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Lenny im Experimente-Fieber Lenny erforscht so ziemlich alles, was ihm unter die Finger kommt, von Regenwürmern bis zu Mitschülern. Als sein Opa an »Herzschmerz« stirbt, will er es genauer wissen: Wie ist das eigentlich mit diesen Verliebungen und wie um alles in der Welt findet man seine große Liebe? Zusammen mit seinen besten Freunden will er auch dieser Frage auf den Grund gehen. Er befragt seine Mitmenschen und macht Experimente, bei denen so ziemlich alles schiefgeht, was nur schiefgehen kann. So einfach scheint das mit der Liebe nämlich nicht zu sein. Ob Lenny dem großen Geheimnis doch noch auf die Spur kommt?
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Seitenzahl: 98
Veröffentlichungsjahr: 2022
Lenny erforscht so ziemlich alles, was ihm unter die Finger kommt – Regenwürmer und Schnecken, aber auch seine Mitschüler. Als sein Opa an »Herzschmerz« stirbt, will er es genauer wissen: Wie ist das mit der Liebe? Wie verliebt man sich und wie um alles in der Welt findet man eigentlich seine große Liebe? Zusammen mit seinen besten Freunden Leontina und Tarek geht er auch dieser Frage auf den Grund. Er befragt seine Mitmenschen und macht Experimente, bei denen so ziemlich alles schief geht, was nur schief gehen kann. So einfach scheint das mit der Liebe nämlich nicht zu sein …
Mit Illustrationen von Tine Schulz
Fürmeinen Lieblingsforscherunddie wahre Schneckensammlerin
Es war stockduster in meinem Zimmer. Ich lag auf dem Boden und starrte das Mark-Forster-Poster an der Zimmerdecke an. Nicht, dass ich es sehen konnte. Da half auch meine Brille nicht. Wie gesagt, es war ja dunkel. Aber ich wusste ganz genau, dass es da oben war und der Sänger auf mich hinabgrinste. Meine Schwester Anni hatte das Poster zusammen mit Papa dort festgeklebt. Trotz meines Protests. Ich hatte noch gehofft, die Schwerkraft wäre auf meiner Seite und es würde nach ein paar Tagen wieder runterfallen. Aber jetzt hing es schon ganze drei Wochen da oben. Langsam fand ich mich damit ab.
Irgendetwas Hartes stach in meine Rippen und ich rollte mich auf die Seite. Doch dabei pikste etwas Spitzes in meinen Bauch. Aua! Vorsichtig tastete ich in der Dunkelheit um mich. Fühlte sich an wie mein Laserschwert. Ohne etwas sehen zu können, verschaffte ich mir mehr Platz auf dem Teppich und machte es mir bequemer. Viel besser! Das hätte ich schon im Hellen machen sollen. Bevor ich die Rollos runtergezogen, die Zimmertür mit meinem Sitzsack von innen versperrt und das Licht ausgemacht hatte.
Ungefähr so dunkel wie jetzt in meinem Zimmer war es bestimmt auch unter der Erde. Da würde Opa Leonhard morgen hinkommen, direkt neben Oma Helga auf den Göttinger Stadtfriedhof. Aber vorher wollte ich noch mein aktuelles Experiment beenden: »Erforschung der Dunkelheit unter der Erde« hatte ich es genannt und ich steckte gerade mittendrin.
So langsam gewöhnten sich meine Augen an die Finsternis. Es mischte sich ein wenig Grau ins Schwarz um mich herum. Das da vorne sah aus wie der Schatten eines Einbrechers. Und der Klumpen da wie eine riesige Schnecke – was ziemlich cool wäre. Aber in Wahrheit war es wohl nur mein Sitzsack.
In meinem Zimmer war absolute Stille. Ehrlich, lange würde ich das nicht mehr aushalten, einfach nur hier im Dunkeln rumzuliegen. Total langweilig, ohne etwas sehen zu können!
War das ein Kratzen?
»Leonhard Ibrahim Schmitt!«,schallte es da von draußen. Damit war ich gemeint. Meine Eltern hatten mich nach meinen beiden Opas benannt. Ganz tolle Idee …
Es klopfte an der Tür. »Mach auf der Stelle auf!«
»Gleich«, rief ich und verdrehte die Augen. In diesem Haus konnte man nirgends in Ruhe Experimente durchführen! Dabei müsste Mama mich eigentlich verstehen. Sie hatte ja sogar ein eigenes Labor an der Uni. Da wurde sie bestimmt nicht einfach so unterbrochen. Meine Mutter ist nämlich eine richtige Wissenschaftlerin.
»Nein, mach jetzt auf, Lenny.« Sie ließ nicht locker und ruckelte an der Tür, bis die sich einen Spaltbreit aufschob. Sofort hörte ich Getrappel und im nächsten Moment schleckte mir auch schon etwas Nasses durchs Gesicht. Uäh! Gerda und Christel tapsten auf mir herum, dass es in meinem Bauch nur so gluckste. Die beiden Möpse von Oma und Opa wohnten bei uns, seit meine Großeltern beide gestorben waren. Dabei war unsere Wohnung eh schon voll genug mit Mama, Papa, Mia, Anni und mir. Anni und ich mussten uns sogar ein Zimmer teilen!
