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Sahara wächst in einem friedlichen Dorf im Sudan auf, weitgehend von der Welt abgeschottet. Dieser Zustand hält aber nicht lange an und sie gerät in die Hände von Menschenhändlern, die sie gewaltvoll aus ihrem alten Leben hinausreißen und ihre Freunde zu Kindersoldaten machen oder zur Prostitution zwingen. Doch sie erhält unverhoffte Hilfe und schafft es, aus ihrer entsetzlichen Lage nach Deutschland zu entkommen, wo sie eingeschult und mit den Problemen einer digitalen Welt konfrontiert wird. Social Media hat vieles verändert. Apps wie TikTok und Instagram machen es leicht für Saharas Mitschüler, sie auszuschließen und mit beleidigenden Videos und Nachrichten an den Rand einer Depression zu bringen. Es liegt nun an ihr, sich trotzdem durchzusetzen und ihr wahres Ich wiederzugewinnen, doch ohne Bezugspersonen und in einem fremden Land fällt ihr das doppelt schwer …
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Veröffentlichungsjahr: 2021
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Reich mir deine Hand
Victoria Pachner
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Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Besuchen Sie uns im Internet - papierfresserchen.de
© 2021 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR
Mühlstr. 10, 88085 Langenargen
Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2021.
Lektorat + Herstellung: CAT creativ - cat-creativ.at
Cover: © Rebecca Kayser
ISBN: 978-3-96074-511-2 - Taschenbuch
ISBN: 978-3-96074-512-9 - E-Book
*
Prolog
Sudan
Deutschland
Epilog
Danksagung
Die Autorin
Impressum
*
Liebe
Wir sehen die fliehenden Menschen
In ihren Herzen suche ich nach Liebe, ich würd’s ihnen gönnen
Doch um sie herum sind alle am Kämpfen
Und am Ende gibt es niemanden, den sie lieben können
Die Herzen der Menschen zeugen von Verrat
Die Unterdrückung reicht weit, vom Berg in das Tal
Mach’ dies, mach’ das, lieb’ ihn, lieb’ den Staat
Sie müssen es tun, sie haben keine andere Wahl
Wenn man weiter blickt,
In die Städte, in denen das Licht nie vergeht
Wo, um zu reden, man Nachrichten schickt
Und die Liebe nur aus Herzchen auf Instagram besteht
Doch die Liebe blüht immer wieder auf
Sie ist da, in allen Ländern
Aber wir nehmen viel zu viel Hass in Kauf
Sollten wir das nicht einmal ändern?
Rund um die Welt reichen sich Menschen die Hand
Sie helfen einander, geben etwas davon ab, was sie bekommen haben
Jeder Mensch, jedes Volk, jedes Land
Die Liebe erstrahlt in allen Farben
Aber abgesehen von den großen Taten
Hat jeder ein Herz für sich allein
Jeder kann eine gute, liebevolle Aktion starten
Und wenn das nicht Liebe ist, was soll es dann sein?
Victoria Pachner
*
Fokus. Konzentration. Ich bin diese Strecke schon unzählige Mal gelaufen, doch jetzt zählt es. Ich höre die Kommentatoren, die dieses Event durch das ganze Stadion aufhypen und finde mich endlich in den Startlöchern ein. Ich habe noch genügend Zeit, mich mit einem einzigen Atemzug zu sammeln ... schon ertönt der Startschuss. Ich bin weg, laufe, laufe so schnell wie noch nie. In atemberaubenden 9,96 Sekunden bin ich fertig. Als ich diese Zeit auf dem Bildschirm aufleuchten sehe, breche ich erleichtert in Tränen aus. Mir wird die deutsche Flagge gereicht und ich laufe eine kurze Ehrenrunde über das Feld.
„Sahara! Sahara!“, höre ich überall. Alle rufen meinen Namen!
„Wie fühlt es sich an, die erfolgreichste deutsche Leistungssportlerin zu sein?“
„Du hast den Weltrekord gebrochen! Wie erstaunlich ist das denn?“
Ich kann nur lächeln. Mein Traum ist endlich wahr geworden. Die Siegerehrung findet statt, und ich fühle mich so stolz wie noch nie. Danach finde ich mich in einem Konferenzraum ein, wo jeder Fragen stellen darf. Ich beantworte sie alle, immer noch leicht benebelt von den Ereignissen, die vor einer Stunde geschehen sind. Dann aber höre ich eine Frage, die mein Interesse weckt.
„Sahara, du bist eine so inspirierende Figur. Du hältst zahlreiche Weltrekorde und hast schon sieben Goldmedaillen gewonnen. Aber wie ist das alles gekommen? Was ist deine Geschichte? Wie bist du zur besten Läuferin der Welt geworden?“
Ich sehe den Fragenden erstaunt an. Das hat mich in der Tat noch niemand gefragt.
„Das ist eine lange Geschichte“, sage ich schließlich.
„Dürfen wir sie hören?“, fragt er.
*
Das Erste, was ich an jedem frühen Morgen spüre, ist die weiche, geflochtene Grasmatte, auf der ich liege. Ich streiche oft über die Oberfläche, sodass ich die wunderschönen Muster ertasten kann, die meine Großmutter sorgfältig kreiert hat. Neben meinen Kopf hat sie einen Vogel hineingearbeitet, sodass meine Gedanken sich frei und unabhängig entfalten können, und zu meinen Füßen schlummert ein großer Tiger aus Gras, der mich immer beschützt. Die zwei Tiere sind mit Mustern umgeben, die mich an eine andere Welt erinnert, die sagenhafte Welt der Geister, mit denen mein Großvater kommuniziert. Er ist Schamane unseres Dorfes und erzählt oft von Erscheinung, die nicht in diese Welt gehören.
Langsam öffne ich meine Augen und werde sofort von der Sonne begrüßt, die durch das Strohdach unserer Hütte scheint. Die Lücken im Dach wurden so eingerichtet, dass das goldene Muster eines Sattelstorchs auf unserem Boden erscheint und durch die wandelnde Sonne lebendig wird. Auch bei Regen entsteht der Vogel und ist so immer bei uns. Ich warte noch einige Minuten, um völlig wach zu werden, und stehe dann flink auf.
