Rache, Engel! (eBook) - Petra Nacke - E-Book

Rache, Engel! (eBook) E-Book

Petra Nacke

4,5

Beschreibung

Ein früher, kalter Morgen unter einer Eisenbahnbrücke in Nürnberg-Gostenhof. Eine Handvoll Menschen, deren Wege sich zufällig kreuzen. Und eine Leiche, die plötzlich keine mehr ist: Paula und Gregor werden Zeugen eines Mordes, doch weil sich ihre Geschichte für die Polizei zu unglaubwürdig anhört, sehen sie sich gezwungen, den Fall selbst aufzuklären und auf unorthodoxe Weise zu ermitteln. Ein Verbrechen ist geschehen, da sind die beiden sich sicher, aber wo ist die Leiche geblieben? Wer ist der Mörder? Wird er noch einmal zuschlagen? Bald nehmen die Hobbydetektive die Fährte verdächtiger Gestalten auf und verstricken sich dabei selbst in ein Gespinst von Tragik und Verbrechen. Als die Polizei endlich eigene Ermittlungen aufnimmt, geraten Gregor und Paula in die Schusslinie, denn sie haben bereits kräftig dazu beigetragen, dass der Fall noch rätselhafter geworden ist. Ein hochintelligenter Kriminalroman, fesselnd, bewegend und voller Überraschungen, sprachlich bestrickend schön. Skurrile und sympathische Figuren bevölkern die kleine Welt dieses Buchs und schlagen den Leser in ihren Bann.

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PETRA NACKE

ELMAR TANNERT

 

RACHE, ENGEL!

 

Kriminalroman

 

 

 

 

 

ars vivendi

 

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (2. Auflage Dezember 2009)

 

© 2008 by ars vivendi verlag GmbH & Co. KG, Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

 

Lektorat: Dr. Hanna Stegbauer

Titelfoto: Tanja Engelke, Kurt Neubauer

www.grafikatelier.de

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

 

eISBN 978-3-86913-331-7

 

Eine Krähe war mit mir …

 

Fremd bin ich eingezogen

Zufall und Perspektive hängen eng zusammen, nur erkennt man das selten, und wenn, hört man auf, an Zufälle zu glauben, und nennt es gleich Fügung oder Schicksal, zumindest wenn man ein Mensch ist. Aber der Mensch kommt ja nur äußerst selten mal aus seiner Perspektive heraus, kommt so gut wie nie auf den Gedanken, dass es unvermeidlich ist, in diese oder jene Situation zu geraten, und hält dann alles für einen riesigen Zufall.

Hätte dieser Mensch auf einem Brückengeländer oder noch höher gehockt und von dort oben mit den scharfen Augen einer Krähe in die Weite geblickt, hätte er voraussehen können, dass sich Wege überschneiden müssen, weil sie gar nicht anders können, und es den Wegen dabei auch völlig egal ist, wer sich gerade auf ihnen befindet. Die Wege schneiden, kreuzen und verheddern sich eben, egal wer oder was dabei auf der Strecke bleibt.

Die Kaninchen in Gostenhof zwischen Bahndamm und Stadtautobahn zum Beispiel, die hatte vor ein paar Wochen auch niemand gefragt, bevor die Maschinen und der Lärm kamen, um eine neue S-Bahn-Strecke zu bauen. Auf der Autobahn sind dann die meisten von ihnen liegen geblieben, weil sich ihr Fluchtweg mit dem vieler Autoreifen überschnitt. Traurig auf der einen Seite, ein freundliches Geschick auf der anderen. Selten gab es fettere Beute für Krähe und Ratte – alles eine Frage der Perspektive.

Und nun hockt die Krähe dick und vollgefressen auf einem Ast Ecke Hessestraße und ist erstaunt darüber, was sich an diesem eisigkalten Montagmorgen – und man muss sagen, es ist ein sehr früher Montagmorgen, eigentlich noch Nacht – in ihrem Blickfeld so alles abspielt. Die Ratte im dichten Gestrüpp sieht es nicht, hört es nur und riecht es. Die Ratte riecht Mensch, viel Mensch, und ein Teil davon nicht mehr lebendig – Futter, denkt die Ratte, viel Futter und so nah!

