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Man muss sich kein Blut teilen, um eine Familie zu sein. 2009 Als Daniels Großmutter stirbt, hinterlässt sie ihm drei Dinge: Trauer, einen Brief und Chaos. Der Brief enthält ein Familiengeheimnis, doch er wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet.Findet Daniel auf der Suche nach der Vergangenheit seine Zukunft? 1938 Maria könnte nicht glücklicher sein: Sie lebt in einem kleinen Südmährischen Dorf, hat gerade ihre Jugendliebe geheiratet und erwartet ihr erstes Kind. Doch Maria ahnt nicht, dass sich die politische Lage immer weiter zuspitzt und es bald zu einem neuen Weltkrieg kommen wird. Wird sie es schaffen, ihre Familie zu beschützen? Ein Roman über den Verlust der Heimat und die Suche nach der eigenen Familiengeschichte.
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Seitenzahl: 640
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Für meinen Opa und meine Mama
In ewiger Liebe und Dankbarkeit
Vorwort
Teil 1
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Teil 2
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Teil 3
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Teil 4
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Teil 5
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Teil 6
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Teil 7
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Teil 8
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Teil 9
Kapitel 70
Kapitel 71
Teil 10
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Epilog
Eines Tages
(von Kurt Nedoma)
»Eines noch unbestimmbaren Tages, wird niemand mehr da sein, der bezeugen könnte wie alles geschah. All diese schrecklichen Dinge, zu finden vielleicht noch in staubigen Büchern, die kaum jemand liest. Nur das Land dort drüben, hinter der windigen Grenze, wird noch ein Weilchen die Farbtupfer tragen, die wir ihm malten in sein liebliches Gesicht.«
JULI 2009
Ich stieg die Treppe zu meinem alten Kinderzimmer nach oben, während ich mich fragte, wo meine Krawatte war.
»Daniel, beeil dich, wir kommen zu spät«, hörte ich die Stimme meiner Mutter aus dem Flur. Sie schrie nicht, sondern sprach behutsam, wie sie es immer tat.
»Ja gleich, ich suche immer noch meine Krawatte.« Ich stemmte die Hände in die Hüften und sah mich in dem kleinen Raum um, in dem ich noch vor ein paar Jahren gelebt hatte.
»Die brauchst du nicht unbedingt. Wir kommen noch zu spät, wenn wir nicht gleich fahren. Anna wartet schon im Auto.«
»Ich weiß, dass ich sie nicht unbedingt brauche. Aber es fühlt sich nicht richtig an, ohne sie auf eine Beerdigung zu gehen.« Ich verdrehte die Augen, denn ich war es leid, mich rechtfertigen zu müssen.
Genervt ließ ich mich auf den Boden fallen und suchte unter meinem Bett nach der einzigen schwarzen Krawatte, die ich besaß. Das letzte Mal hatte ich sie vor vier Jahren getragen, als wir meinen Opa beerdigt hatten.
Nachdem ich die Krawatte weder unter meinem alten Bett, noch in dem fast leeren Kleiderschrank fand, überlegte ich kurz, ohne sie auf die Beerdigung zu gehen. Ich war davon ausgegangen, dass sie in meinem früheren Kinderzimmer war, denn in meiner Wohnung hatte ich sie schon vergeblich gesucht. Langsam richtete ich mich auf und lehnte mich mit dem Rücken an das Bett. Während ich mir mit einer Hand durch meine kurzen Haare fuhr, dachte ich darüber nach, wo ich die Krawatte das letzte Mal gesehen hatte. Nachdem meine Mutter allerdings ein zweites Mal nach mir rief, stapfte ich die Treppe zu ihr herunter.
»Du hast schon genug schwarze Sachen an, da fällt die schwarze Krawatte auch nicht mehr ins Gewicht«, sagte sie, während sie am unteren Ende der Treppe auf mich wartete.
»Oma hätte mich ohnehin nicht gerne komplett in Schwarz gesehen.« Ich wusste selbst nicht, warum ich meine Mutter mit einem strengen Blick bedachte. »Als sie mir damals die Krawatte für Opas Beerdigung gebunden hat, meinte sie, dass sie auf ihrer Beerdigung gerne alle Gäste in bunt sehen würde. Aber ihr war schon klar, dass sich niemand daran halten würde.«
»Das hat sie mir nie erzählt«, sagte meine Mutter und runzelte die Stirn.
Wir gingen gemeinsam aus der Haustür und sofort erfasste mich die brütende Julihitze. Bereits nach zwei Sekunden in der Sonne brannte mein Gesicht. Ich ging schnell zum Auto meiner Mutter und stieg auf der Beifahrerseite ein, während sie die Haustüre abschloss und auf das Auto zulief. Ihr schwarzes Kleid war fast bodenlang und ihre Haare hatte sie zu einem einfachen Zopf am Kopf zurückgebunden. Sie war Mitte fünfzig, aber sie hatte noch keine grauen Haare in ihren schwarzen, schulterlangen Haaren.
Sie stieg auf der Fahrerseite ein und schaute mich an, nachdem auch sie sich angeschnallt hatte.
»Alles in Ordnung?«, fragte meine Freundin Anna, die auf dem Rücksitz saß.
Ich drehte mich um und sah sie mit großen Augen an. Mir war bewusst, dass sie heute mit uns auf die Beerdigung fahren würde, aber ich war so sehr in meine Gedanken vertieft gewesen, dass ich sie nicht bemerkt hatte. Wie konnte ich meine eigene Freundin übersehen, die schon seit vier Jahren ein Teil meines Lebens war? Verlegen schaute ich zu meiner Mutter, aber sie sah mich mit einem solch mitleidigen Blick an, dass ich es nicht ertragen konnte, Annas Frage zu beantworten. Stattdessen sah ich aus dem Fenster und hoffte, dass der Tag möglichst schnell vorbei gehen würde.
Während die Bäume und Häuser an uns vorbeirauschten, versuchte ich, meine Gedanken auszutricksen, aber sie drehten sich immer wieder um den Verlust und die Leere, die meine Großmutter hinterlassen hatte. Vor zwei Wochen war sie friedlich eingeschlafen und seitdem hatte ich mich verändert. Ich war mir nicht mehr sicher, was ich für meine Freundin fühlte, und machte mir Gedanken über die Zukunft, wie ich es vorher nie getan hatte.
Die Fahrt zum Friedhof dauerte nicht lang, denn er befand sich in dem Ort, in dem meine Mutter wohnte. Trotzdem gab ich mir alle Mühe, die kurze Fahrt ohne Tränen zu überstehen. Ich war niemand, der viel weinte. Doch in letzter Zeit traten mir bei dem bloßen Gedanken an meine Oma die Tränen in die Augen.
Meine Mutter stellte das Auto auf dem Parkplatz ab und wir stiegen aus. Anna griff nach meiner Hand und legte ihre Handfläche behutsam in meine. Im ersten Moment verspürte ich den Impuls, mich von ihr losreißen zu wollen, doch es kamen bereits die ersten Gäste mit Tränen in den Augen auf uns zugelaufen. Ich schaute von den Personen zu unseren Händen und mein Blick blieb in Annas Gesicht hängen. Sie lächelte mich an. Dankbar hielt ich mich an ihr fest. Wie sollte ich diesen Tag nur überstehen?
Ein paar Trauergäste umarmten uns und sprachen uns ihr Beileid aus. Automatisch bedankte ich mich und lauschte den Komplimenten, die sie mir für meine Oma machten. Doch je mehr Hände ich schüttelte, desto mehr verflossen die Gespräche zu einem großen Gespräch und ich konnte mich nicht erinnern, mit wem ich überhaupt gesprochen hatte.
»Ist alles in Ordnung bei dir, Schatz?«, fragte mich Anna leise.
Ich drehte mich zu meiner Freundin um und schaute sie an. Sie hatte ihren blonden Bob geglättet und ordentlich hinter ihre Ohren geklemmt. Das Makeup saß dank fehlender Tränen perfekt und die roten Lippen leuchteten auf ihrer hellen Haut. Das enge, schwarze Kleid reichte ihr gerade bis zu den Knien. Nichts deutete darauf hin, dass sie zum engeren Familienkreis der Verstorbenen gehörte. Sie hätte auch genauso gut auf dem Weg in einen Club sein können.
»Klar, der schönste Tag meines Lebens.« Ich ließ ihre Hand los, die ich die ganze Zeit fest umklammert gehalten hatte, lief in die kleine Kapelle und suchte mir einen Platz auf den hinteren Stühlen.
