Raubtiere - Lisa Jackson - E-Book
Beschreibung

Mit dem Thriller „Raubtiere“ setzt die amerikanische Bestseller-Autorin Lisa Jackson die Serie rund um die Detectives Selena Alvarez und Regan Pescoli fort. In ihrem 6. Fall bekommen es Alvarez und Pescoli mit einem besonders perfiden Serienkiller zu tun. Eine Frau auf der Flucht: Gejagt von einem Psychopathen, taucht sie in Grizzly Falls, Montana, unter. Dort werden kurz nacheinander zwei verstümmelte Leichen von Frauen gefunden. Beiden wurde der Ringfinger samt Verlobungsring abgetrennt. Jessica, wie sich die flüchtige Frau inzwischen nennt, fürchtet, dass es sich um tödliche Botschaften für sie handelt, doch sie kann sich wegen ihrer eigenen dunklen Vergangenheit nicht an die Polizei wenden. Detectives Alvarez und Pescoli übernehmen den Fall. Aber ihnen fehlt jede Spur, und der Mörder scheint ihnen stets einen Schritt voraus zu sein …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:538


Lisa Jackson

Raubtiere

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Kristina Lake-Zapp

Knaur e-books

Über dieses Buch

Eine Frau auf der Flucht: Gejagt von einem Psychopathen, taucht sie in Grizzly Falls, Montana, unter. Dort werden kurz nacheinander zwei verstümmelte Frauenleichen gefunden. Beiden wurde der Ringfinger samt Verlobungsring abgetrennt. Jessica, wie sich die flüchtige Frau inzwischen nennt, fürchtet, dass es sich um tödliche Botschaften für sie handelt, doch sie kann sich wegen ihrer eigenen dunklen Vergangenheit nicht an die Polizei wenden. Detectives Selena Alvarez und Regan Pescoli übernehmen den Fall. Aber ihnen fehlt jede Spur, und der Mörder scheint ihnen stets einen Schritt voraus zu sein …

Inhaltsübersicht

PrologKapitel einsKapitel zweiKapitel dreiKapitel vierKapitel fünfKapitel sechsKapitel siebenKapitel achtKapitel neunKapitel zehnKapitel elfKapitel zwölfKapitel dreizehnKapitel vierzehnKapitel fünfzehnKapitel sechzehnKapitel siebzehnKapitel achtzehnKapitel neunzehnKapitel zwanzigKapitel einundzwanzigKapitel zweiundzwanzigKapitel dreiundzwanzigKapitel vierundzwanzigKapitel fünfundzwanzigKapitel sechsundzwanzigKapitel siebenundzwanzigKapitel achtundzwanzigKapitel neunundzwanzigEpilogLisa Jackson bei KnaurLeseprobe zu Lisa Jackson: Opfertier
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Prolog

In den Sümpfen Louisianas Oktober

Sie war noch nicht tot.

Zumindest nicht ganz.

Obwohl ihre Augen blicklos zum dunklen Nachthimmel hochschauten, ging ihr Atem flach. Ihr Herz schlug, zwar schwach, aber noch regelmäßig. Ja, sie war am Leben, doch es würde nicht lange dauern, und der Sensenmann erwischte sie mit seiner Klinge. Und das war gut so. Dachte er. So konnte sie ihm nie wieder mit ihren Sticheleien zusetzen oder ihn gar verspotten. Nie wieder würde sie ihm dreist ins Gesicht grinsen. Sie lag auf einer Plane am schlammigen Ufer des bayou, wie man die unzähligen stehenden oder träge fließenden Gewässer in den ausgedehnten Sumpflandschaften Louisianas nannte, ein leichtes Opfer für Alligatoren oder sonstiges Getier, das es hier zuhauf gab.

Das Gesicht zu einem höhnischen Feixen verzogen, beugte er sich über sie. Wie verwundbar sie doch war! Wenn er wollte, könnte er ihr die Kehle durchschneiden und zusehen, wie das Blut aus dem Schnitt in ihrer weißen Haut quoll – klaffende Lippen, zu einem grotesken Lächeln verzogen.

Unweigerlich tastete er nach seinem schmalen Schnappmesser, das tief in seiner Hosentasche steckte.

Ach nein, sie würde ohnehin bald verrecken, außerdem hatte er vor, sie auf eine andere, intimere Art und Weise zu verstümmeln.

Keine drei Meter von ihm entfernt sprang etwas ins schlammige Wasser. Ein Ochsenfrosch? Das Platschen erinnerte ihn daran, dass er sich an die Arbeit machen musste; ihm blieb nicht viel Zeit. Der Vollmond glänzte silbern über dem bayou, die Sumpfzypressen mit ihren freiliegenden Wurzeln warfen lange unheimliche Schatten auf das dunkle Wasser, von den Zweigen der Lebenseichen hing Louisiana-Moos, Grillen zirpten, Fische schnellten aus der modrig riechenden Brühe und tauchten wieder ein, wobei sie kleine kreisförmige Wellen schlugen.

Salzige Schweißtropfen sammelten sich auf seinen Augenbrauen, rannen ihm seitlich übers Gesicht und tropften auf ihren reglosen Körper. Er nahm ihre linke Hand in seine und spreizte ihre Finger. Antike Diamanten funkelten im blassen Mondlicht, ihr Glanz schien ihn zu verhöhnen. Ach, was hatten diese Steine, kalt und klar wie Eis, einst bedeutet, welche Versprechen waren damit verbunden gewesen …

Weißglühender Zorn flackerte in ihm auf, als er die Diamanten betrachtete. Mit der freien Hand zog er sein Schnappmesser aus der Hosentasche und ließ die Klinge aufspringen, die im Schein des Mondes blitzte. Ohne zu zögern, machte er sich an die Arbeit, setzte das Messer an und schnitt ihr den Ringfinger ab.

Sie zuckte nicht einmal zusammen.

Blut spritzte. Er riss den Ring von dem hässlichen Stumpf und spürte, wie ihn eine Woge der Zufriedenheit überkam. Das hatte er gut gemacht!

Ein breites Lächeln auf den Lippen, richtete er sich auf, straffte die Schultern und blickte auf sie hinab, auf ihr schmutziges dünnes Kleid, ihr schönes Gesicht, dem Tod geweiht.

Sein Blick wanderte zu ihrem Finger auf seiner offenen Handfläche, dann weiter zu dem Ring. Jetzt gehörte er ihm.

Exquisite Diamanten.

So leicht an sich zu bringen.

So leicht einzustecken.

Er versetzte dem reglosen Körper, ein Leichnam fast, einen Tritt und sah zu, wie er vom Ufer rollte und mit einem leisen Platschen ins Wasser eintauchte. Einen Augenblick trieb er am Ufer, dann wurde er von der trägen Strömung erfasst und langsam flussabwärts gezogen. Er sah ihm nach, bis er aus seinem Blickfeld verschwunden war.

»Die bist du los«, flüsterte er, atmete ein paarmal tief durch und wischte sich den Schweiß von der Stirn, bevor er seinen Schatz einsteckte.

Als er sich wieder der dichten Ufervegetation zuwandte, vernahm er ein weiteres leises Platschen, dem Geräusch nach ein großes Reptil, das sich ins trübe Wasser schob.

Perfekt, dachte er und stellte sich die urzeitliche Kreatur vor, die geräuschlos unter der Wasseroberfläche dahinglitt, um sich die Beute zu schnappen. Immer noch zufrieden lächelnd, rollte er die Plane zusammen und eilte zu der Stelle, an der er seinen Pick-up abgestellt hatte.

Vom Wasser her drang plötzlich lautes Klatschen zu ihm herüber, und er malte sich aus, wie der Alligator seine Zähne in ihr Fleisch schlug und zu seiner Todesrolle ansetzte.

Kurz darauf war alles wieder still. Totenstill. Dann setzte der Chor der Insekten und Ochsenfrösche erneut ein.

Ein passendes Ende, dachte er. Das geschah der Ehebrecherin recht.

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Kapitel eins

Grizzly Falls, Montana Januar

Hier muss es sein.

Leicht fassungslos nahm Jessica Williams das heruntergekommene Cottage in Augenschein und spürte, wie ihr Mut sank. Rapide. Ja, sie hatte sich einen abgeschiedenen Ort gewünscht, an dem sie zurückgezogen leben konnte, ohne die störenden Blicke neugieriger Nachbarn, aber diese baufällige Hütte mit ihrem moosüberzogenen Dach, der durchhängenden Veranda und der verrosteten Dachrinne war mehr als rustikal. Wenigstens waren die Fenster nicht vernagelt, und es gab eine Art Garage, doch um dorthin zu gelangen, würde sie erst einmal tonnenweise Schnee schaufeln müssen. Sie bezweifelte, dass es im Cottage eine Zentralheizung gab. Wenn sie einen sicheren Hafen erwartet hatte, wurde sie nun schwer enttäuscht.

Pech.

Für die absehbare Zukunft würde dieses kleine, achtzig Jahre alte Holzhäuschen, eingebettet in die dicht bewaldeten Ausläufer der Bitterroot Mountains, eines schroffen Gebirgszugs im Bundesstaat Montana, ihr Zuhause sein – ob es ihr gefiel oder nicht.

»Nein, es gefällt mir ganz und gar nicht«, murmelte sie und sprang aus ihrem alten Geländewagen – ein Chevy, der schon über zweihunderttausend Meilen auf dem Tacho hatte. Ihre Füße trafen auf den unberührten Schnee. Die Luft war knackig kalt, der Schnee überfroren. Während der letzten fünfzig Meilen ihrer langen Reise hatte die Ölstands-Warnleuchte geblinkt, doch sie hatte nicht weiter darauf geachtet und einfach nur gebetet, dass sie es bis hierhin schaffen würde, bevor der Wagen seinen Geist aufgab. Nach über sechsunddreißig Stunden auf der Straße, in denen sie sich von Energie-Riegeln, tütenweise Doritos, Red Bull und mehreren Flaschen Wasser ernährt hatte, war sie endlich angekommen. Sie war todmüde, doch noch konnte sie sich nicht ausruhen.

