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China ist mächtig und willkommen im globalen Business, daher halten sich Länder wie die Schweiz, Deutschland und Österreich mit Kritik an der Volksrepublik zurück. Kommissarin Nuspliger und Inspektor Schnyder stechen bei ihrem ersten Fall in ein doppelmoralisches Wespennest von Intrigen, Bestechung und Mord. Zankapfel ist ein monströses Überwachungssystem, das China in der Schweiz erforschen lässt. Die Bundeshauptstadt Bern bietet der scharf gewürzten Geschichte eine beschauliche Bühne mit lauschigem Lokalkolorit.
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Beat Gerber
Raclette chinoise
Kriminalroman
Drehscheibe Bundesbern Die Schweizer Staatssekretärin für Wissenschaft wird tot aus der Aare gezogen. Kommissarin Nuspliger und Inspektor Schnyder gehen aufgrund der Autopsie von einem brutalen Mord aus. Ihre Ermittlungen kreisen um ein schweizerisch-chinesisches Forschungsprojekt, das eine kombinierte Gesichts- wie auch Gefühlserkennung ermöglichen soll. Beim Management dieser neuartigen Überwachungstechnik spielte das Mordopfer eine Schlüsselrolle.
Bundesbern ist verunsichert, die Gewalttat stört die Beziehungen zum wichtigen Handelspartner China. Einbezogen in die brisante Affäre sind mehrere Drahtzieher, die gleichzeitig Verdächtige im Mordfall sind: Peking und der chinesische Geheimdienst, ein Whistleblower im Staatssekretariat, ein Milliardär aus Shenzhen sowie der Forschungsleiter am Zürcher Polytechnikum. Der Professor für spezielle Algorithmen ist zudem mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert. Die beiden Ermittler stehen zunächst vor einer Wand des Schweigens, bis sie einen besonderen Fund machen …
Beat Gerber, Jahrgang 1949, ist studierter Ingenieur und Wissenschaftsjournalist im Unruhestand, mit langjähriger Berufserfahrung in Industrie, Umweltberatung, Medien und Hochschulkommunikation. Heute schreibt und zeichnet er allerlei Groteskes über unsere globalisierte Welt, meist mit satirischem Unterton. Auch Gastrokritiken sind sein Steckenpferd. Ansonsten streunt er durch die multikulturellen Städte dieses Planeten, besonders Buenos Aires hat es ihm angetan. Geboren und aufgewachsen in Bern, lebt er in seiner Heimatstadt und in Südfrankreich.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2020 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Valery Bareta / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6642-7
»Die Herrschenden müssen bewacht werden, nicht die Beherrschten.«
Friedrich Dürrenmatt (1921–1990)
*
Gewidmet meinen Vorbildern Friedrich Dürrenmatt (Kommissär Bärlach), Friedrich Glauser (Wachtmeister Studer) und Raymond Chandler (Privatdetektiv Philip Marlowe)
Personen und Handlungen des Kriminalromans sind frei erfunden, beim politischen und gesellschaftlichen Umfeld lassen sich Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit nicht ausschließen.
Das beschriebene Verbrechen in Bern geschah noch vor der Corona-Krise. Die weltweite Viruspandemie kurz danach beeinflusste jedoch auch das schweizerisch-chinesische Überwachungssystem, das im Buch eine zentrale Rolle spielt und kurzerhand zur hochwirksamen Seuchenbekämpfung aufgerüstet wird.
Die wichtigsten Figuren (in der Reihenfolge des Auftretens):
Meret Moser, Schweizer Staatssekretärin für Wissenschaft
Paul Pion, Wissenschaftsblogger und Stadt-Streuner
Chung Chen, Milliardär und Investor aus Shenzhen
Nora Nuspliger, Kriminalkommissarin bei der Berner Kantonspolizei
Schämpu (Jean-Pierre) Schnyder, Inspektor bei der Bundeskriminalpolizei
Sandro Saletti, Professor und Forschungsleiter am Zürcher Polytechnikum
Belinda Bärtschi, Chefin eines Berner Start-ups mit Filiale in Shenzhen
Das Glossar am Schluss will die mitwirkende Wissenschaft und Technik sowie den Lokalkolorit ausschmücken.
