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Dieses Buch ist Teil des NDSU (Nina Dont Shared Universe). Mehrere Bücher finden im selben Universum in verschiedenen Genres statt, können aber unabhängig voneinander gelesen werden. Wie gut kennst du deine Nachbarn wirklich? Zwei Schüsse zerschneiden die sonst so ruhige Nachbarschaft, während der Rest der Straße gebannt das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft verfolgt. Eine Frau wird für ihre Lügen bestraft, ihr Mann übt Selbstjustiz. Ein Geheimnis darf nicht ans Licht kommen und ein Kind wird für den Rest seines Lebens von den blutigen Bildern verfolgt ... Ein düsterer, nostalgischer Roman über Lügen, Rache und die tiefen Narben der Vergangenheit. In der Welt der 2000er Jahre, wo nichts so ist, wie es scheint, entfaltet sich ein Drama, das die Wahrheit auf schreckliche Weise ans Licht bringt.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2025
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KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
EPILOG
NACHWORT
Bettina
Vielleicht wird die Decke über mir einbrechen und mich von meinem Elend erlösen, wenn ich sie nur lange und intensiv genug anstarre, dachte Bettina. Dann muss ich keine Entscheidungen mehr treffen, die mein gesamtes Leben in Beschlag nehmen und vor denen ich nicht davonlaufen kann.
Bettina seufzte und wickelte ihre kuschelige Bettdecke noch einmal fest unter ihr Kinn. An Sonntagen wie heute, an denen keine Pläne oder Lichtblicke auf sie warteten, rasten ihre Gedanken unaufhaltsam hinter ihrer Stirn.
Sie gähnte lautlos, um ihren schnarchenden
Mann neben sich nicht zu wecken. Die Momente, in denen er ihr gegenüber zumindest neutral war, waren in den letzten Monaten rar geworden. Es war ein schleichender Prozess, aber in letzter Zeit häuften sich die Vorkommnisse. Anfangs hatte Heinrich es darauf geschoben, dass er sich langweilte ohne die vielen Mitarbeitenden, für die er verantwortlich war, und dass seine schlechte Laune daher rührte. Doch leider war es schon lange nicht mehr nur bei reiner Disharmonie geblieben.
Sie ging ihm auf die Nerven, das hatte er ihr oft genug entgegengeschmissen. Wenn es nach ihm ging, beachtete sie ihn gleichzeitig zu viel und zu wenig. Sie machte nichts im Haushalt und doch alles falsch, sie stellte zu viele Fragen und interessierte sich wiederrum überhaupt nicht für ihn.
In seiner Gegenwart zu sein, brachte Bettina zunehmend körperliche Schmerzen ein. Jeder Muskel versteifte sich, solange sie in seiner Nähe war, das Atmen war zu einer Qual geworden. Um sich nicht angreifbar zu machen, verbrachte sie so wenig Zeit wie möglich in seiner Umgebung. Doch sonntags gab es kaum Möglichkeiten, zu fliehen.
Sie seufzte und schlug sacht die leichte Sommerdecke um. Vorsichtig stellte sie erst das eine, dann das andere Bein auf den kalten Boden und setzte sich aufrecht hin. Sie ließ ihre Schultern knacken und drehte ihren Kopf mehrmals nach vorn und wieder nach hinten. Die nackten Füße berührten den kalten Fußboden, und sofort vernahm sie Franz-Josefs tippeln auf dem Boden, bis er schwanzwedelnd vor ihr stand und sich ausgiebig streckte. Mit schief gelegtem Kopf starrte er sie an.
»Sch«, machte sie und führte ihren Zeigefinger an den Mund. »Ich komme ja schon.«
Heinrich war nicht immer so gewesen. Es hatte sogar eine Zeit in ihren über dreißig Ehejahren gegeben, in der sie sich so gut verstanden hatten, dass sich Bettina noch an die vor Lachen schmerzenden Wangen erinnern konnte. Momente wie diese waren nie üppig, aber traumhaft gewesen.