Nachdem ich die Matte vorsichtig zusammengerollt und verstaut habe, mache ich mich auf dem Weg zum Fluss, der in einiger Ferne neben unserem kleinen Dorf fließt. Auf dem Weg dorthin treffe ich ein paar Dorfbewohner, die sich alle bei mir erkundigen, wann mein Großvater seine nächste Zeremonie halten wird. Sie sagen, dass die letzte doch schon lange her sei und dass sie dringend mit den Geistern sprechen müssten.
Ich verstehe das natürlich und bitte sie um Geduld. Ich weiß, dass mein Großvater erst in die andere Welt blickt, wenn er den Draht dazu verspürt. Er meint immer, dass seine Gabe wäre wie die Jahreszeiten. Die Energie, die er zwischen den beiden Welten spürt, ist nicht immer dieselbe und muss immer genährt werden, bis sie stabil genug ist, um eine vollständige Kommunikation zu erreichen. Ich habe ihn einmal gefragt, ob ich das auch könnte, diese Kraft in mir zu spüren und zu nutzen. Doch er antwortete nur: „Erst wenn du bereit dazu bist.“ Er erwähnte dabei nicht, wie ich das schaffte.
Ich beobachte, wie die Sonne langsam über den Horizont gleitet, und versuche dabei, so viel Wärme wie möglich in mich aufzunehmen. Währenddessen lasse ich meinen Blick über die leere Ebene vor mir gleiten und öffne meinen Geist. Ich wurde nach dieser Wüste benannt und fühle dadurch eine große Verbindung zu der großräumigen Fläche, die sich vor mich ausbreitet, die Tiere und Pflanzen beherbergt und die einzige Wasserquelle bereitstellt, die wir nutzen können. Dorthin gehe ich jetzt und habe selbstverständlich einen Eimer dabei, damit die Tiere in unserem Haushalt auch etwas zu trinken haben.
Wir besitzen zwar einen Brunnen, der glücklicherweise eine verlässliche Wasserquelle ist, doch niemand will das einzige kostbare Gut, das wir besitzen, mit den entkräfteten Tieren teilen, die sich in unserem Innenhof herumtreiben. Deshalb sorge ich dafür, dass sie genug Kraft finden, die sommerliche Hitze zu überstehen. Der Sand beginnt, sich langsam aufzuwärmen, und ich weiß, dass ich mich jetzt beeilen muss, bevor ich mir schwere Verbrennungen zuziehe. Ich spreche aus Erfahrung, dass das sehr schmerzhaft und qualvoll ist.
Nach einer knappen Stunde habe ich das Flussbett der kleinen Abzweigung des Nils erreicht und tauche meine Füße in das kühlende Wasser, das in einem trägen Strom nach Norden fließt. Ich frage mich oft, was hinter dem sagenhaften Nildelta liegt. Dort sei der Boden sehr fruchtbar, heißt es. Überall gäbe es Felder und genug zu essen.
Davon können wir nur träumen. In Mittelafrika gibt es nur begrenzt Anbauflächen und es gibt immer wieder katastrophale Dürren. Die Händler, die von der Küste anreisen, verlangen sehr hohe Preise für etwas Weizen und ein wenig Fisch. Doch glücklicherweise hat unser Dorf ein sehr gutes Verhältnis zu einem Bauer, der aus Al Bahr, einer Küstenregion, kommt und der uns mit Getreide und Früchten im Austausch gegen Unterkunft, Wasser und Weidefläche versorgt, wenn er in den Süden reist, um andere Kundschaft zu beliefern. Das ist der einzige Grund, warum sich unser Dorf überhaupt noch über Wasser halten kann.
In der Zeit meiner Urgroßeltern gab es viele Siedlungen am Rande der Sahara, immer in erreichbarer Nähe zum Nil. Doch dann kam eine so schreckliche fünfjährige Dürre, die nach und nach eine Siedlung nach der anderen auslöschte. Seitdem sind wir allein auf der großen Fläche der Sahara und bekommen nur gelegentlichen Besuch von Hilfsorganisationen, die uns in Notzeiten aushelfen oder manchmal sogar Teilzeitlehrer bereitstellen, die aber nie länger als ein Jahr bleiben.
Ich suche mir einen flachen Stein inmitten des Flusses und beginne, mich zu waschen. Hier habe ich komplette Privatsphäre und kann die vitalisierende Wirkung des Nilwassers vollkommenen genießen. Außerdem liebe ich es, wie die Wassertröpfchen die Sonnenstrahlen einfangen und auf meiner dunklen Haut glitzern. Ich fühle mich dadurch manchmal wie eine überirdische Göttin, die aus dem Fluss nach ihrer Wiedergeburt gestiegen ist. Ich stecke mir meine langen, dicken Haare hoch und befestige sie an meinen Hinterkopf mit einer vornehmen Nadel, die mein Großvater mir zu meinem zehnten Geburtstag geschenkt hat. Ich will nicht mal versuchen, mir auszumalen, was ihn die gekostet haben muss. Ich ziehe mich wieder an, dann befülle ich den Eimer. Anfangs konnte ich immer nur die Hälfte anfüllen, da die Ladung zu schwer für mich war, doch jetzt kann ich den vollen Eimer problemlos zu meinem Zuhause tragen.
Ich mache mich langsam auf dem Weg, da ich rechtzeitig dort sein will, um meiner Mutter mit dem Mittagessen zu helfen. Sie mag es nicht, wenn ich zu lange wegbleibe, da es trotz der Wüste Raubtiere geben kann, die umherstreifen und womöglich Hunger haben. Außerdem gibt es viel mehr Gefahren, wie zum Beispiel die tödliche Hitze oder giftige Schlangen, die oftmals unter den Steinen lauern. Glücklicherweise bin ich noch nie in Schwierigkeiten geraten, was sicherlich an meiner Halskette liegt, die beschützende Kräfte besitzt. Doch das beruhigt meine Eltern immer noch nicht. Deshalb muss ich die letzten Meter laufen, damit sie sich keine unnötigen Sorgen um mich machen.