Ein Blick über die Schulter auf die schmale Zufahrt, die durch die dichten Bäume auf die kleine Lichtung mit der Hütte führte, zeigte ihr, dass sie hier draußen wirklich mutterseelenallein war. Nur die Reifenspuren ihres Tahoe durchbrachen die geschlossene Schneedecke und zeugten davon, dass jemand in dem kleinen Cottage Quartier bezogen hatte.

Jessica Williams, rief sie sich in Erinnerung. Hier wohnt Jessica Williams. So heißt du jetzt. Jessica Williams. Der Name fühlte sich ungewohnt an, unangenehm wie ein kratziger Mantel auf nackter Haut, der erst eingetragen werden musste.

Bevor sie anfing auszuladen, stapfte sie einen Pfad zu der durchhängenden Veranda in den tiefen Schnee und stieg die beiden Stufen hinauf. Die Veranda war voller Schneeverwehungen, neben der Tür türmte sich ein großer Haufen der weißen Pracht, gespickt mit trockenen Blättern.

Sie steckte ihren Schlüssel ins Schloss. Sollte es verrostet sein, womit sie fast rechnete, hätte sie ein Problem. Eins von vielen, dachte sie und versuchte, den Schlüssel zu drehen. Er rührte sich nicht. Sie rüttelte daran. »Komm schon, geh auf«, murmelte sie angespannt. Ihr Atem bildete weiße Wölkchen in der kalten Luft.

Sie hatte das Cottage übers Internet gemietet. Der Vermieter wohnte in einem anderen Bundesstaat. Sie hatte ihn im Voraus bezahlt, in bar, und er hatte keine Fragen gestellt. Sie hoffte nur, dass das auch so blieb.

Nach einem kräftigen Ruck gab das Schloss nach. Jessica stieß die Tür auf.

»Uff«, schnaufte sie und warf einen vorsichtigen Blick ins Hütteninnere. Ihre Hand fand den Lichtschalter neben der Tür, doch als sie darauf drückte, tat sich nichts, also kehrte sie zu ihrem SUV zurück, um ihre Maglite und einen Rollkoffer zu holen, den sie hinter sich her durch den Schnee zerrte. Sie knipste ihre Taschenlampe an und ließ den grellen Strahl durchs Cottage gleiten. So wie es darin aussah, war seit über einem Jahrzehnt niemand mehr hier gewesen. Die Luft roch abgestanden, modrig, auf allem lag eine dicke Staubschicht. Ein alter Zweisitzer mit verschossenen Polstern und einem zerschrammten Holzrahmen tauchte im Lichtkegel auf, davor stand ein Couchtisch. Gleich neben dem Kamin aus Flusssteinen entdeckte sie einen Schaukelstuhl, aus dessen Kissen die halbe Füllung quoll. Vermutlich hatten die Vögel sie für die Nester gebraucht, die sie im Sommer zweifelsohne im Kamin bauten.

»Der Traum oder Alptraum eines jeden Heimwerkers«, sagte sie laut, »kommt drauf an.« Ein »Paradies für Jäger«, wie es das Inserat anpries, war die Gegend bestimmt, und sie war schroff und unwirtlich, genau wie die Hütte, die sie sich, wie sie nun bemerkte, mit Mäusen und anderen Nagetieren teilen würde. Hoffentlich tauchte kein Waschbär oder Schlimmeres in einem der Küchenschränke auf.

Vorsichtig tappte sie über den groben Holzfußboden in die kleine Küche. Wegen der Schränke musste sie sich keine Gedanken machen – es gab keine. Nur einen Tisch mit zwei Stühlen vor einem uralten Holzofen und eine leere Stelle an der Wand, wo einst ein Kühlschrank oder eine Gefriertruhe gestanden haben musste. Sämtliche in der Annonce versprochenen Haushaltsutensilien fehlten. Sie hatte nach einem Cottage mit Strom, fließendem Wasser und Handyempfang Ausschau gehalten, um Zugang zum Internet zu haben, doch nun sah es so aus, als böte die Hütte gar nichts davon.

»Na großartig«, murmelte sie, doch dann ermahnte sie sich, daran zu denken, dass ihr Hauptaugenmerk der Abgeschiedenheit galt, und die bot das Cottage zweifelsohne.

Sie ging ins Bad und drückte testhalber die Toilettenspülung, die natürlich nicht funktionierte. Doch nachdem sie die Ventile aufgedreht hatte, die den Zulauf zum Spülkasten regelten, begann Waser zu fließen. Ein gutes Zeichen. Sie hatte schon befürchtet, die Rohre wären verrostet oder aber zugefroren. »Es geschehen noch Wunder«, murmelte sie und drückte erneut auf die Spültaste. Wasser rauschte. Anschließend wandte sie sich dem schmutzigen Waschbecken zu. Eiskaltes Wasser floss aus dem Hahn.

Das genügt für heute Abend.

Mit ihrer Maglite bewaffnet, nahm sie den Rest der Hütte in Augenschein. Neben Wohnzimmer, Küche und Bad gab es noch ein kleines Schlafzimmer, in dem allerdings kein Bett stand, sowie einen niedrigen Speicher unter dem schräg abfallenden Dach. Hinten ging eine Veranda auf einen Bach hinaus, der sich durch die Hemlocktannen schlängelte. Im dämmrigen Abendlicht erkannte sie, dass er fast zugefroren war, nur in der Mitte floss ein schmales Rinnsal.

Einen Heizofen gab es nicht, auch kein Lüftungsrohr, das darauf hindeutete, dass hier jemals einer gestanden hatte. Sie öffnete eine Tür, hinter der sich eine kleine Kammer befand – vermutlich für Jagdausrüstung und Waffen. Jetzt war sie leer. Ohne Heizung würde es eisig kalt in der schlecht isolierten Holzhütte sein, aber sie hatte ja noch den aus Flusssteinen gemauerten offenen Kamin mit dem rußgeschwärzten Feuerraum im Wohnzimmer. »Trautes Heim, Glück allein«, knurrte sie, drehte sich um und marschierte zur Haustür hinaus zu ihrem Tahoe. Sie würde ausladen, solange sie noch etwas sehen konnte, dann würde sie Feuer machen und die Hütte säubern, so gut sie konnte, bevor sie sich ein Nachtlager bereitete.

Angestrengt schnaufend, schleppte Jessica ihren Schlafsack, ein Kissen, einen Rucksack, eine große Packung Kerzen nebst Streichhölzern, ihre leere Thermoskanne und eine Flasche Wasser ins Cottage, dazu eine Tüte mit Dörrfleisch und eine Banane, die bereits braun wurde. Ein bescheidenes Abendessen.

Die Dämmerung senkte sich immer tiefer über die kleine Lichtung, und es begann wieder zu schneien. Bald wären die Reifenspuren zugedeckt, die ihr Geländewagen in der unberührten weißen Decke hinterlassen hatte, als sie gut zwanzig Meilen zuvor von der Landstraße abgebogen war und sich auf den abenteuerlichen Weg durch die Hügel rund um Grizzly Falls gemacht hatte.

Hierher verirrt sich kein Mensch, dachte sie erleichtert. Hier wirst du in Sicherheit sein. Ihr Blick schweifte über die umliegenden Wälder. Hier würde er sie niemals finden. Oder doch? Sie hatte ihre Spuren komplett verwischt. Ihre Augen blieben an den Reifenabdrücken im Schnee hängen. Was, wenn ihr jemand gefolgt war? Unterwegs hatte sie immer wieder in den Rückspiegel geblickt, doch über endlos lange Strecken war außer ihr kein einziger Wagen unterwegs gewesen. Trotzdem konnte sie ihr mulmiges Gefühl nicht abschütteln. Solange sich die Schneedecke nicht wieder geschlossen hatte, wären die Reifenspuren mindestens so deutlich, als hätte sie knallrote Hinweisschilder aufgestellt.

Die Nacht legte sich über die verschneite Landschaft, und je finsterer es wurde, desto finsterer wurden auch ihre Gedanken. Paranoia stieg in ihr auf. Ständig hatte sie das Gefühl, jemand stünde nur einen Schritt hinter ihr, bereit, sich auf sie zu stürzen und ihr die Kehle aufzuschlitzen. Unweigerlich hob sie die Hand an ihren Hals und rief sich vor Augen, dass sie Freunde in Grizzly Falls hatte, Menschen, denen sie vertrauen konnte.

Was nützen dir deine Freunde, wenn er dich hier aufspürt? Sie können dich nicht schützen, Jessica, und das weißt du. Niemand kann dich schützen.

Verzweifelt drehte sie sich um, schloss den Tahoe ab und flüchtete vor einer kräftigen Böe, die den Schnee von den umstehenden Bäumen ins Cottage fegte.

Reiß dich zusammen. Anders als dort, wo sie herkam, herrschten in Grizzly Falls Recht und Ordnung, der Sheriff war ein vernünftiger Mann mit einer aufrechten Gesinnung und dem Vermögen, Tatsachen von Lügenmärchen zu unterscheiden.

Dan Grayson würde ihr helfen.

Musste ihr helfen. Unbedingt.

Jessica stellte ihre Taschenlampe auf den Wohnzimmertisch, verteilte mehrere Kerzen im Raum und sah sich nach einem Versteck um. Im flackernden Lichtschein der kleinen Flammen entdeckte sie in der hintersten Ecke des Kamins eine zusätzliche Lüftung, die man von Hand öffnen und schließen konnte. In dieser kleinen Nische würde sie die gefälschten Papiere unterbringen, die sie in Denver benutzt hatte. Doch dieses Versteck genügte nicht, also zog sie ihr Schweizer Messer aus dem Rucksack, schraubte ein Stück Fußbodenleiste ab und sägte mit der kleinen Säge ein Loch in die Wandverkleidung, gerade groß genug, um ihren anderen Pass und das Geld darin zu verstauen. Anschließend schraubte sie die Leiste wieder fest. Die nächste Stunde verbrachte sie damit, eine Öffnung in die hintere Kante des eingebauten Bücherregals zu sägen, in dem ihre restlichen Wertgegenstände verschwanden.

