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Schlaf, Kindlein, schlaf. Doch denke daran, dass dein Papa nicht hier ist, um sein Schäfchen zu hüten ... Es ist der 31.Oktober 2021 - doch statt “Süßes oder Saures” heißt es an diesem Halloween in Bleak Pine “Gutes oder Böses”. Denn alle zehn Jahre wird in der Red River Lane eine Ausgangssperre am Halloweenabend verhängt, über deren Grund es viele Vermutungen, aber keine Gewissheit gibt. Fest steht nur, in dieser Straße, die nach dem nahegelegenen Fluss benannt ist, der durch die Schlucht des Winsome Forests fließt, ist besondere Vorsicht geboten. Hinter jeder Haustür lauert eine Geschichte - und hinter jeder Geschichte verbirgt sich ... STOPP! Ich kann nicht weitersprechen. Hier ist jemand, ich spüre es. Nein, b-bitte nicht, ich will nicht ... LAUF! Zehn Häuser, eine Straße, kein Entkommen. Bist du mutig genug?
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Red River Lane
Jennifer Ebbinghaus (Hrsg.) • Anne Lück • Anna Konelli • C. Greene • Julia Niederstraßer • Lea Zander • Marie Döling • P.J. Ried • Sarah Scheumer • Steve Nolte
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
nicht nur an Halloween, sondern an jedem Tag des Jahres gibt es Kinder, die nicht mit ihren Freunden um die Häuser ziehen können. Es gibt Teenager, die keine Streiche an Haustüren spielen, und Eltern sowie Großeltern, die sich nicht mit ihren Kindern und Enkeln verkleiden werden, um nach »Süßem oder Saurem« zu fragen, weil sie gesundheitlich nicht dazu in der Lage sind.
Aus diesem Grund wird der Gewinn dieses Gemeinschaftsprojektes in voller Höhe der DKMS gespendet, um Menschen mit einer Blutkrebserkrankung zu unterstützen. Hier findet ihr grundlegende und weiterführende Informationen zur Deutschen Knochenmarkspenderdatei, unserem offiziellen Spendenpartner, den ihr mit dem Kauf eines Exemplars der »Red River Lane« unterstützt.
Leider gelingt es uns nicht, all diesen Menschen zu helfen, aber wir können ein Zeichen setzen. Und wir hoffen, ihr tut es mit uns gemeinsam.
Impressum
1. Auflage, Oktober 2021
© Alle Rechte vorbehalten.
Herausgeberin: Jennifer Ebbinghaus
Dörpinghauser Straße 7, 51688 Wipperfürth
www.writedownastory.de
Mitwirkende Organisation:
Anna Konelli, Sarah Scheumer, Marie Döling
Covergestaltung und Zierden: Sarah Scheumer, www.sarahscheumer.de
Lektorat, Korrektorat, Buchsatz: Marie Döling, www.writeinpieces.jimdofree.com
Illustration Karte: Eva Henrich
Marketing & Onlineauftritt: Anna Konelli, Jennifer Ebbinghaus
Published KDP, Kindle direct Publishing
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Dieses Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung und Vervielfältigung ohne die Zustimmung der Herausgeberin und der Autoren ist unzulässig.
Kapitelübersicht
Prolog
Das Schlaflied
Verloren
Kopflärm, Part I
Das Ouija Brett
Milchshake, rot gesprenkelt
Hand in Hand
Das Herrenhaus
Sieben Stunden
Capture the Flag
Maskenball
Kopflärm, Part II
Danksagung
Über DKMS
Über die Herausgeberinnen
Für alle, die gegen Blutkrebs kämpfen.
Und für die, die ihre Hand halten.
Wir wünschen euch von Herzen alles Gute.
Zehn Häuser. Eine Straße. Kein Entkommen.
Bist du mutig genug?
Dann tritt ein ...
Schlaf, Kindlein, Schlaf
Doch denke daran, dass Papa nicht da ist, um sein Schäfchen zu hüten ...
von Steve Nolte
Neun Tage zuvor
»Ricky, zum letzten Mal: Licht aus, Zeit fürs Bett!«
Eins muss man der Stimme seiner Mom lassen: Sie trägt. Selbst vom Erdgeschoss bis in Rickys Dachkammer.
»Noch fünf Minuten, Mom! Gleich kommt die beste Stelle.« Moms Timing ist ebenso legendär wie ihr lautes Organ.
»Schluss mit diesem Horrorfilmblödsinn!« Noch lauter, noch durchdringender. Er hört Pantoffeln auf Teppichboden, als sie die Treppe hochsteigt. »So kurz vor Halloween setzt dir dieser Schund nur wieder Flausen in den Kopf. Auch wenn sich das Desaster vom letzten Jahr wohl so schnell nicht wiederholen wird.«
Ricky seufzt und drückt die Stopptaste. Bruce Campbells Gesicht friert ein, nur Sekunden bevor ihm das heisere »Groovy« über die Lippen kommt.
»Ja, Mom.« Er wirft Bruce einen entschuldigenden Blick zu. Mit seiner Mutter zu diskutieren, wäre ein sinnloses Unterfangen, wie er nur zu gut weiß. Sie ist unumstritten der Boss.
Also fügt er sich seinem Schicksal. »Gute Nacht.«
»Schlaf schön!« Er hört die Schlafzimmertür hinter ihr zufallen und schielt zur Uhr.
In fünf Minuten ist Freitag. Noch eine gute Woche bis Halloween. Doch Mom hat natürlich recht: Dieses Jahr wird es kein Desaster geben. Dafür wird die Ausgangssperre sorgen.
Eine Ausgangssperre – und das zu Halloween, dem abgefahrensten Fest des Jahres! Süßigkeiten, Kürbislaternen, Streiche und Kostüme. Und dann die Partys der älteren Kids, die immer eskalieren. Zwar ist er selbst gerade erst dreizehn, hat aber schon eine Ahnung, dass dieses Halloween vielleicht seine letzte Chance auf klassisches Trick-or-treating darstellt, bevor er zu alt dafür ist. Gerade die Streiche sind dabei immer ein Highlight für ihn. Wobei seine Mom maßlos übertreibt: Das brennende Formgehölz im Vorgarten des Rektors letztes Jahr ist ein bloßes Versehen gewesen. Trotzdem war’s verdammt witzig!
Daraus wird diesmal nichts – eine Tatsache, die dem ersten großen, geheimnisvollen Halloween-Lockdown geschuldet ist, den er bewusst miterleben wird. Spannend … und irgendwie beunruhigend. Hauptsächlich, weil keiner von ihnen weiß, warum man die Red River Lane alle zehn Jahre unter Hausarrest stellt. Die Erwachsenen hüllen sich in Schweigen – zumindest jene, die mit der Wahrheit vertraut sind. Der Rest glaubt vermutlich die blasse Rechtfertigung der Gemeinde, die von Tradition spricht. Als würde man einen ganzen Stadtteil in Aufruhr versetzen und in seinen Häusern einsperren, um alle zehn Jahre irgendwelcher Hexenverbrennungen zu gedenken, die hier stattgefunden haben sollen. Nicht einen Beweis hat Ricky in der örtlichen Bibliothek Bleak Pines dafür gefunden. Und wer Ricky Hicks kennt, der weiß, dass er wirklich gründlich recherchiert hat.