An diesem frühen Morgen kreuzen sich die Wege einer Handvoll Menschen, kaum einer kennt den anderen und jeder kommt gewissermaßen auf seinem eigenen Weg daher, mit seiner eigenen Geschichte im Gepäck, die ihn blind macht für die Kreuzungen und kunstvollen Knoten der Fügung. Aber nicht gleich sagen Der Mensch wird immer blinder und schaut nicht mehr, schaut immer nur auf sich selbst! Ist nämlich manchmal gar nicht so.

Zum Beispiel Paula Rüss, die gerade reichlich angeschlagen die Schwabacher runterläuft von Leonhard Richtung Gostenhof, die hat lange auf gar nichts anderes mehr geachtet als auf ihren Robert. Dass der gar nicht mehr »ihr Robert« war, hat sie jetzt erst gemerkt, genauer gesagt vor gut zwei Stunden. Na ja, eigentlich hatte sie schon viel früher so ein ganz bestimmtes Gefühl in sich wahrgenommen, wenn er sie angesehen und noch schlimmer: wenn er sie angefasst hat. Und wenn dann auf einer ausgedehnten Geburtstagsparty dieser Mann auch noch zu einer dauergewellten Bocksbeutelkönigin mit Schlafzimmerblick meine kleine Prinzessin sagt und dabei aussieht, als wollte er jeden Moment einen Kopfsprung in ihr pralles Dekolleté machen, ist klar, dass er damit das Fass zum Überlaufen, genauer zum Explodieren bringt.

Paula, die es auf der Party quasi vor Wut zerrissen hat, wackelt nun also mit runtergelaufener Wimperntusche unter den geschwollenen Augen durch Leonhard und vorbei an der Eisdiele, wo sie und Robert an einem warmen Herbsttag noch einen Eiskaffee getrunken hatten. Wackeln ist dabei immer nur komisch für diejenigen, die dich sehen, nicht für dich selber – mit ganz wenigen Ausnahmen. Sagen wir mal, wenn jemand kopfüber hinge und wüsste, dass genau du das Letzte sein wirst, was er sieht. Für den schaust du nicht mehr komisch aus, auch wenn du noch so rumschlingerst in dem verdammten Schnee von wegen dem ganzen Wein und dem Arsch von Mann und den Zehn-Zentimeter-Absätzen, die hier sowieso nicht angebracht sind. Für den bist du kein trauriger Clown, bloß weil du dich selbst gerade so fühlst, für den bist du wie eine Offenbarung. Wenn dich dieser Jemand sehen könnte – ist aber nicht so, denn Paula passiert die Brücke nicht zu Fuß, sie fährt, was gar nicht mehr vorgesehen war.

 

***

 

Der Himmel ist unten, die Straße ist oben, daran wird Regina Engler für den Rest ihres Lebens nichts mehr ändern können. Der Schnee fällt nicht, er steigt, auch dagegen kann sie nichts machen. Weglaufen kann sie nicht. Nur wegsterben könnte sie, und das wird sie, gleich. Ob sie wach ist? ob sie träumt? denkt es im Kopf, der den Schnee steigen sieht vom Himmel unten zur Straße oben, und jetzt kommen Lichter näher, sie schmerzen in den Augen, wie die Erinnerung all die vielen Jahre geschmerzt hat, und sie kann sie liegen sehen, nicht im Rückspiegel, vor sich, auf der Straße, die jetzt oben und ihr Himmel ist.

 

***

 

Dass Paula inzwischen in einem gut geheizten Benz sitzt, ist auch wieder eine dieser unglaublichen Launen des Zufalls. Als sie die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, noch ein Taxi zu erwischen, und schon wieder anfing zu heulen, diesmal nicht nur aus Wut über den Typen und die widerliche Situation, sondern ganz konkret, weil ihre Füße zum Heulen wehtaten – hielt die Karin neben ihr an!

Karin ist Taxiunternehmerin, das heißt: Der Benz gehört ihr. Aber weil die Zeiten schlecht sind, auch für Taxiunternehmerinnen, sitzt sie heute wieder selbst am Steuer – Pech für sie, Glück für Paula – so ist das mit den Zufallslaunen.

