Radikal - Yassin Musharbash - E-Book

Radikal E-Book

Yassin Musharbash

4,6
8,99 €

Beschreibung

Im Fadenkreuz von Fanatikern – ein beängstigend realistischer Politthriller Ein Thriller über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Terrorismus. Eine Momentaufnahme einer Gesellschaft im Alarmzustand. Eine Spurensuche in mehr als nur einem Milieu, in dem Radikale auf dem Vormarsch sind. Lutfi Latif ist die deutsche Antwort auf Barack Obama: ein charismatischer Intellektueller mit ägyptischen Wurzeln, einer ebenso klugen wie hübschen Frau und dem Potenzial, die deutsche Islamdebatte komplett aufzurollen. Aber kaum in den Bundestag gewählt, gerät der Vorzeigemuslim ins Fadenkreuz von Radikalen. Mitten im Berliner Regierungsviertel kommt es zu einem Anschlag auf Latif. Das Terrornetzwerk Al-Qaida bekennt sich zu der Bluttat, die deutsche Politik gerät in Aufruhr, die Stimmung im Land verschärft sich: Osama Bin Ladens Schergen haben in Deutschland zugeschlagen, mit Ansage. Doch Latifs Assistentin Sumaya al-Shami und der Terrorexperte Samuel Sonntag haben Zweifel. Sie ermitteln auf eigene Faust – und stellen bald fest, dass der Kreis der Verdächtigen größer ist. Ihre Ermittlungen führen sie in die Abgründe des Extremismus, in Kreuzberger Internetcafés und Zehlendorfer Villen, in Sozialwohnungen im Wedding und an Potsdamer Seegrundstücke. Vor allem aber bringen ihre Nachforschungen sie in Gefahr, denn für die Suche nach der Wahrheit müssen sie weit gehen, vielleicht zu weit. Und was ist das überhaupt: die Wahrheit?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 608




Yassin Musharbash

Radikal

Thriller

Kurzübersicht

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> Inhaltsverzeichnis

> Über Yassin Musharbash

> Über dieses Buch

> Impressum

> Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

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Inhaltsverzeichnis

Personen und EreignisKapitel IKapitel IIKapitel IIIKapitel IVKapitel VKapitel VIKapitel VIIKapitel VIIIKapitel IXKapitel XKapitel XIKapitel XIIKapitel XIIIDanke
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Fast alle Personen und Ereignisse, die in diesem Buch auftauchen und geschildert werden, sind fiktiv. Das schließt bewusste Anspielungen ebenso wenig aus wie absichtliche Verfremdungen.

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I

Niklas Weissenthal war das Produkt einer langen Serie fehlgeschlagener Erziehungsversuche, und er wusste das selbst am besten. Es war 9 Uhr 27 am Montag, und Niklas hätte eigentlich in der zweiten Reihe des Raumes 25 sitzen müssen, um den Ausführungen von Hartmut Blohm zu folgen, bis zu den Abitur-Vorprüfungen waren es schließlich nur noch wenige Monate. Doch statt im Grundkurs Mathematik saß Niklas Weissenthal in seinem Zimmer, genauer gesagt an seinem Schreibtisch. Seine Hände ruhten regungslos auf der Tastatur seines Computers, die rechte Hand stieß dabei an eine fast leere Tüte Paprikachips, die linke trennten nur wenige Zentimeter von einer halb leeren Literflasche Eistee. Der Fußboden war übersät mit Dreckwäsche. In einer Ecke stapelten sich vergessene Pizzakartons. Zwei der drei Türen des Kleiderschrankes wiesen Graffiti sowie Spuren nackter Gewalt auf. Die Tür, die vom Flur der Altbauwohnung in Niklas’ Zimmer führte, war durch eine Metallkette gesichert – von innen. Auch die Tür war mehr als einmal eingetreten worden, von beiden Richtungen.

Neben dem gigantischen Monitor, vor dem Niklas saß, stand ein im Vergleich winziger Fernseher. Das Bild war halb verdeckt von einem vor Wochen umgekippten Lampenschirm. Ein Nachrichtensprecher berichtete gerade von der nunmehr zweiten Welle israelischer Luftangriffe auf Gaza-Stadt an diesem Morgen. Niklas hörte nicht hin. Er war erschöpft und aufgekratzt zugleich, aufnahmefähig für oder gar interessiert an den aktuellsten Massakern war er nicht.

Den größten Teil der Nacht hatte Niklas online verbracht, um sich abzulenken, vorwiegend mit verlustreichen Pokerrunden. Morgens um drei hatte er auf sein bevorzugtes Computerspiel gewechselt. Erst vor wenigen Momenten hatte er die Einwohnerschaft von Paris mithilfe mehrerer nuklearer Sprengköpfe um die Hälfte reduziert.

Der Sieg stand unmittelbar bevor.

Doch anstatt den nächsten Zug zu machen, zu dem ein regelmäßig blinkendes Icon ihn aufforderte, drehte er sich aus den Resten, die er in seinem Lederbeutel finden konnte, einen letzten, ziemlich dünnen Joint. Er wusste, dass es hoffnungslos war, von dem Joint Beruhigung zu erwarten. Nicht, wenn man zehn Stück am Tag rauchte. Er steckte ihn trotzdem an.

Erneut ging Niklas im Kopf die Wahrscheinlichkeiten durch. Wenn seine Abwägung positiv ausfiel, versprach sich Niklas, dann würde er sich wenigstens aufraffen, zur fünften und sechsten Stunde in der Schule aufzutauchen. Dann würde der Chemie-Leistungskurs stattfinden, das Einzige, was ihn dort interessierte.

Niklas hörte, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel. Nun hatte also auch seine Mutter das Haus verlassen, wie immer grußlos, und wie immer würde irgendeine Aufforderung wie »Geh zur Schule, verdammt!« auf dem Küchentisch liegen. Vielleicht, dachte Niklas, würde es jetzt leichter sein, klar zu denken, wenn außer ihm niemand mehr in der Wohnung war.

Er trat auf den Balkon seines kleinen Zimmers in der Soldiner Straße im Berliner Stadtteil Wedding. Die Morgensonne war fahl genug, ihn nicht zu blenden, wofür er dankbar war. Sein Blick fiel auf das schmale Ufer der Panke, ein dünner Bach, der direkt neben dem Haus entlangfloss, gesäumt von Weiden und Trampelpfaden an beiden Seiten, die vor allem Jogger und türkische Mütter mit Kinderwagen frequentierten. Etwa einen Kilometer nördlich von hier begann auf der von ihm aus gesehen linken Uferseite eine Schrebergartensiedlung mit kleinen Lauben. Und genau dort, in einem leicht verlotterten Gartenhaus, dessen Name ein kleines Holzschild als »Dora« auswies, hatte Niklas Weissenthal vor ziemlich genau zehn Stunden zum ersten Mal in seinem Leben etwas von seinem selbst produzierten Sprengstoff verkauft. Acetonperoxid, auch bekannt als TATP oder APEX.

Also, fragte sich Niklas zum hundertsten Mal, während sein Blick einem über die Straße kullernden Basketball folgte, wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass sein Kunde ein Terrorist war?

Es fiel ihm schwer, die Fakten zu sortieren. Die Fragen überwogen. Zum Beispiel diese: Wie hatte der Mann überhaupt wissen können, dass Niklas über TATP verfügte? Oder diese: Wieso war der Mann so selbstverständlich davon ausgegangen, dass Niklas Geld brauchte? Und zwar so selbstverständlich, dass er ohne nachzudenken einen gerade noch annehmbaren Preis genannt hatte, der trotzdem deutlich unter dem gängigen Schwarzmarktpreis lag? Natürlich, dachte Niklas, könnte man auch die sehr berechtigte Frage stellen, wie high man eigentlich sein muss, um Sprengstoff zu verkaufen.

Aber diese Fragen helfen mir nicht weiter, erkannte er im nächsten Moment. Der Deal ist längst gelaufen. Ich habe keinen Einfluss mehr auf das, was jetzt passiert. Es geht nur noch darum, mich zu beruhigen.

Khaled. So hatte der Mann sich genannt. Niklas wusste, dass das ein arabischer Name war. Nicht nur wegen Khaled Scheich Mohammed, dem angeblichen oder mutmaßlichen oder erwiesenen oder Was-auch-immer-Mastermind der Anschläge vom 11. September 2001. Niklas wusste das, weil er im Wedding lebte. Als Deutscher. Zu erkennen, ob jemand Türke oder Araber war, konnte hier den Unterschied zwischen Schulterklopfen und einer blutenden Nase ausmachen. Niklas verstand zwar kaum ein Wort in einer dieser beiden Sprachen, aber er konnte an der Aussprache des Deutschen eindeutig erkennen, ob jemand Türke oder Araber war. Sogar Kurden hörte er heraus. Und Khaled hatte nicht nur einen passenden Namen, er sprach Deutsch auch genau so, wie Niklas es von den Arabern kannte. Daran bestand kein Zweifel. Selbst wenn Khaleds Vokabular, seine langen und verschachtelten Sätze, seine teure Kleidung und sein selbstsicheres Auftreten ebenso sicher den Schluss zuließen, dass er nicht von hier war. Nicht aus dem Wedding und vermutlich nicht einmal aus Berlin.

Niklas nahm einen tiefen Zug. Scheiße, dachte er, ich hab Sprengstoff an einen verschissenen Araber verkauft, ich bin dran. Natürlich ist er Terrorist. Und irgendeine Spur wird am Ende zu mir führen.

Andererseits, wog Niklas ab, ist es eine Menge Kohle, selbst wenn man dabei ein Risiko eingeht.

Einige Minuten lang malte er sich aus, was er damit würde anstellen können. Doch auch dieses Ablenkungsmanöver hielt er nicht lange durch. Denn es war leider gar nicht viel Geld, wenn man im Grunde nur kiffte, um die Zeit zwischen anderen Highs zu überbrücken. Und deshalb würde er, das ahnte Niklas, das Geld weder für eine Weltreise noch als Startkapital für einen Headshop verwenden, sondern zu schätzungsweise drei Vierteln in Drogen und einem Viertel in Chemikalien investieren. Genau wie er es mit allem anderen Geld, das er gehabt hatte, in den letzten drei Jahren getan hatte.