Ich spüre bald den festgestampften Weg unter meinen Füßen, das erste Zeichen dafür, dass ich mich in meiner Heimat befinde. Der feste Boden erinnert uns daran, dass wir nie den unerbittlichen Umständen nachgeben dürfen. Ein kleiner, hölzerner Zaun umgibt unser Territorium, damit vorbeireisende Nomaden unser Gebiet erkennen und es nicht ausnutzen. Doch würden sie es angreifen, würde die dürftige Mauer nicht lange halten, fürchte ich. Vor dem kleinen Eingang steht Ibrahim, ein guter Freund unserer Familie. Ich spiele oft mit seinen Töchtern Bahira und Ruba. Bahira ist schon zwölf Jahre alt und eine meiner besten Freundinnen. Mit Ruba habe ich nicht so viel zu tun, da sie erst fünf Jahre alt ist und vor einigen Monaten von einer schweren Krankheit befallen wurde. Die ganze Familie versucht noch immer, die Krankheit auszutreiben, doch die einzige Möglichkeit, die sie jetzt noch hat, ist, Ruba in die Stadt zu einem erfahrenen Doktor zu bringen, was sehr schwierig sein wird.
Trotz dieser traurigen Lage lächelt Ibrahim mich an und sagt: „Na, Sahara? So früh schon unterwegs?“
Ich lache und nicke. Er lässt mich vorbei und ich betrete das Dorf. Es war schon immer klein und schlicht, da wir keine Ressourcen haben, um es zu erweitern. Glücklicherweise umspannt es aber trotzdem ein großes Gebiet, damit wir genug Platz haben, um richtig leben zu können. Ich war schon mal in einem benachbarten Dorf zu Besuch, damit meine Eltern dort begehrten Handel treiben konnten. Es war dort so eingeengt, dass in einer Hütte teilweise drei Familien schlafen mussten. Bei uns haben wir breite Wege, damit ein einkehrender Nomade auch genug Platz hat, um seine Tiere durch das Dorf zu führen. Wir besitzen sogar eine kleine Weidefläche, die aber kaum ausreicht, um selbst Tiere zu halten. Wir halten auch einige Hühner und Kühe, aber mehr Tiere nicht.
Aufgrund des steten Wassermangels ist das ganze Gebiet in einen gelblichen Schein getaucht, der durch den Sandboden und die Strohhütten noch mehr verstärkt wird. Mir gefällt diese gelbe Farbe, da ich sie automatisch mit Wärme und Geborgenheit assoziiere. An manchen Stellen unterbricht ein grüner Punkt die gelbe Ebene, da bei uns nur bedingt Bäume wachsen. Um diese Zeit herrscht reges Treiben, da es noch nicht so heiß ist, dass sich jeder in seine Hütte zurückziehen muss. Mittlerweile hat sich eine lange Schlange vor dem Brunnen gebildet, wie üblich. In solchen Momenten wird mir immer klar, wie wertvoll das Wasser für uns ist, ohne das wir verloren wären. Wir leben in steter Angst vor einer schweren Dürre und deshalb kann man in dieser Situation nichts für selbstverständlich nehmen. Ich weiß es sogar zu schätzen, dass ich Kleider am Leib trage, um keinen Sonnenbrand zu erleiden. Verbrannte Haut ist sehr unangenehm und in einigen Fällen führt sie zu schweren Krankheiten.
Während ich mich auf dem Weg zu unserer Hütte mache, die in der Mitte des Dorfes liegt, da mein Großvater das Oberhaupt und Schamane unseres Volkes ist, fällt mir auf, dass ein leichter Wind weht. Sofort stelle ich meinen Eimer auf den Boden und tauche meine Finger in das mittlerweile schon lauwarm gewordene Wasser, um es auf meinem Arm zu verteilen. Durch die Nässe kann ich die Brise besser spüren und für einen Moment spüre ich sogar etwas Kälte. Meine Großmutter würde jetzt sagen, dass es ein schlechtes Zeichen sei, dass etwas Fremdes, Ungewöhnliches in unsere warme Welt eindringen wird, doch ich kann das kaum glauben. Wir sind durch die Kraft der Natur geschützt, wie sollte uns da etwas passieren? Schnell hieve ich den Eimer wieder hoch und gehe auf unser Haus zu. Es ist das einzige, das eine private Umzäunung besitzt, und das einzige, das so groß ist. Ich betrete es und stelle den Eimer vor die Tür, wo es unter dem Vordach vor der Sonne geschützt ist.
Sobald ich eintrete, weht mir der Duft von Gemüse entgegen und mir überkommt ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht schon früher gekommen bin, um zu helfen.
Doch meine Mutter begrüßt mich nicht mit einem strengen Gesichtsausdruck, sondern lächelt mich voller Liebe an. „Komm, Sahara“, sagt sie. „Ich habe bereits früher angefangen, damit du keinen Hunger bekommst.“
„Danke, Mama“, antworte ich und laufe zum Kochfeuer, wo eine Suppe brodelt. Ich rieche daran und mir steigen alle köstlichen Gewürze auf einmal in die Nase. Ein besonderer, süßer Duft überkommt mich, sodass ich fast ohnmächtig vor Glück werde. Meine Mutter bemerkt das und zieht mich sofort vom heißen Topf weg, bevor ich mich verbrenne. Schmollend verziehe ich mich zum ungehobelten Tisch, wo meine Großmutter den Tisch deckt. Die Teller aus Ton sind zwar dick und klobig, dafür halten sie allem stand.
Mein Vater hat schon öfter darüber Witze gemacht, dass er sie als Helm während eines Krieges tragen könne, was ich total lächerlich finde. Krieg. Natürlich weiß ich von den furchtbaren Attacken und Anschlägen – es sind schon genug Flüchtlinge durch unser Dorf auf den Weg nach Uganda gezogen – doch mir ist nie in den Sinn gekommen, einen Krieg selbst hautnah erleben, geschweige denn eine Suppenschüssel als Schutzhelme tragen zu müssen.
Ich nähere mich dem Tisch vorsichtig, um meine Großmutter nicht zu erschrecken.
Sie bemerkt mich und ruft mir zu: „Sahara, sei doch ein Schatz und hole Wasser aus dem Brunnen. Wir haben ziemlich wenig im Haus und ohne Wasser wirst du krank!“
Großmutter hatte schon immer eine Hörschwäche, die, wie sie erzählt, von einem brüllenden Löwen kam, der ihr einst zu nahegekommen war. Seitdem hütet sie mich ganz besonders vor allen Gefahren, da sie selbst weiß, wie plötzlich etwas Kleines einem zum Verhängnis werden kann.
