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Der Mond als Rohstoffquelle für die Erde? Die Amerikaner entdecken als Erste den Mond neu. Die junge Geologin Gloria Campell spezialisiert sich auf Mondbohrungen und Sprengungen, um das begehrte Mondgold zu fördern. Mit einem Wissenschaftler-Team fliegt sie zum Mond. Die Goldförderung verläuft dank ihrer speziellen Sprengmetho-de äußerst erfolgreich. Während der Erkundung neuer Ein-satzgebiete entdeckt sie zu ihrem großen Entsetzen in der Ferne eine fremde Gestalt in einem ungewöhnlichen Raumanzug. Wie kann das sein? Befinden sich fremde Mächte auf dem Mond? Ihre Kollegen glauben ihr nicht. Die Ereignisse überschlagen sich und eskalieren: Ein Attentat auf die bereitstehenden Mondshuttles auf Cape Canaveral verhindert den bevorstehenden Rücktransport der Mondbewohner zur Erde. Der Wissenschaftler Phillip hat sich in Gloria verliebt, mit dramatischen Folgen. Die amerikanischen Geheimdienste - teilweise konkurrierend - wetteifern fieberhaft nach den Hintergründen des Attentats und nähern sich unglaublichen Vorkommnissen …
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Seitenzahl: 251
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Günter Holschbach
Phillu
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Phillu
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Anhang
Impressum neobooks
Phillu
Roman
Autor: Günter Holschbach
Lyndon B. Johnson Space Center Houston, Texas
Mittwoch, 31. August 2039, 8:00 p.m.
Die Druckwelle einer gewaltigen Explosion schleuderte George Goldman gegen einen Gebäudepfeiler und löschte sein Leben aus.
Weitere ohrenbetäubende Explosionen folgten unmittelbar. Eine glühend heiße Feuersbrunst raste zwischen den Gebäudeteilen dahin. Dutzende von Fensterscheiben zerbarsten. Schrilles Dröhnen, Lärmen und Krachen, ein schauerliches Heulen und Fauchen erfüllte die Luft. In wenigen Augenblicken standen Gebäudeteile und kurz danach weitläufige Gebäude in lodernden Flammen. Die allmählich eintretende Dunkelheit erzeugte ein gespenstisches Bild. Die auf- und abschwellenden, langgezogenen Töne der automatisch aktivierten Alarmsirenen mischten sich in das laute Getöse der entzündeten Naturmächte.
Die wenigen Angestellten, die sich zu diesen Abendstunden im Gelände aufhielten, versuchten verzweifelt, der Hölle zu entkommen. Durch die umherwirbelnden Glassplitter zerplatzender Fensterscheiben trugen einige schwere Verletzungen davon. Die dahinrasende Feuerwalze saugte ihnen den Sauerstoff aus der Lunge und sorgte für einen jammervollen Tod. Andere schleuderte die Druckwelle mit kolossaler Wucht gegen Gebäudeteile. Ihre Körper verbrannten in der nachfolgenden Gluthitze unmittelbar zu Asche. Menschen liefen wie lebende Fackeln vor Schmerzen laut schreiend davon, warfen sich auf den Betonboden und versuchten, ihre lodernde Kleidung zu löschen. Verkohlte Hautfetzen vermischten sich mit verbrannten Kleidungsstücken. Die Schmerzen der brennenden Menschen steigerten sich ins Unerträgliche. Viele kollabierten auf den Straßen und Wegen. Nur wenige entkamen unbeschadet dem katastrophalen Szenario, das sich rasend schnell ausbreitete. Der üble Geruch von versenkten Körperteilen, brennendem Treibstoff, verbranntem Gummi und anderen Substanzen vermischten sich miteinander und trieben hinaus über das gesamte Gelände.
Feuerwehren, Polizei und Rettungsdienste hatten inzwischen Großalarm ausgelöst und beorderten ihre Mannschaften aus dem gesamten Distrikt zum Katastrophenort. Die hereinbrechende Dunkelheit tauchte die Szenerie aus sprühend aufsteigenden millionenfachen Funken, dichtem, schwarzen Qualm, hell loderndem Feuer und den zunehmend aufflammenden Scheinwerferstrahlen der Feuerwehren in eine gespenstische Szenerie.
Hunderte von Feuerwehrleuten kämpften bis weit in den nächsten Tag mit den Flammen und brachten erst dann das Feuer unter Kontrolle. Schnellstens herbei beorderte Militäreinheiten hatten das gesamte Gelände des Space-Centers weiträumig abgeriegelt. Militärpolizisten sperrten die Zufahrt für jedes Auto. Nur nach bestätigter Anmeldung transportierte das Militär privilegierte Personen mit Militärautos in das Katastrophengebiet. Der Luftraum blieb weiträumig für die Zivilluftfahrt gesperrt. Militär-Jets patrouillierten pausenlos am Himmel.
„Was ist da los?“ fragte Howarth Green seine Frau, die offensichtlich ebenfalls wach in ihrem Bett lag. Gähnend schaute Howarth auf die Leuchtziffern der Digitaluhr. Sie zeigten 11:19 p.m. an.
„Da sind mindestens zehn Feuerwehrautos die Straße hinuntergefahren“, wisperte sie verschlafen und undeutlich in die Bettdecke.
„Jetzt höre ich schon das elfte und zwölfte Feuerwehrauto“, gähnte Howarth.
