz des ›Economy-Clubs‹ im Schloss Laxenburg, denn im letzten halben Jahr sind zwei Vorstandsmitglieder auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Ein Routinejob, wie es scheint. Er fliegt mit seinen Mitarbeitern aus Amsterdam zurück nach Wien. Kurz bevor der Airbus A 321 in Wien-Schwechat aufsetzt …
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Seitenzahl: 677
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Impressum neobooks
Tödliche Seilschaften
Holzinger ermittelt (2)
Kriminalroman
2021
Wolfgang Priedl
V 2.02/221128
Text / Grafik:
© Copyright Wolfgang Priedl
1921
neobooks / epubli Self-Publishing
Wolfgang Priedl
Geroldgasse 5
A-1170 Wien / Ö[email protected]
www.priedl.at
Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von dem Autor nicht beabsichtigt. Die aufgezeigten Möglichkeiten sind nicht fiktiv, sondern entsprechen dem heutigen Stand der Technik.
Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Autors urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.
Oberstleutnant Dr. Peter Holzinger ist zum Leiter der Europol Geschäftsstelle Central-South-Europe befördert worden.
Bei seinem Antrittsbesuch in Den Haag erhält er den ersten Auftrag: Sicherung der zweitägigen Konferenz des ›Economy-Clubs‹ im Schloss Laxenburg, denn im letzten halben Jahr sind zwei Vorstandsmitglieder auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen.
Ein Routinejob, wie es scheint.
Er fliegt mit seinen Mitarbeitern aus Amsterdam zurück nach Wien. Kurz bevor der Airbus A 321 in Wien-Schwechat aufsetzt …
Wolfgang Priedl war viele Jahre in der Marketing- und Werbebranche tätig. Durch Zufall entdeckte er seine Vorliebe zum Schreiben. Wenn ihm heute ein gesellschaftliches Thema unter den Fingernägeln brennt, greift er zur Tastatur.
Die menschliche Psyche fasziniert ihn genauso wie spannende Storys. Mit dem vorliegenden Kriminalroman verwebt er Action mit sozialkritischer Thematik.
Mit seinen Geschichten möchte er nicht nur unterhalten, sondern die Leser auch zum Nachdenken anregen.
Eine Tür fiel krachend ins Schloss.
Gerhard Klug hörte es nicht.
Während rockige Fusion-Rhythmen aus den Lautsprechern drangen, stand er nackt im Badezimmer; betrachtete sich im beschlagenen Spiegel. Er sprühte einen herben Männerduft unter seine Achseln. Die Kühle des Sprays kitzelte und ließ ein Lächeln über sein Gesicht huschen.
Er betrat das angrenzende Schlafzimmer, das ein King-Size-Bett dominierte. Das Kopfende zierte ein von der Decke bis zum Boden reichender Spiegel; eingefasst von einem goldfarbenen Aluminiumrahmen, der den Eindruck entstehen ließ, in einem Bild zu schlafen.
Wieder übertönte die Musik das Zuschlagen einer Tür.
Er stakste auf die bodentiefe Fensterfront zu. Die schwüle Luft, die hinter ihm herkroch, heftete sich an die Glasfläche. Klug wischte den Beschlag mit dem Unterarm ab und schaute aus dem ersten Stock auf die großflächige Loggia, die ein ausladender Dachgiebel überspannte.
Mit einem Ruck zog er die schwere Schiebetür zur Seite, um ins Freie zu treten. Dünnschichtige Nebelschwaden, die die Parklandschaft in gespenstisches Grau hüllten, schoben sich zwischen den Bäumen herauf zum Haus. Die Burgruine Sonnenberg war schemenhaft hinter den Schleiern zu erahnen. In Kürze würde die Sonne den Dunst aufgefressen haben und die Sicht auf Wiesbaden freigeben.
Hatte er etwas gehört?
Er ließ seinen Blick über den Park gleiten. Was könnte das Geräusch verursacht haben?
Sicher eine Täuschung, dachte er.
Der Sommer neigte sich endgültig seinem Ende zu. Die ersten farbenprächtigen Blätter segelten gemächlich auf den Rasen und zeichneten abstrakte Muster auf das Grün.
Er stand an der Brüstung und genoss die bizarre Herbststimmung. Die feuchte Morgenkälte schmiegte sich wie eine Eisdusche an seine Haut. Er sog die Luft tief in seine Lunge. Es roch nach nasser, modriger Erde. Klug rieb mit den Händen über sein Gesicht und atmete mit einem leisen Pfeifen aus. Ein kalter Schauer überkam ihn, während sich die Morgenfrische ihren Weg in seine Knochen bahnte.
Fröstelnd griff er nach der Tür, als er ein Geräusch vernahm: das Klick-Klack von Stöckelschuhen auf Granitplatten. Er hielt inne. Instinktiv trat er zwei Schritte zurück, um nicht entdeckt zu werden.
Mathilde trippelte schnurstracks auf seinen Wagen zu.
Sie blieb kurz stehen, öffnete ihren mit Flausch verbrämten Bademantel und schlug ihn enger um ihren Körper, was ihr Hüftgold zusätzlich betonte. Den Unterkiefer vorreckend, klemmte sie sich eine Strähne hinter das Ohr. Eine rote Haarklammer hielt ihren Dutt, der einem zerfledderten Vogelnest glich, zusammen. Ihre nackten Füße steckten in strassbesetzten Sandaletten.
Klugs Ehefrau zog eine Fernbedienung aus dem rosafarbenen Morgenmantel. Sie drückte auf den Entriegelungsknopf, als wollte sie den letzten Rest aus einer Tube pressen. Die Blinker des Audi A8 blitzten auf. Sie riss die Fahrertür auf. Ihre Hände stützte sie an der Dachkante ab, trommelte mit den Fingern auf das Blech und steckte den Kopf ins Innere. Ihre Augen zuckten unruhig hin und her, inspizierten mit wirren Blicken den Innenraum.
Gerhard Klug war gestern Abend nach einer einwöchigen Geschäftsreise zurückgekehrt. Sein Wagen war die ganze Woche am Flughafen geparkt: Sie konnte nichts im Fahrzeug vergessen haben.
Ob sie ihm nachspionierte? Wonach suchte sie?
Seine Gemahlin ließ sich auf den Fahrersitz plumpsen. Sie durchwühlte die Mittelkonsole, streckte sich hinüber zum Handschuhfach und zog einen Stapel Papiere hervor. Sorgsam begutachtete sie jeden Zettel. Wiederholt hob sie den Kopf, um durch die weit vorgeschobene Brille zu blicken, und verglich das Gelesene mit einer Information auf ihrem Smartphone. Ihre grimmige Miene wich einem Lächeln.
Hatte sie gefunden, wonach sie suchte?
Ein flaues Gefühl breitete sich in Klugs Magengrube aus. Im Handschuhfach bewahrte er Tankrechnungen, Flugtickets und Parkscheine der letzten Wochen auf. Seine Gedanken rasten. Was hatte sie entdeckt? Was zauberte dieses hämische Grinsen in ihr Gesicht?
Die Zeichen standen auf Sturm. Die nächste Auseinandersetzung würde sich nicht vermeiden lassen. Mit welchen Vorwürfen würde sie ihn heute konfrontieren?
Es verging kaum ein Tag, an dem sie sich nicht zankten.
Seit über zwei Jahren schliefen sie in getrennten Schlafzimmern. Auch keine Lösung auf Dauer. Die Scheidung war unausweichlich. ›Besser früher als später‹, dachte er.
Klug beschloss, ihr aus dem Weg zu gehen. In der Stadt gab es genug Lokale, die ihm ein ungestörtes Frühstück versprachen.
Er zog Boxershorts aus der Lade und schlüpfte hinein. Aus dem Abteil daneben entschied er sich für ein dunkles Hemd. Die passende Hose hing am ›Stummen Diener‹.
Nachdem er den Gürtel vor seinem flachen Bauch geschlossen hatte, betrachtete er sich im Spiegel. Die modische Kleidung ließ ihn jünger erscheinen. Keine 52; höchstens 45. Er reckte das Kinn nach oben.
Als er die Hände in die Hosentaschen schob, ertastete er ein zerknülltes Stück Papier. Langsam zog er es hervor.
Den Zettel hatte er vor über zwei Monaten hinter dem Scheibenwischer vorgefunden. Er war mit dem letzten Flieger aus Paris gekommen, als er in der Tiefgarage die Nachricht entdeckte. Ein Organmandat konnte es nicht sein, war sein erster Gedanke. Vielleicht hatte jemand sein Fahrzeug beim Ausparken beschädigt? Er griff nach dem A6-großen Computerausdruck und las:
Letzte Warnung! Spenden Sie sofort die geforderten zwei Millionen!
Wer war mit ›Sie‹ gemeint? Er selbst? Oder der Konzern? ›Sie‹ war auf dem Zettel großgeschrieben, was bedeutete, dass man ihn meinte. Warum spenden? Aber an wen? In welcher Währung? Euro? Pfund? Dollar? Bitcoin?
Im Laufe der Jahre hatten ihn wiederholt Bettel- und Erpresserbriefe erreicht, deren Forderungen stets konsequenzlos verhallt waren.
›Schon wieder so ein idiotisches Pamphlet‹, dachte er damals und zerknüllte die Nachricht. Aber er warf sie nicht weg, sondern ließ sie in seiner Hosentasche verschwinden, wie ihm eine innere Stimme befahl.
Was ihn bewogen hatte, den Vorfall nicht dem Sicherheitsdienst seines Konzerns zu melden, wusste er nicht mehr. Es wäre auch seine Pflicht gewesen, seine Freunde des ›Economy-Clubs‹ zu informieren.
Beides hatte er unterlassen.
Die schwere Eingangstür fiel ins Schloss.
Erneut las er die Zeilen. Bei nächster Gelegenheit würde er seiner Sekretärin eine Kopie zukommen zu lassen. Sie würde die nötigen Maßnahmen in die Wege leiten. Kommende Woche auf Sardinien, würde er seinen Freunden davon berichten.