Erinnern Sie sich noch? Es geschah vor der Corona-Krise, vor mehr als einem Jahr. China hatte damals die Welt heftig empört, gleichzeitig auch verunsichert. Die offizielle Schweiz schwieg, Bundesbern blieb stumm. Was war geschehen? Der chinesische Staatspräsident erklärte in einem global verbreiteten Fernsehinterview, sein Land wolle die allgemeine Überwachung perfektionieren.
Die 1,4 Milliarden Chinesinnen und Chinesen sollen künftig online auf Schritt und Tritt beschirmt werden, sagte der Vorsitzende von Partei und Militär. Das ehrgeizige Vorhaben sei eine sinnreiche Maßnahme zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit, die hochwirksame Garantie für einen stabilen Volksfrieden und eine gute Gesundheit.
Der Staatschef sprach von einem neuartigen Gesichts- und gleichzeitig Gefühlserkennungssystem, womit das Volk sich diskret, aber lückenlos kontrollieren ließe. Mehr Einzelheiten gab der »Oberste Führer« nicht bekannt. Westliche Experten bezweifelten jedoch, dass Chinas Innovationskraft ausreiche, um eine solche Technologie, basierend auf künstlicher Intelligenz (KI), alleine zu entwickeln. Die Zusammenarbeit mit Spitzenuniversitäten des Westens sei deshalb zwingend nötig.
Mit der Schweiz pflegt Peking seit Langem eine diplomatische Freundschaft, verbunden mit gedeihlichen Wirtschaftsbeziehungen. Beide Seiten profitieren davon. Die Schweiz vom Export hiesig produzierter Güter in zweistelliger Milliardenhöhe, China unter anderem von der Unterstützung des renommierten Zürcher Polytechnikums, wo das lauthals angekündigte Überwachungssystem erforscht wird.
Die KI-Forschung, vor zwei Jahren gestartet, kam jedoch für China viel zu langsam voran. Die Zeit drängte, bremsten doch mehrere Handelskriege die Wirtschaftsentwicklung schmerzhaft. Der Präsident des Reichs der Mitte brauchte eine absehbare Erfolgsmeldung, um sich an der Macht halten zu können.
Die hochpräzise Kontrolltechnologie wäre ein solcher Triumph und verspricht prosperierende Aussichten. Doch Peking stieß mit seiner Forderung, das Projekt zu beschleunigen, bei der Schweizer Regierung auf wenig Verständnis. Grundlagenforschung brauche ihre Zeit, verwertbare Resultate ließen sich nicht erzwingen, hieß es aus Bundesbern.
Die Wahl eines neuen Bundesrats vor acht Monaten bot China freilich einen Vorwand, die Schweizer Regierung vehement unter Druck zu setzen. Das frischgewählte Ratsmitglied hatte nämlich in der Vergangenheit öffentlich Sympathie gezeigt für die Befreiungsbewegung in Tibet, der Heimat seines Vaters.
Peking war darüber sehr erbost und drohte, seinen bestellten Großeinkauf von Schweizer Kleinflugzeugen, Bahnwaggons und Hightech-Waffenteilen zu streichen. Die hiesige Wirtschaft gab sich besorgt und antichambrierte in Bundesbern, zahllose Arbeitsplätze seien in Gefahr.
Hinter den Kulissen setzte China massiven Druck auf und bewirkte, dass das mächtige Land die KI-Forschung finanziell maßgeblich unterstützen und somit schneller vorwärtstreiben konnte.
Die Einflußnahme der großen Volksrepublik auf die öffentlich finanzierte Forschung in der kleinen Schweiz hat sich als heikel erwiesen. Verschiedene Interessen sind ins Spiel gekommen. Menschlicher, politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Art. Die Ereignisse rund um die verhängnisvolle Überwachungstechnologie gerieten teilweise außer Kontrolle und haben Bundesbern in helle Aufregung versetzt.