 

500ml Wasserstoffperoxid zu 49,5 Prozent, ein Liter Schwefelsäure zu 96 Prozent und ein Liter Salpetersäure zu 65 Prozent, dazu ein bisschen Aceton: Mehr brauchte man nicht, um eine ziemlich mächtige Charge TATP herzustellen. Wirklich teuer war das Zeug nicht, die Zünder zu besorgen, konnte ein Problem sein, aber dafür gab es den Kick beim Kochen und den Wums beim Kratersprengen nachts auf den Feldern in der Brandenburger Pampa gratis dazu.

Seine Mutter setzte schon lange keinen Fuß mehr in die Laube, die sie von ihrem Vater geerbt und in der Niklas vor einem Jahr unter dem Vorwand, es würde ihm beim Chemie-LK helfen, sein Labor eingerichtet hatte. Ob sie wusste, was er dort trieb, und deshalb fernblieb? Niklas überlegte kurz, ob es ihn rühren müsste, wenn es so wäre, kam aber zu dem Ergebnis, dass dies nur eine weitere Spielart von Desinteresse und Problemverdrängung darstellen würde.

Niklas trat den Joint auf dem blau übergestrichenen Betonboden des Balkons aus. In der Teufelsbar, einer traurigen Kneipe direkt gegenüber, versammelten sich die Frühaufsteher unter den Alkoholikern zu einem Frühstück, das aus einem halben Liter Bier und einigen hinterhergespülten Schnäpsen bestehen würde. Auf der Straße unter ihm rückten die ersten Frauen mit fahrbaren Einkaufstaschen mit Karomuster aus, die sie geräuschvoll hinter sich herzogen.

Die Soldiner Straße war so etwas wie das Arschloch von Berlin, fand Niklas, mit unabänderlicher Gewissheit jedes Jahr der absolute Loser beim Ranking der größeren Straßen der Stadt. Der Wedding war einmal ein Arbeiterbezirk gewesen; jetzt hatte hier kaum noch jemand einen Job. In den heruntergekommenen Altbauten, genau wie in den grauen Sozialwohnungen neueren Datums, herrschten Langeweile und Trostlosigkeit. Sicher, einige Studenten und ein paar Handvoll Künstler hatten sich mittlerweile in den Wedding verirrt, der billigen Mieten wegen und weil man problemlos abends mit dem Fahrrad in den Prenzlauer Berg fahren konnte, um die Teufelsbar zu vermeiden. Einmal im Jahr rief eines der Stadtmagazine den Bezirk zum Newcomer aus, zum kommenden Szeneviertel gar. Aber nie wurde etwas draus. Niklas hatte sich längst damit abgefunden. Mit dem schlechten Ruf des Weddings ebenso wie mit dem Umstand, dass dieser nicht unberechtigt war.

Er konzentrierte sich erneut und zwang sich zu einem weiteren Anlauf: Also, fragte er sich halblaut, was kann der Typ mit dem Kilogramm anfangen?

Um den neuen Hauptbahnhof in die Luft zu sprengen, würde es nicht reichen. Klar, die Laube könnte man damit schon mächtig demolieren. Aber viel mehr war nicht drin. Ein Auto? Sicher, die Karre würde brennen. Aber nicht meterhoch in die Luft fliegen wie im Fernsehen. Nein, dachte Niklas, im Grunde hatte er nur einen Riesenböller vertickt. Einen gigantischen Chinaböller, Triple-A, was sollte daran schon sein? Und abgesehen davon galoppierten seine Gedanken jetzt weiter: Wenn jeder, der einen Chemie-Leistungskurs besuchte, eine Herdplatte besaß, sich im Internet bewegen konnte und nicht völlig bescheuert war, TATP kochen konnte, hatte er dann im Grunde nicht nur eine Dienstleistung erbracht? Er war bezahlt worden, weil er dem Kunden Zeit gespart hatte. Fuck it, Khaled hätte es doch locker selbst kochen können, wahrscheinlich hatte er es bloß eilig gehabt, womit auch immer. Niklas hatte also eigentlich nichts Unrechtes getan, er hatte ja sogar alle Zutaten legal erworben. Für das, was Khaled mit dem Zeug anfängt, ist er immer noch selbst verantwortlich, beschloss Niklas. Und nicht ich.

Das Ergebnis seiner Abwägungen gefiel ihm. So sehr, dass Niklas, bevor er es sich wieder anders überlegen konnte, zurück in sein Zimmer ging. Er griff sich seinen blauen Kapuzenpullover und fand nach kurzer Suche auch die abgelegte lederne Aktentasche seines Vaters, die er als Schultasche benutzte und in die er das dicke Bündel 50-Euro-Scheine stopfte, die, von einem Gummiband zusammengehalten, auf dem Schreibtisch gelegen hatten. Er würde jetzt zum Chemie-LK gehen.

Während er Sekunden später die Wohnungstür ins Schloss fallen ließ, schoss ihm allerdings noch der letzte Satz durch den Kopf, den Khaled gesagt hatte, bevor er unter den dunklen Weiden in die Nacht verschwunden und den Weg Richtung S-Bahnhof Wollankstraße eingeschlagen hatte: »Wir danken Ihnen!« – Wieso wir, fragte sich Niklas, als knatternd der Bus anfuhr.

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II

Sumaya, kleiner Himmel. Ein schöner Name, das hatte sie immer gefunden. Aber nun, da sie direkt nach dem Aufstehen und noch ungeduscht vor dem großen weißen Standspiegel in ihrem Badezimmer stand, dachte sie: Großer Himmel hätte auch gepasst. Sumaya musste sich nicht anstrengen, sich hübsch zu finden. Dass sie insgesamt betrachtet ein bisschen mehr Körpermasse mit sich herumschleppte, als die gängigen Magazine postulierten, beunruhigte sie nicht über die Maßen. Sicher, es wäre nicht schlecht, von der Natur, der Vorsehung oder Allah mit einem effektiveren Metabolismus ausgestattet worden zu sein. Aber es war, wie es war. Und abgesehen davon war sie einigermaßen zuversichtlich, dass ihre grünen Augen und die dunkelbraunen Haare eine gewisse Ablenkung boten. Also tat Sumaya, was sie an jedem Morgen vor diesem Spiegel tat, bevor sie in die Dusche trat: Sie pfiff sich selbst anerkennend zu, und es war nur ein winziger Hauch Ironie dabei.

Heute war freilich ein besonderer Tag, und die Selbstaufmunterung wichtiger als sonst. Eine Entscheidung stand an, und Sumaya hatte nicht gut geschlafen. Stattdessen hatte sie sich lange in ihrem Bett hin- und hergewälzt. Würde sie ihn überzeugen können? War sie überhaupt geeignet? Und was, wenn sie sich selbst überschätzte?

Eigentlich glaubte sie das nicht. Sie war gut, und sie wusste, worauf es ankam. Oder war sich jedenfalls ziemlich sicher, dass sie es schnell genug herausfinden würde. Andererseits wollte sie diesen Job wirklich, und darum wäre es umso schlimmer, wenn sie sich in ihren Fähigkeiten täuschte. Der Posten, um den es ging, erschien ihr nämlich nicht nur als ein folgerichtiger nächster Schritt, sondern potenziell sogar als der erste große Schritt zu dem Leben, zu dem sie sich aufgerufen fühlte: einem sinnvollen Leben.

 

Während sie sich abtrocknete, erinnerte Sumaya sich daran, wann sie zum ersten Mal von Lutfi Latif gehört hatte. Das musste vor etwa einem Jahr gewesen sein. Am Anfang, so erschien es ihr jetzt, war da nur ein plötzlich allgegenwärtiges Raunen gewesen: »Hast du schon von diesem Typen aus Kreuzberg gehört?«, fragte auf einmal jeder jeden. Der hat richtig was vor, verkündeten diejenigen, die schon mehr zu wissen glaubten oder es jedenfalls vorgaben. Und er kann reden, wirklich reden, verdammt, er ist eine Nachtigall! Ja doch, ja! Er ist einer von uns! So beteuerten sie beglückt. Nein, das ist er nicht, entgegneten die anderen, er ist ja nicht einmal hier geboren, sondern in Kairo. Ja, das stimmt, ging es dann unweigerlich weiter, aber er ist schon seit Ewigkeiten hier. Und zwischendurch hat er überall gelernt, wo es sich lohnt. Er war an der al-Azhar! Er war in Cambridge! Er hat seinen Doktor in Harvard gemacht! Und denk mal: Er hat in Gaza persönlich Hilfsgüter ausgeliefert!

Kurz darauf begannen Texte von Hand zu Hand und von Handy zu Handy zu wandern, die Lutfi Latif geschrieben hatte. Den ersten Artikel, den Sumaya von ihm las, war in der taz abgedruckt gewesen. Er hatte sie beeindruckt, weil ihr die Worte präzise gesetzt vorkamen, jedes Argument so schlüssig, dass man sich seiner Analyse kaum verweigern konnte. Die Bewunderung stieg noch, als Sumaya, die selbst eine Zeit lang mit dem Gedanken gespielt hatte, Journalistin zu werden, erfuhr, dass Lutfi Latif zu diesem Zeitpunkt schon lange eine unregelmäßige Kolumne in der New York Times hatte. Und nicht nur schrieb er diese selbst, sondern auch seine arabischen Debattentexte, die vor allem die in London erscheinende al-Sharq al-Awsat brachte.