Er schaltet den Fernseher aus und geht zum offenen Fenster rüber. Auf der Fensterbank steht eines der alten Walkie-Talkies seines Bruders, die er in der Garage gefunden hat. Er schaltet es ein, lauscht einen Moment dem Knistern und den Störgeräuschen und schaut raus; auf die Garage, voll mit Joshs zurückgelassenem Gerümpel; auf die freie Fläche dahinter, auf der die Neubausiedlung entstehen soll. Und schließlich auf das Gebäude, das neben diesem Grundstück liegt.
Gate House.
Seit Ricky denken kann, scheint der Winsome Forest das verfallene Herrenhaus geradezu verschlingen zu wollen. Kahle, knorrige Äste grabschen nach den windschiefen Giebeln wie die ausgemergelten Arme einer Märchenhexe, die schon lange kein schmackhaftes Kind mehr in ihre verdorrten Finger bekommen hat. Und seit er denken kann, setzt sich Gate House standhaft zur Wehr. Ebenso wie es sich dreißig Jahre lang gegen neue Eigentümer gewehrt hat.
Ricky kennt es nur als Ruine; als mysteriöses Spukhaus, um das sich grauenhafte Legenden ranken – natürlich alle erstunken und erlogen –, und dennoch glaubhaft genug, dass man selbst tagsüber seine Schritte beschleunigt, wenn man daran vorbeiläuft. Nach Einbruch der Dunkelheit macht auch der großmäuligste Teenager einen weiten Bogen darum. Der anderen Horrorruine der Stadt, Creedence Hall, ausgebrannt und efeuüberwuchert, hat es längst den Rang abgelaufen.
Und dieser verrückte alte Knacker ist tatsächlich dort eingezogen.
Wie jede Nacht sieht man trübes Licht zwischen den vernagelten Fenstern hervorscheinen. Niemand weiß, was Hank Shadick dort drüben treibt, aber alle sind sich einig, dass der Kerl nicht alle Tassen im Schrank hat. Ricky fröstelt es, was an dem Windhauch liegen mag, der nun hereinzieht.
»Papa Bear, hier Sith Lord, kommen.« Die verzerrte Stimme zerreißt die Stille mit infernalischer Lautstärke und für eine Sekunde glaubt Ricky, dass ein körperloser Dämon aus irgendeiner Zwischenwelt zu ihm spricht. Vor Schreck lässt er beinahe das Walkie-Talkie fallen.
»Papa Bear, pennst du schon? Kommen!« Obwohl sein Herz rast, atmet Ricky auf. Man hört deutlich, wie viel Spaß Andy das Funken macht.
»Papa Bear klingt wie ein dreihundert Pfund schwerer Trucker, der Anhalterinnen verschleppt.«
Andys Lachen schallt über den Äther. »Passt doch! Aber denk dir gern was anderes aus. Kommen.«
»Weniger einfallsreich als Sith Lord wird’s kaum werden.«
»Neidisch? Aber ernsthaft: Siehst du auch das Licht bei unserem Lieblingsnachbarn? Kommen!«
»Schwer zu übersehen.« Kalt wie in einem OP-Saal, beginnt es im nächsten Moment, stroboskopartig zu flackern.
»Spinn ich jetzt total oder steht da einer auf dem Dach? Kommen!«
Ricky begutachtet die fernen Umrisse des Anwesens und weiß sofort, dass es stimmt. Da oben ist jemand.
Eine schwarze Gestalt, hochgewachsen und dürr. Im Mondschein wirken die Gliedmaßen unnatürlich lang und ein Hut mit breiter Krempe hebt sich deutlich vom Rest des schattenhaften Kopfes ab. Eine lebendige Vogelscheuche – na super! Und sie scheint genau in seine Richtung zu schauen.
Mit einem unangenehmen Prickeln kriecht Ricky eine Gänsehaut den Rücken hinab. »Was tut der da?« Sein Hals ist trockener als der Humor seiner Freundin Isabella. Er wünscht sie sich her. Sie und Kaye – stark und entschlossen und so viel älter wirkend als ihre dreizehneinhalb Jahre. Für den Moment muss er sich mit Andy am anderen Ende der Leitung begnügen. Besser als nichts – immerhin sind sie seit dem Kindergarten die dicksten Kumpels.
»Na ja, er …«, beginnt Andy nun, verstummt aber jäh. Wohl, weil Hirn und Zunge erst sortieren müssen, was seine Augen sehen.
Ricky beobachtet währenddessen mit wachsender Beunruhigung, wie die Gestalt zu hüpfen beginnt und mit schlaksigen Tanzbewegungen über das Dach balanciert.
»Jetzt starrt er Richtung Wald.« Atmosphärische Störungen begleiten Andys nächste Worte. »Ich glaube, er … Sendet er Lichtsignale? Kommen.«
Signale? »Was zum Teufel?«
Tatsächlich schwenkt der Schattenmann jetzt eine Art Laterne. Zunächst gegen, dann im Uhrzeigersinn. Dann beginnt sie, zu blinken. Lange und kurze Lichtimpulse wechseln sich ab.
Er ist von Hank Shadick – wie von vielen seiner Nachbarn hier in der Red River Lane – einiges gewohnt, aber jetzt muss sich Ricky, der sich eigentlich für ziemlich abgebrüht hält, eingestehen, dass er wahrlich Angst verspürt. Zu bizarr ist die Szene, die sich vor seinen Augen abspielt.
»Rede mit mir, Andy. Was geht hier vor?« Gar nichts, sagt er sich. Nur ein alter Kerl, der einen über den Durst getrunken hat und auf dem Dach seines Geisterhauses einen Laternentanz aufführt. Ricky kann sich nicht helfen, aber die Stimme in seinem Kopf vermag es trotz ihres nüchternen Tonfalls nicht, ihn zu überzeugen.
»Ich finde mein Büchlein nicht, aber ich glaube, es ist ein Morsecode. Stand by, Papa Bear.«
»Na klar, was auch sonst«, murmelt Ricky und schluckt trocken, während der Hank-Shadick-Schattenmann mit der flackernden Lampe von links nach rechts springt. Typisch, dass Andy ausgerechnet jetzt sein Büchlein, eine ziemlich umfassende Sammlung von Überlebenstipps aus Pfadfinderhandbüchern, Prepper-Magazinen und den Werken von Bear Grylls, nicht zur Hand hat.
Auf dem Dach ist es mit einem Mal dunkel und auch im Innern des Herrenhauses sind schlagartig alle Lichter erloschen. Aus dem Walkie-Talkie dringt kein Laut, nicht mal mehr ein Rauschen.
Ricky beugt sich vor. Kurz scheint es ihm, als habe die Welt vor seinem Fenster einfach aufgehört, zu existieren. Selbst die vereinzelten Straßenlaternen sind zu verlorenen Inseln schwindender Helligkeit geworden, die der Nacht, die auf sie zuströmt, nichts entgegenzusetzen haben.
In seinem Zimmer spendet eine einzelne Nachttischlampe schummriges Licht. Ein letztes Bollwerk gegen die Finsternis. Was, wenn da draußen wirklich etwas nicht mit rechten Dingen zugeht?
Er verflucht seine Neugier und zwingt sich, die aufkeimende Panik niederzukämpfen. Trotz des Zitterns seiner Hand führt er das klobige Walkie-Talkie zum Mund, dessen Gewicht ihm einen letzten Rest Sicherheit vermittelt, und drückt die Sprechtaste.