Mathildes schwere Schritte drangen an sein Ohr. Die Wendeltreppe knarrte kaum vernehmlich unter ihrem Gewicht. Klug konnte sich nicht erinnern, wann seine Gemahlin das letzte Mal in seinem Schlafzimmer gewesen war. Dass sie in diesem Augenblick die Stufen zu ihm herauf stapfte, bedeutete nichts Gutes.
Der nächste Streit war unausweichlich – einer von vielen.
Als wollte er sich eine Rüstung anlegen, schlüpfte er in sein Sakko und überkreuzte die Arme vor der Brust.
Wutschnaubend stieß sie die Schlafzimmertür auf.
»Ich habe endlich den Beweis!«, schrie sie und hob provozierend das Kinn in seine Richtung.
»Guten Morgen, geliebte Gemahlin …«, begrüßte er seine Frau süffisant. »Sind wir schon so weit, dass wir uns nicht einmal mehr grüßen?«
»Deine Grüße kannst du dir in den Arsch schieben!«, schnaubte sie. »Endlich habe ich den Beweis!«
Sie wedelte mit einem Stück Papier über ihrem Kopf; ein Parkticket zwischen die Finger geklemmt, ihren Arm bedrohlich erhoben.
Angriffslustig.
Mit schmalen Lippen stapfte sie auf ihn zu und fuchtelte mit der Karte unter seiner Nase.
Klug nahm deutlich den leisen Luftzug wahr. Er trat instinktiv einen Schritt zurück. Ihm fehlte plötzlich die nötige Distanz zu der tobenden Furie.
»Ich sage nur ›Bergic OHG‹! Klingelt es?«
»Sagt mir nichts«, erwiderte er beherrscht und hielt ihrem eiskalten Blick stand.
»Feige Drecksau«, spie sie ihm entgegen.
»Mathilde! …« Klug schüttelte abschätzig den Kopf. »… Wer oder was ist Bergic? … Ein Parkticket?«
»Blöd stellen – das kannst du. Vollidiot! Hältst du mich für so vertrottelt? – Bergic ist ein Puff, solltest du es vergessen haben!«
Klugs funkelnde Blicke trafen Mathilde.
»Woher willst du wissen, dass ich im Puff war? Du hältst eine Parkkarte in den Fingern – und kein Foto.«
»Ich brauche kein Foto.« Sie stampfte hart mit dem Fuß auf.
»Deine Amex-Abrechnung genügt. Und diese Quittung hier …« Sie wedelt erneut energisch mit dem Schein vor seiner Nase. »… ist der Beweis, dass du stundenlang vor dem Puff geparkt hast. War sicherlich eine gewaltige Orgie. 4821 Euro! Du verficktes Dreckschwein!«
»Du öffnest meine Post?« Klug zog die Oberlippe nach oben.
»Bei einem Menschen wie dir bleibt einem nichts anderes übrig! – Du zwingst einen dazu!« Sie schnappte nach Luft. »Du wärst heute ein Niemand, ein Nichts, hätte ich nicht ein Vermögen in unsere Ehe gebracht …«
»… und ich habe es verzehnfacht«, schnitt er ihr barsch das Wort ab. »Dir wäre es innerhalb kürzester Zeit zwischen den Fingern zerronnen. – Und zu deiner Information: Das war geschäftlich. Ein Barbesuch mit unseren chinesischen Investoren.«
»Dass ich nicht lache. Einen Barbesuch nennst du das?! Du warst in einem Puff! Ihr habt die Puppen tanzen lassen und herumgefickt.« Erneut hämmerte Mathilde den Absatz ihrer High-Heel-Sandaletten in den Holzboden und hinterließ tiefe Abdrücke. Mit jedem Tritt lockerte sich ihr Gürtel ein Stück mehr. Die Schöße ihres Bademantels klafften einen Spalt breit auf.
Ungewollt erhaschte Klug einen Blick auf ihre nackte Brust. Er verdrehte die Augen.
»Vielleicht graust es dir vor mir! Du bist das Allerletzte«, spuckte sie Gift und Galle, schloss den Mantel und fixierte ihn mit dem Gürtel. »Hau ab zu deinem französischen Flittchen …«
In ihren Mundwinkel sammelte sich Schaum, wie bei einem tollwütigen Köter. Sie trommelte mit den Fäusten gegen seinen Brustkorb, ihre Miene zu einer Fratze verzogen. Ihre Finger krallten sich in das Revers seines Sakkos. Sie beutelte ihn mit aller Kraft.
Angeekelt wandte Klug sein Gesicht zur Seite. Er legte seine Hände mit eisernem Griff um ihre Handgelenke, drehte die Arme unsanft nach außen und stieß sie von sich.
Sie wollte sich erneut auf ihn stürzen, als er einen Schlag andeutete.
Mathilde hielt inne und zischte: »Das wagst du nie, du feige Drecksau!«
Abscheu hatte sich in ihm breitgemacht. Die Grenzen der Contenance waren überschritten. Er wollte keine Sekunde länger in einem Raum verweilen, mit einem Menschen, der sich nicht mehr unter Kontrolle hatte.
Flucht erschien ihm als die einzige brauchbare Lösung.
Doch Mathilde versperrte ihm den Weg.
Er zögerte nicht, packte sie am Oberarm, um sie zur Seite zu schieben.
Reflexartig griff sie nach seinem Revers und zerrte ihn zurück. Mit einem harten Schlag befreite er sich von ihren Händen am Sakkoaufschlag.
»Der feine Gockel wird handgreiflich«, fauchte sie ihn mit blau verfärbten Lippen an. »Das ist dein Ding. Auf Wehrlose einschlagen, das kannst du!«
»Du weißt nicht, wie es ist, wenn ich richtig zuschlage«, drohte er ihr mit einem Anflug von einem Lächeln.
»Dann schlag doch richtig zu, du feige Sau«, stichelte sie weiter und streckte ihm auffordernd die Wange entgegen.
Klugs Lider zuckten.
Im nächsten Augenblick schnellte seine flache Hand vor, wie eine Viper, die ihren tödlichen Biss setzt, und traf ihre Wange mit voller Wucht.
Sie strauchelte, stolperte durch das Zimmer, verlor eine Sandalette und stürzte auf die harten Dielen. Mit schmerzverzerrter Miene kam sie vor der Schlafzimmertür zu liegen.
»Jetzt mach ich dich endgültig fertig«, zischte sie ihm kaum vernehmlich entgegen. Mit angezogenen Knien krümmte sie sich am Boden und massierte ihren dröhnenden Schädel.
Unbeholfen richtete sie sich auf. Ein Blutstropfen aus ihrer Nase heftete sich an die Oberlippe. Sie leckte ihn ab und betastete ihren Nasenrücken. Das Rot auf ihren Fingern ließ sie ihren Mann anstarren, als könnte sie ihn mit ihren Blicken in die Knie zwingen. Purer Hass drückte ihre Augen weit aus den Höhlen.
»Du hast soeben dein Todesurteil unterschrieben. Ich bring dich um! Das schwör ich dir«, presste sie hinter der vorgehaltenen Hand hervor. »Verschwinde aus meinem Leben!«, kreischte sie hysterisch, rappelte sich auf und warf ihm einen vernichtenden Blick zu, der keiner weiteren Erklärung bedurfte.
Sie angelte sich ihren Schuh, knallte die Tür zu und humpelte auf einer Sandalette die Wendeltreppe hinunter.
Gerhard Klug stand mit offenem Mund da und starrte auf die Tür. Erschrocken über sich selbst. Noch nie in seinem Leben hatte er die Hand gegen eine Frau erhoben, geschweige denn geschlagen. Die drückende Stille, die ihn umgab, wurde nur durch Mathildes fernes, unrhythmisches Humpeln auf der Metalltreppe unterbrochen. Er schüttelte vor Grauen den Kopf.
Langsam löste sich die Anspannung. Er atmete geräuschvoll aus, als müsse er sich von einem Albtraum erholen.
Tausend Gedanken quälten ihn.
Es war nicht leicht, in dem Tohuwabohu Ordnung zu schaffen. Schließlich griff er nach seinem Smartphone und öffnete die Terminkalender-App:
- Montag – Dienstag: Dependance Paris
- Mittwoch – Sonntag: Olbia / Sardinien
Paris und das Treffen mit seinen Freunden auf Sardinien versprachen Abwechslung und Erholung.
»Diese Woche gefällt mir«, flüsterte er.
Er entschloss sich, noch am selben Tag nach Paris zu fliegen. Jedenfalls eine bessere Alternative, als in diesem Haus zu bleiben.
Die Koffer waren schnell gepackt. Als er sie über die Wendeltreppe schleppte, hielt er ständig nach Mathilde Ausschau. Behutsam setzte er jeden Schritt, um kein Geräusch zu verursachen.
Er schlich sich wie ein Dieb aus seinem Haus. Kopfschüttelnd ging er auf die Eingangstür zu, an den zahlreichen Jagdtrophäen seiner Frau vorüber, die ihn von den Wänden mit toten Augen anglotzten.
Daneben hingen unzähligen Urkunden, auf denen häufig ›Platz 1‹ mit Mathildes Namen vermerkt war. Sie ließ keinen Schießwettbewerb aus und belegte regelmäßig einen der vorderen Ränge.
Klug konnte dieser Leidenschaft nichts abgewinnen.
Behutsam zog er die Tür zu und atmete die nach feuchter Erde und Moder riechende Luft ein. Er entriegelte den Kofferraum und warf sein Gepäck hinein, als ob er sich damit von einer drückenden Last befreien könnte.
Klugs Wagen rollte an der großen Eiche vorüber, die nahe an der Einfahrt stand. Deutlich war das Knacken der Eicheln zu hören, die unter den Reifen zermalmt wurden. Ein Eichhörnchen flüchtete erschrocken auf den knorrigen Baum.
Er verließ sein Grundstück Richtung Wiesbadener Innenstadt, wo er den Wagen in der Theatergarage parkte.
