Red River Lane: Slate - Jennifer Ebbinghaus - E-Book

Red River Lane: Slate E-Book

Jennifer Ebbinghaus

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Beschreibung

Klopf, klopf, kleines Schäfchen. Ich bin zurück. Es ist der 31. Oktober 2023 - und etwas liegt in der Luft, das nicht süß, sondern sauer schmeckt. Denn die Stadt Bleak Pine versucht, die Sünden der vergangenen Dekaden mit einem Straßenfest zum Schweigen zu bringen. Aber selbst der Red River ist nicht tief genug, um all die Schuld in sich zu ertränken. Eine Dokumentation soll die Wahrheit aus den Tiefen des Winsome Forest zerren, doch dabei legt sich eine Dunkelheit über die Straße, die alte Wunden nicht nur aufreißt - sie weidet sie aus. Die Uhr tickt: Sobald die Rache aus den Schatten kriecht, ist niemandem zu trauen. Nicht einmal dir selbst … Hast du ernsthaft geglaubt, es wäre vorbei? Eine Straße, 78 Namen, pure Finsternis. Lauert das Böse auch in dir?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ähnliche


 

Red River Lane

 

Anna Konelli (Hrsg.) • Jennifer Ebbinghaus (Hrsg.) • Anika Sawatzki • C. Greene • Jessica Baier • Justine Pust • Kate Jans • Marie Döling • Nicolas Mueller • Sarah Koch • Steve Nolte

 

Erschienen unter der Organisation von

Anna Konelli, Jennifer Ebbinghaus und Marie Döling

 

 

 

Liebe Leser*innen,

 

nicht nur an Halloween, sondern an jedem Tag des Jahres gibt es Kinder, die nicht mit ihren Freunden um die Häuser ziehen können. Es gibt Teenager, die keine Streiche an Haustüren spielen, und Eltern sowie Großeltern, die sich nicht mit ihren Kindern und Enkeln verkleiden werden, um nach »Süßem oder Saurem« zu fragen, weil sie gesundheitlich nicht dazu in der Lage sind.

Aus diesem Grund wird der Gewinn dieses Gemeinschaftsprojektes in voller Höhe der DKMS gespendet, um Menschen mit einer Blutkrebserkrankung zu unterstützen. Hier findet ihr grundlegende und weiterführende Informationen zur Deutschen Knochenmarkspenderdatei, unserem offiziellen Spendenpartner, den ihr mit dem Kauf eines Exemplars der »Red River Lane« und der »Red River Lane – Slate« unterstützt.

Leider gelingt es uns nicht, all diesen Menschen zu helfen, aber wir können ein Zeichen setzen. Und wir hoffen, ihr tut es mit uns gemeinsam.

 

 

 

Impressum

 

1. Auflage, Oktober 2023

© Alle Rechte vorbehalten.

 

Herausgeberinnen: Anna Konelli, Jennifer Ebbinghaus

Dörpinghauser Straße 7, 51688 Wipperfürth

www.writedownastory.de

 

Mitwirkende Organisation: Marie Döling

Idee: Anna Konelli, Jennifer Ebbinghaus, Marie Döling & Sarah Scheumer

 

Covergestaltung & Zierden: Sarah Scheumer, www.sarahscheumer.de

Lektorat, Korrektorat & Buchsatz: Marie Döling, www.writeinpieces.com

Illustration Karte: Eva Henrich

Marketing & Onlineauftritt: Anna Konelli, Jennifer Ebbinghaus

 

Published by Tolino Media, München

 

Dieses Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung und Vervielfältigung ohne die Zustimmung der Herausgeberinnen und der Autor*innen ist unzulässig.

 

 

 

Kapitelübersicht

 

Prolog

Laila Shaw

Deadflix

Lord Henry

Stillleben

Die Rückkehr

Rest in Shit

Best Best Girl

In Gedenken

Mein Teddy, du und ich

#Bloodtok

Bullet Time

Epilog

 

Danksagung

Über die DKMS

Über die Herausgeberinnen

 

 

 

Für all jene, die nicht auf Pause drücken können. Für die, die unerbittlich kämpfen.

 

Wir wünschen euch von Herzen alles Gute.

 

 

 

Eine Straße. 78 Namen. Pure Finsternis.

Lauert das Böse auch in dir?

 

Dann tritt ein ...

 

 

 

 

Alle Jahre wieder kommt der Sensenmann ...

 

 

 

 

 

 

von Steve Nolte

 

11:21 Uhr

 

Nicht viele Vierzehnjährige würden auf einer Zugfahrt den Soundtrack von Conan der Barbar hören – und noch weniger seiner Altersgenossen die Stunden nutzen, um die nächsten Schritte ihrer aktuellen Chat-Rollenspielkampagne zu planen.

Wenigstens eine Sache, die sich nicht verändert hat.

Der Gedanke gefällt ihm, auch wenn seit jener Nacht vor zwei Jahren ein Hauch Bitterkeit darin mitklingt. Selbst die guten, unbeschwerten Augenblicke sind dies nur so lang, wie Ricky nicht über diese Unbeschwertheit nachdenkt. Dann wiederum: Ist das jemals anders gewesen?

Immerhin hat er inzwischen ein Leben abseits des üblichen Nerdtums wie chatbasierten Rollenspielsitzungen, mit denen er und seine Freunde die räumliche Distanz zu überbrücken suchen, oder der Aneignung enzyklopädischen Wissens über die Schaffenskunst obskurer Regisseure. Und wenn er an Kaye denkt, überkommt ihn dieses noch immer überaus ungewohnte Gefühl. Schön und doch seltsam unwirklich. Wohl auch deswegen, weil selbst die Tatsache, dass sie inzwischen mehr als nur Freunde sind, unerschütterlich mit dem 31. Oktober 2021 verknüpft ist.

Ob er will oder nicht: An diesem Tag hat sich alles verändert. Für ihn. Für Kaye. Für Andy und Isa. Für die Familie Hicks, die seither mit Eli nicht nur einen monströsen Hund besitzt, sondern auch den Wohnort gewechselt hat – und nicht zuletzt für die gesamte Red River Lane.

Während der Panoramazug sich Meile um Meile Bleak Pine entgegenschlängelt und Ricky sich auf die epischen Klänge aus seinen überdimensionierten Retro-Kopfhörern zu konzentrieren versucht, spürt er die Oktobersonne auf seinem Gesicht. Trotz des Sonnenscheins jedoch fröstelt es Ricky. Bunte Baumkronen ziehen rasend schnell vorbei. Laub weht im Fahrtwind auf, als würde der große Bob Ross da oben im Himmel mit meisterhaften Pinselstrichen die Szenerie tupfen. Doch seine Farbpalette ist Erinnerung.

Ockertöne – das warnende Gelb der Biohazard-Schilder, die die in Vollschutzanzügen gekleidete Putzkolonne der Regierung während ihrer Aufräumaktion überall in der Stadt aufstellt.

Orange- und Grüntöne – Kayes kupfernes Haar über ihren aufgerissenen grünen Augen, die nach weiteren Angreifern in den Schatten Ausschau halten.

Rottöne – rot wie die Unmengen von Blut in Hank Shadicks Keller.

Die ständige Vibration in seiner Hosentasche reißt ihn aus seinen Tagträumen, weshalb er sein Smartphone herausholt und auf den Gruppenchat klickt.

 

Sith_Lord2008: Wann fährt der Hogwarts Express denn heute ein?

 

_Lacrima-Addams_: Blaine ist eine Pein. *kryptisch*

 

Sith_Lord2008: Zugfahren is echt so retro 0_0

 

_Lacrima-Addams_: Wenn wir den öffentlichen Nahverkehr nicht bald ausbauen, kriegen wir die Klimakrise nie in den Griff.

 

Sith_Lord2008: Du weißt schon, dass ich neben dir sitze …

 

Ricky grinst über Andy und Isa im privaten IRC-Channel (Discord ist den Freunden bei Weitem nicht oldschool genug) und meint, ihre Vorfreude auf seinen Besuch regelrecht durch das Display zu spüren. Was natürlich sentimentaler Schwachsinn ist.

Irgendwie haben sie allerdings recht. Ricky ist selbst überrascht gewesen, als seine Eltern mit der Idee um die Ecke kamen, mit dem Zug anzureisen. Wer hätte gedacht, dass es einen verfluchten Panoramazug von Chicago über Bensenville nach Bleak Pine gibt? Vor den Geschehnissen vor zwei Jahren hat er kaum je einen Fuß in ein öffentliches Verkehrsmittel gesetzt. Vielleicht mal vom Schulbus abgesehen.