Sie überlegte, wo sie ihre Waffen verstauen sollte. Das kleine Schnappmesser, das genau in ihre Handfläche passte, würde sie bei sich behalten. Tagsüber versteckte sie es stets im Polster ihres BHs, nachts schob sie es in ihren Pyjamaärmel. Dann war da noch ihre Pistole. Diese trug sie ebenfalls fast immer bei sich. Wenn sie unterwegs war, lag sie in ihrem SUV, unter dem Sitz versteckt, wenn sie schlief, verstaute sie sie unter ihrem Kopfkissen. Nicht sonderlich einfallsreich, das war ihr klar, aber so war die kleine Pistole immer in ihrer Reichweite, sollte plötzlich ein Eindringling auftauchen.

Bei der Vorstellung beschleunigte sich ihr Herzschlag.

Ob sie das wirklich könnte?

Die Waffe auf jemanden richten und abdrücken?

Ein Menschenleben auslöschen?

Auf jeden Fall. Vor ihrem inneren Auge tauchte sein Bild auf, und sie musste daran denken, wie grausam er war, wie sehr er es genossen hatte, sie zu quälen. Sie müsste nicht zweimal überlegen, sondern würde sofort abdrücken, sollte er unerwartet vor ihr stehen. Dieser miese Bastard!

Sie ließ sich auf den Zweisitzer fallen, auf den sie ihren Schlafsack und ihr Kopfkissen gelegt hatte, und schob die Kel-Tec P-32 unters Kissen. Ein Bett hatte sie nicht, also würde sie hier schlafen müssen. Besser als nichts, dachte sie und wandte sich ihrem mageren Abendessen zu.

Erschöpft schälte sie ihre Banane und öffnete die Wasserflasche. Als sie aufgegessen hatte, breitete sie ihren Schlafsack aus und warf einen Blick auf ihr Handy. Im Augenblick hatte sie sogar Empfang. Vielleicht wäre es doch kein Ding der Unmöglichkeit, ins Internet zu kommen. Allerdings wollte sie das heute Abend nicht mehr ausprobieren. Nachdem sie sich noch einmal vergewissert hatte, dass sich keine unerwünschten vierbeinigen Gäste mit ihr in der Hütte befanden, kontrollierte sie, ob alles fest verschlossen war, dann legte sie sich auf ihr provisorisches Bett. Der Wind heulte unheimlich um die Holzwände des kleinen Blockhauses. Nein, sie würde bestimmt nicht einschlafen können.

Nach zwei Minuten allerdings schlief sie tief und fest wie ein Murmeltier.

 

Detective Selena Alvarez schickte ein Gebet, das sie einst in der Sonntagsschule gelernt hatte, zum Himmel, dann fügte sie eine persönliche Bitte an: Lieber Gott, bitte lass Dan Grayson am Leben. Dieser lag immer noch in seinem sterilen, zweckmäßig eingerichteten Krankenzimmer im Koma. Überall an seinem Körper waren Schläuche und Kabel befestigt, mehrere Monitore zeigten seine Vitalfunktionen an. Grayson, ein großer, einst so kräftiger Mann, der kaum in das Krankenbett passte, war der Sheriff von Pinewood County und einer der besten Männer, die Alvarez je kennengelernt hatte, ein Mann, in den sie vor einiger Zeit verliebt gewesen war. Doch die Person, die unter dem steifen weißen Klinikbettzeug lag, war nur noch die Hülle des Mannes, den sie erinnerte, des lebensfreudigen, umsichtigen Gesetzeshüters mit der gedehnten Sprechweise, dessen Augen stets amüsiert funkelten, wenn er sich über etwas freute, und die sich gefährlich verdüsterten, wenn er ernst wurde. Im grellen Neonlicht des Krankenhauses wirkte seine Haut grau, sein sorgfältig getrimmter Bart war ungepflegt, sein Atem ging schwer und rasselnd.

Mit den Fingerspitzen berührte sie seine Hand und wünschte sich, er würde die Augen öffnen, wünschte sich, er wäre niemals aus seinem Blockhaus getreten und einem wahnsinnigen Scharfschützen zum Opfer gefallen. Sie hatten den Mistkerl, der Grayson verwundet hatte, geschnappt und hinter Gitter gebracht, wo er in Untersuchungshaft saß und auf seinen Prozess wartete. Ihm wurde eine ganze Reihe von Verbrechen vorgeworfen, darunter auch Mord und versuchter Mord.

»Halt durch«, flüsterte sie mit belegter Stimme. Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle, Tränen traten ihr in die Augen, dabei war sie für gewöhnlich ein Mensch, der seine Emotionen gut unter Kontrolle hatte.

»Eiskalt«, hatte sie Rick Hanson, einen Deputy, der bekannt war für seine dämlichen, oft frauenfeindlichen Witze, im Aufenthaltsraum sagen hören. Hanson, der Experte, wenn es um das weibliche Geschlecht ging. Haha. Der Kerl war fast genauso bescheuert wie der vermeintliche Frauenkenner Pete Watershed.

»In ihren Adern fließt Eiswasser statt Blut«, hatte ihm sein Partner Dale Connors, dieses Rindvieh, beigepflichtet und Alvarez einen verstohlenen Blick zugeworfen, als hoffte er, sie hätte das Gespräch nicht gehört.

Hatte sie aber, und sie konterte mit: »Besser das, als das doppelte I-Gen in sich zu tragen wie du: I für Impotenz und I für Idiotie.« Hinterher hätte sie sich einen Tritt dafür verpassen können, weil sie sich hatte provozieren lassen. Hanson und Connors waren nichts weiter als dämliche Armleuchter, und darin standen ihnen andere Kollegen in nichts nach.

Dan Grayson dagegen, der hier vor ihr in seinem Krankenhausbett lag, war einer der besten Menschen, denen sie in ihrem Leben begegnet war.

Gedankenverloren schaute sie aus dem Fenster hinaus in die stille Winternacht. Es schneite unablässig, auf dem Parkplatz und den darauf abgestellten Fahrzeugen lag eine dicke weiße Decke. Grayson war hier in Sicherheit, doch gar nicht sicher war, ob er überleben würde. Ein Seufzen unterdrückend, beugte sie sich vor und hauchte einen Kuss auf seine kühle Wange. Obwohl sie in einen anderen Mann verliebt war – einen Mann, den sie hoffentlich in naher Zukunft heiratete –, würde sie stets voller Zuneigung an den Sheriff denken, der sie Bescheidenheit, Geduld und Einfühlungsvermögen gelehrt hatte.

Selena warf ihm einen letzten Blick zu, dann riss sie sich los und verließ eilig sein Krankenzimmer. Draußen auf dem Gang nickte sie der Nachtschwester zu, die auf einen Summer drückte, um ihr die Tür der Intensivstation zu öffnen. Auf der anderen Seite stand geduldig wartend Dylan O’Keefe, der Mann, der nach langen Jahren in ihr Leben zurückgekehrt war, der Mann, den sie liebte.

»Wie geht es ihm?«, erkundigte sich O’Keefe, der sehr genau wusste, was Alvarez für ihren Chef empfand. In seinen stahlgrauen Augen stand Sorge.

»Nicht gut.« Sie warf sich in seine starken Arme und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. »Nicht gut.«

Er drückte sie an sich und flüsterte: »Pscht. Nicht weinen. Er wird schon wieder. Er ist stark. Es braucht schon mehr als ein, zwei Kugeln, um diesem Cowboy das Licht auszublasen.«

Die Augenlider fest zusammengepresst, wünschte sich Selena, sie könnte seinen tröstlichen Worten Glauben schenken. Sie hatte alles getan, um den feigen Angreifer vor Gericht zu bringen, doch diesen alles entscheidenden Kampf musste Dan Grayson ganz allein ausfechten.

Schniefend unterdrückte sie ihre Sorge, er könnte ihn verlieren, und trat einen kleinen Schritt zurück. »Du hast recht«, pflichtete sie Dylan bei. »Er ist stark.«

»Wollen wir gehen?«

Sie nickte, und er drückte auf den Aufzugsknopf. Mit einem leisen Ping! glitten die Türen auseinander. Sie betraten die Kabine, und wieder einmal betete Alvarez stumm, dass Sheriff Dan Grayson überleben würde.

 

Als Jessica aufwachte, war sie in der stockdunklen Hütte zunächst völlig orientierungslos. Ihre Blase drohte zu platzen. Wo hatte sie bloß ihre Taschenlampe abgestellt? Sie tastete nach ihrem Handy, fand es in ihrer Hosentasche und warf einen Blick auf die Uhr. Kurz vor fünf. Sie hatte fast zehn Stunden am Stück geschlafen. Ihr Hals war steif von der langen Autofahrt und dem unbequemen Sofa.

Aber sie hatte überlebt.

Zumindest eine weitere Nacht.

Vorsichtig stand sie auf und leuchtete mit dem Handydisplay, bis sie ihre Taschenlampe auf dem Tisch stehen sah. Sie würde unbedingt so schnell wie möglich den Strom einschalten lassen müssen. Die starke Maglite in der Hand, öffnete sie die Fensterläden und richtete den Strahl durch die vereiste Scheibe nach draußen. Ihre Schritte waren immer noch zu sehen, doch wenn es weiter so schneite, wären sie bald gänzlich bedeckt, genau wie die Reifenspuren ihres Chevrolets.

Erleichtert stieß sie die Luft aus, obwohl sie genau wusste, dass sie sich ohnehin nicht für immer verstecken konnte.

Trotzdem musst du es versuchen. Solange es geht.