Ein Blick auf die Uhr ließ ihn zufrieden nicken.
Im Vorgarten des Kaffeehauses Blum bestellte er ein üppiges Frühstück. Das hatte er sich nach den Ereignissen an diesem Morgen verdient.
Während er auf seinen zweiten Kaffee wartete, zog er den zerknitterten Zettel aus der Hosentasche und schoss ein Foto, das er seiner Sekretärin mailte.
Keine zwei Minuten später summte sein Mobile.
»Guten Morgen Herr Klug. Sie haben mir eine Nachricht geschickt … «
»... Ja – habe total darauf vergessen«, unterbrach er seine Sekretärin. »Dieser Wisch klemmte vor Wochen hinter dem Scheibenwischer. An das genaue Datum erinnere ich mich nicht …«
»Herr Klug, eine ähnliche Botschaft habe ich vor ungefähr drei Monaten dem Sicherheitsdienst übergeben. Sie war an Sie adressiert. Den genauen Wortlaut habe ich nicht mehr im Kopf. Nachdem es sich um eine einzelne Nachricht gehandelt hat, haben wir dem Vorfall keine besondere Bedeutung beigemessen. Dieses zweite Schreiben ändert alles: Wir müssen aktiv werden.«
»Es gab eine ähnliche Forderung in der Vergangenheit? In derselben Höhe? War in der ersten eine Währung angegeben, bzw. wohin das Geld überwiesen werden sollte?«
»Wie erwähnt, ich kann mich nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern, jedenfalls glich der Zettel dem Ihren.«
»Gut, dann übergeben Sie die Kopie unserem Sicherheitsdienst und er soll die nötigen Schritte einleiten. – Weil ich Sie gerade am Telefon habe: Darf ich Sie am Wochenende missbrauchen und Sie bitten, mir einen Flug nach Paris zu buchen«, bat er sie mit amikalen Unterton.
»Einen Flug nach Paris? Der ist doch für Montagmorgen gebucht. Oder wollen Sie umbuchen? – Noch heute?«
»Ja. Bitte den Nächstmöglichen. Wären Sie so nett? Und verständigen Sie meine Frau, oder ...«
Er stockte.
»Selbstverständlich. Probleme? … Ich wollte sagen: Kein Problem. Sie hören in Kürze von mir.«
»Danke.«
Klug streifte sein Sakko ab und reckte die Nase in die Sonne. Immer wieder spulte er kopfschüttelnd die Szenen von heute Morgen vor seinem inneren Auge ab. Er suchte nach dem Warum, Weshalb, Weswegen, fand jedoch keine Erklärung dafür.
Die Scheidung war längst überfällig.
Auch der Erpresserbrief erfüllte ihn mit Sorge. Hatte vielleicht Mathilde den Brief geschrieben? Plante sie bereits die Trennung? Wollte sie sich auf diese Art und Weise einen größeren Anteil von ihrem gemeinsamen Vermögen sichern?
Im nächsten Augenblick verscheuchte er die Bilder seiner Gemahlin aus dem Kopf und ersetzte sie durch die seines vermissten Freundes René Delon.
Er war erst vor wenigen Wochen im Mittelmeer auf rätselhafte Weise verschwunden. Seine feudale Jacht, ausgestattet mit den modernsten Instrumenten, fand man vor Korsikas Küste am offenen Meer treibend. Von René fehlte jede Spur.
Hatte sein Freund einen Erpresserbrief erwähnt?
Klug konnte sich nicht daran erinnern.
Er weigerte sich, die Möglichkeit in Gedanken durchzuspielen, und nahm sich vor, den Erpressungsversuch auf Sardinien anzusprechen. Vielleicht wussten seine Freunde mehr, wussten Näheres über das Verschwinden des erfahrenen Skippers.
Das Mobile summte erneut.
»Herr Klug, Ihr Flug nach Paris geht um 14 Uhr. Das Ticket liegt am Schalter der Air France. Mit Ihrer Frau habe ich ebenfalls gesprochen. Sie meinte, das träfe sich gut, weil sie zur Jagd aufgebrochen ist und erst … «
»... Vielen Dank, Sie sind ein Engel. Ich wünsche Ihnen noch ein schönes Wochenende.«
Gerhard Klug wischte über das Display und blickte auf die Uhr.
Genügend Zeit. Keine Eile.
Er drückte auf eine Telefonnummer aus seinem Kurzwahlspeicher.
»Claire, Cherie, Überraschung! Ich fliege bereits heute nach Paris und komme gegen drei Uhr mit der Air-France-Maschine aus Frankfurt an … «
»... mais c’est une joyeuse surprise! In welchem Hotel logierst du?«
»Ich hatte einen miesen Tag. Könnte ich bei dir …«
»Juhu ... exzellente. Ich hole dich vom Flughafen ab.«
»Ich freue mich, Treffpunkt wie immer. Bis später … à plus tard bisous.«
»Küsschen retour.«
Die Verbindung wurde unterbrochen. Er liebte ihren französischen Akzent. Es war, als würde er in ein anderes Universum versetzt, fernab von dem Alltagsstress, wo er seine Seele baumeln lassen konnte. Eine Welt, in der ihn kein Termin trieb, in der gesellschaftlicher Zwang zu einem Fremdwort degradiert wurde.
Er strahlte über das ganze Gesicht. Seine Augen funkelten gütig.
Klug schaute auf sein Smartphone; biss sich auf die Unterlippe. Nach kurzem Zögern tippte er auf ›Kanzlei Thurner & Partner‹.
Sein Freund meldete sich.
»David, Gerhard spricht. Gut dass du im Lande bist. Reichst du bitte die Scheidung ein.«
»Ist es endlich so weit?«, fragte der Rechtsanwalt.
»Ja.«
»Gute Entscheidung.«
»Wir treffen uns, wenn ich zurück bin.«
»Melde dich.«
Klug schob das Telefon in seine Jackentasche. Ein tonnenschwerer Felsen war von ihm abgefallen. Er angelte sich die Frankfurter Allgemeine, um den Wirtschaftsteil zu studieren; am Ende des Tages wird alles gut, sagte er sich und nippte an seinem Kaffee.
Auf der Autobahn ignorierte er so manche Geschwindigkeitsbegrenzung. Beschwingt trällerte er das Lied aus dem Autoradio mit.
Das kaum merkbare Vibrieren, das er seit dem Morgen im Lenkrad vernahm, verstärkte sich mit jedem Kilometer.
›Die Kiste gehört zum Service‹, dachte er und ignorierte das Flattern. Die Silhouette, die er auf der Brücke erspähte, half ihm dabei. Sie rief Vorfälle in sein Gedächtnis, bei denen Pflastersteine auf Fahrzeuge geworfen wurden.
Er beugte seinen Oberkörper vor, den Blick so lange wie möglich auf die Gestalt gerichtet, während er unter der Brücke hindurchraste.
›Du wirst paranoid‹, dachte er und schüttelte indigniert den Kopf.
Unbewusst suchte er die folgenden Brücken nach Personen ab, erspähte jedoch niemanden.
Mit zwei Fingern steuerte er der Überholspur entlang. Die Vibrationen des Volants massierten seine Hand.
Plötzlich verdrehte sich das Lenkrad.
Adrenalin jagte seinen Puls in astronomische Höhen.
Er benötigte zwei Fahrspuren, um das Auto in der Spur zu halten. Klug drehte wie verrückt am Volant, aber sein Gegenlenken verstärkte das Schleudern, anstatt es zu mindern. Die Musik im Inneren überdeckte das Wimmern der Reifen.
Sein Wagen prallte gegen die Mittelleitplanke, hob ab und rollte um die Längsachse.
Alles schien ab diesem Moment in Zeitlupe abzulaufen.
Hatte seine letzte Stunde geschlagen?
Wenn ja, dann müsste doch sein ganzes Leben im Geiste vorüberziehen.
Im Gegenteil: Mit schreckgeweiteten Augen sah er die Leitschiene über ihm vorüberjagen.
Kopfüber flog er auf den Brückenpfeiler zu.
Plötzlich umgab ihn unendliche Stille.
Der Mann humpelte im Intercity an den Sitzreihen vorüber. Wiederholt stützte er sich auf seinen Gehstock. Als er zwei freie, gegenüberliegende Sitzplätze fand, klemmte er den Stock hinter die Lehne und bedeutete seiner Begleiterin, Platz zu nehmen. Er unterdrückte ein Stöhnen und ließ sich auf den Sitz gleiten.
»Schmerzen?«, erkundigte sich Sarah Mutes fürsorglich.
»Danke der Nachfrage – es geht«, erwiderte Peter Holzinger mit leidender Miene und nahm beide Hände zur Hilfe, um sein Bein in den Fußraum zu ziehen.
»Du hast nie erzählt, wie es zu dem Unfall kam.«
»Sarah, ich spreche nicht gerne darüber. – Na schön, wenn du es unbedingt wissen möchtest: Im Jänner war ich am Penkenjoch. Es war ein idealer Tag, um mit dem Gleitschirm zu fliegen. Ich startete mit angeschnallten Skiern, fand schnell den von mir erhofften Aufwind und drehte einige Runden über der Bergstation. Ich flog hinunter zur Mittelstation, wo mir die Gäste aus der Schirmbar zuwinkten. War lustig. – Nach einer Stunde steuerte ich die Wiese vor Mayrhofen an, um zu landen. Wie es der Teufel haben wollte, verkantete ich bei der Landung mit den Schiern im Tiefschnee und das rechte Bein wurde plötzlich festgehalten. Mein Körper verdrehte sich und die Zugkraft des Schirmes ließ mir keine Chance. Ich konnte hören, wie die Kreuzbänder mit einem lauten Schnalzen rissen. Wie sich später herausstellte, fädelte ich unter der obersten Drahtverspannung eines Weidezaunes ein. Im Krankenhaus stellte man die Ruptur sämtlicher Bandstrukturen mit knöchernen Ausriss fest und einen Bruch des Knöchels. Während der mehrstündigen Operation nähten sie den zerfetzten Meniskus wieder zusammen, fixierten das Knie mit fünf Titanschrauben und die restlichen stecken im Fußgelenk.«
Nachdenklich kratzte er an seinem Vollbart.