Heute sieht das anders aus. Seit jener Nacht fährt seine Mom im Dunkeln kein Auto mehr. Und Bleak Pine würde sie selbst bei Tageslicht nicht mit einem solchen Vehikel zu nahe kommen. Vermutlich hätte sie nicht einmal einen Fuß in die Stadt gesetzt, wenn die Umstände es nicht verlangen würden.

Die Bilder, die die Vorstellung seines ehemaligen Zuhauses in ihm entstehen lässt, bringen Ricky dennoch zum Lächeln. Weil er an Tante Edna denken muss, die er schmerzlich vermisst. Und weil der Herbst mit ihr vor zwei Jahren trotz allem der schönste war, an den er sich erinnern kann.

Wie sich die Red River Lane wohl ohne sie anfühlen wird?

Rasch tippt er eine Antwort in die App und versucht dann, sich wieder auf die Kampagnenplanung zu konzentrieren. Aber der Soundtrack ist zu Ende, ein paar Wolken verdunkeln die Sonne und der kurzweilige Zauber ist verflogen.

Ricky seufzt, setzt die Kopfhörer ab und registriert sofort, dass seine Mom ihn beobachtet – was nicht verwunderlich ist, da sie ihm direkt gegenübersitzt. Wie so oft in letzter Zeit fühlt er sich wie ein exotischer Käfer unter der Lupe eines übereifrigen Entomologen. Unruhig rutscht er auf seinem Sitz hin und her.

»Alles okay, Ricky?«

Was denkt sie denn? Dass er eine Vision hatte? Dass Tante Edna, Gott habe sie selig, ihm eine Warnung aus dem Grabe zugerufen hat? Ihrem Blick nach liegt die Vermutung nahe – und ja, die Nach- und Langzeitwirkungen des Gases, das sie damals alle in mehr oder weniger kleinen Dosen eingeatmet haben, macht ihm noch immer ab und an zu schaffen, aber das ist es nicht.

»Alles gut. Ich überlege nur, ob ich mir mal die Beine vertreten soll.«

»Keine schlechte Idee. Ich komme mit. Mir schläft hier schon der Hintern ein.« Sie macht Anstalten, aufzustehen, aber Ricky hebt die Hände.

»Bitte, Mom. Ich meinte … Also ich dachte, vielleicht könnte ich allein gehen.«

Ihre rehbraunen Augen verengen sich, ihr Blick wird hart. »Wir haben einen Deal, Ricky. Keine Alleingänge.«

»Ich dachte an ein paar Meter Spaziergang bis in den Speisewagen, nicht an eine Rucksacktour durch die Appalachen.«

Seine Mom beugt sich vor. »Ricky, ich möchte keine Zwischenfälle. Ich möchte einfach die Beerdigung hinter mich bringen und dann nie wieder diese unselige Stadt betreten – geschweige denn diese verfluchte Straße. Lass uns das friedlich über die Bühne bringen. Wenn du hungrig bist, kaufe ich dir was.«

»O Mom! Verdammt noch mal!« Einem waschechten Teenager wie Ricky muss die eigene Mutter schon per Definition auf den Sack gehen, aber seine Mom übertreibt es.

Wie von einer Feder getrieben springt er vom Sitz und baut sich regelrecht vor ihr auf – oder versucht es. Zwar hat er seinen jüngsten Wachstumsschub hinter sich, aber Mom ist fast eins achtzig und zeigt sich selbst im Sitzen wenig beeindruckt. Vielleicht auch, weil er gerade im Stimmbruch ist. Ein Fluch liegt ihm auf den Lippen, doch er schluckt die harten Worte herunter. Ohnehin ist kein Wort so hart wie Mom. Kein Argument überwindet ihren Beschützerinstinkt. Ebenso gut könnte er versuchen, diesen Zug hier durch eine ausgestreckte Hand aufzuhalten.

Sie verschränkt die sehnigen Arme. »Was denkst du, Dan?«

»Mmh-mmh«, erwidert sein Vater geistesabwesend und klickt auf dem Notebook herum. Ricky meint, einen Blick auf das grüne Filz des virtuellen Solitaire-Tischs zu erhaschen.

Mom schürzt die Lippen. Hinter ihren Augen lodert ein zorniges Feuer, das selbst sein Vater zu spüren scheint, denn Dan Hicks räuspert sich leise. Es fehlt nicht viel und er würde den Kopf einziehen wie ein geprügelter Hund.

Aber Moms Zorn ist schnell verraucht. Wie Ricky weiß sie längst, dass sie alle anders mit der neuen Situation umgehen. Wo sie selbst fortwährend auf Alarmstufe Rot unterwegs ist, verharrt ihr Gatte in einer konstanten Freeze-Phase und hofft, dass die Raubtiere ihn einfach übersehen.

Für jedes Monster, das eventuell doch in seine Richtung blickt, trägt Ellen Hicks jederzeit einen Revolver vom Typ Smith & Wesson Bodyguard mit sich. Ein kompaktes Ding ohne Abzugshahn, damit es sich beim raschen Ziehen nicht in der Kleidung verheddert. Ricky kann die Beule unter ihrem Pulli erahnen.

Mom seufzt. »Hast du dein Handy bei dir?«

Etwas Positives hatte der ganze Scheiß: Ricky hat endlich ein eigenes Smartphone. Natürlich nur so ein abgenudeltes Ding, Dads altes Blackberry, aber immerhin!

»Immer. Und ich habe mit Ari erst letzte Woche eine Einheit in Gefahrenerkennung und -vermeidung gemacht.«

»Und dann hat er dir in die Nüsse getreten«, kichert seine Schwester neben ihm.

Ricky schlägt unwillkürlich die Beine übereinander, als der Phantomschmerz der Erinnerung durch seine Leiste zuckt. »Das ist alles Teil des Trainings. Härtet ab!«

»Immerhin hat er deine Nüsse überhaupt gefunden!«

Ehe Ricky aufbegehren kann, hat Moms Blick Dot zum Schweigen und in eine vorbildlich aufrechte Sitzposition gebracht.

»Woher kennst du überhaupt solche Ausdrücke?«

»O Mom!«, stöhnen Ricky und Dot synchron. Wie kann man so ein tougher Kontrollfreak und gleichzeitig so ahnungslos sein?

 

Sobald die Tür zum Abteil hinter ihm zufällt, atmet Ricky auf. »Ich weiß nicht, was mehr nervt: unsere Erzeuger oder dein doofes Gestichel, Dot!«

Ohne Umschweife verpasst sie ihm einen Ellbogencheck. Auch Dot ist tougher geworden. Und neigt obendrein zu impulsivem Verhalten, das beinahe zu einem Schulverweis geführt hätte.

»Ich soll dich wohl über Bord werfen, Schwesterchen. Im Moment können mich Mom und Dad nicht davon abhalten.«

»Das hier ist doch kein Schiff, du Dödel.«

»Nein, eher eine Art … Horror Express.« Ein flaues Gefühl stellt sich ein, als sich ein dicklicher Kerl im polyesternen Sensenmann-Outfit des Ghostface-Killers mit einer gemurmelten Entschuldigung an ihnen vorbeiquetscht. Er riecht nach Bier und Würstchen und ist augenscheinlich auf dem Weg zum Klo.

»O ja, voll der Horror – sogruselig«, macht Dot sich mit übertriebenem, ungeübtem Sarkasmus lustig und sieht dem Verkleideten kopfschüttelnd nach. »Was sollte der Typ darstellen? Eine Art trauerndes Gespenst?«

Während Ricky sich den Weg durch den leicht rumpelnden Waggon bahnt und dabei mehrere Abteile passiert – zwei davon vollgestopft mit mehr oder minder gut verkleideten Halloweenenthusiasten –, überlegt er, ob er Dot über das Kostüm aufklären soll, entscheidet sich aber dagegen. Stattdessen schüttelt er lediglich den Kopf und sonnt sich in seiner Überlegenheit. Er setzt gerade zu einer herablassenden Großer-Bruder-Bemerkung an, als er ihn sieht.

Ricky zuckt zusammen, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen. Das mulmige Gefühl vermischt sich mit einem massiven Déja-vu und potenziert sich zu einer Welle der Furcht, die ihn schier überrollt. Seine Magengrube verwandelt sich in einen Eisklumpen und er wendet sich ab; krallt seine Finger in die nächstbeste Lehne eines der Sitze.

Obwohl er realisiert, dass er es mit einer Panikattacke zu tun hat, übernimmt sein Überlebensinstinkt. Doch statt diesem nachzugeben und zu fliehen, ermahnt er sich zur Ruhe.

Atmen, Junge. Atmen.

Er zittert am ganzen Körper, während er sich zwingt, abermals hinzusehen. Seine Schwester hinter ihm sagt irgendetwas, doch ihre Worte rauschen nur im Hintergrund.