Niemand ahnte allerdings, dass die miteinander verstrickten Machenschaften rund um das schweizerisch-chinesische Forschungsprojekt eine verbrecherische Wendung nehmen könnten. Daraus ist ein regsamer Bundesbern-Kriminalfall geworden. Dessen Drama nahm an einem frühen Morgen im Wonnemonat Mai seinen Lauf.
Das Coronavirus war damals noch nicht auf den Menschen übergesprungen, das Überwachungssystem wurde jedoch später erfinderisch erweitert, um damit auch Massenerkrankungen möglichst rasch in den Griff zu bekommen.
Montag, 06.21 Uhr
Die Bremse quietscht fürchterlich. Bernhard Bühler flitzt auf seinem Fahrrad hinunter an die Aare. Das Sträßchen von der Lorraineher ist extrem steil, die Luft recht frisch. Seit Tagen nervt sich Bühler wegen der lockeren Bremsklötze am Vorderrad. Heute will er sie endlich reparieren.
Der Himmel über Bern ist wolkenlos, ein strahlender Frühlingstag erwacht. Vielerorts hört man die Vögel zwitschern. Die Aare fließt hoch, das Wasser hellbraun, vermischt mit Schlamm und Sand. Letzte Nacht ließen heftige Gewitter den Pegelstand im Oberland ansteigen.
Am Fluss angekommen, steigt Bühler vom Rad und schiebt es über den engen Steg. Das Brückchen beim Stauwehr führt zu seinem Arbeitsplatz, einem besonderen Posten.
Bühler ist hier Wehrwärter, gegen die 60, seit eh und je angestellt bei der städtischen Elektrizitätsversorgung. Zuständig für die Instandhaltung der verschiedenen Anlagen, wofür er regelmäßige Kontrollgänge vornimmt. Ein verlässlicher, loyaler Typ vom alten Schlag, fadengrad. Kurz vor halb sieben schließt er das mächtige Gittertor zum Betriebsgelände des Wehrs auf. Heute ist Bühler früher dran als sonst.
Das Engehalde-Wehr staut die Aare und leitet den Großteil des Wassers durch einen 550 Meter langen Stollen hinüber zum tiefer gelegenen Kraftwerk Felsenau, das auf der anderen Seite der Engehalbinsel Strom produziert. Bern wurde im Mittelalter zur Verteidigung in mehreren Schleifen der Aare angelegt. Die Stadt weist dadurch verschiedene halbinselartige Gebiete auf. Eines davon ist die im Norden gelegene Engehalbinsel.
Bühler hat schlecht geschlafen, sich über die Heimkehrer geärgert, die während der Nacht lärmend durch die leeren Straßen seines Quartiers gezogen sind. Am gestrigen Sonntagabend konnten die Berner Young Boys nach dem Sieg über den FC Thun ihren Meistertitel zelebrieren, zum zweiten Mal in Folge. Es war das letzte Spiel der Saison. Der Stadtpräsident bewilligte volksnah eine Freinacht. Die Party im Wankdorfstadion war rauschend, und am Umzug durch die Altstadt nahmen Tausende von begeisterten Anhängern teil.
Die sonst eher zurückhaltenden Bernerinnen und Berner feierten bis in die frühen Morgenstunden. Ausgelassen und friedlich. Sogar in der »Reitschule«, einem alternativen Kulturzentrum der hiesigen Jugendrebellen, herrschte gewaltlose Freude, wie das Lokalradio spätabends meldete.
Bühler ist kein Fußballfan, er bevorzugt Eishockey. Da geht es für ihn rasanter, körperbetonter zur Sache. Dynamik pur. Der Schlittschuh-Club Bern, kurz SCB, spielt landesweit ebenfalls vorne mit. Vor einem anderen, mehr durchmischten und ebenso zahlreichen Publikum, auch mit vielen weiblichen Fans. Es geht um weniger Geld, das Geschäft mit den Spielern ist bescheidener.