„Wo kommen die alle her?“
„Keine Ahnung. Schließ bitte das Fenster, sonst ist an Einschlafen nicht mehr zu denken.“ Lena drehte sich auf die andere Seite und zog die Bettdecke über die Ohren.
„Das offene Fenster bringt zumindest ein wenig natürliche Kühle. Ich werde dann bedauerlicherweise die automatische Kühlanlage wieder einstellen müssen“, murrte Howarth.
Lena streckte missmutig den Kopf aus der Bettdecke: „Wir könnten jetzt darüber diskutieren, ob wir lieber vor Wärme nicht einschlafen werden oder wegen dem ständigen Tatü-Tata.“ Sie sog die Luft tief durch die Nase ein, um ihrem Unmut Nachdruck zu verleihen. „Howarth, ich will jetzt nicht mitten in der Nacht über Tatü-Tata und Fenster auf oder zu diskutieren. Bitte schließ das Fenster. Das ist ja kaum noch auszuhalten.“ Mit beiden Händen zog sich Lena jetzt gähnend die Bettdecke über den Kopf.
Einen Moment noch blieb Howarth liegen und hörte bereits die nächsten Feuerwehrautos mit ihren markanten Signalhörnern näherkommen.
Etwa 150 Meter die Straße hinunter regelten Ampeln den Verkehrsfluss. Sie zeigten nachts solange rotes Licht, bis ein Auto sich ihnen näherte. Die Ampel reagierte verzögert, um die Autofahrer zum Abbremsen zu zwingen und schaltete erst dann auf Grün.
Schon oft hatte sich Howarth über diese Ampelschaltung geärgert und der Stadt die seiner Ansicht nach verschwenderische Investition vorgehalten. Immer wieder kam es meist tagsüber in der Höhe von Greens Haus zu starken Bremsmanövern der Autofahrer, wenn sie die Straße hinunterfuhren und die für gewöhnlich rot geschaltete Ampel erblickten.
Die mit zunehmender Beliebtheit auf den Straßen fahrenden computergesteuerten, autonomen Fahrzeuge bremsten rechtzeitig sanft ab. Sie empfingen weit im Voraus vor den Ampeln zusätzlich ausgesandte Signale. Die Steuerung des Bordcomputers konnte entscheiden, ob der Bremsvorgang eingesetzt werden musste oder ob das Auto die Ampel bei Grün erreichte.
Die sollen sich mal anstrengen und auch Einsatzfahrzeuge rechnergesteuert dem Straßenverkehr übergeben, dachte Howarth. Das wäre doch eine technische Herausforderung! Ja, diese Entwicklung konnte man sich bis Anfang der 20er Jahre dieses Jahrhunderts nur vage vorstellen. Jetzt, Mitte der 30er Jahre, fahren manuell gesteuerte Autos zunehmend seltener.
Im Grunde wurde die Straße vor dem Haus der Greens vorwiegend während der Rushhour als Schleichweg beansprucht. In der restlichen Zeit nutzten überwiegend Anlieger diese Straße. Die Feuerwehrautos leitete man wahrscheinlich gewollt auf diese Route, damit sie schneller vorankamen, überlegte Howarth. Die Fahrer sehen die rote Ampel und der Tatü-Tata-Zirkus beginnt in Höhe unseres Hauses.
Nun erschien es ihm doch sinnvoll, das Fenster zu schließen. Räuspernd stieg er aus dem Bett und trottete die wenigen Schritte zum Fensterflügel. Dort angekommen schaute er in das nächtliche Dunkel von Pasadena, um gegebenenfalls einen Brandherd auszumachen.
Die Häuser hier im Viertel standen angemessen weit auseinander. Die meisten der Einfamilienhäuser waren umgeben von üppigem Grün. Teilweise versperrten dichtes Strauchwerk und hohe Hecken die Aussicht von der Straße zu den Häusern. Manche Hausbesitzer hatten den Eingangsbereich zu ihren Heimen mit hellen Spots angestrahlt. Das Häuserviertel der hier recht gut betuchten Hauseigentümer lag auf einem leicht ansteigenden Hügel am nördlichen Rande von Pasadena.
Die Greens ließen ihr Haus vor fast sieben Jahren auf dem höchsten Punkt des Hügels erbauen. Es war kurz nach der Zeit als Howarth im riesigen Areal des Johnson-Spacecraft-Centers im Süden von Houston einen der Verantwortungsbereiche für die wieder entstandene Mondfahrt übertragen bekam. Sein ehemaliger Chef Frank Random setzte sich für ihn ein und sicherte Howarth die Position. Ein üppiges Gehalt hatte man ihm beschert.
Howarth schaute vom Fenster aus über die Zeilen der tiefer gelegenen Häuser. Ein Feuerschein war nicht erkennbar. Auch einen Brandgeruch vernahm er nicht. Vielleicht brennt es in Pasadena oder weiter draußen, überlegte er und wollte vom Fenster wieder zurücktreten, um noch ein paar Stunden Schlaf zu finden, als er weit in der Ferne am nächtlichen Himmel einen roten Fleck erkannte.
„Merkwürdig. Das sieht aus, als würde es irgendwo in der Gegend des Space-Centers brennen“, murmelte er vor sich hin.