Durch das verschmierte Glas der Abteiltür erkennt er, dass er nicht auf ein Trugbild hereingefallen ist. Er ist noch immer da: Ein Mann – lang und dürr und mit einem breitkrempigen Hut. Regungslos sitzt er dort und starrt aus dem Fenster, wobei er Ricky die Schulter zukehrt.

Das kann nicht … Nein, es ist nicht … Und dennoch.

Alles in ihm erkennt die Person wieder, die seit zwei Jahren tot sein sollte.

Hank Shadick.

Obwohl er weiß, dass es nur eine Illusion sein kann, starrt er ungläubig auf die einsame Silhouette, die nichts als eine schwarze Kontur vor dem hellen Licht des sonnigen Oktobertages ist, das durch das Fenster fällt. Und mit ihm Bilder, die er tief in sich vergraben hatte.

Ricky riecht verbranntes Plastik, spürt Elektrizität, die ihm die Nackenhaare zu Berge stehen lässt. Er schmeckt Metall auf der Zunge. Und er hört die knarzige Stimme eines alten Mannes, verzerrt durch atmosphärische Störungen.

»Blut wird fließen«, flüstert sie. Genau wie damals.

Als das bisher so warme, einladende Oktoberlicht erst einen leichten Rotstich annimmt und dann schlagartig in ein grelles, gleißendes Pink übergeht, das Ricky die Tränen in die Augen treibt, spürt er, wie ihm die Realität entgleitet.

Shadicks Silhouette – hart und schwarz vor dem albtraumhaften Neonschein einer fremden Sonne – dreht sich mit einem elektrischen Summen, das in Rickys Ohren pulsiert, in seine Richtung.

Blut wird fließen. Blut wird fließen. Blut wird fließen.

Das bezweifelt Ricky nicht eine Sekunde.

 

von Marie Döling

 

Ihr Kinderlein blutet, o blutet doch all.

 

13:11 Uhr

 

»Kamera läuft«, ruft Xander. Und seine Stimme ist, was sie fokussiert; was Laila ihre Lider öffnen lässt. In ihrem Inneren hört sie das Klappen der Slate.

Nahaufnahme. Atmung. Shot 1A, Take 1. Action.

»Kinderlachen hallt wie Musik durch die Gärten, Lichterketten hangeln sich von Laterne zu Laterne, setzen die Siedlung in Szene, die durch das Rauschen des Red Rivers ihre ganz eigene Melodie bekommt. Doch statt Herbstlaub fallen Urteile über die Stra-ahh!«

Ihr Schrei wird von den umstehenden Bäumen der unbe-fahrenen Straße geschluckt und Laila reißt ihre Hände zu spät vor ihr Gesicht, sodass das bauschige Mikrofon, das an der Angel über ihr hängt, gegen ihre Stirn schlägt.

Xanders »Bist du okay?« geht in Timmys »Fuck! Sorry, Leute, ich bin gestolpert!« unter, ehe sie sich über Wangen und Lippen streicht, als hätte der Windschutz dort Fusseln hinterlassen – was er zumindest auf ihren Labello-Lippen getan hat.

»Was du nicht sagst …«, kommentiert Tune die Worte des Best Boys, während er seine Hände fester um den schwarzen Metallstab schließt und sich neu positioniert. »Der Tag, an dem du nicht über irgendein Kabel oder einen«, sein Blick gleitet an sich hinab, »Menschen stolperst, ist einer, den ich mir in der nächsten Sternschnuppennacht wünschen werde.«

Die Worte des Tonmanns lassen Laila schmunzeln, mehr noch als Timmys Ausdruck, der zwischen Scham und Frustration schwankt. Doch als sie Xanders Blick erahnt und ihn erwidert, kann sie das Lachen genauso wenig zurückhalten wie er. Ebenso wenig das Ziehen in ihrem Bauch, das sie in letzter Zeit viel zu häufig spürt, wenn sich ihre Blicke treffen. Sie ist sich nicht sicher, wann sie mehr geworden sind als beste Freunde.

»Komm schon, Tune, wir sind auch nicht innerhalb eines Tages zum Profi geworden.« Wie immer, wenn er spricht, trifft der sonore und tiefe Klang des Kameramanns einen Punkt in ihr, der Wärme durch ihren gesamten Körper jagt.

»An einem Tag vielleicht nicht, aber nach neun Monaten in diesem Team könnte man davon ausgehen, dass er gelernt hätte, auf unsere Umgebung zu achten.«

»Das tut er jedes Mal, wenn er dir einen Erdbeer-Lolly bringt, sobald du unterzuckert bist«, zieht Laila ihn auf, woraufhin Tune von dem zwanzigjährigen Assistenten des Filmteams ablässt und der Reporterin zuzwinkert.

»Einzig aus diesem Grund ist er noch da«, seufzt er. »Komm schon, Junge. Nimm den Monitor und prüf die Ausleuchtung während der Aufnahme. Die verdammte Mittagssonne möchte uns heute herausfordern.«

Als müsste er über ein Minenfeld steigen, schleicht Timmy in Zeitlupe zu dem Campingstuhl, der neben Xander und dessen Kamera steht. Den Laptop, der auf ebenjenem auf seinen Einsatz wartet, platziert er auf seinem Schoß.

Xander und sie folgen seinen Bewegungen, bevor sich ihre Blicke abermals treffen. Und das Funkeln darin, das sein Grinsen begleitet, lässt Laila ein ehrliches Lächeln aufsetzen. Endlich können sie mit dem beginnen, wofür sie aus Chicago angereist sind: der Dokumentation über die Red River Lane.

»Bist du bereit?«, möchte Xander wissen, und abermals schließt Laila ihre Augen, um ihre Konzentration zu finden. Als sie nickt, gibt das erneute »Kamera läuft« ihr das Zeichen, sie wieder zu öffnen. Erneut stellt sie sich das Geräusch der zufallenden Slate vor; sieht die schwarzweiße Regieklappe regelrecht vor sich.

Nahaufnahme. Atmung. Shot 1A, Take 2. Action.

»Kinderlachen hallt wie Musik durch die Gärten, Lichterketten hangeln sich von Laterne zu Laterne, setzen die Stadt in Szene, die durch das Rauschen des Red Rivers ihre ganz eigene Melodie bekommt. Doch statt Herbstlaub fallen Urteile über die Straße des Todes, wie sie seit über vierzig Jahren genannt wird.«

Xanders Finger, der auf der Kamera liegt, hebt sich leicht. Das Zeichen, dass er den Fokus nun von ihrem Gesicht auf das Straßenschild hinter ihr richtet und den Zoom aus dem bisherigen Bildausschnitt nimmt. Sie sind ein so eingespieltes Team, dass sie ihm genau die vier Sekunden gibt, die er für die richtige Einstellung benötigt, und erst dann fortfährt.

»Zwei Jahre ist die letzte blutige Halloweennacht nun her, die zahlreiche Opfer forderte. Zwei Jahre liegt die Ausgangssperre zurück, die vier Dekaden zuvor das erste Mal ausgerufen wurde. Man hätte sich nach dem großen Brand vom 31. Oktober 1971 bereits fragen müssen, ob an diesem Ort alles mit rechten Dingen zugeht – dem Tag, an dem das Schicksal Bleak Pines seinen erschütternden Lauf nahm.«

»Und Cut«, murmelt ihr bester Freund, bevor er irgendwelche Kameraeinstellungen überprüft.

»Wie sind die Ton-Ausschläge?«, will Timmy von Tune wissen, der zu ihrer aller Überraschung unbeschadet auf seinem Platz sitzt.

»Sehr gering. Ich glaube kaum, dass im Nachhinein viel angepasst werden muss.« Während er antwortet, prüft er das Audiomischgerät an seinem Gurt, an dem die Korrelation von Stimme und Umweltgeräuschen nachbearbeitet werden kann.

Timmy nickt. »Aber die Sonne ist tatsächlich ein Problem. Laut Wetterbericht ziehen in knapp fünfzig Minuten wieder Wolken auf, dann sollten wir es leichter haben.«

»Wenigstens etwas.«

»Bereit für den Positionswechsel?«, fragt Xander, was Lailas Aufmerksamkeit von den beiden zu ihm lenkt.

»Wo möchtest du mich haben?«

»Auf dem Asphalt, rückwärtslaufend. Maximal sechs Schritte, ich folge dir mit dem Zoom.«

Statt ihm zu antworten, setzt Laila sich sofort in Bewegung. Und noch während sie den drei Meter breiten Grünstreifen neben der Straße verlässt, auf dem das ganze Equipment aufgebaut ist, ruft sie sich die Worte aus dem Skript in Erinnerung, an denen sie gestern auf der Fahrt im Van gefeilt hat. Xander, der die Kamera samt Stativ umstellt, nickt, während auch Tune sich positioniert.