Vor Sonnenaufgang kehren jetzt die letzten YB-Getreuen nach Hause zurück, Bühler ist oben in der Lorraine einigen Grüppchen begegnet, nicht bloß benommen vom Hochgefühl für ihren Fußballklub. Auch der übermäßige Alkohol zeigt seine berauschende Wirkung. Zu dritt, zu viert torkeln sie durch die ausgestorbene Stadt, manchmal singend, häufig heiser brüllend. Aber harmlos.
Völlig nüchtern dagegen ist Wehrwärter Bühler. Gestern Abend haben seine Frau und er auf dem Balkon nach dem Nachtessen sich noch einen Grappa genehmigt, das war’s. Der schlechte Schlaf trieb ihn dann in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett.
Den vorgezogenen Arbeitsbeginn will er heute mit einem früheren Feierabend kompensieren. Angesagt ist ein geselliges Treffen im Kollegenkreis, das schöne Wetter soll anhalten.
Bald halb sieben. Um diese Zeit vermag die Sonne ihre Strahlen noch nicht in den Aaregraben unterhalb des Stadtzentrums zu werfen. Aber es ist Mitte Mai und bereits taghell, und Bühler erschrickt, als er im Vorbecken des Stauwehrs den leblosen Menschen entdeckt.
Ziellos treibt dieser an der Wasseroberfläche, wird von den Strudeln hin und her gerissen, immer wieder untergetaucht. Die Rechenanlage hat ihn davor bewahrt, in den Stollen gesogen und von den Turbinen im Kraftwerk brutal zerfetzt zu werden.
Der Wehrwärter fixiert den toten Körper mit einer Rettungsstange, versucht ihn mit den Händen aus dem Wasser zu ziehen. Ohne Chance, er rutscht weg. Erst nach mehreren Anläufen gelingt es. Die Leiche ist groß gewachsen, sehr schlank, ja mager. Eine jung aussehende Frau, die Kleider teilweise weggerissen. Ihre Glieder schlaff, die Haut weiß und kalt, das Gesicht leicht bläulich, die großen Augen schielend unter gesenkten Lidern, der Mund weit offen. Schauderhaft anzusehen. Immer wieder.
Es ist Bühlers siebte Leiche in seinen fast 30 Arbeitsjahren hier. Die meisten waren Leidtragende eines Unfalls oder plötzlichen Unwohlseins, doch ebenfalls Opfer von Verbrechen und Selbstmörder. Jedes Mal ein Trauma, das ihn monatelang plagen wird. Berufsrisiko halt, wie beim Lokführer.
Er zerrt die Tote auf den Betonboden und legt eine grüne Plastikplane darüber. Das kostet Kraft, Bühler ist außer Atem, nicht mehr der Jüngste. Er keucht. Sein hellgrüner Pullover und die beige Hose sind bei der Bergungsaktion nass geworden. Nebenan brausen die Wassermassen über die drei geöffneten Wehre. Gewaltig anzusehen, tosender Lärm.
Über den fallenden Fluten sieht die Luft milchig aus, geschwängert mit Wassertropfen. Das vom Osten durch die Bäume dringende Morgenlicht hellt die Szenerie stimmungsvoll auf. Unterdessen ist es sieben geworden. Schon kommen die ersten Jogger vom Altenberg her angerannt. Vor Arbeitsbeginn absolvieren sie entlang der Aare ihr diszipliniertes, manchmal verbissenes Training. Sie bemerken nichts Ungewöhnliches, alles nimmt seinen üblichen Lauf.
Im ohrenbetäubenden Rauschen des Flusses zieht Bühler, noch fassungslos und geschockt, sein Smartphone aus der Hosentasche. Wie in Trance wählt er die Notrufnummer 117. Auf der Gegenseite meldet sich ein übernächtigter Beamter: »Kantonspolizei, guten Tag! Wie können wir Ihnen behilflich sein?«
Mit brüchiger Stimme berichtet Bühler über den traurigen Fund. Seine Hände zittern.