Als kleines Kind hatte sie sich immer nach einem stabilen Umfeld gesehnt, in dem sie sich nicht ducken musste und wo sie sie selbst sein konnte. Viele Jahre hatte Heinrich ihr einen solchen Ort geschaffen. Sie musste nicht arbeiten gehen, und es mangelte ihr an nichts. Alles, was sie sich immer erträumt hatte, konnte sie sich leisten. Doch Bettina war nicht glücklich. Irgendetwas fehlte ihr, und lange Zeit hatte sie nicht herausfinden können, was es war.
Für einen kurzen Moment verweilte sie auf dem Bett und sah aus dem von Regen und Staub verdreckten Fenster in die Ferne. Dicke Wolken zogen vorüber und hinderten die Sonne daran, Licht und Wärme in ihren kleinen Garten zu lassen.
Obwohl es Ende Juni war und sie mit besserem Wetter im Sommer gerechnet hatte, wollte sie sich davon ihre Stimmung nicht zum Gefrierpunkt herunterkühlen lassen. Dafür war schließlich ihr Mann zuständig.
Vorsichtig stand Bettina auf und schnappte sich ein paar Kleidungsstücke, die sie sich gestern schon bereitgelegt hatte. Je leiser sie morgens war, desto weniger würde Heinrich an ihr auszusetzen haben. Sacht schloss sie die Tür hinter sich, und erst als sie im kalten Flur stand, erlaubte sie sich, die angehaltene Luft entweichen zu lassen.
Wenn das kleine Mädchen mit den großen Träumen, das sie einmal gewesen war, sie so sehen würde, wäre es mehr als nur enttäuscht. Bettina hatte sich immer geschworen, dass sie nie so werden wollte wie ihre Mutter. Doch mittlerweile erkannte sie sich in ihr wieder, denn auch sie blieb an einem Ort, den sie verabscheute.
Franz-Josef folgte ihr ins Bad und streckte sich kräftig, während sie sich wusch und umzog. Ihr dunkelblauer Pyjama war einer lockeren schwarzen Hose und einer weißen oversized Bluse gewichen. Sich mit sechzig Jahren modisch zu kleiden, hielt einen jung, redete sie sich immer ein.
Schwanzwedelnd stand Franz-Josef vor ihr und gähnte noch einmal kräftig. Sie nahm ihn auf den Arm und drückte ihn an sich.
»Weißt du eigentlich, dass du das Beste bist, was mir seit Langem passiert ist?« Bettina übersäte sein kleines, haariges Gesicht mit vielen Küssen. »Dich lasse ich nie wieder gehen.« Als sie ihn zurück auf den Boden ließ, fiel ihr Blick auf ihre weiße Bluse, die nun von ein paar dunklen Hundehaaren verziert wurde. »Nun denn, da muss die Fusselrolle wohl später noch mal ran.«
Bettina band sich ihre kurzen blonden Haare zu einem Zopf am Hinterkopf fest, obwohl sich die ersten Strähnen schon wieder lösten. Ein letzter Blick auf ihr Spiegelbild, ehe sie das Bad verließ und die Treppe nach unten in die Küche huschte. Franz-Josefs Halsband raschelte, als er ihr folgte.
Bettina tapste durch das dunkle Wohnzimmer und tastete so lange die Wand ab, bis sie die Schalter für die elektrischen Rollläden fand. Man sollte meinen, dass sie sich nach fünfundzwanzig Jahren in diesem Haus auskennen würde. Nach und nach gesellte sich zu dem Licht auch etwas Wärme im unteren Geschoss, und als sie die Terassentür öffnete, übermannte sie ein Schwall warmer Juniluft.
Franz-Josef sprang mit einem großen Satz hinaus und drehte ein paar Runden auf dem Gras, bevor er sein Geschäft erledigte und dann wieder zu Bettina lief. Sie schmunzelte. Es hatte etwas gedauert, bis sich diese Routine mit dem Hund eingependelt hatte. Früher hatte sie sich sehr gestresst, morgens sofort eine Runde zu laufen, doch es reichte ihm aus, wenn sie ihn kurz in den Garten ließ und dann später eine große Runde mit ihm ging.
Sie liebte diesen kleinen Köter, auch wenn es ihr anfangs schwergefallen war, Nähe zu einem neuen Hund zuzulassen. Denn nachdem ihre Trixie vor fast dreißig Jahren auf tragische Weise ums Leben gekommen war, hatte sie sich geschworen, nie wieder einen Hund in ihr Zuhause und ihr Herz zu lassen.