Mama hatte meinen Sitzsack zur Seite geschoben und stand nun mit in die Seiten gestemmten Armen in der offenen Zimmertür. »Was machst du hier schon wieder für einen Blödsinn?«, meckerte sie, machte das Licht an und bahnte sich dann einen Weg zwischen dem Spielzeug zum Fenster.
»Blödsinn!«, plapperte Mia nach, die Kleinste von uns, und kletterte juchzend zu den Hunden auf meinen Bauch. Anni verzog sich direkt auf ihr Hochbett. (Ich hatte natürlich das höhere und schlief über ihr.)
Rums!
»Aua!« Mama fluchte auf einem Bein hüpfend vor sich hin und zog dabei die Rollos hoch. Hatte sie etwa den Beobachtungskasten für meine Regenwürmer umgerannt? Ich schubste die Möpse und Mia von meinem Bauch und sprang schnell auf. Nein, er stand unversehrt vor meinem Regal. Glück gehabt!
Mama lehnte an der Fensterbank und rieb sich den großen Zeh.»Boah, Lenny, du räumst sofort auf!«
Aufräumen? Dafür hatte ich nun wirklich keine Zeit!
»Das mach ich morgen. Gleich ist Computerzeit. Und ich muss noch mein Experiment aufschreiben«, erklärte ich. Das machte ich nämlich mit all meinen Experimenten: Ich schrieb sie in meinem Laborbuch auf. Wie Mama bei der Arbeit.
»Lenny muss trotzdem aufräumen, oder, Mama?«, rief Anni dazwischen.
»Auf der Stelle. Keine Diskussion, Leonhard.«
Mist.
Gut, ich musste mir eingestehen: In letzter Zeit hatte ich es vielleicht wirklich ein ganz kleines bisschen übertrieben. Unser Zimmer hatten Anni und ich mit einem neongrünen Klebeband in zwei Zonen unterteilt. Aber irgendwie reichte mein Platz nie aus. Wie eine Welle schwappte mein Kram nach und nach in Annis Zone. Manchmal kam es mir so vor, als wäre Annis Hochbett eine Insel. Wie die einzige Überlebende eines Unwetters rettete sich meine Schwester immer in ihr Bett. Dort war sie sicher vor der stürmischen Spielzeugflut in unserem Zimmer.
Es führte also kein Weg daran vorbei: Ich musste aufräumen. Meine Lieblingsmethode dafür war der Schneepflug. Ich hatte schließlich noch eine Menge zu erledigen.
Mit einem »Dann brauche ich aber ein bisschen Privatsphäre!« scheuchte ich meine Familie aus dem Zimmer. Anni schnaubte vor Wut und verzog ihr Gesicht, dass sie fast so aussah wie einer unserer Möpse. Aber meine Schneepflug-Technik war nun wirklich nichts für kleine Schwestern.
Ich lehnte mich von innen gegen die verschlossene Tür und betrachtete das Chaos. Dann mal los.
Ich kniete mich hin und bildete mit meinen Armen einen Trichter. Damit kroch ich über den Boden und sammelte dabei alles auf, was herumlag. So schob ich die ganze Spielzeugmasse nach und nach zu Annis kleinem Sofa und drückte und quetschte so viel wie möglich darunter. Die Sofadecke hing bis zum Boden nach unten, sodass man das ganze Zeug dahinter nicht mehr sehen konnte. Ich blickte mich im Zimmer um und zuckte mit den Achseln. Perfekt.
Meine chaotische Art hatte ich auf jeden Fall von Papa. Ich saß in seinem Büro am Computer, zwischen Stapeln aus Papier, Büchern, Festplatten und Kaffeetassen. Papa musste hier nie aufräumen, was ich ziemlich unfair fand. Aber dafür durfte er die Bürotür auch nie offen stehen lassen. Dann bekam Mama nämlich die Krise.
Papas Büro war eigentlich mal mein Zimmer gewesen. Meins ganz alleine. Da hatte es Mia noch nicht gegeben. Und Papa war auch noch nicht selbstständig gewesen und hatte noch kein Büro zu Hause gebraucht. Er ist ein Programmierer und arbeitet meistens nachts, wenn alle anderen schlafen. Mama sagt immer, Papa sei für die Selbstständigkeit so gut geeignet wie ein Elefant fürs Fliegen – überhaupt nicht. Aber Papa sagt dann, er sei eben wie Dumbo: eine Ausnahme. Eigentlich ist es unmöglich, aber es klappt doch.
Einen Programmierer als Vater zu haben, ist ziemlich cool. Papa hatte nämlich immer die neuste Technik und kannte sich richtig gut aus. Aber wenn man dazu noch eine Gehirnforscherin als Mutter hat, hilft einem das nicht viel. Dann durfte man nämlich keinen eigenen Computer und kein eigenes Smartphone haben. Nur zwanzig Minuten am Tag durfte ich an den Computer von Papa. War ja wohl logisch, dass ich die zwanzig Minuten nicht wegen Aufräumen ausfallen lassen konnte! Dann lieber schnell den Schneepflug machen.