Montag, 08.14 Uhr
Herrlich duften die zwei Tassen auf dem Küchentisch. Eine quadratische Wanduhr lässt den Sekundenzeiger kreisen, das Radio läuft. Aus den Lautsprechern plärrt der übliche Klamauk zum Tagesbeginn. Alice Nuspliger und Paul Pion, beide um die 30, zelebrieren geradezu förmlich den aromatischen Morgenkaffee, selbstverständlich mit dem obligaten Schäumchen.
Für dieses verbindende Ritual haben sie sich eine italienische Topmaschine angeschafft. Kostete viel Geld, doch es hat sich gelohnt. Der Espresso schmeckt genauso wie in Bella Italia, dem besten Kaffeeland der Welt.
Das unverheiratete Paar wohnt seit drei Jahren im Mattequartier, unterhalb des Berner Münsters. Zur Miete in einer kleinen, bescheidenen Wohnung, Teil eines ehemaligen Gewerbehauses, direkt an der Aare gelegen, mit Blick auf den Bärengraben. Die meisten Möbel stammen aus dem Brockenhaus, preiswert, doch stilsicher ausgesucht. Ein riesiges Büchergestell steht im Wohnraum, mit den gesammelten Werken von Karl Marx, Ernst Bloch und Bertolt Brecht, auch Soziologe Herbert Marcuse und Friedensforscher Johan Galtung sind vertreten. Irgendwie verzopft. Zeitgenössisch sind immerhin die Philosophen Peter Sloterdijk und Slavoj Žižek. Liberale und linke Ideologie vereint, im intellektuell hippen Gleichschritt der Moderne. Auffällig die unsägliche Menge gestapelter Zeitungen und Zeitschriften auf den alten Industrieböden.
Jetzt sitzen Alice und Pion, wie häufig nach dem Aufstehen, am langen Küchentisch, einem angejahrten Juwel mit einer leicht gewölbten Platte aus Lindenholz. Auf dem Handy kontrollieren sie die eingetroffenen Mails, reagieren auf neue SMS und durchstöbern die aktuellen Tweets. Manchmal hört man einen Lacher, ab und zu eine Bemerkung zum Weltenlauf, meist herrscht aber disziplinierte Stille. Facebook lassen sie aus, zu aufwendig.
Pion hat beim Bäcker in der Nähe bereits frische Gipfel gekauft, um den Montagmorgen zu überstehen. Der Wochenbeginn zählt nicht zu seinen Stärken. Das Gebäck mindert ein wenig den Blues. »Und wie war gestern die Meisterfeier im Wankdorf?«, fragt er.
Alice schreibt als Reporterin für die »Berner Zeitung«, kurz BZ,und bekam eine Spezialerlaubnis zum Besuch der Party in der VIP-Loge des Stadions. Das Stelldichein der Berner Prominenz erwies sich als wahrer Fundus für aufschlussreiche Beobachtungen. Die Promis sind bekanntlich eitel und buhlen diskret, doch gierig um Medienpräsenz.
»Sehr spannend, eine illustre Gesellschaft kam da zusammen«, sagt sie.
»Komm, erzähl schon!« Pion wird neugierig.
