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Der Zürcher Staatsanwalt Alexander Liebherr verunfallt auf Menorca tödlich bei einem Klippensprung. Seine Witwe trauert. Oder vergiesst sie nur Krokodilstränen? Denn die Lebensversicherung des Toten verspricht ihr das grosse Geld. Vorausgesetzt, diese würde denn auch zahlen. Wenig später wird die Witwe verhaftet. Privatdetektive und polizeiliche Ermittler nehmen die Fährte auf und kommen einem dunklen Geheimnis auf die Spur, welches sie besser auf Lebzeiten hätten ruhen lassen. Denn plötzlich ist der Tod zum Greifen nah!
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Seitenzahl: 319
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für meine Eltern Edith und Wolfgang
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
»Ja Herrgott nochmal!«
Martin schreckt hoch, hinter dem Steuer seines roten Porsche 911. Er war wohl eingenickt. Mal wieder. Und das ausgerechnet vor einer roten Ampel.
Der Fahrer hinter ihm drückt ungeduldig auf die Hupe. »Idiot«, denkt sich Martin. Ob er wohl aussteigen und dem lebensmüden Typen hinter sich ein paar aufs Maul hauen soll? Besser nicht. Er hat schon genug Probleme. Da bringt ihn eine Rauferei am helllichten Tag in Zürich vor einer mittlerweile grünen Ampel auch nicht weiter. Zudem würde es der verursachte Stau wohl locker in die Verkehrsmeldungen der örtlichen Regionalsender schaffen. Dazu noch ein bisschen Pech, und siehe da - sein Bild auf der Titelseite eines dieser Gratisblätter. Gerade heute, wo doch jeder so ein Smartphone hat und sich unweigerlich für den nächsten Reporter-Superstar hält.
»Nein, besser nicht«, denkt er endgültig und tritt aufs Gas. Er braucht über dreissig Minuten, um sein Büro zu erreichen. Es mag sein, dass Zürich eine verkehrstechnisch gesehen sehr verstopfte Stadt ist - insbesondere in der Rushhour - nichtsdestotrotz schafft er die Strecke normalerweise in der Hälfte der Zeit. »Warum muss dieser Scheisskerl sich ausgerechnet jetzt vor das Tram werfen?«, schrie Martin vor sich hin. Im Radio haben sie gesagt, dass sich ein Unfall mit Personenschaden ereignet hat - genau auf dieser Strasse. Die Hintergründe sind ihm egal. Fakt ist, dass ER wegen eines ihm unbekannten Schicksals über fünfzehn Minuten seiner Lebenszeit eingebüsst hat. Zeit ist Geld, das weiss doch wirklich jeder!
»Wollte mich jemand sprechen in meiner Abwesenheit?«, will Martin von Charlotte Huber wissen.
»Nein, es hat sich den ganzen Vormittag niemand blicken lassen!«
»Gut so. Ich habe nun ein wichtiges Telefonat zu führen und möchte nicht gestört werden.«
Das mit dem Telefonat ist gelogen. Nicht aber, dass er seine Ruhe will. Er fragt sich manchmal selbst, warum er diesen Umstand überhaupt rechtfertigen und mit einem Telefonat begründen muss. Hier ist er der Boss. Die Leute haben zu tun, was er sagt und brauchen dafür nicht zu fragen, warum. Gedankenversunken betritt er sein Büro. Es ist ein grosser Raum nur für ihn alleine. Der Boden besticht durch einen dieser weichen, angenehmen Teppiche. Farbe dunkelgrau, optisch sehr ansprechend. In der Mitte befindet sich der Schreibtisch, gross und aus massiver Eiche gefertigt. Wenn er dahinter in dem noch grösseren Ledersessel sitzt, hat er den Blick direkt auf die Tür gerichtet. Alles jederzeit im Überblick. Wie sich das gehört für ihn. Hinter ihm zeichnet sich die wohl spektakulärste Aussicht von ganz Zürich ab. Denn in der obersten Etage dieses über achtzig Meter hohen Bürokomplexes mitten in der Stadt kann man bei klarem Wetter in weiter Ferne sogar noch den Pfannenstiel sehen. Die Idylle wird nur durch die von Süden kommenden Flugzeuge, welche zum Landen in Kloten ansetzen, durchkreuzt.
Eine LED auf dem grauen Kasten in der linken Ecke des Tisches zeigt ihm an, ob sich Besuch angemeldet hat. Besser gesagt, ob Frau Huber Besuch für ihn angemeldet hat. In dieser Branche erhält er mehr unliebsamen Besuch, als ihm lieb ist. Dafür ist die Huber zuständig. Sie entspricht dem Idealbild einer Frau: Lange Beine, vollbusig, blonde Locken, volle Lippen. Im Reden ist sie sehr gewandt, genauso im Tratschen. Dank ihr erfahren Arbeitskollegen Sachen, die nicht für ihre Ohren bestimmt wären. Aber blöd ist sie wegen dem noch lange nicht. Im Oberstübchen befindet sich mehr Hirnmasse, als man es ihr jemals zutrauen würde. Auf der Strasse drehen die Männer sich nach ihr um. Da liegt es auf der Hand, dass sie sich vor Verehrern kaum retten kann. Diese Optik, gepaart mit ihrem stilsicheren, bewussten und konsequenten Auftreten nimmt unliebsamen Besuchern schneller den Wind aus den Segeln, als ihnen lieb ist, und ehe sie verstehen und begreifen können, was genau da vor sich ging, stehen sie wieder dort, wo sie hergekommen sind: unten auf der Strasse.
Viele böse Zungen in der Firma haben Martin schon eine Affäre mit der Huber angedichtet, doch diese Behauptungen beruhen mehr auf dem gängigen Klischee des untreuen Chefs, der, während seine Ehefrau das Geld mit vollen Händen verprasst, seine Schäferstündchen mit der heimlichen Geliebten damit entschuldigt, wieder einmal Überstunden leisten zu müssen, um seiner Frau diesen Lebensstil überhaupt zu ermöglichen. Insgeheim wissen die Leute, dass zwischen den beiden nichts läuft. Trotzdem wird hinter seinem Rücken gemunkelt und getuschelt, nicht zuletzt, weil ihn kaum jemand leiden kann. Ein unsympathischer, nur halbwegs kompetenter Choleriker ist sicher nicht die beste Wahl als Generaldirektor einer der grössten Versicherungsgesellschaften der Schweiz, der EVA, der Eidgenössischen Versicherungsanstalt.