Es tat mir leid, wie ich Anna seit dem Tod meiner Großmutter behandelte, doch sie hatte kein Mitgefühl anderen Menschen gegenüber. Während ich die letzten zwei Wochen mit meiner Mutter die Beerdigung organisiert hatte, war Anna shoppen gewesen. Meine Mutter und ich leerten eine Flasche Wein nach der anderen, um die Trauer zu ertränken, während Anna mit ihren Freundinnen in den Frankfurter Clubs feiern ging. Menschen trauerten auf die verschiedensten Arten, aber Annas Weise gab mir zu denken.
Meine Mutter fand mich kurze Zeit später in den hinteren Reihen und setzte sich zu mir.
»Eigentlich müssen wir nach vorne in die erste Reihe. Die ist für Familienmitglieder reserviert.« Sie legte mir einen Arm um die Schultern und sofort fühlte ich mich nicht mehr schutzlos und allein.
»Da hätte man keine ganze Reihe reservieren müssen.« Ich schnaubte. »Zwei Stühle für uns beide reichen.«
Meine Mutter nahm ihren Arm von meinen Schultern und drehte sich sichtlich verletzt von mir weg. Mein gebrochenes Herz machte es mir schwer, mich in andere trauernde Menschen hineinzuversetzen. Ich war nicht allein mit dem Verlust meiner Großmutter. Meine Mutter hatte ihre Schwiegermutter und enge Vertraute verloren.
»Wir können uns gerne in die erste Reihe setzen.« Ich streichelte ihr tröstend über die Schulter und sie legte ihre Hand auf mein Knie.
»Ich will nicht, dass die vordersten Stühle leer bleiben.« Sie blickte mich entschuldigend an, dabei gab es nichts, wofür sie sich entschuldigen müsste.
»Ich weiß, wir setzen uns vor.«
Wir standen auf und liefen gemeinsam nach vorne. Mein Blick glitt über die Menschen, die bereits Platz genommen hatten. Einige Gesichter erkannte ich, aber viele sagten mir nichts. Wer waren diese Menschen und woher kannten sie meine Großmutter? An der Tür stand Anna, die mich mit einem fragenden Blick anschaute. Als sich unsere Blicke trafen, winkte ich sie zu mir. Egal, wie schwierig ich unsere Beziehung momentan fand, sie war immerhin hier.
Nachdem wir uns gesetzt hatten, fiel mir das große Bild in der Halle auf, das meine Oma vor ein paar Jahren am Tag der Beerdigung meines Großvaters zeigte. Ihre Haare waren weiß und das Gesicht von Falten überzogen. Die Augen waren von den vielen Tränen gerötet, aber sie lachte so herzlich, dass man ihre Zähne sehen konnte.
Ich erinnerte mich sehr gut an den Tag, als das Foto entstanden war. Nach der Trauerfeier hatten wir bei Kaffee und Kuchen beisammengesessen, wie es in meiner Familie schon immer Tradition war. Es waren die Anekdoten der Trauergäste über ihren Ehemann gewesen, die sie so sehr zum Lachen brachten, dass sie für einen Moment die Trauer vergaß.
Der Pfarrer begrüßte uns und sprach ein paar Worte, doch ich hörte nicht richtig hin. Zu sehr war ich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt. Das Bild von meiner Großmutter, das so nah vor mir stand, hatte meine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ich liebte es so sehr, denn obwohl sie diesen traurigen Blick in ihren Augen hatte, lachte sie aus vollem Herzen, und es gab kaum ein anderes Bild, auf dem sie so leidenschaftlich lächelte.
Ich erinnerte mich daran, wie ihr die Tränen die Wange runtergelaufen waren, als ihre Freunde ihr von den gemeinsamen Abenteuern mit meinem Großvater erzählt hatten. Jeder hatte Geschichten über ihn zum Besten gegeben. Je nach Erzähler waren sie witzig oder machten meine Großmutter stolz, weil sie davon handelten, dass mein Großvater ein wunderbarer Vater, Freund und Kollege gewesen war. Sie handelten von seiner Courage, seinem Mut und der Portion Humor, mit der er das Leben genommen hatte. Die meisten dieser Geschichten kannte ich, denn obwohl ich nicht bei ihrer Entstehung dabei gewesen war, so waren diese Erzählungen ein großer Bestandteil unserer Leben. Oft saßen Freunde oder die Familie Kollar bei meinen Großeltern auf der Terrasse und sprachen über lustige Momente, die sie zusammen erlebt hatten. Sie stritten sich dabei in aller Freundschaft, wessen Version die Richtige war. Ich habe schon immer gerne diesen Erzählungen gelauscht, denn dabei fühlte ich mich, als wäre ich ein Teil dieser Geschichten.
In meine Gedanken vertieft merkte ich, wie sich meine Mutter neben mir erhob. Ich sah, wie sie sich hinter das Pult stellte und so lange am Mikrofon hantierte, bis es auf der richtigen Höhe war. Das Pult war so groß, dass man nur ihren Kopf sah. Eine schwarze Haarsträhne hatte sich aus ihrem Zopf gelöst und fiel ihr immer wieder ins Gesicht.
»Erna war mehr als eine Schwiegermutter für mich«, begann sie, und bei diesen Worten bahnten sich meine Tränen sofort einen Weg ins Freie.
»Wir waren Freundinnen, Verbündete. Sie behandelte mich nie wie eine Schwiegertochter oder eine Tochter, sie beschrieb unser Verhältnis immer als beste Freundinnen. Von Anfang an war ich willkommen in ihrer kleinen Familie und ich fühlte mich dort vom ersten Moment an wohl.« Sie holte zitternd Luft. »Erna war eine wunderbare und warmherzige Frau. Sie teilte geheime Familienrezepte mit mir und manchmal sogar die Kleider.«
Durch den Saal ging ein verhaltenes Lachen.
»Ich bin ihr unendlich dankbar für die Unterstützung bei der Erziehung meiner beiden wunderbaren Söhne. Ohne ihre Hilfe und die ihres Mannes hätte ich das wohl nie hinbekommen.« Meine Mutter machte eine Pause und lächelte verlegen, aber ich konnte ihr nicht weiter zuhören. Nicht nur meine Tränen liefen so stark, dass sie mein Taschentuch schnell nicht mehr auffangen konnte, sondern auch meine Nase. Anna versorgte mich immer wieder mit Taschentüchern, aber alles rann mein Gesicht herunter, sodass ich irgendwann mein Hemd zur Hilfe nehmen musste. Kopfschmerzen breiteten sich hinter meiner Stirn aus und ich bekam Schluckauf.
Ich dachte an all die Nachmittage, die ich mit meinen Großeltern verbracht hatte. Wie sehr ich es geliebt hatte, wenn mich mein Opa von der Schule abgeholt hatte, und wie wir dann in seinem Garten nach Erdbeeren und Ribiseln gesucht haben, während meine Großmutter das Essen zubereitet hatte. Ich dachte daran, wie mein Opa mir mit den Hausaufgaben geholfen hatte und daran, dass ich bei Oma immer Fanta hatte trinken dürfen, obwohl meine Mutter das wegen des Zuckergehaltes nicht gewollt hatte.
Bei der Erinnerung an die Tage aus meiner Vergangenheit, an denen alles so leicht gewesen war, an denen ich mich so sicher und geborgen gefühlt hatte, schnürte sich meine Brust zu. Ich bekam keine Luft mehr und das Herz schlug mir gegen die Rippen. Panik machte sich in mir breit, sodass ich aufstand und den Saal verließ.
Draußen war es so hell, dass ich die Augen zusammenkneifen musste. Durch den Tränenschleier, der noch immer auf meinen Augen hing, nahm ich meine Umgebung nur verschwommen wahr. Trotzdem fand ich einen freien Platz an einer Mauer, gegen die ich mich lehnte, um mich zu beruhigen.
Mit einer Hand auf meinem Herzen spürte ich immer wieder die kräftigen Schläge, die es machte. Mein Rücken glitt an der Mauer entlang nach unten, bis ich auf dem Boden saß. Die Beine winkelte ich an und meinen Kopf ließ ich gegen den harten Beton fallen. Langsam beruhigten sich mein Atem und mein Herz wieder und ich schlang die Arme um meine Knie. Was auch immer das gerade gewesen war, ich wollte es nie wieder erleben müssen.
Ich saß lange auf dem Boden und versuchte an gar nichts zu denken, auch wenn mir das nicht immer gelang.
Irgendwann ging die Tür auf und die ersten Gäste strömten nach draußen. Als ich meine Mutter und Anna entdeckte, rappelte ich mich auf und lief ihnen entgegen.
»Es tut mir leid, dass ich während deiner Rede einfach nach draußen gegangen bin«, sagte ich und umarmte meine Mutter.
»Dafür musst du dich doch nicht entschuldigen«, antwortete sie und strich mir über die Wange.