In ihrem wirklichen Leben ist Karin keine Taxifahrerin, sie tanzt! Nicht Schwanensee oder Foxtrot, sie tanzt Flamenco, und genau aus diesem Grund kennen die beiden sich auch – aber das ist eine andere Geschichte. Wichtig ist im Moment nur, dass Karin hinter dem Steuer einer gut geheizten Limousine sitzt und die Frau erkannt hat, die mitten in der Nacht durch den Schneematsch eiert. Was denn los ist? Aber Paula kann nichts sagen, will jetzt auch nicht, will bloß noch nach Hause und die Decke über den Kopf ziehen. Und weil Karin eine von den Guten ist, denkt sie sich ihren Teil und lässt Paula einfach in Ruhe. Erzählt ihr auf den wenigen hundert Metern dieser Freundschaftsfahrt von Andalusien, wo es so gut wie nie schneit. Erzählt von Frauen in gepunkteten Kleidern, die wütend mit den Füßen aufstampfen, während ihre Hände sich so grazil biegen wie die Hälse von balzenden Tauben im Frühling, und die Luft ist so lau und der Wind so salzig scharf wie die Stimmen der Männer und Frauen, die dazu singen. Paula starrt durch die Scheibe in eine Zeit, die heute Nacht Vergangenheit geworden ist.

Der kleine, alte Wagen vor ihnen rutscht bedrohlich, als sie unter der Eisenbahnbrücke durchfahren, und da oben – hängt doch ein Mensch!

 

***

 

Dass Gregor Herrmann so spät die Schwabacher Straße entlangfährt, war auch nicht vorgesehen, aber er hätte sich denken können, dass der Abend mit einem Absacker beim alten Schweden enden würde. Sören wirkt wie ein ausgesetztes Kind, wenn man ihn vor seiner Haustür absetzt, und also konnte Gregor sich nicht einfach im Auto von ihm verabschieden und ihn aussteigen lassen, sondern ist noch die eine Treppe hinuntergestiegen, wie immer, obwohl seine Promille schon beinah für zwei Fahruntüchtigkeiten gereicht hätten. Andere Künstler bewohnen Lofts, ganze Rückgebäude, ­bildhauern auf Dachterrassen, so weit hat Sören es nicht gebracht in seinen dreiundsechzig Lebensjahren, er lebt in zwei ­Souterrainzimmern in St. Leonhard, vielleicht hat er sich zu früh festgelegt mit seinen Metallskulpturen. Festlegen darf man sich als Künstler erst, wenn man berühmt ist wie Penck, der seit Jahrzehnten Strichmännchen malt. Du musst die richtigen Leute kennenlernen, hatte Gregor zu Sören gesagt und ihn prompt zu den falschen Leuten mitgeschleppt, zu einer Feier bei Thalberg, pardon, »von Thalberg«, der seinen Geburtstag prinzipiell am exakten Datum feiert, auch dann, wenn er, wie heute, oder vielmehr gestern, auf einen Sonntag fällt – darin ähnelt er Robert, aber das kann Gregor zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Thalberg kann sich das leisten, für ihn ist der Montag etwas anderes als für die Mehrheit, die schon am Sonntagabend mit Grauen an den frühmorgens klingelnden Wecker denkt, und auch für seine Gäste, allesamt Leute mit Geld. Der einzige sozusagen Handfeste auf der Gesellschaft war Gregor, der mehr aus geschäftlichen Gründen der Einladung gefolgt war, denn Thalberg hat ein Faible für französische Oldtimer, ohne allzuviel von ihrer Wartung und Reparatur zu verstehen. Gregor wiederum bringt von Streifzügen durch Frankreich alte Peugeots, Renaults und Citroëns mit, setzt sie instand und verkauft sie. Der andere geschäftliche Grund war Sören, den er an finanziell potente Kunstsinnige vermitteln wollte; die Gäste fanden ihn auch wirklich nett und skurril, aber in seine Skulpturen investieren wollte keiner, und wären nicht unversehens zwei alte Freunde von Sören bei Thalberg aufgetaucht, ein Buchhändlerpaar und die einzigen außer Gregor, die sich regelmäßig zum Rauchen auf die Dachterrasse zurückzogen, hätte er es nicht länger als eine Stunde auf der Party ausgehalten.