Lutfi Latif, das wurde Sumaya schnell klar, je mehr sie ihn wahrnahm und von ihm und über ihn las, war der Shootingstar der weltweiten Gemeinschaft der Exilmuslime. Zumindest derer, die im Westen lebten. Er war gebildet, gefragt, von allen Seiten respektiert. Es schien ihm keinerlei Mühe zu machen, die traditionelle islamische Gelehrsamkeit mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu verknüpfen oder seinen freundlich bekundeten eigenen Glauben mit laufenden politischen Diskussionen in eine sinnvolle Beziehung zu setzen. Mit seiner Fähigkeit und Lust, die Dinge von Grund auf neu zu denken und zu sortieren, hatte Lutfi Latif mittlerweile längst ein globales Publikum gefunden. Barack Obama war auf ihn aufmerksam geworden, und Lutfi Latif hatte ihm bereitwillig bei dessen zweiter Kairoer Rede geholfen. Unmittelbar darauf hatten kurz nacheinander fast alle Topkader, die bei al-Qaida etwas zu sagen hatten, Lutfi Latif in ihren Hasspredigten und Brandbriefen attackiert, von Aiman al-Sawahiri über Abu Jahja al-Libi bis zu Anwar al-Awlaki und Attiyat Abd ar-Rahman, und seine »Anmaßungen« als »gefährlich« und »schandhaft« gebrandmarkt.

Im Laufe der letzten Monate hatte Sumaya nahezu alles recherchiert, das Lutfi Latif je öffentlich gesagt oder geschrieben hatte. Sie hielt sich für nicht sonderlich leicht zu beeindrucken. Aber sie war sich selbst gegenüber ehrlich genug zuzugeben, dass Lutfi Latif mehr als nur einen Gedanken formuliert hatte, von dem sie zuvor nicht einmal gewusst hatte, dass sie ihn teilte. Das war schon etwas.

Ein vorsichtiges Klopfen riss Sumaya aus ihren Gedanken.

»Susu, wie lange brauchst du noch? Ich muss in die Uni!«

»Nicht mehr lange, nur noch eine Sekunde!«

Seit vier Semestern teilte sich Sumaya die Wohnung schon mit Mina. Meistens war auch Minas Freund Ulf da, dessen eigene WG weniger harmonisch war, aber das störte Sumaya nicht. Sie mochte Mina, sie mochte Besuch, und es war schön, nicht alleine zu leben. Nur manchmal, wenn Mina und Ulf sie am Küchentisch allein zurückließen, nachdem sie zuvor schon einige Minuten lang ungeduldig unter der Tischplatte Händchen gehalten hatten, um Sumaya nicht zu beschämen, und sich dann in Minas Zimmer zurückzogen, ein Lächeln im Gesicht, die Tür sorgfältig hinter sich zuziehend, spürte Sumaya einen kleinen Stich.

Sumaya schlang sich ein Handtuch um ihre nassen Haare und öffnete die Tür.

»Besonderer Tag heute, oder?«, fragte Mina, als sie sich an Sumaya vorbei ins Bad schlängelte.

»Ja, schon. Wie kommst du drauf?«

»Ich hab dein Frühstück auf dem Tisch gesehen«, erklärte Mina triumphierend und schloss die Tür hinter sich.

Sumaya lächelte. Sie lief über den kleinen, mit Dielen verlegten Flur in ihr Zimmer und überlegte sich, was sie anziehen sollte. Der Hosenanzug wäre ordentlich, könnte aber zu formell, irgendwie bissig wirken, sinnierte sie. Also Jeans und Bluse? Sie hielt zwei Kleiderbügel vor sich in die Höhe, um sich die mögliche Kombination besser vorstellen zu können. Zu studentisch? Sumaya merkte, wie eine leichte Nervosität in ihr hochkroch. Sie setzte sich auf ihr Bett. Ich will nicht eine von denen sein, die vor einem Kleiderschrank verzweifeln, sagte sie sich langsam vor. Das ist albern. Ohne weiter nachzudenken, griff sie nach dem knöchellangen, weißen Sommerkleid. Darin fühlte sie sich wohl. Mehr war nicht wichtig, beschloss sie, was zugleich die braunen Sandalen legitimierte, die sie unter dem Bett hervorsuchte.

 

Mina hantierte noch im Bad, als Sumaya in die Küche ging und sich an den wackligen Esstisch setzte. Ihre Mitbewohnerin hatte natürlich recht. Normalerweise frühstückte Sumaya entweder gar nicht oder Toast mit Nutella. Doch an diesem Tag war sie bereits in aller Frühe einkaufen gewesen: arabisches Brot, ein Schälchen mit Olivenöl, eines mit getrocknetem Thymian, ein drittes mit ein paar grünen und schwarzen Oliven. Es war ihr zwar etwas peinlich, aber immer dann, wenn sie sich aus irgendeinem Grund ihrer Identität und Herkunft versichern wollte oder musste, oder wenn sie sich wappnen wollte, weil sie das Gefühl hatte, sich präsentieren oder bewerten lassen zu müssen, dann tat sie das über das Essen. Und zwar arabisches Essen. Ihr Essen. Ihr Erkennungszeichen, ihr Unterscheidungsmerkmal, ihre Erinnerungen.

Kam zum Beispiel ihr Vater sie in Berlin besuchen, dann stellte sie mit einer Selbstverständlichkeit arabisches Essen auf den Tisch, als wüsste sie nicht einmal, was Nutella ist, dabei natürlich immer halb in Sorge, dass er sich über sie lustig machen würde, weil sie irgendetwas Unerhörtes anstellte wie gefüllte Weinblätter mit Jogurt zusammen zu servieren. Machte sich jemand aus ihrer palästinensischen Familie am Telefon über ihr gebrochenes Arabisch lustig, dann kochte Sumaya abends aus Trotz Maqluba, als müsste sie am folgenden Tag die Erntehelfer in den Olivenhainen verköstigen. Lud sie Kommilitonen ein, unterschied Sumaya, wie sie sogar sich selbst nur heimlich eingestand, wiederum sehr genau: Waren sie, was Mina, die Halbinderin war, wahlweise als Biodeutsche oder Weißbrote oder Kartoffeln bezeichnete, dann kochte sie arabisch; waren es jedoch Araber, Türken oder Mitglieder eines anderen Kulturkreises, die vielleicht eine eigene vage Vorstellung von levantinischer Küche haben könnten, dann beließ sie es bei einer kostspieligen Mischung Damaszener Nüsse: ein Statement, mit dem man nichts falsch machen konnte.

Heute indes erwartete Sumaya keine Gäste, heute würde sie sich um eine Stelle bewerben. Allerdings würde es in dem Gespräch, das ihr bevorstand, zweifellos darum gehen, dass sie Araberin war. Und Muslimin.

Sumaya trank einen Schluck von dem Tee, den sie ebenfalls eigens besorgt hatte. Bei ihrem letzten Besuch in Ramallah hatte sie heimlich nachgeschaut, was für eine Sorte ihre Tante Lubna eigentlich in den Kessel warf. Es war Ceylontee, wie sie herausgefunden hatte. Und tatsächlich schmeckte der auch hier, in Berlin, am ehesten richtig – vorausgesetzt, man trieb ein paar Blätter Minze auf. »Aber bloß keine Pfefferminze, hörst du, du musst richtige Minze nehmen!«, klang ihr Vater ihr dabei jedes Mal unweigerlich im Ohr. Natürlich, Baba, was denkst du denn?

 

Während sie ihr Brot abwechselnd in Öl und Thymian tunkte, rekapitulierte Sumaya weiter. Sie erinnerte sich noch sehr genau an den Bruch, den es unter den Lutfi-Anhängern in ihrem Freundeskreis und darüber hinaus gegeben hatte, als Lutfi Latif vor fast genau einem halben Jahr, die Neuwahlen waren gerade beschlossen worden, ankündigte, er wolle sich um ein Bundestagsmandat bewerben, und zwar auf der Liste der Berliner Grünen. In den Zeitungen war damals nachzulesen gewesen, dass die Partei ihn darum gebeten hatte. Und er, so hieß es in den Berichten übereinstimmend, habe erwidert, dass ihm der Gedanke selbst auch schon gekommen sei. Zwar habe er eigentlich noch ein wenig warten wollen, aber vielleicht sei ja jetzt eine gute Gelegenheit.

Es gab Lutfi-Anhänger, die ihm daraufhin die Gefolgschaft kündigten. Sie fanden, dass er sich verkauft habe, dass es ihm in Wahrheit doch bloß um Macht gehe, dass er eitel sei, oder noch schlimmer: dass auch Lutfi Latif nur ein Ziel kenne, nämlich die höchste Stufe der Anerkennung durch die »Mehrheitsgesellschaft« zu erklimmen, und zwar selbst um den Preis, sich dafür von ihnen, von »seinen Leuten«, zu entfernen.

Fadi, in dieser Reihenfolge ein Freund Sumayas und ein Cousin, der ebenfalls in Berlin lebte, gehörte zu dieser Gruppe. »Ich fasse es nicht, er hat sich entschlossen, den edlen Wilden zu geben«, hatte Fadi enttäuscht gesagt – und prophezeit, dass bald niemand mehr geschliffene Repliken auf die Antiterrorgesetze des Bundestages aus Lutfi Latifs Mund vernehmen würde. »Susu, glaub mir: Auch Lutfi wird bald von Parallelgesellschaften reden und von fördern und fordern, und dem ganzen Scheiß!« Sumaya hatte Fadi entgegnet, er solle abwarten. Aber warten war nicht Fadis Stärke. Für ihn war das Besondere an Lutfi Latif gewesen, dass er niemandem verpflichtet war außer seinem Gewissen und seinem Glauben. Und während das zwar, wie auch Fadi, der kein Student der Politikwissenschaft, sondern Inhaber eines Internetcafés war, genau wusste, theoretisch auch für Abgeordnete galt, meinte er doch ebenso gut auch die Praxis zu kennen, die für ebendiese Abgeordneten letztlich vor allem aus Fraktionszwang, Lobbyistenempfängen und der Jagd nach immer besseren Posten und Pöstchen und immer mehr Sekunden in der Tagesschau bestand.