»Oh Gott! – So detailliert wollte ich das nicht wissen. Wirst du in Zukunft deinen Schirm an den Nagel hängen?«
»Sarah – wo denkst du hin?!« Peter massierte sich das Knie.
»Der Unfall hat mehr mit Skifahren zu tun, als mit dem Gleitschirmfliegen. – Es ist zum aus der Haut fahren.«
Er schaute aus dem Fenster.
»Bald bin ich die Schrauben los, und dann wird alles wieder gut. – Schau, wir sind gleich am Flughafen Schiphol.«
»Von welchem Terminal fliegen wir ab?«
»Vom Pier B starten wir Richtung Heimat.«
Dumpf erklang die Melodie des River-Kwai-Marsches. Peter fingerte sein Mobile aus dem Sakko hervor und warf einen Blick auf das Display, auf dem der Name ›RICHARD‹ blinkte.
»Hallo. Das ist eine Überraschung: der Rentner, Oberst Tomacic. Wie geht es dir?! Angelst du noch immer ohne Köder?«
»Natürlich. Ein Wurm hat auf meinem Haken nichts verloren. Ich verletze doch kein Fischerl. Oder glaubst du, dass Fische schmerzunempfindlich sind, weil sie nicht schreien können? Lassen wir das … ich gratuliere dir zur Beförderung zum Verbindungsoffizier im Rahmen der Europol. Deine Karriere gefällt mir – bin mächtig stolz auf meinen ehemaligen Schützling. – Ich habe gehört, dass ihr ein neues Büro bezieht?«
»Danke, danke. Unsere Abteilung ist ab sofort direkt dem Innenministerium – inklusive Sonderbefugnissen – unterstellt. Zudem haben sie mir zusätzlich die Koordination von Central-South-Europe umgehängt. Wir haben den Antrittsbesuch absolviert und das Briefing für unseren ersten Fall erhalten. – Übrigens, Sarah sitzt mir gegenüber. Ich soll liebe Grüße ausrichten. Wir fahren im Intercity von Den Haag zum Amsterdamer Flughafen. – Ich hoffe, du besuchst uns bald in den neuen Räumlichkeiten.«
»Sicherlich, Herr Oberstleutnant. Hast du schon ein Team zusammengestellt?«
»Meine Crew besteht im Augenblick aus drei Personen. Sarah, Perez und mir … «
»… Perez? Du meinst doch nicht Oberleutnant Lucas Perez, diesen jungen, vielsprachigen Latino-Computer-Fuzzi, der uns seinerzeit geholfen hat?«
»Ja, von dem spreche ich. – Er ist mittlerweile Hauptmann.«
»Der ist nett, aber auch ein wenig eigenartig. Bewarb er sich nicht bei der Europol in Den Haag?! Wieso ist er in deinem Team?«
»Du kennst ihn ja. Was du ihm seinerzeit prophezeit hattest, ist eingetreten. Er wollte nicht mehr länger im Headquarter bleiben, um an einer Verdächtigen-Datei zu Analysezwecken zu arbeiten, die das Prinzip der Unschuldsvermutung umkehrt. Er hat von dieser Stadt die Schnauze voll und nahm – ohne viel nachzudenken – mein Angebot an.«
»Na ja, dann sind die Bärtigen unter sich. Trägt er noch immer Nickelbrille und sein komisches Baseballkapperl?«
»Yepp. Die Kappe noch immer verkehrt herum.«
»Manche ändern sich nie. Er ist zwar ein hervorragender Analytiker, aber ich warne dich: Er verlässt gerne ausgetretene Pfade. Viel früher als du. Daher mein Rat, seid auf der Hut.«
»Danke. Ich kenne ihn nur zu gut. Wir haben gemeinsam die Ausbildung für leitende Beamte an der FH Wiener Neustadt absolviert. – Außerdem: Du weißt, auf deinen Ratschlag höre ich immer …«
»… seit wann?«, fiel ihm Richard amüsiert ins Wort.
»Bitte keine Geschichten aus vergangenen Zeiten aufwärmen. Apropos Lucas: Er sucht eine Absteige in Wien, denn die elterliche Wohnung ist vermietet …«
»… Ach ja, stimmt. Seine Alten übersiedelten zurück nach Barcelona. Ich hätte das Obergeschoss frei – wenn er will, kann er bei mir einziehen. Ich sage es aber gleich: Mit dem Internetanschluss hapert es: Glasfaserkabel gibt es bei mir nicht.«
»Wir treffen ihn am Flughafen. Ich werde dein Angebot weiterleiten. – Richard wir rollen in Kürze in die Station ein. Ich melde mich, wenn wir in Wien sind.«
»Okay. Mach das. Ich wünsche euch viel Erfolg und einen angenehmen Flug.«
»Danke. Ciao.«
Peter steckte sein Telefon weg und stieß dabei an seinen Gehstock. Mit einem lauten Poltern fiel er zu Boden und blockierte den Mittelgang. Eine junge Frau sah das Hindernis zu spät und stolperte darüber.
Im letzten Augenblick stützte sie sich auf der freien Sitzfläche neben Sarah ab. Peter griff instinktiv nach ihrem Unterarm. Das Bettelarmband, das zahlreiche Anhänger zierten, stach ihm ins Auge. Er erkannte den Pariser Eiffelturm, das Wiener Riesenrad mit roten Gondeln und einen Halbmond.
»Entschuldigung«, presste er schuldbewusst hervor, griff nach seinem Stock und zog ihn zu sich.
Die attraktive Frau bedachte ihn mit fuchsteufelswilden Blicken, rappelte sich auf und klemmte entrüstet eine Haarsträhne hinter das Ohr.
»Verdomme! Kann niet voorzichtiger zijn!«
Verdattert starrte Holzinger in ihr makelloses Gesicht, das von einem rotblonden Pony umrahmt wurde. Die Stupsnase, die vollen Lippen und die grünen Augen ließen ihn fragen: »Claudia?«.
»Nee, mijn naam is niet Claudia«, zischte die junge Frau und eilte Richtung Ausgang davon.
In Peters Kopf herrschte heilloses Durcheinander. Erstaunt schaute er ihr nach, bis ihn Sarahs Stimme in die Gegenwart zurückholte.
»Peterle, du siehst aus, als wärst du einem Geist begegnet. Hab´ ich richtig gehört? Du sagtest soeben ›Claudia‹?«
Peter nickte.
»… Du hast geglaubt, deiner Exfreundin zu begegnen?«
»Ja, für einen Moment dachte ich, dass es sie gewesen wäre.«
»Ich erinnere mich. War sie nicht Redakteurin beim ›KURIER‹? Das muss gut zwei Jahre her sein … Weißt du, wie es ihr geht?«
»Nehme an: gut. Sie hat die Leitung des neuen KURIER-TV-Senders übernommen. – Wir sind da. Komm, lass´ uns aussteigen. Beeile dich, wir sind spät dran!«
»Soll ich dir deinen Kofferrolli abnehmen?«, bot ihm Sarah an, während sie zum Ausstieg drängten.
»Nein, geht schon. Möchtest du vorlaufen?«
»Wir bleiben zusammen … «
»Raus hier …«
Sarah legte ein beachtliches Tempo vor. Wie ein weidwund geschossenes Tier humpelte Holzinger seiner Kollegin hinterher.
Routiniert checkten sie am nächstgelegenen Automaten ein. Von Perez keine Spur. Sie hasteten an den zahlreichen Duty-Free-Shops vorüber und passierten die Sicherheitskontrolle, die Peter die erste Verschnaufpause bot. Am Gate war das Boarding voll im Gange.
»Hast du Lucas schon entdeckt?«, wollte Sarah wissen und blickte sich um.
»Nein. Vielleicht ist er bereits in der Maschine«, presste er zwischen den Zähnen hervor und massierte sich sein Bein. »Er weiß, dass ich den Flug umgebucht habe. Wenn nicht, dann muss er schauen, wie er nach Wien kommt.«
Peters unrhythmischer Schritt dröhnte in der Fluggastbrücke. Kurz vor dem Einstieg in den Airbus A321 stauten sich die Passagiere. Holzinger klopfte fortwährend mit dem Gehstock auf den Boden, wofür ihn einige Fluggäste mit verächtlichen Blicken und indigniertem Kopfschütteln straften. Er holte tief Luft, unterdrückte ein Augenrollen und stützte sich auf seine Krücke.
»Ruhig Brauner, ruhig«, raunte ihm Sarah zu und strich besänftigend seinen Rücken entlang.
»Wir haben Reihe 25 – A, B, C. Beim Emergency-Exit«, murmelte er zurück.
Beim Umbuchen der Tickets bestand Peter auf eine Sitzreihe bei den Notausgängen, weil sie mehr Beinfreiheit bieten. Eine wesentliche Erleichterung während eines zweistündigen Fluges nach Wien.
An der Kabinentür begrüßte sie eine Stewardess in rotem Outfit.
»Soll ich ihn in den Stauraum stellen?«, fragte die Flugbegleiterin und deutete auf den Gehstock. Mit einem breiten Lächeln auf den Lippen reichte Peter ihn ihr.
Sitzreihe um Sitzreihe hantelte sich Holzinger durch die Business-Class. Plötzlich entdeckte er auf der rechten Seite das hübsche Gesicht aus dem Intercity. Eine Sekunde lang trafen sich ihre Blicke. Indigniert wendete sich die junge Frau ab, beugte sich vor und starrte durch das Fenster auf den Vorplatz, wo die Fluggastbrücke zum Abdocken vorbereitet wurde.
Peter legte seine Stirn in Falten. Das war nicht Claudia, denn die hätte zumindest zurückgelächelt. Doch der Mond, zwischen dem Riesenrad und dem Eiffelturm an ihrem Handgelenk faszinierte ihn.