Der Tod ihres Bruders vor ein paar Monaten hatte allerdings alles verändert. Sie hatte es nicht übers Herz gebracht, seinen geliebten Rüden in ein Tierheim zu stecken.
»Das hast du aber fein gemacht«, sagte sie und beugte sich zu ihrem schwanzwedelnden Franzl hinunter. Sanft strich sie ihm über das Fell und kraulte ihn hinter den Ohren.
Durch die weiterhin geöffnete Terrassentür schlüpfte Bettina in das Wohnzimmer und dann in die offene Küche. Sie drückte einen Knopf am Radio, und sofort ertönte die rockige Stimme Suzi Quatros, die in Stumblin’ in davon sang, dass ihre Liebe als Flamme von innen brannte. Leicht ihre Hüfte schwingend, summte Bettina mit, während sie auch der Kaffeemaschine Leben einhauchte.
Franz-Josef durfte nicht in die Küche, wollte aber immer in Bettinas Nähe sein. Ein Kompromiss war, dass Bettina ihm einen kleinen, flauschigen Teppich in den Übergang gelegt hatte, auf dem er es sich nun bequem machte.
»Heute ist Sonntag«, sprach der Moderator des Radiosenders, als das Lied zu Ende war. »Aber nicht irgendein Sonntag, nein. Es ist ein aufregender Sonntag, an dem die deutsche Mannschaft endlich wieder Geschichte schreiben könnte, wenn alles gut geht.«
Stimmt, dachte Bettina.
Sie hatte völlig vergessen, dass heute das Endspiel der Weltmeisterschaft stattfand.
»Ganz Deutschland zittert und fiebert mit Völlers Jungs mit, und wir sind alle gespannt, was das Spektakel um dreizehn Uhr zeigen wird.«
Nicht alle, dachte sie und wunderte sich über die Art, zu moderieren.
Sie, und damit war sie vermutlich nicht allein, interessierte sich nicht für diese Sportart und empfand Fußball nicht als etwas, das sie mit den Worten ›aufregend‹ oder ›Spektakel‹ beschreiben würde. Selbst dann nicht, wenn es sich um das Endspiel einer Meisterschaft handelte.
Bettina nahm sich eine mit Gänseblümchen verzierte Tasse aus dem Schrank über ihr und stellte sie unter den Vollautomaten. Als die Kaffeemaschine ihre Vorbereitung beendet hatte, ließ sie sich einen Latte macchiato in die bauchige Tasse laufen. Kaffee und Milch bildeten ein beiges Wunderwerk, und schon bald duftete es in ihrer kleinen Küche. Die Handgriffe gingen mittlerweile automatisch von statten, sie musste nicht einmal mehr ihr Gehirn anstrengen.
Als sie den ersten Schluck des frisch gebrühten Kaffees in sich aufnahm, schloss sie für einen Moment die Augen und schwelgte in der Stille, die sie umgab.
Ihr Arzt sagte immer, dass sie ihren Kaffee nicht auf nüchternen Magen genießen sollte. Den Grund hatte sie vergessen, was auch nicht schlimm war, denn sie hielt sich ohnehin nicht daran.
Bettina frühstückte morgens nichts. Das hatte ihr noch nie etwas ausgemacht, doch den Kaffee konnte sie nicht aus ihrer Gewohnheit entfernen. Wenn sie morgens etwas aß, dann nur, weil Heinrich manchmal darauf bestand.
Genüsslich nahm sie einen weiteren Schluck und hielt dabei die Tasse fest in ihren eiskalten Händen, um sich an ihr aufzuwärmen. Gefolgt von Franz-Josef lief sie durch die offene Terrassentür und platzierte die Blümchentasse auf dem Beistelltisch.
Franz-Josef schien das als Einladung zum Spielen anzusehen und flitzte die drei Stufen nach unten auf den Rasen. Breitbeinig und schwanzwedelnd sah er sie herausfordernd an.
Bettina ging ihm hinterher, bis ihre bloßen Füße das vom Rasensprenger feuchte Gras berührten.