Ich sah die vielen Menschen, die um uns herumstanden und darauf warteten, uns erneut die Hände schütteln zu dürfen und uns ihr Beileid auszusprechen. Ich bedankte mich pflichtbewusst bei allen, dass sie an der Beerdigung teilgenommen hatten. Auch, wenn es sich automatisch anhörte, freute ich mich, so viele Menschen hier zu sehen.
Den Rest der Trauerfeier und die Beisetzung bekam ich nur am Rande mit. Ich wollte es nicht riskieren, meine Mutter erneut allein stehen zu lassen, weil ich meine Tränen nicht zurückhalten konnte, daher gab ich mir große Mühe, die Stimme des Pfarrers einfach auszublenden.
Gedankenverloren warf ich eine Rose in das Loch, das die letzte Ruhestätte meiner Großmutter sein sollte, und lief mit meiner Mutter zurück zum Auto.
»He, wartet auf mich«, rief uns Anna leise hinterher. Sie stöckelte mit ihren Pumps durch das Gras und blieb dabei immer wieder stecken.
»Hast du keine flachen Schuhe zu Hause gefunden?« Ich musste mich beherrschen, nicht wütend zu werden. In letzter Zeit schaffte sie es mit Leichtigkeit, mich auf die Palme zu bringen, und das wiederum nervte mich.
»Die hätten nicht zum Kleid gepasst.«
Als sie uns gerade eingeholt hatte, bedachte ich sie mit einem finsteren Blick, der sie sichtlich irritierte. Zum Glück sagte sie kein Wort mehr, bis wir am Auto waren. Ausgerechnet heute wollte ich nicht die Geduld mit ihr verlieren.
Gerade, als ich mich mit dem Rücken an das Auto meiner Mutter lehnte, liefen die Kollars auf uns zu. Jasmin, die Urenkelin von Rudi und Frida, stand mit ihren neun Jahren vor mir. Sie sah niedlich aus mit ihren zwei blonden Zöpfen, die an jeder Seite neben den Ohren zusammengebunden waren. Ich winkte ihr zu und lächelte sie an, aber sie versteckte sich hinter ihrer Mutter. Sie schien die vielen Abende schon wieder vergessen zu haben, an denen ich sie fangen, suchen, oder ihr einfach nur aus einem Buch vorlesen sollte.
»Schön, dass ihr euch alle freigenommen habt und extra aus Frankfurt angereist seid«, sagte meine Mutter und umarmte jede einzelne der elf Personen. Anna und ich taten es ihr gleich.
»Das ist doch selbstverständlich«, antwortete Gerhard, einer der beiden Söhne von Frida und Rudi.
»Habt ihr denn das Geschäft so einfach verlassen können?«, fragte meine Mutter.
»Ja, wir haben zum Glück zuverlässige Angestellte, die mal ein paar Stunden ohne uns auskommen. Aber selbst, wenn wir niemanden gehabt hätten, hätten wir das Geschäft zugemacht und wären trotzdem hierhergekommen.«
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass meine Mutter Gerhard dankbar anlächelte. »Ich weiß gar nicht, wie ich euch danken soll, dass ihr die Organisation des Leichenschmauses übernommen habt.« Meine Mutter kramte ein frisches Taschentuch aus ihrer Handtasche und schnäuzte sich kräftig die Nase.
»Dafür brauchst du uns nicht zu danken, wir machen das gerne«, antwortete Gerhard. »Schließlich weiß ich genau, dass Erna einen gewollt hätte.« Er lächelte uns aufmunternd zu.
Ich erinnere mich an das Gespräch mit meiner Mutter. Sie hatte keinen Leichenschmaus organisieren wollen, weil ihr dazu die Kraft fehlte. Uns beiden, wenn ich ehrlich war. Aber Gerhard hatte Recht. Es gehörte zu unseren Traditionen und meine Oma liebte die Geschichten, die wir uns dort immer erzählten.
Wir wollten uns gerade auf die Autos verteilen, da lief uns eine Frau in einem schwarzen Kleid und knallroten Pumps entgegen. Ich schätzte sie auf siebzig Jahre, sie konnte aber auch jünger sein, denn sie lief schnell und schwungvoll.
»Ihr Verlust tut mir sehr leid. Bitte akzeptieren Sie mein aufrichtiges Beileid.« Die Frau schüttelte erst mir, dann meiner Mutter kräftig die Hand. Ihr starker Akzent ließ mich vermuten, dass sie aus Osteuropa kam. Doch bevor ich sie etwas fragen konnte, drehte sie sich zu ihrer Begleitung um und schnellen Schrittes liefen sie auf ihr Auto zu.
Während ich krampfhaft versuchte, sie einzuordnen, blickte ich meine Mutter kurz an. Doch auch sie zog die Augenbrauen überrascht zusammen.
»Ich glaube, es war eine Freundin von Erna. Genau weiß ich es aber nicht.« Sie zuckte mit den Schultern.
Diese Frau kam mir seltsamerweise bekannt und vertraut vor, und doch wusste ich nicht, woher ich sie kannte. Der Klecks Farbe, den sie in der schwarzen Trauergemeinde hinterlassen hatte, schwirrte mir noch den ganzen Nachmittag im Kopf herum.
Wir saßen in dem Bürgerhaus, das von den Kollars gemietet und dekoriert worden war. Bilder meiner Großeltern und unserer kleinen Familie waren überall im Saal verteilt. Ich zählte die Personen grob durch und kam auf eine Anzahl von fünfzig.
Ich saß zwischen Anna und meiner Mutter an einem großen Tisch. Vor mir standen eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen, den ich nicht angerührt hatte.
»Karin, hast du eigentlich etwas von Herbert gehört?«, fragte Anna meine Mutter und verlagerte ihren Oberkörper so weit nach vorne, dass sie sie anschauen konnte. Automatisch rückte ich weiter nach hinten. Anna hatte meine Mutter noch nie so explizit nach ihrem Ehemann gefragt, daher war ich im ersten Moment irritiert, woher ihr plötzliches Interesse kam. Doch bevor meine Mutter antworten konnte, hatte ich bereits das Wort ergriffen.
»Warum fragst du nach ihm? Gerade heute?« Ich konnte nicht anders, als sie skeptisch zu mustern.
»Ich wollte nur Konversation betreiben. Die Stimmung ist so bedrückt.« Anna schaute mich an und sank mit ihrem Rücken gegen die Lehne zurück.
Manchmal war die Vorstellung, dass ich mit dieser Frau schon vier Jahre zusammen war, unvorstellbar. Gerade in den letzten zwei Wochen hatte ich das Gefühl, sie überhaupt nicht zu kennen. Ich atmete tief durch und schloss kurz die Augen.
»Erstens sind wir hier auf einer Beerdigung. In vielen Fällen ist die Stimmung eher betrübt. Und zweitens kann es dir egal sein, was mit meinem Erzeuger ist.« Um meine Hände zu beschäftigen, nahm ich meine Kaffeetasse auf und führte sie zu meinem Mund.
»Ich dachte doch nur, dass er vielleicht auch kommen würde, weil er der Sohn von Erna ist«, sagte Anna und machte einen Schmollmund.
Ich stellte die Kaffeetasse wieder auf den Tisch, ohne einen Schluck genommen zu haben. »Du kennst ihn nicht. Das Einzige, was du von ihm weißt, sind die Dinge, die meine Mutter und mein Bruder dir über ihn erzählt haben«, presste ich hervor. Es fiel mir von Sekunde zu Sekunde schwerer, entspannt zu bleiben.
»Wo ist dein Bruder heute eigentlich?«, fragte Anna weiter und griff nach ihrer Gabel, mit der sie sich den Streuselkuchen auf dem Teller zerkleinerte.
Ich atmete tief durch und versuchte, nicht über zu reagieren. »Erinnerst du dich an die Sache, die du heute mit deiner Freundin machen wolltest, bevor ich dich gebeten habe, wenigstens heute für mich da zu sein?« Langsam drehte ich mich zu ihr, damit ich ihr direkt in die Augen schauen konnte.
»Mit Sarah? Ja, wir wollten uns Autos anschauen. Ihres ist ja letztens liegengeblieben.« Sie schob sich ein großes Stück Kuchen in den Mund.
»Du kannst ruhig zu ihr gehen«, sagte ich und rang mir ein Lächeln ab.
»Ja, ich treffe mich später mit ihr.« Sie legte die Gabel zur Seite und trank einen Schluck Kaffee.
»Nein, ich meine jetzt. Bitte geh einfach.«
»Warum das denn jetzt auf einmal?« Sie runzelte die Stirn und schaute mich verwirrt an.
»Ich habe eingesehen, dass es nicht in Ordnung von mir war, dass ich dich heute bei mir haben wollte, wo du doch eigentlich Pläne mit Sandra hattest.« Die Hände warf ich entschuldigend in die Höhe, aber ich fühlte diese Geste nicht. Da die unfassbare Wut langsam die Enttäuschung über Anna ablöste, wollte ich sie lieber loswerden, bevor ich etwas sagte, was ich anschließend bereuen würde.