»Zuerst lobte unser adliger, wie gewohnt manierlicher Stadtpräsident die Mannschaft offiziell in den feinsten Tönen, dann dankte der poltrige YB-Sportdirektor der Stadt für das Gastrecht. Und natürlich den anwesenden Sponsoren für ihre großzügige Unterstützung.«
»Wie heißt er denn, dieser stets herumbrüllende Sportdirektor?«
»Fritz Fuhrimann, hemdsärmeliger Fußball-Apparatschik, aber mit allen Wassern gewaschen. Genauso wie der chinesische Milliardär Chung Chen, der auch herumstolzierte. Wie viele andere mehr oder weniger Prominente.«
»Wer denn noch?«, fragt Pion ungeduldig. »Spann mich nicht auf die Folter, vor allem frühmorgens!«
»Warte, warte, es kommt gleich.« Alice bedient die zischende Maschine und füllt sich eine zweite Tasse, diesmal einen doppelten Espresso. Genüsslich schnuppert sie daran. »Beispielsweise die chinesische Botschafterin und ihr Wissenschaftsattaché, die Staatssekretärin für Wissenschaft aus der Bundesverwaltung und dann eben, wie erwähnt, Chung Chen samt zwei Bodyguards.«
»Das tönt ja richtig konspirativ.« Pion reibt sich demonstrativ die Hände. »Waren doch da die wesentlichen Personen versammelt, die mit ›Face & Feeling‹ zu tun haben.«
»Face & was?«
»Tu nicht so unwissend, meine Liebste. Das regt mich auf.« Pion wird plötzlich aufgebracht, sichtbar beleidigt, nimmt einen kräftigen Schluck aus seiner Tasse, beißt in den weichen Buttergipfel und brabbelt mit vollem Mund: »Du erinnerst dich sicher an meinen Post vor ein paar Wochen über die Machenschaften im Staatssekretariat für Wissenschaft?« Auf Bitte seines Informanten durfte er nicht die ganze Wahrheit aufdecken und hat sich maßlos geärgert.
»Klar habe ich das nicht vergessen, Amore, dein Lieblingsstoff zurzeit!«, frotzelt Alice und lacht.
»Face & Feeling« heißt das Forschungsprojekt zu einem neuartigen und extrem verlässlichen Gesichtserkennungssystem, dessen leistungsstarker Algorithmus gleichzeitig auch die Gefühle der Identifizierten bestimmen kann. Die Innovation, basierend auf künstlicher Intelligenz, kommt aus den Labors des Zürcher Polytechnikums, größtenteils finanziert von den Chinesen.
Pion schreibt auf seinem Blog über wissenschaftliche Themen. Eigentlich ist er freischaffender Journalist, arbeitet zum Geldverdienen jedoch hauptsächlich für Broschüren und Magazine von Universitäten, Fachhochschulen und Bundesämtern. Selten auch für Printmedien, falls er eine heiße Story anbieten kann. Seine Spezialität sind die digitalen Technologien wie Robotik, künstliche Intelligenz und virtuelle Realität.
Big Data ist Pions aktuelles Zauberwort, die Verarbeitung und Auswertung Abermilliarden von Daten aller Art. Für Pion führen diese Technologien zu Orwell 2.0, zum global total gläsernen Menschen. Im Westen zum Nutzen der Wirtschaft, im Osten im Dienst autoritärer Staatssysteme.
»Und übrigens hat sich Chung Chen heftig an die Staatssekretärin rangemacht«, weiß Alice. »Wie heißt sie nur?«
Pion reagiert wie aus der Kanone, immer noch gereizt: »Meret Moser, diese Ehrgeizlerin will alles unter dem Deckel halten, sämtliche Pressionen und Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit ›Face & Feeling‹, das die Chinesen unbedingt möglichst rasch und vor allem exklusiv als Produkt auf den Markt bringen wollen.« Er scheint aufgewühlt und knipst sich nervös eine elektronische Zigarette an.
»Ich weiß, ich weiß. Du wiederholst dich, komm herunter!« Alice verfasste kürzlich in der BZ ein hintergründiges Porträt über Chen, das nicht überall gut angekommen ist. Der Chefredaktor selbst hat es redaktionsintern gerühmt, die chinesische Botschaft hingegen protestiert, weil darin »sicherheitsrelevante und ökonomisch heikle Informationen« publik geworden seien. Das werde Folgen haben, drohte die diplomatische Vertretung.