Als er zu merken schien, dass Bettina weder Ball noch Moorhuhn werfen würde, drehte er ein paar schnelle Runden im Garten und sauste mehrmals um Bettina herum.
Hinter den Wolken brachen gelegentlich ein paar Sonnenstrahlen hindurch, und Bettina hielt ihnen jedes Mal das Gesicht entgegen, um sich an ihnen zu wärmen. Vögel zwitscherten, und irgendwo in der Ferne bellte ein Hund.
Das Leben in diesem Haus kann doch ganz schön sein, dachte Bettina.
Die Wochen nach dem Tod ihres Bruders waren hart gewesen. Auch jetzt fiel es ihr noch immer schwer, zu akzeptieren, dass ein Teil ihres Lebens nicht mehr da war. Schlaflose Nächte, Panikattacken und ein Gefühl von innerer Unruhe bestimmten seither ihr Leben.
Einzig im Urlaub in Südfrankreich, mit dem Heinrich sie überrascht hatte, war es ihr zum ersten Mal seit Monaten wirklich gut gegangen. Nicht nur weil sie jeden Abend mit dem Blick auf das ligurische Meer gegessen oder ihr Körpergewicht in Wein getrunken hatten, sondern auch weil es sich mit Heinrich wie früher angefühlt hatte. Sie hatten zusammen gelacht, historische Sehenswürdigkeiten besucht und sich verstanden, ohne sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen.
Diese Auszeit war eine Wohltat für ihre Seele gewesen, und Bettina hatte nicht zurückkehren wollen. Als hätte sie geahnt, dass sich ihr Alltag wieder genau gleich anfühlen würde, sobald sie das Haus betreten hatten. Mit der Alltäglichkeit war auch Heinrichs schlechte Laune zurückgekehrt.
Franz-Josef brachte Bettina immer wieder Bälle oder andere Spielzeuge und legte sie ihr vor die Füße. Sie bückte sich und warf den vor Speichel triefenden Ball quer durch den kleinen Garten. Aufgeregt flitzte Franz-Josef hinterher, verlor auf halbem Weg das Interesse, schnüffelte an etwas Unsichtbarem auf dem Rasen und sah sie fragend an. Bettina seufzte. Sie fragte sich, ob er ein Kurzzeitgedächtnis besaß oder ob ihm einfach die Lust am Spielen vergangen war.
Bettina fröstelte angesichts des feuchten Rasens unter ihren Füßen. Sie drehte sich um, lief wieder die drei Stufen zur Terrasse hinauf und setzte sich auf einen der Stühle. Franz-Josef beobachtete sie, als könnte er nicht begreifen, dass sie ihn hier einfach allein gelassen hatte. Hochverrat, schien sein Blick zu sagen, und Bettina lächelte ihn an.
»Komm hoch, du kleiner Stinker.« Sie klopfte mit der flachen Hand auf einen Stuhl neben ihr.
Franz-Josef senkte den Kopf, schnupperte noch einmal ein wenig im feuchten Gras herum und lief dann mit wackelnden Ohren ebenfalls die Treppe hinauf. Die Trennung zu ihr schien ihm mehr auszumachen als seine Entrüstung über das abrupte Ende des Spiels.
Der Hund sprang auf den freien Stuhl, den Bettina ihm angeboten hatte, und rollte sich zu einem Donut ein. Heinrich hasste es, wenn er auf den Polstern oder der Couch lag, doch Bettina störte es nicht. An Heinrich hingegen störten sie sehr viele Dinge, die sie allesamt für sich behielt, da sie sonst aus dem Streiten nicht mehr herauskommen würde.
Sanft strich Bettina Franz-Josef über den Rücken und kraulte ihn in kleinen Bewegungen hinter den Ohren.
Vor seiner Rente war Heinrich in aller Herrgottsfrühe aus dem Haus gegangen, und sie hatte sich die Stunden bis zum Abendessen frei einteilen können. Sie hatte feste Routinen, wusste, wann die beste Zeit zum Einkaufen war und wie sie ihre Zeit aufteilen musste, um den Haushalt zu erledigen.
Nun stand Heinrich entweder früh auf, damit sie möglichst lange etwas von seiner schlechten Laune hatte, oder er schlief ausgiebig, um sie noch lange am Abend an seinem Gemütszustand teilhaben zu lassen.