Aber die Angestellten nehmen es hin, ja müssen es hinnehmen, denn jeder hier weiss, dass Martin Sturzenegger nicht kritikfähig ist und nicht gerade zimperlich mit Kündigungen vorgeht.
Es ist keine Seltenheit, dass ein unbedachter Kommentar in seiner Hörweite schon mal dazu führen kann, dass man am nächsten Tag auf der Strasse steht und nicht mehr weiss, wie man seine Miete begleichen soll. Deshalb gilt: Immer schön lächeln und Arschloch denken. Doch es gibt etwas, das seinen Unterstellten noch viel mehr zu denken gibt als eine Affäre, die keine ist: Wie zum Teufel hat Martin diesen Posten erlangt. Weder sein Wissen noch sein Können würden annähernd dafür ausreichen. Es gibt darüber die kühnsten Spekulationen, doch nur wenige Fakten.
Eine davon ist, dass der alte Generaldirektor Hans Kronenberg sein Amt abgegeben hat, um seinen wohlverdienten Ruhestand anzutreten. Vorher jedoch hat er höchstpersönlich Martin Sturzenegger, welcher bis anhin eine kleine, verbitterte Nummer, von den Arbeitskollegen gemieden und bei seinem Vorgesetzten auf der Abschussliste stehend, der Versicherungsgesellschaft war, von heute auf Morgen wie aus dem Nichts als Nachfolger ernannt. Das hat bei über dreihundert Angestellten für heftiges Kopfschütteln gesorgt. Eine interne Untersuchung hat keine Rückschlüsse ans Tageslicht gebracht und man musste es wohl oder übel akzeptieren.
Nach dem wahren Grund zu suchen, hat man mittlerweile aufgegeben. Zehn Jahre sind seit diesem äusserst kuriosen Vorfall verstrichen.
Er ist Vergangenheit und Gegenwart zugleich.
Die Vergangenheit birgt Geheimnisse. Aber auch Gefahren. Besser man lässt sie ruhen. Alte Wunden sollte man nicht wieder aufreissen!
Es fehlte ihnen an nichts. Sie hatten es gut.
Gut genug für ein schickes Häuschen direkt am Zugersee. Der grosse Garten erstreckte sich bis ans Ufer des Sees. Ein Privatstrand sozusagen.
Die Wiese dazwischen war zu beiden Seiten mit einem schulterhohen Zaun zum Nachbargrundstück abgetrennt. Auf der linken Seite befand sich ganz hinten, fast schon versteckt, ein unscheinbarer Geräteschuppen aus Holz. Er mass etwa drei auf drei Meter. Die meiste Zeit stand er leer; nur die Kinder benutzten ihn ab und an, um ihre Bälle oder Badmintonschläger dort zu versorgen. Ansonsten stand er nur da, ein wenig fehlplatziert und von den Menschen weitgehend vergessen.
Als Martin noch klein war, spielten er und sein jüngerer Bruder David hier oft Verstecken. Während der eine sich unter die grosse Birke nahe dem Haus setzte, das Gesicht in den Händen vergrub und laut bis fünfzig zählte, rannte der andere los mit dem Ziel, sich möglichst unauffindbar zu verstecken. Das hohe Gras bot gute Gelegenheit dazu und so spielten sie stundenlang bis zum Sonnenuntergang.
Für Katrin, die Mutter der beiden, war es hingegen kein leichtes Spiel, die Söhne bei Anbruch der Dunkelheit wieder ins Haus zu kriegen. Gehorchten sie aber ohne zu maulen, las sie Ihnen am Bett aus einem Kinderbuch eine kurze Geschichte als Belohnung vor. Verpackt mit niedlichen Bildern, war der Inhalt sämtlicher Geschichten immer etwa derselbe. Während der Fleissige, der Gutes tut, am Ende glücklich und zufrieden, geliebt und geachtet, seinen Weg geht, bleibt der faule Nichtsnutz auf der Strecke.
Gut und Böse! Katrin war es wichtig, Martin und David schon von klein auf die richtigen Werte mitzugeben. Was sollte denn später aus ihnen werden, wenn sie nicht einmal eine gute Erziehung geniessen durften?
War die Geschichte zu Ende, gab die Mutter beiden Söhnen ein Küsschen auf die Backen, wünschte eine gute Nacht und knipste das Licht aus. Das Ritual war immer dasselbe.
Doch eines Abends, als Katrin schon auf der Schwelle stand und die Tür leise schliessen wollte, fragte Martin in die Dunkelheit, warum es Menschen gäbe, die faul und böse seien, wenn doch am Ende einem das Glück verwehrt bleiben würde.
Katrin blieb stehen. Sie dachte nach. Dann machte sie einen Schritt zurück ins Zimmer und schloss die Tür von innen.
»Hör zu, Schatz« begann sie, »Du magst doch Äpfel. Um solch einen schön und prächtig wachsen zu lassen, muss der Baum gehegt und gepflegt werden. Wird er aber vernachlässigt, können keine schönen Früchte entstehen. Kommt ein Sturm auf und schüttelt den Baum durch, fällt der Apfel unsanft zu Boden. Dann wird er faul und ungeniessbar.
Aber auch Äpfel, die unter den besten Bedingungen wachsen, können faul sein oder es noch werden. Einfach so. Das nennt man dann Schicksal.
Der Mensch ist wie ein Apfel. Was aus ihm wird, wie er denkt und was er macht, kann man nicht bestimmen. Aber man kann die Entwicklung in die richtige Richtung lenken. Das letzte Wort hat der Allmächtige.«
Sie hatte sanft, aber bestimmt auf ihn eingeredet. Mit einem Lächeln war er dabei eingeschlafen. Auch wenn er nicht alles gehört haben konnte, wusste sie, dass die Worte ihren Weg gefunden hatten.