Lucas saß auf seinem Sitzplatz, vertieft in die Bordbroschüre. Er zog seine Mundwinkel nach oben, als er seinen Chef auf sich zu humpeln sah.
»Se … Servus. Darf ich dir helfen«, grüßte Perez stotternd, sprang auf, schnappte sich Peters Koffer und wuchtete ihn in die Ablage. »Wo willst du sitzen?«
»Ich setze mich in die Mitte. Sei nett und hilf Sarah.«
Holzinger ließ sich stöhnend wie ein Greis auf den mittleren Sitzplatz fallen.
Noch bevor der Flieger zur Startbahn rollte, waren sie in ihren Small Talk vertieft.
Lucas erzählte, dass er in nur drei Stunden seine Habseligkeiten in sechs Kartons verpackt hatte. Am schwierigsten gestaltete sich das Verstauen seines geliebten Computers. Die Spedition markierte diese Kiste mit einem roten Verpackungsband, auf dem das Wort ›FRAGILE‹ und ein Trinkglas aufgedruckt waren.
Lucas ergänzte mit einem dicken Filzstift: ›VORSICHT: MEIN LEBEN!‹
»Übrigens, ich habe vorhin mit Richard Tomacic telefoniert. Sein Obergeschoss steht nach wie vor leer. Wenn du willst, kannst du bei ihm einziehen.«
»Da … Das ist ein tolles Angebot.«
»Er lässt dir jedoch ausrichten, dass er über keinen Glasfaseranschluss für das Internet verfügt.«
»Strea … Streaming ist zwar nicht meine Welt, aber für Suchläufe in umfangreichen Datenbanken könnte es ebenfalls zu wenig sein – Schick mir bitte seine Nummer.«
Die Triebwerke heulten auf. Die Beschleunigung des Flugzeuges drückte sie in die Sitze. Bei 280 km/h hob der Flieger ab und zog polternd das Fahrwerk ein.
»Lucas, hör zu, ich informiere dich kurz über unseren ersten Auftrag.« Peter holte tief Luft. »Am kommenden Wochenende veranstaltet der Economy-Club einen Kongress in Laxenburg bei Wien. Wir sind mit der Personenschutzabteilung für die Sicherheit der Besucher verantwortlich. Prinzipiell ein Routinejob …«
»E … Economy-Club?«
»Der EC ist ein Verband von Wirtschaftsbossen aus der ganzen Welt. Von Wirtschaftsprognosen über Trendforschung bis hin zu Netzwerkbildung.«
»Ve … Verstehe.«
Peter blätterte in den Unterlagen. »Aber: Vor einem halben Jahr verschwand im Mittelmeer ein Vorstandsmitglied des Clubs bei einem Segeltörn. Seine verlassene Jacht fand man unversehrt zwischen Korsika und Mallorca im Meer treibend. Ihn hat man bis heute nicht gefunden. – Vor zwei Monaten kam ein weiterer in Deutschland bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Der Wagen hat sich bei hohem Tempo auf der Autobahn aus unerfindlichen Gründen überschlagen. Nachdem beide diesem ›Economy-Club‹ angehörten und sich die mysteriösen Unfälle in zwei verschiedenen Ländern der Europäischen Union ereignet haben, ist der Fall bei der Europol gelandet. Sonst ergaben sich keine Gemeinsamkeiten, aus denen sich eine brauchbare Theorie ableiten ließe …«
Holzinger schloss die Luftdüse, die ihm ins Gesicht blies.
»… Jetzt kommt`s: Deine Aufgabe ist es, die Teilnehmer zu durchleuchten. Vielleicht finden wir neue Anhaltspunkte. Wenn nicht, gehen die Fälle zurück an die örtlichen Behörden. Schau dir die Lebensumstände der Mitglieder an. Inoffiziell vermutet man, dass es sich bei beiden Unfällen um keine Zufälle handelt. Ich nehme an, dass du nichts Neues entdecken wirst, aber man weiß nie ...«
Lucas hatte aufmerksam zugehört, kratzte sich am Bart, lüftete seine New-York-Yankee-Kappe und zog sie tiefer in die Stirn. Tausend Fragen lagen ihm auf der Zunge.
»Du ... Du sprichst von einem Routinejob. Wie kreativ darf ich meine Recherche anlegen?«
Holzinger erahnte sofort den Hintergedanken des IT-Spezialisten. »Routinejob! – Halte dich an die gesetzlichen Vorgaben. Kein Hacken!«, erstickte er mit harschem Unterton Lucas' aufkeimende Einwände. »Lass die Kirche im Dorf. Analysiere die Akten, aber handle keinesfalls eigenmächtig. Haben wir uns verstanden?«
»Vo … Von wem bekomme ich die gesammelten Unterlagen? Und vor allem: Auf welche Datenbanken werde ich autorisierten Zugriff haben?«, lotete er indigniert die Grenzen aus. »Nur auf die der Behörden oder auch auf die der Unternehmen?«
»Ein Großteil der Protokolle liegt bereits auf dem Server in Wien.« Peter kratzte sich an seinem Bart. »Die Freigaben erhältst du morgen in der Früh. Man hat mir versprochen, dass wir uneingeschränkten Zugriff auf alle relevanten Daten haben. Von den Firmen haben wir keine Erlaubnis, unser Material mit dem ihren zu vergleichen. Ich benötige deinen Bericht sobald wie möglich.«
»O … Okay, Chef.« Lucas schüttelte den Kopf und schob die Nickelbrille zur Nasenwurzel hinauf. »Habe kapiert – Nachtarbeit.« Die Enttäuschung war ihm ins Gesicht geschrieben.
»Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: Morgen um zehn Uhr ist das Meeting mit dem Vorstand des Clubs angesetzt: Voss, Morrison und Costa. Seid bitte pünktlich ...« Peter beugte sich vor und massierte sein Knie. Er verzog sein Gesicht. Mit beiden Händen hob er seinen Oberschenkel an, um den Kniewinkel zu verringern.
»Schmerzen?«, erkundigte sich Sarah.
»Es geht …« Holzinger atmete tief ein. »… Wenn ich das Bein längere Zeit nicht bewege, dann pocht es unaufhörlich. Das nervt.«
»Was sagt dein Physiotherapeut?«
»Der ist zufrieden«, presste Peter mit leidender Stimme hervor. »Er meint, meine Fortschritte sind größer als bei manch anderen mit der gleichen Verletzung. Die Chance lebt, dass ich das Knie bald wieder vollends abbiegen kann. Bis dahin wird mich der Gehstock begleiten.«
Mutes sah ihn mit zusammengekniffenen Augenbrauen von der Seite an und klopfte ihm fürsorglich auf den Oberschenkel.
»Wie ich dich kenne, wirst du den Stock bald nicht mehr benötigen.«
»Ich arbeite daran. Wie erwähnt, alles wird besser – im Anschluss an die OP.«
Sarah wechselte das Thema und erkundigte sich, wie sich ihr Chef den genauen Zeitplan für die nächsten Tage vorstellte.
»Keine Sorge, die Konferenz findet am Donnerstag und Freitag statt.« Peter lächelte. »Die Chancen stehen gut, dass du das komplette Weekend mit deiner Familie verbringen wirst.« Er hatte die Hintergedanken seiner Mitarbeiterin erraten und tätschelte ihre Hand.
»Klingt gut …« Sie wandte sich nickend dem Fenster zu.
Fasziniert verfolgte sie die bizarre Jagd der Nebelschwaden, die mit enormer Geschwindigkeit über die beleuchtete Tragfläche hinwegschossen. Die unentwegten Turbulenzen versetzten dem Flugzeug harte Stöße. Der Flug glich einer Busfahrt entlang desolater Gemeindestraßen.
Der Gong riss sie aus den Gedanken. Der Kapitän teilte seinen Passagieren mit, dass sie soeben Linz überflogen haben.
»… wir landen planmäßig in 25 Minuten. Das Wetter in Wien: Die Außentemperatur beträgt minus 1°, es ist bedeckt mit leichtem Schneegriesel«, tönte es aus den Lautsprechern.
»Gut, dass du unsere Flüge umbuchen konntest. Jetzt sind wir vier Stunden früher als geplant in Wien«, bemerkte Sarah rhetorisch und starrte weiter in die Dunkelheit hinaus.
Unterhalb der Wolkendecke ließen die Turbulenzen nach. Die Landschaft war nicht zu erkennen, aber vereinzelt erspähte sie die Lichter verstreuter Dörfer. Das Flugzeug rumpelte und ächzte, als das Fahrwerk ausgefahren wurde. Die ersten Straßenzüge, der in ein rötlich flirrendes Lichtermeer getauchten Großstadt, schoben sich langsam in ihr Blickfeld.
Sarah wollte gerade Peter die hell erleuchtete Raffinerie Schwechat unter ihnen zeigen, als ein Knall das gleichmäßige Surren im Inneren des Flugzeuges verschluckte. Im nächsten Augenblick sackte die Maschine ab.
Die Aufschreie aus zahlreichen Kehlen ließen die Flugzeugkabine erbeben. Der Flieger war extrem zur Seite gerollt. Der linke Flügel zeigte steil nach unten.
Sarah umklammerte die Armlehnen mit all ihrer Kraft; presste sich in den Sitz.
Mit schreckgeweiteten Blicken sah sie, wie sich die Landeklappen hoben und senkten. Schließlich stabilisierte sich die Fluglage. Ab diesem Moment beutelten heftige Vibrationen den Airbus A 321 und ließen die Tragflächen zitternd auf und ab schlagen.
Ihr Puls raste. Mit vor Angst aufgerissenen Augen starrte sie aus dem Fenster. Funken sprühten aus dem linken Triebwerk, einem Kometenschweif gleich. Sie tauchten den nahen Boden in ein gespenstisch flackerndes Licht.
Sarah schnappte sich Peters Hand, und drückte so fest zu, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Sie wies mit ihrem Kopf erschrocken auf den Flügel hinaus.