»Kriegst du es hin, die Straße im Auge zu behalten? Sonst ist das Mikrofon nicht das Einzige, das heute mit Lails Bekanntschaft macht.«

Timmy, dem das schlechte Gewissen noch ins Gesicht geschrieben steht, räuspert sich, ehe er ein »Natürlich!« ausstößt und einen Blick aufsetzt, als würde er gegen alle potentiell vorbeifahrenden Autos in den Krieg ziehen wollen.

Ihr Leben in die Hände des Best Boys zu legen, fühlt sich nicht ideal an, doch die Erwähnung ihres Spitznamens lässt sie strahlen. Fast alle im Sender nennen sie so, seit Tune bei ihrem ersten Studiodreh vor dreieinhalb Jahren damit begann: Lails. Mittlerweile fühlt es sich beinah familiär an, sie es sagen zu hören. Nur ein Mensch bevorzugt ihren richtigen Namen – und sie möchte nicht, dass sich das jemals ändert.

Der, von dem sie spricht, legt seinen Finger erneut so auf die Kamera, dass Laila ruhiger wird und ihren Blick zu Tune schweifen lässt. Knapp eineinhalb Meter vor ihr steht er so, dass er nicht auf Xanders Bildausschnitt zu sehen, das Mikrofon über ihr aber nah genug ist, um ihre Worte aufzuzeichnen. Erst, als er ihr zu verstehen gibt, dass er bereit ist, schließt sie erneut die Lider.

Die Klappe in ihr fällt.

»Kamera läuft!«

Weitwinkel. Atmung. Shot 2, Take 1. Action.

»An diesem Ort stellt man sich nicht nur ein Mal, nein, sogar achtundsiebzig Mal die Frage: Wie kann es sein, dass all diese Menschen ihre Leben lassen mussten, ohne dass die Stadt etwas dagegen unternommen hat? Denn Fakt ist: Die Stadträte und die Bürgermeister der vergangenen Legislaturperioden wussten um die Chemikalien, die alle zehn Jahre durch die Reinigung des Klärwerks in den Red River geleitet wurden. Sie wussten um die dabei austretenden Gase, die Halluzinationen bei den hiesigen Anwohnern verursachten. Doch was bis heute keiner genau sagen kann, ist, ob dies der einzige Grund für die achtundsiebzig Toten gewesen ist. Oder ob noch etwas anderes in dieser Straße lauert. Etwas, das nicht in der Luft, sondern in den Menschen selbst wurzelt.«

Xanders Finger hebt sich, woraufhin Laila in den Himmel sieht und bewusst einatmet. Eine Sekunde vergeht, eine zweite, bis sie den Kopf wieder senkt und direkt in die Kamera schaut. Der Fokus müsste nun genau auf ihrem Gesicht liegen.

»Jedes Haus hatte seine Geschichte. Und diese Straße ein Geheimnis. Eines, das noch immer in den Schatten des Winsome Forests lauern könnte. Schatten, in die wir gehen werden.«

 

14:08 Uhr

 

Ihr Magen fühlt sich flau an. Und das liegt nicht an dem Strawberry-Oreo-Milchshake, der vor ihr steht und viel zu süß aussieht, sondern an dem Zettel, den sie in ihrem Rucksack gefunden hat; der ihn hundert Tonnen wiegen lässt. Sie hatte nur ihr Portemonnaie raussuchen wollen, als sie das lila Post-it entdeckte.

Ohne es genauer betrachtet zu haben, weiß sie, was darauf steht: Du bist nicht allein.

Hitze und Kälte wüten gleichzeitig in ihr, Panik tanzt mit jedem ihrer Herzschläge, bevor sie sie verstummen lässt. Einen nach dem anderen, immer schneller.

Im Gegensatz zu ihren drei Begleitern greift Laila nicht nach ihrem Glas, denn sie würde das Zittern ihrer Finger nicht verbergen können. Viel lieber krallen sie sich in den Stoff des Rucksacks, der auf ihrem Schoß steht; pressen ihn so zusammen, dass sie nicht erneut ins Innere sehen muss.

Am liebsten würde sie aufspringen, sich umsehen, jeden Menschen hier im Diner scannen, um sicherzugehen, dass er nicht hier ist. Der Unbekannte, der ihr seit beinahe acht Monaten lila Post-its hinterlässt.

Nichts davon tut sie.

Die Dokumentation, für die sie hier sind, ist zu wichtig, um sie wegen eines Zettels zu riskieren. Selbst wenn ihr rasender Puls das anders sieht.

»Hast du gehört?«

»Mh?«, macht sie in Tunes Richtung, der schräg gegenüber am Fenster des Red Lollipops sitzt.

»Es ist eine Frechheit, dass sie dieses Diner nach einem Lutscher benennen, diese aber nicht verkaufen. Eine Farce ganz und gar.« Er kneift sich in den Nasenrücken, während Timmy sich das Grinsen nicht vom Gesicht wischen kann.

»Womöglich hätten sie diesen Umstand überdacht, wenn du ihn nicht durch den halben Laden gebrüllt, sondern konstruktiv geäußert hättest.«

»Nicht frech werden, Naseweis. Besorg mir lieber Nachschub, damit unser Aufenthalt hier kein Desaster wird. Wenn ich nach Hause komme und wieder rauche, weil ich nicht genug Lollys zwischen die Kiemen bekommen habe, bringt Miranda nicht nur mich um.«

Timmy beißt sich auf die Lippe, was seine Mundwinkel nicht daran hindert, zu zucken, und auch Xander neben ihr rutscht sein typisches Lachen raus, das vielmehr eine Mischung aus Raunen und Atemausstoßen ist. Als Laila es vor dreieinhalb Jahren das erste Mal vernommen hat, ist sie überrascht gewesen, wie sehr ihr dieser Ton unter die Haut ging – noch immer geht. Doch jetzt, mit diesem verfluchten Stück Papier in ihrer Tasche, kann nicht einmal das zu ihr durchdringen. Als würde von dem Zettel ein Rauschen, ein hörbarer Nebel ausgehen, der schon lange nicht mehr nur in ihrem Rucksack wabert, sondern ihr mitten im Diner – inmitten ihres Teams – die Fähigkeit nimmt, zu empfinden.

Ihr Milchshake steht immer noch vor ihr, und anders als in Filmen perlen keine Tropfen vom Glas, auf die sie sich fokussieren könnte, damit die Realität nicht gänzlich aus ihren Händen gleitet. Dafür folgen ihre Augen dem Strohhalm, der von der Sahnehaube in der dickflüssigen Milchmasse gehalten wird; folgen ihm so intensiv, dass sie den Eindruck erhält, er wäre achtundsiebzig Meilen lang.

Achtundsiebzig.

Die Zahl hält all ihre Gedanken an. Sie sorgt dafür, dass Laila sich erinnert, wo sie sich befindet. Wofür sie diese Reise angetreten ist und weshalb sie all das tut. Und mit diesem Wissen lässt sie die Wirklichkeit wieder ein, vernimmt Stimmen um sich herum, das Klappern von Geschirr. Als sie blinzelt, sind da auch wieder ihre Kollegen vor und dieser besondere Mensch neben ihr, der seine Augenbrauen etwas zusammenzieht, sobald sie sich zu ihm dreht.

Bist du okay?, scheint er zu fragen, und das Schließen ihrer Augen, das einen Moment zu lang dauert, flüstert ihm ein Wir reden später zurück.

Obwohl Xander andere Menschen nicht gerne berührt und Abstand von Umarmungen jeglicher Art hält, stößt sein Oberschenkel gegen ihren. Und Laila ist sich sicher, dass er, wären Tune und Timmy nicht hier, sogar nach ihrer Hand greifen würde.

»Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf«, lässt sie die Stimme eines Mädchens aufsehen, das sich von der Bank hinter ihnen zu Tune umdreht. »Die Straße rüber finden Sie das 7/11. Dort wird gerade ein Stand für das Straßenfest aufgebaut, an dem Lollys verkauft werden. Vielleicht können Sie denen schon einen abluchsen.«

Die Teenagerin, die sie auf sechzehn Jahre schätzt, scheint in der Nische auf jemanden zu warten. Vielleicht auf den, der das Gegenstück des Walkie-Talkies besitzt, das auf ihrem Tisch liegt.