„Hast du etwas gesagt?“, fragte Lena verschlafen, die sich die Bettdecke wieder vom Kopf gezogen hatte, weil ihr nun doch zu warm darunter wurde.
„Ja“, erwiderte Howarth nachdenklich, „ganz weit hinten spiegelt sich eine rote Stelle am Himmel. Es könnte ein Feuerschein sein. Und der liegt genau in Richtung Space-Center.“
„Da werden bestimmt Raketentriebwerke getestet“, meinte Lena halb im Schlaf.
„Im Space-Center werden keine Raketentriebwerke getestet“, belehrte sie Howarth.
„Und wenn du als Nächstes vermutest, es könnte ein Raketenstart sein, dann muss ich dich auch enttäuschen. Denn das müsste ich ja schließlich wissen.“
Von Lena kam keine Reaktion mehr. Sie schlief.
Howarth setzte sich auf die Bettkante und überlegte, ob er einfach im Space-Center anrufen sollte. Unruhe hatte ihn gepackt. Andererseits konnte er sich nicht vorstellen, was dort ein größeres Feuer auslösen sollte. Das einzig Brennbare wären Kabel. Das kam hin und wieder vor. Durch die in allen sensiblen Bereichen installierten Sprinkleranlagen war ein aufkeimendes Feuer in kurzer Zeit unter Kontrolle und gelöscht.
Die Ungewissheit festigte sich in ihm. Er stand von der Bettkante auf, verließ das Schlafzimmer und eilte in sein geräumiges Büro. Er setzte sich in den Ledersessel an seinen Schreibtisch, als im gleichen Moment das Telefon klingelte. Howarth erschrak. Hastig drückte er die Taste für die Freisprechanlage und meldete sich mit seinem Namen.
„Hier ist Roman, hallo Howarth, Sie waren erstaunlich schnell am Telefon.“
„Ja, ich wollte gerade im Space-Center anrufen. Bis vor zehn Minuten sind hier ständig Feuerwehrautos an unserem Haus vorbeigefahren. Und in der Ferne sah ich vom Fenster aus vermutlich einen Feuerschein. Wenn es ein Feuerschein ist, der sich in den Wolken spiegelt, dann liegt er ziemlich genau über dem Space-Center.“
„Ja, so ist es“, meinte Roman Dickson nervös und gleichzeitig mit müder Stimme. „Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde ein Attentat auf das Raketengelände verübt. Lunar 3 ist auf der Abschussrampe explodiert. Lunar 4 und 5 stehen mitsamt der Montagehallen in einer gewaltigen Feuersbrunst.“
„Um Himmels Willen. Das ist ja eine Katastrophe!“, stieß Howarth mit Entsetzen in der Stimme und weit aufgerissenen Augen hervor. Alle Farbe verlor sich aus seinem Gesicht. Tausend Gedanken jagten ihm durch den Kopf.
„Howarth, Sie müssen sofort kommen. Es gibt sehr viel zu tun. Ich weiß im Moment nicht, wo mir der Kopf steht. Auch ein kleinerer Bereich der Verwaltungsgebäude wurde teilweise durch Feuer zerstört. Die zentrale Verwaltung ist nicht betroffen und damit ist unser Gebäudetrakt verschont geblieben.“
„Selbstverständlich komme ich sofort!“, rief Howarth.
„Denken Sie an Ihren Firmenausweis. Das Gebiet hier ist inzwischen weiträumig von Militär und Polizei abgeriegelt. Mitarbeiter mit Firmenausweis kommen nur nach bestätigter Rückfrage aufs Gelände. Lassen Sie Ihr Auto vor der Absperrung stehen. Ein Polizei- oder Militärfahrzeug bringt Sie zum Space-Center. Schalten Sie das Autoradio auf der Fahrt nach hier ein.“
„Roman, was wird jetzt aus unseren ...?“. Roman Dickson hatte bereits die Verbindung unterbrochen.
„Was ist passiert, Howarth?“ Lena stand im Türrahmen und starrte in sein aschfahles Gesicht.
„Ich muss zum Space-Center. Eine Katastrophe!“
„Was ist passiert? Sag doch was!“ Verängstigt schaute Lena in die entsetzte Miene von Howarth.
„Vermutlich ist die gesamte Lunar-Raketenserie durch ein Attentat vernichtet worden“, presste er hervor.
„Oh, mein Gott! Was wird jetzt aus unseren vier ...?“
„Ich weiß es nicht“, unterbrach sie Howarth nervös.
Er erhob sich eilig aus seinem Schreibtischsessel und hastete mit schnellen Schritten in Richtung Schlafzimmer. Im angrenzenden Bad öffnete er die Duschkabine, drehte eiskaltes Wasser auf und hielt seinen Kopf unter den Duschstrahl. Mit einem Handtuch rubbelte er sein dichtes, dunkles, an einigen Stellen leicht ergrautes Haar trocken. Eilig zog er seine Bürokleidung an.
„Ich weiß noch nicht, wann ich wieder zurück bin“, rief er seiner Frau beim Verlassen der Wohnung zu. „Ich rufe dich an.“
Montag, 29. August 2039, 6:07 a.m.Airport Houston, Kontrollturm
„Wieso kommt der so dicht an die Sperrzone des Space-Centers? Ist der Flug genehmigt?“
Skeptisch schaute Fluglotse Robert Torres vor sich auf den Radarschirm.