Katrin lag noch lange wach und dachte über das Gespräch nach. Dann schlief auch sie mit einem Lächeln ein.
Martin drückt die grüne Sprechtaste auf dem grauen Kasten auf seinem Schreibtisch. Das Gerät ermöglicht ihm nicht nur, per Lämpchen mit seiner Sekretärin zu kommunizieren, sondern auch akustisch.
»Bringen Sie mir den Brechhammer her. Unverzüglich!«
»Ich schaue, ob er verfügbar ist. Einen Moment bitte!«, ertönt es krächzend aus dem Lautsprecher. Die Qualität des Apparates könnte besser sein.
»Sofort! Es ist wichtig und eilt!«
Karl Brechhammer ist Abteilungsleiter bei den Lebensversicherungen. Er prüft Schadensanzeigen, fertigt Gutachten an und entscheidet, ob Leistungen ausbezahlt werden oder nicht. Diese Prozedere können sich über Monate hinziehen. Bestehen Zweifel über den Wahrheitsgehalt einer Angabe oder sogar der Verdacht eines Versicherungsbetruges, können die internen Detektive hinzugezogen werden. So etwas kommt nicht selten vor. Das letzte Wort hat aber in jedem Fall der Direktor, Martin Sturzenegger, sofern es sich um grössere Summen handelt, die ausbezahlt werden müssen. Das ist bei Lebensversicherungen immer der Fall. Solange er das positive Gutachten nicht mit seiner Unterschrift absegnet, wird kein müder Rappen ausbezahlt.
»Der Brechhammer ist jetzt da. Soll ich ihn reinschicken?« fragt Charlotte über den Lautsprecher.
Martin bejaht und die Tür geht auf. Karl tritt ein.
Er trägt einen Designeranzug, der seine grosse, sportliche Statur perfekt umschmeichelt. Die Haare sind sorgfältig mit Gel nach hinten gekämmt. Die Frisur sitzt.
»Sie wollten mich sprechen?« fragt er und setzt sein schönstes Lächeln auf.
Karl ist freundlich, sieht gut aus und hat Ambitionen, die er dank harter Arbeit auch erreicht. Das pure Gegenteil von Martin. Deshalb kann dieser ihn nicht leiden.
Karl weiss das. Aber statt sich darauf einzulassen, lässt er seine Freundlichkeit spielen. Genau das bringt Martin noch mehr auf die Palme. Und auch darüber weiss Karl Bescheid. Er geniesst es förmlich, ihn innerlich auflaufen zu lassen, auch wenn er sich stets bewusst ist, dass Martin der Boss, und somit am längeren Hebel ist.
Vorsicht ist eine Tugend. Die Vorsicht, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Gerade so weit, um den Überblick über die Situation zu behalten, die sich unter einem abspielt. Droht, das Gleichgewicht zu verlieren und zu stürzen, gilt es, schnell einen Rückzieher nach hinten zu machen, möglichst elegant und unscheinbar, um das Gesicht zu wahren.
Auf dem Tisch liegt eine Akte. Martin schiebt sie zu ihm rüber.
»Darüber muss ich mit Ihnen reden. Es gibt noch einige Ungereimtheiten, die Ihnen eigentlich hätten auffallen müssen. Wofür bezahle ich Sie schliesslich?«
Karl schaut sich die Akte an. Er erinnert sich gut an den Fall. Ist schliesslich noch gar nicht lange her und es ist einer der grössten, die er je bearbeiten musste.
Hauptakteur ist Alexander Liebherr. Nach seinem Jurastudium arbeitete er sich bis zum obersten Staatsanwalt des Kantons Zug hoch und hat sich ein Vermögen im zweistelligen Millionenbereich angehäuft. Ein exzentrischer Lebensstil gehörte dazu. Wer hat, der kann.
Die Lebensversicherung bei der EVA wurde vor rund fünf Jahren zugunsten seiner Frau Irene abgeschlossen. Im Falle seines Ablebens erbt Sie nicht nur die Hälfte des Vermögens, sondern erhält dazu noch eine Summe von drei Millionen Franken. Ein Betrag, für den so mancher töten würde. Auch sie?
Nein!
Zu diesem Entschluss jedenfalls kam Karl Brechhammer. Dass beim tödlichen Klippensprung auf Menorca Fremdeinwirkung zu Tragen kam, konnte ausgeschlossen werden.
»Was stimmt damit nicht? Der Fall ist fertig abgearbeitet. Wäre das nur Theater gewesen, hätten wir es gemerkt. Wir haben schliesslich viel Zeit und Mühe in diesen Fall investiert.« Das Lächeln ist aus Karls Gesicht verschwunden.
»Herrgott nochmal, ich kann kaum glauben, dass Sie nicht wissen, wovon ich spreche. Nicht wissen wollen. Hier geht es um viel Geld. Um noch viel mehr als Geld. Die Firma ist ohnehin schon angeschlagen, da können wir uns eine solche Auszahlung beim besten Willen nicht leisten.«
Langsam dämmert es Karl. Hier geht es nicht um Gerechtigkeit. Oder »Ungereimtheiten«, wie Martin das nennen mag. Hier geht es nur um Geld. Geld, Geld, Geld. Die einzige Ungereimtheit ist der finanzielle Schaden, den seine Firma erleiden würde.
Wofür sind Versicherungen da, wenn sie im Schadensfall nicht zahlen?
Tausende Gedanken schiessen durch seinen Kopf. In seinem Hals steckt ein Kloss.
Nur nicht die Fassung verlieren! Den Gefallen will er ihm nicht tun.