Nach der Ankündigung der Kandidatur druckten Zeitungen und Magazine wochenlang Porträts über den unwahrscheinlichen Kandidaten, der noch nie zuvor Kommunalpolitik betrieben oder Parteiarbeit geleistet hatte und bisher nicht einmal Mitglied der Grünen war. Nicht wenige Autoren verglichen ihn dabei mit Barack Obama. Zum einen wegen seines Äußeren, weil Lutfi Latif ebenfalls sehr schlank, groß und sportlich war, außerdem ähnlich jung und dynamisch wirkte, und darüber hinaus genau wie der US-Präsident mit einer Anwältin verheiratet war und zwei Töchter hatte. Zum anderen aber, weil er gleichfalls über besondere rhetorische Gaben verfügte, was Lutfi Latif in der Folge nicht zuletzt auf dem Nominierungsparteitag der Berliner Grünen demonstrierte.

Sumaya war damals eigens dorthin gefahren, ohne dass sie jemals zuvor etwas mit der Partei zu tun gehabt hätte und ohne Fadi oder Mina oder sonst jemandem Bescheid zu sagen. Sie hatte Lutfi Latif einfach einmal erleben wollen. Sie wollte sehen, ob er auch in so einer Situation authentisch wirken würde. Sie wollte sich ihr eigenes Bild machen.

An einen Betonpfeiler im hinteren Drittel der grauen Mehrzweckhalle gelehnt, die mit Sonnenblumen, grünen Plakaten und passenden Vorhängen vorübergehend aufgehübscht worden war, damit in der Tagesschau ein wenig Atmosphäre vorgetäuscht werden konnte, hatte Sumaya seiner Rede zugehört. Lutfi Latif sprach leise, ruhig und eindringlich. Er drängte sich nicht auf, sondern vermittelte vielmehr den Eindruck, dass er mit seiner Kandidatur einen interessanten Vorschlag machte. Die Abwesenheit jedes Schimmers von Nervosität verstärkte dabei noch den Eindruck, dass dem Redner mutmaßlich tausendundeine Alternativen zu diesem Schritt offenstanden. Es war eine eher kurze Rede gewesen, kein Wort zu viel.

Er habe nicht vor, sich anzubiedern, stellte Lutfi Latif zu Beginn klar: »Ich weiß, es ist unter Grünen üblich, sich als ›Freundinnen und Freunde‹ anzusprechen. Ich werde das nicht tun. Ich bin erst seit 48 Stunden offizieller Grüner. Sie wissen das, und ich will Ihnen nicht vorspielen, dass mein ganzes Leben auf diese Partei, diesen Tag oder diese Kandidatur zugesteuert ist. Aber ich will Politik machen, ich will sie mit Ihnen machen, ich will sie jetzt machen. Und ich würde mich freuen, wenn Sie meine Kandidatur als ein Angebot betrachten, ein faires Angebot, wie ich meine, ein sinnvolles, wie hoffentlich auch Sie finden.«

Lutfi Latif legte dar, wieso fast alle seiner Vorstellungen zu denen der Partei passten und jene, die nicht dazu passten, bald zu Vorstellungen der Grünen werden könnten. Er führte aus, warum es von Vorteil wäre, unter den vielen Profis einen Laien in der Fraktion zu haben, der womöglich da ein Profi sei, wo sie vielleicht Laien seien. Er versicherte, dass er die letzten Wochen mit dem Studium der grünen Parteigeschichte verbracht habe. »Nicht am Stück, aber durchaus ernsthaft und gründlich.« Er erklärte, dass er an politische Redlichkeit und die Kraft von guten Argumenten glaube, genügend Beispiele für beides in ihrer Geschichte gefunden habe und sich deshalb in der Partei gut aufgehoben fühle. Zum Schluss erklärte Lutfi Latif, warum es zudem eine gewisse Dringlichkeit gebe, ihn gerade jetzt aufzustellen.

Die Delegierten applaudierten lange.

Und auch die veröffentlichte Meinung war angetan. Der Anzeiger etwa, eine konservative Zeitung, die großen Wert darauf zu legen schien, dass bei ihr kaum je ein Muslim in einem irgendwie als positiv zu deutenden Kontext vorkam, schrieb am Tag nach dieser Nominierungsrede: »Lutfi Latif war nicht der Grüne, nicht der Muslim oder der Migrant, den man nach der Wahl im Bundestag sehen will, sondern all das zusammen – und mehr. Denn er war schlicht und ergreifend der Kandidat, den sich wahrscheinlich jeder wünscht. Der Mann, mit dem jeder politisch denkende Mensch gerne befreundet wäre. Der Politiker, von dem man vertreten sein möchte, wenn es um die Herausforderungen der Zukunft geht, weil er sie verstanden hat.«

Zwei Tage darauf war die Verliebtheit des Anzeigers freilich wieder verflogen. Das Blatt brachte einen Text, in dem anhand von »Dokumenten, die dieser Zeitung vorliegen«, zweifelsfrei nachgewiesen wurde, dass ein Urgroßonkel Lutfi Latifs Teil der berüchtigten Delegation des Palästinenserführers Amin al-Hussaini gewesen war, der mitten im Zweiten Weltkrieg Hitler in Berlin besucht hatte. Lutfi Latif hatte mit nur einem Satz auf die Story reagiert: Er sei froh, in einem Land zu leben, in dem die kritische Beschäftigung mit der Familiengeschichte eine allgemein akzeptierte und erprobte Praxis sei, um Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Das klang angenehm freundlich und angemessen unverbindlich. Bis in seiner nächsten Ausgabe der Globus, eines der wichtigsten Nachrichtenmagazine des Landes, süffisant enthüllte, dass der Großvater des Verfassers des Anzeiger-Artikels KZ-Aufseher gewesen war, während ein anderer Urgroßonkel Lutfi Latifs zur selben Zeit als Mitglied einer muslimischen Partisanenbande auf dem Balkan die Wehrmacht mit Sabotageakten bekämpft hatte.

Noch heute musste Sumaya bei dem Gedanken an diese Replik lächeln. Obwohl sie nicht wusste, ob Lutfi Latif von dieser Verstrickung Kenntnis gehabt hatte, neigte sie zu der Ansicht, dass es so gewesen sein musste. Mittlerweile lag die Bundestagswahl zwei Wochen zurück, und Lutfi Latif hatte tatsächlich ein Mandat errungen. Sumaya trank den letzten Schluck Tee aus ihrem Glas. Ein leichter Schauder lief ihr über den Rücken: Mit ein bisschen Glück würde sie schon bald wissenschaftliche Mitarbeiterin in Lutfi Latifs Abgeordnetenbüro sein.

 

Mit einem Blick auf ihre Uhr stellte Sumaya fest, dass es bereits Viertel vor neun war: Zeit, aufzubrechen. Das Vorstellungsgespräch sollte in Kreuzberg stattfinden, wo nicht nur Sumaya lebte, sondern wo auch Lutfi Latif neben dem Haus, in dem er mit seiner Familie wohnte, ein Wahlkreisbüro eingerichtet hatte. Es lag nahe der Ecke Skalitzer Straße und Oranienstraße, nicht weit entfernt von einem McDonald’s-Restaurant, dem ersten und bislang einzigen in Kreuzberg, dessen Eröffnung vor wenigen Jahren von heftigen Debatten, Demonstrationen und sogar ein paar Farbbeutelattacken begleitet worden war. Von Sumayas Wohnung im Wrangelkiez aus waren das nur ein paar Minuten Fußweg. Sie musste bloß ein Stück an der viel befahrenen Skalitzer Straße unter der Hochbahn entlanglaufen.

Sumaya fühlte sich wohl in Kreuzberg, auch wenn es nicht der schönste und schon gar nicht der harmonischste Teil der Stadt war. Aber er war bunt. So bunt, das sie selbst nicht weiter auffiel, jedenfalls nicht, weil sie keine Biodeutsche oder Kartoffel war, was ihr lieb war. Es gab in Kreuzberg Künstler, Verrückte, Junkies, Nacktvolleyballer, Anarchisten, Hartz-IV-Empfänger, Machos, Reiche, Arme, Mischungen aus fast alledem und generell Menschen in allen Formen und Farben. Wenn ihr eines an dem Leben in der norddeutschen Kleinstadt, in der sie aufgewachsen war, nicht gefallen hatte, dann, dass sie eine Exotin gewesen war. Dass nämlich vom Kindergarten angefangen sich praktisch jeder nach ihrem Namen, ihrer Herkunft, ihrer Identität erkundigt hatte, als sei das nichts Intimes, sondern Allgemeingut. Nicht dass sie es den Fragestellern übel genommen hätte, aber sie mochte es nicht. Weil es sie besonderer machte, als sie es war. Oder doch zumindest aus den falschen Gründen. In Kreuzberg war das anders, und wenn man als Araberin hier zu einer Minderheit gehörte, dann nur, weil es noch mehr Türken gab.

Der flache Bau des McDonald’s-Restaurants kam nun in ihr Blickfeld. Sie erinnerte sich gut an die Proteste anlässlich der Eröffnung. Dessen Träger waren damals hauptsächlich Angehörige jenes merkwürdigen Stammes von Kreuzbergern gewesen, die sich als Ureinwohner ehrenhalber betrachteten, weil sie schon vor kleinen Ewigkeiten aus Westdeutschland hierhergezogen waren. Teils hatten sie dies getan, um dem Wehrdienst zu entkommen, teils weil das Leben in der damaligen Mauernähe günstig gewesen war. Und teils natürlich, weil so viele ihrer Freunde schon hier lebten. Heute waren sie Lehrer oder Journalisten oder Gewerkschaftler, Sozialarbeiter, Schriftsteller oder Kleinunternehmer. Ein paar schlugen sich als Künstler durch, viele arbeiteten ausgerechnet in der Werbung. Sie pflegten einen gefühlt linken Lebensstil, der eine Mischung aus gut getarnter Bürgerlichkeit, Eskapismus und sozialem Engagement war.