Und noch bevor ich mich noch umdrehen kann, ruft sie: „Vergiss nicht dein Löwen-Amulett! Es sollte dich vor allen Gefahren schützen!“
Ich seufze und zeige ihr das Amulett um meinen Hals, das ich nie abgelegt habe, seitdem sie es mir gegeben hat. Es ist kostbar, ein kleiner Löwe aus einem Stück Jade geschnitten. Es ist in Familienbesitz seit Generationen und deshalb weiß ich es auch sehr zu schätzen.
Meine Großmutter lächelt mich an, ihre Augen strahlen förmlich, wenn sie den blitzgrünen Stein erfassen. „Du siehst wunderschön aus, mein kleiner Wüstling“, sagt sie und streicht mir die Haare hinter das Ohr. „Und mach schnell, die Geparden sollen dich begleiten, damit wir genug Wasser zum Mittagessen haben!“
Ich trete wieder hinaus, doch dieses Mal wirft mich die Hitze fast um. Die Sonne steht auf ihrem Höhepunkt und brennt erbarmungslos auf uns hinunter. Ich packe einen Eimer, der vor dem Tor liegt, und haste zum Brunnen, der dank unserer Lage nicht weiter weg liegt als fünf Minuten.
Dort angekommen, befestige ich den Eimer an dem inzwischen schon verrosteten Haken und lasse ihn hinunter. Das Seil verlängert sich langsam und ich höre das dumpfe Plätschern, das in den steinernen Brunnenwänden widerhallt. Ich warte einige Sekunden und schließe währenddessen meine Augen, um mein Gesicht in die strahlende Sonne wenden zu können. Nachdem ich den Eimer hochgehievt habe, nehme ich ihn wieder an mich und grüße die Frau hinter mir, die ebenfalls Wasser für ihre Familie holt.
Nach einigen Minuten bin ich wieder zu Hause und sehe gerade rechtzeitig, wie meine Cousins eintreffen. Sie essen manchmal bei uns, doch sie heute hier zu sehen, überrascht mich ein wenig. Ihr Vater, also mein Onkel, ist vor kurzer Zeit an Cholera gestorben und seitdem haben sie sich nur selten in der Öffentlichkeit blicken lassen. Ich stelle den Eimer behutsam neben der Tür ab und gehe sofort zu ihnen, um sie zu grüßen. Der ältere, Thabo, sieht mich zuerst und ruft mir zu: „Sahara! Wie geht’s?“
Ich schlage in seine Hand ein und lächle zu ihm auf. Er ist wahrlich sehr groß. „Nicht schlecht. Und euch?“ Die Frage ist höflich gemeint, doch ich kann sehen, wie sich der Schatten zeitgleich über ihre Gesichter legt.
„Genauso“, antwortet Abadi. Er ähnelt seinem Bruder sehr, obwohl sie keine Zwillinge sind. „Wir sind hier, weil wir etwas sehr Wichtiges mit deinem Vater besprechen müssen.“
Ich nicke. Die beiden koordinieren den Außenhandel unseres Dorfes, eine sehr wichtige Aufgabe. Während sie sich an den Tisch setzen und meine Großmutter überschwänglich begrüßen, sehe ich, wie eine Frau die Haustür vorsichtig aufschiebt. Die Frau ist klein und geht in gebückter Haltung. In der Ferne würde man meinen, sie wäre alt und gebrochen. Doch als ich in ihr Gesicht blicke, sehe ich ein vertrautes Gesicht. „Tante!“, rufe ich und gehe auf sie zu.
Aber als ihre wirren Augen mich erblicken, weicht sie zurück. Stutzig bleibe ich stehen und runzle verwirrt die Stirn. Mein Cousin ruft mir von der anderen Seite des weitflächigen Raumes zu: „Sahara, möchtest du deine Tante nicht zum Tisch begleiten? Wir haben euch Wichtiges mitzuteilen.“
Ich seufze innerlich. Dieses Essen wird anstrengend werden, voller Diskussionen und Debatten. Trotzdem halte ich meiner Tante vorsichtig den Arm hin, damit sie einen Halt hat. Sie in dieser verkrümmten Haltung zu sehen, tut mir wahrhaftig in der Seele weh. Obwohl ich sie nicht so oft sehe, erinnere ich mich daran, wie sie, genauso wie mein Vater, aufrecht und stolz in die Menge blickte und reines Selbstbewusstsein ausstrahlte.
Als wir den Tisch erreichen, kommen meine Eltern gerade herein. Mein Vater setzt sich sofort an das Ende des Tisches, während meine Mutter die Suppe verteilt. Sobald ich dran bin, merke ich, dass die Suppe anders riecht als sonst. Salziger. Ich bemerke, dass sich meine Mutter extra viel Mühe beim Kochen gegeben hat und sogar mehr als notwendig von dem kostbaren Salz benutzt hat, das es eigentlich nur für Festmahle gibt.
Wir alle warten noch kurz, bis mein Großvater an den Tisch herantritt und einen kurzen Segen spricht. Als er sich an das andere Tischende setzt, hebe ich die Suppe zu meinem Mund und trinke einen Schluck. Die sinnliche Welt von perfekt ausbalancierten Geschmäcken ist eine wunderbare. Ich muss vor lauter Genuss meine Augen schließen, um ja keine Note zu verpassen. Ich schmecke vor allem das Basilikum heraus und versuche, die anderen Gewürze zuzuordnen. Viele von ihnen sind mir bekannt, doch ich schmecke auch etwas Neues. Meine Augen fliegen auf. Von allen Seiten höre ich, wie meine Mutter in höchsten Tönen für die Mahlzeit gelobt wird. Ich stimme mit ein, denn ohne dieses köstliche Essen wäre mein Leben wahrscheinlich nur halb so gut.