»Nun«, fährt Martin fort, »es mag sein, dass Sie nicht die beste Meinung von mir haben. Das ist mir egal. Hier geht es um die Firma. Aber ich distanziere mich davon, ein Unmensch zu sein. Die Alte wird es verkraften. Hat ja noch das Erbe. Um die brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen. Bei uns steht mehr auf dem Spiel.«
Er starrt Karl eindringlich an. Dessen Blick ist leer, geradezu glasig. Die Worte dringen dumpf wie durch einen Nebel zu ihm durch. Seine Worte müssen nun gut überlegt sein. Aber was soll er antworten? Auch wenn er weiss, dass es ihm nicht viel nutzen wird, probiert er es auf die ehrliche Tour. Vielleicht lässt sich der Boss ja noch zur Wahrheit bekehren.
»Herr Sturzenegger, auch wenn sich unsere Ansichten in verschiedenen Anliegen unterscheiden mögen, schätze ich Sie sehr als meinen Vorgesetzten. Jedoch liegt es mir fern, meine Prinzipien zu verraten. Der hier vorliegende Fall ist, wie bereits erwähnt, von mir und unseren Angestellten genauestens untersucht worden. Ich versichere Ihnen, dass absolut kein Zweifel über die Glaubwürdigkeit der Versicherungsnehmerin vorliegt. Die polizeiliche Untersuchung bestätigt dies ebenfalls.«
Karl ist um einen sachlichen Ton bemüht. Er ist professionell. Auf dieses Niveau will er sich nicht herablassen.
Martin schüttelt energisch den Kopf. Jetzt ist auch er wütend, aber anders als Karl, versucht er nicht, es zu verbergen.
»Können oder wollen Sie mich nicht verstehen? Finden Sie ein Schlupfloch im Vertrag. Erfinden Sie eine neue Klausel. Irgendwas. Egal wie!«
Nach einer kurzen Pause fährt er fort:
»Sie haben nun genau zwei Möglichkeiten. Die erste ist die, zu welcher ich Ihnen dringend, sehr dringend raten möchte.
Sie haben bis Ende Monat Zeit, den Fall zu drehen. Das sind rund drei Wochen. Als Unterstützung erhalten Sie zwei Detektive und jede Hilfe, die Sie benötigen werden. Schaffen Sie's bis dann, ist nicht nur Ihr Job gesichert, sondern obendrein auch noch eine nette Prämie. Ich bin mir Ihrer finanziellen Lage durchaus bewusst. Ich weiss, dass Sie diesen Zustupf gut gebrauchen können.«
»Und die zweite Möglichkeit?«, will Karl wissen.
»Die ist denkbar einfach. Sie räumen auf der Stelle Ihren Arbeitsplatz und unterschreiben im Anschluss gleich noch Ihre Kündigung. Ab morgen brauchen Sie nicht mehr zu erscheinen. Gemäss geltender Kündigungsfrist erhalten Sie noch zwei volle Monatsgehälter als Abfindung.
Und der Fall... der wird, genauso wie Ihre aktuelle Position als Abteilungsleiter, weitergereicht an einen Kollegen, welcher mehr Ehrgeiz an den Tag legt als Sie. Ich kriege meinen Willen. So oder so. Zum Wohl der Firma.«
Das hat gesessen. Karl ist ratlos. Hilflos.
»Ich brauche Bedenkzeit«, fordert er vom Direktor.
»Einverstanden«, sagt dieser, »aber beeilen Sie sich. Morgen Mittag will ich Ihre Entscheidung wissen.«
Es reicht gerade noch für ein dünnes »Ja«. Vom sonst so selbstbewussten Karl ist nur noch ein Häufchen Elend übrig.
Er verlässt das Büro.
Mit dem Aufzug fährt er in die Tiefgarage der Firma. Für heute hat er genug gesehen. Genug gehört. Feierabend!
Während er sich durch den Feierabendverkehr kämpft, plagen ihn Existenzängste.
Wie soll es weitergehen? Wie soll er sich entscheiden? Fragen über Fragen. Was soll er seiner Frau erzählen? Soll er ihr überhaupt etwas sagen?
Das mit Doreen war Liebe auf den ersten Blick. Vor einem Jahr haben sie geheiratet. Kirchlich, mit allem Drum und Dran. Es war für Beide der schönste Tag in ihrem Leben. Sie haben sich immer alles gesagt, in guten wie in schlechten Zeiten. Das soll sich auch heute nicht so schnell ändern. Nicht wegen einem Typen wie Martin!
Kurz nach der Hochzeit kam Töchterchen Lena zur Welt. Der kleine Sonnenschein schweisste Karl und Doreen noch fester zusammen. Aus dem Traumpaar wurde eine Familie. Das Glück war fast perfekt.
Nicht perfekt hingegen waren die Platzverhältnisse, denn durch den Nachwuchs wurde die Zwei-Zimmer Wohnung, die sie bis anhin bewohnten, viel zu klein. Etwas Grösseres musste her. Der letzte Schritt zum absoluten Glück lag auf der Hand:
Karl nahm eine Hypothek auf und sie kauften sich ein Häuschen mit einem schönen Garten in einer gepflegten Vorstadtsiedlung nahe Zürich. Nichts Grosses, aber für die kleine Familie bedeutete es den Himmel auf Erden.
Doch heute wurde der Grundstein gelegt, das junge Glück jäh scheitern zu lassen.
Nicht auszudenken, wenn Martin seine Drohung wirklich wahrmachen würde.
Er hat nur diese eine Chance: Innert drei Wochen der Witwe Liebherr einen Vertragsbruch anzudichten. Das wird nicht einfach. Hat auch keiner gesagt!
Aber sie verdient sowas nicht. Schon schwer genug, dass sie ihren Mann auf tragische Art und Weise verloren hat, da braucht sie nicht noch zu allem Überfluss dazu von der Versicherung über den Tisch gezogen zu werden. Und dann ausgerechnet noch von ihm, Karl, der ehrlichsten Haut und sympathischsten Frohnatur, die die Firma zu bieten hat.
Aber er hat keine Wahl. Sie oder er! So läuft das Geschäft.
Er schliesst die Tür auf.
»Schatz, ich bin zu Hause«, ruft er. Seine Frau ist in der Küche. Es riecht nach Schmorbraten. Seine Leibspeise.