»Andy?«, fragt er heiser in die Nacht vor dem Fenster.
Als endlich wieder etwas aus dem Lautsprecher dringt, verspürt er zunächst Erleichterung, kommt sich im selben Moment aber ziemlich dämlich vor.
Dann hört er zu.
»…önnt … ich … ören? …enn … ichti … iege … ind … ir … eint. … orm … perfektioniert. … lang, … im. Nicht mehr lang. … ammen. Keine … asken. Kein … Ich … erspreche … Blut wird fließen …« Die verzerrte Stimme wird von Störgeräuschen abgewürgt.
Ricky drückt den Sendeknopf so fest, dass er fast glaubt, das Walkie-Talkie zu zerquetschen.
»Wer immer da ist, lassen Sie den Mist gefälligst!« Seine Stimme klingt schrill in seinen Ohren, beinahe hysterisch.
Es ist ihm egal.
»Papa Bear, echt jetzt! A: Du musst mich nicht siezen. B: Schrei mich nicht an! C: Halt mal Funkdisziplin ein. Jeder Satz wird mit Kommen beendet. Kommen.«
»Hast du das nicht gehört?«, erwidert Ricky ungläubig.
»Na ja, ich hab dich kreischen hören wie meine Schwester, wenn sie eine Spinne sieht. Ansonsten hab mir den Code notiert und kann ihn knacken, wenn ich das Büchlein finde. Kommen.«
»Irgendein Kerl hat gefunkt! Er hat volle Kanne apokalyptischen Serienmörderschwachsinn gelabert …«
»Papa Bear«, erwidert Andy und sein Tonfall ist alarmierend nüchtern.
Ricky bekommt es kaum mit. Adrenalin und ein Gefühl epochaler Dringlichkeit lassen die Worte nur so aus ihm heraussprudeln. »Dass Blut fließen wird und …«
»Papa Bear!«
»… er hat mir einen Riesenschreck eingejagt.«
»Ricky Hicks!«
»Was?« Ricky hat sich längst vom Fenster abgewandt und ist im Zimmer hin und her gelaufen, aber jetzt hastet er zurück.
»Guck. Aus. Dem. Fenster.« Andy betont jedes Wort mit großem Nachdruck. Die Funkdisziplin ist vergessen. »Der Wald, Ricky!«
Auch wenn Ricky findet, dass sein Anliegen wichtiger ist, immerhin hat er wohl gerade das manische Gebrabbel eines Wahnsinnigen mit angehört, tut er ihm den Gefallen und späht zum dunklen Umriss des viktorianischen Herrenhauses herüber. Richtet seine Aufmerksamkeit direkt auf den Winsome Forest, der hungrig, finster und unheimlich auf das Grundstück wuchert.
Nur ist er im Moment gar nicht so finster, wie man ihn gemeinhin kennt. Was ihn allerdings nicht weniger unheimlich macht – beim Damenbart seiner Tante Edna, eher im Gegenteil!
Der Wald ist voller Lichter.
Blinkende Lichter, sicher ein Dutzend davon.
Zunächst denkt er an Glühwürmchen, Sumpfleuchten oder seinetwegen auch an das Feenvolk – irgendetwas Harmloses, das gar nichts mit gruseligen Häusern und ihren nicht minder gruseligen Bewohnern zu tun hat. Dann erkennt er ein gewisses Muster. Die Lichter blinken periodisch.
Ricky stockt der Atem. Während Andy am anderen Ende der Leitung ebenso leise wie ungläubig vor sich hin murmelt, wird ihm eines klar: Wen auch immer Hank Shadick da im Wald zu kontaktieren versucht hat …
Er antwortet.
von Marie Döling
Twinkle, twinkle bloody star, oh I wonder where you are.
17:34 Uhr
Bethany Lush hat früh begriffen, dass das Leben ein Gemälde ist. Doch dass der Künstler der Tod selbst ist, wurde ihr erst viel später klar. Vermutlich hat sie sich deshalb vor zehn Jahren entschieden, den Kunstwerken dieser Welt – den Menschen – die Beachtung zu schenken, die sie verdienen.
»Du kannst mich nicht zwingen, die Tabletten zu schlucken«, beharrt er und dreht seinen Kopf so, dass Bethany ihren Griff um sein Kinn verstärken muss.
»Wir wissen beide, dass Sie sie nehmen müssen, Patrick. Sobald Sie die Pillen geschluckt haben, bringe ich Ihnen Ihr Abendessen. Heute gibt es Kartoffelauflauf, den mögen Sie doch.« Beths Lächeln ist unverändert freundlich, doch die Situation zerrt an ihren Nerven. Es ist jeden Abend dasselbe, mindestens ein Bewohner der Einrichtung ist entweder vorlaut, hat einen Wutanfall oder weigert sich, seine Medikamente zu nehmen. Dabei sind die Patienten, die in der Außenwohngruppe Pine Living der Red River Lane in überwachten Wohngruppen leben, allesamt sehr freundliche Menschen.
»Ich habe schon gegessen! Und ich lasse mir die Tabletten nur von einer richtigen Krankenschwester geben. Du hast mir gar nichts zu sagen!« Patrick verkrampft seinen Körper so sehr, dass sein Rücken knackt, als er ihn durchstreckt. Beth spürt, wie seine Muskeln vor Angst ganz hart werden, doch so sehr sie ihn auch versteht, weiß sie, dass sie einen Job zu erledigen hat.
»Sehen Sie mich an, Pat. Ich bin es, Bethany Lush. Ich arbeite seit acht Jahren hier und komme beinahe jeden Abend zu Ihnen.« Sie spürt, dass Pat sie mustert.
»Ich weiß, wer du bist. Aber ich will eine richtige Schwester! Wo ist Thea? Oder Paula?«
Bethany seufzt. Psychische Krankheiten sind keine Schande, sondern ein Teil der Gesellschaft, dessen war Bethany sich immer bewusst. Aus diesem Grund liebt sie die Arbeit mit Personen, die einen Platz in einer Welt suchen, die sie an den Rand drängt. Als Tochter einer Mutter, die mit dem Asperger Syndrom lebt, weiß sie nur zu gut, wie sich Letzteres anfühlt. Vor zehn Jahren hat sie deshalb die Ausbildung zur Pflegefachkraft in der Psychiatrie Bleak Pines begonnen und zwei Jahre später mit Bravour abgeschlossen.
Als Patrick plötzlich anfängt, zu wimmern, streicht sie mit ihrer Hand behutsam über seinen Arm. »Sie müssen keine Angst vor mir haben. Ich verspreche Ihnen, dass ich Ihnen nicht wehtue.« Sie greift nach der hellblauen Schale, in der zwei rot-weiße Tablettenhülsen liegen. In einer davon befindet sich ein schwaches Schlafmittel, in der anderen ein Mittel zur Muskelentspannung. »Wir machen es so: Sie nehmen diese Tabletten und ich organisiere Ihnen dafür einen Schokoladenpudding. Ich weiß, dass Sie eine Schwäche dafür haben, Pat.« Ihr Zwinkern scheint etwas in ihm auszulösen. Der Angst weicht Verlockung, aber das Misstrauen bleibt.
»Und Thea und Paula wissen Bescheid?«, will er wissen.