So konnte man erfahren, dass Chen, einer der 400 US-Dollar-Milliardäre Chinas, kürzlich ein Viertel der Aktien der Schweizerischen Bundesbahnen erworben hat und nun lukrative Bahnstrecken wie diejenige zwischen Zürich und Bern mit Superschnellzügen befahren lassen will. Diese Nachricht löste in den sozialen Medien einen landesweiten Shitstorm aus. Die SBB in fremden Händen, hierzulande ein absolutes No-Go!
Allerdings erfordert die geplante Expressbahn noch erhebliche Investitionen ins Schienennetz, denn die Schweiz hat die Bahninfrastruktur in den letzten Jahrzehnten sträflich vernachlässigt. Da die Bundesbahnen mehrheitlich im öffentlichen Besitz sind, muss der Staat hier einiges an Geld einsetzen.
Der neureiche Chinese schert sich aber um langfristige Finanzvorhaben und will möglichst schnell absahnen. Genauso wie in Argentinien, wo Chen ein Dutzend Rinderfarmen aufgekauft hat, um dort die Steaks für den rasant wachsenden Mittelstand Chinas produzieren zu lassen.
Auch der Schweizer Fußballmeister profitiert von Chens Geldsegen, konnte man lesen. Die Berner Young Boys sind ein traditionsreicher Verein, kennen aber keinerlei Skrupel gegenüber dem schnöden Mammon der Moderne. Den argentinischen Starspieler Benito Banegas, unangefochtener Torschützenkönig der helvetischen Meisterliga, verdankt YB dem chinesischen Mäzen. Chen hat den Mittelstürmer für eine traumhaft hohe Summe von den legendären Boca Juniors in Buenos Aires eingekauft.
Alice brachte in der BZ auch die eitlen Seiten des Tycoons zur Sprache, der aus der südchinesischen Hightech-Metropole Shenzhen stammt. Er fährt einen knallroten Zotye SR9. Der luxuriös-sportliche SUV aus China ist dem Porsche Macan wie aus dem Gesicht geschnitten. Eine exakte Kopie, nur um einiges günstiger. Damit wolle er vor allem den Frauen imponieren, sagen böse Zungen.
»Wie gesagt, gestern Abend ist Chen der Sprit nach einigen Gläsern Prosecco bös in den Kopf gestiegen. Genetisch bedingt bauen seine Enzyme den Alkohol sichtlich langsamer ab als bei anderen Ethnien«, nimmt Alice lakonisch den Faden wieder auf. »Stell dir den klein gewachsenen Chinesen vor, wie er sich vor der zwei Köpfe größeren Staatssekretärin Moser aufplustert. Sie im schicken, weißen Hosenanzug, er im zerknitterten Tenue und loser Krawatte. Mit seinen ausgelatschten, dunkelbraunen Schlupfschuhen trampelte er beinahe auf ihre dezent weinroten Pumps. Ich war nahe dabei.«
»Wie in einem schlechten Film«, bemerkt Pion schnippisch und bläst den Dampf seiner E-Zigarette großzügig in die Küche.
»Aber getoppt von der Realität«, ergänzt Alice schlagfertig.
»Die Riesin und der Wicht, eng miteinander verstrickt«, meint Pion und grübelt stumm weiter: Moser managt im Auftrag des Bundes »Face & Feeling«. Das internationale Vorzeigeprojekt entscheidet über ihre weitere Karriere. Chen wirft dafür viel Geld ein und will die Resultate in Form von Patenten und Lizenzen einstreichen. Davon verspricht er sich ein Bombengeschäft, mehrere Regierungen zeigen großes Interesse.