»Das Essen ist bald fertig«, sagt sie, nachdem sie ihm einen Kuss auf den Mund gedrückt hat.
»Lena ist schon im Bettchen. Momentan schläft sie. Hoffen wir, dass das auch noch so bleibt für heute«, fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu. Die Anspielung bezieht sich auf das seit der Geburt eingerostete Sexleben der beiden. Vielleicht klappt es heute? Vielleicht macht ihnen Lena jedoch wieder einen Strich durch die Rechnung. Wenn sie einmal zu schreien angefangen hat, ist sie kaum mehr zu beruhigen. Doreen nimmt sie dann in den Arm und schaukelt sie sanft zurück in den Schlaf, was meistens funktioniert.
Das Essen ist nun angerichtet. Karl fällt erst jetzt auf, wie viel Mühe seine Frau sich gegeben hat. Das schönste Besteck hat sie hervor genommen, dazu eine Flasche Amarone Di Valpolicella aus dem Weinkeller geholt. Das Licht ist gedämmt. Im Hintergrund läuft leise, aber hörbar eine italienische Schnulze. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er meinen, sie möchte ihn verführen.
Karl wird warm ums Herz. Doreen trägt sogar einen roten Spitzen BH unter dem knappen Kleid. Er spürt, wie sich seine Wollust langsam, stetig immer tiefer nach unten verlagert.
Doch Moment, da war doch noch was!
Nein, heute kann er es ihr unmöglich sagen. Falscher Zeitpunkt. Nicht jetzt.
Oder besser gar nicht. Langsam schöpft er neuen Mut. Er wird sich dahinterklemmen und den Fall in Windeseile abschliessen. Ohne Auszahlung, versteht sich. Er ist ein Brechhammer. Er kann das. Nur sein Gewissen muss er noch überreden. Die Skrupel beiseitelegen.
Mit der versprochenen Prämie werden sie sich schöne Ferien am Meer leisten, seine Frau, seine Tochter und er.
Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Es hat Klick gemacht! »Wo bist du mit deinen Gedanken? Hier spielt doch die Musik«, lächelt ihn Doreen verschmitzter an als je zuvor.
»Ich denke bloss daran, welche schönen Aussichten mich im Schlafzimmer gleich erwarten«, erwidert er ebenso lüstern und lässt sich von ihrer Hand nach oben geleiten. Ein prüfender Blick noch ins Kinderzimmer. Lena schläft.
»Scheinbar ist der Sturzenegger nicht allzu glücklich mit unserer Arbeit. Verdammt, wir haben uns doch so reingehangen.«
Otto Meier ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.
»Ja, und hast du das mit dem Brechhammer schon gehört? Der Sturzi hat ihm die Pistole auf die Brust gesetzt. Sollte es ihm nicht gelingen, die Liebherr zu bescheissen, ist er schneller weg, als er bis drei zählen kann. Ob da was dran ist, weiss ich nicht. Aber er spricht sich schnell rum.«
Manfred Wälti macht sich nur allzu gern einen Jux daraus, Martin Sturzi zu nennen. Natürlich nur hinter dessen Rücken. Es ist seine Form von Rebellion.
»Apropos Brechhammer, hast du seine Mail auch gekriegt? Er will sich mit uns treffen. Oben in seinem Büro. Ich vermute, genau in diesem Zusammenhang.«
Otto und Manfred sind ein Herz und eine Seele. Schon seit ihrer Kindheit sind sie die dicksten Freunde.
In der Schule wurden sie als Dick und Doof verspottet. Obwohl es sicher wenig schmeichelhaft für die beiden war, so genannt zu werden, machte es ihnen nicht aus. Im Gegenteil. Der kleine, dickbäuchige Otto, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat und seit der Schule damals kaum mehr gewachsen ist, und der grosse, dünne Manfred, der sich nie dafür schämte, nicht der Klügste zu sein - die beiden ergänzen sich wie Laurel und Hardy.
Heute werden sie schon lange nicht mehr so genannt, auch wenn die Voraussetzungen die gleichen geblieben sind.
Im dritten Stock der Firma teilen sie sich ein Büro. Bei weitem nicht so gross wie das des Direktors, aber für zwei Detektive mehr als genug.
Es bietet beiden Platz für je einen Schreibtisch und je einen PC, die sich gegenüber befinden. Dazwischen steht ein langes, hüfthohes Regal, das die aktuellen Akten beherbergt. Die alten befinden sich im Keller, im Archiv.
Beim Eingang lädt ein gemütliches Tischchen, zwei Stühle und eine Kaffeemaschine zum kurzen Verweilen ein. Nicht selten kommt es vor, dass sie die neun Uhr Pause hier im Büro verbringen. Dabei schwelgen sie in alten Erinnerungen und lachen über vergangene Zeiten.
Nun stehen sie vor Karl Brechhammers Büro. Die Tür ist ein Spalt weit geöffnet. Otto klopft an und sie treten ein.
»Hallo Karl. Wir kommen wegen der Mail, die du uns geschrieben hast. Ich denke, es ist bekannt, worum es geht«, erklärt ihm Otto.
»Schön, dass ihr gekommen seid. Worum es geht, wisst ihr ja offensichtlich bereits. Ist mir ein Rätsel, wie das jetzt schon die halbe Firma erfahren konnte in der kurzen Zeit. Meine Vermutung ist, dass die Huber gelauscht und anschliessend getratscht hat. Ihr wisst ja, wie die unterwegs ist. Kann rein gar nichts für sich behalten. Ich würde der sogar zutrauen, dass sie die Sprechanlage manipuliert hat, sodass sie hören kann, was beim Chef vorgeht, auch wenn dieser dem Gespräch gar nicht zugestimmt hat über die Tasten.«
Karls Vermutung ist gar nicht mal so abwegig. Die Huber ist sehr gewandt, was technische Dinge anbelangt.
Manfred lacht.
»Ja, ja, die liebe Charlotte. Der Chef würde ihr diesen Fauxpas sicher verzeihen, sie hat ja schliesslich zwei schöne Argumente. Wenn die einmal mit ihrem Hintern wackelt, läuft bei dem der Sabber schon in Strömen.«
Er kann sich kaum mehr halten vor Lachen. Auch Otto prustet los.