»Ich nehm dich beim Wort, danke dir.« Ihr ältester Kollege zwinkert ihr zu, während sein Lächeln ehrliche Dankbarkeit ausstrahlt, ehe sie sich mit einem Salutieren wieder abwendet. »Meint ihr, ich schaffe es rüber, bevor die Bürgermeisterin kommt?«

Tunes Frage lässt Laila zur Tür des Diners blicken, die sich nicht magischerweise öffnet, sondern geschlossen bleibt.

»Schwierig«, erwidert Xander. »Sie sollte in zwei Minuten hier sein.«

»Kein Problem, ich gehe für dich. Braucht noch jemand etwas?« Timmy steht auf und stößt dabei gegen den Tisch, sodass sämtliche Hände zeitgleich nach den Gläsern fassen. Dadurch rutscht Laila der Rucksack vom Schoß, den sie aus eigener Kraft wohl niemals losgelassen hätte.

»Wenn du dich und deine Mitmenschen weniger in Gefahr bringen würdest, wärst du ein verdammt guter Kerl, Timmy«, brummt Tune und erhebt sich, um den Best Boy vorbeizulassen, der mit hochrotem Kopf aus dem Diner eilt. »Dieser Junge …«

Lailas Blick folgt ihm über die Straße und sie ist froh, dass gerade kein Auto in Sicht ist, als er sie überquert und in die Richtung läuft, in die das Mädchen am Nachbartisch gezeigt hat.

Erst die Türklingel lässt sie zu der jungen Frau schauen, die in derselben Sekunde das Red Lollipop betritt.

Natürlich hat sie Lauren Pat bereits gegoogelt. Und nach den Ereignissen vor zwei Jahren, bei denen die ehemalige Mitarbeiterin des damaligen Gemeindestabs fast selbst Opfer eines Red River Lane-Unglücks geworden ist, hat sie viele Interviews und Statements von ihr gefunden. Für Laila jedoch klangen alle Antworten, die die Bleak Pinerin den Zeitungen und Fernsehteams gegeben hat, immer gleich. Zu gleich. Identisch beinahe. Und seitdem sagt etwas in ihr, dass hinter all den nahezu auswendig gelernten Texten eine Wahrheit steckt, die Lauren Pat nicht an die Oberfläche dringen lassen will. Doch Laila wird sie finden.

»Ist sie das? Sie ist ja jünger als Lails«, murmelt Tune bewundernd, der sich halb umdreht, um die Siebenundzwanzigjährige ebenfalls zu betrachten. Sie zeigt auf etwas in der Karte, lacht mit der Kellnerin.

»Alter sagt nichts über Kompetenz aus«, erwidert Xander.

»Positionen tun das allerdings auch nicht zwangsläufig.« Wenn ihr Team überrascht über Lailas Skepsis ihr gegenüber ist, lassen sie es sich nicht anmerken, denn alle tragen ein Lächeln auf den Lippen, als die kurzhaarige Blondine mit einem Strahlen auf sie zukommt.

»Ihr seid von NBC Chicago?«, fragt die Bürgermeisterin, während sie am Kopf der Nische stehen bleibt.

»Laila Shaw«, stellt sie sich vor und steht auf, ehe sie Lauren Pat die Hand reicht. »Regisseurin sowie Sprecherin der Dokumentation über Ihre bezaubernde Stadt.« Sie dreht sich etwas und sieht zu ihren Kollegen, die sich ebenfalls erheben. »Xander Gardner ist unser Kameramann und Producer, Thomas Felton ist für den Ton verantwortlich.«

»Sehr erfreut«, ergänzt Tune, der bei der Erwähnung seines eigentlichen Namens das Gesicht verzieht, ehe er aus der Nische tritt.

»Die Freude ist auf meiner Seite.« Ihre Stimme klingt nicht freundlich, sondern glatt. Gruseliger noch ist das Lächeln, das bisher nicht eine Sekunde von ihrem Gesicht gewichen ist.

Während der Recherche zur Red River Lane war Lauren Pats Geschichte die, an der Laila am häufigsten hängengeblieben ist. Von all den Menschen, die so viel in den vergangenen Dekaden verloren haben, ist die Frau vor ihr jene, die von all den Entwicklungen am meisten profitiert hat. Dass sie als Mitglied des Stadtrates von nichts gewusst haben soll, scheint Laila mehr als suspekt. Der jetzige Moment ist allerdings nicht der beste, um nachzuhaken, weshalb sie ihre Worte schluckt – wortwörtlich – und mit der flachen Hand auf den Zweisitzer ihr gegenüber deutet, den ihr Kollege geräumt hat.

»Vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit nehmen. Ich kann mir vorstellen, dass das an einem Tag wie heute nicht allzu einfach ist.«

Das Lachen, das sie ausstößt, klingt übertrieben melodisch, und Laila hasst, dass sie diese Frau sympathisch findet.

»Ganz ehrlich, ich bin froh, dass ich mich ein paar Minuten setzen kann. Meine To-Do-Listen platzen aus allen Nähten. Dennoch ist der heutige Tag einer, den ich in meiner Position sehr schätze. Die hier Lebenden brauchen die Normalität dieses Feiertages, die wir heute wieder einkehren lassen.« Lauren sinkt auf das Leder, was die anderen ihr nachtun, während Tune sich einen Stuhl besorgt, den er an die Kopfseite stellt. »Hatten Sie schon die Chance, die Red River Lane zu erkunden?«

»Wir sind gestern angereist und im Gate House Hotel untergekommen. Von dort aus haben wir heute Vormittag schon eine Runde gedreht«, erwidert Xander.

»Oh, wie wunderbar. Willow und Aspen sind fantastische Gastgeber. Es war großes Glück für die Straße, dass sie das alte Herrenhaus gekauft und restauriert haben.« Die Bürgermeisterin zieht einen Block und ein Mäppchen aus ihrer Aktentasche und breitet diese nahezu beängstigend akribisch vor sich aus. Der Abstand des Blocks zur Tischkante und zu ihrer Stifttasche ist identisch, und als sie einen Kugelschreiber daraus nimmt, legt sie diesen ebenso parallel dazu.

»Nun«, beginnt sie, was Laila aufschauen lässt. »Sie sagten, Sie haben einige Fragen. Wenn Sie möchten, können wir alles Grundlegende zuvor besprechen, ehe ich Sie mit ins Gemeindehaus nehme und wir die Aufnahmen machen.«

Dass sie den Ablauf so gut einschätzen kann, zeigt Laila, dass sie das hier nicht zum ersten Mal macht.

»Sie kennen sich offenbar aus.«

»Glauben Sie mir: Mit nicht einmal dreißig Jahren zur Bürgermeisterin gewählt zu werden – und das in einer Stadt mit dieser Historie –, lockt einige Menschen an, die viele und gerne Fragen stellen.« Es ist das erste Mal, dass ihr Lächeln verrutscht, doch der Moment, in dem Laila hinter Lauren Pats Mauer blicken kann, währt nur kurz. »Außerdem spart es Zeit, wenn man vorbereitet ist. Ich lebe dafür, Pläne und Listen zu erstellen, und überlasse nichts dem Zufall.«

Nein, denkt Laila. Zufall setzt du dich nicht aus. Nur mir.

 

15:19 Uhr

 

»Du kannst mir erzählen, was du willst, aber mit ihr stimmt was nicht.« Laila schmeißt sich auf das Bett, das auf der linken Seite des Raumes steht, während Xander die Tür ihres Zimmers schließt.

»Ich weiß, wie wichtig dir diese Doku ist, aber Lauren hat einen echt netten Eindruck gemacht. Auf jede Frage hatte sie eine mehr als plausible Antwort.«

»Ganz genau«, erwidert sie und zeigt Richtung Decke, als würde da oben jenes Detail stehen, das sie bisher übersehen hat. »Wie kann sie auf alles eine Antwort haben? Wie kann jedes ihrer Interviews gleich klingen?«

»Indem sie genau das erlebt hat, wovon sie erzählt.« Xander könnte nicht genervt klingen, selbst wenn er es wäre. Er ist ein viel zu guter und geduldiger Mensch. Doch dass sie beide in dieser Sache eine gänzlich andere Einstellung haben, weiß sie, seitdem ihre Idee für diese Dokumentation zum ersten Mal aufkam.

Dennoch ist er hier. An ihrer Seite. Weil er es immer ist.

»Wenn an diesem Ort alles in Ordnung ist, erklär mir die Vermisstenplakate dieses Familienvaters, die an den Laternen hängen.« Besser gesagt hingen. Klebten sie gestern noch überall, fehlt von den meisten heute jede Spur. Als hätte man sie für dieses Fest extra entfernt.