»Mit Sarah. Ja, ich meine, sie hat sich schon geärgert, aber da kannst du ja nichts dafür.« Sie nahm erneut einen seelenruhigen Schluck aus ihrer Tasse, als würde sie nicht merken, dass sie die Mauer zwischen uns mit jedem weiteren Satz noch weiter in die Höhe baute.
Wie konnte eine Person so wenig Empathie haben?
»Und das möchte ich hiermit wieder gut machen«, erklärte ich so ruhig ich konnte. »Wenn es also nicht zu spät ist, kannst du zu ihr gehen.«
»Okay, super. Dann bis später.« Sie lächelte und stand auf, hielt dann aber inne. »Wie kommst du eigentlich nach Hause, wenn ich das Auto nehme?«
»Ich komme schon irgendwie wieder heim.« Oder auch nicht, fügte ich in Gedanken hinzu.
Sie gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange, verabschiedete sich von meiner Mutter und schlenderte vergnügt aus dem Saal. Kopfschüttelnd sah ich ihr hinterher. War das tatsächlich ihr Ernst? Auch, wenn ich erleichtert war, dass sie endlich weg war, ärgerte ich mich darüber, dass sie noch nicht einmal Mitgefühl hatte heucheln können.
»Musste Anna gehen?«, fragte meine Mutter.
Überrascht drehte ich mich zu ihr um.
»Um ehrlich zu sein bin ich froh, dass sie gegangen ist. Sie hat sich in letzter Zeit verändert.«
Der Blick, mit dem sie mich bedachte, war kaum auszuhalten. Es war eine Mischung aus Trauer und der stummen Aufforderung, um meine Beziehung zu kämpfen. Ich drehte mich von ihr weg, denn ich konnte diesen Blick nicht ertragen.
»Inwiefern?«, wollte sie weiter wissen. Während sie auf meine Antwort wartete, nahm sie einen Bissen von dem trockenen Streuselkuchen.
»Sie hat das Feingefühl einer toten Katze.«
Meine Mutter verschluckte sich und überspielte ihr Lachen mit einem Hustenanfall.
»Ich glaube, dass jeder anders mit dem Thema Tod umgeht«, warf meine Mutter ein und nippte schnell an ihrem Kaffee. »Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Das darfst du ihr nicht verübeln.«
»Es geht nicht darum, dass sie anders trauert als ich. Ich habe einfach das Gefühl, dass sie Omas Beerdigung und meine Trauer belasten.« Mein Blick schweifte durch den Raum und ich beobachtete die Trauergäste, die sich leise unterhielten, und endete wieder bei meiner Mutter.
»Ich bin mir sicher, dass du dir das einbildest.« Sie legte eine Hand auf meine Schulter und drückte leicht zu. Ihr Blick verriet, dass sie darauf auch keine Antwort hatte, also beließ ich es dabei. Doch obwohl ich mit Anna nicht darüber sprechen wollte, interessierte es mich, warum Herbert nicht hier war. Also blieb mir nur eins übrig: über meinen Schatten springen und meine Mutter fragen.
»Hast du ihn angerufen?« Meine Stimme klang angespannt und man konnte hören, dass ich durch die Zähne sprach.
»Ja, habe ich. Er weiß, dass die Beerdigung heute war, aber ich bin sicher, dass er seine Gründe hat. Wahrscheinlich hatte er niemanden für das Geschäft.«
Ich schüttelte den Kopf. »Du brauchst keine Ausreden für ihn zu finden. Selbst die Kollars haben es heute zu elft hierhergeschafft, obwohl sie auch einen Laden haben. Aber er allein schafft es nicht. So war er schon immer.«
»Nein, nicht immer. Familie bedeutet ihm viel …«
Ich unterbrach sie. »Familie bedeutet ihm gar nichts. Nur, weil du das ständig wiederholst, heißt das nicht, dass er dafür nicht mehr anwesend sein muss.« Ich wollte mich nicht schon wieder in Rage reden – wenn es um Herbert ging, war ich darin besonders ausdauernd. Ich war es leid, mich mit jedem zu streiten.
Unser Gespräch wurde unterbrochen, als jemand von einem anderen Tisch meine Mutter zu sich rief. Sie streichelte mir kurz über die Schulter und stand auf.
»Kommst du mit rüber zur Waltraud?«, fragte sie, aber es war eher eine Bitte und ich nickte. Ich folgte ihr an den anderen Tisch und setzte mich auf einen der freien Stühle.
Waltraud, eine langjährige Freundin meiner Großmutter, hatte anscheinend bereits mit der liebsten Tradition meiner Oma begonnen: Die Ehrung der Verstorbenen anhand von uralten Anekdoten, die ohnehin schon hundertmal zum Besten gegeben worden waren.
»Karin, meine Liebe«, begann Waltraud an meine Mutter gewandt. »Ich erzähle gerade die Geschichte vom Urlaub damals in Österreich.« Sie machte eine kurze Pause, bis meine Mutter nickte. »Wie hieß noch mal die Freundin von Erna? Die mit den drei Jungs?« Waltraud sah meine Mutter fragend an und diese überlegte angestrengt. An dem Tisch, an den uns Waltraud gerufen hatte, saßen zwei weitere Freundinnen von meiner Oma und ihre Ehemänner.
»Ich weiß es wieder, das war die Schuhmeier Margot.« Meine Mutter schaute erleichtert, dass ihr der Name eingefallen war, und Waltraud lächelte ihr anerkennend zu.
»Das stimmt. Danke, Karin. Jedenfalls waren wir im Urlaub in Neusiedl am See, in Österreich. Wir waren jedes Jahr dort, auf der Ruster Seite, und ich meine, Herbert und du waren auch dabei. Aber ihr hattet noch keine Kinder.« Die kleine Runde schaute meine Mutter an und sie nickte lächelnd. Die Frau fuhr fort: »Die Kollars waren mit ihren zwei Söhnen und die Schuhmeiers mit ihren drei Söhnen da. Meine Kinder waren zwischen dreizehn und siebzehn, glaube ich.« Sie machte eine kurze Pause, als zählte sie in ihrem Kopf die Personen zusammen. »Egal, es waren auf jeden Fall ein ganzer Haufen Kinder, die alle im Wasser waren. Sie schlossen Wetten ab, wer am weitesten rausschwimmen konnte. Ich habe mit den anderen Müttern zugeschaut und wir fanden es so witzig, dass wir die Kinder noch angefeuert haben. Doch plötzlich rannte Erna an uns vorbei …« Waltraud fing an zu lachen und musste pausieren, weil sie kaum noch atmen konnte. Auch meine Mutter und die anderen Zuhörer lachten schon, weil alle wussten, was gleich kommen würde. »Plötzlich rannte also Erna an uns vorbei ins Wasser und schrie den Kindern hinterher: ›Ihr dürft nicht so weit rausschwimmen, die erschießen euch!‹ Im ersten Moment waren wir natürlich schockiert und auch die Kinder, die dann panisch aus dem Wasser hechteten, waren die nächsten zwei Tage völlig verstört.« Sie wischte sich ihre Tränen aus dem Gesicht. »Aber nach ein paar Tagen konnten wir alle darüber lachen.«
Durch das laute Lachen der kleinen Runde hatten sich nach und nach mehr Gäste um uns herum versammelt. Viele kannten die Geschichte schon, so wie ich, aber sie lachten trotzdem.
Als ich die Geschichte das erste Mal gehört hatte, fand ich sie auch lustig und habe herzlich gelacht. Doch irgendwann kam ich nicht mehr umhin, die Panik und Angst zu überhören, die sich in ihr widerspiegelte. Denn später fand ich heraus, dass der Neusiedler See zu einem kleinen Teil zu Ungarn gehörte, was bis zum Ende der achtziger Jahre noch durch den Eisernen Vorhang von Österreich und dem Westen getrennt war. Ich hatte nie verstanden, was ihre panische Reaktion ausgelöst hatte und hatte es auch nie geschafft, sie zu fragen, denn ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich damit alte Wunden aufgerissen hätte.
Waltraud war noch lange nicht fertig, denn sie kannte einige Geschichten, die meine Großmutter gut beschrieben und zeigten, was für ein Mensch sie gewesen war. Glücklicherweise ging es in den anderen Anekdoten um harmlosere Geschehnisse, wie ihre geheimen Rezepte, die sie nicht herausrücken wollte.
Eigentlich wollte ich mich nicht aktiv beteiligen, sondern nur zuhören und alles einsaugen, was ich noch nicht über meine Oma wusste. Doch irgendwann ließ ich mich von der Euphorie der anderen anstecken und als ich mich räusperte, wurde es augenblicklich still um mich herum. Die Gäste schauten mich an, machten es sich auf ihren Stühlen bequem und warteten, dass ich anfangen würde zu erzählen.