In der Ferne vernahm sie spielerisches Kindergeschrei und fuhr unwillkürlich aus ihren Gedanken auf. Heinrich und sie hatten nie Kinder gehabt, und manchmal fragte sie sich, wie ihr Leben wohl heute aussehen würde, wenn sie ein oder zwei Kinder gehabt hätten.
Vielleicht wären sie mittlerweile sogar schon Großeltern und hätten jede Woche das Haus voller Kinderlachen und Spielsachen, die überall herumlagen.
Vielleicht, und das hörte sie in letzter Zeit immer öfter, hätten ihre Kinder auch schon den Kontakt abgebrochen, was sie ihnen noch nicht einmal verübeln könnte. Wären ihre Eltern noch am Leben, hätte sie auch keine Verbindung mehr zu ihnen.
Bettina sah auf die schmale Armbanduhr an ihrem Handgelenk.
»Oh, so spät«, sagte sie und griff nach der Tasse auf dem Tisch vor sich.
Es war schon fast zehn Uhr. Wenn sie Pech hatte, würde Heinrich bald aufwachen, und wenn sie bis dahin noch nicht mit den Brötchen zurück war, würde der Haussegen wieder schief hängen. Um ihm keine Angriffsfläche zu bieten, nahm Bettina noch einen großen Schluck Kaffee und sprang von ihrem Stuhl auf.
Brötchenholen und Einkaufen hatte schon immer zu ihren Aufgaben gehört. Heinrich hatte seit Beginn ihrer Ehe Aufgaben verteilt, und sie war damit fein gewesen: Er war arbeiten gegangen, und sie hatte sich um alles gekümmert, was den Haushalt betraf.
Doch in letzter Zeit kaufte sie seiner Meinung nach oft die falschen Sachen und gab zu viel Geld aus, weswegen er sich in den Kopf gesetzt hatte, seine Dinge selbst zu kaufen. Manchmal hielt sie es mit seinen Launen kaum noch aus. Dann fragte sie sich, ob es jemals wieder so werden würde, wie es am Anfang ihrer Beziehung war.
Bettina betrat das Wohnzimmer, Franz-Josef tapste um den Esstisch herum. Sie zog die Stirn kraus, denn ihre innere Stimme warf ihr einen Gedanken entgegen.
Oder wusste Heinrich etwa Bescheid? Das war unmöglich. War es wirklich so unmöglich? Sie hatte sich stets vorsichtig verhalten, hatte jedes kleine Indiz im Keim erstickt und war fortwährend auf der Hut gewesen.
Die Geheimnisse hatten sie wie Nebel umgarnt und gedroht, sie zu ersticken. Doch Bettina hatte sich noch immer rechtzeitig in Sicherheit begeben. Sie musste alles dafür geben, dass es auch in Zukunft so blieb.
In der Küche stellte Bettina ihre Tasse gleich in die Spülmaschine, die sie laufen lassen würde, sobald sie gefrühstückt hatten.
»Franzl«, rief sie, während sie in den kleinen Flur mit Garderobe lief.
Sie nahm die Leine vom Haken und kniete sich auf den Boden. Franz-Josef war ihr gefolgt, sein Halsband verriet ihn immer.
Bettina sah in seine Augen und strich ihm über den Kopf. »Wir gehen eine kleine Runde.«
Sein Schwanz wackelte, und er tippelte aufgeregt mit den Vorderpfoten auf und ab. Die Rasse hatte Bettina nie ganz deuten können, und auch von ihrem Bruder hatte sie nie erfahren, was alles in dem kleinen Kerl steckte. Im Tierheim, aus dem Peter ihn adoptiert hatte, war er als Mischling aufgenommen worden. Wie ihre Trixie damals.
Ein Kloß machte sich in Bettinas Hals bemerkbar, während sie Franz-Josef die Leine anlegte. Auch nach so vielen Jahren war sie noch immer nicht über den Verlust ihrer geliebten Hündin hinweg, und sie bezweifelte, dass sie es jemals schaffen würde. Wochenlang war sie damals in ein schwarzes Loch gefallen, aus dem sie sich nur mühselig hatte hochziehen können. Bei dem Anblick von anderen Hunden war sie stets in Tränen ausgebrochen und hatte daher das Spazierengehen auf ihren früheren Wegen ganz sein gelassen. Heinrich hatte kein Verständnis für ihre Trauer gehabt und sie lange damit alleingelassen.