Holzinger beugte sich gerade zum Fenster, als die Stimme des Flugkapitäns seinen Passagieren befahl, die Sicherheitsstellung für eine Notlandung einzunehmen. Geschockt hielt Peter das schadhafte Triebwerk im Blickfeld, aus dem bereits meterlange Flammen schlugen. Beißender Kerosingeruch stieg ihm in die Nase.
Plötzlich erschütterte ein vehementer Schlag den Flieger.
Wieder schrien die Fluggäste auf.
Der Touchdown war hart. Das schwere Flugzeug schlingerte die Rollbahn entlang. Die Bremswirkung ohne Schubumkehr war nicht so fulminant wie von früheren Landungen gewohnt.
Bevor die Maschine zum Stillstand kam, ertönte bereits die angespannte Stimme des Stewards. Er wies die Passagiere an, ausschließlich die vier Fluchtwege auf der rechten Seite zu benützen.
Knapp vor dem Ende der Landebahn kam der Flieger zu stehen. Die Flugbegleiterinnen stürzten durch den Gang und rissen die Notausgänge auf. Mit einem Knall öffneten sich die Notrutschen. Der Mittelgang füllte sich in Sekunden mit ängstlich brüllenden Passagieren, die rücksichtslos zu den Luken drängten.
»Lassen Sie Ihr Gepäck liegen!«, mischte sich die Ansage aus den Lautsprechern wiederholt in den Lärm. »Geen Bagage! No Luggage!«
Holzinger und seine beiden Mitarbeiter waren bei den Ersten, die das Flugzeug verließen. Peter zog Sarah an sich vorüber, versetzte ihr an der Luke einen Stoß. Er sprang hinterher. Am Ende der Notrutsche landeten sie unsanft im nasskalten Gras.
Sirenen heulten aus allen Richtungen. Mit ohrenbetäubendem Getöse traf ein Einsatzwagen nach dem anderen ein. Die Besatzungen bedeuteten händeringend den Flüchtenden, sich im Laufschritt von der Unglücksmaschine zu entfernen.
»Lauft! Lauft!«, riefen die Helfer durcheinander. »Hierher! Schnell! Schneller! This way! Hurry! Sneller daar!«
Peter ruderte mit den Armen, humpelte – ohne seinen Gehstock, mehr hüpfend als laufend – hinter Sarah her, die trotz ein paar Kilos zu viel auf ihren Hüften ein beachtenswertes Tempo vorlegte. In sicherer Entfernung blieben sie stehen, drehten sich um und schauten zurück zum Unglücksort, am Ende der Landebahn.
Über die vier Notausgängen ließen sich die Passagiere, wie Tropfen aus einem undichten Wasserhahn, auf die Rutschen fallen.
»Was ist passiert?«, hörte Holzinger die zitternde Stimme seiner Kollegin.
»Keine Ahnung. Hast du Lucas gesehen?«
»Nein. War er vor oder hinter uns?«
Das emporlodernde Feuer auf der linken Seite des Fliegers schwoll an und tauchte die Silhouette des Wracks in ein beklemmendes Licht.
Die Menschen schrien vor Angst.
Immer mehr Hilfskräfte trafen ein. Feuerwehrleute stießen die Türen der Seitenwände ihrer Fahrzeuge auf und zogen schier endlos lange Schläuche hervor.
Peters Instinkt befahl ihm, zu helfen. Er wollte losstürmen, doch Sarah und ein Sicherheitsbeamter rissen ihn zurück.
Gerade rechtzeitig!
Noch bevor der Befehl ›Wasser marsch‹ gegeben werden konnte, erschütterte eine ohrenbetäubende Explosion den Unfallort.
Ein enormer Feuerball schoss in den Himmel. Brennende Kerosinzungen wirbelten durch den Äther. Sie tanzten zu Boden und steckten an zahlreichen Stellen die Wiese in Brand. Die ungeheure Detonation hatte das Triebwerk zerrissen. Die Druckwelle schleuderte Passagiere wie Spielzeugpuppen von den Notrutschen.
Schmerzensschreie gellten aus allen Richtungen. Im nächsten Augenblick knickte das linke Fahrwerk ein und das Flugzeug sackte zu Boden. Wie eine satte Robbe auf einer Eisscholle lag es da. Funken stoben durch die vor Hitze flirrende Luft, als hätte man ein riesengroßes Holzscheit in ein Lagerfeuer geworfen.
Viele der Passagiere, die es nicht weit genug weg von der Unglücksmaschine geschafft hatten, brannten lichterloh. Sie irrten als lebende Fackeln umher oder wälzten sich auf der dünnen Schneeschicht. Einige lagen bewusstlos im hohen Gras. Die glühend heiße Druckwelle hatte selbst weit entfernte Personen, zu Boden geschleudert. Trümmer schossen durch die Luft.
Schmerzschreie vermischten sich mit dem Singsang der unterschiedlichsten Martinshörner.
Der Geruch von verbranntem Fleisch legte sich wie ein Leichentuch über den Unfallort. Aschenschmetterlinge tanzten vom Himmel, vermengten sich mit dem Schnee und überzogen das hohe Gras mit düsterem Dunkelgrau.
Die Druckwelle hatte eine schwere Plastikplane von einem Einsatzwagen gerissen. Sie traf Peter mit voller Wucht, riss ihn zu Boden und begrub ihn unter sich. Holzinger krümmte sich auf der Wiese. Bemüht, die Beine anzuziehen.
Eine Feuersbrunst schien in seiner Lunge zu lodern. Er atmete flach. Der beißende Geruch des Kerosins hatte sich in seinem ausgetrockneten Rachen festgesetzt. Seine Ohren dröhnten, als wäre er zu Neujahr unter der zwanzig Tonnen schweren Pummerin gestanden. Er zwang sich, seine schmerzenden Augen zu öffnen. Völlige Dunkelheit umgab ihn. Er zerrte an der sperrigen Plane. Schließlich gelang es ihm, sich darunter hervorzurollen und stieß an einen glänzenden Helm, der vor seiner Nase im Gras lag. Daneben kauerte – auf allen vieren – ein hustender Feuerwehrmann, der wie ein gestrandeter Fisch mühsam nach Luft schnappte.
Vereinzelt eilten Schatten an ihnen vorüber, ohne sich um sie zu kümmern.
Peter lag noch immer im feuchtkalten Gras, hob seinen zentnerschweren Kopf und drehte ihn zur anderen Seite. Seine Kollegin lag regungslos am schneebedeckten Boden. Ihre Haare standen wie Tintenfischtentakel ab, wie dürre, entlaubte Äste eines toten Gestrüpps, ihre Augen geschlossen. Blut rann über ihre Stirn. Neben ihr dampfte ein heißes, deformiertes Metallteil. Von ihrem Rücken züngelten Flammen.
»Sarah!«, stieß Peter röchelnd hervor. »Bist du okay?«
Er wartete vergeblich auf eine Antwort.
Er stand am Balkon seiner King-Corner-Presidential-Suite im obersten Stockwerk des im Art-Déco-Stil der goldenen 1920er Jahre gestalteten Hilton Plazas. Sein linker Arm hielt seine Steppjacke vor der Brust geschlossen. Der eisige Wind trieb unentwegt dicke Schneeflocken an seiner Nase vorüber. Hin und wieder blieb eine an seiner Hornbrille kleben. Von der dreispurigen Straße unter ihm drang die eintönige Klangwolke des Abendverkehrs an sein Ohr.
Er ließ seinen Blick der beleuchteten Ringstraße entlang schweifen. Eine dünne Schneeschicht überdeckte die welken Blätter der Kastanienbäume im Rinnsal. Hinter den dürren Ästen der Baumwipfel erspähte er die markante Kuppel der Universität, die von der Turmspitze des Rathauses überragt wurde.
Er liebte diese alte Kaiserstadt mit ihren zahlreichen Jugendstil- und Prachtbauten, den verwinkelten Gassen und ihren raunzenden Bewohnern. Seit Jahren hegte er den Gedanken, in dieser Stadt eine Immobilie zu kaufen. Heute war dieser Traum wahr geworden: Eine alte, leer stehende Villa mit Penthouse.
Craig Morrison zog ein letztes Mal an seiner Zigarre, schnipste den Stummel in den Aschenbecher und begab sich zurück in die feudale Suite. Er streifte seine Jacke ab und warf sie über die Stuhllehne.
Gestern Nachmittag war er aus dem heißen Abu Dhabi angereist. Für ihn ein willkommener Temperaturunterschied von 30 Grad.
Im Geiste ging er die Agenda des bevorstehenden Symposiums durch, das von ihm als einem der Chairmen des Economy-Clubs organisiert worden war. An den nächsten beiden Tagen erwartete er im 20 km entfernten Schloss Laxenburg zahlreiche Wirtschaftsbosse aus allen Teilen der Welt.
Morgen – um zehn Uhr – stand das Meeting mit der Polizei, Abteilung Personenschutz am Plan.
Diesmal hatten seine Freunde und er ihre Familien, insbesondere ihre Kinder eingeladen; ein lieb gewordenes Ritual, wenn sie ihre Kongresse in sehenswerten Städten abhielten.
Sein Sohn und seine Schwiegertochter, die sich zurzeit auf Hochzeitsreise quer durch Europa befanden, hatten ihre Route entsprechend geplant. Am gestrigen Abend speiste er gemeinsam mit ihnen im Restaurant Émile. Sie berichteten von Athen, Paris, Rom, Florenz und Verona.
»Unsere nächsten Ziele sind Budapest, das kohleverstromende Warschau und Berlin«, hatte Edith wiederholt erwähnt.
Craig hatte die Augen verdreht, weil er befürchtete, dass sie wieder ihr Lieblingsthema ›Umweltschutz‹ strapazieren würde. Er kannte ihre Ansichten, und was für ihr Dafürhalten die Politik unternehmen müsse, um unseren Planeten zu retten. Ihre stereotypen Argumente zerstörten in Kürze jeden Plausch, denn Gegenargumente ließ sie nicht gelten. Auf diesem Ohr war sie taub.