»Ich weiß nicht mehr genau, wann es war, aber mein Opa war schon gestorben und ich saß bei meiner Oma am Küchentisch und blätterte in einer Tageszeitung aus unserem Ort.« Die Aufmerksamkeit war zu viel für mich und ich konnte nur meine Mutter und Waltraud anschauen. »In den Todesanzeigen fand ich einen ehemaligen Nachbarn von meiner Oma und erzählte es ihr. Sie fragte, wann die Beerdigung sei und sagte, dass sie an dem Tag leider keine Zeit hatte. ›Das ist aber schade‹, war meine Antwort und ich blätterte weiter. Sie schaute mich allerdings nur gleichgültig an. ›Warum schade? Er darf sich nicht beschweren. Er kommt schließlich auch nicht mehr zu meiner Beerdigung.‹«
Für einen kurzen Moment hätte man eine Stecknadel fallen hören können und ich bereute es, einen solchen Witz auf einer Beerdigung gemacht zu haben. Doch auf einmal prustete Waltraud los und der Rest stimmte nach und nach mit ein.
»Das sieht deiner Großmutter so ähnlich«, sagte Waltraud und schlug sich auf den Oberschenkel vor Lachen.
Meine Mutter lächelte mich an und ich lächelte zurück. »Sehr makaber, aber so war sie nun einmal. Ihren Humor werde ich am meisten vermissen.«
Ich nickte, denn ihre Bestätigung beruhigte mich.
Es war schön, sie so in Erinnerung zu behalten, wie sie war, aber mir war gerade nicht nach Lachen zumute. Ich vermisste sie, die Beziehung mit Anna ging gerade den Bach runter und ich fühlte mich einfach leer.
»Ich geh mal kurz an die frische Luft«, sagte ich leise zu meiner Mutter, stand auf und ging nach draußen.
Es war, als würde ich gegen eine Wand laufen, so sehr stand die Hitze vor der Tür. Mir war nicht aufgefallen, dass der Raum klimatisiert war. Ich suchte mir einen Platz fernab der Raucher, denn ich wollte nicht mit ihnen reden und mir ihre Beileidsbekundungen erneut anhören.
Es dauerte nicht lang, bis Claudia Kollar mich fand. Sie war die jüngste Enkelin von Rudi und Frida. Während sie auf mich zulief, erinnerte ich mich an früher. Damals verbrachten wir so viel Zeit miteinander, dass es sich schon fast anfühlte, als wäre sie meine Schwester. Und trotzdem war ich als Grundschüler davon überzeugt gewesen, dass ich sie einmal heiraten würde.
»Na, Kleiner.« Sie setzte sich neben mich auf die Bank.
»Ich bin viel größer als du.« Ich legte meinen schweren Kopf in den Nacken und hörte es überall knacken.
»Aber jünger«, sagte sie.
»Gerade einmal vier Jahre«, gab ich zurück und stöhnte, doch sie ignorierte es gekonnt.
»Das reicht, um dich Kleiner zu nennen.« Schnell legte sie mir ihre Handfläche auf den Kopf, doch bevor ich ihre Hand wegschlagen konnte, hatte sie sie wieder heruntergenommen.
Auch, wenn ich es eigentlich nicht wollte, musste ich lächeln. Ich hatte zu Claudia schon immer ein besseres Verhältnis gehabt als zu meinem Bruder. Mike war zehn Jahre älter als ich und nie daran interessiert gewesen, sich mit seinem kleinen Bruder zu beschäftigen. Mit Claudia war das anders. Denn auch, wenn wir uns oft wegen unserer Großeltern sahen, hatte ich nie das Gefühl, dass ich sie stören würde.
»Erinnerst du dich an die Kerb, damals?«, fragte ich Claudia, die ihren Blick auf die Raucher vor der Tür gerichtet hatte. Ich erinnerte mich sehr genau und musste unwillkürlich über beide Ohren grinsen. Bei uns hieß es Kerb, bei anderen Kirmes, Kirtag oder Kirchweihfest.
»Oh Gott. Wie alt waren wir? Ich glaube, ich war sechzehn und du zwölf.« Claudia drehte sich zu mir um und warf eine Hand in die Luft.
»Alle, wirklich alle waren auf der Kerb«, fuhr ich unbeirrt weiter.
»Nur ich durfte nicht, weil ich auf dich Hosenscheißer aufpassen musste.« Sie legte mir wieder die Hand auf den Kopf, obwohl ihr klar war, dass ich das hasste.
»Ich konnte da doch gar nichts dafür.« Ich zuckte grinsend mit den Schultern.
»Doch natürlich! Du hättest einfach mit unseren Eltern mitgehen können.« Claudia schüttelte den Kopf.
»Nein, die wollten sich betrinken. Und dann wolltest du mich einfach allein lassen.« Ich riss den Mund auf und tat so, als wäre ich entsetzt.
»Klar, ich war mit meinen Freunden auf der Kerb verabredet.« Sie schaute mich an, als ob das als Entschuldigung reichte.
»Und dann bin ich dir durchs Fenster nachgestiegen und du hast die ganze Zeit gemeckert, dass ich hätte zu Hause bleiben sollen. Aber euer Haus war so gruselig.« Obwohl ich den Kopf schüttelte, musste ich lachen und Claudia stimmte mit ein. Mir war durch das Lachen so warm geworden, dass ich noch mehr schwitzte als ohnehin schon.
»Du hast dir die ganze Zeit fast in die Hosen gemacht, aus Angst, sie würden uns auf der Kerb entdecken und anmeckern.« Claudia strich sich eine Strähne hinter ihr Ohr. »Dabei haben sie nur gelacht, als sie uns gesehen haben.«
»Ich glaube, sie haben sich schon so etwas in der Art gedacht«, sagte ich.
»Sicherlich. Das war nicht das erste Mal, dass ich von zu Hause abgehauen bin, um auf ein Fest zu gehen.« Sie zuckte mit den Schultern, als wäre es etwas ganz Natürliches, dass sich Kinder nachts aus dem Haus stahlen. Und ich bewunderte sie für die lockere Art, mit der sie schon immer durch das Leben gegangen war.
Wir saßen einen Moment schweigend nebeneinander und ich hing meinen Gedanken nach. Früher war es das Größte für mich gewesen, wenn wir zu den Kollars fuhren. Ich liebte das Gefühl, das mir Großfamilien gaben. Immer ein wenig hektisch, laut, lustig. Es gab viel zu erzählen und jedes Mal erlebte man etwas, das einen prägte.
»Du vermisst sie sehr, oder?« Claudia riss mich aus meinen Gedanken.
Traurig nickte ich. »Ich kann es nicht beschreiben. Sie war meine beste Freundin und mein Vorbild.« Nervös knetete ich meine Hände. »Ich habe so viel von ihr gelernt, und wenn sie in der Nähe war, fühlte ich mich immer beschützt und sicher. Es gab nichts, was sie nicht für mich und Mike getan hätte.« Unaufhaltsam bahnten sich meine Tränen einen Weg ins Freie und ich spürte jede einzelne von ihnen auf meiner Wange.
»Aber bei ihr zu Mittag essen war schlimm«, sagte Claudia und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
Sofort prustete ich los.
»Mich wundert es, dass du nicht mehr Kilos auf die Waage bringst.« Entschuldigend hob sie die Arme und lächelte.
»Das stimmt. Egal, wie oft man sagte, dass man satt war, sie schaufelte noch mehr Essen auf den Teller«, bemerkte ich.
»Und sie hat immer so viel Butter auf das Brot geschmiert, dass sie fast höher als das Brot selbst war. Ich habe sie mehr als einmal runtergekratzt.«
Wir lachten. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so guttat, mit Claudia über früher zu sprechen. Es fühlte sich an, als wäre das alles schon Jahre her, dabei habe ich bis vor zwei Wochen noch meinen Teller in die Spülmaschine geräumt, damit meine Oma ihn nicht wieder füllen konnte.
»Sie hat dir das Herz gebrochen, als sie ging.« Geistesabwesend nickte ich. Claudia sprach das aus, was ich fühlte, bevor ich es überhaupt selbst wusste.
»Und das ist die Art von gebrochenem Herzen, die selbst die Zeit nicht heilen kann.« Sie nahm mich in den Arm und ich ließ meinen Tränen freien Lauf.
Am späten Nachmittag nach der Trauerfeier fuhren meine Mutter und ich zu ihr nach Hause. Anna hatte zwei Mal angerufen, aber ich konnte nicht mit ihr sprechen. Sie wollte mir wahrscheinlich ein paar Autos und deren Daten durchgeben, damit ich ihr und Sarah bei der Auswahl helfen konnte. Ich fand Ablenkung keineswegs verkehrt, aber nicht die Art, wie sie Anna mir geben wollte.