„Ja, ja“, beruhigte ihn sein Kollege Dean Stefenson, der seinen Fluglotsen-Arbeitsplatz neben Robert hatte.
„Der war schon ein paar Mal in dem Bereich. Der dreht jetzt ab mit seiner Turboprop und wirft an der Stelle drei oder vier Paragleiter aus seiner Kiste. Angeblich soll in diesem Bereich bei Eintritt der Dunkelheit eine besonders interessante Thermik für Paragleiter entstehen.“
„Spinner“, entfuhr es Robert. „Wo soll denn an der Stelle eine besondere Thermik herkommen?“
„Lass sie glücklich sein in ihrer Einbildung. Es ist deren Geld, welches sie verpulvern.“ Robert zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder dem Radarschirm zu. Es gab nur wenig zu tun an diesem Abend.
Die Turboprop - eine recht große Propellermaschine, meist für private Flüge zu buchen und zugelassen für maximal acht Personen - drehte hart an der Sperrzone des Luftraums zum Space-Center-Bereich ab. Kurz nacheinander sprangen drei Leute aus dem Flieger. Robert zoomte sich die Szene näher auf seinem Monitor heran. Die Flughöhe der Maschine betrug etwa 2.500 Meter. Die drei Springer ließen sich auf etwa 1.000 Meter fallen und öffneten ihre Gleitschirme.
„Und wo ist da der Reiz der besonderen Thermik? Traumtänzer!“, murmelte Robert.
„Sprichst du mit mir?“, fragte Dean.
„Nein, eigentlich nicht. Ich beobachte die Traumspringer und weiß nicht, wie die an der Stelle in den Rausch einer besonderen Thermik kommen wollen“, meinte Robert verärgert.
„Womöglich sind die ein wenig berauscht vom Alkohol.“
Der Luftraum hatte sich langsam wieder gefüllt und lenkte die Aufmerksamkeit der Fluglotsen auf ihre Monitore.
Mittwoch, 31. August 2039, 6:36 p.m.Airport Houston, Kontrollturm
„Ah, unsere Traumspringer sind wieder unterwegs“, rief Dean. Er hatte an dem Tag gleichzeitig mit Robert Fluglotsendienst.
„Die wollen eine Genehmigung auf 4.000 Meter.“
„Naja“, meinte Robert etwas abwesend, weil er sich auf seinen Bildschirm konzentrieren musste, „wenn es der Luftraum zulässt und die sich an die bekannten Bedingungen für den Sperrzonenbereich halten, dann lass sie glücklich werden.“
Dean bestätigte die Anfrage des Piloten der Turboprop-Maschine. Diese schraubte sich dicht an der Grenze der Sperrzone zum Space-Center-Bereich auf 4.000 Meter Höhe.
Mit welchen Ambitionen es die Typen in den Bereich zieht, überlegte Dean, der um diese Uhrzeit für seinen zuständigen Luftraum wenig zu tun hatte.
Neben Deans normalen Radarbildschirm stand an diesem Arbeitsplatz ein modernes Raster-Scan-Scope zur Verfügung. Die ankommenden Radarinformationen werden auf diesem Bildschirm im Stile eines Fernsehbildes dargestellt. Die Datenanzeige ist völlig künstlich und beinhaltet nicht nur Entfernung und Richtung, sondern auch Höhe des Flugziels, geographische Informationen und viele weitere Zusatzinformationen.
Dean erkannte auf der Darstellung des Raster-Scan-Scops, wie gleich vier Springer die Turboprop verließen und sich direkt in die Sperrzone gleiten ließen. Bereits in 3.500 Metern Höhe öffneten alle vier Springer die Gleitschirme.
„Hallo Leute, habt ihr euch verirrt? Habt ihr eure Traumthermik zu tief eingeatmet?“, murmelte Dean.
„Mit wem sprichst du?“, fragte Robert etwas gelangweilt.
„Unsere Traumspringer haben offensichtlich die Orientierung verloren. Alle vier Springer gleiten tief in das Sperrgebiet“, berichtete Dean.
„Vier Springer?“, fragte Robert erstaunt zurück. „So viele waren das noch nie!“
„Ich rufe jetzt mal die Turboprop an.“
Dean schaltete das Kommunikationssystem ein und setzte sich das Headset auf.
„Tango-Delta-479 bitte melden!“
„Hier Tango-Delta-479.“
„Erbitte sofortige Info, warum Ihre Fallschirmspringer sich im gesperrten Luftbereich bewegen!“
„Sie hatten mir die Freigabe für 4.000 Meter gegeben. Die Gruppe habe ich bei 4.000 rausgeworfen. Alle Vorschriften wurden von mir beachtet. Mehr weiß ich nicht“, kam die Antwort.
„Danke. Ende.“
Dean sprang aus seinem Sessel auf. In dem für Robert zuständigen Luftraum bewegten sich in diesem Moment zwei Flieger, die gelotst werden mussten. Aus den Augenwinkeln erkannte Robert eine wachsende Nervosität in Dean aufsteigen.
„Hey, Dean, was ist los?“, rief Robert, während er sein Headset absetzte.
„Da ist etwas faul! Da stimmt was nicht! Der Pilot der Turboprop hatte angeblich nur den Auftrag, die vier Leute auf 4.000 zu schrauben und abzusetzen. Er hätte sich an alle Bestimmungen gehalten und mehr wäre ihm nicht bekannt.“ Dean rief nochmals den Piloten der Turboprop an und fragte nervös nach weiteren Infos.