Natürlich hat Gregor Promillehochrechnungen angestellt, bevor er wieder in seinen Citroën eingestiegen ist; er hat noch nie eine Alkoholkontrolle erlebt, was, statistisch gesehen, bedeuten kann, dass ihm die überfällige Kontrolle unmittelbar bevorsteht, und deswegen heißt es aufpassen, in diesem Zustand darf man weder übervorsichtig noch tollkühn fahren, aber im Zweifelsfall lieber eine Polizeistreife überholen, als ängstlich hinter ihr herzukriechen.

Jetzt hätte Gregor rechts abbiegen müssen, aber er fährt geradeaus weiter, am Schuster&Walther und an der Evenord vorbei, das kommt, weil er zu sehr darauf achtet, wie er fährt, das kommt, weil er in einem inneren Film rauchend durch eine konsternierte Partygesellschaft spaziert, Asche in Cocktailgläser klopft und seine Kippe auf den glänzenden Parkettboden wirft, und das kommt auch, weil er an dieser Stelle schon oft geradeaus gefahren ist, bis vor kurzem, bis seine Herzdame ihn in einen Buben mit angeknackstem Herzen verwandelt hat, und deswegen wird es heikel mit den Ganzjahresreifen im Schnee, jetzt kommt er nämlich an die Stelle, wo die Schwabacher Straße steil abfällt und unter drei Eisenbahnbrücken hindurchtaucht, normalerweise spielen die Autofahrer hier Achterbahn und treten aufs Gas, aber jetzt, der Schnee, und die Sicht vor allem, ein Gebläse hat der Citroën nicht, seine Kaltstartfähigkeiten sind sibirientauglich, aber die Heizung ist für südfranzösische Verhältnisse ausgelegt. Mit einem Papiertaschentuch wischt Gregor die Scheibe frei, fährt unter einem Menschen hindurch, und jetzt darf der Wagen an der Steigung nicht hängenbleiben, aber was ist das gewesen am Brückengeländer?!

 

Noch jemand ist zusammengezuckt, hoch oben auf der Brücke, den kalten Schweiß hat es ihm über den Körper gejagt, als er die Scheinwerfer gesehen hat. Nicht die auf der Schwabacher Straße, mit denen kann man rechnen, selbst um diese Zeit. Nicht rechnen kann man mit solchen, die sich auf dich zubewegen, den kleinen Schotterweg von der Hessestraße hoch Richtung Bahndamm. Noch haben die Kegel ihn nicht erfasst, noch schützt ihn die Dunkelheit, aber der Weg zurück zum Parkhaus ist abgeschnitten, der Plan durchkreuzt! Warum hier, warum jetzt?! Weg, nur weg, schnell! Nicht fallen, nichts fallen lassen!

 

»Verdammt, da hängt doch ein Mensch!«, schreit Paula mitten in Karins Flamencobild, das leise plopp macht, als es zerplatzt. Karin hat nichts gesehen, außer dem Wagen vor ihrer Motorhaube und Paulas zerlaufenem Gesicht.

»Nein, Paula, da war nichts.«

Aber Paula hat es gesehen und will aussteigen, sofort! Da hilft auch kein Beschwichtigen und darauf Hinweisen, dass blanke Nerven und ein klappernder Körper keine gute Hilfen sind, einem eher Trugbilder vorgaukeln, weil sie einen ablenken möchten von geknicktem Stolz, Liebe, Männern. Nicht einmal der dringende Hinweis auf einen bösartigen Katarrh oder Schlimmeres hält Paula noch auf dem beheizten Sitz. Kaum steht der Wagen vor ihrer Haustür, springt sie raus und rutscht, so schnell sie auf den verfluchten Absätzen rutschen kann – und man kann sagen: Schnell ist das nicht –, noch einmal zurück unter die Brücke.

Drüben, am anderen Gehsteig, geht Gregor in dieselbe Richtung. Er wäre früher dort gewesen, hätte anderes gesehen, aber versuch einmal mit Ganzjahresreifen in eine viel zu enge Parkbucht zu rangieren, weil du nicht mitten in der Kurve stehen bleiben kannst, rutsch einmal über die Schneehügel hin und zurück und noch einmal mit Anlauf, und der Motor schrillt wütend seine 23 PS in die Winterluft, und dann halb auf den Bürgersteig mit der Kiste. So geht das.