Während meine Mutter in der Küche ein paar Brote belegte, lag ich im Wohnzimmer auf der Couch. Eigentlich wollte ich die Augen ein wenig zumachen, aber die Gedanken hielten mich wach.
»Schläfst du?«, fragte meine Mutter, und lehnte sich an den Türrahmen im Wohnzimmer.
Ich schüttelte den Kopf.
»Magst du ein paar Brote? Wir könnten uns auf die Terrasse setzen.« Dieses Mal nickte ich.
Mein Körper knackste, als ich aufstand und mich streckte.
»Du hättest dir doch nicht so viel Mühe machen müssen«, sagte ich, als ich den vollen Tisch sah. Es gab Kaffee und ein paar Stücke Kuchen. Wein entdeckte ich nicht, aber zumindest die Gläser standen schon auf dem Tisch. Und dann fielen mir die Brote auf.
»Du hast Omas Brote gemacht?«
»Die gehören doch zu einer ordentlichen Brotzeit.« Auf dem Tisch stand ein ganzes Tablett mit kleinen, aber dicken Scheiben Baguette. Wenn ich diese Brote aß, musste ich immer an meine Oma denken, wie sie in der Küche stand und erst Mayonnaise auf die Scheiben strich, um sie dann ordentlich mit Schinken, Salami oder Käse zu belegen. Ei, Gewürzgurke und Paprika durften nicht fehlen. Zum Schluss wurde alles mit Schnittlauch oder Petersilie dekoriert. Diese Brote waren eine wahre Kunst.
Nachdem ich die Hälfte des Tabletts nahezu allein gegessen hatte, beobachtete mich meine Mutter eindringlich und ich sah sie fragend an.
»Mir ist nur aufgefallen, dass du deinen Appetit wiedergefunden hast«, sagte sie und ich nickte. Ich hatte in den letzten Wochen kaum etwas gegessen.
»Wein?«, fragte sie und ich nickte erneut. Sie ging zum Kühlschrank und holte den guten Österreichischen, den uns die Kollars immer mitbrachten, wenn sie in Neusiedl Urlaub machten. Meine Mutter schenkte mir ein Achtel Weißwein ins Glas.
»Da kannst du ruhig ein Viertel draus machen«, sagte ich und lächelte sie herausfordernd an.
Sie verzog die Lippen zu einem Grinsen und setzte die Flasche noch einmal an. Ihren Wein füllte sie mit Wasser auf.
»Oh ja«, sagte ich nach dem ersten Schluck. »Das ist nicht deine schlechteste Idee.«
Ich spielte mit dem Glas in meiner Hand und spürte die Wärme, die in mir aufstieg. Wenn ich bei meiner Familie war, tranken wir viel Wein, obwohl ich eher ein Biertrinker war.
»Ich habe vorhin mit Mike telefoniert. Er richtet schöne Grüße aus und hat sich noch einmal entschuldigt, dass er nicht hier sein kann.«
Ich war überrascht, dass sie ihn jetzt erwähnte.
»Wo ist er gerade?«, fragte ich, auch wenn es mich nicht wirklich interessierte.
»In Portugal«, antwortete meine Mutter und ich nickte pflichtbewusst.
Ich hätte mich selbst um ein besseres Verhältnis mit ihm bemühen können, aber ich habe mir immer eingeredet, dass es seine Aufgabe wäre, da er der Ältere von uns beiden war, der Vernünftige. Aber es hatte nichts mit dem Alter oder der Vernunft zu tun. Einzig das Wollen spielte eine Rolle, und das war bei uns beiden nicht gegeben. Irgendwann war es zu spät gewesen und ich traute mich nicht, den ersten Schritt zu machen, also beließ ich es gänzlich. Die einzige Verbindung, die wir hatten, war unsere Mutter.
»War Andrea eigentlich heute da?« Ich hatte gar nicht darauf geachtet, ob die langjährige Freundin meiner Mutter da gewesen war. Mike und ich hegten seit langer Zeit den Verdacht, dass die beiden mehr als Freundschaft verband, aber wir würden sie darauf nicht ansprechen.
»Ja, sie war zur Beisetzung kurz da, musste aber wieder zur Arbeit. Sie wollte uns nicht auch noch ansprechen und drücken, aber sie hat versprochen morgen vorbeizukommen.«
»Das ist nett von ihr.« Ich nickte verträumt.
Eine Weile war es still zwischen uns, bis meine Mutter sich räusperte.
»Daniel?«, fragte sie und ich sah geistesabwesend auf.
»Ich weiß«, fuhr sie fort, »dass jetzt wahrscheinlich kein guter Zeitpunkt ist, aber irgendwann müssen wir in Ernas Haus und uns überlegen, was mit ihren Sachen passieren soll.«
Seit ihrem Tod war ich nicht mehr in ihrem Haus gewesen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dort ohne sie zu sein, ohne den Duft von frisch gebackenen Buchteln. Diese kleinen, leckeren Teigteilchen mit Marmeladenfüllung, die es so oft gegeben hat.
Ich war kurz davor, sie zu fragen, ob sie das allein machen könnte. Aber ich dachte so oft nur an mich selbst, also nickte ich.
Meine Mutter litt sehr unter dem Tod ihrer Schwiegermutter. Ihre Eltern waren gestorben, da war sie gerade volljährig. So waren meine Großeltern die letzten dreißig Jahre zu ihren Ersatzeltern und engen Verbündeten geworden. Von meiner eigenen Trauer eingenommen, vergaß ich oft, dass ich nicht die einzige Person war, die jemand Geliebtes verloren hatte.
»Aber nur, wenn du bereit bist. Wir müssen nichts überstürzen«, bot meine Mutter an.
Ich nahm einen kräftigen Schluck Wein. Irgendwann würden wir es einfach machen müssen, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich je dafür bereit sein würde.
»Daniel, da gibt es noch etwas.« Der Blick in ihren Augen verriet nichts Gutes.
»Was ist? Du machst mir Angst.« Ich spürte, wie mein Herz schneller zu schlagen begann.
»Du hast ja keine Ahnung, wie sehr ich alle dafür verfluchen könnte, dass sie mich mit der Wahrheit zurückgelassen haben und dass ich jetzt diejenige bin, die dir alles sagen muss.« Ihre Unterlippe begann zu zittern und große Tränen rannten über ihre Wange. Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und schnäuzte sich die Nase.
»Was meinst du mit ›Wahrheit‹? Und wer sind ›alle‹?« Mir war bewusst, dass manche Dinge nicht leicht auszusprechen waren, aber ich war ein sehr ungeduldiger Mensch. Ich wünschte, sie würde das Pflaster einfach in einem Rutsch abreißen.
»Ich will, dass du eins noch vorher weißt: Ich war von Anfang an dagegen, es geheim zu halten. Aber es ist nicht meine Geschichte, ich mache nicht die Regeln.« Sie sah mich an und wartete auf eine Reaktion von mir, doch ich warf ihr nur einen bösen Blick zu. Wenn sie nicht gleich anfing zu erzählen, würde ich vor Neugierde platzen.
Sie atmete tief durch. »Deine Großeltern sind nicht die leiblichen Eltern von Herbert.«
Mit offenem Mund starrte ich sie an. Ich konnte nicht begreifen, was sie mir da gerade erzählt hatte. Es vergingen einige Momente, bis ich begriff, dass sie es ernst meinte. Herbert war nicht der leibliche Sohn meiner Oma. Was wiederum nur bedeuten konnte, dass auch ich nicht mit meiner Oma verwandt war.
»Ich verstehe das nicht.« Verwirrt warf ich die Hände in die Luft und fuhr mir dann durch die Haare. Ich versuchte verzweifelt, die Worte zu verarbeiten, die ich gerade gehört hatte.
»Ich weiß, mein Schatz. Es tut mir auch leid, dass ich es dir jetzt erzählen muss, aber Erna wollte es euch Kindern zu Lebzeiten nicht sagen. Sie hatte ein schlechtes Gewissen und Angst, dass du sie in einem anderen Licht sehen könntest.« Sie stotterte und umklammerte krampfhaft ihr Weinglas, sodass ich das Gefühl hatte, es würde gleich in tausend Teile zerbrechen.
»Aber warum? Wie ist das möglich?«
»Ich kenne nicht die ganze Geschichte, aber willst du das hören, was ich weiß?« Sie klang verunsichert, dabei war mein Blick selbsterklärend. »Gut, dann hole ich mal den Schnaps.« Sie stand auf und ließ mich mit meinen Gedanken allein.