Zwei der vier seien vom Aussehen und vom Namen her osteuropäische oder orientalische Typen. Die beiden anderen Springer seien Amerikaner. Nur mit ihnen hätte sich der Pilot unterhalten. Einer der beiden ließ sich mit Allan ansprechen und hätte einen Nordstaaten-Slang. Auffällig wäre, dass alle vier mit schweren Rucksäcken und Tandemausrüstung ausgestiegen seien.
Während Robert sprach, schauten beide gleichzeitig gebannt auf seinen Bildschirm.
„Wie hoch sind die jetzt?“
„Etwa 2.500 und alle steuern genau auf das Space-Center zu.“
„Das hört sich alles nicht gut an. Ruf sofort den Sicherheitsdienst im Space-Center an!“
Dean hatte bereits den Telefonhörer in der Hand und schaute gleichzeitig im bereitliegenden Verzeichnis der Kurzwahlnummern nach. Er drückte die Kurzwahltaste für die Verbindung zum Sicherheitsdienst im Space-Center. Robert sprang augenblicklich von seinem Arbeitsplatz auf und eilte die wenigen Schritte zu Deans Raster-Scan-Scope, um sich die Szene anzuschauen.
Zweimal, dreimal ging der Ruf durch.
„Verdammt, nimm endlich ab!“, rief Dean.
„Unter 1.800. Schau dir das an! Die Springer teilen sich jetzt.“ Robert zeigte aufgeregt mit Mittel- und Zeigefinger auf den Bildschirm. „Drei von ihnen ändern die Richtung.“
„Warum gehen die Idioten nicht ans Telefon!“, schrie Dean in den Telefonhörer. Endlich wurde abgenommen.
„Jetzt hören Sie genau zu!“, rief Dean in den Telefonhörer. „Geben Sie sofort Alarmstufe Rot. Hier ist die Flugsicherung Houston. Vier Gleitschirmspringer sind mit schwer beladenen Rucksäcken unterwegs zum Space-Center. Sie befinden sich jetzt in ca. 1.500 Meter Höhe und werden in wenigen Minuten landen oder irgendwo einschlagen. Wenn die Rucksäcke mit Sprengstoff beladen sind, dann helfe euch Gott. Tun Sie was!“
George Goldman vom Sicherheitsdienst hatte den Anruf angenommen. Er starrte auf das Telefon. Was war das? Was hatte der gesagt? Gleitschirmspringer? 1.500 Meter? Rucksäcke mit Sprengstoff? Aber hier ist doch alles in Ordnung. Goldman schaute nach oben und konnte nichts Außergewöhnliches wahrnehmen. Alarm auslösen, so ein Quatsch! Wissen die von der Flugsicherung überhaupt, was das bedeutet? Alarm auslösen ... dann wäre hier die Hölle los. Und ich soll das verantworten, wegen ein paar Gleitschirmspringern? Auslachen würde man ihn! Die Kollegen lachen schon genug über mich.
Er schüttelte leicht den Kopf und trottete in die Gemeinschaftsküche. Dort angekommen holte er aus dem dritten Schrank hinter den Cornflakes-Schachteln die Flasche Rum hervor, goss sich einen kräftigen Schluck in seine bereits halb mit Kaffee gefüllte Tasse, stellte die Flasche in ihr geheimes Versteck zurück und begab sich mit seinem angereicherten Kaffee wieder nach draußen.
Letztendlich kam ihm der Anruf der Flugsicherung dann aber doch etwas merkwürdig vor. Goldman beschloss, seinen Chef zu informieren. Damit hatte er seine Pflicht erfüllt. Er nahm das Smartphone aus der Smartphonetasche seiner Uniform und betätigte die Kurzwahltaste für die Verbindung zu seinem Chef, Mr Roth. Sein Chef meldete sich sofort.
„Hier ist Georg Goldman. Gerade hat die Flugsicherung angerufen. Es wären vier Gleitschirmspringer in 1.500 Meter Höhe, die sich auf das Space-Center zubewegen würden. Es soll ...“
Weiter kam er nicht mehr.
Später - bei der Rekonstruktion der Katastrophe - stellten Brandexperten der Feuerwehr fest, dass sich drei der abgesprungenen Paragleiter mit einer beachtlichen Sprengstoffmenge als lebende Bomben auf die drei in weiteren Abständen stehenden Raumschiffe stürzten. Der vierte Attentäter mit seiner mächtigen Sprengstoffmenge sprengte bei seinem Aufprall ein mit Raketentreibstoff gefülltes Zuleitungsrohr.
Der hochexplosive Treibstoff entzündete sich augenblicklich und die Feuerzündung raste durch das Rohr in den nahegelegenen, scheinbar sicheren Zwischentank mit Raketentreibstoff. Eine gewaltige Explosion riss den Tank aus der Verankerung und ließ die Tankdecke zerbersten. Die entstehende Feuerwalze vollendete das Werk der drei ersten Attentäter.
Ein ansteigend, auf- und abschwellender Summton weckte den Kommandanten der Mondbasis Ron Parker aus seinem Schlaf. Gähnend nahm er an diesem frühen Mondmorgen das Smartphone aus der Halterung.
„Ron hier“, meldete er sich knapp.