»So tragisch es ist, überall auf der Welt verschwinden Menschen. Das hat nichts mit diesem Ort zu tun.«

Laila denkt an das breite Lächeln, das ihr von so vielen Flugblättern entgegengestrahlt hat. Und das vielleicht nie wieder jemanden erfreuen kann. »Erzähl das den Kindern von Eric Escobar.«

»Hey«, wiegelt er ab. »Ich sage nicht, dass kein Unglück geschehen ist, aber diese Stadt muss nicht zwangsläufig dafür verantwortlich sein.«

»Vertraust du meinem Instinkt noch immer?«, möchte Laila von ihm wissen.

»Wäre ich sonst mit dir hier?«, fragt er zurück.

Trotz des ernsten Themas grinst sie – und er erwidert es. »Absolut«, bestätigt sie, was nur durch sein »Natürlich« durchbrochen wird.

»Verrenn dich nur nicht, Laila. Das ist es nicht wert.«

»Dann hältst du sie alle für unschuldig? Diejenigen, die zu Mördern geworden sind?«, hakt sie nach.

»Zumindest halte ich sie nicht für verantwortlich.«

Egal, welche Dämpfe Laila einatmen würde, sie ist sich absolut sicher, in keinem Zustand dieser Welt zu einem blutrünstigen Monster zu werden. Fehler geschehen, ja. Aber ein ganzes Haus abzubrennen, in dem eine Party stattfindet? Einen Exorzismus an einem Kind durchzuführen? Seine halbe Familie beim Abendessen zu ermorden? All die Verbrechen, die in dieser Straße geschehen sind, standen immer in einem emotionalen Zusammenhang – es hat schon vorher etwas in den Menschen existiert, das böse war, da ist sie sicher. Und mit der Dokumentation würde sie das jedem beweisen.

»Im schlimmsten Fall genießen wir einfach ein Straßenfest, essen gegrillte Maiskolben und schauen Timmy dabei zu, wie er die Red River Lane auf den Kopf stellt. Entspann dich einfach ein wenig.«

Entspannen ist das Letzte, das Laila möchte. Sie hat ein Ziel – und das ist nicht weniger, als diese Aufdeckungs-Dokumentation sprichwörtlich zu killen, damit sie endlich ins Hauptprogramm kommt.

Laila liebt ihren Job, das tut sie wirklich. Vor allem, weil sie ihr Team mehr als alles schätzt. Aber immer nur für die Mediathek zu produzieren; für die Ausstrahlungszeiten, zu denen kaum jemand den Fernseher einschaltet, ist zu wenig geworden. Und obwohl sie vor allem Xander vermissen wird, sobald ihr Plan aufgeht, weiß sie, dass dieser Weg der richtige für sie ist.

Das Klopfen an der Tür verhindert, dass sie mehr zu diesem Thema sagen kann, denn Xander steht auf, um sie zu öffnen.

»Vermutlich die Jungs«, murmelt er, während Laila sich aufrichtet, um ins Bad zu gehen. Sie hört noch, dass tatsächlich Tune im Flur steht, zieht aber im selben Moment das Holz ins Schloss.

Ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen, läuft sie zum Waschbecken, um aus ihrer Waschtasche ein Bodyspray und das kleine Reiseparfum zu nehmen. Ersteres sprüht sie sowohl auf die durch die hochgekrempelten Ärmel freigelegte Haut ihrer Arme, fährt bei dem engen, beigen Pullover fort und endet mit zwei letzten Pumpstößen bei ihrer schwarzen, leicht wallenden Stoffhose. Auf die inneren Handgelenke und unterhalb ihrer Ohren reibt sie ein paar Tropfen des Parfums. Beides riecht überwältigend nach Flieder, dem Lieblingsduft ihrer Mutter.

Sehnsucht kommt in ihr auf.

»Hast du was an?«, fragt Xander plötzlich durch die Tür hindurch.

»In den zwei Sekunden, die ich in diesem Raum bin, kann ich mich nicht entkleidet haben, Xan.« Während sie spricht, greift sie zur Klinke und gewährt ihm Einlass. »Was gibt’s?«

»Tune hat mir gesagt, dass er Timmy seit unserer Ankunft im Hotel sucht. Er wollte noch ins Frühstückszimmer, um sich einen Kaffee zu besorgen, aber von dort ist er nicht wiedergekommen.«

»Das kann nicht sein Ernst sein …«, stößt Laila aus, während sie das Gummiband um ihren hohen dunklen Zopf festzieht. »Nicht heute. Das hier ist wichtig!«

»Glaub mir«, hört sie Tune vom Flur aus rufen. »Ich werde ihm höchstpersönlich den Hals umdrehen, sobald er wieder auftaucht.«

Xander versucht sich an einem Lächeln. »Wir gehen ihn suchen und treffen dich direkt bei der Gedenksteinenthüllung um 16:00 Uhr. Bis dahin haben wir ihn gefunden.«

Laila sieht ihm an, dass er lieber hierbleiben würde – bei ihr, doch wie so oft geht die Arbeit vor. »Bitte seid pünktlich.«

»Nichts lieber als das.«

 

Fünf Minuten später verlässt Laila mit einer leeren Blase und unsortierten Gedanken das Bad, um von einem schweigsamen Zimmer empfangen zu werden. Sie hievt ihren Koffer, aus dem sie für die nächsten Tage lebt, auf das Bett. Anders als ihr bester Freund, der all seine Sachen fein säuberlich in den Schrank geräumt hat, legt sie darauf keinen Wert. Xander hat sogar den Safe darin gemietet, um die Autoschlüssel und sein Portmonnaie einzuschließen. Etwas, worüber Laila spielerisch die Augen verdreht hat, während sie sich von ihm zumindest davon überzeugen ließ, die Kleidung für den nächsten Tag auf einen Bügel zu hängen, damit sie in den Aufnahmen nicht mit Falten im Stoff herumläuft. Zugegeben, recht hatte er damit. Zumal es ihr heute Morgen definitiv Zeit erspart hat, nicht erst in ihrem Koffer wühlen zu müssen.

Nun tastet sie nach dem Reißverschluss und öffnet ihn, in Erwartung ihres üblichen Klamottenchaos‘. Zumindest hätte sie genau das vorfinden sollen. Was Laila stattdessen sieht, sind zusammengelegte Kleidungsstücke. Und obwohl sie im ersten Moment Xander dafür hätte verantwortlich machen wollen – der allerdings niemals ungefragt an ihre Sachen gehen würde –, fixiert sie etwas, das nicht von ihm stammen kann.

Ein faustgroßer Stein liegt inmitten ihrer Klamotten, darunter ein lila Post-it, dessen obere rechte Ecke hervorblitzt.

Vielleicht sollte sie nach hinten stolpern. Vielleicht ihr Handy vom Nachttisch schnappen und den Kommissar in Chicago anrufen, der in ihrem Fall ermittelt. Vielleicht wenigstens auf dem Flur des Hotels um Hilfe bitten, Xander und Tune und Timmy suchen, von hier verschwinden.

Stattdessen tut sie nichts.

Sie steht, steht weiter, steht unendlich.

Jede Bewegung würde den Moment real werden lassen. Jeder Hilferuf sie zu der Einsicht bringen, diesem … Monster ausgeliefert zu sein. Nichts davon kann sie sich erlauben.

Wie viele Sekunden, Minuten, ganze Augenblicke vergehen, ehe sie in der Lage ist, ihre Hand nach dem Stein auszustrecken, würde sie nicht einmal schätzen können, wenn ihr jemand eine Pistole an die Schläfe drückte. Wie auch, wenn genau das seit fast neun Monaten ein Fremder übernimmt. Zu Beginn hat sie gedacht, jemand erlaubte sich einen Spaß mit ihr; dass Xander sie vielleicht mit kleinen Nachrichten überraschen wollte, denn sie alle hatten freundlich geklungen.

Du bist nicht allein.

Ich bin für dich da.

Pass gut auf dich auf.

Doch dann wurden die Notizen drängender. Aus »Ich bin für dich da« wurde »Ich bleibe in deiner Nähe«, aus »Pass gut auf dich auf« wurde »Ich passe immer auf dich auf!« Nur ein Satz blieb – und er erscheint immer wieder: Du bist nicht allein.

Die Zettel tauchten an den eigenartigsten Stellen auf. Erst auf ihrem Schreibtisch im Sender oder an ihrer Autoscheibe. Dann aber fand sie sie in ihrer Handtasche, in ihrem Briefkasten, an ihrer Wohnungstür. Und als eines Morgens ein lila Post-it an ihrem Badezimmerspiegel klebte, hatte sie in ihrer Verzweiflung bei Xander angerufen, der sie umgehend zur Polizei gefahren hatte, damit sie Anzeige erstattete.