»Alles ist mit ihnen abgesprochen. Versprochen!« Bethany sieht, wie sich seine steife Haltung löst, und atmet auf, als er nach den Pillen greift. Sie nimmt das Glas Wasser vom Wagen und hält es ihm entgegen, damit er die Kapseln besser schlucken kann. »Perfekt«, lobt sie ihn, als er seinen Mund öffnet und sie kontrolliert, ob er die Tabletten runtergeschluckt hat. »Ihr Abendessen steht auf dem Esstisch und sobald Sie fertig sind, können Sie klingeln, damit ich Ihnen den Pudding bringe. Alles klar?«
Patrick antwortet schon gar nicht mehr, stattdessen rollt er zum Tisch hinüber und stellt die Bremsen des Rollstuhls fest.
»Wir sehen uns gleich«, sagt Bethany noch, bevor sie den Servierwagen zur Tür schiebt und seine Wohneinheit verlässt.
Die Räder des Wagens rattern, während sie ihn in den Küchenraum manövriert. Obwohl sie weiß, dass sie die Arbeit lediglich aufschiebt, lässt sie ihn einfach dort stehen, ohne die Schälchen und Utensilien wegzuräumen, und geht wieder hinaus auf den Flur, in dem sie sich für einen Moment an die kühle Wand lehnt. Den Kopf Richtung Decke gelehnt, legt sich ihre rechte Hand von ganz allein auf ihren Bauch, dem man die kleine Wölbung unter ihrem Shirt nicht ansieht, und kann sich das selige Lächeln nicht verkneifen.
Vierzehnte Woche. Kräftiger Herzschlag. Alles im perfekten Entwicklungszustand. Jede Linie auf dem Ultraschallbild hat sie sich eingeprägt, um ja nichts von ihrem Kind zu verpassen. In ungefähr sechs Wochen wird man erkennen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird.
Beth kann ihr Glück noch immer nicht fassen. Und obwohl sie ihre Heimatstadt liebt und vor allem die Einrichtung, kann sie es nicht erwarten, von hier fortzugehen. Ihre gepackte Tasche wartet bereits in Jadas Zimmer, in dem sie sie heute Morgen versteckt hat.
Jada ist 32, nur sechs Jahre älter als Beth, doch für sie hat das Leben anderes bereitgehalten. Denn nachdem sie vor zwanzig Jahren eine Scheune in Brand gesetzt hat, in der sich zur selben Zeit ihr kleiner Bruder befand, an dem – nach ihrer Aussage – ein Exorzismus durchgeführt wurde, kam sie für mehr als ein Jahrzehnt in die geschlossene Psychiatrie Bleak Pines. In der Außenwohngruppe lebt sie erst seit etwa fünf Jahren, doch Beth ist froh, dass sie nun hier ist, denn Jada ist vor allem eines: verängstigt. Kein Wunder, da sie mit gerade einmal zwölf Jahren alles verlor – ihre Familie, ihre Freunde, ihren Bruder. Mit ihr zu sprechen, gibt Beth ein besonderes Gefühl, denn diese Frau strahlt nichts anderes als Unschuld und Empathie aus. Ohne einen Lieblingspatienten haben zu wollen, hat Jada sich einfach in ihr Herz gestohlen. Aus diesem Grund ist sie auch die Einzige, die von Beths Plänen weiß, heute Nacht von hier fortzugehen. Und sobald Beth irgendwo angekommen und etwas Gras über ihren plötzlichen Umzug gewachsen ist, würde sie Jada in eine Einrichtung in ihrer Nähe holen. Gemeinsam mit Neal.
Beim Gedanken an ihn huscht ihr ein Lächeln übers Gesicht, das sie nur mit Mühe wieder fortbekommt. Es ist wichtig, nicht zu auffällig zu sein, und an ihn zu denken lässt sie so strahlen, dass man die Verliebtheit vermutlich durch geschlossene Türen sehen kann.
Mit verschnellertem Herzschlag greift sie in ihre Hosentasche und holt ihr Handy hervor. Die Anzeige auf ihrem Display verrät, dass es 17:45 Uhr ist. In fünfzehn Minuten wird das Signal der Ausgangssperre ertönen, das sie in diesem Jahr ignorieren wird. Immerhin ist der beste Zeitpunkt, unbemerkt zu verschwinden, der, in dem sich niemand auf den Straßen aufhält und Türen und Fenster geschlossen sind.
Eilig tippt sie eine Nachricht an Neal, der sicherlich gerade die letzten Sachen packt. Eigentlich hatte sie versprochen, ihm heute nicht zu schreiben, um ihren Weggang nicht zu gefährden, doch sowohl ihre Emotionen als auch ihre Hormone lassen nichts anderes zu.
20:00 Uhr am Wasserturm. Ich habe eine Überraschung für dich. B.
Als Schritte auf dem Flur erklingen, steckt Beth das Handy weg und hastet in den nächstbesten Raum. Unter keinen Umständen möchte sie Thea oder Paula begegnen. Ihre Kolleginnen anzulügen, würde ihr bei all den Dingen, die ihr durch den Kopf gehen, nicht gelingen. Das Kündigungsschreiben, das sie später in Theas Spind stecken würde, wiegt Tonnen in ihrer Kitteltasche, doch sie würde es durchziehen. Sie musste. Nur so konnte sie mit Neal und dem Baby zusammen sein.
»Beth«, holt eine Stimme sie plötzlich aus den Gedanken. »Müsstest du nicht beim Abendessen sein? Heute gibt’s Kartoffelauflauf.« Die fast weißhaarige, alte Frau lehnt sich in ihrem Schaukelstuhl zurück, auf ihren Knien das Tablett. Offensichtlich ist Beth in ihrem Patientenzimmer gelandet.
»Guten Abend Moira, lassen Sie es sich schmecken! Ich werde nachher in Ruhe vom Auflauf probieren, wenn die Arbeit erledigt ist.«
»Die Arbeit?« Die Dame zieht eine Braue nach oben und beginnt, zu schmunzeln. »Was hast du denn für Arbeit zu erledigen?«
»Nun hören Sie mal, Miss Kane. Ich kann gerne Ihren Nachtisch für die nächste Woche streichen, wenn Sie so frech sind«, kontert Beth gespielt und lacht, als Moiras Blick noch skeptischer wird. »Ich habe heute Morgen ihren Enkel getroffen. Er schien wild entschlossen, die heutige Nacht durchzuarbeiten.«
»Wie oft ich ihm schon gesagt habe, dass er kürzer treten und sich mehr der Familie annehmen soll, Liebes. Aber welches Enkelkind hört schon auf seine Großmutter, nicht wahr?« Ihr Lächeln erreicht nicht ihre Augen.
Beth hat nicht gemerkt, dass ihre Hand bei diesen Worten und dem Gedanken an Familie wieder auf ihren Bauch gewandert ist, doch Moiras erkennender Blick lässt sie zusammenzucken und sie runterreißen. Zu spät.
»Bethany, wie ...« Offensichtlich muss sie sich sammeln, denn sie schließt einen Moment lang die Augen, betrachtet dann aber wieder Beths Bauch. »Wie ist das möglich? War es einer der Patienten? Oder ist ... Gott, ist etwa einer der Ärzte der Vater?«
»Was reden Sie denn da für einen Unsinn, Moira?« Die Absurdität ihrer Behauptungen bringt Beth zum Schmunzeln, obwohl der Panik-Schalter in ihr längst umgelegt ist. Niemand darf wissen, dass sie heute Nacht die Red River Lane hinter sich lässt. Neal würde sehr sauer sein, wenn sie den Plan vereitelt. Und sie selbst würde es nicht ertragen, zwar in ihrer Heimat zu sein, doch nicht mit dem Mann zusammenzuleben, den sie liebt. »Bitte, Moira, es muss ein Geheimnis bleiben.«
»Hast du Angst -« Sie unterbricht sich selbst mit einem Kopfschütteln. »Denkst du, sie nehmen es dir weg, Kindchen? Das würde ich nicht zulassen.«
»Was? Wieso sollten sie mir das Kind wegnehmen?« Schützend umschlingt Beth ihren Bauch.