Ich wollte unbedingt noch herausfinden, wie das mit dem Tod genau funktioniert. Omas Beerdigung war ja erst drei Wochen her und ich hatte dafür schon alles über den Stadtfriedhof gelesen. Ich mochte den Friedhof: Es gab viele Bäume und sogar einen Teich. Manche Menschen gingen dort wie in einem Park spazieren, weil er so schön war. Und es waren auch echte Forscher auf dem Friedhof begraben. Nicht nur irgendwelche, sondern Nobelpreisträger! Göttingen ist nämlich eine richtige Forscherstadt.
Der Nobelpreis ist der wichtigste Preis für Wissenschaftler auf der ganzen Welt. Max Planck hatte den zum Beispiel bekommen. Der hat etwas erfunden, was Quantenphysik heißt. Keine Ahnung, was genau das ist, aber es klingt ziemlich wichtig.
Oma und Opa konnten also noch ganz viel lernen auf dem Friedhof. Bei meiner Recherche auf Papas Computer fand ich heraus, dass die Seele nach dem Tod weiterlebt. Nur der Körper stirbt. Zumindest glauben das ziemlich viele Menschen. Und es wäre ja wohl total abgefahren, wenn die Seele von Max Planck der Seele meines Opas die Quantenphysik erklären würde! Hauptsache, Opa stellte sich nicht zu dumm dabei an. Er war ja kein Forscher, sondern Schreiner.
Ich war gerade dabei, etwas über die Grabbeigaben von Pharao Tutanchamun (das war ein ägyptischer König) zu lesen, da blinkte die Computeruhr. Meine Zeit war abgelaufen. Zwanzig Minuten waren viel zu kurz!
»Lenny! Beweg deinen Hintern nach oben!«
Ich stand im Fahrradkeller und wühlte im alten Kleiderschrank, in dem alle unsere Nachbarn ihr Werkzeug lagern. Die Rufe meiner Mutter ignorierte ich, so gut es ging.
»Wir müssen los!«, hörte ich nun auch meinen Vater.
»Jaahaa! Ich komme ja gleich …«, murmelte ich. Irgendwo hier unten gab es eine Taschenlampe, das wusste ich hundertprozentig. Ich hatte unseren Nachbarn Herrn Grau schon mal damit im Garten gesehen. Nicht dass er oft im Garten war, obwohl da als Hausmeister eigentlich viele Aufgaben auf ihn warteten. Aber Herr Grau war eher ein Hausmeister von der faulen Sorte. (Obwohl er als Rentner eigentlich jede Menge Zeit hat!, sagte Mama immer.)
Ich hatte eben schon versucht, in seinen Keller zu kommen – vielleicht war die Taschenlampe ja dort? Aber der war wie immer abgeschlossen gewesen. Das hatte ich schon öfter ausprobiert. Herr Grau versteckte nämlich irgendein Geheimnis im Keller, da war ich mir sicher. Jeden Tag verschwand er mindestens einmal hier unten mit einem Beutel in der Hand und kam erst nach ein paar Minuten wieder raus. Irgendwann würde ich das Kellerrätsel schon noch lösen!
»Lenny, muss ich dich erst holen kommen? Wegen dir verpasse ich noch die Beerdigung meines Vaters!« Papa klang ganz schön sauer. Ich seufzte und machte mich lieber schnell auf den Weg – und was hing da an der Wand, direkt neben der Tür? Die Taschenlampe von Herrn Grau – meine perfekte Grabbeigabe! Jetzt war ich bereit.
Wir schafften es natürlich noch rechtzeitig zur Beerdigung. Ich hatte mir darum auch keine Sorgen gemacht. Gut, Papas jüngerer Bruder Ingo wartete schon unruhig am Friedhofseingang auf uns. Als wir angerannt kamen, holte er einmal tief Luft, doch schüttelte dann nur den Kopf. Ihm fiel wohl nichts ein, was er dazu sagen konnte. Stattdessen marschierte er uns vorweg in Richtung der Friedhofskapelle. Papa verzog hinter Ingos Rücken das Gesicht zu einer Grimasse.
Nach dem Trauergottesdienst standen wir zusammen mit allen anderen (das waren ziemlich viele) an Omas und Opas Grab und Papa zog keine Grimassen mehr. Stattdessen kullerte ihm eine Träne übers Gesicht. Und dann noch eine. Aber er wischte sie sofort wieder mit seinem Anzugärmel weg. Anni, auf der anderen Seite von Papa, weinte schon, seit wir angekommen waren, und Omas beste Freundinnen Gerda und Christel hinter uns auch. (Nach den beiden hatte Oma ihre Möpse benannt.) Heimlich beobachtete ich Gerda. Sie stand auf ihren Stock gestützt und hatte richtig rot geweinte Augen. Ihr Halstuch war schon ganz nass von den vielen Tränen.