Sobald sie mit dem Vermieter wegen des Stroms telefoniert hätte, würde sie in die Stadt fahren, um einzukaufen, vor allem aber, um sich einen Job zu suchen. Sie brauchte Arbeit, und zwar dringend. Langsam ging ihr das Bargeld aus, und auch wenn sie nur wenig für sich ausgab, würde es nicht mehr lange reichen.

Frierend tappte sie ins Bad, um sich zu erleichtern, dann öffnete sie die Hintertür zur Veranda, auf der sie gestern Abend einen Stapel Feuerholz entdeckt hatte.

Die Tannenscheite lagerten dort offenbar seit Jahren, waren voller Spinnennetze und knochentrocken. Sie würden sich leicht entzünden lassen und gut brennen. Der Strahl ihrer Taschenlampe fiel auf eine kleine Axt, deren Klinge in einem großen Holzblock steckte. Gut. Sie nahm mehrere dicke Scheite mit hinein und stapelte sie im Kamin, dann warf sie einen prüfenden Blick in den Rauchabzug und öffnete die Lüftungsklappe. Anschließend ging sie noch einmal hinaus, stellte die Taschenlampe aufs Verandageländer und machte sich daran, Anzündholz zu spalten.

Danke, lieber Großvater, dass du mir gezeigt hast, wie so etwas geht, dachte sie und erinnerte den alten Mann mit seiner glänzenden, altersfleckigen Glatze, der randlosen Brille und dem leichten Bauchansatz. Er war derjenige gewesen, der sie zur Jagd und zum Zelten mitgenommen hatte, um die verhätschelte Prinzessin in eine selbstbewusste Frau zu verwandeln.

»Man weiß nie, ob man irgendwann schießen können oder ein Lager errichten muss, außerdem kann es nicht schaden, wenn man weiß, wie man ein anständiges Feuer macht, Fräulein, also lernst du es am besten gleich«, hatte er erklärt und sich darangemacht, ihr genau diese Dinge zu erklären. Großvater, der stets nach Kautabak und Jack Daniel’s gerochen hatte.

Natürlich war er längst tot, aber die Erinnerung an ihn noch immer präsent.

Sie richtete ein Tannenscheit aus, hob die Axt und ließ sie mit einer geschmeidigen Bewegung niedersausen, dann setzte sie erneut an. Als sie drei Scheite zerkleinert hatte, schwitzte sie trotz der eisigen Kälte.

Zurück im Cottage, hielt sie ein Streichholz an das Holz im Kamin, und bald loderte ein munteres Feuer. Die Hütte wärmte sich schnell auf, zum Glück zog auch der Rauch problemlos ab. Es wäre noch ein paar Stunden dunkel, doch so hätte sie es nicht nur warm, sondern könnte auch die Batterien für die Maglite schonen. Sobald die Morgendämmerung anbrach, wollte sie das Feuer ausgehen lassen, damit niemand auf den Rauch aus dem Kamin aufmerksam wurde.

Selbst in dieser abgeschiedenen Gegend konnte man ja nie wissen.

Sie ging in die Küche hinüber und schrieb eine Liste mit den Dingen, die sie dringend brauchte, dann warf sie einen Blick auf ihr Handy, das auf ihren neuen Namen lief.

»Jessica Williams.« Sie nahm ihre Brieftasche aus der Handtasche, um ihren kalifornischen Führerschein und ihren Sozialversicherungsausweis zu begutachten, dessen Nummer – so hatte man ihr versichert – keine Alarmglocken schrillen ließe. Getarnt mit ihrer neuen Identität und einer neuen Verkleidung, würde sie eine Weile in Montana untertauchen.

Mein Leben als Kriminelle, dachte sie, während sie ins Internet ging und eine Website mit aktuellen Stellenangeboten in West-Montana aufrief. Vor zwei Tagen hatte sie ein Stellengesuch aufgegeben, worin sie mitteilte, dass sie erst jetzt in diese Gegend ziehen und daher lediglich eine vorläufige Adresse angeben könne, damit jeder Interessent über die Website mit ihr in Verbindung trat. Bisher hatte sich allerdings niemand gemeldet.

Sie rief die Stellenangebote auf der Website der Lokalzeitung von Grizzly Falls auf und stellte fest, dass Betsy’s Bakery und das Midway Diner eine Kellnerin suchten. Sie notierte die Adressen, anschließend aß sie etwas Dörrfleisch, das sie mit einem großen Schluck Wasser hinunterspülte.

Ohne Zeit zu verschwenden, putzte sie, so gut es ging, das Cottage mit kaltem Wasser, dann zog sie sich um und musterte sich in dem gesprungenen Spiegel des Medizinschranks über dem Waschbecken im Badezimmer. Draußen wurde es langsam hell, dicke Flocken rieselten vom grauen Himmel.

Im grellen Schein der Taschenlampe trug sie Make-up auf und setzte ihre Kontaktlinsen ein, die den hellen Goldton ihrer Augen in ein tiefes Dunkelbraun verwandelten. Anschließend zupfte sie ihre geschwungenen Augenbrauen zu zwei geraden Linien und setzte eine dunkelblonde Perücke auf ihr kastanienbraunes Haar. Herausnehmbare Wangenimplantate ließen ihr Gesicht so voll erscheinen, dass es zu ihrem Fettanzug passte, der ihren schlanken Körper optisch um mindestens fünfzehn Kilo schwerer machte.

Anschließend quetschte sie sich in eine viel zu enge Jeans und zog Pullover und Jacke über, dann betrachtete sie sich erneut im Spiegel. So würde sie niemand erkennen.

Vielleicht hätte sie Glück und fände gleich heute einen Job.

Glaubst du wirklich, du würdest jemals Glück haben? Das ist doch lächerlich!

Wer hätte gedacht, dass sie einmal hier enden würde, die privilegierte Tochter, eine einst so vielversprechende junge Frau mit einem Universitätsabschluss?

Die jetzt auf der Flucht war.

Bitte, lieber Gott, steh mir bei.

Für den Bruchteil einer Sekunde war sie wieder im Sumpf. Vor ihrem inneren Auge sah sie eine Klinge aufblitzen, hörte das ans schlammige Ufer schwappende Wasser, sah Blut fließen … Sie spürte den Schmerz, die Verzweiflung, die Trostlosigkeit, spürte, wie sie langsam in die Ohnmacht glitt in dem Bewusstsein, wenn sie nun aufgäbe, wäre sie endlich frei.

Dennoch hatte sie gekämpft.

Und wie durch ein Wunder überlebt.

Bis jetzt.

Sie tastete nach der Narbe in ihrem Nacken, gleich bei ihrem Haaransatz, und vergewisserte sich, dass die Perücke darüber reichte, dann ging sie zur Tür. Sie würde nicht zulassen, dass er gewann.

Niemals.

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Kapitel zwei

Der Neue war ein Widerling.

Zumindest in Detective Regan Pescolis Augen.

Und mit ihrer Ansicht, dass der verfluchte Hooper Blackwater – bis zuletzt Leiter der Kriminalpolizei, jetzt amtierender Sheriff – einen jämmerlichen Ersatz für Dan Grayson abgab, stand sie bestimmt nicht allein da.

Sicher – Graysons Fußstapfen, Schuhgröße siebenundvierzig, waren nicht leicht zu füllen.

Sie überquerte den Parkplatz vor dem Department und hielt auf die Hintertür zu. Es war höllisch kalt und immer noch so dunkel, dass die Straßenlaternen brannten. Der Wind blies kräftig und ließ Fahnen und Ketten an den vor dem Haupteingang stehenden Fahnenstangen knattern und klirren.

Pescoli stieß die Hintertür auf, trat ein und schüttelte sich den Schnee von Haaren und Schultern, dann stapfte sie kräftig mit den Füßen, um auch ihre Stiefel von der weißen Schicht zu befreien. Als sie die Tür zum Empfangsbereich öffnete, schlug ihr eine Hitzewoge ins Gesicht, der alte Heizkessel arbeitete offenbar auf Hochtouren.

Schon um diese frühe Uhrzeit brummte das Präsidium vor Geschäftigkeit, Telefone klingelten, Tastaturen klapperten, Drucker spuckten summend Seiten aus, Gesprächsfetzen wehten zu ihr herüber.

Regan nahm ihren Schal ab und blieb vor dem Aufenthaltsraum stehen, in dem sich mehrere Officer herumdrückten, deren Schicht entweder vorüber war oder gerade erst begann. Diejenigen, die Nachtschicht geschoben hatten, sammelten ihre Sachen zusammen oder tranken eine letzte Tasse Kaffee, während sie die Schlagzeilen der Morgenzeitung überflogen. Die Kollegen von der Tagschicht drängten sich um die Kaffeemaschinen, in denen bereits der frische Kaffee durchlief, das würzige Aroma südamerikanischer Bohnen hing in der Luft.

Bei dem Gedanken an Kaffee tat Pescolis Magen einen Hüpfer, dabei hatte sie ihre allmorgendliche Tasse stets für eine der größten Freuden ihres Lebens gehalten. Einen schwarzen Kaffee, dazu eine Zigarette – was konnte es Besseres geben? Jetzt gab es für sie keins von beidem – wenn schon Kaffee, dann nur koffeinfrei, und Nikotin ganz bestimmt nicht.

Schade.

Manchmal war es absolut nervend, gesund zu leben und noch dazu ihren Kindern ein Vorbild zu sein.

Apropos nervend: Ihre Gedanken wandten sich wieder dem Mann zu, der nun das Department leitete, wenn auch nur vorübergehend. Der Wechsel gefiel ihr gar nicht, doch sie würde sich damit abfinden müssen. Genau wie sie sich damit abfinden müsste, koffeinfreie Cola light zu trinken, was ihr ebenfalls nicht gefiel.

Denn – Überraschung, Überraschung! – sie war schwanger.

Wieder einmal.

Das Baby war nicht geplant.

Wieder einmal.

Würde sie eigentlich jemals dazulernen?

Pescoli wandte sich ab, um mit großen Schritten zu ihrem Büro zu stiefeln, wobei sie beinahe mit Joelle Fisher zusammengestoßen wäre, die geschäftig auf den Aufenthaltsraum zustrebte. Joelle, ein zierliches Energiebündel, das bereits die sechzig überschritten hatte, allerdings gute zehn Jahre jünger aussah, war die Empfangssekretärin des Departments und gleichzeitig Anführerin sämtlicher Cheerleaderinnen dieser Welt – zumindest ihrer eigenen Vorstellung nach.

Bei ihrer abrupten Bremsung geriet sie mit ihren rosaroten, schwindelerregend hohen High Heels, die perfekt zu ihrem Kostüm und den kleinen rosa Herzchenohrringen passten, ins Wanken und konnte sich gerade noch fangen. »Entschuldige, Detective«, stieß sie ein wenig unwirsch hervor und setzte sich wieder in Bewegung. Eine riesige weiße Schachtel balancierend, in der sich zweifelsohne Dutzende von rosaroten Keksen oder Cupcakes stapelten, war sie wie immer in Eile. Heute hatte sie die platinblonden Löckchen zu einem gewagten Bienenkorb auftoupiert und mit Haarspray derart fest betoniert, dass keine einzige Strähne wippte, als sie mit Lichtgeschwindigkeit durch den Aufenthaltsraum stöckelte.

Es war Joelles selbsternannte Mission, jeden Mitarbeiter vom Büro des Sheriffs von Pinewood County bis zum Kragen mit den jeweiligen Köstlichkeiten der Saison abzufüllen. An Weihnachten backte sie den berühmten Früchtekuchen ihrer Ur-Ur-Urgroßmutter oder brachte »Großmutter Maxies göttliche Buttertoffees« mit, an Halloween gab es »Hexentörtchen«, und jetzt zelebrierte sie mit großer Hingabe die Zeit vor dem Valentinstag. Kurz gesagt: Ihr war es zu verdanken, dass keiner der Officer an süßem Zahn litt oder gar unterzuckerte.

Vielleicht hatten all diese Süßigkeiten ja auch ein Gutes, weshalb sonst wirkte Joelle in ihrem Alter noch immer so jugendlich – von ihrem Hang zur Mode der sechziger Jahre einmal abgesehen?

»Ich … ich bin nicht betrunken!«, beharrte eine laute Stimme hinter einer Biegung des Gangs. »Haben Sie mich verstanden? Das verdammte Promillegerät ist kaputt, das sag ich Ihnen! Herrgott … wie spät ist es? Zehn Uhr morgens?«

»Kurz nach acht, Ivor.« Deputy Kayan Rules Stimme klang fest. »Zeit, nüchtern zu werden.«

»Aber ich … ich bin … nüchtern. Wenn ich es doch sage!«

»Sie sagen eine Menge Dinge. Geh’n wir.«

Pescoli blieb vor der Tür zu ihrem Büro stehen. Seit Cort Brewster, der ewige Untersheriff mit den überzogenen beruflichen Ambitionen, nicht länger im Dienst war, hatten sie und ihre Partnerin jede ein eigenes kleines Büro bezogen. Das von Selena lag ihrem schräg gegenüber. Eine willkommene Abwechslung, eine Oase der Ruhe nach jahrelangem Dienst in ihrer mit Trennwänden abgeteilten »Arbeitszelle« im Großraumbüro. Gerade als sie nach dem Türknauf griff, führte Rule, ein großer schwarzer Deputy, der aussah wie ein Power Forward beim Basketball, einen unglücklich dreinblickenden Ivor Hicks, die Hände in Handschellen, Richtung Ausnüchterungszelle.

»Mistkerl!«, schimpfte Hicks.

Pescoli konnte weder ihn noch seine Familie leiden; wenn sie ehrlich war, hegte sie einen tiefen Groll auf Ivors Sohn, aber an den Irren wollte sie jetzt nicht denken. Nichtsdestotrotz bekam sie eine Gänsehaut, als Ivor jetzt an ihr vorbei durch den Gang trottete.

»Du wirst dein Fett schon noch wegkriegen!«, prophezeite Ivor boshaft und funkelte Rule durch seine dicken Brillengläser, die ihm etwas Eulenhaftes verliehen, erbost an. »Merk dir meine Worte. Erinnerst du dich an Crytor, diesen abscheulichen Reptilien-General? Der wird dich schnappen, genau wie mich damals. Und dann wird er dir ebenfalls einen unsichtbaren Chip implantieren!«

»Dann muss sich Crytor hinten anstellen. Es gibt nämlich ziemlich viel Gesindel, das mich schnappen will«, erwiderte Rule, warf Pescoli einen genervten Was-soll-man-da-tun?-Blick zu und schob den ziemlich beschickerten Ivor Hicks weiter und um die Ecke am Ende des Flurs, ohne dass dieser aufhörte, über den Anführer der außerirdischen Reptilienarmee zu palavern, der ihn angeblich vor Jahren am Mesa-Rock entführt hatte. Ivor war felsenfest davon überzeugt, dass die Außerirdischen zahlreiche Experimente an ihm durchgeführt hatten und dass seine Erinnerungen an diese schreckliche Zeit ganz bestimmt nicht auf seine enge Beziehung zu seinem besten Freund Jack Daniel’s zurückzuführen waren.

Ein ganz normaler Tag im Department des Sheriffs von Pinewood County.

Als die beiden aus ihrem Blickfeld verschwunden waren, betrat Pescoli ihr Büro und zog ihre Jacke aus, die sie zusammen mit ihrem Schal an einen Garderobenständer gleich neben der Tür hängte. Draußen war es eiskalt, ein Sturmtief aus Kanada zog durch, doch hier drinnen war es wie in den übrigen Räumen des Gebäudes brüllend warm. Regan schätzte die Temperatur auf mindestens fünfundzwanzig Grad, was sie in ihrem momentanen Zustand stark an eine Sauna erinnerte. Sie schwitzte schon, als sie ihren Schreibtischstuhl unter dem Tisch hervorzog und sich setzte.

O Gott, dachte sie, während sie darauf wartete, dass ihr Computer hochfuhr, ich könnte einen Mord begehen für eine Cola light mit Koffein. Aber nein, das war verboten. Sie würde sich mit einem Schluck entkoffeiniertem Instantkaffee zufriedengeben müssen.

Bevor sie sich in ihr Postfach einloggte, um ihre E-Mails zu checken, stand sie auf, marschierte schlechtgelaunt zurück zum Aufenthaltsraum und schenkte sich eine Tasse mit heißem Wasser ein. Die dampfende Tasse in der Hand, kehrte sie an ihren Schreibtisch zurück. Ihre Kollegen sollten nicht mitbekommen, dass sie von hochoktanigem Kraftstoff auf bleifrei umgestiegen war. Bis jetzt hatte sie ihr Geheimnis noch nicht einmal Nate Santana offenbart, ihrem Verlobten, Vater ihres ungeborenen Babys. Er selbst hatte keine Kinder, und sie war sich nicht sicher, wie er auf die Neuigkeit reagieren würde. Sie vertraute ihm, liebte ihn und hatte eingewilligt, ihn zu heiraten, auch wenn sie lange gezögert hatte. Zweimal schon war sie als Braut den Mittelgang der Kirche entlanggeschritten, das erste Mal mit Joe Strand, Jeremys Vater. Ein Cop wie sie, der während des Dienstes erschossen worden war. Ihre Ehe war steinig, aber voller Leidenschaft gewesen. Dasselbe konnte man über Ehe Nummer zwei mit Luke Pescoli, genannt »Lucky«, sagen, einem sexy Trucker, der sie buchstäblich von ihren ausgesprochen bodenständigen Füßen gefegt hatte. Sie hatte ihn vom Fleck weg geheiratet, Resultat war ihre Tochter Bianca. Und eine Scheidung. Kurz nach ihr hatte Lucky Michelle vor den Altar geführt, Pescolis voreingenommener Meinung nach eine lebensgroße Barbiepuppe, die kaum älter war als ihr Stiefsohn Jeremy und eine ganze Ecke cleverer, als sie es sich anmerken ließ.

Kurz vor ihrer Bürotür hörte Pescoli Blackwater am Telefon sprechen, aber sie blieb nicht stehen, um einen Blick ins Büro des Sheriffs hineinzuwerfen, wie sie es getan hätte, wäre Dan Grayson hier gewesen. Sie konnte die Vorstellung, dass sich Blackwater in Graysons Stuhl zurücklehnte, die Füße auf den Schreibtisch gelegt, den Hörer ans Ohr gedrückt, während er seinen Vorgesetzten in den Hintern kroch, einfach nicht ertragen. Nein, dies war vermutlich nicht korrekt. Wahrscheinlich war, dass Blackwater stocksteif auf Graysons Stuhl saß und isometrische Übungen absolvierte, während er in Gedanken das Department neu strukturierte.

Es war zum Die-Wände-Hochgehen.

Zurück an ihrem Schreibtisch, schob sie einen Stoß Papiere beiseite, fischte das Glas mit koffeinfreiem Kaffee sowie einen Löffel aus ihrer obersten Schreibtischschublade und schüttete die kleinen Kristalle auf das kochend heiße Wasser, das sie vorsichtig umrührte. Dabei fiel ihr Blick auf eines der Fotos, die auf ihrem Schreibtisch standen. Der Schnappschuss zeigte Jeremy im Alter von neun Jahren. Er grinste breit in die Kamera, seine Zähne waren etwas zu groß für sein Gesicht, sein Haar zerzaust. Er stand auf einem flachen Felsen in Ufernähe eines Flusses und präsentierte stolz seinen Fang: eine glitzernde Regenbogenforelle.

Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Die Jahre waren seitdem nur so verflogen, und jetzt war Jeremy schon fast erwachsen und fest entschlossen, sämtlichen Einwänden zum Trotz in die Fußstapfen seiner Eltern zu treten und Polizist zu werden.

Gott steh uns bei, betete sie stumm. Erst vor kurzem hatte ihr ihr Sohn das Leben gerettet, und es machte den Anschein, als habe er dabei endgültig die Schwelle vom Jungen zum Mann überschritten.

Regan hob die Tasse an die Lippen. Kaum hatte sie einen Schluck genommen, spürte sie, wie ihr Magen übersäuerte. Vom Kaffee? Oder wegen Blackwater, dessen Stimme noch immer aus seiner offenen Bürotür hinaus in den Flur hallte? Gereizt stieß sie sich vom Schreibtisch ab und rollte auf ihrem Stuhl zu ihrer eigenen Tür, um sie zu schließen. Wieder musste sie an das neue Leben denken, das in ihr heranwuchs.

Schwanger.

Mit fast vierzig.

Das war wirklich eine Überraschung. Gerade jetzt, wo ihre Kinder schon fast erwachsen waren. Jeremy stand kurz davor, auszuziehen – nun ja, tatsächlich war er schon einmal ausgezogen, aber der Anlauf war kläglich gescheitert, weshalb sie erst einmal abwarten wollte, wie er sich entwickelte. In letzter Zeit hatte er durchaus Fortschritte gemacht. Bianca absolvierte das Abschlussjahr an der Highschool und steckte mitten in der Pubertät.

Und ausgerechnet nun bekam sie ein Baby.

Alles finge wieder von vorn an: Windelwechseln, schlaflose Nächte, dazu Schichtdienst in einem Vollzeitjob.

Sie hatte keine gemischten Gefühle, das Baby betreffend, doch sie wusste, wie viel Arbeit und Chaos so ein kleines Wesen in einer Familie anrichtete, die ohnehin nicht gerade einem Bilderbuch entsprungen war. Außerdem war sie nicht verheiratet. Nicht dass das heutzutage eine große Sache war, aber Santana drängte sie schon lange, endlich den Bund fürs Leben zu schließen.

Der Ring, den er ihr geschenkt hatte, war Beweis genug dafür, doch auch den schlichten Reif mit dem funkelnden Diamanten hatte sie in einer Ecke ihrer obersten Schreibtischschublade versteckt. Sie hatte ihn kurze Zeit getragen, doch nach all dem, was in letzter Zeit über sie hereingebrochen war, fühlte sie sich einfach noch nicht bereit, die Nachricht, sie habe sich mit Santana verlobt, der Allgemeinheit zu verkünden.

Gedankenverloren nahm sie einen weiteren Schluck Kaffee, der irgendwie bitter schmeckte, und stellte anschließend die Tasse auf ihrem überladenen Schreibtisch ab.

An der Tür ertönte lautes Klopfen, dann steckte Alvarez den Kopf hinein. »Bist du beschäftigt?«, fragte sie, als Pescoli zu ihr herumwirbelte. »Oder hast du eine Minute?«

»Ist etwas passiert?«

Alvarez schüttelte den Kopf und schlüpfte in das kleine Büro ihrer Partnerin, ohne die Tür hinter sich zu schließen. »Ich wollte bloß hören, ob du bei Grayson warst.«

»Nein, in den letzten Tagen nicht. Ich hatte vor, heute nach der Arbeit auf einen Sprung bei ihm vorbeizufahren. Willst du mitkommen?«

»Ich war gestern Abend dort«, antwortete Alvarez finster, während sie verneinend den Kopf schüttelte.

»Und?«

»Es sieht nicht gut aus.«

»Es ist doch erst –«

»Ich weiß. Trotzdem hatte ich damit gerechnet, dass er wieder zu sich kommt. Ach, ich weiß auch nicht.« Die Lippen zusammengepresst, schüttelte sie den Kopf erneut, als wollte sie ein unerwünschtes Bild daraus vertreiben. Obwohl es Pescoli gewesen war, die das Attentat an seinem Blockhaus mitbekommen und den Sheriff in einer Blutlache im Schnee hatte liegen sehen, schien Alvarez diejenige zu sein, die der Übergriff auf ihren Boss am meisten aus der Fassung gebracht hatte. »Sie haben vor, ihn von der Intensivstation in ein Einzelzimmer zu verlegen«, fügte sie hinzu. »Das hat mir die Schwester erzählt, bevor ich zu ihm hineingegangen bin.«

»Ich dachte, er würde nach Seattle verlegt, in diese neurologische Abteilung, die sich auf Schädel-Hirn-Traumata und Ähnliches spezialisiert hat.«

»Der Plan wurde verworfen, keine Ahnung, warum«, erwiderte Alvarez, offensichtlich frustriert. »Anscheinend sind die Ärzte der Ansicht, er sei so weit stabil, dass er keine Rund-um-die-Uhr-Überwachung mehr braucht, dass er sich mit der Zeit schon erholen wird, aber ich bin mir da gar nicht sicher.«

»Er wird schon wieder.«

Alvarez blickte auf und warf Regan einen scharfen Blick zu. »Woher willst du das wissen? Das behaupten zwar alle, aber mal im Ernst: Das ist doch bloß so dahergesagt.« Ihre Augen blitzten.

»Ich … nun, du hast recht. Natürlich kann ich das nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich finde, es ist ein gutes Zeichen, oder? Dass er von der Intensivstation in ein normales Zimmer verlegt wird, meine ich. Komm schon, Selena, hab doch mal ein bisschen Vertrauen.«

»Das sagst ausgerechnet du, die selbsterklärte Agnostikerin? Du willst, dass ich Vertrauen habe?«

»Wenn es jemand schafft, derart schwere Verletzungen zu überleben, dann Dan Grayson. Er ist ein bärenstarker Kerl, und außerdem …« Pescolis Stimme brach. Sie räusperte sich. »… außerdem ist er einer von den Guten.«

»Ja –«

»Detectives?«, ertönte in diesem Augenblick Hooper Blackwaters Stimme, kurz darauf erschien sein Kopf im Türspalt.

Pescoli schaute von ihrem Schreibtischstuhl zu ihm auf.

»Was ist mit den Berichten?«, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen, eine stumme Mahnung, dass jede Menge Arbeit zu erledigen war, was Pescoli höllisch wurmte. »Der Haskins-Selbstmord? Der Amstead-Fall?«

»Erledigt«, teilte Alvarez ihm mit.

»Gut. Schicken Sie mir die Berichte per E-Mail.« Mit einem knappen Nicken zog er sich zurück, seine Schritte hallten im Gang nach, als er sich aufmachte zu seinem nächsten Red Bull oder einem stillen Eckchen, in dem er rasch zwanzig Liegestütze absolvieren konnte. Einfach so. Nur zum Vergnügen.

»Ich kann den Kerl nicht ausstehen«, knurrte Pescoli.

»Ich weiß«, erwiderte Alvarez. »Und er weiß das auch. Um genau zu sein: Das weiß hier jeder.« In ihren dunklen Augen stand kein Vorwurf, eher stummes Einvernehmen. »Vielleicht solltest du deine Aversion nicht ganz so offen zeigen.«

Pescoli antwortete nicht. Sie wusste, dass sie gemein war, aber im Grunde war ihr das egal.

»Versuch’s«, schlug Alvarez vor und setzte wieder ihre professionelle Maske auf. »Ich hole dich später ab.« Damit zog sie sich aus Regans Büro zurück.

Wieder einmal rollte Pescoli mit ihrem Schreibtischstuhl zur Tür, um sie fest zu schließen – eine ganz neue Angewohnheit. Seit Blackwater das Regiment übernommen hatte, verspürte sie ein dringendes Bedürfnis nach Privatsphäre, zumindest vorübergehend.

Nein, sie machte sich nichts vor. Sollte Grayson jemals wieder auf die Beine kommen, wäre es ein weiter Weg, bis er seinen angestammten Platz als Sheriff wieder einnehmen könnte. So lange hätten sie und das ganze Department Blackwater am Hals, diesen Emporkömmling mit seinem übersteigerten Tatendrang.

»Mist«, flüsterte sie.

Grayson, seinen schwarzen Labrador Sturgis stets dicht auf den Fersen, seinen Stetson auf dem Kopf, war ein Mann der leisen Töne, ruhig, bedächtig. Ein großer kräftiger Mann, der eher aussah wie ein Cowboy als wie ein Hüter des Gesetzes, ein Sheriff, den die Menschen von Pinewood County gewählt hatten und dessen umsichtige Führung Wirkung zeigte. Er vertrat überzeugende Ansichten und konnte ganz schön in die Luft gehen, wenn er wütend war, doch meistens hatte er sich unter Kontrolle und war wie der berühmte Fels in der Brandung, ein Fels, auf den sich Pescoli verlassen konnte.

Blackwater war das genaue Gegenteil – immer in Aktion, immer volle Kraft voraus, als müsste er sich beweisen. Er hatte dafür gesorgt, dass alle, die für ihn arbeiteten, darüber informiert waren, dass er ein Ex-Marine war, der zwei Einsätze in Afghanistan absolviert hatte. Pescoli wusste, dass er jeden Morgen mindestens drei Meilen joggte, und das bei jedem Wetter, außerdem ging er dreimal pro Woche zum Fitness, boxte und stemmte Gewichte, um Stress abzubauen und seinen gestählten Körper in Form zu halten. Bei der Arbeit kippte er einen Red Bull, Rock Star oder wie diese Energy-Drinks auch hießen, nach dem anderen, als wäre er ein Alkoholiker mit einer ausgeprägten Vorliebe für Martinis. Halb uramerikanischer Abstammung, wirkte er das ganze Jahr über leicht gebräunt, seine tiefbraunen Augen gingen fast schon ins Schwarze, seine knapp ein Meter achtzig waren muskelbepackt. Mit seiner römischen Nase, die aussah, als wäre sie mindestens einmal gebrochen worden, den ausgeprägten Wangenknochen und dem pechschwarzen, militärisch kurzgeschnittenen Haar, das noch kein bisschen Grau aufwies, war er ein gutaussehender Mann, wie Pescoli widerwillig zugeben musste. Außerdem war Blackwater clever, wie sein juristisches Diplom bewies. Er nahm jedes Problem mit dem Ungestüm eines verwundeten Bären in Angriff. Ausreden ließ er nicht gelten, und er hatte mehr als deutlich klargestellt, dass er von jedem seiner Mitarbeiter die gleiche Tatkraft verlangte.