»Na komm«, murmelte sie und strich ihm ein letztes Mal über den Kopf, was Franz-Josef mit einem Lecken über ihren Handrücken quittierte.
Bettina schnappte sich den Haustürschlüssel, steckte sich einen Zehn-Euro-Schein in die Hosentasche, zog die Turnschuhe an, die sie immer auf ihren Gassirunden trug, und verließ gemeinsam mit Franz-Josef das Haus.
Der Ort, in dem sie und Heinrich schon seit Ewigkeiten lebten, war noch schlaftrunken und still, auch wenn ein paar Vögel versteckt in den Büschen und Bäumen ihre Lieder sangen. In der Ferne hörte sie irgendwo das Geräusch von fahrenden Autos und das schnelle Hochziehen eines Rollladens. Es war friedlich hier in ihrem kleinen Ort, den sie über die Jahre lieben gelernt hatte. Morgen würde das Treiben wieder seinen Lauf nehmen, doch heute könnte man hier eine Stecknadel fallen hören. Sonntage übten eine besondere Magie auf Bettina aus, die sie sich nicht erklären konnte.
Bettina lief die Auffahrt zu ihrem Haus hinunter und bog nach rechts in ein angrenzendes Waldgebiet. Das Haus lag in der für sie perfekten Gegend. Die Straße war eine verkehrsberuhigte Sackgasse, in der sich ein grün bepflanzter Wendehammer befand, dessen Bäume in den letzten Jahren beachtenswert gewachsen waren. Von oben sah die Straße aus wie ein Tropfen, an dessen bauchigen Ende sie wohnte.
Insgesamt hatte die kleine Stadt nur ein paar tausend Einwohner, und Bettina liebte das ruhige, fast ländliche Leben. Sie hatte hier alles, was sie zum Leben brauchte.
Anfangs war es ihr schwergefallen, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Nachdem Heinrich ihr eines Tages von dem Grundstückskauf berichtet hatte, hatte sich Traurigkeit in ihr ausgebreitet. Sie hatte niemanden in diesem Ort gekannt, hatte hier keine Freunde gehabt. Heinrich hatte sie in den Arm genommen und ihr gesagt, dass sie ihr Haus in dem jungen Teil des Ortes bauen würden, in den viele Menschen ihres Alters ziehen würden. Es hatte sie hoffnungsvoll gestimmt, und bald waren ihre Zweifel der Zuversicht gewichen. Auch wenn das bedeutet hatte, dass sie aus ihrer gemütlichen ersten gemeinsamen Wohnung hatten ziehen müssen.
Leider war Bettinas Freude nur von kurzer Dauer gewesen, denn ihre Nachbarn blieben lieber unter sich. Die Frauen gingen arbeiten, ebenso die Männer, und an den Wochenenden fuhren sie zu ihren Familien oder bekamen Besuch von ihren Freunden. Einzig zu Frederik und Sabine Sandau verband sie eine Art Freundschaft. Sie wohnten in direkter Nähe zu ihnen, einzig getrennt durch ein kleines Waldstück, durch dessen Eingang Bettina nun trat.
Heinrich hatte Frederik kennengelernt, als er in den hiesigen Jagdverein eingetreten war. Wenn sie sich nicht gerade im Wald trafen, um alte oder kranke Tiere zu jagen, luden die Sandaus sie zu sich nach Hause ein.
Anfangs war Bettina noch euphorisch gewesen, endlich Freunde in dieser Straße zu haben, doch als sie Sabine Sandau kennengelernt hatte, war sie eines besseren belehrt worden. Sie konnte angenehmere Gespräche mit einem Eisblock führen als mit dieser Frau, und Bettina hatte sich irgendwann Ausreden einfallen lassen, um nicht mehr ihre Abende mit ihnen verbringen zu müssen.
Heinrich ging noch immer gelegentlich zu ihnen, doch fragte seine Frau nicht mehr, ob sie ihn begleiten wollte, und Bettina war das recht.