»Weil in der Einrichtung -«
Moiras Worte werden von dem schallenden Signal unterbrochen, das selbst durch die geschlossenen Fenster lautstark in den Ohren hallt. Als würde in Bleak Pine eine Zombieapokalypse ausbrechen, sirrt die Warnmelodie durch die Straße.
»Achtzehn Uhr«, sagt Beth und wirft einen Blick durch das Fenster in den Hinterhof, der menschenleer daliegt. »Bitte denken Sie daran, die Fenster zuzulassen. Falls etwas sein sollte, klingeln Sie. Thea und Paula sind im Büro und haben Nachtdienst. Wir beide sehen uns dann morgen früh.« Dass ihr die Lüge so leicht über die Lippen kommt, verursacht ihr Übelkeit. Denn Beth würde nicht mehr zurückkommen, sobald sie die Tore der Einrichtung hinter sich lässt.
Ihr Blick gleitet zu Moira, die stoisch einen Punkt an der Wand fixiert. »Ist alles in Ordnung, Miss Kane?«
Die Angesprochene antwortet nicht, stattdessen beginnt sie, sich mit dem Schaukelstuhl zu wiegen, als hätte sie plötzlich vor etwas Angst. Ihre Augen stehen weit offen und Beth ahnt, dass die Sirene sie erschreckt hat.
»Alles ist gut, Moira«, redet sie auf die Frau ein, während sie vor ihr in die Hocke geht. »Es ist nur Halloween. Heute jährt sich die Ausgangssperre. Bleiben Sie ruhig, das Signal geht gleich aus.«
Als hätte jemand ihre Worte gehört, verlischt die Sirene im nächsten Moment und hinterlässt lediglich ein helles Summen in Beths Ohren.
»Geh nicht«, sagt Moira plötzlich und nun fixiert ihr Blick nicht mehr die Wand, sondern Beth. »Du darfst nicht fortgehen.«
Bethanys Herz bleibt stehen, schlägt im nächsten Moment dreimal so schnell wie zuvor. »W-was? Moira, ich -«
»Der Mund muss zu, die Nase muss zu. Aber die Augen, halte die Augen offen. Halte sie offen. Haltet sie alle offen!«
Beth weiß, dass Moira eine bipolare Persönlichkeitsstörung hat, doch es ist das erste Mal, dass sie einen ihrer Ausbrüche miterlebt. Um die Frau zu beruhigen, geht sie auf das Gesagte ein. »Versprochen, Moira. Ich halte die Augen offen.«
»Der Mund muss zu, die Nase muss zu. Aber die Augen, halte die Augen offen. Halte sie offen. Haltet sie alle offen!«
Wieder und wieder murmelt die Frau die Worte in den Raum, während sie erneut die Wand fixiert und sich stetig vor und zurück wiegt. Vor und zurück. Und Beth kann nicht anders, als rückwärts den Raum zu verlassen, die Tür zu verschließen und Miss Kane in ihrem weißen Nachthemd hinter sich zu lassen. Das Letzte, was sie von ihr sieht, ist das groteske Lächeln auf ihrem Gesicht.
19:53 Uhr
Es ist ruhig. Fast zu ruhig, als dass Beth glauben könnte, dass sie wirklich allein ist. Doch die Red River Lane liegt einsam da, wird nur von den Laternen und den Kerzen in den Kürbissen erhellt, die in jedem Vorgarten stehen. Hinter den meisten Fenstern brennt kein Licht, denn viele Bewohner verlassen Bleak Pine vor der Ausgangssperre und verbringen das Wochenende bei ihren Verwandten außerhalb der Stadt. Die, die bleiben, haben die Lampen im Haus gedämpft; liegen vielleicht sogar schon im Bett.
Wieso ihr der Gedanke, allein über den Asphalt Richtung Wald zu laufen, plötzlich nicht richtig vorkommt, muss an der angsteinflößenden Stimmung liegen, die der jetzige Moment verbreitet. Müssen die Bewohner auch wirklich jede Terrasse und jeden Garten gruselig schmücken, obwohl sowieso kein Kind an der Haustür klingelt und nach »Süßem oder Saurem« fragt? Eine Erinnerung nagt in ihrem Inneren, doch sie stößt sie zur Seite, bevor sie aufkommen kann. Irgendetwas sagt ihr, dass sie diesen Gedanken schon einmal hatte, was absurd ist. Das hier ist immerhin ihr Leben, kein Déjà-vu.
Beth schüttelt sich und greift erneut nach ihrem Handy. Es ist beinahe zwanzig Uhr. Da der Wasserturm von hier etwa zwanzig Gehminuten entfernt liegt, wird sie nicht pünktlich kommen. Zwar hat sie Neal diesbezüglich bereits geschrieben, doch bisher hat seine Antwort sie nicht erreicht.
Sie weiß, dass Neal mehr in Bleak Pine zurücklässt als sie. Seinen Job an der High School, seine Eltern, seine ... Frau. Und deren gemeinsame Tochter Josie, die zwei Jahre jünger ist als Beth. Tatsächlich sind die beiden damals sogar auf dieselbe Schule gegangen. Doch dieser Umstand spielt genauso wenig eine Rolle wie die 22 Jahre Altersunterschied, die zwischen ihr und Neal liegen. In wen man sich verliebt, kann man sich eben nicht aussuchen.
Nach ihrem ersten Kuss hatte Neal damals gesagt, dass er auf sie gewartet und nicht geheiratet hätte, wenn er gewusst hätte, dass er ihr begegnen würde. Doch wer die große Liebe ist, weiß man immer erst dann, wenn man ihr begegnet. Und lieber begegnet ihr man später als nie.
Sie lächelt bei dem Gedanken und beschleunigt ihren Schritt, als Stimmen sie innehalten lassen. Ein Blick nach rechts verrät, dass sich jemand in der baufälligen Villa Creedence Hall aufhält, denn aus einem Fenster im oberen Stockwerk – einem der wenigen, in denen das Glas noch intakt ist – flackert schwaches Licht, was aussieht, als hätte jemand Kerzen angezündet. Dass sich das tatsächlich jemand traut, nachdem es vor dreißig Jahren einem Brand zum Opfer gefallen ist, ist mutig – vielleicht auch kopflos, wer weiß. Dennoch sie ist froh, dass die Personen dort drin offenbar zu abgelenkt sind, um auf die Straße zu blicken und sie zu bemerken. Sie beschleunigt ihre Schritte und zieht die Kapuze ihres Hoodies tiefer ins Gesicht. Ihre Haare hat sie am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden, sodass sie ihr nicht im Gesicht hängen. Dass Neal diesen lösen wird, sobald sie in seinem Auto auf dem Weg raus aus der Red River Lane sind, weiß sie, denn er liebt es, wenn Strähnen über ihre Schultern fallen. Schon als sie sich kennenlernten, hat er immer danach gegriffen, wenn sie sich nahe waren.