An den Zeitknotenpunkten kommen die Koinzidenzen zustande, da bilden die Lebensläufe Kreuzungen und Parallelitäten, und deshalb bleiben Gregor und Paula auch gleichzeitig stehen, nachdem sie die mittlere Brücke unterquert haben, spähen nach oben und sehen eine Puppe, kopfüber mit verschränkten Armen am Geländer aufgehängt, daneben ein Schild:

Normalität ist eine gepflasterte Straße, doch es wachsen keine Blumen auf ihr (F.G.J. Menetekel)

Die ist eben noch nicht da gewesen, das würden beide beschwören, Mensch ist Mensch und Puppe ist Puppe, so falsch kann man nicht sehen. Jetzt müsste der eine Mensch den anderen über die drei stillen Fahrspuren hinweg fragen, ob er da nicht eben einen Menschen hat hängen sehen oder geglaubt hat, einen Menschen hängen zu sehen, aber das fragt sich nicht so leicht. Bis Gregor wieder eine Frau anspricht, wollte er ohnehin noch ein langes Stück Zeit vergehen lassen, und Paula hat von Männern auch erst mal die Schnauze voll. Also gehen beide zurück. Hinter den Eisenbahnbrücken trennen sich ihre Wege, sie geht nach links, er nach rechts und im Laufschritt zum Wagen zurück.

 

***

 

Nur ein paar Minuten früher, nur ein paar Minuten! Aber so ist es eben mit dem Zufall, er findet nicht statt, nur weil wir es wollen, weil wir es wünschen, weil vielleicht unser Leben davon abhängt.

Man kann versuchen zu zappeln, obwohl sich kein einziger Muskel im eistauben Körper mehr bewegen lässt, man kann schreien wollen und kreischen wie Kreide auf Schiefer »Hilfe, hier bin ich, hier oben!« Aber mit gelähmten Stimmbändern geht das nicht mehr. Und wo man wild werden will und auch müsste – immerhin es geht ums Leben – bleibt nichts als stummes Starren in eine Welt, die verkehrt herum hängt und immer dunkler wird statt heller. So ist das: Die Wege kreuzen sich erst dann, wenn sie sich kreuzen müssen. Ob das dann gut ist oder schlecht, ist immer nur eine Frage der Perspektive, und würde man den armen Harri, der gerade eben noch hastig eine brettharte Frau über das rostige Metallgeländer der alten Eisenbahnbrücke wieder nach oben gezogen hat, fragen, wie er die Sache mit Zufall und Perspektive sieht, er würde nicht einmal mehr mit den Schultern zucken, denn seine Gedanken drehen sich in einem Kreis aus Fragen und immer wieder um die eine: Was jetzt?

Es ist gut, dass es wieder angefangen hat zu schneien! Die Spuren auf dem Bahndamm verschwinden so rasch, wie sie entstehen. Aber der Weg, den er jetzt nehmen muss, ist mühsam, rutschig, der Tunnel lang und finster, und der Körper wiegt schwer, bringt ihn zum Stolpern alle paar Meter. Harri hat Angst, und kalt ist ihm, vielleicht ist das aber auch dasselbe.

Sie hatte sich kaum gewehrt, als er sie vor noch nicht einmal einer Viertelstunde auf seine Schultern lud. Sie war fast heiter und ruhig, als hielte sie immer noch ihr Rotweinglas in der Hand. Gescherzt hat sie, als er mit ihr die Treppe runter ging, heiser gekichert über ihr neues Sommerkleid, wie sie da hing über seiner Schulter; dann ist sie unruhig geworden, hat nach Luft geschnappt wie der Karpfen, wenn man den Teich ablässt. Einmal fuchtelte sie noch so heftig mit Armen und Beinen gleichzeitig in der Luft herum, als würde sie sogar durch den ganzen Nebel in ihrem Kopf hindurch spüren, dass es gut wäre, sich noch einmal gezielt bewegen zu können. Das war wie ein komisches Aufzucken von Lebenswillen. Kurz vor der Brücke hat sie dann aber nur noch leise gewimmert, gut so.