Gutmenschen: Das war das seit Jahren gängige Label für sie, aufgepappt vor allem von jenen, die früher selbst dazugehört hatten und sich nun über ihren eigenen früheren Idealismus lustig machten, der ihnen abhandengekommen war. Warum war er ihnen eigentlich abhandengekommen, fragte sich Sumaya. Wahrscheinlich, dachte sie, waren ihre Söhne in der Schule von »Mitschülern mit Migrationshintergrund« beklaut worden. Oder es war ein Ehrenmord zu viel passiert, um ihren Glauben an die Zivilisationsfähigkeit der Menschen vom östlichen Mittelmeerrand aufrechtzuerhalten. Oder eine Moschee wollte allzu nah an ihrem Balkon ein Minarett errichten.

Sumaya erschrak über sich selbst. Da war mehr Wut in ihr, als sie geahnt hatte. Oder war es Enttäuschung? Sie hatte mit den Gutmenschen jedenfalls kein Problem, sie waren ihr deutlich lieber als jene, die sich so absichtsvoll von ihnen distanzierten.

Parallel zu den aus ungeklärten Gründen häufig aus Schwaben stammenden »Gutmenschen« hatten sich freilich ebenso zahllose echte »Migranten« in Kreuzberg niedergelassen. Auch das war so ein Modewort, es hatte die »Ausländer«, zu denen ihre Eltern gezählt worden waren, und die darauffolgenden »ausländischen Mitbürger« oder »Bürger mit Migrationshintergrund« ihrer eigenen Generation abgelöst. Mittlerweile, dachte Sumaya halb belustigt, als sie an einem Kindergarten vorbeilief, wurde offenbar schon das nächste Label kreiert. Denn im Fenster hing ein Zettel, demzufolge die Einrichtung einen Platz für ein »Vielfaltskind« zu vergeben habe. Eigentlich kein schlechter Begriff, dachte sie.

Mittlerweile war sie fast an ihrem Ziel angekommen, nur noch ein paar Schritte. Das Wahlkreisbüro von Lutfi Latif lag im Erdgeschoss des Altbaus, sie erkannte es daran, dass an der Glastür eines seiner Wahlplakate hing. Sumaya hielt kurz inne, sammelte sich, und betrat dann das Büro.

Dafür, dass es gerade erst eingerichtet worden war, wirkt es schon völlig fertig, war ihr erster Gedanke, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen und die Räumlichkeiten in Augenschein genommen hatte. Das Büro war offensichtlich auf Funktionalität und Schlichtheit ausgerichtet und bestand, so weit sie sehen konnte, aus nur einem einzigen, lang gestreckten Raum. Die linke Wand säumten elegante dunkelbraune Holzschränke, in denen einige verlorene Aktenordner standen. An der Stirnseite machte sie einen aus demselben Holz gemachten großen Schreibtisch aus. Mitten im Raum stand ein kleinerer viereckiger Tisch, daneben drei schlichte Holzstühle im selben Braunton. An der rechten Längswand fiel Sumaya eine gerahmte arabische Kalligrafie ins Auge: »Bismillah ar-Rahman ar-Rahim«, Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers. Daneben hing eine überdimensionale Weltkarte. Einen Moment lang fragte sich Sumaya, ob niemand hier wäre.

Doch dann öffnete sich neben der Weltkarte plötzlich eine Tür, die sie zuvor übersehen hatte, und in einen dunkelgrauen Nadelstreifenanzug gekleidet, kam Lutfi Latif lächelnd auf sie zu. »Sumaya al-Shami?« Lutfi Latif reichte ihr beide Hände. »Es freut mich, dass Sie es einrichten konnten. Herzlich willkommen!«

»Danke sehr, ich freue mich, dass Sie mich hergebeten haben.«

Jetzt, sagte sich Sumaya leise vor, jetzt ist der Moment gekommen, an dem du souverän und konzentriert sein musst!

Mit einer Geste lud der frischgebackene Abgeordnete Sumaya ein, an dem Besprechungstisch Platz zu nehmen. Erst als sie saß, setzte auch er sich, ihr gegenüber.

»Sumaya al-Shami, geboren in Damaskus, palästinensische Eltern, aufgewachsen in der Nähe von Oldenburg, 28 Jahre alt, Politikstudentin im 12. Semester. Sie sprechen Arabisch, Englisch und Deutsch sowie ein wenig Französisch«, referierte Lutfi Latif mit halb geschlossenen Augen einige Eckdaten aus ihren Bewerbungsunterlagen. Dann öffnete er seine Augen wieder, blickte Sumaya direkt an und sagte: »Interessant. Sie möchten für mich arbeiten. Warum?«

Natürlich hatte Sumaya diese Frage kommen sehen. Nur war sie sich plötzlich nicht mehr so sicher, ob die Antworten, die sie sich zurechtgelegt hatte, wirklich brauchbar waren. Denn während sie ihre vorbereiteten Optionen im Kopf durchging, wurde ihr auf einmal klar, dass sie nicht bedacht hatte, wie viele andere Bewerber Lutfi Latif haben würde, von denen zweifelsohne alle etwas ganz Ähnliches sagen würden, vielleicht sogar schon gesagt hatten. Sumaya merkte, dass sie nervös wurde, schließlich war es eigentlich zu spät für solche Überlegungen, sie hätte außerdem schon längst etwas sagen müssen, sie war drauf und dran zu versagen, und das auch noch wortlos. Später, auf dem Nachhauseweg, dachte sie darüber nach, ob es eine Übersprungshandlung gewesen war, dass sie ausgerechnet die allererste Frage des Abgeordneten nicht beantwortete.

»Herr Latif«, hörte Sumaya sich nämlich plötzlich sagen, »bevor wir weitermachen, muss ich noch ergänzen, dass ich in meinen Bewerbungsunterlagen etwas unterschlagen habe. Ich wurde im November 2001 wegen Sachbeschädigung und groben Unfugs verurteilt.«

»Interessant«, wiederholte der Abgeordnete nach einer kurzen Pause, in der er freilich nicht aufgehört hatte, zu lächeln. »Vielleicht können Sie mir das nachher noch genau erklären. Zunächst interessiert mich tatsächlich viel mehr, warum Sie gerne für mich arbeiten würden.«

»Entschuldigung«, sagte Sumaya. »Ich bin anscheinend ein bisschen nervöser, als ich dachte. Also. Ich glaube, dass es eine sinnvolle Arbeit ist.«

»Sinnvoll inwiefern?«

»Nun ja, Abgeordnete sind das entscheidende Personal einer Demokratie. Sie haben ein Mandat, ihre Wähler zu vertreten. Aber um das erfüllen zu können, brauchen sie Mitarbeiter, die ihnen den Rücken freihalten und sie da, wo die Abgeordneten ihre Schwerpunkte setzen, fachlich unterstützen.«

»Ja, das stimmt natürlich«, gab Lutfi Latif ihr recht. »Bei wie vielen Abgeordneten haben Sie sich denn beworben?«

Sumaya hasste es, bloßgestellt zu werden. »Ich habe mich nirgendwo sonst beworben«, sagte sie ruhig. »Ich würde gerne für Sie arbeiten, weil ich glaube, dass Sie im Gegensatz zu den meisten Abgeordneten etwas verändern können, und ich würde gerne daran mitwirken. Sie sind zwar nicht der erste muslimische Migrant im Bundestag, aber der erste, den nicht nur Muster-Einwanderer, sondern auch viele gläubige Muslime ernst nehmen. Ich bin gespannt, wie Sie unsere Positionen zu Gehör bringen werden.«

»Unsere Positionen?«

»Das, was uns bewegt.«

»Die Grünen?« Lutfi Latif lächelte immer noch.

Sumaya hingegen spürte, dass sie kurz davor war zu erröten. Er will, dass ich es ausspreche, dachte sie. Also gut. »Herr Latif, ich glaube, Sie wissen genau, was ich meine. Es gibt in Deutschland, bei allen Unterschieden, gemeinsame Belange von Migranten und insbesondere muslimischen Migranten, die bisher nicht prominent vertreten werden, aber diskutiert gehören.«

»Zum Beispiel?«

»Na ja, ich finde, es hat zum Beispiel viel mit Worten zu tun, mit Sprache: dass wir hierher gehören genau wie alle anderen. Dass wir Teil dieser Gesellschaft sind. Auch wenn wir anders sind.«

»Das hat doch sogar der Innenminister schon gesagt, oder nicht?«

»Ja, aber er meint es nicht so.«

»Wieso sind Sie sich so sicher?«

»Gut, vielleicht hat auch der Innenminister dazugelernt. Aber er kennt uns nicht. Für ihn sind wir doch nur eine graue Masse, die man irgendwie am Auseinanderfliegen hindern muss, zur Not durch Besänftigung. Aber Anerkennung ist etwas anderes. Es fehlen der Respekt, die Selbstverständlichkeit, die Lockerheit im Umgang. Und vor allem das Gespür dafür, dass wir kein Problem und keine Herausforderung sind.«

»Nennen Sie mir ein Beispiel«, bat der Abgeordnete, der jetzt sein Kinn auf seine Hand stützte und Sumaya konzentriert anblickte.

Sumaya überlegte, wann sie sich zuletzt geärgert hatte. Gestern war das gewesen, als sie die Zeitung gelesen hatte, ein kurzer Text nur, über irgendeinen Verrückten aus dem Saarland, 19 Jahre alt, der nach Waziristan, ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet, ausgewandert war, weil er von dort aus gegen die Amerikaner kämpfen wollte, als Mudschahid, und nun in Videobotschaften um Nachahmer buhlte.