Meine Mutter lächelt uns alle breit an und dankt uns für die Komplimente. „Ohne Chili wäre es aber gar nicht möglich gewesen“, fügt sie noch hinzu. „Davon brauche ich bald wieder Nachschub.“ Sie wendet sich an meine Cousins. „Habt ihr irgendwelche Informationen, wann der Händler kommen wird?“
Meine Großmutter nickt energisch. „Ja, ich brauche seit Langem wieder einen Kamm! Meiner ist gebrochen und ich kann mich nicht ungepflegt sehen lassen!“
Thabo lächelt spärlich und wendet sich meinem Vater zu. „Onkel“, beginnt er. „Wir sind dem Händler entgegengereist und haben uns nach seinem Wohlbefinden und seiner Reiseroute erkundigt.“ Er hält inne. Ich sehe, wie mein Vater sich interessiert nach vorne lehnt. „Es verläuft eine Dürre durch Äthiopien und Somalia. Er möchte einen höchstmöglichen Profit ausschlagen und wird deshalb in diese Länder reisen, bevor er zu uns kommt. Er meint, dass es ihm leidtut, doch er muss an sich selbst und seine Familie denken.“
Ich begreife zunächst nicht, was das für uns bedeutet. Ich starre nur meinen Vater an, der, soweit ich erkennen kann, keinerlei Regung zeigt. Eine Minute vergeht, in der keiner etwas sagt. Ich höre nur das rhythmische Streichen über Stoff, das meine Tante verursacht.
Endlich spricht mein Vater: „Hat er erwähnt, wie lange die Reise dauern könnte?“
Abadi nickt langsam und sagt: „Er startet in Port Sudan, um seine Fracht abzuholen. Allein die Reise nach Addis Abeba dauert mit etwas Glück 30 Stunden, mal ganz von den Grenzkontrollen und Zwischenstopps abgesehen. Er möchte dann dort einige Wochen bleiben, um sich zu erholen und seine Ware möglichst teuer zu verkaufen.“
Meine Mutter gibt ein entrüstetes Schnaufen von sich. „Er nutzt die armen Menschen doch nur aus! Sie verhungern, aber er will nur, dass sein Reichtum wächst!“, ruft sie. Mein Vater gibt ihr mit einem Blick zu verstehen, dass sie still sein soll.
Mein Cousin macht eine kurze Pause und schlürft seine Suppe, die inzwischen nur noch lauwarm ist. „Er meint, dass er danach wieder nach Port Sudan reisen wird, um sein Geld abzuladen und seine Familie zu besuchen. Außerdem möchte er mehr Ware für die Leute in Somalia holen.“
„Warte mal kurz“, unterbricht meine Mutter ihn. „Somalia, das ist doch das Land mit dem Problem der Kindersoldaten, oder?“
„Ja. Tatsächlich hat nicht nur Somalia dieses Problem. Ich habe gehört, dass es einen ähnlichen Überfall hier in der Nähe gab, in einem Dorf, das vielleicht sechs Stunden Autofahrt entfernt ist.“
Ich fange an, leicht zu zittern. Vor fünf Jahren sind viele Flüchtlinge aus Somalia zu uns gezogen und haben uns erzählt, wie die Kinder gestohlen und zu Soldaten gemacht wurden. Ohne Erbarmen wurden sie in den Krieg geschickt – mit Waffen, die größer waren als sie selbst. Ich kann mir so etwas nicht vorstellen und mag deshalb darüber nicht nachdenken.
Mein Großvater antwortet ihr. „Ja, ich denke auch, dass es nicht sehr weise von ihm ist, in so ein Kriegsgebiet zu reisen. Vor allem mit solch teuren Gütern. Sie werden ihm alles nehmen, was er hat. Dagegen hilft auch seine kleine Pistole nicht.“
Mein Vater goutiert diese Bemerkung mit einem finsteren Blick. „Nur, dass wir uns im Klaren sind“, zischt er. „Dieser Mann ist unsere einzige Verbindung zur großen Außenwelt. Ohne ihn haben wir viel größere Probleme. Außerdem möchte ich mir diese Nachricht gerne weiter anhören, da sie uns alle betrifft.“ Mein Großvater verzieht verärgert seinen Mund. Er will nicht, dass wir so mit ihm reden.
Schnell meldet sich Abadi wieder zu Wort, bevor noch ein Streit ausbricht. „Also, das sind dann weitere zwei Tage für die Reise und ein weiterer Monat für den Aufenthalt, hat er gemeint. Danach reist er in die Hauptstadt von Somalia, Mogadischu, was ebenfalls um die zwei Tage dauert, ohne Grenzkontrollen und ohne Zwischenstopps. Erst danach könnte er Zeit für uns einplanen, doch dann ist die fruchtbare Saison höchstwahrscheinlich vorüber.“
„Wir bekommen also alle Waren, die keiner davor haben wollte?“, ruft meine Großmutter. „Und davon sollen wir die nächsten fünf Monate leben?“
„Wenn wir überhaupt etwas bekommen“, sagt mein Großvater grimmig. „Und wenn er mit all seinen Reisen fertig ist und nicht ermordet oder überfallen wurde, wann können wir denn mit ihm rechnen?“
Thabo denkt kurz nach und erwidert: „Wenn seine Angaben stimmen, dann frühestens in drei Monaten.“
„In Ordnung“, sagt mein Vater. „Normalerweise würden wir ihn ja in zwei Monaten erwarten, also müssen wir nur einen Monat überbrücken. Das schaffen wir schon. Wir benutzen unsere Notrationen und einige von uns können ja einen anderen Händler suchen gehen. Mit einem richtigen Plan können wir das Ganze gut steuern.“
Erleichterung breitet sich in mir aus und ich bin auf einmal wieder glücklich. Während der Rede meines Cousins hatte ich nämlich ziemliche Angst, dass etwas Schlimmes passieren würde.