Karl ist weniger nach Lachen zumute. Verständlich, wenn man seine Situation bedenkt.
»Meine Herren, lachen können wir noch, wenn wir das Ding geschaukelt haben. Es wartet Arbeit auf uns.«
»Verzeihung, Karl.«
Die beiden haben sich wieder gefangen. Nun steht einem ernsthaften Gespräch nichts mehr im Weg.
»Wie ihr wisst, geht es um den Fall Liebherr. Der wäre ja eigentlich abgeschlossen, mit positivem Ausgang für die Witwe. Ihr selbst habt sie ja beschattet und nach Indizien gesucht, die sie als Täterin entlarven könnten, hätte sie ihn wirklich umgebracht.«
Dieses Vorgehen ist absolut normal, wenn es um solch hohe Beträge geht. Das hat nichts konkret mit dem Fall zu tun, sondern ist Routine.
»Nun aber ist der Sturzenegger der Meinung, dass dieses Ergebnis die Firma ruinieren würde. Er will nicht zahlen. Wir müssen seinen Starrsinn nun ausbaden und deshalb ein Schlupfloch finden. Das ziemlich schnell. Wir haben drei Wochen. Sonst droht uns allen die Kündigung.«
Das war ein wenig überdramatisiert. Ihm droht sicher die Kündigung, nicht aber den Detektiven. Aber sie arbeiten gewiss besser, wenn sie davon ausgehen.
»Wow!« sagt Otto trocken.
»Und wie sollen wir das anstellen? Wir können die Fakten nicht ändern, ebenso wenig zaubern. Das Problem ist nicht die Liebherr, sondern der Sturzenegger. Wir sollten uns wohl eher darauf konzentrieren, ihm schmackhaft zu machen, dass bei diesem Vorgehen, wie er es gerne hätte, die Firma dichtmachen kann, sollte die Wahrheit ans Licht kommen. Der Typ ist doch kriminell! Und wir hängen da mit drin.«
Manfred pflichtet ihm bei.
»Dumm ist nur, dass wir keine Beweise haben. Auch wenn die halbe Firma davon Bescheid weiss. Da wird keiner hinter uns stehen, weil alle Angst haben. Und die Huber wird den Sturzi wohl kaum ans Messer liefern, wenn sie das Gespräch wirklich belauscht haben sollte.«
Karl sieht schon langsam seine Felle davonschwimmen. Es ist hoffnungslos.
Er appelliert an die Vernunft der Detektive.
»Im Grunde genommen habt ihr ja recht. Das ist eindeutig kriminell. Aber gegen den Boss kommen wir nicht an. Der stellt uns schneller auf die Strasse, als und lieb ist! Wir müssen uns wohl oder übel fügen. Und wenn wir uns richtig Mühe geben, werden wir auch Erfolg haben. Legt euer Gewissen das eine Mal zur Seite. Es geht leider nicht anders.« Karl setzt all seine Überzeugungskunst ein. Vor wenigen Tagen hätte er sich nicht im Traum vorstellen können, dass ausgerechnet er einmal solche hinterhältigen Intrigen schmieden wird und andere dazu anstachelt.
»Okay, mal angenommen, dein Plan geht auf. Denkt ihr wirklich, dass sie das auf sich sitzen lässt? Wenn die ihre Anwälte auf uns loshetzt, zerfleischen die uns wie hungrige Wölfe. Da sind wir besser dran, wenn wir gleich kündigen. Ersparen wir uns immerhin eine Verurteilung wegen Betruges«, gibt Otto zu bedenken.
»Die Liebherr weiss doch gar nicht, wie sowas geht«, entgegnet ihm Karl, »und ausserdem hat die ganz andere Sorgen. Die wird uns keine Schwierigkeiten machen.«
»Da muss ich Karl recht geben«, wirft Manfred in die Runde, »dir ist während unseren zahlreichen Observationen sicher auch nicht entgangen, wie unbeholfen, fast schon hilflos sie sich anstellen kann. Ihr Mann hatte in dieser Beziehung die Hosen an, vor allem was die Finanzen und rechtlichen Aspekte anbelangten. ER war der Staatsanwalt, sie nur seine Frau.«
Karl schöpft wieder Hoffnung.
»Gut«, sagt er, »das zumindest hätten wir geklärt. Was wir jetzt brauchen ist einen Plan. Habt ihr irgendwelche Ideen? Gibt es Schwachstellen bei ihr? Leichen im Keller? Es kann alles von Bedeutung sein.«
Die Detektive bemühen sich sichtlich. In Gedanken gehen sie jedes Detail ihrer Observationen durch. Sie tuscheln.
»Uns kommt nichts in den Sinn«, sagt Otto stellvertretend für beide.
»Noch nicht. Am besten wird es sein, wenn wir die Observation wiederaufnehmen. Mit den ganzen technischen Spielereien. Mikrofone, Kameras, Nachtsichtgerät. Das ganze Programm. So lässt sich auch eher etwas finden. Du, Karl, gräbst unterdessen in ihrer Vergangenheit.«
»Ja, so machen wir’s!«, pflichtet er ihnen bei. Der erste Schritt ist getan. Aber die richtige Arbeit fängt erst an.
Manfred lenkt den schwarzen Skoda zielsicher die Strasse entlang. Vor ihnen liegt schon der Waldeingang. Kurz davor parkt er den Wagen unauffällig auf der Seite, wie schon dutzende Male zuvor auch schon. Die Stelle liegt am Hang und bietet einen weitreichenden Ausblick über Meilen. Unten am See befindet sich das Anwesen der Witwe Liebherr. Von hier oben hat man alles im Überblick. Wochenlang haben er und Otto hier schon im unauffälligen Auto gesessen, das angesichts der Tatsache, dass es sich um einen Mittelklassewagen und keine Luxuskarosse handelt, schon fast wieder auffällig wirkt. Die Villa war stets im Fokus des Fernglases. Abwechslungsweise, den ganzen Tag. Bei Anbruch der Dämmerung fuhren sie heim. Es handelte sich nur um eine Observation zu Bürozeiten. Ablösung gab es schliesslich keine und in der Nacht war es noch langweiliger als am Tag. Das Verbrechen richtet sich ja bekanntlich nach der Uhrzeit. Auch Täter müssen schlafen.