„Hallo Ron, hier ist Roman.“
„Oh, mein Chef höchstpersönlich. Das lässt nichts Gutes erahnen. Zumal Sie mich in meinem verdienten Schlaf stören“, grummelte Ron verschlafen.
„In der Tat muss ich Ihre Vermutung bestätigen“, kam die prompte Antwort Romans.
„Was kann ich für Sie tun oder erhalte ich jetzt von Ihnen eine wenig aufbauende Morgennachricht?“
„Ron, das Letztgenannte trifft zu.“
„Hört sich nicht gut an. Legen Sie los!“
Roman schwieg für einen Moment.
„Hier hat sich etwas ereignet, das können Sie sich nicht vorstellen. Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen vermitteln soll. Es ist etwas Unfassbares geschehen.“
„Ist etwas mit unseren Familien?“, fragte Ron besorgt.
„Nein, ich will nicht länger um den heißen Brei herumreden. Sie müssen sich mit einer Tatsache abfinden, die sowohl für Sie als auch für Ihre drei Kollegen schockierend ist.“
Ron hatte sich mittlerweile auf die Bettkante gesetzt. Da schwang ein Zittern in Romans Stimme, das er bei ihm nicht kannte und bisher noch nie gehört hatte. Also stand etwas Ungewöhnliches bevor.
„Roman, raus damit. Ich bin hart im Nehmen. Das wissen Sie“, äußerte Ron leicht verärgert, weil er die aufgebaute Spannung kaum aushalten konnte.
„Ron, ihr müsst länger auf der Basis bleiben, als euch sehr wahrscheinlich lieb ist.“
„Mit anderen Worten: Lunar 3 ist nicht startklar und der Start verzögert sich.“
„Ja.“
„Gut. Das ist ja wohl nichts Außergewöhnliches. Sind wieder Wirbelstürme unterwegs? Dann bleiben wir ein paar Tage oder von mir aus auch eine Woche länger. Das halten wir durch. Zu tun hätten wir noch genug. Machen Sie sich deswegen keine großen Gedanken.“
„Ron, es ist schlimmer, viel schlimmer.“
„Roman, spannen Sie mich nicht weiter auf die Folter. Was gibt’s zu berichten?“, fragte Ron deutlich ungeduldig. Eine Pause entstand. Roman atmete tief und presste den nachfolgenden Satz durch die Zähne:
„Die brutale Wahrheit: Lunar 3 wurde durch ein Attentat zerstört.“
Ron sprang etwas zu heftig aus seinem feldbettartigen Lager auf und beging damit einen Anfängerfehler im Einflussbereich der Mondanziehung. Er schwebte nach oben und stieß sanft mit dem Kopf gegen die etwa 2,30 Meter hohe Leichtmetall-Deckenkonstruktion seiner Wohneinheit. Fluchend kam Ron wieder auf die Füße. Ein derartiger Fehler sollte ihm nicht mehr unterlaufen, nach sieben Wochen Mondleben.
„Wie bitte?“, rief Ron, „und das bedeutet eine Verzögerung von vielen Wochen? Das bedeutet, dass Lunar 4 flott gemacht werden muss. Ich schätze eine Verzögerung von drei Wochen.“
Romans Stimme wurde fest und hart: „Ron, ich muss jetzt die brutale Wahrheit ergänzen: Nicht nur Lunar 3 wurde zerstört, sondern Lunar 4 und die fast fertiggestellte Lunar 5 größtenteils ebenfalls. Lunar 5 kann vielleicht zumindest teilweise noch gerettet werden.“
Es entstand eine Pause. Tief atmete Ron durch, als er geschockt und leise fragte: „Und das heißt?“
Tausend Gedanken jagten ihm durch den Kopf. Sein Verstand weigerte sich, das Szenario zu Ende zu denken. Ein Lunar-Raumschiff musste neu gebaut werden. NEU gebaut werden!? Nein, das konnte nicht sein. Das bedeutet ... Mein Gott ...
Roman meldete sich wieder: „Wir werden mit Hochdruck arbeiten und die Wartezeit für euch beläuft sich ...“
Roman machte eine Pause, bevor er betont langsam weitersprach, „a u f e i n J a h r.“
„Wollt ihr uns umbringen? Das glaube ich nicht! Ich fasse es nicht!“, rief Ron außer sich.
Roman meldete sich wieder: „Russische Trägerraketen werden mit unserer Zusammenarbeit alles nach oben befördern, was ihr braucht.“
„Roman, Sie sagen mir jetzt bestimmt, das war alles ein Witz.“ Rons Stimme wurde laut und fast unbeherrscht.
„Sie wollen mich schocken! Sie wollen mich testen, weil irgendeinem idiotischen Psycho-Spinner bei euch mal wieder etwas Neues eingefallen ist! Ich sage Ihnen, ich bin genug getestet worden und ...“
Ron stockte der Atem. Er wollte weiterreden. Die Gedanken überschlugen sich in seinem Kopf.
„… und außerdem …“
„Es ist leider die Wahrheit“, unterbrach ihn Roman. Beide schwiegen für einen Moment.