„Also, ich habe auch etwas zu sagen“, sagt meine Mutter, bevor jemand dazwischenreden kann. „Ich habe heute die Wäsche gewaschen mit Mali und Kiara und sie haben mir erzählt, dass Schlangen im Dorf gesichtet wurden. Ihre Männer haben Reparaturen vorgenommen und haben insgesamt drei Schlangen gesehen.“
Mein Vater lacht auf. „Und warum haben diese mutigen Männer das nicht gemeldet?“
Meine Mutter zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht wollten sie keinen Ärger bekommen, weil sie die Tiere nicht umgebracht haben.“
Mein Vater lacht auf. „Ja, das hätten sie tun sollen. Wir können es uns nicht leisten, eine Schlangenepidemie zu bekommen.“
Das Gespräch dreht sich noch um die verschiedenen Arten von Schlangen und ob sie wohl giftig sind. Ich konzentriere mich lieber auf die Suppenreste, die ich schnell aufesse. Ich möchte heute noch raus, bevor der Tag zu Ende geht. Meine Mutter sieht das Glitzern in meinen Augen und mahnt mich: „Kümmerst du dich heute um den Abwasch, Sahara? Und wie sieht es eigentlich mit den Hausaufgaben aus? Ich dachte, du musstest deine Rechenaufgaben noch machen?“
Schnell schüttle ich den Kopf. „Ich habe sie gestern Abend schon gemacht, Mama, zusammen mit Bahira. Außerdem findet der Unterricht diese Woche nicht statt, weil das Dach von der Schule repariert werden muss.“
Meine Mutter nickt. „Ich hoffe aber, dass sie das schnell wieder hinbekommen. Das ändert aber nichts am Abwasch!“
Ich seufze innerlich und nicke resigniert. Das heißt, ich muss noch die ganze Zeit am Tisch sitzen und warten, bis alle aufgegessen haben. Wenn ich den Suppenteller meiner Tante anschaue, dann könnte das ziemlich lange dauern. Schweigend sitzen wir nun um den Tisch und warten, bis jemand ein neues Gesprächsthema anfängt.
Endlich unterbricht mein Großvater die Stille. „Ich möchte noch kurz etwas ankündigen. Morgen Abend findet eine Zeremonie statt.“ Jeder schnappt aufgeregt nach Luft, als er das hört.
Ich drehe sofort meinen Kopf, um meinen Großvater besser betrachten zu können. Es erstaunt mich immer wieder aufs Neue, wie er so fit und weise wirkt, auch nach über achtzig Jahren auf dieser Erde. Die anderen Ältesten in unserem Dorf sind in sich gekehrt und wirken wie eine zerbrochene Hülle, komplett müde von dem anstrengenden Leben.
„Bekanntlich war die letzte ja vor drei Monaten und das ist entschieden zu lang.“
Meine Eltern und Cousins stimmen ihm leise zu.
Es gab eine Zeit, in der jede Woche eine große Zeremonie gehalten wurde, doch als mein Großvater älter wurde und mehrere Notstände überwinden musste, wurden die Zeremonien immer weniger. Ich freue mich dennoch, diese Neuigkeit zu hören, denn eine Zeremonie ist wie ein Balsam für unsere Seelen.
Wir zünden zum Sonnenuntergang ein großes Feuer am Hauptplatz an und erfahren Dinge aus der spirituellen Welt. Danach werden wir alle eingesalbt und sprechen ein kurzes Mantra, das uns für die kommende Zeit beschützt. Jede Familie nimmt Geschenke mit, meist leckere Speisen, die werden an alle Dorfbewohner verteilt. Während jeder isst und sich am Lagerfeuer wärmt, berichtet mein Großvater mit meinem Vater über die aktuellen Ereignisse im Dorf. Danach wird noch eine Schlussvorführung veranstaltet – mit den Tänzern und Sängern unseres Stammes. Die Vorführungen sind immer gleich und stellen eine Bitte an die Geister dar, uns Regen und Fruchtbarkeit zu schenken. Es ist einfach ein wunderbares Ereignis und jeder freut sich darauf.
Mein Großvater fährt fort: „Ich hoffe, ihr tut mir den Gefallen und verkündet diese Nachricht nach dem Essen im ganzen Dorf. Ich denke, dass sich alle darüber freuen werden, denn sie fragen mich immer wieder, wann die nächste kommt.“ Er schmunzelt und zwinkert mir zu. „Außer Sahara natürlich, denn sie muss sich um den Küchendienst kümmern.“
Ich schnaufe entrüstet, als meine Verwandten lachen. Ich mache das ja nicht freiwillig.
„Ich helfe ihr natürlich“, sagt meine Mutter dann. „Bis sie alle Schüsseln und noch den Topf geschafft hat, ist die Zeremonie schon vorüber!“
Diesmal lache ich auch. Ich bin bekanntlich nicht die Schnellste, wenn es um das Tellerwaschen geht, denn ich liebe das kalte Wasser in dem Waschbecken und versuche, es so lang wie möglich zu genießen. Und meine Familie weiß das.
Mein Vater räuspert sich leise und sagt: „Also, wenn wir das alles noch heute schaffen wollen, dann müssen wir bald damit anfangen.“
Wir stimmen ihm zu und hastig werden noch die letzten Suppenreste aus den Schüsseln gekratzt. Dann stehen meine Cousins auf und bedanken sich bei meiner Mutter für das köstliche Essen. Sie und meine Tante verlassen unsere Hütte und treten in die Nachmittagshitze, die um diese Uhrzeit enorm ist.
Meine Mutter dreht sich zu mir um und sagt: „Sahara, ich lasse dir das Wasser ein für den Abwasch. Du kannst währenddessen das Geschirr holen.“
Ich nicke und gehe zum Tisch, um die Schüssel einzusammeln. Ich sehe, dass meine Großeltern noch dort sitzen und sich angeregt miteinander unterhalten. Ich verstehe nur vage Wörter, es scheint sich um die arabische Wolle zu drehen, die der Händler letztes Mal für einen Wucher angeboten hat.
„Meinst du, er hat sie immer noch?“, fragt meine Großmutter. „Ich würde meinen, dass sie ein perfektes Jahrestagsgeschenk wäre.“
Mein Großvater lächelt und antwortet ihr etwas, was ich nicht mehr verstehen kann. Doch bevor ich die letzten beiden Schüssel einsammeln kann, hält er mich zurück. „Sahara, hör mir mal zu.“
Ich drehe mich um und sehe, dass er mich bedeutungsvoll ansieht. „Ja, was ist denn?“, frage ich neugierig.
„Als ich gestern Abend während des Sonnenuntergangs meditierte“, fängt er an, „kam mir ein eindruckvolles Bild vor Augen. Erinnerst du dich noch daran, als du versuchtest, eine Tonkugel herzustellen?“
Verwirrt nicke ich. Dieses Ereignis war schon zwei Jahre her. Warum sprach er mich jetzt auf einmal darauf an?