»Nehmen Sie zum Beispiel die Art und Weise, wie über Konvertiten geredet wird, nur weil zwei oder drei oder meinetwegen auch ein paar mehr von ihnen nach Pakistan oder Somalia oder was weiß ich wohin gegangen sind«, sagte Sumaya. »Seitdem das passiert, warnen die Behörden: Zum Islam konvertierte Deutsche planen Terroranschläge! Man muss ein Auge auf dieses neue Phänomen haben! Und auch wenn sie natürlich betonen, dass sie natürlich nicht alle Konvertiten meinen: Es klingt gerade deshalb genau so. Besser wäre es, diese Art von Konvertiten überhaupt nicht zu thematisieren. Es sind Verrückte. Da nennt sich also einer Abdul Azeem und zieht in den Dschihad. Und ein anderer nennt sich dafür vielleicht ArnoldII. und ballert seine Mitschüler und Lehrer über den Haufen. Es ist doch offensichtlich, dass diese Leute ein Problem haben. Aber das sagt doch nichts über Saarländer oder Schwaben aus, oder über Deutsche, oder Muslime oder Konvertiten.«

»Man sollte also so tun, als gebe es das Problem nicht?«

»Sie sind kein Problem«, erwiderte Sumaya. »Konvertiten sind kein Problem. Es gibt ein paar Tausend davon im Jahr, ein paar Irre sind immer darunter.«

Sumaya machte eine kleine Pause. Sie versuchte erfolglos, in Lutfi Latifs Gesicht zu lesen. Sie ahnte, dass sie noch nicht am Ziel war. Vielleicht war sie sogar auf dem falschen Weg, aber das war ihr diesem Moment egal. Jetzt ging es um die Sache. »Schon die geringen Fallzahlen«, ergänzte sie deshalb bestimmt, »gestatten eine Problematisierung dieses Phänomens nicht!«

»Etwas soziologisch formuliert, aber eine nachvollziehbare Position«, antwortete Lutfi Latif. »Allerdings«, hob der Abgeordnete erneut an, »muss ich, da Sie die Parallele gezogen haben, dann auch fragen, ob Sie denken, dass die gegenwärtige Praxis der Vergabe von Waffenbesitzkarten dann auch kein Problem ist – schließlich waren zwar viele Amokläufer in Schützenvereinen organisiert, aber in absoluten Zahlen waren es ja auch nur sehr wenige.«

Das war schwieriger als sie erwartet hatte. Aber irgendwie machte das Gespräch Sumaya auch Spaß. »Dieser Vergleich ist nicht zulässig«, entgegnete sie nach kurzem Nachdenken. »Gedanken kann und soll man nicht kontrollieren, Waffen sehr wohl. Religionsfreiheit hat Verfassungsrang, das Recht eine Waffe zu besitzen, nicht. Woran ich glaube, ist eine Sache zwischen mir und Gott. Aber ob ich eine Pumpgun im Schrank haben darf, ist eine Angelegenheit zwischen mir und dem Staat. Das sind zwei völlig verschiedene Sphären!«

Lutfi Latif nickte kaum merklich. Dann lehnte er sich wieder zurück. »Das ist erst recht eine nachvollziehbare Position. Ich muss mich für meine kleine Provokation entschuldigen. Sehen Sie, es ging mir nicht darum, Sie zu verunsichern. Ich glaube nur, dass es extrem wichtig ist, in diesem Politikfeld präzise zu sein. Seine Argumente durchdacht zu haben, bevor man sie äußert.«

Nun war es Sumaya, die nickte.

»Sie ahnen es wahrscheinlich«, fuhr der Abgeordnete fort, »aber ich sage es trotzdem, damit es später keine Missverständnisse gibt: Ich werde mich nicht nur um Themen der muslimischen Community kümmern können, nicht einmal um Migrantenthemen allgemein. Ich werde auch völlig andere Dinge bearbeiten: Pflegeversicherung, Datenschutz, Wirtschaftskrise, Haushaltsfragen und so weiter. Ich weiß nicht einmal, ob ich in die entscheidenden Ausschüsse komme, den Innenausschuss zum Beispiel. Aber Sie haben recht, wenn Sie davon ausgehen, dass mein Herzblut vor allem diesen Themen gilt. Wenn Sie für mich arbeiten wollen, müssten Sie viel recherchieren, Reden und Interviews vorbereiten, Kontakte und Gespräche organisieren. Aber auch profane Dinge erledigen, Telefonate beantworten, Terminkalender führen, Reisen planen, solche Dinge. Es ist nicht immer anspruchsvoll, auch nicht immer aufregend, vermute ich.«

»Das habe mir gedacht und mir vorher klargemacht«, antwortete Sumaya – froh, dass sie mit wenigstens einem Gedankengang, den sie vorhergesehen hatte, zum Zug kam.

»Gut«, sagte Lutfi Latif. »Sehr gut.«

Dann begann der Abgeordnete wieder zu lächeln. »Ihre Verurteilung interessiert mich übrigens nicht«, versicherte er. »Ich finde den Grund ebenfalls … nachvollziehbar.«

 

Nachvollziehbar, dachte Sumaya, das kann man wohl sagen. Zumindest damals, in dem Moment, in der Situation: Es war ein paar Wochen nach dem 11. September gewesen, die Anschläge und die Folgen waren noch überall Thema. Taliban, al-Qaida, Osama Bin Laden: lauter neue Wörter und Namen, und aus den USA waren schon die Kriegstrommeln zu vernehmen, auch wenn noch kein Flugzeugträger ausgelaufen war. Afghanistan, Hindukusch, Trainingslager, Anthrax: Es war, als liefe am unteren Rand des Lebens neuerdings ein Laufband in Endlosschleife, immer neue Informationen, und dabei hatte man doch noch nicht einmal seine Gefühle sortiert.

Sumaya war einkaufen gewesen an jenem Tag, sie wollte einen Kuchen backen, nichts weiter, einen einfachen Schokoladenkuchen für Fadi zum Geburtstag. Mehl, Eier, Butter. An der Kasse überreichte sie dem Kassierer ihre EC-Karte, eine ganz normale Bankkarte von der Sparkasse Oldenburg für einen völlig normalen Einkauf. Aber auf der Karte stand auch ihr nicht ganz so normaler Name, und die Karte funktionierte aus irgendeinem Grund an diesem Tag nicht, sodass der Kassierer sie mehrmals durch die Maschine ziehen musste, aber erfolglos.

Schließlich sah der Mann sich die Karte genauer an. Aus seinen kleinen runden Schweineäuglein wurden langsam Schlitze. »Aha. Sind Sie eine von denen, oder was? Gefälschte Karte oder was?«

Es war nur eine dumme Bemerkung eines dummen Kassierers. Nichts weiter. Aber hinter Sumaya standen etliche genervte Kunden, die auf einmal gar nicht mehr genervt waren, sondern höchst angespannt, und in Sumayas Nacken begann es zu kribbeln, und sie war plötzlich auch angespannt, sehr angespannt sogar, und sie wurde schlagartig wütend, so wütend, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden. Und Sumaya griff das Mehl, das sie hatte bezahlen wollen, und warf es in die Luft, ein Impuls, ein Affekt, und als die Papiertüte schließlich auf dem Boden zerplatzte und das Mehl nach allen Seiten stob, da schrie sie: »Ja ganz genau: Ich bin eine von denen! Und ich habe euch etwas Anthrax mitgebracht, um euch Ungläubige in die Hölle zu befördern!«

Nachvollziehbar, hatte Lutfi Latif gesagt. Ja, das konnte man wohl sagen. Aber wie konnte Lutfi Latif von dem Vorfall wissen?

»Herr Latif, wieso wissen Sie, weswegen ich verurteilt wurde? Es stand ja schließlich nicht in meiner Bewerbung.«

»Sie haben recht, ich hätte Ihnen das besser gleich zu Beginn gesagt, aber das Bundeskriminalamt hat mir die Akte gezeigt.«

»Das BKA? Wieso das denn?«

»Sehen Sie, das BKA ist für die Sicherheit der Abgeordneten zuständig. Und bei mir geht das BKA von einer erhöhten Gefährdung aus.«

»Durch mich?«

»Durch potenziell jeden, nehme ich an.«

»Herr Latif, wie viele Ihrer Bewerber und Bewerberinnen sind Muslime?«

»Nur Sie, soweit ich weiß.«

»Und wie viele Bewerber hat das BKA durchgecheckt?«

»Ebenfalls nur Sie.«

Sumaya lachte auf. Das konnte einfach nicht wahr sein! Hatte Fadi am Ende recht gehabt? War Lutfi Latif noch vor seiner ersten Sitzungswoche zum Verräter geworden?

»Frau al-Shami, es ist nicht so, wie Sie gerade denken«, sagte Lutfi Latif leise und eindringlich.

»Ach ja? Die Fakten sprechen doch wohl eine klare Sprache, oder etwa nicht? Kaum nähert sich Ihnen eine Muslimin, schon springt die Maschine an. Und Sie finden das offenbar auch noch normal!« Sumaya stand auf. Sie hatte genug gehört.

»Bitte gehen Sie nicht.«

»Warum sollte ich noch bleiben?«

Lutfi Latif stand plötzlich neben Sumaya. Er überragte sie um einen Kopf. Für einen Moment sah es so aus, als wollte er sie besänftigend am Arm fassen, tat es aber nicht. »Frau al-Shami«, sagte er stattdessen, »ich hatte 28 Bewerbungen auf diese Stelle. Ich habe 27 zurückgeschickt, nur Ihre habe ich behalten, und nur Sie habe ich eingeladen, weil mich Ihre Unterlagen beeindruckt haben. Und das war, bevor ich die BKA-Akte kannte.«

Sumaya blickte dem Abgeordneten in die Augen. Kann ich ihm glauben? Langsam setzte sie sich wieder. »Es tut mir nicht leid!«, sagte Sumaya.

Lutfi Latif setzte sich ebenfalls. »Ja, aber mir tut es leid. Entschuldigen Sie bitte. Ich hätte Ihnen von Anfang an Bescheid sagen müssen. Das BKA prüft von Amts wegen Ihre Unterlagen, es gibt eine Grundlage dafür, dagegen kann ich nichts tun. Aber ich hätte Sie gleich informieren sollen. Es war ein Fehler.«

»In Ordnung«, sagte Sumaya.