„Wer waren die Attentäter und was wollten sie bezwecken? Sind Menschen umgekommen? Da befinden sich doch auch Verwaltungsbauten in der Nähe. Sind die auch beschädigt worden?“ Wieder schwiegen beide einen Moment. Rons Stimme wuchs erneut zu einem Crescendo. „Ein Jahr! Roman, wie soll ich das meinen Leuten beibringen?“
Fast niedergeschlagen und leise klang jetzt Rons Stimme. Ein Jahr auf dem Mond, dröhnte es durch seinen Kopf. Ein Jahr in dieser Einöde. Ein Jahr Basislager. Ein Jahr bei jedem Schritt nach draußen die Sauerstoffarmaturen anlegen. Ein Jahr lang die Energieversorgung aufrechterhalten. Ein Jahr lang ohne Familie sein, keinen Regen erleben, keine Sonne spüren, keinen Wasserhahn aufdrehen, um einen erfrischenden Wasserstrahl über die Hände fließen zu lassen. Ein Jahr keine Party, kein Sprung in den Pool. Ein Jahr Staub und Steine - kulinarische Zurückhaltung und drei Leute, deren Gedankenwelt weitgehend bekannt ist. Wie wird Gloria reagieren? Wie werden sich Phillip und Luke verhalten? Alle drei sind kühle, logisch denkende Wissenschaftler und doch treten sie emotional völlig unterschiedlich auf.
„Berichten Sie die Neuigkeit Gloria, Phillip und Luke nicht sofort“, versuchte Roman beratend einzulenken, „überlegen Sie sich, wie Sie vorgehen werden. Sie sind der Kommandant und verfügen über sehr gute Führungsqualitäten. Sie kennen Ihre Mannschaft mittlerweile besser als ich.“
„Roman, hören Sie auf!“, rief Ron.
„Wählen Sie die Worte aus“, redete Roman unbeeindruckt weiter „die jeweils auf die Person abgestimmt sind. Überlegen Sie, ob Sie alle drei gleichzeitig informieren oder die Information in getrennten Gesprächen weitergeben. Nach meinem Dafürhalten möchte ich Ihnen die letztgenannte Variante empfehlen.“
„Roman, verdammt noch mal, überlassen Sie mir, wie ich vorgehen werde!“ Fast zornig kamen die Worte aus Ron heraus.
„Dabei muss gewährleistet sein“, in monotoner Weise redete Roman weiter, als lese er einen vorbereiteten Text von einem Bildschirm ab, „dass keiner die Informationen weitergibt und Gespräche oder Diskussionen zum Thema erst dann gestattet sind, wenn alle den gleichen Wissensstand erreicht haben. Und Ron ...“, nach einer Pause sprach Roman weiter, „denken Sie daran, Medikamente bereitzulegen, wie Beruhigungstabletten.“
Das Zittern war wieder in Romans Stimme zu vernehmen. Wahrscheinlich belastete ihn, den harten Manager, die Tragik und berührte seine Substanz.
„Okay, Roman, ich beende das Gespräch und muss die Nachricht erst mal verdauen und sortieren. Wenn Fragen aufkommen, so werde ich mich wieder melden.“
Ron beendete in fast ruhigem Ton den Dialog. Schweißtropfen hatten sich auf Rons Stirn gebildet. Ein neues Monderlebnis. Das hatte er bisher nicht gekannt.
Die Verbindung wurde unterbrochen. Smartphone-Gespräche vom Mond bauten die drei Mondsatelliten auf, die wiederum Kontakt mit Erdsatelliten aufnahmen. Die Erdsatelliten gaben die Gespräche weiter zum Empfänger, wie bei jedem anderen mobilen Telefonat auf der Erde. Technische Raffinessen ermöglichten zwischenzeitlich, die Zeitverzögerungen beim Sprechen mit den Bewohnern der Mondbasis und umgekehrt bis auf kleine Pausen auszugleichen.
Ron hielt sein Smartphone noch in der Hand. Er bewegte sich einige Schritte in seiner Leichtmetall-Wohneinheit auf und ab und setzte sich schließlich auf einen Klappstuhl gegenüber der Zugangstür.
Die fünf Wohneinheiten der Mondbasis, von denen derzeit eine unbenutzt blieb, hatten jeweils eine Grundfläche von 25 Quadratmetern und konnten im Rahmen der Möglichkeiten individuell von den Mondbewohnern gestaltet werden. Die einzelnen Wohneinheiten standen in einem Abstand von zehn Metern zueinander und bildeten eine kreisförmige Aufstellung.
In der Mitte des Kreises erhob sich die sogenannte Kommunikationseinheit; ein runder Leichtmetall-Bau mit einem Durchmesser von insgesamt 15 Metern. Sanitäre Anlagen, Kochküche, Gemeinschaftsraum und Geräte für Muskelaufbautrainings, untergebracht in unterschiedlichen Zellen. Ein schmaler Rundgang führte entlang der Außenseite des Rundbaus. In diesen Gang mündeten in gleichmäßigen Abständen tunnelartige Verbindungen zu den einzelnen Wohneinheiten.
Bestand der Wunsch, jemanden aus der Wohneinheit 3 in Einheit 1 zu besuchen, musste er durch den Tunnel in den äußeren Gang des Rundbaus und gelangte von dort wiederum in den Tunnel, der zur Einheit 1 führte. Dieses Vorgehen gewährleistete die durchgängige Sauerstoffversorgung und den Schutz von äußeren Strahlen.