„Du hast tagelang daran gearbeitet und hast versucht, einen Globus herzustellen. Du wolltest die Welt erkunden gehen und jedes Land sorgfältig einritzen. Dann aber, sobald die Kugel komplett trocken war, passierte ein Schicksalsschlag und du ließt sie fallen, weil du dich wegen einer Spinne erschreckt hattest. Die Kugel zerbarst in zwei Hälften und du warst untröstlich. Du hast uns alle angefleht, sie zu reparieren, aber es ging nicht. Du hättest sie noch mehr zerstören können, du hättest sie aus Wut wegwerfen können. Doch du hast sie aufbewahrt, denn irgendwie hattest du noch Hoffnung, dass sie noch zusammengeflickt werden könnte. Wochen sind vergangen, bis eines Tages der Händler mit einer speziellen Klebersorte kam. Er half dir, deinen Globus zusammenzuflicken und gleichzeitig den Äquator goldfarben zu kennzeichnen.“
Ich lächle, denn der Händler hatte mir zusätzlich an diesem Tag noch einen echten Globus geschenkt, den ich bis heute aufbewahrt habe. Mein Großvater setzt eine nachdenkliche Miene auf. „Das war dir eine Lektion fürs Leben. Alles passiert aus einem Grund, man soll nur geduldig sein und Vertrauen haben, dann kann alles möglich sein.“
Ich nicke und bedanke mich für diese Weisheit. Er zuckt nur mit seinen Schultern und sagt: „Es erschien mir wichtig, dass du es weißt.“
Nachdem ich die Schüssel alle eingesammelt habe, gehe ich zum kleinen überdachten Hof, der direkt an unsere Hütte grenzt. Noch ein kleiner Luxus, der nicht üblich in unserem bescheidenen Dorf ist. Die kleine Wanne aus Lehm steht in der Ecke, sodass sie möglichst gut vor der Sonne geschützt ist. Wir verbringen nicht wenig Zeit dort, denn wir waschen uns und das Geschirr täglich. Da müssen wir uns vor einem Sonnenbrand schützen.
Meine Mutter kniet vor dem Becken und benetzt ihre Finger in dem trüben Wasser. Als ich sie erreiche, nimmt sie mir das Geschirr ab und taucht die erste Schüssel vorsichtig in das Wasser. Die Wassertropfen perlen von dem Ton ab und glitzern in dem schwachen Sonnenlicht. Ich knie mich ebenfalls nieder und nehme die nächste Schüssel. Unsere Hände finden einen gemeinsamen Rhythmus und bald höre ich nur noch das Plätschern des Wassers und meine gleichmäßigen Atemzüge.
Nachdem wir alles gewaschen haben, stellen wir die Schüsseln sorgfältig aneinandergereiht in die Sonne, damit sie trocknen können. Gerade als ich mein Gesicht in die heiße Sonne richten will, spüre ich eine kleinste Änderung. Meine Härchen auf der Haut stellen sich auf und ich merke einen minimalen Temperaturunterschied.
Als ich meine Augen wieder öffne, bemerke ich, dass meine Mutter schon ins Haus gegangen ist. Sie hat anscheinend nichts wahrgenommen. Stirnrunzelnd blicke ich, um nicht von der Sonne geblendet zu werden, in den Himmel, um dort vielleicht etwas erkennen zu können. Nichts. Nur der heiße Feuerball, der mir die Schweißperlen den Rücken hinuntertreibt. Nicht einmal ein Hauch von einem Wölkchen spüre ich jetzt mehr. Dann muss es wohl die heranschreitende Abenddämmerung gewesen sein. Oder einfach ein kleines Zittern, damit ich nicht überhitze. Bevor ich es aber wirklich tue, stoße ich die Tür auf, die in unsere Hütte führt, und trete wieder ein. Sie ist menschenleer, bis auf meine Großmutter, die den Boden fegt. Sie macht dies jeden Tag, damit die Reinheit unserer Seele nicht beeinträchtigt wird. Sie sieht mich und ruft mir zu: „Deine Eltern sind noch kurz raus. Sie möchten aber, dass du mir mit dem Haushalt hilfst, weil du sonst nichts mehr zu tun hast.“ Sie lächelt verschmitzt, denn sie erkennt, dass ich protestieren möchte. So komme ich gar nicht mehr aus dem Haus heraus.
Ich seufze resigniert. „In Ordnung. Was soll ich machen?“
„Am besten die Töpfe arrangieren und den Sand von den Fensterbrettern wischen.“
Ich schlurfe zum großen Kasten neben der Küchennische und öffne die schweren Holztüren. Gleich darauf muss ich aufstöhnen. Anscheinend hat sich keiner die Mühe gegeben, Töpfe und Teller ordentlich hineinzustellen. Vor mir türmt sich ein monströser Haufen auf und bis ich ihn halbwegs in Ordnung gebracht habe, schwebt die Sonne schon gefährlich nahe am Horizont.
Meine Großmutter kommt und begutachtet meine Arbeit. „Mhm, sieht schon mal ganz gut aus. Jetzt warten nur noch die Fensterbretter auf dich.“
Schmollend gehe ich in den Hof, wo sich ein kleiner Handbesen befindet. Er ist völlig verstaubt und verdreckt. Damit kann ich meine Aufgabe niemals erledigen. Da kommt mir eine glänzende Idee. „Oma!“, rufe ich in die Hütte hinein. „Ich hole kurz Wasser, um den Besen zu reinigen!“
Stille.
„Aber hoffentlich beim Brunnen, oder?“
Mist. Sie hat meinen Trick durchschaut. Eigentlich wollte ich heimlich zum Nil schleichen, aber meine Familie kennt mich einfach zu gut, wenn es um meine Abenteuerlust geht.
„Ja … Ich bin gleich zurück.“
Das war nicht sehr schlau von mir, denn um diese Zeit ist es brennend heiß. Seufzend hole ich den Eimer, denselben, den ich heute Morgen zum Nil getragen habe.
„Und vergiss nicht, dein Tuch zu tragen!“, ruft meine Großmutter vom Wohnzimmer. „Sonst verbrennst du noch deine Kopfhaut und das kann mit einem bösen Sonnenstich enden.“
„Jaja …“, murre ich.