Wie es diesmal sein wird, wissen sie noch nicht. Keiner von beiden hat einen Plan. Man beschloss, dort weiterzumachen, wo man zuletzt aufgehört hat.
»Da wären wir wieder«, seufzt Manfred. »Ob uns der Förster auch schon bemerkt hat?«
Der Förster. Dieser kam eines Tages inmitten der Observation zu ihnen und fragte sie barsch, was sie hier zu suchen hätten. Verständlich, dass es ihm merkwürdig erschien, jeden Tag einen unbekannten Wagen mit zwei noch unbekannteren Gestalten hier anzutreffen. Es hätten ja Spanner sein können, das würde zumindest das Fernglas erklären.
»Wir haben einen Job zu erledigen. Das Fernglas ist unser Werkzeug«, klärte ihn Manfred auf. »Wir wollen Ihnen keine Umstände bereiten. Fühlen Sie sich bitte nicht gestört durch unsere Anwesenheit.»
Beide zückten ihren Ausweis, der sie als Detektive ausweist. Der Förster schien zwar überrascht, aber grösstenteils zufrieden.
»Ach so ist das. Und ich dachte schon. Na gut, dann will ich nicht weiter stören.«
Er zog von dannen. Dann drehte er sich nochmals um.
»Übrigens, wenn sie irgendwas brauchen sollten, bin ich meistens dort anzutreffen.«
Er zeigte auf einen Holzcontainer auf vier Rädern, der am Waldrand im Schatten zweier Bäumen stand. Aus dem Kamin stieg Rauch empor.
»Einfach klopfen und eintreten. Guten Tag noch wünsche ich Ihnen!«
»Wir können ihn ja suchen gehen. Ist bestimmt in seinem Container und säuft sich die Hucke voll oder was auch immer er dort drinnen treibt. Geheuer ist mir der jedenfalls nicht«, bemerkt Otto.
»Du hast wohl unsere Mission vergessen. Unser Job steht auf dem Spiel und noch haben wir keinen Plan, was wir dagegen tun können. Hier oben auf ein Wunder zu warten, erscheint mir jedenfalls wenig sinnvoll.«
Unten hört man die Kirchenglocken läuten. Es hat Mittag geschlagen. Essenszeit.
Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite an diesem Herbsttag.
»Der Karl ist ja auch dran an der Sache. Wir verschwenden hier nur unsere Zeit, wenn du mich fragst«, beruhigt ihn Otto.
Die Stimmung ist angespannt. Keiner weiss, wie es weitergehen soll. Da klopft jemand ans Fenster. Es ist der Förster.
»Was macht ihr denn hier? Mit euch habe ich ja gar nicht mehr gerechnet. Habt euch lange nicht blicken lassen.«
»Ist eine lange Geschichte. Kurzfassung: Unser Auftraggeber hat den Fall wiederaufgenommen«, sagt Manfred trocken.
»Könnt sie mir gerne erzählen«, grinst der Förster.
»Ich habe gerade lecker gekocht. Nichts Grosses, Speck und ein paar Bohnen. Für drei Personen reicht es aber allemal. Wenn ihr wollt, könnt ihr mir Gesellschaft leisten.«
Die Detektive sehen sich fragend an. Die Zeit drängt, die Mägen aber knurren.
»Ja, wieso nicht? Ich meine, wenn Sie nichts dagegen haben.«
Sie steigen aus dem Wagen und folgen dem Förster zum Holzcontainer. Eine Stufe führt ins Innere.
Ein Tisch und auf beiden Seiten eine Sitzbank, an der Wand hängt ein Bild. Ein Stillleben eines unbekannten Künstlers. Der Speck und die Bohnen köcheln im Topf auf dem Ofen vor sich hin. Es riecht herrlich!
Der Förster klappt die Sitzbank hoch. Sie ist hohl und bietet ein wenig Stauraum in dem kleinen Container. Daraus nimmer er Plastikgeschirr für die Gäste und eine verstaubte Flasche Rotwein. Dann klappt er die Bank wieder herunter, und bittet die Detektive, Platz zu nehmen.
»Meine Herren, machen Sie's sich bequem. Es ist klein und eng hier, aber gemütlich. Darf ich Ihnen Wein einschenken?«
Die Detektive stimmen zu. Es spricht nichts dagegen, zu einem guten, unverhofften Mittagessen sich auch ein Glas Wein zu gönnen. Noch keine zehn Minuten ist es her, da sassen sie im Wagen und hatten keinen Plan. Jetzt sitzen sie im Container und haben noch immer keinen Plan, dafür Gesellschaft, Speck, Bohnen und Wein. Allemal besser als nichts.
Der Förster schöpft das Essen und schenkt den Wein ein. So viel, wie er gekocht hat, könnte man meinen, er hätte die Gäste schon erwartet. Aber vermutlich hat er einfach einen gesunden Appetit.
»Wir haben uns noch gar nicht bekannt gemacht. Ich bin der Erwin«, sagt er und streckt ihnen die Hand entgegen. Otto und Manfred stellen sich ebenfalls vor.
Das Essen schmeckt genauso gut, wie es riecht, und auch der Wein rundet das Essen perfekt ab. Auf dem Etikett könnte stehen: Passt gut zu Speck und Bohnen.
»Das war aber lecker. Ein Lob an die Küche«, sagt Otto.
»Wie können wir und revanchieren? Ich übernehme gerne den Abwasch.«
Erwin lacht. Er mag Ottos Humor.