Etwas an dieser Erinnerung schmerzt und plötzlich wird ihr furchtbar übel. Da sie während der Schwangerschaft bisher nicht unter Übelkeitsattacken litt, verunsichert sie das Verhalten ihres Körpers. Als würde er ihr etwas ... verständlich machen wollen, bremst er sie aus, sodass sie ihre Hände einen Moment auf den Knien abstützen und in gebeugter Haltung kontrolliert Luft holen muss.
Als sie aufblickt, stellt sie fest, dass sie bereits vor der Kirche steht, hinter der der Weg über den Friedhof in den Wald führt. Von dort aus ist es nicht weit bis zu der Stelle des Red Rivers, über die ein großer Baumstamm gekracht ist, der – seit sie denken kann – als inoffizielle Brücke dient. Noch ein paar hundert Meter über den unebenen und verwurzelten Waldboden, dann würde sie den Wasserturm erreichen, den ihr Körper scheinbar meiden möchte. Denn als sie die nächsten Schritte geht, beginnen ihre Hände, zu zittern, während sich ein unangenehmer Schmerz hinter ihren Schläfen ausbreitet. Als ein paar Augenblicke später auch noch ein Stich durch ihren Unterleib fährt, bricht sie in Schweiß aus.
»Was passiert hier?«, flüstert sie in die Dunkelheit und hätte fast nicht die Person bemerkt, die einige Meter vor ihr in dieselbe Richtung eilt. Unentwegt blickt sie sich um, als würde sie jeden Moment damit rechnen, erwischt zu werden.
Ihr Gang kommt Bethany seltsam vertraut vor, genau wie das helle Haar, das über ihre Schulter nach vorn gelegt ist. Wüsste sie es nicht besser, könnte sie denken, sie sehe sich selbst – einige Jahre jünger.
Dreh nicht durch, Beth.
Dann läuft das Mädchen vor ihr plötzlich schneller und verschwindet ein paar Wimpernschläge später zwischen den Nadelbäumen.
»Hilf mir«, ruft sie ihr noch hinterher, doch die Gestalt blickt nicht zurück und lässt Beth hinter sich, deren Blick ihr in die Dunkelheit folgt.
Als sie etwas spürt, das sich wie ein Tritt in ihrem Bauch anfühlt, weiß sie, dass nichts normal ist. Im Gegenteil, beinah hat sie das Gefühl, verrückt zu werden, denn in der vierzehnten Woche bewegt sich das Baby zwar schon, doch ist es noch viel zu winzig, als dass Beth es spüren könnte.
»My bonnie is over the ocean«, beginnt Beth, zu singen, um sich selbst und ihr Kind zu beruhigen. »My bonnie is over the sea, my bonnie is over the ocean, oh bring back my bonnie to me.«
Irgendwann geht ihr Gesang in ein Summen über, das sie nicht eine Sekunde unterbricht, als sie sich aufrichtet und sich auf den Weg zum Wasserturm macht. Ihr Rucksack wird von Meter zu Meter schwerer, als würde sich sein Gewicht vermehren, doch sie hält nicht an; stolpert durch den Wald bis zum Fluss, quält sich auf Knien über den Stamm, während der Red River darunter hindurchjagt. Viel zu dringend will sie zu Neal. Er wird wissen, was mit ihr nicht stimmt. Er wird sie und ihr Kind zum Arzt bringen, sobald sie ihm eröffnet, dass sie schwanger ist – und dass sie furchtbare Schmerzen hat.
»Geh nicht«, kommen ihr die Worte von Moira in den Sinn. »Du darfst nicht fortgehen.« Und irgendwas an ihnen klingt jetzt anders. Irgendetwas an ihnen erinnert sie an ihre Schulfreundin Victoria. Und plötzlich sieht sie sie vor sich, sieht sich selbst als Sechzehnjährige, die mit Vic nach dem Biologieunterricht an den Schließfächern steht.
»Geh nicht«, fleht Vic und in ihren Augen stehen nicht nur Tränen, sondern auch Furcht. »Du darfst nicht fortgehen.«
»Es wird nicht für immer sein«, flüstert Beth zurück und legt ihr eine Hand auf den Arm. »Nur, bis das Baby da ist. Du weißt, dass meine Eltern es mich nicht behalten lassen würden. Und Neal ... Wer weiß, was mit ihm passiert, wenn sie es herausfinden.«
»Nenn ihn nicht so!« Victorias Gesicht wird wütend, bevor sie Beth an den Schultern greift und schüttelt. »Merkst du nicht, was er dir antut, B? Es ist seine Aufgabe, dich zu beschützen, stattdessen -«
»Hör auf!« Beths Stimme ist monoton. »Er liebt mich. Nichts, was er getan hat, wollte ich nicht.«
»Wie kannst du dir das einreden?«
»Wie kannst du etwas anderes denken?«
Vic sieht Beth an, als wäre sie von allen guten Geistern verlassen; als würde sie tatsächlich das größte fehlende Puzzleteil nicht in das Gesamtbild stecken können. »Du lässt mir keine Wahl, Beth.« Nun stehen die Tränen nicht mehr nur in ihren Augen, sie purzeln daraus hervor. »Ich werde zur Schulleitung gehen, wenn du wirklich vorhast, mit ihm abzuhauen. Du kannst das nicht tun, er ist -«
»Sei still!«, brüllt Beth und im nächsten Moment fliegt ihre Hand gegen die Wange ihrer Freundin. Statt die Tränen fortzuwischen, die darüber laufen, schlägt sie auf die nasse Haut.
»Nein«, wimmert Beth. »Ich würde nicht ... Ich würde dich niemals verletzen, Vic. Du bist meine beste Freundin.« Die Stille verschlingt ihre Worte beinahe, so dumpf klingen sie zwischen den Stämmen und dem Geäst. »Komm zurück, Vic. Komm zurück! Ohne dich schaffe ich es nicht.«
Ihr Flehen wird ein Weinen, das Weinen ein Schluchzen und während die Dunkelheit um sie herum den Blick auf den Wasserturm freigibt, ist sie sicher, dass die Bäume in ihren Gesang einstimmen. »Twinkle, twinkle little star, how I wonder what you are ...«
Je näher sie dem Turm kommt, umso lauter wird ihr Gesang; umso flehender werden ihre Worte.
Dass Neal nicht dort ist, weiß sie, als sie das kalte Metall umklammert, ihren Rucksack auf den Waldboden fallen lässt und sich Stück für Stück die Leiter hinaufzieht. Sobald ein Schlaflied endet, beginnt sie das nächste. Und nur nebenbei bekommt sie mit, dass sich nicht die Melodien, dafür aber die Texte ändern.
»Fuchs du hast mein Kind gestohlen, gib es wieder her, gib es wieder her ...«
20:26 Uhr
Es ist windig, doch das stört Beth nicht. Viel zu sehr genießt sie es, dass die Böe ihre Tränen trocknet. Hier oben, mit dem Blick über die dunklen Tannenspitzen, den Klippen folgend, kann sie ihn zwar nicht sehen, aber hören. Den Red River. Was sie dafür sehen kann, ist sich selbst am Fuße der Treppe, dort unten auf der kleinen Lichtung, die den Wasserturm umgibt. Ihre Haare sind nicht zusammengebunden, ihr Körper noch nicht so erwachsen wie jetzt, doch das hoffnungsvolle Lächeln ist dasselbe. Es ist jenes, das sie den ganzen Tag auf den Lippen hatte.