Ich laufe schnell zu meinem Kleiderhaken, wo mein jadegrünes Seidentuch hängt. Ich binde es schnell um meinen Kopf, um ihn vor den schädlichen Sonnenstrahlen zu schützen. Auch auf diesem Stoff ist ein Tier eingestickt, ein weiterer Vogel, der seine großen Flügel ausstreckt. Die silbernen Fäden schimmern in der Sonne.
Eilig verlasse ich die Hütte, damit ich die Aufgabe schnell hinter mich bringen kann. Ich laufe den vertrauten Weg und erspähe vor dem Brunnen eine willkommene Überraschung.
„Bahira!“, rufe ich erfreut.
Die Gestalt dreht sich um und sieht mich. „Sahara!“ Sie schließt die kurze Distanz zwischen uns und mich in ihre Arme. Ein süßlicher Duft steigt mir von ihren Haaren in die Nase. Einer, der mich an Weihrauch erinnert.
Sie bemerkt meinen verwirrten Blick und lacht. „Wir haben eine neue Heilmethode entwickelt. Wir versuchen, die Krankheit aus meiner Schwester auszuräuchern. Deshalb muss ich jetzt Wasser holen, denn Ruba ist völlig ausgetrocknet.“
Ich nicke mitfühlend und umarme sie noch einmal. Es ist schwer für sie, Ruba so zu sehen. Als ich sie wieder loslasse, sagt sie: „Hättest du am Abend vielleicht Zeit, vorbeizukommen, um zu spielen? Ruba hatte schon länger keinen Besuch mehr und es würde ihr sicherlich guttun, dich zu sehen.“
Ich nicke, ohne zu zögern. „Klar.“
Sie lächelt mich breit an und hievt ihren Eimer aus den Brunnen. Da bemerke ich die Schwielen an ihren Händen. Sie muss in den letzten Tagen viel gearbeitet haben. Mit einer letzten Umarmung entfernt sich Bahira und ich lasse meinen Eimer herab. Während er mit Wasser vollläuft, sehe ich ihr nach und bewundere ihr wunderschönes weißes Kleid. Es weht in der leichten Brise wie ein luftiges Tuch. Solche Kleider finde ich praktisch, weil sie während eines heißen Sommertags etwas Kühlung bringen.
Sobald der Eimer voll ist, ziehe ich ihn hoch. Die Tauseile schneiden in meine Handflächen, doch der brennende Schmerz ist bald vorbei. Dann trete auch ich meinen Heimweg an. Nach einer Weile komme ich ganz schön ins Schwitzen und taumle fast durch die Eingangstüre. Mit etwas Enttäuschung registriere ich, dass meine Eltern noch immer nicht zurück sind. Das heißt, die Folter geht weiter.
Da entdeckt mich meine Großmutter auch schon und ruft mir entgegen: „Was hat denn so lange gedauert? Bist du gestürzt?“
Ich schüttle nur meinen Kopf und sage: „Ich hab Bahira getroffen und wir haben etwas geplaudert.“
Meine Großmutter verzieht ihr Gesicht und es tut mir sofort leid, dass sie sich unnötig Sorgen um mich gemacht hat. Dabei sollte sie eigentlich wissen, dass es ganz sicher in unserem Dorf ist. Ich haste schnell zum Besen, um ihn zu waschen. Dann mache ich mich an die mühselige Arbeit, die glatten Fensterbretter von dem hartnäckigen Sand der nahen Wüste zu befreien. Doch sobald ich ein einzelnes Korn losgeworden bin, hüpft ein anderes ganz freimütig auf die halbwegs saubere Stelle. Bis ich mit dieser Aufgabe fertig bin, dauert es sicherlich Hunderte Jahre. Deshalb nehme ich mir vor, ein Lied zu singen, um mir die Zeit zu vertreiben. Es ist ein sehr altes Lied, das noch aus der Zeit meines Ur-Ur-Urgroßvaters stammt. Es kombiniert Rhythmus und Gesang zu einer einzelnen, fließenden Einheit. So summe ich also vor mir hin, während ich meine Arbeit verrichte.
Nach einer Weile kommt meine Großmutter, um meine Arbeit zu inspizieren. Sie ist zufrieden, denn sie gibt mir einen Kuss auf die Stirn und sagt, dass ich gerne noch etwas im Hof spielen darf, bevor es Abendessen gibt. Freudig laufe ich zum Regal, das einzig und allein mir gehört. Wir alle haben so eines, aber ich finde meins bei Weitem am schönsten. Da stehen nämlich alle meine Puppen und anderen Spielzeuge sorgfältig arrangiert. Auf dem meiner Mutter liegen nur einige vertrocknete Blumen und eine kunstvoll bemale Vase, in welcher sie immer ihren Schmuck aufbewahrt. Das meines Vaters liegt so weit oben, dass es für mich ein Rätsel bleibt, was er denn auf seinem Regal verstaut.
Ich nehme ein Würfelspiel und zwei Puppen vom hölzernen Brett und stecke alles in meinen eigenen Jutesack, den ich vor einigen Monaten vom Händler geschenkt bekommen habe. Er ist zwar monoton in Blau gehalten, ist aber zuverlässig und reißt nie. Ich werde ihn heute Abend mitnehmen, um mit Bahira und Ruba spielen zu können. Soweit ich weiß, mussten sie alle Spielzeuge verkaufen, um mehr Geld für Medikamente zu bekommen. Da freuen sie sich bestimmt, mit meinen Sachen spielen zu dürfen. Ich nehme eine weitere Puppe, eine, die mir mein Großvater geschenkt hat. Sie ist ganz schwarz und trägt ein pfirsichfarbenes Kleid. Eine solche Farbe bekomme ich nicht häufig zu Gesicht und oft frage ich mich, ob mein Großvater ein Stück Sonnenuntergang zu einem Kleid verarbeitet hat. Ich nehme sie also und spaziere gemächlich in unseren Hof, der jetzt nur spärlich vom Sonnenlicht beleuchtet wird. Ich setze mich auf einen gewobenen Stuhl und fange an, den Zopf, den die Puppe trägt, aufzulösen. Ich liebe es, mit Haaren zu experimentieren, und das lange Wollhaar der Puppe eignet sich perfekt dazu.