Was er gar nicht gemocht hat, war das mit den Handschellen. Nicht, dass er grundsätzlich was gegen Handschellen gehabt hätte, nur: Handschellen sind nun mal für Handgelenke gemacht und nicht für Fußknöchel! Und man kann über Harri denken, was man will, eines steht fest: Er hat eine ganze Reihe von feinen Eigenschaften. Eine davon ist sein überaus sensibles Gehör, was ihm schon damals im Schlachthof oft zu schaffen gemacht hat. Wenn die Schweine, kurz bevor sie zu Schweinefleisch wurden, immer diese Geräusche gemacht haben, ist dem Harri regelmäßig ganz kalt ums Herz geworden, und die Haut an seinem Körper ist zusammengeschrumpft, als hätte man sie mit Eiswasser begossen.

Und wie er der Frau die viel zu engen Handschellen um die Fußgelenke gequetscht hat, macht die doch ganz ähnliche Geräusche wie so ein Schwein kurz vor dem Bolzenschuss, und dem armen Harri wurde es wieder furchtbar klamm ums Gebein. Und wie er sie dann mit dem Kopf vorweg über das Geländer bugsiert und den Metzgerhaken am Geländer festgemacht hat, bis sie endlich da hängt, wo sie hängen soll – will man es glauben? –, quietscht die Tante noch einmal los! genau wie die Säue, vor denen der Harri damals auch schon Reißaus hat nehmen müssen. Und so viel ist sicher: Wäre da nicht sein Schutzengel hinter der Gardine im vierten Stock gestanden und hätte so was wie ein sehr festes Seil geknüpft zwischen sich selbst und ihm – der Harri wäre ab durch die Mitte und zurück in seine Laube und Schnaps. Und danach: nur noch vergessen.

Aber das Seil ist fest, genau wie das Metall, an dem die Frau kopfüber von der Brücke gebaumelt und irgendwann doch noch aufgehört hat, Geräusch zu machen, sich stattdessen aufs Gucken konzentrierte. So weit war alles gut, bis hierher war alles nach Plan gelaufen – und dann: die Scheinwerfer. Und jetzt: das ganze Gestolper den langen Weg bis hin zur Laube und die schwere Last auf der Schulter, weil eben doch nicht alles so geklappt hatte mit dem Plan, weil Menschen Wege kreuzten, die sie nicht hätten kreuzen dürfen! Zwei Menschen, ebenfalls mit einer Last, Menschen die vom Parkhaus her kamen, von dort, wo er mit seiner Last hätte hin wollen, hätte hin sollen! Jetzt beißt die Kälte in Hände und Füße und die Angst in den Kopf, als Harri hastig im Tunnel verschwindet.

War einmal ein schöner Weg, ein wilder Weg – sein Geheimweg! Ist auch jetzt noch der einzige Weg, den man Weg nennen kann zwischen Laubenkolonie und Hessestraße. Ist ein Abenteuerweg voll Unkraut, Schotter und Stolperschwellen – verdammter Schnee, verdammte Schwellen! Bei Vollmond wimmelte es früher nur so von Kaninchen – ah, weiches Fell. Schön war es damals, wenn er von einem dieser nächtlichen Ausflüge mit seinem Schutzengel kam und über diesen Weg zurück nach Hause gelaufen ist. Heute ist es ein schlimmer Weg, böser Weg – ein Weg voller Augen, die sich in seinen Rücken brennen, und Ohren, die endlich Nachricht wollen, die warten, warten.

Es gab eine Zeit, als die Engel noch nicht wussten, dass sie Engel, als die Flüsse noch nicht wussten, dass sie Straßen sind. Es gab eine Zeit, in der die Minuten noch keine Bedeutung hatten, weil sie noch nicht geboren waren. Es gab eine Zeit, in der es nur nach vorne ging, Hand in Hand von Sommertag zu Sommertag. Das Pflaster war warm und der Wind wie Wasser – und Freude – gab es nicht auch einmal Freude?

»Was tut er? Wo bleibt er?«

Der Körper des Menschen ist so schwer, mühsam schleppt er sich über die Erde, die er Welt nennt. Mühsam, mühsam die Treppe hinunter, wenn Knochen schmerzen wie morsches Holz. Der Wind schneidet und nasser Schnee frisst Löcher in die trockene Haut.

