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Shawn-Frederik Gerdis-Northbottom kommt einer lebenden Legende ziemlich nahe und ist mit seinen sechzehn Jahren bereits ein wandelndes Mysterium, cooler als ein Eisberg, bei Mädchen überdurchschnittlich begehrt und von Eltern gefürchtet. Noch dazu ist er mein ehemaliger bester Freund, sozusagen mein Exfreund. Wenn unsere Freundschaft sich auch hauptsächlich auf die Kindergartenzeit und die Grundschule beschränkte ...
Und genau da liegt das Problem, denn seither haben Maja und Shawn eigentlich nichts mehr miteinander zu tun. Trotzdem soll ausgerechnet sie ihn zu einem Rockkonzert begleiten. Dabei interessieren sie diese abgedrehten Rocker von Galaxy Glitter gar nicht. Sie soll Shawn nur im Auftrag seiner besorgten Mutter im Auge behalten. Wie soll sie das bloß unbemerkt anstellen?
Nach »Alles Anders« folgt nun das zweite, mit ebenso leichter Hand geschriebene Jugendbuch von Kari Erhardt, das durch witzige Dialoge und genau gezeichnete Charaktere besticht.
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Veröffentlichungsjahr: 2010
Von Kari Ehrhardt im Carlsen Verlag erschienen:Alles Anders Reise mit Kaktus CARLSEN Newsletter Tolle neue Lesetipps kostenlos per E-Mail!www.carlsen.de Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden. © 2009 by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg Umschlaggestaltung: formlabor unter Verwendung von Fotos von iStockphoto (Christine Balde, KMITU, Michal Koziarski, Kate Leigh, Tatiana Popova, Andrzej Tokarski, Luis Carlos Torres, Olya Tropinina, Feng Yu) und euleDesign, Hamburg Lektorat: Katja Maatsch Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-646-92275-2 Alle Bücher im Internet unterwww.carlsen.de
FürEbbi und Schippy, die Autorengroßzieher,Rei, die kreative Endszenenkrisenberaterin,The Pleasures, die musikalischen Ideenverstärker,Edward, den Schimpfwortlösungsfindehelfer,Mita und Inken, die Papierchaostrotzdemdurchleser, und Katja, die nicht Neumann heißt
That’s when I lost it – something I guess it was you. On a Wednesday morning between breakfast and noon. That’s when I lost it – everything and still you stayed the same even when I took your smile out of the frame. That’s when I lost it.
(»I lost it«, Galaxy Glitter)
TEIL 1
Shawn
Dienstag, 10. Juli, 05:24 Uhr
Es ist dunkel. Hat jemand das Licht ausgemacht? Hallo?
Etwas sticht in meinem Nacken. Ist das überhaupt mein Nacken? Alles fühlt sich verdreht an. So als hätte man mich in Stücke geschlagen und falsch wieder zusammengenäht.
»Freddie?« Irgendwer ruft meinen Namen, oder besser das, was davon übrig geblieben ist. Die Stimme kenne ich doch! Aber sie klingt merkwürdig. Irgendwie hört sie sich an, als käme sie durch Watte oder so. Habe ich etwa Watte in den Ohren? Wo sind überhaupt meine Ohren?
»Freeeeeddieeee?!« Die Watteworte werden lauter, bekommen ein unangenehmes, metallisches Echo – Watte in einer rostigen Konservenbüchse …
Dann sind sie wieder weg, genau wie alles andere auch.
Maja
Mittwoch, 1. August, 14:57 Uhr
Ich bremse. Grundgütiger! Die Lebensmüden fliegen heute aber tief!
»Das ist ein Fahrradweg!«, brülle ich. Allerdings ziemlich leise – sofern man leise brüllen kann. Meine Stimme ist rau. Kein Wunder, bei dem Schreck und den Temperaturen (mindestens dreißig Grad im Schatten!).
Die Lebensmüden – ein Junge und ein Mädchen in meinem Alter – hören mich schon gar nicht mehr. Sie rennen trotz der Hitze wie wild gewordene Hühner über die vierspurige Straße und kichern dabei sogar noch. Ein Auto hupt, ein anderes kann im letzten Augenblick bremsen – genau wie ich gerade.
Die beiden hatten wirklich Glück. Ich versuche immer so aufmerksam wie möglich zu sein. Nicht dass ich übermäßig panisch bin. Immerhin bin ich als Kind oft Crossrad im Gelände gefahren, habe gute Reflexe und ein Fahrrad mit neuen Bremsen. Aber man kann wirklich nie vorsichtig genug sein. Im letzten Jahr kamen in Deutschland über fünftausend Verkehrsteilnehmer ums Leben – einer davon war der zehnjährige Sohn unserer Musiklehrerin.
Ich überprüfe den Kinngurt meines Fahrradhelms. Er sitzt fest.
»Idioten!«, schnaube ich, um mir etwas Luft zu machen. Könnt ihr nicht einmal euer Hirn einschalten, wenn ihr das Haus verlasst? Anscheinend nicht.
Es ist aber auch zu blöd. Immer wenn man gerade bester Laune ist und sich mal so richtig freuen kann, passiert etwas. Das ist schon fast ein Naturgesetz! Und das eben hätte ganz böse ausgehen können! Eine frontale Kollision zwischen einem Fahrrad und einem Menschen ist für beide äußerst unangenehm.
Die Jugendlichen mit den Stand-by-Gehirnen sind schon außer Sichtweite. