Raumstation ISS - Günter Holschbach - E-Book

Raumstation ISS E-Book

Günter Holschbach

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Beschreibung

Der Biologe John Hudges kann es kaum fassen. Im Auftrag der Regierung soll er auf der internationalen 'Raumstation ISS mitfliegen, um im Weltall unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit Untersuchungen zur Genmanipulation von Reis vorzunehmen. Nur allzu gerne stellt sich der Wis-senschaftler dieser äußerst lukrativen Aufgabe und dem nicht gerade alltäglichen Arbeitsplatz. Alles funktioniert zunächst perfekt in vierhundert Kilometer Höhe und der Bodenstation in Houston werden keine be-sonderen Vorkommnisse gemeldet. Doch dann verschwin-det Hudges plötzlich spurlos und die Raumfahrercrew unter Kommandant Rayhn Grant beginnt fieberhaft nach ihrem Kollegen zu suchen. An UFOs mag keiner glauben, aber als jeder Winkel der Raumstation durchkämmt ist und Hudges unauffindbar bleibt, scheint das Nichtdenkbare plötzlich denkbar. Und dann eskaliert die Lage.

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Seitenzahl: 325

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ähnliche


Günter Holschbach

Raumstation ISS

MIssion ohne Wiederkehr

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Raumstation ISS

Kapitel 1  

Kapitel 2  

Kapitel 3  

Kapitel 4

Kapitel 5  

Kapitel 6

Kapitel 7  

Kapitel 8  

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11  

Kapitel 12  

Kapitel 13  

Kapitel 14  

Kapitel 15  

Kapitel 16  

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Epilog

Impressum neobooks

Raumstation ISS

Mission ohne Rückkehr

Kriminalroman (Weltraumkrimi)

Autor: Günter Holschbach

Der Autor Günter Holschbach wurde 1948 in Betzdorf, einem kleinen Städtchen an der Sieg, geboren. Er absolvierte Ausbildungen zum Industrie- und Datenverarbeitungskaufmann. Holschbach ist verheiratet und Vater zweier Töchter, die mit ihren Familien in Luxemburg und Australien leben. Seit mehr als fünfundvierzig Jahren ist Holschbach überzeugter Kölner Bürger. Seine heimliche Liebe gilt seit jeher dem Schreiben.

Kapitel 1  

John Hudges holte sich seinen Bericht, den er gestern geschrieben hatte, auf den Bildschirm seines Laptops. Der Laptop war eingeklemmt in einer Haltevorrichtung. Vor ihm schwebte ein Bleistift. Das leise Summen der Versorgungsgeräte wirkte angenehm und beruhigend auf ihn. Um sich nicht von seinem Rechner schwebend zu entfernen hatte er die Fußspitzen zwischen zwei Stangen eingeklemmt. Das Bullauge der Raumstation ISS zeigte einen Ausschnitt mit tausenden von Lichtern einiger Küstenstädte Australiens. Wie ein silberner Streifen, mal schmäler, mal breiter, umspannten die Lichter den gesamten Erdteil, während der überwiegende Teil im nächtlichen Dunkel lag. In fast vierhundert Kilometern Tiefe glitt dieses faszinierende Bild langsam vorbei. Ein wunderschöner Anblick.

John ließ es zu, dass seine Gedanken ein wenig in die Vergangenheit schweiften. Pflanzenzüchtung, Morphologie und Zytologie waren seine Fachbereiche an der Uni in Pittsburgh. Morphologie, die Lehre vom äußeren Aufbau der Pflanze und zusätzlich Zytologie, die Lehre vom Feinaufbau der Zelle. Aus großem Interesse hatte er sich in diese Biologiefächer gestürzt und seine Begeisterung steigerte sich von Semester zu Semester.

„Wie willst du jemals mit deinen Blümchen erfolgreich werden und Geld verdienen?“, fragte mehr als einmal Johns bester Freund Phil. John lachte dann und meinte: „Warten wir es ab. Es ist eine derart faszinierende Welt, die mich magisch anzieht. Ich muss gar nicht das große Geld verdienen. Wenn ich forschen kann und mein Auskommen habe, dann soll mir das reichen.“

Phil studierte Maschinenbau. Er wollte in einem großen Unternehmen Manager werden und so viel Geld verdienen, wie es nur möglich wäre.

Nach der Promotion lehrte John an der Uni in Washington. Zusätzlich arbeitete er an Forschungsaufträgen mehrerer Institute. Sein Einkommen wuchs erfreulich. Vor sieben Jahren hatte er Miriam, eine ehemalige Kommilitonin geheiratet, eine hübsche, resolute und zielgerichtete junge Frau. Sie ist zwei Jahre jünger als John. Zwei gesunde und aufgeweckte Jungen schenkte sie ihm. John und Miriam kauften sich ein kleines Haus am Stadtrand von Washington. Miriam wollte auf eigenem Wunsch eine Weile bei den Kindern zu Hause bleiben. Sie war der Meinung, dass die beiden Jungen in ihrem Alter die Mutter sehr brauchten. Jonah wird im kommenden Monat, dem oft so heißen Juli, vier Jahre und Luca im Januar nächsten Jahres sechs. Morgens wurden die Jungen von Miriam in den Kindergarten gebracht und in der Mittagszeit wieder abgeholt. Im kommenden Jahr wird Luca eingeschult. Miriam plant für das nächste Jahr, ihre Tätigkeit als Lehrerin an der nahe gelegenen Schule wieder zeitlich eingeschränkt aufnehmen.

So hatte sich ein geregelter Tagesablauf eingespielt, bis ein Brief die Familie Hudges erreichte. Er kam von Johns Freund Phil. Er arbeitete jetzt in einer Maschinenbaufirma, die Antriebsmechanismen erforschte und zu Testzwecken baute. Auftragsgeber war die NASA. Phil fragte an, ob John Interesse haben würde, an einem Forschungsprojekt der NASA mitzuarbeiten. Dringend würden dafür sehr gute Biologen gesucht, „Lieber John“, so schrieb Phil, „da du dich nur immer mit Blümchen beschäftigt hast, so war der Gedanke nahe liegend, bei dir einmal anzufragen. Die öffentliche Ausschreibung zu diesem Projekt habe ich zufällig gesehen und dabei an dich gedacht. Bewirb dich einfach mal. Die Bezahlung soll sehr gut sein. Beigefügt dazu einige Unterlagen.“

Auf Miriams Drängen schickte John schließlich seine Bewerbungsunterlagen an die NASA. Vier Wochen später erreichte ihn die Einladung zu einem persönlichen Gespräch in einem NASA-Büro in Orlando, Florida. Alle entstehenden Kosten würden von der NASA getragen und er möge sich auf einen vier bis fünf Tage andauernden Aufenthalt in Orlando einrichten. Flugtickets und der Reservierungsnachweis für ein gutes Hotel waren dem Schreiben als Anlage beigefügt. John und Miriam waren verwundert darüber, dass sich ein Bewerbungsgespräch fünf Tage hinziehen könnte. Andererseits war es eine Besonderheit, von der NASA eingeladen zu werden und wahrscheinlich wurde dort mit anderen Maßstäben gemessen.

Bei den stundenlangen Gesprächen in Orlando stellte John nach und nach fest, dass man alle Stationen seines bisherigen Lebens eingehend durchleuchtet hatte. Zunächst ärgerte ihn diese Tatsache und er drohte mit dem Abbruch der Gespräche, wenn nicht endlich über konkrete und für John nachvollziehbare Ziele gesprochen würde. Er hatte nach zwei Tagen ständig den Eindruck, als befände er sich bei einer Art Inquisition oder in einer polizeilichen Vernehmung.

Am Mittag des dritten Tages war John gereizt und ärgerlich von seinem Sessel aufgestanden und wollte den Raum verlassen, um die Heimreise anzutreten.

„Mr Hudges“, setzte William Tanner, einer der beiden Gesprächspartner von John hastig an, „bitte nehmen Sie einen Augenblick Platz. Ich verspreche Ihnen, die nächsten Minuten können Ihr gesamtes Leben verändern. Bitte, John, hören Sie mir ein paar Minuten zu. Danach können Sie aufstehen und nach Hause fahren. Die Angelegenheit wäre dann erledigt. Oder Sie stehen an der Schwelle einer Zukunft, von der Sie bisher nicht zu träumen gewagt haben.“

„Es soll Ihre letzte Chance sein“, antwortete John etwas übelgelaunt. Langsam setzte er sich wieder in seinen Sessel, beide Hände auf die Armlehnen gestützt, als wolle er sofort wieder aufspringen.

 „John, die gesamten bisherigen Gespräche waren für uns dringend erforderlich. Wie Sie zu Ihrem Missmut mitbekommen haben, wurden von uns im Vorfeld eine Vielzahl von Informationen über Sie gesammelt. Ob berechtigt oder unberechtigt, lassen wir das für einen Moment im Raum stehen. Die Auswertung gesammelter Fakten kann zwar vieles aussagen, aber nur wenig über die Persönlichkeit des John Hudges. Und genau die wollten wir möglichst exakt kennen lernen. Sie haben auf uns bisher einen sehr guten Eindruck hinterlassen, John.“ Mr Tanner machte eine Pause und schaute John fest in die Augen. „Wir möchten Ihnen einen Forschungsauftrag übergeben, welcher in der Raumstation ISS platziert wird.“

 „Ich soll zur ISS?“, fragte John tonlos.

„Ja“, antwortete William Tanner.

Schweigen. Die Hände Johns entspannten sich und er sank in seinen Sessel zurück. Zur Internationalen Space Station. Mehr als dreihundertachtzig Kilometer über der Erde. Dem größten künstlichen Objekt im erdnahen Weltraum. John konnte es nicht fassen. Er hob den Kopf und antwortete mit trockenem Mund:

„Das geht nicht.“

Wieder Schweigen.

„Und was soll ich da oben?“

William räusperte sich: „Sie sind ein sehr fähiger Wissenschaftler. Sie sind kommunikativ, teamfähig, kooperativ, strebsam, verantwortungsbewusst, körperlich topfit, um nur einige Punkte zu nennen, auf die es bei uns ankommt. Wir würden es gerne sehen, wenn Sie an Bord der ISS einen speziellen Auftrag erfüllen, der hier auf diesem Planeten Erde revolutionäre Folgen haben könnte. Erfolge auf dem Gebiet der Hungerbekämpfung.“

„Das wird ja wohl kein karitativer Auftrag sein, oder?“, hakte John etwas bissig nach.

„Nein, letztlich nicht. Das Projekt wird zunächst einmal hohe Summen verschlingen und im Erfolgsfall sehr viel Geld einbringen. Der wirtschaftliche Faktor ist selbstverständlich auch hierbei maßgebend. Profitieren werden davon sehr viele Menschen in Indien, China, Bangladesch und so weiter.“ „Und was könnte das sein außer Reis?“

William Tanner machte eine kurze Pause und schaute John an: „Es ist Reis ­– und zwar genmanipulierter Reis.“

„Und was soll ich dabei tun? Ich arbeite nicht an genmanipulierten Pflanzen.“

„John, ich gehe davon aus, Sie kennen Professor Dr. Werner Gron in Atlanta?“ „Ja, eine Kapazität in der Genforschung.“

„Wir möchten Sie zu einem Gespräch mit Professor Gron einladen. Er hat eine bahnbrechende Entdeckung auf dem Gebiet der Genforschung gemacht. Um es kurz zu halten. Ich kenne mich in dieser Materie nur ein wenig aus. Und das was ich sage, hört sich für Sie bestimmt sehr laienhaft an: Professor Gron hat herausgefunden, dass bei bestimmten Anwendungsprozessen bei längerer Schwerelosigkeit eine spezielle Verkettung von Genmanipulationen effektiver und wesentlich schneller zum Ziel führt. Bitte fragen Sie mich jetzt keine Einzelheiten. Tatsache ist, dass eine Reissorte gefunden werden muss, die resistent ist gegen verschiedene Schädlinge, schneller heranwächst und dazu üppigere Frucht trägt. Für Sie dürfte das Ganze eine äußerst spannende Angelegenheit sein.“

„Und warum schicken Sie nicht Dr. Gron nach oben?“

„Der ist erstens zu krank, zweitens zu alt und drittens würde er in diesem Zustand in der Situation der Schwerelosigkeit nicht mehr arbeiten können.“

Einen Moment lang schloss John die Augen. Forschen in der Raumstation ISS. Dass eine solche Gelegenheit auf ihn zukommen würde, hätte er sich wirklich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Gerne wäre er von seinem Sessel aufgesprungen und hätte gejubelt. Ein kaum merkliches Lächeln überflog seinen Mund.

„Mr Tanner, ich gehe davon aus, dass mir eine Bedenkzeit eingeräumt wird.“

„Selbstverständlich. Sie können jetzt die Heimreise antreten und mit Ihrer Familie reden. Unsere Gespräche hier in Orlando sind soweit abgeschlossen. Bitte teilen Sie uns bis Anfang kommender Woche Ihre Entscheidung mit. Wenn Sie sich für ein Ja entscheiden, was wir alle sehr hoffen, so werden wir schnellstens ein Gespräch mit Professor Gron arrangieren.“

Mehr als zwei Jahre waren seitdem vergangen. Mit großer Freude hatte John seine Zusage gegeben. Seine Frau, die Kinder und die engsten Freunde, insbesondere Phil, waren mächtig stolz auf ihn. Die vertragliche Vergütung der NASA und eines Firmenkonsortiums, das beim erfolgreichen Abschluss der Forschungsarbeit die Vermarktung des Endprodukts übernehmen würde, sprengte die finanzielle Vorstellungskraft von John und seiner Frau Miriam.

Während der zweijährigen Vorbereitungszeit im Rahmen des Projektes „ISS“ musste sich John überwiegend im Raum Houston aufhalten. Mit seiner Frau und den Kindern hatte er beratschlagt, ob er in der knapp bemessenen Freizeit nach Washington fliegen sollte oder ob es sinnvoller wäre, mit der gesamten Familie für etwa zwei Jahre nach Houston umzusiedeln. Alle Familienmitglieder waren sich einig, es wäre spannend und interessant, die begrenzte Zeit in Houston zu wohnen. Daraufhin mietete John - sogar mit finanzieller Unterstützung der NASA - für sich und seine Lieben ein kleines Einfamilienhaus am südlichen Stadtrand von Houston an.

John verscheuchte die Gedanken, auch wenn sie angenehm waren. Sein Blick löste sich etwas widerstrebend vom fesselnden Anblick auf den unter ihm dahingleitenden Kontinent und wanderte zurück auf seinen Laptop-Bildschirm. Drei Wochen vor Beendigung der ISS-Mission konnte er heute seine Arbeit, bis auf einige Kleinigkeiten, erfolgreich abschließen.

Es war für John eine spannende Situation, das Wachstum der Reispflanzen in der Schwerelosigkeit zu beobachten. Normalerweise wachsen Pflanzenwurzeln auf der Erde, entsprechend dem Gesetz der Erdanziehung, nach unten. In der Schwerelosigkeit konnte John zu seiner großen Verwunderung eine deutliche Tendenz zum asymmetrischen Wachstum der Wurzeln erkennen. In dutzenden von kleinen, geschlossenen Behältern, die teilweise mit Erde und teilweise mit Flüssigkeiten gefüllt waren, wurden Reispflanzen experimentell bearbeitet. Eingeklemmt waren die kleinen Behälter in mehreren meterlangen Metallschienen.    

Am Konzept für die durchzuführenden Genmanipulationen hatten Professor Gron und John einige Monate in Atlanta zusammengearbeitet. Das Konzept musste aber auf der Erde Theorie bleiben. Über Erfolg oder Misserfolg konnte nur seine praktische Umsetzung in der Schwerelosigkeit entscheiden. In mühevoller und geduldiger Arbeit setzte John daher das Konzept in die Praxis um. Zweimal musste es infolge mit Professor Gron neu besprochen und verbessert werden.

Die Resultate waren von John in einem seitenlangen Bericht zusammengefasst worden. Teile davon hatte er an die südlich der Stadt Houston angesiedelte „National Aeronautics and Space Administration“ oder eher bekannt unter dem geläufigen Begriff „NASA-Kontrollzentrum“ übermittelt, zur Weitergabe an Professor Gron. Aus Houston hatte John die strikte Anweisung bekommen, Berichte niemals komplett zu senden. Jeder Teil der übermittelten Berichte durfte im Zusammenhang keinesfalls auf ein Ergebnis hinweisen. Eine reine Vorsichtsmaßnahme. Die Forschungsergebnisse waren zu kostbar. Bei aller Aufmerksamkeit hätte es dennoch sein können, dass irgendwo Berichte abgefangen oder vielleicht unbeabsichtigt in falsche Kanäle geleitet wurden. Die Wahrscheinlichkeit war zwar sehr gering, jedoch nicht auszuschließen.

Forschungsergebnisse wurden getrennt über das TDRS-Relais-Satelliten-System gesandt sowie die Nachrichten in einem aufwendigen Verfahren verschlüsselt und konnten in Houston nur von einer einzigen Stelle empfangen werden. Die verschlüsselten Informationen wurden an Professor Gron weitergeleitet, der über eine spezielle Software die übermittelten Daten umwandeln konnte.

Vor zwei Tagen kam eine Nachricht von Professor Gron: „Dr. Hudges, Sie haben es geschafft! Herzlichen Glückwunsch! Die beste und im höchsten Maß schädlingsresistente Reispflanze wurde in Rekordzeit erfunden. Sie wird ein Segen werden für viele Länder mit hungernder Bevölkerung. Wir haben es geschafft. Und das weit vor der einkalkulierten Zeit.“

Der Erfolgsdruck war gewichen. In Ruhe und Gelassenheit konnte John die restlichen Tage auf der ISS genießen. Einige Berichte waren zu schreiben und die vielen Utensilien als Basis für seine Experimente mussten sorgfältig für den Rücktransport verpackt und bereitgestellt werden.

Morgen ist Familientag, überlegte John und er freute sich darüber, ausführlich und vergnügt mit seiner Frau und den beiden Söhnen reden zu können. Alle drei sollten morgen jeweils einen großzügigen Wunsch äußern, den er ihnen nach seiner Rückkehr erfüllen würde. John musste lächeln als er sich vorstellte, was sie wohl an ihn herantragen werden.

 „Hey John, warum lächelst du? Woran hast du gedacht?“, fragte Lauren Roalstadt mit einem verführerischen Lächeln. Dabei stieß sie sich vorsichtig vom Boden ab und vollführte in der Schwerelosigkeit der ISS einen Salto rückwärts. Das klappte bei ihr zwischenzeitlich bestens. Nach einer Vielzahl von Fehlversuchen, bei denen sie sich zu heftig vom Boden oder von einem Gestänge abgestoßen und dabei mehr als einmal quer durch den Gemeinschaftraum gesaust und sich an Geräten und Gestängen blaue Flecken geholt hatte, hatte sie es gelernt, den Schwung genau zu dosieren. Es machte ihr besonderen Spaß, mit ausgebreiteten Armen an der Decke zu schweben. Vor ihrer Nase schwebte ein Buch oder ein Bericht, der in dieser Haltung von ihr gelesen wurde. Beim Umblättern der Seiten musste sie dann jeweils wieder die Position des Buchs oder des Berichts sorgfältig justieren, um den Leseabstand einzuhalten.

Meistens hatte Lauren gute Laune und war oft zu Späßen aufgelegt. Besonders in den ersten Tagen auf der ISS hatte sie ihre drei Kollegen gerne geneckt. In der Schwerelosigkeit ist es völlig gleichgültig, ob man an der Decke arbeitet, auf dem Boden oder an der Wand. Die Gewohnheit brachte es mit sich, dass in den ersten Tagen

alle am Boden arbeiteten. Lauren suchte sich einen Kollegen aus, schwebte von hinten langsam über ihn bis zu seiner Kopfhöhe, neigte von oben den Kopf nach unten, um ihn dann in dessen Augenhöhe und mit tiefer Stimme anzusprechen. Rayhn Grant hatte sich beim ersten Mal so sehr erschreckt, dass er sie ausschimpfte. Kurz darauf hatte er sich bei Lauren entschuldigt und beide mussten herzhaft lachen. Wie soll man auch plötzlich davon ausgehen können, dass eine Person sich von hinten lautlos waagerecht in Kopfhöhe anschleicht?

Als sie diese Kapriole bei John anwandte, stieß der vor Schreck einen Schrei aus, als hätte er die erste Begegnung mit einem Außerirdischen. Dabei vollzog er eine reflexartige Bewegung, die zu einem dreifachen Salto führte. Anschließend bekam sich John vor lauter Lachen nicht mehr ein.

Nur beim Russen Alexej klappte ihr Trick nicht. Der blieb cool und antwortete Lauren mit noch tieferer Stimme als er sie normal schon hatte.

Alle vier Astronauten hatten sich nach ein paar Wochen in der ISS gut eingelebt. Intensiv und mit Eifer wurden Forschungsarbeiten betrieben. Jeder arbeitete an seinen Aufgabenstellungen. Rayhn hatte das Kommando der Crew und war damit gleichzeitig der direkte Ansprechpartner der Bodenstation Houston. Sowohl die Kommunikation der Crew untereinander als auch mit Houston verlief bestens. Fast dreieinhalb Monate war die Mannschaft in der ISS auf engstem Raum untergebracht und in drei Wochen sollte die Ablösung kommen. Es war bisher eine spannende und abwechslungsreiche Zeit gewesen. Viele Gespräche wurden geführt. Leider hielt sich Alexej dabei zurück. Vermutlich wegen seines merkwürdigen russischen Dialekts. Drei Amerikaner und ein Russe. Manchmal bemühte sich Lauren, die Aussprache Alexejs zu verbessern. Alexej wiederholte dann den oder die von Lauren korrigierten Sätze; bei nächster Gelegenheit sprach er wieder seinen merkwürdigen Dialekt und hatte scheinbar die Bemühungen von Lauren vergessen.

 „Warum hast du mich beobachtet?“, interessiert schaute John zu.

Lauren, die einige Meter weiter bis zu ihrem Arbeitsplatz schwebte, bemerkte: „Ich habe dich nicht beobachtet. Zufällig habe ich gesehen, wie du verträumt auf unsere alte Mutter Erde geschaut hast und dabei ein Lächeln in deinem Gesicht entstanden ist. Sag, woran hast du gedacht? An deine Frau?“

„Ja, an meine Frau und die Kinder. Ich möchte für jeden einen besonderen Wunsch erfüllen, wenn ich wieder unten bin. Und gerade habe ich mir überlegt, wer sich was wünschen wird.“

„Und welcher Wunsch hat das Lächeln ausgelöst?“ Ihr schelmischer Blick war auf John gerichtet.

„Lauren, du gibst mal wieder keine Ruhe, bis du alles genau aus mir herausbekommen hast“, antwortet John lächelnd und gut gelaunt. „Ich habe gerade an meinen älteren Sohn gedacht. Der wünscht sich bestimmt einen Flug zur ISS.“

Kapitel 2  

Im Mannschaftsraum der ISS versuchte Rayhn zum wiederholten Mal eine hauchdünne Faser in den Kabelkanal zu stecken. Wieder vergeblich. Er fluchte leise vor sich hin und schaute sich nach John um. Der hat die ruhigste Hand von uns allen und müsste es mit Leichtigkeit schaffen, diese blöde Faser einzufädeln. John hatte eben an seinem Notebook gearbeitet.

„Wo steckt John?“, rief er Lauren zu, die etwa sechs oder sieben Meter weiter ihre täglichen Muskelaufbauübungen praktizierte. „Keine Ahnung“, rief sie zurück. „Ich habe ihn vor einer halben Stunde zuletzt an seinem Notebook gesehen.“

„Wahrscheinlich ist er in seinem Modul und hält ein Nickerchen“, meinte Rayhn. „Wenn du ihn siehst, so sag ihm, er möchte mal kurz zu mir kommen. Ich brauche seine ruhige Hand.“

„Willst du damit verdeutlichen, dass ich keine ruhige Hand habe? Schau dir meine schlanken, gepflegten Hände an.“

„Selbstverständlich, Lauren, hast du schöne und gepflegte Hände. Hättest du genau hingehört, dann wäre dir aufgefallen, dass ich von einer ruhigen Hand gesprochen habe. Und da ist mir aufgefallen, dass du bereits die Geduld verlieren kannst, wenn du einen Faden in die Nähnadel bugsieren willst. Ist es nicht so, dass du nach John rufst, der das große Problem dann umgehend löst?“

„Schon gut, schon gut. Weißt du, was es heute zu essen gibt?“ „Was soll ich denn heute zu messen haben?“

„Essen – Rayhn – Essen“, rief Lauren von ihrem Muskelaufbautrainer.

„Nein, ich weiß nicht, was wir heute im Fach haben: Frag unten mal Branden. Der verrät manchmal, welche Speise uns als nächste erwartet. Ist dir das so wichtig?“

„Naja, ein bisschen schon. Vielleicht kann ich mich darauf freuen – oder nicht.“

„Dann lass es eine persönliche Überraschung bleiben.

„Nein, ich will es wissen“, kam es etwas trotzig zurück.

Lauren schnallte sich die Haltegurte ab. Das Trainingspensum hatte sie zunächst einmal absolviert. Sie stieß sich sanft ab und schwebte in der völligen Schwerelosigkeit hinüber zu ihrem Headset, drückte die Sprechtaste und hauchte: „Hallo Branden, kannst du mir ein Geheimnis verraten?“

„Lauren Rolstadt“, rief Branden aus dem Kontrollzentrum Houston erfreut in ihrem Kopfhörer, „dir verrat ich jedes Geheimnis!“

„Branden, welches Mittagessen wird mich heute erwarten?“

„Als Belohnung für dein soeben absolviertes Training bekommst du Huhn mit Curry und Reis.“   

„Naja, das hatten wir bereits vor einer Woche“, entgegnete Lauren jetzt leicht muffig und mit gar nicht mehr erotisch hauchender Stimme.

„Lauren, soll ich dir ein Shuttle hochschicken mit chinesischen Gerichten, deinen Lieblingsspeisen?“ „Ja“, rief Lauren, „tu es!“

„Wie bitte?“, schaltete sich Rayhn jetzt ein, „was geht denn bei euch ab? Schalt mal auf Lautsprecher. Ich kann leider nur hören, was du sagst.“

„Ha, das Geheimnis verrat ich dir nicht“, rief Lauren mit

verschmitzter Miene.

Branden meldete sich wieder in Laurens Kopfhörer: „Hallo Lauren“, war jetzt seine dienstliche Stimme vernehmbar, „du kannst mir bei dieser Gelegenheit zunächst Alexej und anschließend John geben. Ich brauche von beiden einige Informationen.“

„Aye Sire“, sagte auch Lauren mit übertrieben dienstlicher Stimme, „ich werde beide suchen.“   

„Hallo John, hallo Alexej, hier ist Branden am Rohr. Er braucht einige Infos von euch. Bitte übernehmt.“

Alexej Droski meldete sich aus dem russischen Modul mit seinem merkwürdigen russischen Akzent auf der Gegensprechanlage.

„Eine Rohr vierhundert Kilometern lang? Sehr interessant“, rief Alexej über die Sprechanlage. „Ich übernehmen.“

„Ich muss einige Auswertungen vornehmen“, meinte Lauren und schwebte davon.

Rayhn holte sich auf seinen Bildschirm eine Schaltkreisdarstellung. Irgendwo musste ihm ein Fehler unterlaufen sein. Er studierte nochmals eingehend das Schaltbild auf dem Bildschirm und verglich es mit seinen Ausführungen.

„Hallo Rayhn“, kam die dunkle, unverwechselbare Stimme Alexejs aus der Sprechanlage, „ist John bei dir? Hier sein nochmal Branden. Er muss sprechen mit John.“

„Nein“, sagte Rayhn, „ich habe ihn ungefähr seit zwei Stunden nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich hat er sich schlafen gelegt.“

„Okay“, meinte Alexej, „ich melden an Branden.“

Es begann nun zu dämmern in der ISS. Die Raumstation flog der sonnenabgewandten Seite der Erde entgegen. Die Lichtsensoren reagierten und schalteten automatisch die Beleuchtung in den einzelnen Modulen und im Gemeinschaftsraum ein, sofern es von der vorher vorgenommenen manuellen Einstellung zugelassen wurde.

Rayhn flog das zweite Mal mit auf der Raumstation. Als Kommandant verfügte er über Entscheidungsbefugnisse. Rayhn bemühte sich, Entscheidungen weitgehend demokratisch vorzunehmen, wenn sie sich im Rahmen der Bestimmungen bewegten. Lag eine Entscheidung außerhalb der festgelegten Bestimmungen für diese Raummission, so musste Rayhn entscheiden. Seine Entscheidungsbefugnisse waren wiederum eingekleidet in einen Entscheidungsrahmen. Musste auch dieser Entscheidungsrahmen verlassen werden, war vorher umgehend die Bodenstation zu informieren.

Nach dem Mittagessen ruhte Rayhn ein wenig in seinem Modul. Er schnallte sich an und schlief dann bald ein.

Drei Uhr Bordzeit. Rayhn begab sich wieder an seinen Arbeitsplatz. Dieser recht einfache Schaltplan ließ ihm keine Ruhe. Außerdem sollte John die Faser in den Kabelkanal stecken. Wo war er eigentlich? Wenn er sich schlafen gelegt hatte, so müsste seine Ruhezeit bereits längst beendet sein. Litt er erneut an seiner Übelkeit? Die Tabletten hatte er jeweils griffbereit. Rayhn wurde unruhig und rief John über die Bordanlage. „Hallo John. Hast du endlich ausgeschlafen?“

Keine Antwort.

„John, was ist mit dir?“

Wieder keine Reaktion.

Rayhn löste sich von seinem Haltegurt, schwebte von seinem Arbeitsplatz quer durch die schmale Verbindungsröhre und steuerte das Modul von John an.

„Hallo John, schläfst du?“

Keine Antwort.

„John, geht es dir nicht gut?“

Nichts.

„John, ich öffne jetzt den Verschluss!“ Nichts regte sich in Johns engem Modul. Rayhn löste die beiden Klettverschlüsse, schob die Falttür zur Seite und schaute hinein. Das Modul war leer.

Da wird er sich wohl bei Lauren aufhalten. Rayhn schwebte zum nahe gelegenen Modul von Lauren. Sie hatte die Falttür offen stehen. An der Seite hatte sie sich mit ihrem Gurt eingehakt und studierte in einem Buch.

„Hallo Rayhn, welch hoher Besuch“, spöttelte sie ein wenig.

„Hallo Lauren, entschuldige die unvorhergesehene Störung. Ich suche John.“

„Den habe ich seit Stunden nicht mehr gesehen. Wenn du schon hier suchst, dann kann ich davon ausgehen, dass er sich nicht in seinem Modul aufhält.“ „Genauso ist es, Lauren.“

„Ah, du brauchst ihn also immer noch, um dieses Drähtchen in den Kabelkanal zu drücken. Auf meine zarten Händchen willst du ja leider verzichten. Lass es mich mal versuchen.“ Sie schaute Rayhn dabei mit ihren dunklen Augen an.

„Wenn du dir ganz große Mühe gibst, könntest du mir bestimmt eine große Hilfe sein und das Drähtchen in den Kanal einfügen. Eigentlich bezweifle ich das auch nicht. Wenn du ein wenig Geduld aufbringst, wirst du das bestimmt schaffen.“

„Aha, versöhnliche Worte. Ich helfe dir gerne.“ Lauren legte wieder ein etwas erotisches Timbre in ihre Stimme und lächelte Rayhn geheimnisvoll an.

„Lauren, bitte lass das. Du weißt, der Feind könnte mithören.“ Damit meinte Rayhn die Bodenzentrale, die sich jederzeit einschalten und hören konnte, was gesprochen wurde. Fairerweise, wurden, so hofften jedenfalls Rayhn und alle anderen Besatzungsmitglieder auch, das Einschalten der Mikros und das Mithören von der Bodenstation vorher angekündigt.

„Schau mal bei Alexej vorbei. Dort wird er bestimmt sein.“ Ihre Stimme klang leicht unterkühlt.

„Bitte sei mir nicht böse. Ich bin nur etwas unruhig wegen John, weil er zu Beginn unseres Aufenthalts hier oben einige Tage seine Übelkeit hatte.“

„Schon gut“, lächelte nun Lauren, „das mit der Übelkeit ist längst vorbei. Da fällt mir ein, dass John gestern erwähnt hat, dass er im Lagerraum nach einer Plastikschale oder so was Ähnlichem suchen wolle.“

„Also gut, ich ‚spaziere erst mal zu Alexej, obwohl ich weiß, dass der seit Tagen fast verbissen an seinem Projekt arbeitet und vermutlich für Besuch keine Zeit hat.“

Rayhn schwebte in Richtung russisches Modul und rief einige Meter vorher: „Hallo Alexej, ist John bei dir?“

„Nein, ich ihn haben vorher gesehen, heute Morgen.“

„Danke, Alexej, ich werde auch nicht weiter stören.“

Rayhn flog als nächstes zum Toilettenraum, schob die Falttür zur Seite und schaute in den engen Raum hinein. Leer.

Anschließend schwebte er zum Lagerraum. Er war verschlossen. Rayhn drückte dennoch die Verschlusshebel nach unten, öffnete die Tür, schaute flüchtig hinein und drückte wieder sorgfältig die Verschlusshebel nach oben.

Merkwürdig, dachte Rayhn, wo kann der sich denn verkrochen haben?

Er schwebte zu den beiden restlichen Modulen, die während dieser Besatzungszeit nicht benutzt wurden und schaute hinein. Leer. Beide leer.

Die Unruhe von Rayhn steigerte sich. Wo konnte John stecken?

Die Bodenstation meldete sich über die allgemeine Sprechanlage, bei der jeder mithören und auch reden konnte. Rayhn erkannte Andrews Stimme. „Hallo Jungs und Mädel, wie ist euer Wohlbefinden?“

„Bestens“, rief Lauren.

„Haben dir Huhn und Reis geschmeckt?“, spöttelte Andrew ein wenig, „Branden hat mir erzählt, du wärest total begeistert gewesen.“

„Die nächsten Hühner mit Reis werde ich hier aus dem Fenster werfen, damit sie für die nächste Ewigkeit euren Planeten umkreisen“, rief Lauren.

„Naja“, entgegnete Andrew, „in drei Wochen ist es auch wieder dein Planet und du wirst bestimmt nicht erfreut sein, wenn du weißt, dass ihn tote Hühner mit Reis umkreisen.“ Er lachte. „Hallo Rayhn, alles okay?“

„Nna, eigentlich schon“, entgegnete der etwas unsicher.

„Was ist los, Rayhn?“, erkundigte sich Andrew sofort, „du hörst dich etwas besorgt an.“

„Es geht um John.“ „Was ist mit ihm?“

„Ich glaube, er spielt Verstecken mit uns.“

„Das ist aber gar nicht die Art von John“, bemerkte Andrew. „Wo ist er jetzt?“

„Ich denke, dass er vorne im Versorgungsraum ist und die Sprechanlage nicht gehört hat“, sagte Rayhn. „Es ist der einzige Raum, in dem er nicht nachgeschaut hatte und nur dort konnte er sein.“

„Sag John, er soll sich mal kurz bei mir melden, damit wir wissen, dass alles okay ist.“

„Wird gemacht“, entgegnete Rayhn.

Andrew fragte Informationen ab von Alexej, Lauren und Rayhn und verabschiedete sich wieder.

Rayhn schwebte zum Versorgungsraum und öffnete die Stahltür. Überwachungscomputer und Versorgungsgeräte summten und brummten. Von John keine Spur.

Nun ergriff Rayhn die Unruhe. Er schwebte nochmals zu allen nicht benutzen Räumen und schaute erneut hinein. Nichts. Das konnte nicht wahr sein. Wer spielte hier mit ihm einen Streich? Als er bei Lauren gewesen war, hatte sie ihn mit ihren dunklen und frechen Augen so merkwürdig angeschaut. Bestimmt führte sie ihn an der Nase herum, beruhigte er sich selbst.   

Rayhn schwebte zu seinem Arbeitsplatz und begann wieder, seine Arbeit aufzunehmen. Sicher würden gleich Lauren und John hier erscheinen und Rayhn lachend den gelungenen Streich erzählen. Dennoch, die Art von John war es nicht, sich auf derartige Albernheiten einzulassen. Bei Lauren hingegen konnte sich Rayhn das gut vorstellen. Er beugte sich über die Schaltpläne und versuchte erneut, den Fehler zu finden. Die Konzentration bei Rayhn war

dahin. Nach einer halben Stunde war seine Geduld zu Ende. Er rief Lauren über die Gegensprechanlage: „Lauren, ich mag zwar deinen Witz und deine Kapriolen, aber allmählich könntest du John wieder herausgeben.“

Es folgten einige Sekunden Schweigen vom anderen Ende der Sprechanlage.

„Rayhn, ich spiele hier keinen Streich oder was auch immer du denkst und John ist bestimmt nicht hier“, meldete sich nun Lauren mit ernster Stimme.

Langsam wurde die gesamte Situation für Rayhn nervig.

„Also gut“, und mit verärgerter Stimme kam die Anweisung, „dann werden wir jetzt sofort alle zusammen suchen. Komm bitte in den Gemeinschaftsraum!“

Rayhn betätigte nochmals die Sprechanlage und forderte auch Alexej auf, sich auf den Weg zu machen.

„Rayhn, haben das nicht einen Stunde Zeit? Ich gerade bin kurz vor einen Lösung.“

„Nein, leider nicht“, erwiderte Rayhn. „Bitte komm jetzt her.“

Lauren war die erste, die herein schwebte. Sie hakte sich an einer Metallstange ein. „Was soll das, Rayhn?“

Bevor er antworten konnte, kam Alexej Droski herein, leicht verärgert, wie sein Gesichtsausdruck erkennen ließ. „Warum ist etwas so dringend“, fragte er. „Ich müssen wegen Unterbrechung mindestens eine Stunde länger an Lösung arbeiten.“

Rayhn schaute beide Kollegen an.

„Lauren, Alexej, bitte sagt mir jetzt, wo sich John befindet. Wenn ihr mir einen Streich spielen wolltet, okay. Dann betrachtet ihn als gelungen. Es wäre meiner Meinung nach zwar ein kindlicher, einfältiger Streich. Aber egal. Also, wo ist John?

„Ich weiß es nicht“, antwortete Lauren.

Alexej meinte etwas irritiert: „Seien er denn nicht aufgetaucht?“

Rayhn schaute in die Gesichter der beiden, die Ratlosigkeit widerspiegelten.

„Hast du im Versorgungsraum nachgeschaut?“, fragte Lauren.

„Also, ich habe in allen Modulen, im Lager, im Versorgungsraum und auf den Toiletten gesucht und John bisher nicht finden können. Bevor wir uns in Houston lächerlich machen, werden wir jetzt gemeinsam suchen. Und zwar gründlich. Lauren, du nimmst dir den mittleren Teil vor. Alexej, du schaust dir die leeren Module und den Versorgungsraum an. Ich werde mir die restlichen Möglichkeiten vornehmen. Los gehts.“

Lauren und Alexej schwebten davon.

Rayhn schaute sich jede Ecke, jeden Winkel und jede nur erdenkliche Möglichkeit an. Nicht den geringsten Hinweis auf die Anwesenheit Johns konnte er entdecken. Nach etwa zwanzig Minuten kam Lauren zurück.

„Nichts“, sagte sie beinahe tonlos.

Schweigend warteten beide auf Alexej. „Habt ihr ihn gefunden?“, rief er bereits im Verbindungstunnel.

„Nein, haben wir nicht.“ Eine leichte Wut stieg in Rayhn hoch. „Leute, es kann nicht sein, dass hier, vierhundert Kilometer über der Erde, in einer Raumstation, einfach jemand verschwindet. Das kann nicht sein. Das ist völlig unlogisch. Es sei denn, er begibt sich in die Schleuse, öffnet die Außentür und steigt aus der Station aus, wobei jeder hier weiß, dass eine solche Aktion nicht alleine und mal einfach so durchgeführt werden kann.“

„Die Schleuse“, bemerkte Lauren, „die haben wir nicht geöffnet. Nur da kann er sein.“

„Und was er sollen darin?“, fragte Alexej.

Rayhn dachte nach. „Wir werden jetzt folgendermaßen vorgehen: Lauren, du kontrollierst den Bereich, den ich soeben durchsucht habe. Alexej prüft nochmals alles, was Lauren durchsucht hat und ich schau mir anschließend zusammen mit Alexej erneut den etwas unübersichtlichen Versorgungsraum, die leeren Module und die Schleuse an. Danach treffen wir uns wieder hier. Okay?“

„Okay“, kam es von beiden.

Rayhn flog hinter Alexej durch den Verbindungstunnel. Alexej kontrollierte wiederum die leeren Module mit größter Sorgfalt und kam dann zu Rayhn, der jede nur denkbare und nicht denkbare Möglichkeit im Versorgungsraum überprüft hatte. Alexej half ihm, einige Geräte aus der Verankerung zu lösen, um die Möglichkeit zu haben, hinter die Geräte zu schauen. Anschließend mussten die Geräte wieder sorgfältig verankert werden. Kein Hinweis auf John.

„Dann bleibt nur die Schleuse. Aber das kann überhaupt nicht sein. Zumindest hätte ich vorne ein akustisches und optisches Signal erhalten müssen, sobald eine Veränderung hier vorgenommen worden wäre“, sprach Rayhn mehr zu sich selbst als zu Alexej. „Jeder hier an Bord weiß welcher Aufwand notwendig ist und welche Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden müssen, um in diesen Bereich zu gelangen.

Rayhn entriegelte eine Metalltür. Hinter ihr lag eine weitere Tür, durch die man in die Sauerstoffschleuse, die sogenannte Sektion 1, gelangen konnte. Lichtsignale und akustische Laute ertönten. Beim Ausstieg für Außenarbeiten wurde, nachdem sich der Astronaut in diesen Raum gezwängt hat, der Sauerstoff herausgepumpt. Erst danach war es möglich, durch eine zweite Öffnung in die Sektion 2 zu gelangen, in der sich dann wiederum die Luke für den Ausstieg aus dem Raumschiff befand.

Rayhn und Alexej schauten in beide Sektionen. Sie waren leer.

„Dann kann ihn nur Lauren vorne gefunden haben. Was anderes ist nicht möglich.“

Die Schleusenöffnung wurden von Alexej wieder verschlossen und die Signale erloschen.

Rayhn dachte insgeheim immer noch an einen Scherz. Aber das wäre ein schlechter Scherz, den er eigentlich weder Lauren, noch John und ganz bestimmt nicht dem arbeitswütigen Alexej zugetraut hätte.

Rayhn und Alexej flogen zurück zu Lauren. Sie hatte sich an der Raumdecke in Ruhestellung begeben und schaute voller Spannung auf die zurückkehrenden Kollegen.

„Und“, rief sie, „war er also, wo wir ihn vermutet haben?“

Rayhn und Alexej schwiegen zunächst, bis ein leises „Nein“ von Alexej zu hören war.

„Ich habe Angst“, flüsterte Lauren.

„Es bleibt keine andere Wahl. Ich muss Houston informieren. Außerdem kann sich jeden Moment Houston melden und die achtstündige Situationsmeldung abrufen“, sagte Rayhn.

„Ja“, meinte Alexej. „In zehn Minuten wir haben 0:00 Uhr Houston-Zeit vor Ort.“

Rayhn griff zum Mikro, betätigte die Sprechtaste: „Hallo Houston, bei uns besteht ein Problem.“

„Hallo Rayhn, den Satz kennen wir“, rief Branden. „Er wurde von dir aber nicht korrekt zitiert. Du hättest sagen müssen ‚Hallo Houston, wir haben ein Problem. Was also kann ich für euch tun? Alle Systeme arbeiten einwandfrei, so wie ich das hier an den Monitoren erkennen kann. Jemand von euch ist in Sektion 1 gewesen und hat die Schleusentür geöffnet. Auf meinem Monitor hatte ich eine entsprechende Anzeige. Gibt es dort ein Problem?“

„Nein,“ entgegnete Rayhn.

„Ah, ich weiß, Lauren hat die Suppe heute nicht geschmeckt.“

„Branden, es ist verdammter Ernst. Wir haben ein Problem.“

„Also raus damit. Wie kann ich euch das Leben dort oben angenehmer gestalten?“

Rayhn schwieg für einige Sekunden und dachte nochmals kurz nach. Hatten sie hier alle Möglichkeiten in Betracht gezogen? Hatten sie wirklich nichts übersehen, ausgelassen oder vergessen?

„John ist verschwunden“, sagte Rayhn leise.

„Hallo Rayhn, ich habe hier etwas nicht verstanden. Kannst du das mal wiederholen?“

„John ist verschwunden“, wiederholte Rayhn etwas lauter.

„Und morgen kommt zu euch der Osterhase. Nun gut, da wir gerade auf Sendung sind, hätte ich von euch gerne die Situationsmeldungen.“

„Branden, du hast richtig verstanden. John ist verschwunden!“, rief Rayhn in das Mikro.

„Rayhn, habt ihr alle heimlich Alkohol getrunken? Hat Alexej Wodka in die Raumstation geschmuggelt?“

„Nein“, meldete sich Lauren. „Branden, du hast richtig gehört. John ist nicht mehr auffindbar.“   

„Also Leute. Jetzt mal ganz langsam. Ihr habt John längere Zeit nicht gesehen. Richtig?“

„Richtig“, bestätigte Rayhn.

„Dann habt ihr John gesucht. Und wo kann er jetzt sein? Er ist einfach dort, wo ihr nicht gesucht habt.“

„Branden“, meldete sich Rayhn, „so einfach ist das nicht. Wir haben die Station auf den Kopf gestellt. Wir haben gesucht, in jedem verdammten Winkel. Das Ganze mit wechselnden Personen und anschließend sind wir alles nochmals durchgegangen einschließlich Schleuse. John ist nicht auffindbar. Er ist weg. Einfach verschwunden.“

Es entstand eine Pause.

Dann meldete sich Branden: „Ich habe zwischenzeitlich sämtliche Kameras an Bord eingeschaltet. Alexej, ich geh davon aus, dass du ebenfalls die Geschichte bestätigen kannst.“   

„Selbstverständlich, wir haben alles wirklich über den Kopf gestellt. John ist nicht auffindbar. Einfach weg.“

„Seit wann vermisst ihr ihn?“, fragte Branden.

„Das können wir nicht so genau sagen“, erklärte Rayhn. „Wir haben ihn zuletzt vor Mittag gesehen. Jeder ist hier bekanntlich mit seinen Aufgaben beschäftigt. Ich suchte ihn, weil er mir helfen sollte, eine Faser in einen Kabelkanal zu bugsieren. Ich konnte ihn nicht sofort finden und da habe ich die Suche wieder aufgegeben, weil ich davon ausging, er hätte sich in seinem Modul ‚hingelegt zu einem Schläfchen. Ernsthaft vermisst haben wir ihn einige Stunden später.“

„Leute, ihr wisst, dass Ton und Bild aufgezeichnet werden.“ Die Stimme von Branden war jetzt konzentriert und ernsthaft.

„Ihr wisst ebenfalls, dass wir hier jetzt nach Mitternacht haben. Könnt ihr es verantworten, wenn ich in dieser Minute Alarm auslöse? Ihr wisst, was dann hier passiert. Es werden duzende Leute aus dem Schlaf gerissen. Hier wird in kurzer Zeit der Teufel los sein. Soll ich vor mir auf meinem Schreibtisch die Glasabdeckung heben und den roten Knopf drücken? Könnt ihr das verantworten?“

„Ich möchte hier nochmals sagen, dass wir alles, wirklich alles überhaupt nur Mögliche getan haben, um John zu finden. Wir könnten nochmals ganz von vorne mit der Suche beginnen. Es würde uns nicht weiter bringen. Wir kämen zum gleichen Ergebnis.“

„Der Raum der Station, in der ihr euch befindet, ist sehr begrenzt. Wenn ihr ihn dort nicht finden könnt, dann kann es aber wohl auch nicht sein, dass John ausgestiegen ist. Oder?“

„Nein“, bestätigte Rayhn.

„Denn wenn es so wäre, dann hättet ihr es bemerkt. Sowohl akustisch als auch an optischen Signalen und hier bei mir hätten ebenfalls die Alarmglocken geläutet. Richtig?“ „Richtig!“

„Ich hatte eben die Anzeige, dass die Schleusentür geöffnet worden ist. Hat Rayhn die Tür geöffnet, um nachzuschauen, ob sich John dort befindet?“ „Ja, habe ich.“

„John muss also in der Station sein“, erklärte Branden entschieden.

„Nein“, entgegnete nun Lauren mit dünner Stimme, „hier ist er nicht. Es sei denn, es gibt Ecken, die wir nicht kennen. Und das ist wohl nach der langen Zeit unseres Aufenthalts hier kaum vorstellbar.“

„Okay“, seufzte Branden, „ich werde jetzt nicht den großen Alarm auslösen, sondern werfe zunächst Frank, unseren Chef, aus dem Bett. Bleibt bitte auf Empfang.“

Kapitel 3  

Susan registrierte einen Piepton in schneller Folge, der allmählich immer lauter wurde. Sie konnte das Geräusch nirgendwo zuordnen – hatten die Kinder einen neuen Handyton? Darüber hätten sie bestimmt erzählt. Dann stellte sie fest, dass der penetrante Ton hier in ihrem Schlafzimmer war. Gleichzeitig bemerkte Susan am Spiegelschrank ein rot blinkendes Licht.

„Frank!“ Sie schubste ihren schlafenden Mann an. „Frank, was ist das für ein seltsames Geräusch? Woher kommt das? Und da blinkt was. Hast du eine Alarmanlage einbauen lassen?“

„Wahrscheinlich spielen uns die Kinder mal wieder einen Streich“, knurrte ihr Mann ganz schlaftrunken.

„Frank! Tu endlich was! Das Ding wird ja unausstehlich.“

Nun erst nahm Frank Random bewusst den inzwischen unerträglich lauten Geräuschpegel wahr, öffnete langsam die Augen und sah gleichzeitig das rot blinkende Licht auf der Kommode.

Alarm im Raumfahrtzentrum! Mit einem Satz sprang er aus dem Bett. Susan konnte gerade einen Schrei unterdrücken. Frank griff zu seinem Handy, stoppte den Alarmton und wählte die für solche Fälle eingespeicherte Nummer. „Hallo“, rief er, „hier ist Frank Random.“

„Frank, hier ist Branden. Kommen Sie sofort zum Center. Es gibt ein ernsthaftes Problem.“ „Bin schon unterwegs.“

Er zog sein weißes Hemd vom Vortag an, nahm in Eile den Anzug vom Bügel, der am äußeren Kleiderschrankhaken hing und schlüpfte in Hose und Jacke.

Leise öffnete sich die Schlafzimmertür und der sechsjährige Luca blinzelte ihm verschlafen entgegen. „Papa, was ist das für ein Krach hier?“

„Papa hat zum ersten Mal einen Alarmeinsatz“, sagte seine Mutter. „Es wird wohl hoffentlich nichts Schlimmes sein...“

„Musst du jetzt zur Raumstation fliegen?“, fragte Luca nun sehr neugierig.

„Nein, bestimmt nicht. Da ist wohl irgendetwas nicht in Ordnung. Vielleicht arbeitet ein System nicht einwandfrei“, beschwichtigte Frank, bestimmt bin ich heute Mittag zurück und wir werden dann das ganze Wochenende über campen. Nun geh wieder schlafen.“

„Na gut“, antwortete Luca „du hast es aber versprochen, dass wir campen.“

Frank hatte sich zwischenzeitlich fertig angekleidet. Er gab Susan einen Kuss. „Ich werde bald zurück sein...“

„Hoffentlich“, meinte Susan nachdenklich.