Ihr ist kalt, doch das freudige Kribbeln in ihrem Körper überwiegt. Zwar hat sie die Hände in ihrem Hoodie vergraben, auf dem die große Kiefer – das Symbol der Stadt und der Bleak Pine High – abgebildet ist, allerdings nur, um ihre Finger auf ihren Bauch zu legen, unter dem ihr vierzehnwöchiges Wunder darauf wartet, dass Beth eine Zukunft für es erschafft. Für ihren Sohn, den sie Timothy oder Eric nennen, oder ihre Tochter, die genau wie ihre Großmutter heißen würde: Bonny.
Sie spürt seine Anwesenheit, bevor sie die Schritte auf dem Waldboden hört, und dreht sich zu ihm. Zu Neal. Und bevor sie sich fragen kann, wieso er keine Tasche dabei hat, stürmt sie auf ihn zu und legt die Arme um ihn. »Ich hatte Angst, dass du nicht kommst«, flüstert sie in seine Jacke.
Doch statt ihre Umarmung zu erwidern, packt er ihre Oberarme und schiebt Beth von sich, ohne seinen Griff zu lockern.
»Was ist-«
»Wir beenden das hier und jetzt, Bethany.« Ein paar Worte, doch eine ganze Welt, die zusammenbricht.
»W-was?«
»Du hast doch nicht geglaubt, dass ich tatsächlich mit dir fortgehe? Als ich deine Nachricht gestern erhalten habe, konnte ich nicht fassen, dass du das von mir verlangst. Ich habe eine Frau; eine Tochter! Und du, Beth ...« Seine Augen lassen ihre keinen Moment los. Wo vor wenigen Tagen noch Leidenschaft stand, strahlt nun Abscheu. »Du bist nur ein Kind.«
»Ich ...« Die Worte bleiben ihr im Hals stecken. Wenn Neal sie nicht halten würde, wäre sie vermutlich längst zusammengebrochen, weil ihre Beine zittern und kraftlos sind. Doch dann muss sie an etwas denken. »Sie hat mit dir gesprochen, oder? Vic erpresst dich, habe ich recht? Ignorier sie einfach, Neal. Lass uns von hier verschwinden und nie wieder -«
»Vic? Sprichst du von Victoria Mendes? Hast du es ihr -« Beth sieht, dass er sich zusammenreißen muss. »Hast du es ihr etwa gesagt?«
»Sie ist meine beste Freundin und ich musste mit jemandem sprechen. Ich musste ihr sagen, dass sie sich keine Sorgen machen soll, wenn ich fort bin, weil du bei mir sein wirst.«
»FUCK!«, brüllt er plötzlich und lässt von ihr ab, sodass sie taumelt, ehe er sich ein paar Schritte von ihr entfernt, durch sein dunkles Haar fährt und immer wieder »Fuck« in die Nacht brüllt. »Wie konntest du nur so dumm sein? Weißt du, was auf dem Spiel steht?«
»Du hast gesagt, dass ich dir wichtig bin. Dass nichts wichtiger ist als ich.«
»Und du hast mir diese Scheiße abgenommen?«
Ein Messerstich, ein Kugelhagel, ein Vulkanausbruch. All das ereilt Beth in diesem Moment.
»Wie kannst du ... so etwas sagen?«
Neal lacht und kommt wieder auf sie zu, schubst sie, sobald er sie erreicht. »Mach dich nicht lächerlich. Ich bin dein Lehrer, Bethany. Du bist nichts weiter als ein Mädchen, dessen Körper ich begehrt habe. Deine Haut war gerade weich genug, als dass sie mir gefallen hat; deine Brüste gerade groß genug. Davon abgesehen, warst du nichts.«
Weil Beths Herz bereits schreiend auf dem Boden liegt, fühlt sie nichts bei seinen Worten. Doch ein anderes Herz, ein unschuldiges, schlägt noch in ihr. »Und was ist dieses Kind für dich?«
Das Erkennen, als Beth ihre Hände auf ihren Bauch legt, tritt in Zeitlupe auf sein Gesicht und wird in unmenschlicher Geschwindigkeit von Panik, dann von Ekel abgelöst. »Was hast du gerade gefragt?«
»Ich werde«, – Bethany tritt auf ihn zu –, »dieses Kind bekommen, Neal. Und ich werde erzählen, dass du der Vater bist.«
Den Schlag in den Magen hat Bethany nicht kommen sehen, die Faust, die sie im nächsten Moment im Gesicht trifft, schon, doch sie ist zu geschockt, um sich zu wehren. Stattdessen fällt sie auf den mit Tannennadeln übersäten Boden, ehe sie nach hinten krabbelnd ausweicht.
Neal tritt nach ihr, greift sich Äste, Steine und alles, was im Weg liegt, um es nach ihr zu werfen. Er bespuckt sie mit Worten und mit Speichel, ehe Beth überhaupt in der Lage dazu ist, zu verstehen, was gerade passiert; ehe sie nach dem Metall der Leiter greift, um sich auf den Wasserturm zu retten.
Im ersten Moment scheint ihr Plan aufzugehen. Immer zwei Sprossen auf einmal nehmend, hat sie bereits die Hälfte erklommen, als Neal ihren Fuß packt.
»Du widerliches Miststück«, schreit er. »Du bist die Letzte, die mir mein Leben versa-«
Sein letztes Wort geht in Beths Schrei unter, als sie das Gleichgewicht verliert und einige Sprossen nach unten rutscht; ihren Bauch dabei an einer von ihnen stößt.
Und ihr Schrei, nun, der geht in seinem unter, als ihr Gewicht ihn von der Leiter drückt und er den Halt verliert. So lange, bis alles um sie herum verstummt:
Ein Herz, das nie geliebt hat.
Eines, das betrogen wurde.
Und eines, das niemals eine Chance bekam.
Aus der Tasche ihres Hoodies holt Bethany den Brief, den sie vorhin in Theas Büro legen wollte. Erst jetzt stellt sie fest, dass es keine Kündigung ist, sondern ein Arztschreiben.
Mit zitternden Fingern öffnet sie den Umschlag und weint bereits beim Lesen der Mitteilungszeile:
Entlassungspapiere: Patientin 113, Bethany Lush. Geboren am 16.11.1994, eingewiesen am 31.10.2011 im Bleak Pine Hospital, Trauma-Abteilung. Verlegt am 05.02.2013 ins Pine Living, Red River Lane.
Als sie bei der Signatur ankommt, sind ihre Tränen verklungen. Stattdessen sirrt der Name der Ärztin in ihrem Kopf wie die Sirene vorhin: Dr. Jada Rust.
Jada Rust.
Jada.
Dass sie wieder angefangen hat, zu singen, bemerkt Bethany kaum, als sie die Sprossen der Leiter hinabsteigt. Doch der Klang ihrer Stimme erfüllt die Luft um sie herum. Dieses Mal ist sie sich sicher, dass die Kiefern und Fichten mit ihr singen; vielleicht sogar der Mond.
»My Bonny is over the ocean, my Bonny is over the sea, my Bonny is over the ocean, no one will bring her back to me.«
von Lea Zander
Eckstein, Eckstein, wo hast du dich versteckt?