»Wollen wir dann weitermachen?«

»Ja.«

Beide atmeten tief durch. Lutfi Latif überspielte die Merkwürdigkeit des Moments geschickt, indem er Sumaya als Nächstes fragte, ob ihr Arabisch eigentlich dazu ausreichen würde, zum Beispiel morgens bei Bedarf eine Presseschau der wichtigsten arabischen Zeitungen für ihn zu machen? Ja, das würde es, versicherte sie. Er wollte außerdem wissen, womit sie sich in ihrem Studium vorrangig befasst hatte. Der Nahe Osten, aha. Es dauerte noch ein paar Minuten, bis Sumaya wieder völlig unbefangen mit dem Abgeordneten reden konnte, aber danach machte ihr das Gespräch wieder genauso viel Spaß wie vor dem Zwischenfall.

Schließlich hatte Lutfi Latif anscheinend genug in Erfahrung gebracht und ließ sein Lächeln noch einmal voll aufblitzen: »Frau al-Shami, ich nehme an, dass Sie, weil Sie noch studieren, keine volle Stelle möchten, sondern eine Teilzeitposition bevorzugen würden?«

Sumaya nickte und fühlte gleichzeitig einen kleinen Rausch in ihrem Kopf. »Zwanzig Stunden pro Woche, das wäre perfekt«, sagte sie.

»So machen wir es«, antwortete der Abgeordnete.

Beide lächelten. Auch über die Bezahlung wurden sie sich rasch einig. Schon am kommenden Montag sollte es losgehen. Bis dahin würde ihm die Bundestagsverwaltung auch ein Büro in einem der Parlamentsgebäude rund um den Reichstag zugeteilt haben, wahrscheinlich, wie Lutfi Latif sagte, im Paul-Löbe-Haus.

Der Abgeordnete erhob sich. »Frau al-Shami, ich freue mich wirklich sehr«, sagte er und hielt ihr die Hand hin.

»Danke, ich mich auch«, versicherte Sumaya ihrerseits.

Sie nahm ihre Tasche und wollte gerade noch eine abschließende Bemerkung machen, als sich erneut die Tür neben der Weltkarte öffnete. Ein schlanker, junger Mann mit aschblonden Haaren in einem grauen Businessanzug, höchstens ein paar Jahre älter als Sumaya, betrat den Raum. In der linken Hand hielt er ein Handy, dessen Mikrofon er mit der rechten Hand sorgsam abdeckte. »Herr Latif«, hob er an. »Es ist …«

»Ah, Herr Munkelmann! Das ist Sumaya al-Shami, Ihre zukünftige Kollegin«, unterbrach ihn der Abgeordnete. An Sumaya gerichtet ergänzte er: »Herr Munkelmann ist mein zweiter Mitarbeiter, er ist vor allem für das Büro zuständig.«

Sumaya streckte ihre Hand aus und wollte schon einen Schritt auf Munkelmann zu machen, doch der nickte nur kurz und blickte gleich wieder den Abgeordneten an. Es war ihm anzusehen, dass es dringend war. Als Munkelmann sicher war, dass Lutfi Latif ihn nun beachtete, formte er mit seinen Lippen ein paar Worte, die Sumaya offensichtlich nicht mitbekommen sollte, woraufhin der Abgeordnete sie entschuldigend ansah. Sumaya hob still die Hand zum Abschied und ging zum Ausgang.

Sie hatte Munkelmanns unausgesprochene Worte allerdings durchaus verstanden. »Wieder der Mann vom BKA«, hatte er gesagt. Als sie sich noch ein letztes Mal nach Lutfi Latif umsah, meinte sie, den Anflug eines Schattens auf seinem Gesicht wahrzunehmen. Draußen auf der Straße stellte Sumaya fest, dass es kühler geworden war.

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III

Berlin war nur selten sanft, und meist war das auch nicht, was Samson sich von dieser Stadt erwartete oder erhoffte. Wenn es aber einmal so war, wenn zum Beispiel ein Frühsommermorgen die Frankfurter Allee in ein schüchternes orangefarbenes Licht tauchte und die runde Kugel des Fernsehturms noch nicht blitzte oder funkelte, wie sie es später am Tag tun würde, sondern nur ein bisschen vor sich hin leuchtete, dann freute sich Samson. Selbst Berlin konnte dann frisch duften. Und selbst Samson, der von Natur aus eher zum Grübeln als zum Jubeln neigte, konnte dann so etwas wie Lust daran empfinden, sich einen perfekten Tag auszumalen.

Genau so ein Morgen war dieser, mit dem Schönheitsfehler allerdings, dass der Tag schon verplant war. Samson würde also nicht nach Rerik fahren, um zu tauchen. Tauchanzug, Luftflaschen, Tarierjacket, Flossen und Maske würden unangerührt auf dem Dachboden des Altbaus, in dem er wohnte, liegen bleiben, das Wrack des am Kriegsende gesunkenen U-Bootes in vierzehn Meter Tiefe im grünen Wasser der Ostsee würden heute andere Taucher weiter erkunden. Nicht dass die Ostsee Samsons liebstes Tauchrevier war. Es war nur das einzige größere Gewässer, das er mit vertretbarem Aufwand erreichen konnte.

Theoretisch. Und vielleicht ja wieder am kommenden Wochenende, versuchte Samson sich die diffuse Vorfreude zu bewahren, während er in einem kleinen portugiesischen Café einen ersten Kaffee trank, die Notizen für seinen Vortrag vor sich auf dem kleinen Tisch ausgebreitet.

»Dschihad Online – Wie islamistische Terroristen das Internet für ihre Zwecke nutzen«: Bei Volkshochschulen brachte das 200 Euro, bei Vereinen oder Gewerkschaften auch mal 300, bei politischen Stiftungen immerhin zwischen 400 und 500, je nachdem. Bei staatlichen Stellen hätte er ohne Weiteres 700 Euro und mehr verlangen können, sagte aber stets freundlich ab. Samson war froh, dass er nicht davon leben musste, diesen und zwei weitere Vorträge (»Al-Qaida & Co.: Ideologie, Weltbild, Strategie« beziehungsweise »Zwischen Militanz und Theologie: Dschihad-Theorie im Wandel der Zeit«) immer wieder zu aktualisieren und zu halten. Ganz darauf verzichten konnte er allerdings auch nicht.

Heute war es wieder einmal so weit: Ein Berliner Juristenverband hatte ihn eingeladen, es gab 500 Euro dafür. Weil Samson sich irgendwie in der Pflicht fühlte, hatte er in den letzten Tagen eigens noch einige Exkurse in den Vortrag eingearbeitet, die Juristen ansprechen würden. Über die neuen und neuesten und wahrscheinlich nächsten Antiterrorgesetze etwa – und warum sie vermutlich nicht viel bringen würden, seiner unmaßgeblichen Einschätzung nach. Die Notizen waren in Ordnung, befand er nach dem Durchsehen, er kannte den Vortrag und die mit moderat dramatischen Bildern unterlegte PowerPoint-Präsentation gut genug, um auch die neuen Passagen frei sprechend erläutern zu können.

Als er den Kaffee ausgetrunken und bezahlt hatte, steuerte Samson den U-Bahnhof Samariterstraße an und nahm die U5 zum Alexanderplatz. Unterirdisch stieg er in die U2 um, auf der Museumsinsel stieg er wieder aus, überrascht, wie wenig von dem sanften Morgen nach diesen zwanzig Minuten noch übrig war, denn mittlerweile war die Stadt hell erleuchtet, es würde ein heißer Tag werden. Das schmale, vierstöckige Gebäude, in dem er reden sollte, fand Samson nicht gleich, weil die Hausnummern in dieser Straße offenbar willkürlich verteilt worden waren. Schließlich stand er aber davor, bereit, die Klingel zu drücken, und darauf eingestellt, in den dreißig Minuten, die es noch dauern würde, bis er sprechen sollte, mit einem langweiligen Funktionär Small Talk zu betreiben. In diesem Moment hörte er, wie jemand hinter ihm seinen Namen rief: »Samuel! Ich bin extra früher gekommen!«

Im ersten Moment erkannte Samson den Mann in dem dunkelblauen Anzug nicht. Er fragte sich bloß, wieso er seinen richtigen Namen kannte. Samson registrierte systematisch und ohne nachzudenken ein schreckliches rosafarbenes Hemd, eine blau-grüne gestreifte Krawatte, klassisches Muster, an den Füßen gute braune Schuhe. Die dunkelblonden Haare des Mannes waren kurz geschnitten, aber sie kräuselten sich trotzdem, in ungebändigtem Zustand würden sie vermutlich einen verwegenen Eindruck machen. Erst als der Mann einen Schritt auf ihn zumachte, und zwar seltsam ungelenk, so als könne sein rechtes Bein wesentlich weniger Gewicht tragen als das linke, wurde Samson schlagartig klar, dass er es mit einem Bekannten, ja, verdammt, einem alten Freund zu tun hatte, den er zwar ein Dutzend Jahre oder so nicht mehr gesehen hatte, wie man sich eben so aus den Augen verliert, dachte Samson noch, mit dem er aber genug erlebt hatte, damals, in Münster, dass er, dass Stefan also, jederzeit einen Anspruch haben würde, ihn anzusprechen, egal wo und egal wie, und wieder in sein Leben einzutreten.

»Stefan! Wow, ich, das … du hier?«

»Na klar!« Stefan lachte jetzt, sehr herzlich. Er reichte Samson die rechte Hand, und als Samson sie ergriff, da durchfluteten ihn gleich noch mehr Erinnerungen. Diese seltsame, etwas verkrüppelte Hand, ein bisschen zu schmal und ein wenig zu hart. Die Folge einer frühen Kinderlähmung, genau wie der unbalancierte Gang.