Seitdem waren sieben Wochen vergangen. Sieben Wochen, in denen die Zettel wieder und wieder auftauchten. In ihrem Handschuhfach, zwischen den Seiten ihres Schreibblocks, in ihrem zugeklappten Arbeitslaptop. Aus diesem Grund weicht Xander ihr seitdem kaum von der Seite. Mehrmals pro Woche schläft er auf ihrem Sofa und auch auf dieser Reise stand für beide sofort fest, dass sie in einem Zimmer nächtigen würden. Obwohl niemand von ihnen davon ausgegangen ist, dass der Stalker Laila bis nach Bleak Pine folgen würde.

Wie sie sich jemals bei ihm für all das revanchieren soll, weiß sie nicht. Xander zumindest möchte davon nichts hören, denn für ihn sind die Nächte leichter, wenn er nicht alleine ist. Seine Schlafstörungen und die damit verbundenen Ängste sind in Gesellschaft erträglicher. Und Laila ist froh, dass sie es ist, deren Gesellschaft er bevorzugt – nicht nur wegen des Stalkers, sondern vor allem wegen des Kribbelns, das die Nähe zu ihm auslöst.

Bei dem Post-it in ihrem Rucksack hat sie sich noch einreden können, dass er es bereits in Chicago dort hineingelegt hat. Doch ihr Koffer, den sie vor dem Zubettgehen mehr als unordentlich hinterlassen hat …

»Fuck«, stößt sie aus; wirft den Stein aufs Bett, als würde er ihr die Handfläche verbrennen, ehe sie nach dem Post-it greift. Ihre Finger zittern und die Worte lassen sie den Atem anhalten.

 

Ich bin für dich hier.

 

Etwas Kaltes, Klebriges rieselt ihren Nacken, den ganzen Rücken hinab; dringt durch ihre Haut in ihr Inneres, setzt sich dort fest. Es ist Angst, panische Angst.

Den Zettel zusammenknüllend stürmt sie zum Fenster und zerrt instinktiv an dem Griff des Rahmens, doch er sitzt fest und ist definitiv geschlossen. Wie könnte jemand einfach so ins Obergeschoss gelangt sein?

Mit rasendem Herzen dreht sie sich um und nimmt das Zimmer in Augenschein, doch alles sieht … normal aus. Alles steht da, wo es stehen soll – selbst Xanders Stativ vor ihrem Bett. Nur fühlt sich nichts hier drin mehr nach Normalität an. Ohne Zeit zu verlieren, eilt Laila an ihrem Koffer vorbei, aus dem sie ursprünglich eine wärmere Jacke hatte holen wollen, und nimmt stattdessen die aus schwarzem Fleece von Xander, die von innen an der Tür hängt. Allein die Vorstellung, ihre eigene Kleidung anzuziehen, die er berührt hat, lässt sie würgen. In ihrer Hast überbrückt sie die wenigen Meter zu ihrem Nachttisch, auf dem ihr Handy liegt. Als sie danach greift, streift ihr Blick den faustgroßen Stein, den sie aufs Bett geworfen hat. Da er auf Xanders Seite gelandet ist, liegt er etwas entfernt von ihr, und was ihr eben nicht aufgefallen ist, hebt sich nun deutlich von der grau gemaserten Oberfläche ab.

 

L.S.

 

Ihre Initialen – oder die ihres Stalkers?

Jemand hat sie erstaunlich tief in den Stein geritzt. Nun sehen sie Laila wie ein Mahnmal entgegen; wie eine real gewordene Besessenheit. Der finale Beweis, dass sie nicht ihren Verstand verliert, dafür aber so viel mehr.

Sie läuft nicht, sie geht nicht, sie eilt nicht. Nein, Laila flieht aus dem Gate House Hotel. Wohin, weiß sie nicht. Sicherheit ist etwas, das aus ihrer Gleichung gestrichen wurde. Achtundsiebzigtausend Meilen Vorsprung würden nicht ausreichen, um sie wiederzuerlangen. Da ist nur Panik, die ihren Blick trübt, und der Wunsch, nicht mehr sie selbst zu sein.

 

15:48 Uhr

 

Kinderlachen hallt wie ein Beben durch die Gärten. Lichterketten würgen Laterne um Laterne, setzen die Stadt in Brand, die durch das Rauschen des Red Rivers eine zu düstere Melodie bekommt. Und statt Herbstlaub rieseln Lailas Träume zu Boden; sie verliert sie – einfach so –, während sie sich zwischen den wartenden Gesichtern der auf dem Gemeindeplatz Stehenden hindurchdrängt.

Xander, wo bist du?

»Entschuldigen Sie, junge Dame, wir wollen die Enthüllung ebenso sehen wie Sie.«

Weder dreht sich Laila zu der Stimme um noch murmelt sie eine Entschuldigung, sondern zwängt sich weiter durch jede kleine Lücke. Ihr Gesicht suchend nach oben gerichtet, zur Seite, geradeaus. Es neigt sich, wendet sich um, senkt sich, sucht und sucht und sucht und ... findet.

Da. Xanders kurzgeschorenen Haare und die Kamera, die auf seiner Schulter thront. Auch sein Blick scannt in ständiger Bewegung die Umgebung, bis er Laila findet.

Plötzlich ist ihr, als könnte sie wieder atmen. Als wäre da wieder Luft um sie herum und Gefühle in ihr.

Solche, die nichts mit Angst zu tun haben.

Xander sollte dort bleiben; sollte die wenigen Minuten, die bis zur Enthüllung bleiben, keinesfalls seinen Posten verlassen. All das ist doch zu wichtig; sie sind aus einem Grund hier! Aber ihn auf sie zueilen zu sehen, ist das Erlösendste, das sie sich vorstellen kann. Und als er vor ihr steht, die Hand, die nicht die Kamera hält, an ihre Wange legt, lässt sie sich einfach gegen ihn sinken.

Die Tränen, die ihr dabei über die Wangen rinnen, um auf seiner Lederjacke abzuperlen und in die Red River Lane zu fließen, sind heilsam und schmerzhaft zugleich. Denn sie lassen Laila sich endlich eingestehen, wie verloren sie ist, und dass sie auch am Ende der Welt nicht mit dieser Gefahr leben kann.

»Er ist hier«, flüstert sie, sobald sie in der Lage dazu ist.

Xander versteift sich und rückt etwas von ihr ab, um unter ihr Kinn zu fassen und ihr Gesicht ein Stück anzuheben, damit ihre Augen sich finden. »Bleib bei mir.«

Kein Bist-du-dir-sicher, kein Das-kann-nicht-sein. Nur Verständnis in seinem Blick und Sorge und ... Wut. Letzteres erkennt sie nur, weil sich zwei Fältchen zwischen seinen Brauen bilden.

Irgendwo im Hintergrund nimmt Laila wahr, dass eine Stimme aus den Lautsprechern dringt, die neben den Treppen des Gemeindehauses aufgebaut sind, auf denen Lauren Pat steht. Die Menschen um sie herum drängen daraufhin dichter zueinander und als jemandes Arm den ihren streift, ist sie kurz davor, einfach zu Boden zu sinken. Alles ist zu viel.

»Komm, hier lang«, weist Xander sie an und verschränkt seine Finger mit ihren, ehe er den Menschen vor ihnen zumurmelt, dass sie vom Fernsehen sind und hier durchmüssen. Beinahe alle machen umgehend Platz, doch es wird immer enger und unübersichtlicher.

Neben einer Gruppe von drei Frauen, die eine Weinende umschlingen, halten sie inne, um sich zu orientieren.

»Wir sind ja hier, Morgan«, raunt eine von ihnen ihrer von Trauer zerrissenen Freundin zu. Sie trägt ein langes, weites Kleid und unzählige Halsketten mit Federn und soll mit ihrem Kostüm wohl eine Art Hexe darstellen. »Du weißt, dass es Lukas an dem Ort, an dem er nun ist, besser geht.«

»Hoffentlich nicht«, grätscht eine Dunkelhaarige leise dazwischen, woraufhin die anderen sie teilweise scharf, teilweise schockiert ansehen. »Was? Ihr wisst, was er getan hat, und dass er dafür in der Hölle verrotten sollte.«

»Komm schon.« Xander, der offenbar nichts von der Unterhaltung mitbekommen hat, zieht an Lailas Hand und sie gibt nur zögerlich nach; lässt sich von ihm aus der Menschenmenge ziehen. Vorbei an Gesichtern, in denen unzählige Geschichten stehen. Tragische, voll von schönen und grausamen und traurigen Erinnerungen. Aber auch solche, die von Zorn erzählen und Missgunst und Neid.

Und genau diese Gesichter sind es, die Laila ins Bewusstsein rufen, weshalb sie hier ist – und dass sie sich diese enorme Chance nicht von einem gesichtslosen Monster kaputtmachen lassen darf.