»Nun, gestern glaubte Chen, Mosers Abhängigkeit von ihm ausnützen zu können«, treibt Alice die reale Filmszene weiter. Ihre großen Augen werden düster, das Gesicht ernst. »Er fabulierte, ereiferte und vergaß sich. Hat dann plötzlich seine Stirn an Mosers Busen und ihre protzige Perlenkette gedrückt und die Staatssekretärin umarmt. Das geschah in einer dunklen Ecke der VIP-Loge, ich habe es aber deutlich gesehen.«
»Du meine Güte, der Film respektive die Wirklichkeit wird immer besser!«
»Sie hat sich sofort gewehrt und ihn weggestoßen. Er wurde richtig aggressiv und klammerte sich an ihr fest, hat er doch als Asiate völlig sein Gesicht verloren.«
»Und dann?«
»Schließlich ließ er die Frau los. Sie war nur kurz aus der Fassung geraten. Niemand außer mir scheint den Vorfall bemerkt zu haben. Oder man hat einfach weggesehen. Die beiden Bodyguards standen quasi Schmiere. Chen wandte sich danach anderen Gästen zu. Die Runde feierte heiter weiter. Auch Moser schien die Party unbeeindruckt fortzusetzen, zumindest vordergründig.«
»Augenscheinlich hat sie die eindeutige sexuelle Belästigung kurzerhand weggesteckt, völlig emotionslos.«
»Du sagst es«, bestätigt Alice.
Unterdessen ist es schon fast zehn, der Morgen bereits zur Hälfte vorbei, und es gibt noch so viel zu tun. Alice muss möglichst schnell, spätestens am späten Nachmittag, ihren Bericht über die Promiparty abliefern. Die Zeit und ihre Zeitung drängen. Die ehrgeizige Journalistin profitiert vom Vorteil, die hiesigen Szenen, Milieus, Zirkel und manchmal sogar Kasten gründlich zu kennen. Das hiesige Gesellschaftstheater ist ihr bestens vertraut.
Berns vornehme und begüterte Kreise erinnern immer noch ans Ancien Régime vor der französischen Revolution. Gewisse Privilegien und althergebrachte Sonderrechte sowie natürlich Besitztümer vererben die Notablen ungeachtet demokratischer Strukturen munter weiter, wenn auch sehr verschwiegen. Die Fäden der lokalen Macht werden im Hintergrund gezogen, beispielsweise durch die Burgergemeinde. Höchst raffiniert, aber wirksam.
Gestern in der VIP-Loge kamen neue Mitspieler hinzu: fremdländisches, steifes Botschaftspersonal und ein gefallsüchtiger Neureicher aus dem Reich der Mitte, eine karrierebewusste Spitzenbeamtin aus dem Bundeshaus, hemdsärmelige Sportfunktionäre eines erfolgreichen Traditionsvereins. Dazu die üblichen Größen aus der Lokalpolitik und die Schickeria aus der Kulturszene. Eine heterogene Mixtur. Die altüberlieferte, behäbige Berner Eigenart mischt sich dabei mit teilweise exotischem Temperament zu einem soziologischen Cocktail von kosmopolitischer, raffinierter Wendigkeit.
Alice hat soeben gedanklich das Konzept ihres Artikels entworfen, was sie ein wenig vom Stress entlastet. Jetzt packt sie hastig ihre Sachen zusammen, Notebook und über Nacht aufgeladenes Handy, nimmt einen letzten Schluck Kaffee und will sich verabschieden.
Just in dem Moment strahlt das Lokalradio eine Polizeimeldung aus. Der Moderator liest steif vom Blatt, man hört es deutlich, mit einer fast qualvoll eintönigen Stimme: »Heute am frühen Morgen wurde in der Aare beim Engehalde-Wehr der Leichnam einer Frau gefunden. Die Tote ist zwischen 30 und 35 Jahre alt, von großer Statur und trägt kurze, blonde Haare. Ihre Identifikation sowie der Verdacht auf ein mögliches Tötungsdelikt sind Gegenstand von Ermittlungen. Sachdienliche Hinweise sind erbeten an die Kantonspolizei Bern.«
Das Paar lauscht gespannt und schaut sich kurz an. Er schaltet den Apparat aus. Sie, in blauen Jeans, frecher Jacke und kurzen Stiefeln, nimmt ihre Tasche. Es bleibt keine Zeit zum Austausch, die Pflicht ruft. Kurzer Abschiedskuss.