Da ich nicht mehr stillsitzen konnte, lief ich auf der Terrasse auf und ab. Obwohl die Sonne mittlerweile hinter den Bäumen verschwunden war, wärmte sie mich trotzdem noch.
Was bedeutete das alles für mich? Wie konnte man sein ganzes Leben lang denken, dass man seine Familie kannte und plötzlich erfahren, dass es nicht so war?
Meine Mutter betrat die Terrasse mit einer Flasche Haselnuss Vodka und zwei Schnapsgläsern. Sie schenkte uns großzügig ein. Ohne anzustoßen tranken wir das Glas in einem Zug leer. Ich sah sie an und wartete darauf, dass sie anfing, mir alles zu erzählen, aber sie schwieg.
»Ich warte«, sagte ich fordernd.
»Ich weiß.« Sie senkte den Blick. »Ich wusste, dass der Tag irgendwann kommt, aber egal, wie viel Zeit man hat, man kann sich auf so etwas nie ausreichend vorbereiten.« Sie machte eine Pause, als würde sie noch einen Moment über ihre nächsten Worte nachdenken. »Also. Die ganze Wahrheit erfuhr ich erst, als dein Opa starb. Vorher habe ich nur hier und da einzelne Bruchstücke erfahren.« Erneut nahm sie ihr Taschentuch aus der Hosentasche, um sich ihre Nase zu schnäuzen. »Deine Großeltern sind in der Nähe von Znaim, in Tschechien geboren und nach dem Krieg sind sie nach Deutschland gekommen. Sie adoptierten deinen Vater, weil sie selbst keine Kinder bekommen konnten. Als dein Vater davon erfuhr, war er außer sich vor Wut, weil er in einer Lüge aufgewachsen war. Er hat es nur zufällig herausgefunden und konnte ihr nicht verzeihen, dass sie es ihm nicht selbst gesagt hat.« Sie geriet ins Stocken, als sie sah, wie ich meine Augen aufriss. Vielleicht wartete sie auf eine Frage von mir, aber es schwirrten so viele Dinge in meinem Kopf herum, dass ich mich unmöglich auf das Sprechen konzentrieren konnte. Nervös ließ ich alle Finger knacken.
»Erna wollte ihm damals nicht sagen, wer seine richtigen Eltern waren, also fuhr er kurzentschlossen nach Znaim, in der Hoffnung seine leiblichen Eltern zu finden. Ich erinnere mich an damals, wie traurig und gebrochen Erna in dieser Zeit war.« Meine Mutter ließ den Kopf hängen. »Sie sagte immer wieder, dass sie ihn all die Jahre beschützt hatte, nur um ihn jetzt doch zu verlieren.« Mit einer Pause unterbrach sie sich selbst und ließ ihre Tränen über das Gesicht laufen, die sie mit ihrer Hand wegwischte.
Ich fasste mir mit beiden Händen an die Stirn und dachte darüber nach, was mir meine Mutter gerade erzählt hatte. Durch ihre Worte spielten sich die Szenen vor meinem inneren Auge ab und ich stellte mir meine Großmutter vor, die mit einem gebrochenen Herzen auf die Rückkehr ihres Sohnes wartete.
»Hat er herausgefunden, wer seine richtigen Eltern waren?«
»Ich glaube schon, aber sie waren nicht mehr am Leben.« Sie schenkte sich noch einen Schnaps ein und trank ihn aus, bevor sie weitererzählte. »Nach ein paar Wochen kam Herbert wieder und unterhielt sich lange mit seinen Eltern. Ich habe wie gesagt erst viel später die Wahrheit erfahren, aber nach dem Gespräch packte dein Vater die Sachen und zog nach Österreich.«
»Und er hat einfach die Familie verlassen.« Ich schüttelte den Kopf, denn ich konnte immer noch nicht begreifen, dass er das getan hatte. Selbst nach all der Zeit.
»Das stimmt nicht. Es ist ihm nicht leichtgefallen. Aber manchmal muss man seinem Herzen folgen, auch wenn es die Personen verletzt, die zurückbleiben.«
»Die verletzten Personen waren ein Drei- und ein Dreizehnjähriger. Wie kann man so egoistisch sein und seine kleinen Kinder verlassen, nur weil man sich selbst finden möchte?« Wut braute sich in mir zusammen, die ich so oft spürte, wenn ich über meinen Vater sprach.
»Daniel, das ist nicht fair.« Meine Mutter streckte die Hand nach meiner aus, doch ich zog sie energisch zurück und ließ sie auf meinen Schoß sinken.
»Ich will auch nicht fair sein. Du hast ihn mit Sicherheit nicht gezwungen, dich zu heiraten. Er wollte diese Familie selbst und dann lässt er uns einfach im Stich, um der Vergangenheit hinterher zu reisen.« Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Als ich sie wieder öffnete, sah ich die Tränen meiner Mutter und fuhr mir mit der Hand durch die Haare. »Aber ich möchte mich nicht schon wieder über das Thema aufregen. Ich habe das schon viele Jahre meines Lebens getan.« Um meine Hände zu beschäftigen, trank ich mein Glas leer und schenkte mir aus der Flasche nach. »Was ist damals passiert, dass Oma so außer sich war?«
»Es ist nicht meine Geschichte. Auch, wenn ich jetzt den Stein ins Rollen gebracht habe, wäre es nicht richtig, wenn ich dir alles erzähle.« Meine Mutter legte ihren Kopf schief, wie sie es immer tat, wenn sie nervös war.
»Wer soll es mir denn dann erzählen?« Verwirrt schaute ich meine Mutter an.
»Dein Vater«, antwortete sie.
Ich öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder. Das konnte sie unmöglich ernst meinen.
»Wenn du denkst, ich rufe ihn an oder fahre sogar nach Österreich, um mit ihm bei einem Käffchen über die Vergangenheit zu reden, dann hast du dich leider getäuscht.« Ich verhielt mich wie ein kleiner Junge, aber ich konnte nicht anders, als meine Arme vor der Brust zu verschränken. »Ich weiß, wie sehr du dir wünschst, dass ich mich mit ihm versöhne, aber das werde ich nicht. Er hat sich dazu entschieden uns zu verlassen, und ich werde ihm mit Sicherheit nicht hinterherrennen.«
»Denkst du nicht, dass es an der Zeit wäre …«, begann meine Mutter, doch ich unterbrach sie.
»Nein. Mir ging es die letzten zwanzig Jahre ohne Vater gut. Warum sollte ich das jetzt ändern? Bevor du jetzt wieder Ausreden suchst: Bitte nimm ihn nicht mehr in Schutz.« Ich hob die Hände in die Höhe, um ihr zu zeigen, dass das Thema für mich erledigt war.
Meine Mutter ließ den Kopf hängen. Wir konnten doch nicht schon wieder über diese ausweglose Situation reden. Mein Vater hatte irgendwann aufgehört, am Telefon nach uns zu fragen oder uns Geschenke zum Geburtstag zu schicken. Und ich hatte die Hoffnung irgendwann aufgegeben, dass er jemals zu uns zurückkommen würde.
»Es gibt Menschen, die haben eine Sehnsucht nach Orten, die man nicht in Worte fassen kann. Wenn man aber deinen Vater kannte, konnte man sie in seinen Augen sehen. Er war hier nicht glücklich und es lag weder an dir noch an mir, dass er damals gegangen ist. Du bist nicht der Grund, warum er nach Österreich gezogen ist.«
Ich verdeckte meine Augen mit meinem Arm. Die Tränen liefen und ich bekam kaum Luft. Alles in meiner Brust fühlte sich eng an. Mein Herz hatte keinen Platz mehr, es wollte aus meinem Körper ausbrechen. Ich spürte die Arme meiner Mutter, die sich behutsam um mich legten und die Hände, die meinen Rücken und meinen Kopf streichelten.
»So hat es sich aber angefühlt.« Ich schluchzte wie ein kleines Baby. Meine Lippen zitterten und ich fuhr mir mit dem Ärmel meines Hemdes über das Gesicht.
»Aber ich habe dir immer gesagt, dass das nicht der Grund ist, warum er gegangen ist.« Meine Mutter drückte mich noch enger an sich.
»Du hast aber auch nie einen anderen Grund gesagt. Natürlich denkt dann ein kleiner Junge, dass er selbst daran schuld ist.« Die Selbstzweifel hatten mich mein Leben lang begleitet und es war nicht einfach, diese Gewohnheit plötzlich abzulegen.
»Es tut mir so leid. Man denkt, wenn man Erwachsen ist, hat man das Leben verstanden und macht keine Fehler mehr. Dabei sind wir alle nur auf der Suche nach dem Sinn und dem Richtig und dem Falsch. Wir handeln nur nach bestem Wissen und Gewissen. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und alles besser machen.«
Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und versuchte, langsamer und tiefer zu atmen, um mich zu beruhigen. In den letzten zwei Wochen hatte ich so viel geweint, wie zuletzt als Baby.