In solchen Situationen wäre es Christians Aufgabe gewesen, das Gespräch zu übernehmen. Doch sein Sohn ignorierte die vorwurfsvollen Blicke seines Vaters und überließ seiner puppenhaften Frau das Reden.
Craig beugte sich in ihre Richtung, und fixierte sie mit seinen eisblauen Augen.
»Edith, bitte keine Vorträge. Wir kennen deinen Standpunkt. Erzählt mir lieber, was ihr in Wien vorhabt.«
Sein Ton war freundlich, enthielt aber genug Schärfe, um ihr Thema im Keim zu ersticken.
Christian kannte diesen Unterton nur zu gut. Besänftigend strich er seiner Gemahlin über den Rücken, als wollte er eine knurrende Hündin beruhigen und erzählte bereitwillig von ihren weiteren Plänen.
Morrison lehnte sich zurück, ohne auf die einzelnen Worte zu achten, und musterte die beiden. ›Was für ein ungleiches Paar‹, sinnierte er. Vor Craigs geistigem Auge zogen die Erinnerungen an die Hochzeit in Las Vegas vorüber: Wenig Familie, dafür umso mehr jugendliche Freunde des Brautpaares, die ständig mit ihren Smartphones beschäftigt waren. Die verbale Unterhaltung schien auf ein Minimum reduziert gewesen zu sein. Und wenn die jungen Gäste miteinander sprachen, benützten sie ein Vokabular, dem er nur schwer folgen konnte.
Erst vor einem Jahr hatte sich das Brautpaar näher kennengelernt. Gemeinsam studierten sie an der Yale-Universität Chemie. Nachdem beide ihre Studien erfolgreich abgeschlossen hatten, planten sie sofort ihre Hochzeit. Gegen Craigs Willen. Zu Beginn nahm er an, dass die Geliebte seines Sohnes schwanger war, aber diese Vermutung stellte sich als Irrtum heraus.
Erfolglos bot er den beiden gut dotierte Jobs in seinem Agrarunternehmen an. Damit wollte er ihre Heiratspläne durchkreuzen, oder die Vermählung hinauszögern. Er hoffte, Zeit zu gewinnen, in der sein Sohn zur Vernunft kommen würde.
Doch die beiden stiegen nicht auf seine Angebote ein. Zunächst wollten sie um die Welt reisen, die unterschiedlichsten Kulturen kennen lernen, um die Zusammenhänge zu verstehen, warum die Gesellschaften so sind, wie sie sind.
Die konträren Denkweisen der beiden prallten wie stählerne Bocciakugeln aufeinander. Keiner war bereit, auf sein Gegenüber einzugehen.
Gestern Abend waren ihre Gespräche gestelzt und abblockend gewesen, jeder Satz eine Landmine, die drohte, bei der geringsten Berührung zu explodieren. Craig war erleichtert, als sich die beiden in ihre Suite zurückzogen und er sich an der Bar einen Whiskey genehmigen konnte, ohne dass ihn jemand scheel ansah.
»Wunderschönen guten Abend, Herr Morrison«, begrüßte ihn gestern der Barkeeper. »Heute solo?«
»Hi Gerard. Ja, bin alleine.« Er kletterte auf den Barhocker, spreizte die Beine und stützte den Kopf auf die Faust. »Mein Sohn ist mit seiner Frau auf das Zimmer gegangen.«
»Schön zu hören, dass Sie von Ihrer Familie begleitet werden.«
Craig nickte seufzend, und ließ seinen Blick an den aufgereihten Flaschen hinter der Theke entlang gleiten.
»Bourbon?«, fragte Gerard.
Morrison schob die Unterlippe vor und drehte die Handfläche nach oben.
»On the Rocks? – Wie immer?«
Der Amerikaner nickte.
Routiniert angelte sich der Bartender ein Whiskeyglas aus dem Regal und ließ die Eiswürfel polternd hineinfallen. »Jack-Daniel’s oder Four-Roses?«
Morrison zeigte auf die viereckige Flasche. Gerard goss den sämigen Whiskey mit einer theatralischen Armbewegung ins Glas, weit mehr als die Markierung vorsah.
»Cheers«, wünschte der Barkeeper und schob ihm das Getränk auf einem Untersetzer zu.
»Thanks.« Craig schaute auf den Whiskey und schenkte Gerard ein breites Lächeln.
»Steht morgen ein anstrengender Tag bevor?«
Morrison zuckte mit den Achseln.
»Ah, verstehe ... Familie …«
Diesmal drehte Craig beide Handflächen nach oben und presste die Lippen zusammen.
»Dann wünsche ich Ihnen einen erquicklichen Aufenthalt.«
Gestern war Gerard eindeutig der angenehmere Gesprächspartner.
Craig verdrängte seine Erinnerungen. Im Zimmer war es dunkel geworden. Er knipste die Stehlampe in der Ecke an. Gedämpftes Licht erhellte den Raum. Sein Hungergefühl meldete sich mit Nachdruck. Er schaute auf die Uhr. Erst in einer Stunde war er mit seinen Freunden zum Dinner verabredet.
Auf dem kleinen Tisch erblickte er die Fernbedienung für den Fernsehapparat. Er drückte den Einschaltknopf. Im nächsten Augenblick zeigte der Bildschirm ein brennendes Flugzeug. In der rechten oberen Ecke prangte das Wort ›LIVE‹. Die attraktive Reporterin mit ihrem blonden Ponyhaarschnitt erklärte, was gegen 18:00 Uhr am Vienna-Airport passiert war.
»... leider liegen uns noch keine Einzelheiten zum Absturz vor, aber wir bemühen uns, Sie so schnell wie möglich zu informieren ...«, hörte er, während das Insert ›Claudia Bigler, KURIER TV – Flughafen Wien Schwechat‹, eingeblendet wurde.
Morrisons Neugier war geweckt. Mit zusammengekniffenen Augen verfolgte er die Berichterstattung, doch seine Deutschkenntnisse reichten nicht. Er zappte weiter, Sender um Sender, auf der Suche nach dem Euronews-Kanal in englischer Sprache.
Endlich: Sendeplatz 54.
Am unteren Rand des Bildschirms leuchtete ein breiter roter Balken mit weißer Schrift: ›BREAKING NEWS‹, daneben ›Live: Airplane Crash – Vienna-Airport.‹
Eine Passagiermaschine hatte am späteren Nachmittag eine Bruchlandung erlitten, berichtete der Sprecher. In Großaufnahme sah man Flammen aus dem Wrack schlagen. Die Feuerwehren sprühten unentwegt Löschschaum auf das demolierte Flugzeug.
Hin und wieder entfernte sich ein Rettungswagen mit Blaulicht, während andere zur Unfallstelle rasten.
Steif setzte sich Craig an das Fußende des Bettes und verfolgte gebannt den Bericht. Die Maschine war bei der Landung, aus Amsterdam kommend, verunglückt. Über den genauen Grund konnte man zu diesem Zeitpunkt nur spekulieren.
›Wollte nicht Hajo heute aus den Niederlanden anreisen?‹, schoss es Craig durch den Kopf. Sein rechtes Bein wippte unentwegt. ›Voss wird doch nicht in dem Flugzeug gesessen sein?‹
»... es sind zahlreiche Verletzte zu beklagen. Vielleicht sogar Tote. Über die Anzahl kann man derzeit nur mutmaßen. Die Rettungsmannschaften arbeiten im Dauereinsatz«, tönte es schicksalsschwanger aus den Lautsprechern.
Craig stand auf und zog das Smartphone aus seiner Jacke, die über dem Stuhl hing. Er durchsuchte die Kontaktliste. Unter Hajo fand er keinen Eintrag, doch bei Voss wurde er fündig. Sein Zeigefinger zitterte, als er auf ›CALL‹ drückte.
Es läutete. Craig trommelte mit den Fingern auf seine Brust und presste das Telefon fester ans Ohr. Zum dritten Mal hörte er den Signalton. Hajos Mobile war eingeschalten, aber warum nahm er den Anruf nicht an?
Morrison stützte sich auf der Stuhllehne ab und verfolgte das Geschehen am Bildschirm. Nach dem sechsten Klingelton meldete sich Hajos Stimme: ›Hello. I can’t take your call right now, please leave a message after the tone. Thanks for your call..‹
»Shit«, schimpfte Craig und beendete den Anruf, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Er zog am Krawattenknopf und öffnete den Hemdkragen.
Von einer Sekunde auf die andere merkte er, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Verwirrt setzte er sich an den kleinen Tisch und schlug, um sich abzulenken, die Tagungsmappe auf. Zehn Uhr Sicherheitsmeeting, las er und überflog die weiteren Punkte der Liste. Der zwölfte ließ in innehalten: Erpresserbriefe. Er durchwühlte die Beilagen, bis er auf die Kopie der Drohungen stieß.
Spenden Sie zwei Millionen an eine NGO / NPO, sonst veröffentlichen wir geheime Dokumente Ihres Unternehmens!
Geben Sie im Anschluss eine Pressekonferenz.
Neben dem Text war handschriftlich der 10. September vermerkt.
Craig runzelte die Stirn und erinnerte sich, dass im Frühjahr ein Hackerangriff auf seinen Konzern erfolgt war. Die IT-Experten fanden keine Hinweise, dass sensible Daten gestohlen worden wären. Sicherheitshalber hatte man den Vorfall dem FBI gemeldet, doch dessen Ermittlungen verliefen im Sand.
Bei der Fülle von Erpressungsversuchen, die seinen Konzern im Laufe eines Jahres erreichten, war es schwer, die ernst Gemeinten zu erkennen. Die meisten waren von Aktivisten, die sich über die Preise erbosten, die man den Farmern bezahlte oder richteten sich gegen die Monokulturen und dem damit einhergehenden Bienensterben.
Auf diese Weise verschafften sie ihrem Ärger Luft.