16:11 Uhr
Halloween – was hat Judy diese Zeit im Jahr geliebt. Das Verkleiden, die dekorierten Vorgärten und Häuser, die Klingelstreiche und das heimliche, mitternächtliche Süßigkeitenessen auf der Terrasse mit ihrer Zwillingsschwester Amy, bis ihnen schlecht wurde. Für Judy war Halloween immer Licht, immer Süßes. Bis zu Amys Verschwinden vor genau zehn Jahren. Seitdem ist alles anders – und Halloween schmeckt nach Dunkelheit und Saurem.
»Süßes oder Saures«, wispert Judy in die Stille des Autos hinein. Was als Kind lustig war, klingt nun wie beißender Hohn. Niemals hätte sie gedacht, wie real diese drei so lapidar dahergesagten Worte einmal sein würden …
Die Landstraße vor ihr teilt sich und Judy folgt den Anweisungen des Navis: Sie fährt nach rechts, lässt die Sonne hinter sich und findet sich auf einer schmalen Asphaltstraße wieder, die von den mächtigen Schatten des Winsome Forests umgeben ist, der hier beginnt und sich an den Klippen entlang kilometerweit nordöstlich zieht.
Schon bald passiert sie das Ortsschild von Bleak Pine. Mit den pittoresken Häusern, dem Rathaus und seiner großen Bronzekiefer sowie den vielen kleinen Geschäften wirkt das Städtchen nahezu idyllisch. Man könnte glatt vergessen, dass die Red River Lane zu diesem Ort dazugehört, gäbe es nicht die zahlreichen Warn- und Sackgassenschilder, die auf die Sperrung besagter Straße hinweisen.
»Okay, Red River Lane, ich komme.« Da die Straße außerhalb von Bleak Pine liegt, muss Judy noch einmal ein Stück durch den Winsome Forest hindurch. Die Tannen stehen hier wie Zinnsoldaten dicht an dicht am Straßenrand und durch die Felsen dahinter verschlucken sie jegliches Tageslicht. Je länger Judy der Straße folgt; je tiefer es in den Wald hineingeht, umso stärker wird das beklemmende Gefühl in ihrer Brust. Judy stellt das Radio an, doch auch die Musik kann ihre aufgewühlte Seele nicht beruhigen. Vor allem nicht, da der Moderator des hiesigen regionalen Senders nach jedem Song über die bevorstehende Ausgangssperre spricht.
Nach einer halben Ewigkeit lichten sich die Tannen und machen Judys Reiseziel Platz: der Red River Lane. Ein nicht zu übersehendes, gelbes Warnschild mit Sicherheitshinweisen für die heutige Nacht markiert den Anfang der Straße. Kurz dahinter steht der Sheriff und bedeutet ihr, anzuhalten. Judy tut, wie ihr geheißen, und kurbelt das Fenster herunter.
»Ma’am.« Seine Stimme ist heiser, als hätte er heute schon zu viele randalierende Jugendliche zurechtweisen müssen. Dabei sieht er nicht nach einem rumbrüllenden Mann aus. Wäre das stetig flaue Gefühl in ihrem Magen nicht, wäre sie einem Gespräch mit einem wirklich attraktiven Polizisten sicher nicht abgeneigt. Doch die Atmosphäre um sie herum und die lange Autofahrt sitzen ihr in den Knochen.
»Das ist nicht der beste Tag, die Red River Lane zu besuchen«, meint er in sanftem Ton, aber sein Lächeln wirkt gezwungen. Trotz des Sheriff-Huts, der Schatten auf sein Gesicht wirft, bemerkt sie seine geröteten Augen. »Wenn Sie nicht umkehren wollen, muss ich Sie auf die Regelungen hinweisen. Sie wissen sicher davon?«
»Ja.«
Nachdem sich der Sheriff nach ihrem Aufenthaltsort erkundigt und ihr anschließend ein Schreiben in die Hand drückt – mit denselben Sicherheitshinweisen wie auf dem Straßenschild –, darf sie endlich passieren.
»Passen Sie auf sich auf, Ma’am. Holen Sie sich einen Kaffee beim Diner und machen Sie sich einen entspannten Abend auf der Couch«, schlägt er vor, dabei klingt es nach mehr als einem nettgemeinten Ratschlag.
»Mache ich«, lügt Judy und startet den Motor.
»Danke.« Judy nickt und startet den Motor. Aufregung vermischt sich mit Unruhe, die auch diese Straße fest im Griff zu haben scheint. Menschen eilen von ihren Häusern zu den Autos, laden Einkäufe aus oder Reisetaschen ein, rufen ihren Kindern zu, dass sie sich beeilen sollen, und ein Mann – Judy kann es selbst kaum glauben – hämmert sogar Holzverschläge an Fenster und Tür. Die Stadt vibriert förmlich, als wäre es der Sturm vor der Ruhe. Etwas Unheilvolles liegt in der Luft. Keiner sieht, doch jeder spürt es. Auch Judy.
Am Plan festhaltend, gibt sie dem aufkeimenden Fluchtimpuls jedoch nicht nach, sondern folgt der Straße weiter. Gemäß der Anweisung des Navis, biegt Judy links ab, um kurz darauf vor ihrer Unterkunft, dem Winsome Inn,zu parken. Demselben kleinen freistehenden Haus, in dem Amy auf ihrer damaligen Durchreise zu Freunden eine Wohnung gemietet hatte. Hier wurde sie zum letzten Mal gesehen.
Judy schnappt ihren Rucksack vom Beifahrersitz und steigt aus dem Wagen. Das Holz unter ihren Füßen knarzt, als sie die schmale Veranda betritt. Gemäß der Buchungsanweisung, holt sie den Schlüssel unter der Fußmatte hervor, die vor der purpurroten Tür liegt. Genau wie einen weißen Zettel, auf dem in krakeliger Handschrift steht: »In der Nacht der Ausgangssperre auf KEINEN Fall benutzen!«
Judy umschließt den Schlüssel in ihrer Hand fester. Zehn Jahre lang hat die Red River Lane das Geheimnis um das Verschwinden von Amy für sich bewahrt. Zehn Jahre des Hoffens und Bangens, des Leids und des Schmerzes. Und es reicht! Heute Nacht wird sie die fehlenden Teile finden und dieses Puzzle zusammensetzen. Amy ist nicht der Typ, der einfach so verschwindet, und an einen Mord will Judy nicht glauben, solange es keine stichfesten Beweise gibt. Sowohl für den mysteriösen Fall ihrer Zwillingsschwester, der damals für großes mediales Interesse sorgte, als auch für den restlichen Red River Lane-Spuk muss es eine logische Erklärung geben. Es gibt immer eine.
Das leise Pling ihres Handys verrät eine neue Textnachricht. Judy holt es aus ihrer Jeansjacke hervor. Und wie jedes Mal, wenn es passiert, muss sie für einen Moment die Augen schließen und tief durchatmen. Der Name der Absenderin lautet Amy. Ein Umstand, der nicht sein kann und doch ist. Der Judys Herz hüpfen, stolpern und fallen lässt.
Lass dich vom ersten Eindruck nicht täuschen. Nichts ist, wie es zu sein scheint …
Seit einem Monat erhält sie diese seltsamen Nachrichten. An einem unbedeutenden Tag leuchtete auf einmal Amys Name auf ihrem Display auf und hatte so viel Hoffnung mit sich gebracht, dass die Ernüchterung und der Schmerz, die darauf folgten, umso größer und scharfkantiger waren.