Meine Mutter setzte sich wieder auf den Platz mir gegenüber.
»Warum seid ihr eigentlich immer noch verheiratet?«, fragte ich und lehnte mich auf dem Stuhl zurück. Ich fühlte mich kraftlos und müde.
»Wir wollten euch das nicht auch noch antun. Aber hätte einer von uns das Bedürfnis gehabt, wieder zu heiraten, hätten wir uns scheiden lassen. Wir haben nur ein einziges Mal darüber geredet.« Bei diesen Worten schaute sie in den Garten.
Ich habe immer gewusst, dass meine Mutter regelmäßig Kontakt zu meinem Vater hatte. Aber ich wusste nie, ob es Liebe oder Gewohnheit war, dass sie ihn immer verteidigte. Sie richtete uns immer Grüße von ihm aus und wollte uns erzählen, wie es in seinem Geschäft lief, aber Mike und ich hatten nie Interesse an seinem Leben gehabt.
Der Wein war mittlerweile leer und ich stand auf, um eine neue Flasche aus dem Keller zu holen. Beim Aufstehen merkte ich allerdings an meinem fehlenden Gleichgewichtssinn, dass der Alkohol seine Spuren hinterlassen hatte. Im Flur machte ich eine kurze Pause und sah mir die Fotos an, die die kleine Wand schmückten.
Ich entdeckte einige Bilder meiner Großeltern, wenige in Schwarzweiß und viele in Farbe. Sie wirkten immer so verliebt ineinander und zufrieden mit dem Leben. Es waren fröhliche Menschen, und wenn ich bei ihnen war, hatten wir immer viel gelacht.
Ich sah mir jedes einzelne Bild an und fragte mich, ob es etwas änderte, dass wir nicht richtig miteinander verwandt waren. Die Erinnerungen an eine wunderbare Kindheit und liebende Großeltern konnte mir niemand nehmen. War der Grund wichtig, warum sie Herbert adoptiert hatten, oder war es nur wichtig, dass er und seine zwei Söhne ihren Platz in einer wunderbaren Familie gefunden hatten?
Ich entdeckte das Hochzeitsfoto meiner Eltern. Trotz ihres ernsten Blickes wirkten die beiden sehr glücklich. Und dann sah ich das Bild, das ich mir schon etliche Male angeschaut hatte. Es war das letzte Foto, das mich und meinen Vater zeigte. Ich war drei Jahre alt und er hielt mich auf seinem Arm. Wir standen bei uns im Garten und schauten beide direkt in die Kamera. Mein Vater war voller Erde, wahrscheinlich hatte er das Gemüsebeet umgepflanzt. Früher hatte ich dieses Foto stundenlang betrachtet, in der Hoffnung, den Grund dafür zu finden, dass er uns kurze Zeit später verließ. Die Hoffnung, dass mir das Bild die Wahrheit erzählen würde, ließ es mich gleichzeitig lieben und hassen. Doch mit den neuen Erkenntnissen versuchte ich das Bild neu zu interpretieren. Wirkte der Blick meines Vaters leer oder bildete ich mir das ein? Konnte man die Sehnsucht in den Augen eines Menschen durch ein zwanzig Jahre altes Foto erkennen?
Hinter mir tauchte meine Mutter auf. »Findest du den Blick deines Vaters nicht auch sehr traurig? So sah er die meiste Zeit aus.«
Ich antwortete nicht. Es gab nichts mehr zu sagen.
»Herbert hat euch sehr geliebt und liebt euch immer noch. Aber hier zu sein brach ihm das Herz.« Meine Mutter fuhr mir mit ihrer Hand über den Rücken und lehnte ihren Kopf an meine Schulter.
»Was kann Oma denn getan haben, dass er gleich das Land verlassen musste?«
»Es ging nicht darum, was sie getan hatte. Er hat sie niemals dafür gehasst, dass sie ihn adoptiert hat, falls du das denkst. Im Gegenteil, es hat sie noch mehr verbunden. Erna hat zwar sehr darunter gelitten, dass Herbert von ihr weggezogen ist, aber sie hat seine Sehnsucht nach der alten Heimat verstanden.« Meine Mutter löste sich von mir und ging in den Keller, während ich weiterhin auf der Stelle stand und über unser Gespräch nachdachte.
Heimat. Diesen Begriff hatte ich bewusst noch nie verwendet. Frankfurt war mein zu Hause, aber ich bezeichnete es nie als Heimat. Viele Menschen verwendeten diesen Begriff für den Ort, an dem sie geboren wurden, oder wo ihre Familie lebte. Ich hatte Häuser und Orte, an denen ich mich wohlfühlte und wo meine Familie wohnte, aber keiner von ihnen war eine Heimat für mich. Wie fühlte sich die Heimat an, und wie fand man heraus, wo sie war?
Meine Mutter war mit einer Flasche Wein aus dem Keller zurück in den Flur gekommen, während ich immer noch die Bilder betrachtete, als würden sie mir ihre Geheimnisse erzählen.
All die Jahre war ich davon ausgegangen, dass sich die Sache mit meinem Vater erledigt hatte, dass ich ihn nicht brauchte und nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Doch dann erfuhr man von einer Sache, von der man nicht glaubte, dass sie die Sicht auf die Vergangenheit ändern könnte, und es änderte alles.
Wir saßen wieder auf der Terrasse und meine Mutter füllte unsere Gläser mit einem anderen österreichischen Wein.
»Willst du heute Abend auf der Couch schlafen?«, fragte sie.
»Ja, ich denke das wäre besser.« Ich seufzte. Was war das nur für ein Tag gewesen.
»Hast du Anna schon Bescheid gesagt?«, fragte sie weiter.
Ich schien sehr große Augen zu machen, denn meine Mutter lächelte. »Du hast sie vergessen, oder?«
»Um ehrlich zu sein, ja. Aber sie wird es schon merken, wenn ich nicht nach Hause komme. Ich glaube auch nicht, dass sie mich sonderlich vermisst.« Das Handy zeigte mir nicht mehr als die beiden Anrufe von ihr heute Mittag. Mein bester Freund Chris hatte sich per SMS bei mir erkundigt, wie die Trauerfeier gelaufen war und ob ich etwas bräuchte.
»War Chris eigentlich auf der Beerdigung?«, fragte ich meine Mutter.
»Natürlich. Er saß ein paar Reihen hinter uns. Aber im Saal war er nicht dabei, glaube ich.«
»Ich habe weder Andrea noch Chris wahrgenommen?« Entsetzt, dass ich so wenig mitbekommen hatte, schüttelte ich den Kopf.
»Das ist doch verständlich. Es war schön, dass Chris da war. Erna war ja auch wie eine Oma für ihn.«
Ich nickte abwesend, denn ich tippte bereits eine Antwort in mein Handy ein. Danke, aber ich brauche nichts. Schön, dass du da warst.
Jederzeit, war die prompte Antwort. Ich legte mein Handy zur Seite.
»Wollen wir Pizza bestellen?«, fragte meine Mutter, während sie uns die Gläser erneut auffüllte, obwohl sie nicht richtig leer waren.
»Ich hätte Lust auf einen Döner. Aber hier liefert ja keiner, oder?« Ein großes Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit.
»Nein. Tu nicht so, als würden sie in Frankfurt liefern.«
Wir lachten.
Ich tat immer so, als wäre Frankfurt so viel fortschrittlicher als das kleine Kaff, in dem meine Mutter und Oma wohnten. In Wahrheit unterschied die beiden Städte nur die bessere Infrastruktur und die Anzahl der Bewohner.
»Ich hole mir aber noch ein paar belegte Brote.«
»Warte, du weißt nicht, wo sie stehen. Ich habe sie weggeräumt. Willst du auch Kuchen?« Meine Mutter stand auf.
Ich grinste und nickte.
Sobald sie in der Küche verschwunden war, bemerkte ich, dass die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwand. Der grelle und heiße Tag hatte sich während unseres Gespräches in einen lauen Sommerabend verwandelt. Die Temperatur war stark gesunken und mir war, als würde es gleich ein Gewitter geben.
»Mama?«, rief ich in die Wohnung. »Vielleicht gehen wir doch lieber rein. Ich denke, dass es bald regnen wird.«
Meine Mutter steckte ihren Kopf durch die offene Terrassentür. »Bist du dir sicher?«
»Lag ich jemals falsch?« Ich verdrehte die Augen.
»Oft genug«, sagte sie grinsend. »Erna hat auch immer voraussagen können, wann es anfängt zu regnen. Das hast du von ihr geerbt.«
»Tja, anscheinend ja nicht«, sagte ich traurig.