Ron überlegte, wie er vorgehen sollte. Sein erster Gedanke war, seine Frau anzurufen. Ob man sie über den abstrusen Zustand im Space-Center in Kenntnis setzte? Er hatte in der Aufregung vergessen, Roman darauf anzusprechen. Wie wird sie reagiert haben? Gerne würde Ron mit eigenen Worten die Botschaft an seine Frau weitergeben. Wichtig für ihn wäre auch zu wissen, ob die Hiobsbotschaft bereits die Familien der Mondbewohner erreicht hatte. Außerdem hatte er den Wunsch, mit seiner Frau zu sprechen und erhoffte gleichzeitig einen Rat von ihr, in welcher Weise Ron die beispiellose Nachricht an sein Team weitergeben sollte. Er war im Moment zu aufgewühlt. Seine innere Unruhe hielt ihn davon ab, seine Mannschaft unmittelbar über die unausweichlichen Neuigkeiten zu informieren.
Spontan drückte Ron die vier Kurzwahlziffern seines Telefons für den Aufbau der Verbindung zu seiner Frau Denise. Sie hätte ihn ganz sicher angerufen, sobald sie von den geänderten Umständen Kenntnis erlangte, überlegte Ron. Das Besetztzeichen ertönte und Ron drückte die Aus-Taste.
Nach und nach erfasste sein Bewusstsein das Ausmaß und die schwerwiegende Bedeutung der Vorkommnisse auf der Erde. Ein Jahr lang auf der Basis bleiben. Ein Jahr lang, und vier Leute unterschiedlicher Mentalitäten in einem relativ eng begrenzten Raum. Ein Jahr lang sich auf einem Planeten bewegen, der den sechsten Teil der Anziehungskraft der Erde hat.
Na ja, versuchte er, sich selbst zu beruhigen, vor etwa vier Jahrzehnten - in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts - hielt es ein russischer Kosmonaut auf der Raumstation ISS ein ganzes Jahr in völliger Schwerelosigkeit aus, ohne bekannte körperliche oder geistige Schäden davon getragen zu haben. Gut, überlegte er, dieses Beispiel sollte er auch seinen Leuten erzählen. Wie entwickelt sich die menschliche Psyche in dieser Extremsituation, fragte er sich. Werden wir alle stark genug sein, um durchzuhalten? Wird er selbst die notwendige Stabilität aufbringen? Was passiert, wenn bei einem oder mehreren die psychische Belastung Auswirkungen zeigt, eine ernsthafte Erkrankung auftritt oder eine zu hohe Strahlenbelastung eintritt? Dutzende Fragen schwirrten Ron durch den Kopf.
Er schaute auf sein Smartphone und drückte nochmals die Kurzwahlziffern in die Tastatur ein. Die Ansage: „Bitte rufen Sie das Space-Center an“, hätte ihn fast aus der Fassung gebracht. Gekappte Smartphone-Verbindungen! Man hatte sie vom Rest des Planeten Erde getrennt! Wütend wollte Ron aufspringen und erinnerte sich in letzter Sekunde an die Folgen der Mondanziehung.
Er tippte in schneller Folge die Kurzwahl für das Space-Center ein.
Andrew, der derzeitige Betreuer für die Mondbasis, meldete sich augenblicklich. „Hallo Ron, was ...“
„Geben Sie mir Roman!”, unterbrach Ron ungeduldig.
„Ich werde versuchen ...“, begann Andrew.
„Andrew, Sie sollen nicht versuchen, Sie sollen mich mit Roman verbinden! Sofort!“ Der Tonfall von Ron wurde lauter.
Ein leises Klicken in der Leitung und nach wenigen Augenblicken hörte er Romans Stimme. „Ron, was kann ich für Sie tun?“, fragte Roman.
„Schalten Sie die verdammten Telefone wieder frei!“, herrschte ihn Ron an.
„Ron, ich habe es ehrlich vergessen zu sagen in der allgemeinen Aufregung. Wir haben die Telefone für kurze Zeit gesperrt. Das gilt nicht nur für Ihre Smartphones, sondern für sämtliche mobile und stationäre Telefone in weiten Teilen des Space-Centers.“
„Und was soll das?“, herrschte Ron ihn an.
„Zum einen müssen große Teile des Telefonnetzes neu aufgebaut oder zumindest überprüft werden. Wir sind froh, dass die unterirdischen Telefonzentralen von der Katastrophe verschont blieben.“ Roman atmete tief ein. „Und zum anderen können wir im Moment nicht zulassen, dass unkontrolliert Nachrichten nach draußen dringen. Die Pressehaie sind überall. Die meisten unserer Telefone sind zwar abhörsicher, aber die Presseleute wissen sehr genau, dass ihr von der Mondbasis aus eure Familien und Freunde anrufen könnt. Die sind bereits von der Presse belagert.“
„Was bedeutet das, unsere Familien sind belagert?“, fragte Ron immer noch verärgert.
„Das bedeutet, dass die Pressefritzen versuchen, eure Familien auszuhorchen und auszufragen. Ron, macht euch deswegen keine Gedanken. Eure Angehörigen sind bestens abgesichert, und das täglich 24 Stunden. Unser Sicherheitspersonal und die Polizei sind rund um die Uhr wachsam und passen bestens auf. Jeder Einkauf, jedes Verlassen des Hauses wird bewacht und gesichert.“
„Wehe euch, unseren Familien wird durch zudringliche Presseleute ein Haar gekrümmt.“