»Was machst du denn hier?«

»Na ja, ich lebe seit ein paar Jahren in Berlin. Ich bin Anwalt. Und als ich die Ankündigung sah, habe ich beschlossen zu kommen. Ist doch klar! Ich meine, ich lese deine Sachen natürlich. Aber ich wollte dich wiedersehen, ist ja immer noch was anderes.«

»Du liest meine Sachen?«

»Klar, derkleinejihad.com, ist zwar nicht meine Startseite, aber ich schaue schon jeden Tag drauf.«

»Das ist echt verrückt, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Also außer natürlich: schön, dich zu sehen!«

»Ja, finde ich auch. Hör mal, Samuel, ich bin nicht nur wegen des Vortrags hier, ich sag’s dir lieber gleich. Hast du noch Zeit für einen Kaffee? Dann erkläre ich es dir schnell, weil ich nach dem Vortrag gleich ins Gericht muss.«

»Klar.«

Einmal um die Ecke, Stefan wusste das, befand sich ein Café. Eins von der Sorte, wie sie in Mitte seit ein paar Jahren um sich griffen: mit ökologischem Espresso, Guaven-Eistee aus Brasilien zu 4,50 Euro und riesigen, windschiefen Chocolate Chip Cookies, die der Geschäftsführer tatsächlich morgens selbst backte, auch wenn er nicht danach aussah.

Stefan bestellte einen Cappuccino und für Samson/Samuel – »wie früher, oder?« – einen dreifachen Espresso.

Samuel widersprach nicht.

Sie setzten sich auf die Holzstühle vor dem Café.

»Pass auf, ich mache es kurz, weil du ja gleich reinmusst und ich, wie gesagt, danach nicht bleiben kann. Ich habe mit ein paar Bekannten, nicht nur Anwälte, aber gute Leute, Intellektuelle und so, nachdenkliche Menschen alles, schon vor einiger Zeit eine Art Salon gegründet. Einen politischen Salon. Wir treffen uns alle zwei Wochen. In Ruhe reden, du weißt schon, über das, was uns so bewegt. In aller Ruhe, ohne Tabus, ohne Vorbehalte, unter uns gewissermaßen. So weit, so klar?«

»Klar.«

»Also, und dein Thema, tja, das ist so eine Art Dauerbrenner bei uns.«

»Mein Thema?«

»Na ja, Terrorismus. Islamistischer Terrorismus. Auch Islamismus allgemein. Das Denken, die Ziele, was es für uns bedeutet. Bedeuten kann. Bedeuten wird. Islam allgemein, auch immer wieder ein Thema, klar, in Berlin, aber natürlich auch insgesamt!« Stefan lachte.

»Klingt interessant«, sagte Samson langsam.

»Ist es auch, ist es!«, fuhr Stefan fort, und schüttete Zucker in seinen Cappuccino. »Und manchmal laden wir Leute ein, die sich mit einer Sache, die uns interessiert, besonders gut auskennen. Na ja, und wir hätten dich gerne mal als Gast. Wie gesagt: ganz ungezwungen, ganz frei. Ganz offen.« Stefan sah ihn erwartungsvoll an.

Samson nahm einen Schluck von seinem Espresso. Aus irgendeinem Grund musste er an Nina denken, in die Stefan im Abiturjahr so verliebt gewesen war. Nina. Wie weit das alles weg war! Trotzdem war Stefan jetzt hier. Ein echter Mensch, zudem irgendwie immer noch der Alte, unverkennbar: immer dabei, etwas zu organisieren, immer auf der Suche nach der nächsten Sache. Ein feiner Kerl, dachte Samson, so nennt man das. Stefan war immer ein feiner Kerl gewesen. Verbindlich, ernsthaft, großzügig. Begeisterungsfähig.

»Okay, warum nicht«, sagte Samson schließlich. »Klingt doch nach einem interessanten Abend.«

»Das freut mich, freut mich ehrlich!«

»Und wann wäre das?«, fragte Samson.

»Nun, es wäre gleich heute Abend. Ich hoffe, das ist in Ordnung?«

»Wo soll ich denn hinkommen, und wann?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Das weißt du noch nicht?«

»Es ist immer ein anderer von uns dran, das Treffen zu organisieren, und die Regel lautet, dass wir immer erst zwei Stunden vorher erfahren, wo es stattfindet. Aber wir fangen um 22 Uhr an, das ist immer so.«

»Wow, das klingt etwas merkwürdig, Stefan.«

»Ja, ich weiß. Es liegt an einigen von unseren Leuten, weißt du. Es sind welche dabei, na ja, wie gesagt, es ist alles ganz offen, aber eben auch ganz vertraulich. Damit man wirklich reden kann, und es sind eben welche dabei, also zum Beispiel von großen Firmen oder Einrichtungen, also, die bestehen da irgendwie drauf, dass alles ein bisschen konspirativ ist.«

»Was seid ihr, die Freimaurer?«

»Kann schon sein, dass einige von uns Freimaurer sind, ehrlich gesagt gehe ich davon aus, also ein paar vielleicht, ich jedenfalls nicht. Aber wieso fragst du, ist das ein Problem?«

Stefan sah Samson an. Erst dann lachte er und schüttelte den Kopf darüber, dass ihm nicht sofort aufgefallen war, dass Samson einen Scherz gemacht hatte.

 

Samson. Samson merkte erst jetzt, wie ironisch es war, dass er ausgerechnet den Menschen, der ihm diesen Spitznamen verpasst hatte, daran erkannt hatte, dass er seinen wahren Namen gerufen hatte. Samuel. Samuel Sonntag, SamSon, Samson: Es war auf der Kursfahrt nach London gewesen, an der Bar eines billigen Hotels in der Nähe der Tottenham Court Road, ziemlich spät nachts, als Stefan dieses Wortspiel, oder was auch immer genau es war, entdeckte und anschließend noch ein paar Stunden lang, bis zum Morgengrauen, kultivierte. Auch am nächsten Tag, als sie das British Museum besichtigten, beharrte Stefan darauf, Samuel nur noch Samson zu rufen. Und am übernächsten, als sie in einem kleinen, verwunschenen Privatmuseum am Sloane Square an einem von Lawrence von Arabien von irgendwo entführten Sarkophag standen und Samuel heimlich beschloss, dass Arabistik vielleicht wirklich ein interessanter Studiengang sein könnte, hielt Stefan durch. Am dritten Tag, dem Tag vor der Rückreise, setzte sich der neue Name allmählich durch. Thomas, Daniel, Dominik nahmen ihn auf, und als sie alle anderthalb Jahre später ihr Abitur ablegten, da gratulierte sogar sein Tutor, Herr Lehmann, mit einem freundlichen: »Ich gratuliere, Samson, ich wünsche Ihnen alles Gute!« Es war auch auf dieser Reise gewesen, dass Samson und Stefan einander als Freunde nähergekommen waren. Warum sollte er Stefan da eine so harmlose Bitte abschlagen?

***

Munkelmann trug schwer an seiner Aktentasche. Es war nicht so, dass er die edle Mappe aus hellem Kalbsleder schleppen musste, aber als Munkelmann sich endlich durch den schweren roten Windfang gekämpft hatte, da war sein offensichtlicher Vorsatz, die Tasche möglichst lässig und beiläufig zu halten, bereits gescheitert.

Für Merle Schwalb waren solche Momente ein Fest. In ihrem Kopf lief schon jetzt, während Munkelmanns graue Augen sie noch zu orten versuchten, ein ganzer Film ab, mit Munkelmann in der Hauptrolle. Die Tasche, das stand für Merle Schwalb außer Frage, war ein Geschenk seiner Eltern gewesen. Zum Staatsexamen? Zum ersten Job? Eins von beiden, sie war sich sicher. Jurist, vermutete sie weiter. Ein Muttersöhnchen, ganz gewiss. Als Privatperson wahrscheinlich eher unsicher. In einer Funktion aber, und Munkelmann hatte ja eine, wenn auch keine glamouröse, eher professionell. Keine Frage, dass er sich darüber definierte, was er von acht Uhr morgens an und bis vermutlich ebenso spät am Abend tat. Und was tat Munkelmann danach?

Sie spekulierte weiter, denn noch immer hatte Munkelmann sie nicht entdeckt, und sie hatte ihrerseits keinesfalls vor, nach ihm zu rufen oder zu winken. Danach schaute er wahrscheinlich Stefan Raab, beschloss sie, und dazu gab es eine Fertigpizza. Anschließend ein bisschen im Internet surfen. Verheiratet konnte sie ihn sich nicht vorstellen, Munkelmann trug auch keinen Ring, wie sie mit einem schnellen Blick feststellte. Sie schätzte, dass er eher einsam war. Dabei war er nicht einmal hässlich, sogar recht gut gebaut. Aber er kam ihr seltsam zurückgenommen vor, bestimmt kein Draufgänger, vermutete sie. Noch ein paar Jahre, dann würde er vielleicht anfangen, in den Puff zu gehen. Wahrscheinlich hatte er noch einen oder zwei alte Freunde in anderen Städten, mit denen er einmal im Jahr über die Stränge schlug, ein langes Wochenende an der Ostsee oder ein wichtiges Fußballspiel, live im Stadion, eventuell sogar ein Rockfestival, Munkelmann war schließlich auch nicht älter als 32, 33. Alles in allem, resümierte sie, war Munkelmann aber langweilig und harmlos.

Merle Schwalb wusste natürlich genau, dass ihre Mutmaßungen nie ganz richtig waren, wenn sie auch häufig zu einem erstaunlich hohen Prozentsatz zutrafen. Es war aber eine über die Jahre gewachsene Angewohnheit von ihr, sich von Menschen, die sie professionell traf, zunächst selbstständig ein Bild zu machen, selbst auf der Basis winzigster Beobachtungen, und zwar ein umfangreiches Bild, ein geradezu episches. Und erst dann erlaubte sie Fakten, dieses Bild zu bestätigen oder zu verändern. Sie brauchte einfach eine Arbeitshypothese, wenn sie mit jemandem zu tun hatte.

Sie war sich zwar bewusst, dass eine gute Journalistin genau so nicht