»Da seid ihr ja«, raunt Tune, der am Rand des Platzes steht und offenbar nach ihnen gesucht hat.

»Wo ist Timmy?« Xanders Stimme klingt derart angespannt, dass das Unwohlsein, das Laila für einen Moment zur Seite gedrängt hat, zurückschnellt.

»Dem hab ich Mikrofon und Aufnahmeblock in die Hand gedrückt, damit er die Rede zumindest akustisch für uns einfängt, wenn schon niemand die Kamera auf die Bürgermeisterin hält.« Dass er sauer ist, strahlt er am ganzen Körper aus. »Was ist los mit euch allen? Erst läuft Timmy irgendeinem Kind hinterher, das sich verirrt zu haben scheint, und dann verpasst die Person, wegen der wir hier sind, den wichtigsten Slot des Tages?«

»Lass sie in Ru-«

»Schon gut«, hält Laila Xander zurück, dessen Finger ihre Hand so fest drücken, dass sie seine Wut spürt. »Tut mir leid, ich ...« Ich bekomme seit Monaten gruselige Nachrichten und mein Stalker ist nicht nur in meine Wohnung eingedrungen und hat in meinen Sachen gewühlt, sondern ist mir 90 Meilen bis nach Bleak Pine gefolgt.

Nein, das würde und konnte sie Tune nicht einfach so um die Ohren hauen.

»Es tut mir leid«. Wiederholt sie deshalb. »Aber jetzt bin ich hier, also lasst uns retten, was zu retten ist.«

»Laila, das ist keine gute –«

»Es ist die einzige Idee, die ich habe. Also bitte, Xander. Lass es uns hinter uns bringen und von hier verschwinden.«

Ihr ist, als würde Tune sie zum ersten Mal innerhalb der letzten Momente tatsächlich ansehen. Er scannt sie regelrecht: ihre Haltung, ihren Ausdruck, jede Regung und ihre rechte Hand, die noch immer mit Xanders verflochten ist.

»Scheiße, ist irgendwas passiert, von dem ich wissen sollte?« Nun steht auch ihm Besorgnis im Gesicht.

»Es ist alles okay.« Die Lüge fällt ihr schwer, aber sie ist im Augenblick die einzige Option. »Lasst mich nur nicht allein.«

Selbst wenn er etwas sagen wollte, hält Tune den Mund. Er muss spüren, dass diese Aussage im Moment alles ist, was er bekommt. Und auch Xander nickt, obwohl aus jeder seiner Poren pure Abneigung gegen diesen Plan strömt, der nicht im Entferntesten einer ist.

»Vermissen heißt erinnern. Und erinnern ist das, was wir heute und an jedem weiteren Tag tun werden. Erinnern ist, was diese Stadt davor bewahren wird, jemals wieder solches Unglück über die hier Lebenden zu bringen.« Ob Lauren Pats Stimme an dieser Stelle lauter ist, weil sie näher an den Boxen stehen, oder weil das Gemurmel und das Schluchzen der Anwesenden hier kaum zu hören sind, kann Laila nicht eindeutig sagen. Aber die Worte der Bürgermeisterin lösen für den Bruchteil einer Sekunde etwas in ihr aus, das ihren Ehrgeiz zurückbringt. Erinnern sie daran, weshalb sie hier ist.

Mit einem »Beeilen wir uns!« lässt sie Xanders Hand los und stürmt in die Richtung des Gedenksteins, die offenbar auch Lauren Pat eingeschlagen hat. Denn als Laila zu den Treppen des Gemeindehauses sieht, hat sich ein Gang zwischen den Menschen gebildet, der bis zur Mitte des Platzes reicht und durch den die Bürgermeisterin schreitet. Dahinter hebt sich die Kirche der Red River Lane ab, deren Turmspitze nach dem bewölkten Himmel greift.

Gerade, als sie mit dem Mikrofon in der Hand vor dem mit einem schwarzen Tuch verdeckten Stein, der sie um wenige Zentimeter überragt, stehen bleibt, drängen sich Laila und ihre Crew in den Gang. Ein Blick über die Schulter verrät ihr, dass Xander die Kamera eingeschaltet hat. Doch obwohl er die Augen auf das richten sollte, was vor ihm liegt, scannt er die Menschen, als würde er irgendetwas suchen. Irgendwen.

»Hey«, erringt sie sanft seine Aufmerksamkeit. »Ich bin bei dir, alles ist gut.«

Das Lächeln, das er ihr schenkt, erreicht nicht einmal im Ansatz seine Augen. Nicht einmal beide Mundwinkel.

»Deshalb ist es mir sowohl eine Ehre als auch eine ganz persönliche Freude, nun mit euch allen den Gedenkstein zu enthüllen.«

Laurens Worte sorgen dafür, dass Laila rechtzeitig ihr Gesicht nach vorne wendet, um zu beobachten, wie die Bürgermeisterin nach dem Stoff greift.

»Ein Augenblick der Ruhe. Einer für jene, die wir verloren haben. Für die Menschen, die …« Sie macht eine Pause, weshalb es wirkt, als würde sie ihre Tränen wegblinzeln.

Oscarreif, Lauren. Oscarreif.

»Für all die, die wir geliebt haben.« Mit diesen Worten zieht sie das Laken hinab, lässt es los, sodass es sich auf dem Boden in Falten legt und sich wie ein Mahnmal der Finsternis von dem Gras abhebt. Genau wie von dem hellen Stein, der aussieht, als hätte man ihn durchgeschnitten, um auf dessen glatter Fläche unzählige Namen einzugravieren.

Nein, nicht unzählige. Genau achtundsiebzig.

Schluchzen ist zu vernehmen. Nicht von der Bürgermeisterin, die sich eine Faust auf die Brust drückt, sondern von Personen im Publikum. Irgendwer schnieft, ein anderer redet auf jemanden ein. Ein paar Menschen verlassen den Platz, als könnten sie den Anblick nicht ertragen – vielleicht auch, als wäre es Heuchelei.

Ein Mitglied vom Stadtrat entfernt den schwarzen Stoff und im nächsten Moment schreitet eine Frau nach vorn, die kaum Ende zwanzig sein kann. Das Armband an ihrem rechten Handgelenk und der Pfleger an ihrer Seite, der einen weißen Kittel trägt, weisen sie als Patientin des hiesigen Pine Livings aus. Sie ist schön, dunkle Braids fallen ihr zu beiden Seiten über die Schultern, aber ihr Gesicht … Der Ausdruck darin ist pure Tragödie. Sie presst die Hand auf ihren Bauch, während sie eine Blume vor dem Stein niederlegt und dann von ihrer Begleitung zur Seite geführt wird, um der nächsten Person mit einer Karte in der Hand Platz zu machen.

Es sind viele. So viele. Und sie alle platzieren Kerzen, Sträuße, Spielzeuge, Briefe oder Ketten im Gras. Und was zuvor nur eine Zahl gewesen ist, sind nun Gesichter, über die Tränen laufen.

Als sich die Menge nach und nach lichtet, bewegt Laila sich von ganz allein auf den Gedenkstein zu. Und obwohl sie sich bewusst ist, dass Xander ihr mit der Kamera folgt, fühlt sich dieser Augenblick unheimlich intim an. Nein, sie kannte keinen dieser Namen, dennoch hegt sie den größten Respekt für jeden einzelnen.

Lukas Bone. Daniel Campbell. Theodore Carter.

So viele Namen, zu viel Verlust.

Elena Dixon. Caleb Fargo. Laila Sh-

»W-was …« Wäre ihr Herz noch in ihrer Brust, würde es aussetzen. Doch als sie die Buchstaben ihres eigenen Namens vor sich sah, hat es die Flucht ergriffen. Nur so kann es sein, dass plötzlich nichts mehr in ihr ist. Nicht einmal Angst.

Sie blinzelt, blinzelt erneut. Schließt die Augen eine Sekunde länger, doch ihre sich öffnenden Lider offenbaren immer dasselbe. Da, genau zwischen Caleb Fargo und Liam Kane stehen die Buchstaben, die ihren Namen bilden: Laila Shaw.

W-was?

Die Erinnerung an den Stein auf ihrem Bett blitzt in ihr auf, an die eingeritzten Initialen darin. An die Nachricht, die bei ihm lag.

Ich bin für dich hier.

In dieser Sekunde wird Laila eines bewusst: Hier stehen sie alle – die Geschichten der Red River Lane. Und plötzlich ist sie eine von ihnen. Und wenn es nach dem Stein vor ihr geht, wurde ihr Ende bereits geschrieben. Sie kann nur hoffen, dass der Epilog Gnade mit ihr haben wird.

---ENDE DER LESEPROBE---