»Lasst gut sein. Ich wäre schon zufrieden, wenn ihr mir verraten würdet, was ihr hier oben eigentlich treibt. Versteht mich nicht falsch, ich will meine Nase nicht in Angelegenheiten stecken, die mich nichts angehen, aber neugierig bin ich schon.«
Otto und Manfred gucken sich verstohlen an. Das ist ein heikles Thema. Solche Informationen dürfen sie nicht ausplaudern. Wer weiss, vielleicht kennt er die Witwe am Schluss noch, und klärt sie über die Observation auf. Dann wäre alles für nichts gewesen. Andererseits weiss er vielleicht etwas, was für die Ermittlungen von Bedeutung sein könnte. Jetzt gilt es, einen vernünftigen Mittelweg zu finden. Ihn aus der Reserve zu locken.
»Darüber dürfen wir nichts sagen. Schweigepflicht, Sie wissen schon«, fängt Manfred an.
»Nur so viel: Wir haben den Auftrag, eine Person zu beschatten, welche eines Mordes verdächtigt wird.«
Otto guckt Manfred vorwurfsvoll an. Hätte er besser nichts gesagt? Egal, jetzt ist es eh zu spät.
Der Förster scheint hellhörig geworden zu sein.
»Sie sprechen von Mord. Meinen Sie etwa, die alte Liebherr hat...«
Die Detektive sind baff. Was wird hier gespielt? Woher hat er diese Information? Er weiss schon viel zu viel, besser, sie wären nicht darauf eingestiegen.
Erwin bleibt die Reaktion der beiden nicht unbemerkt.
»Machen Sie sich keine Sorgen, meine Herren, das bleibt alles unter uns. Von Ihnen weiss ich nichts. Meilen ist nicht sehr gross, hier spricht sich sowas sehr schnell herum.«
Erleichterung!
Für einen Moment dachten Sie, er mache mit der Witwe gemeinsame Sachen. Zusammen haben sie den Alexander umgebracht. Jetzt würde gleich die Tür aufgehen und die Irene würde mit einer Machete auf sie zustürmen und ihnen die Kehle durchschneiden. Dann würden Erwin und sie die Leichen ausweiden und am nächsten Baum aufhängen.
Da ist wohl die Fantasie mit ihnen durchgebrannt.
»Was spricht sich denn genau herum?« will Otto wissen.
»Die üblichen Gerüchte halt, wenn sowas passiert. Dass der Alte gestorben ist, stand im Regionalblatt, das hat jeder hier im Briefkasten, einmal im Monat. Und auch sonst, so angesehene Leute wie die Liebherrs. Wenn da einer stirbt, bleibt das nicht lange unbemerkt. Von einem Unfall war die Rede, auch das stand irgendwo. Die Leute fingen an zu spekulieren. Jeder meint, selbst dabei gewesen zu sein, und dichtet der Story noch ein paar Einzelheiten dazu. Als ich dann euch das erste Mal hier oben gesehen habe und ihr euch als Detektive ausgewiesen habt, musste ich nur eins und eins zusammenzählen. Dass da was im Busch sein muss, war mir sofort klar.«
Erwin nimmt einen grossen Schluck Wein. Manfred tut es ihm gleich. Dann sagt er:
»Die Observation ist reine Routine bei so einem Versicherungsfall. Das sind keine polizeilichen Ermittlungen, sondern wir für unseren Teil wollen sichergehen, dass auch alles so war, wie von der Geschädigten geschildert. So war es auch. Es gab nie einen Verdachtsmoment.«
Erwin will nun die ganze Wahrheit wissen. Warum sie dann wieder hier sind.
Die Detektive erzählen ihm nur die halbe Wahrheit. Dass gewisse Leute, deren Entscheidungen sie nicht beeinflussen können, entschieden haben, den Fall nochmals unter die Lupe zu nehmen.
Sie können ja schlecht erzählen, wie es wirklich ist. Dass die Geschädigte um die Versicherung geprellt werden soll.
»Also wenn ihr mich fragt«, fährt der Förster nun fort, »könnte ich mir schon vorstellen, dass sie den Alten um die Ecke gebracht hat, um die Versicherung zu kassieren. Ihr Blick ist... so eiskalt. In ihren Augen liegt eine Mischung aus Enttäuschung, Wut und Verachtung.«
»Sie kennen Sie? Was haben Sie mit der Frau zu tun?«, will nun Otto wissen.
»Nein, kennen würde ich das nicht nennen. Früher, vor dem Tod ihres Mannes, spazierte sie regelmässig mit ihrem Hund hier oben durch den Wald. Da an diesem Container vorbei.« Er klopfte auf den Tisch.
»Ein kleiner war das, ein Pinscher oder sowas. Doch seit dem Unfall habe ich sie nur noch einmal gesehen. Das war vor etwa einem Monat. Sie lief die gleiche Strecke entlang wie immer. Ich stand draussen vor dem Container und grüsste sie. Sie blieb stehen, wie vom Blitz getroffen. Erstarrt, als ob sie ertappt worden wäre. Dann traf mich ihr Blick. Eiskalt!«
Vielleicht liegt es am Wein, dass die Erzählungen von Erwin immer lebhafter werden, aber Manfred hat mittlerweile eine Gänsehaut bekommen und rückt etwas näher zu Otto, als ob dieser ihn beschützen müsse.
»Ich fragte sie, ob alles in Ordnung wäre. Schnell merkte ich meinen Fehler und sprach mein Beileid aus. Sie aber redete kaum, schien ängstlich, schaute sich hektisch um. Als ob sie von jemandem verfolgt würde. Wer weiss, vielleicht hat sie längst gemerkt, dass ihr sie auf dem Radar habt.«
»Und was ist dann passiert? Sie haben sie seither nie mehr gesehen?«
Jetzt hat es auch Otto gepackt. Die Zeit ist wie stehengeblieben. Sie stehen unter dem Bann dieses Försters, der die Geschichte so lebhaft verpackt, dass sie zum Greifen nah scheint. So, als ob sich das tatsächlich gerade abspielen würde.
»Sie lief weiter mit ihrem Hund in den Wald hinein. Sehr merkwürdig war das. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen. Doch der Clou an der Geschichte kommt ja erst noch.«
Seine Augen wurden glasig, sein Blick verschwörerisch.