»Was tut er? Wo bleibt er?«

 

***

 

Als Gregor wieder bei seinem Citroën angekommen ist, hat der beschlossen, sich erst einmal zur Ruhe zu setzen vor dem Schnee, und ist trotz guten Zuredens nicht mehr dazu zu bewegen, die Parklücke zu verlassen. Ein Mittel dagegen gäbe es schon, nämlich, Pappkartons unter die Antriebsräder legen, aber dazu müsste man welche im Auto haben, und also geht Gregor den Rest des Wegs zu Fuß in seinen zu dünnen Schuhen.

Als er eine halbe Stunde später vor seiner Haustür steht, hat die Meute der Pendler schon begonnen, über die Straßen herzufallen, das tut sie immer, auch an solchen Wintermorgen, an denen sich die Stadt ganz unberührt und jungfräulich gibt, so im Schneekleid. Die Meute macht den Sonntagabend endgültig zum Montagmorgen und alle, die noch im Sonntagabend waren, zu Fremden in der Welt, und deshalb greift Gregor, den Mantel noch nicht ausgezogen, nach einer Schallplatte, es ist nicht seine Gewohnheit, mit Musik einzuschlafen, aber jetzt braucht er einen Kokon um sich – ein toter Mensch! Wahrheit? Trugbild? –, sonst kommt sein Schlaf nicht gegen die erwachende Stadt an, ein Pianist und ein Sänger spinnen ihn aus dunklen Akkorden, Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.

 

***

 

»In dieser Wohnung wird es niemals warm!«

Wenn du eine Kerze anmachst, und natürlich macht Paula erst einmal eine Kerze an, als sie nach Hause kommt, tanzt die Flamme im Zug. Es zieht überall, das liegt an den alten Fenstern und den verzogenen Mauern. Ist eben eine alte Stadt mit alten Häusern, und Gostenhof ist besonders alt, weil es sich damals im Krieg so geschickt unter den Bomben der Amis weggeduckt hatte. Im Treppenhaus war das Licht mal wieder ausgefallen, passiert oft im Winter, und als sich Paula die vier Stockwerke nach oben getastet hat, ist sie endgültig windelweich in den Knien. Schuhe aus, Socken an, Rotweinflasche auf- und Kerze anmachen, so geht das.

Wenn man an so einem stockdunklen Morgen, der auch noch ein Montagmorgen ist, an seinem Küchentisch sitzt und die eisigen Füße wieder weich massiert, und wenn man das tut, nachdem man sich eine knappe Stunde vorher auf Unschuhen und mutterseelenallein von Leonhard nach Gostenhof geschleppt hat – vergessen wir mal das Taxiintermezzo auf den letzten paar hundert Metern –, dann reicht das schon. Wenn man vorher aber noch den Liebsten an eine aufgetakelte Bocksbeutelkönigin abtreten musste und kurz danach in die aufgerissenen Augen einer toten Frau glotzt, die mit dem Kopf nach unten an einem Brückengeländer aufgehängt ist, dann ist es mehr als genug. Aber das Fass läuft endgültig über, wenn sich diese Frau innerhalb von fünf Minuten in eine Schaufensterpuppe verwandelt und damit quasi als Hirngespinst herausstellt.

Paula trinkt Wein, eigentlich ist ihr schon schlecht, aber das ist jetzt auch schon egal. Die Küchenuhr an der Wand über ihrem Kopf tickt überlaut und pedantisch – tick tack, tick tack, tick tick tick …

»Gell, Paula, du spinnst ein wenig!« Die Flamme in der Heiztherme zündet mit einem dumpfen Rülpser und der Kühlschrank röchelt dazu asthmatisch – dies ist einer jener bemerkenswerten Momente, in denen die Dinge gern ihren Schabernack mit den Menschen treiben. Aber Paula ist jetzt nicht nach Scherzen, schon gar nicht nach Denken, also schiebt sie eine CD in die Anlage auf dem Beistellschrank.