Allerdings war es nicht seine Arbeitsmoral, die Pescoli auf den Geist ging. Es war seine Art, die ihr zu schaffen machte. All seine markigen Sprüche, Anweisungen und die verfluchten Besprechungen deuteten darauf hin, dass er keineswegs vorhatte, bald wieder von der Bildfläche zu verschwinden.

Pescoli hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, zu kündigen oder ihre Stunden zumindest auf Teilzeit zurückzufahren, ein Wunsch, der durch ihre Schwangerschaft noch verstärkt wurde. Allerdings musste sie zuvor noch dafür sorgen, dass Graysons Möchtegern-Mörder für den Rest seines Lebens hinter Gitter bliebe. Vorher würde sie gar nichts unternehmen.

Also müsste sie vermutlich noch eine Zeit lang durchhalten. Ja, die Atmosphäre im Department hatte sich definitiv verändert, und zwar nicht gerade zum Vorteil, aber egal. Ihr passte in letzter Zeit ohnehin nicht viel.

Finde dich damit ab, dachte sie missmutig, griff nach ihrer Maus und konzentrierte sich auf ihre E-Mails. Er würde seine dämlichen Berichte bekommen. Rechtzeitig.

 

Ihr Leben war inzwischen nicht mehr als ein erbärmlicher Witz, ein ewiges Auf und Ab, dachte Jessica, als sie an den schneeverkrusteten Feldern einer Farm am Stadtrand von Grizzly Falls vorbeifuhr.

Das Positive? Sie hatte den Job als Kellnerin beim Midway Diner bekommen.

Das Negative? Dan Grayson, der Mann, den sie insgeheim zu ihrem Retter auserkoren hatte, kämpfte im Krankenhaus um sein Leben, weshalb sie ihren Plan, ihn um Hilfe zu bitten, vorerst auf Eis legen müsste. Auf unbestimmte Zeit. Ihr Mut sank drastisch: Sie hatte auf die Unterstützung des stets so gelassenen, bedächtigen Sheriffs gezählt. Nun würde sie ihre Strategie ändern müssen.

Vor ihr tauchte eine Kurve auf. Sie nahm sie etwas zu schnell und spürte, wie die Reifen des Tahoe auf der vereisten Fahrbahn ins Rutschen gerieten. Rasch ging sie vom Gas. Nachdem sich der Wagen gefangen hatte, stellte sie das Radio an. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte ihr, dass es kurz nach Mitternacht war.

An der launischen Heizung des Chevys fummelnd, ließ sie sich ihre Optionen durch den Kopf gehen. Seit die Temperatur drastisch unter den Gefrierpunkt gesunken war, wehte nur noch lauwarme Luft ins Wageninnere. Aus dem Radio tönte ein schnulziger Countrysong. Jessica drückte den Aus-Knopf und bemerkte gleichzeitig, dass die Scheibenheizung ihren Kampf gegen den überfrierenden Beschlag aufgegeben hatte. Eilig schnappte sie sich ein Sweatshirt vom Beifahrersitz und wischte mit zusammengekniffenen Augen die Frontscheibe ab, inständig hoffend, nicht die versteckte, scheinbar endlos lange Zufahrt zu übersehen, die sich durch den tiefverschneiten Wald zu ihrem neuen »Zuhause« schlängelte.

Schneeflocken tanzten im Licht ihrer Scheinwerfer, türmten sich auf den Zaunpfosten und überzogen die Zweige der immergrünen Bäume, die die Ausläufer der Bitterroot Mountains bedeckten, mit einer frostigen Glasur.

Sie könnte sich weiterhin bedeckt halten, sich verkleiden und die Ohren aufsperren, sie könnte auch weiterziehen, nach Westen oder Norden. Oder sie könnte den Spieß umdrehen, selbst Rache nehmen an dem Bastard, vor dem sie davonlief, ihn in eine Falle locken und ihn vernichten. Die Vorstellung, einen Menschen zu töten, hatte sie stets abgeschreckt, doch noch nie zuvor in ihrem Leben hatte sie eine solche Angst verspürt, musste noch nie ums nackte Überleben kämpfen. Stattdessen hatte sie sich dem Luxus der Naivität ergeben. Würde sie ihm nun wieder gegenüberstehen, würde sie ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, erschießen oder ein Messer tief in seinem schwarzen Herzen versenken. Und anschließend die Klinge umdrehen.

»Kranker Scheißkerl«, wisperte sie.

Die Scheibenwischer des alten Tahoe fegten träge den Schnee von der Windschutzscheibe, schmierige Spuren auf dem schmutzigen Glas hinterlassend. Jessica warf zum hundertsten Male einen Blick in den Rückspiegel.

Niemand folgte ihr.

Keine bedrohlichen Pick-up-Scheinwerfer tauchten hinter der letzten Anhöhe auf. Trotzdem konnte sie ihren Verfolger förmlich wittern.

Langsam stieß sie die Luft aus, die sie unweigerlich angehalten hatte. Ihr Blick fiel auf ein großes Jagen-verboten-Schild am Stamm einer riesigen Hemlocktanne, das im Licht ihrer Scheinwerfer auftauchte. Jetzt müsste die Abzweigung gleich kommen. Die Straße wurde steiler, das Dröhnen des Motors lauter. Da! Weniger als eine Viertelmeile hügelaufwärts entdeckte sie die Stelle, an der sich die Bäume teilten und die verschneite Zufahrt von der Landstraße abging. Natürlich waren ihre Reifenspuren noch immer zu erkennen, doch bislang waren keine weiteren hinzugekommen. Dann war er also nicht aufgetaucht.

Noch nicht.

Oder hatte sie ihn endlich abgeschüttelt?

Wahrscheinlich nicht. Mehrere Monate waren verstrichen seit dem Moment, in dem sie am schlammigen Ufer des bayous gelegen und den Mond angestarrt hatte, unfähig, sich zu regen, paralysiert vor Entsetzen. Damals hatte sie den entscheidenden Kampf ausgetragen, ob sie leben oder sterben wollte.

Das Leben hatte gewonnen, und damit hatte ihre Reise zweitausend Meilen bis in die Wildnis Montanas begonnen.

Doch war sie hier in Sicherheit?

Das bezweifelte sie.

Sie wusste, dass er hartnäckig war. Tödlich hartnäckig.

Schaudernd lenkte sie den Tahoe durch den Spalt zwischen den dichtstehenden Nadelbäumen und holperte der kleinen Lichtung entgegen zu der Hütte, die nun, nach kurzer Rücksprache mit dem Vermieter, endlich Strom und Warmwasser hatte. Da es keinen Heizofen gab, hatte sie in einem Secondhandshop eine Stromheizung und ein paar andere unverzichtbare Dinge besorgt.

Damit würde es das alte Blockhaus zwar nicht gerade zu einem Artikel in Schöner Wohnen bringen, aber wenigstens wäre es bewohnbar. Strom und Wasser waren auf den Vermieter angemeldet, die Rechnungen würden ihm zugestellt werden, ihr Name tauchte nirgendwo auf.

Sie stellte den Wagen neben der Garage ab und bahnte sich einen Weg durch den Schnee zur Veranda. Im Cottage empfing sie der Duft nach Holzfeuer und Mikrowellen-Popcorn. Auf dem Couchtisch lag die Lokalzeitung, aus der sie von dem Anschlag auf Dan Grayson und seinem momentanen Klinikaufenthalt erfahren hatte. Vorübergehend hatte ein anderer Sheriff Graysons Amt übernommen, ein Mann namens Hooper Blackwater, der, so hieß es, ein strenger, regelkonformer Gesetzeshüter sei, ein Mensch, dem sie sich besser nicht anvertraute.

Aber wer würde ihr dann helfen?

Die schlichte Antwort lautete Cade Grayson, Dans Bruder, der Mann, der ihr vor langer Zeit erzählt hatte, dass Dan hier Sheriff war. Unglücklicherweise war Cade der Mann, mit dem all ihre Probleme begonnen hatten. Und ausgerechnet in ihn setzte sie nun ihre letzte Hoffnung.

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Kapitel drei

Troy Ryder fuhr auf gut Glück nach Grizzly Falls hinein. Die Tankanzeige seines alten Dodge Pick-up blinkte wie verrückt, als er endlich an einer Tankstelle mit Minimarkt anhielt, die den ulkigen Namen Corky’s Gas & Go trug. Er tankte, füllte Frostschutzmittel nach und kaufte anschließend ein in Folie verpacktes Schinken-Käse-Sandwich, eine Tüte Chips und zwei Flaschen Bier.

Auf dem Weg in die Innenstadt hatte er ein Motel entdeckt, eins von diesen langgestreckten niedrigen Gebäuden mit einer durchgehenden, mit Holzwänden abgeteilten Veranda, leerem Parkplatz und einem Schild, das stolz Freies WLAN und Kabelfernsehen versprach, gleich unter der grünen Zimmer-frei-Anzeige. Mehr brauchte er nicht. Sein Rücken schmerzte von der langen Fahrt, sein Magen knurrte, und er musste sich dringend ausruhen, wenigstens ein paar Stunden, bevor er sich mit der Gegend vertraut machen und herausfinden wollte, ob Anne-Marie hier gestrandet war.

Es erschien ihm unwahrscheinlich, aber es waren schon seltsamere Dinge passiert.