Er las weiter. Auf dem zweiten Zettel, der schief in den Kopierer gelegt worden war, stand:
Letzte Warnung!
Spenden Sie sofort die geforderten zwei Millionen!
Handschriftlich war der 5. November darauf notiert.
Sein Freund René Delon war der Erste, der bei einem ihrer Treffen im Frühjahr vom Erhalt eines Erpresserbriefes berichtete. Wochen später erreichte ihn eine Morddrohung, worauf er im Sommer während eines Segeltörns verschwand. Ähnlich war es bei Klug, der bei einem Autounfall ums Leben kam. Erst nach seinem Tod erfuhr man, dass auch er solche Drohungen erhalten hatte.
Craig strich sich mit der Hand durch sein Haar. Was wäre, wenn das Unglück am Wiener Flughafen ein Anschlag war, der mit diesen Erpressungen zu tun hatte? Hatte er Hajo Voss gegolten?
Craig überlegte, ob er das Thema beim heutigen Abendessen anschneiden sollte. ›Besser wäre, bis morgen zu warten, wenn sie vollzählig waren‹, dachte er und weigerte sich, Zusammenhänge ohne Beweise zu akzeptieren.
Das Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken.
»Ja bitte?«
Es klopfte abermals.
Craig stapfte widerwillig zur Tür und öffnete. Edith hing am Hals seines Sohnes, wie eine Pythonschlange, die ihre Beute umschlungen hatte. Ihre Haare trug sie zu zwei französischen Zöpfen geflochten, die bis zu den Schulterblättern reichten. Die Wange ihres schmalen Gesichtes rieb sie an Christians Schulter. Ihr Oberschenkel drückte gegen den ihres Mannes.
Was Craig sah, war nicht die Ablenkung, die er sich erhofft hatte. Er ließ seinen Blick abschätzig an Ediths dürrem Körper entlang gleiten. Wasser tropfte von einem welken Ahornblatt, das ihr kniehoher Lackstiefel mit dem Bleistiftabsatz durchbohrt hatte und den Teppichboden dunkel färbte.
Mit dem leicht basedowschen Augenpaar musterte die junge Frau ihren Schwiegervater und folgte seinem Blick. Indigniert schüttelte sie das Blatt vor der Suite ab.
Morrison fragte sich, was Christian wohl an ihr gefalle. Liebe scheint eigenen Regeln zu folgen. Edith war keinesfalls nach seinem Geschmack.
»Kommt rein … habt ihr Wien unsicher gemacht?«, begrüßte er die beiden, ohne ein Lächeln auf den Lippen, in der Hoffnung, dass sie seine Einladung ablehnten.
»Ja, vormittags waren wir in der Innenstadt. Mittags am Donauturm. Und am Nachmittag haben wir uns die Umgebung angesehen. Sogar im Schloss Mayerling sind wir gewesen. Die Pferderennbahn, das Racino war leider geschlossen«, sprudelte es aus Edith hervor, während sie sich an ihrem Schwiegervater vorbei in die Suite zwängte.
»Und das bei diesem Schneefall?«
»Ja, war mit deinem Firmen-SUV kein Problem. Wir hatten viel Spaß. Cooles Gerät, der Daimler AMG GLC. Das hat richtig Power …«, schwelgte Christian in Erinnerungen.
»Das kann ich mir vorstellen, dass er dir gefällt. Übrigens, ich brauche morgen den Wagen«, seufzte Craig.
Sein Sohn öffnete leicht den Mund und legte die Hand darauf. »Dann musst du ihn waschen lassen. Edith und ich haben einen Abstecher ins Gelände unternommen«, murmelte er.
»Bei diesem Wetter? Was für eine Schnapsidee!«, fuhr er seinen Sohn an. »Ich lasse den Wagen sicher nicht waschen. Kümmere du dich gefälligst darum. – Heute noch!« Craigs Gesicht färbte sich rot. Auf seiner Stirn erhoben sich dunkelblaue Adern, und zeichneten ein bizarres Muster, das an krakelige Fäden eines Spinnennetzes erinnerte.
»Weißt du, ob Kirstin bereits angekommen ist?«, wechselte Edith mit unschuldig dreinschauenden Glupschaugen das Thema.
»Ich habe vorhin versucht, Hajo zu erreichen. Er meldet sich nicht. – Habt ihr von dem Flugzeugunglück gehört?« Craig deutete auf den Fernsehapparat. »Heute, am frühen Abend am Vienna-Airport.«
Das Ehepaar schaute sich fragend an und ging ein paar Schritte auf den Bildschirm zu.
»... es handelt sich um den Flug aus Amsterdam, der planmäßig um 18:05 in Wien Schwechat aufsetzte … ein Terroranschlag wird nicht ausgeschlossen …«, hörten sie.
Christian legte seine Hand um Ediths Schulter. »Willst du damit behaupten, dass Hajo mit seiner Tochter in dem Flieger war?«
»Ob Kirstin in der Maschine war, weiß ich nicht. – Anzunehmen. – Ich bin mit ihrem Vater für acht Uhr zum Abendessen verabredet. Das deutet darauf hin, dass er in diesem Flugzeug gesessen ist. Die Nächste käme erst sehr spät abends – soviel ich weiß.«
Edith stieg von einem Bein auf das andere, während ihr Christian über den Rücken strich. Ihr Blick wanderte zwischen ihrem Schwiegervater und dem Bildschirm hin und her. Ihr puppenhaftes Gesicht hatte den aschfahlen Teint einer Marionette angenommen. Sie umfasste die Taille ihres Mannes und schmiegte sich an ihn, als ob sie Schutz suchte. Schließlich starrte sie gebannt auf den Fernsehapparat.
Morrisons Smartphone brummte. Am Display blinkte ›HAJO VOSS‹.
»Hallo Hajo, Wo bist du? Wie geht es dir?«, legte er los, ohne den Anrufer zu begrüßen.
»Hi Craig. Im Plaza …«
»... hast du von dem Flugzeugunglück in Schwechat gehört? Ich sorgte mich, denn ich vermutete dich in dieser Maschine«, fiel er seinem Freund ins Wort.
»Ja, habe es eben aus der Nachrichtensendung erfahren. Ich bin heute Morgen von Frankfurt nach Wien geflogen und habe den heutigen Tag benutzt, um mit einem Geschäftspartner zu konferieren. Vor einer halben Stunde bin ich hier aufgeschlagen. – Aber ich habe ein Problem: Kirstin war in der Maschine, und ich habe bis jetzt nichts von ihr gehört. Sylvia bestätigte mir am Telefon, dass unsere Tochter zeitgerecht aufgebrochen ist.«
»Oh, Gott. Willst du damit sagen, du weißt nicht, ob sie verletzt ist? Warum rufst du nicht am Flughafen an und erkundigst dich.«
»Das habe ich schon zweimal versucht. Privatpersonen erhalten zurzeit keine Auskunft. Außerdem ist der Airport wegen Terrorverdacht abgeriegelt. Das Mobilnetz scheint zusammengebrochen zu sein. Man riet mir, mich in Geduld zu üben. Einige Passagiere sind verletzt und werden derzeit ärztlich betreut. Schwerverletzte bringt man in die umliegenden Krankenhäuser. Sollte meine Tochter in ein Hospital gebracht werden, dann wird man mich sicher in Kürze verständigen, meinten sie.«
»Das klingt nicht gut. Hajo, wollen wir uns in der Bar treffen?«
»Das ist eine hervorragende Idee. In zehn Minuten?«
»Okay.«
»Bis später.«
Nachdenklich nahm Craig sein Smartphone vom Ohr und steckte es ein.
Edith hatte sich hinter ihrem Ehemann verkrochen, die Hände vor seinem Parka verschränkt. Sie lugte seitlich an Christian vorüber und starrte ihren Schwiegervater mit ihren schwarz geschminkten Augen an, wie ein Gibbonäffchen, das seine nächste Beute fixierte.
»War das Hajo? Was klingt nicht gut?«, erkundigte sie sich, als hätte sie Angst vor der Antwort.
»Ja, das war Hajo. Gott sei Dank ist er schon früher angereist. Er war nicht in der Unglücksmaschine. Aber Kirstin ist an Bord gewesen. Sie hat sich noch nicht bei ihm gemeldet. Er weiß nicht, ob sie heil oder verletzt ist. Ich treffe ihn gleich an der Bar. – Lasst mich mit ihm alleine sprechen. – Sehe ich euch ...?«
»... Ich glaube nicht. Wir haben für heute Abend vier Karten für das English-Theater reservieren lassen. Eine ist für Kirstin. Kannst du uns bitte sofort verständigen, wenn du Neuigkeiten über Kirstin erfährst!?«
»Mach ich ...«
Mit einer unmissverständlichen Handbewegung dirigierte er seine Gäste aus dem Zimmer, schloss die Tür und schritt schnurstracks auf den Aufzug zu.
Ein Mann im schwarzen Anzug saß an einem der Tische. Er schaute kurz von seiner Zeitung auf, als ihm Craig im Vorübergehen auf die Schulter tippte.
Gemächlich strich sich der Hüne über seinen kahlen Schädel.
Gerard lehnte mit aufgekrempelten Hemdsärmeln hinter der Bar, die durchgestreckten Armen auf die Arbeitsfläche gestützt.
»Guten Abend, Mr. Morrison. Haben Sie den Tag mit ihrer Familie genießen können?«, begrüßte ihn der Barkeeper, der seine rechte Hand auf den Hals der Jack-Daniel’s Flasche legte, während sich Craig geschmeidig auf den Barhocker schwang.
»Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Mein Sohn und seine Frau wollten heute ohne mich durch Wien ziehen. Ich habe daher den Tag genützt und ein wenig in die Stadt investiert.«
Gerard nickte mit einem verständnisvollen Lächeln um seinen Mund.
»Haben Sie von dem Flugzeugunglück gehört?« Der Barkeeper zog an seiner Fliege und rückte sie zurecht.
»Ja, eine schlimme Sache.«