»Was war das für ein Typ?«, denkt Paula, »hat er gesehen, was ich gesehen hab?« Sie hatte sein Gesicht nicht erkennen können, drei Fahrspuren sind schon eine enorme Distanz, zumal bei Schnee und Kurzsichtigkeit und obendrein mit völlig verquollenen Augen, verklebten Wimpern. Aber sagen wir mal so: Es ist doch recht ungewöhnlich, wenn um die Zeit bei der Temperatur einer unter einer Bahnbrücke in Gostenhof rumsteht und nach oben guckt, als wär’ ihm das Kreuzdonnerwetter in die Glieder gefahren! Und wenn es denn auch noch zwei sind, die ganz ähnlich unpassend in der Gegend rumstarren, dann liegt es doch bei aller Unwahrscheinlichkeit ziemlich nahe, dass beide etwas gesehen haben, das sie, mal vorsichtig ausgedrückt: verstört hat.

Gut, so weit ist Paula nun mit ihren Gedanken, aber weiterbringen tut sie das auch nicht, denn sie weiß nichts von dem Mann, der auf der anderen Seite der Straße gestanden ist und auf die hässliche Puppe gestarrt hat – ein bisschen wohl auch auf sie, zumindest hat sie gefühlt, wie er sie ganz kurz und schneeverhangen gemustert hat. Und sie, was ist hängengeblieben von ihm? Was hat sie gesehen? Eine kräftige Gestalt in einer Art Lodenmantel, wie ihn Hans Moser tragen würde, wenn er aussehen wollte wie ein altmodischer Österreicher. Langsame Bewegungen und etwas ausgesprochen Gewissenhaftes in der Art zu stehen und zu schauen – das war’s auch schon. Kein Name, keine Telefonnummer und keine Adresse – ein Phantom, genau wie sie selbst in dieser Nacht.

Und während Gregor schon lange schläft und vielleicht von Frauen träumt, die die Welt über Kopf sehen, vielleicht aber auch sehr viel angenehmer – von einem Citroën Cabrio mit vanillefarbenen Ledersitzen –, und während Paula sich die Reste der Wimperntusche abwäscht und in die Augen einer toten Frau sieht, die ihr entgegenstarren, singt die Frau auf der CD in der Küche laut und klagend:

»Me avisaron a tiempo: ¡Ten cuidado!« – »Man hat mich beizeiten gewarnt: Pass auf!«

 

***

 

Hatte sie nicht gesagt, dass er sich in Acht nehmen sollte? Hatte sie nicht alles so geplant, dass es hätte fließen können wie der Bach durch sein ewiges Bett? Es war die Andere, die sich dagegen gestemmt hatte – schon immer hatte sie sich dagegen gestemmt, wollte nicht fließen lassen, wollte unterbrechen, hindern, zerstören!

Falscher Engel, schwarzer Engel!

Noch nachdem du deinen letzten Flug geflogen bist, musstest du dich dem Fluss in den Weg legen!

Falscher Engel, böser Engel! Quälst das Einzige, was mir geblieben ist!

»Wo bist du? Was tust du?«

Wie laut schreit eine Frage in die Nacht hinaus, die nicht gehört werden will?

Des Himmels graues Kleid

Der Montag ist von jeher der Bastard der Wochentage. Aufdringlich und strebsam klemmt er sich hinter die Wochenenden, wie ein verwahrlostes Kind, das um Aufmerksamkeit buhlt. Im Sommer mag das gerade noch angehen, aber im Winter?

Schauen wir uns allein diesen Montagmorgen an, der immer noch dunkel ist, denn so ist das im Winter: Meistens ist es dunkel, und hell wird es nur kurz, aber kaum jemand bekommt das mit, weil in den Büros und Lagerhallen Neonlampen brennen. Auch Harri hätte so langsam daran denken müssen, sich in seine Lagerhalle und unter sein Neonlicht aufzumachen – Maloche, Harri! Von nix kommt nix! Wenn dies ein ganz gewöhnlicher Montagmorgen gewesen wäre, hätte der Harri jetzt den Radiowecker ausgeschaltet und sich erst einmal einen Kaffee gekocht, um das Schlafdumpfe aus dem Kopf zu vertreiben. Dann hätte er sich gewaschen, vielleicht rasiert, und anschließend den Kanonenofen in seiner Laube eingeheizt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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