Jetzt kehrte Troy zu dem Motel zurück, stieg aus seinem alten Pick-up und überquerte den vereisten Parkplatz zu der großen Glaseingangstür, hinter der sich eine kleine, hell erleuchtete Rezeption befand. Als er eintrat, schlug ihm der leicht bittere Geruch nach verbranntem Kaffee und Zigarettenrauch entgegen. Kaum stand er vor dem Empfangstresen, da eilte auch schon eine korpulente Frau um die fünfzig durch einen Durchgang, der ins Allerheiligste des River View Motels führte. Sie trug eine zu enge Uniform mit dem Schildchen Carla Simms, Manager und ein so breites Lächeln, dass Troy eine Goldkrone auf einem ihrer Backenzähne entdecken konnte. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich hätte gern ein Zimmer.«

»Sicher. Für wie viele Nächte?«

»Erst einmal für eine.« Schließlich war er sich nicht sicher, ob sich Anne-Marie tatsächlich in Grizzly Falls aufhielt. »Dann sehen wir weiter.«

»Doppelbett oder französisches Bett?«

»Ein Einzelbett genügt. Am liebsten nach hinten heraus, wenn Sie dort etwas frei haben?«

»Sie haben Glück«, teilte ihm die Managerin mit und tippte mit zusammengezogenen Augenbrauen auf die Tastatur ihres Computers ein, der aussah, als stammte er noch aus dem letzten Jahrtausend. »Nun, wenn man die Dreizehn als Glückszahl bezeichnen kann. Das ist das einzige Zimmer, das dort noch frei ist. Es hat Flussblick. Sie sind doch nicht abergläubisch, oder?«

»Nicht wirklich.« Während sich die massige Managerin über die Schönheit dieses Landstrichs von Montana ausließ, füllte er die Formulare aus, die sie ihm über die Rezeptionstheke zuschob, nahm den Schlüssel entgegen und kehrte zu seinem Pick-up zurück, um ihn an der Rückseite des Gebäudes vor der Nummer dreizehn zu parken, dem letzten Zimmer in der langen Reihe. Die Bezeichnung »Flussblick« konnte man nur mit großem Wohlwollen gelten lassen, doch das war ihm gleich. Er brachte seine Sachen hinein, knipste die Lampen an und sperrte die Tür hinter sich ab.

Das Mobiliar beschränkte sich auf ein breites Bett, das in der Mitte leicht durchhing, zwei Nachttische, einen Fernseher und einen Stuhl neben dem Fenster.

Völlig ausreichend.

Man merkte dem Motelzimmer deutlich an, wie alt es war. Der Teppich neben der Tür war verschossen, genau wie die Tagesdecke auf dem Bett. Der Geruch nach Reinigungs- und Desinfektionsmitteln konnte den Zigarettenrauch nicht überdecken, der sich in den Vorhängen und Tapeten festgesetzt hatte, aber ihn störte das nicht weiter.

Er öffnete eine Flasche Bier und nahm einen großen Schluck, dann sprang er unter die Dusche und zog frische Kleidung an, bevor er sich an die Arbeit machte. Er war fest entschlossen, Anne-Marie Calderone ausfindig zu machen und zurück nach New Orleans zu schleifen.

 

Alvarez hatte recht.

Na schön, sie hatte wieder einmal recht, dachte Pescoli, als sie die kurvige schmale Straße entlangfuhr, die zu dem fast fertigen Haus führte, das sie und Santana nach ihrer Hochzeit beziehen wollten. Vor zwei Tagen hatte ihre Partnerin ihr mitgeteilt, dass die Ärzte vorhatten, Dan Grayson von der Intensivstation auf eine normale Station zu verlegen, und tatsächlich: Als Pescoli ihm einen Besuch abgestattet hatte, lag der Sheriff in einem Einzelzimmer, angeschlossen an alle möglichen Überwachungsmonitore, nicht weit von der Schwesternstation entfernt.

Sie hatte erwartet, dass er sich viel schneller erholte, als es tatsächlich der Fall war, aber dann hatte sie sich ermahnt, geduldig zu sein. Nur weil er noch immer nicht aus dem Koma erwacht war, musste man ja nicht gleich schwarzsehen. Wäre das ein Problem, hätten die Ärzte oder Schwestern doch bestimmt etwas verlauten lassen. Zumal Graysons Brüder Cade und Big Zed jeden Tag im Krankenhaus aufkreuzten, genau wie Hattie, ihre Schwägerin, die Witwe des jüngsten Grayson-Bruders Bart.

Wenigstens haben wir Graysons Angreifer unschädlich gemacht, dachte Pescoli und kurvte um eine überfrorene Pfütze herum. Während der Festnahme hatte sich dieser eine Kugel ins Rückenmark eingefangen, es war nicht klar, ob er jemals wieder laufen könnte. Was ihm ohnehin nicht viel nützen würde, denn sobald er aus der Obhut des behandelnden Arztes entlassen wäre, käme er hinter Gitter, hoffentlich lebenslang. Nein, der miese Kerl, der ihrem Boss nach dem Leben getrachtet hatte, stellte keine Bedrohung mehr dar.

Einen bewaffneten Wachtposten vor Dan Graysons Krankenzimmer aufzustellen, war zum Glück nicht länger nötig.

Pescoli näherte sich der Baustelle und versuchte, positiv zu denken. Sie war sich nicht sicher, was genau sie wegen des bevorstehenden Umzugs empfinden sollte, zumal sie bereits ihr eigenes kleines Holzhaus in den Hügeln vor Grizzly Falls besaß, ein Haus, das inzwischen endlich abbezahlt war, das Zuhause, in dem sie ihre Kinder großgezogen hatte. Nichts Besonderes, aber doch gemütlich, und sie war stolz, den Kredit so schnell abgetragen zu haben. Jetzt gehörte es ihr.

Sie warf einen Blick auf den See, an dem das neue Blockhaus entstand. Es würde wesentlich geräumiger sein als ihr eigenes Häuschen, außerdem wäre alles neu, so dass sie sich die ständigen Klempner- und Elektrikerrechnungen sparen könnte. Nichts würde sie an ihre beiden vorherigen Ehemänner erinnern, Santana und sie würden ohne altes Gepäck in ihr gemeinsames Leben starten. Klingt perfekt, dachte sie, als das Haus am Ufer des zugefrorenen Sees in Sicht kam.

Und dennoch wusste sie nicht, ob sie die richtige Entscheidung traf. Ja, Jeremy war längst fertig mit der Highschool, aber Bianca hatte das Jahr noch vor sich, wäre es daher nicht klüger, so lange abzuwarten?

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, ertönte Santanas Stimme in ihrem Kopf. Sollen sich die Kinder ruhig schon mal ihre Zimmer aussuchen, dann haben sie das Gefühl, in die Entscheidung mit einbezogen zu werden.

Das machte Sinn, fand sie, zumindest hatte es Sinn gemacht, bis sie erfahren hatte, dass ein Baby unterwegs war, ein kleines Wesen, das ebenfalls ein Zimmer für sich beanspruchen würde. Natürlich war es durchaus möglich, dass ein Kind dem anderen die Klinke in die Hand drückte – dass Jeremy auszog und dem oder der Kleinen sein Zimmer überließ.

Sie näherte sich dem Haus und schluckte. Könnte sie es wirklich ihr Zuhause nennen? Zweigeschossig, aus grobem Zedernholz mit einem schneebedeckten Giebeldach, aus dem ein grauer, gemauerter Schornstein ragte. Das Haus lag im Schutz der umstehenden Bäume am Seeufer – eine Bilderbuchkulisse. Ein mit Fenstern versehener Durchgang führte zur ebenfalls zweigeschossigen Garage. Oben wollte sich Santana sein Büro einrichten, vorausgesetzt, Jeremy würde diesen gemütlichen Raum nicht für sich beanspruchen unter dem Vorwand, das Baby brauchte ein Zimmer für sich und er seine Privatsphäre.

»Kommt gar nicht in Frage«, murmelte sie, doch dann wurde ihr klar, dass sie damit nur Ärger heraufbeschwor. Sie war so froh, dass Jeremy arbeitete, Seminare besuchte und vorhatte, sich zum Frühjahrssemester an der Polizeischule einzuschreiben. Ja, er schien auf dem richtigen Weg zu sein, das Trauma, das er vor ein paar Wochen erlitten hatte, überwunden, und sie hatte nicht vor, etwas zu tun, was diesen Fortschritt beeinträchtigen könnte. Zum Beispiel indem sie ihm mitteilte, dass er bald ein Geschwisterchen bekäme …

Sie durfte nichts übereilen, ermahnte sie sich, durfte nicht wie üblich mit dem Kopf durch die Wand wollen. Mit diesem Vorsatz bog sie auf den kleinen Parkplatz vorm Haus ein und stellte den Motor ab.

Nikita, Santanas Husky, erschien im Durchgang zwischen Garage und Haus und bellte kurz, bevor er zur offenen Tür hinaus in den Schnee stürmte, um sie schwanzwedelnd zu begrüßen.

»He, Detective!«

Sie schaute auf und sah Santana auf dem Schlafzimmerbalkon im ersten Stock stehen. Er sah noch genauso sexy aus wie damals, als sie ihm das erste Mal begegnet war – in einer Bar, um genau zu sein. Die Arme vor der Brust verschränkt, lehnte er sich mit der Schulter gegen den Rahmen der Balkontür und blickte lächelnd zu ihr hinunter. »Wird auch Zeit, dass du auftauchst.«

»Sei nicht so frech!«, rief sie und versuchte, ihr Grinsen zu verbergen.

Sein Lächeln wurde breiter, weiße Zähne kontrastierten mit seiner bronzefarbenen Haut. Wie bei Blackwater floss mehr als nur eine Spur Indianerblut in seinen Adern, was man an seinen hohen, ausgeprägten Wangenknochen, dem tintenschwarzen Haar und den dunklen Augen erkennen konnte, die nicht selten schelmisch blitzten. Und das machte ihn ganz besonders attraktiv.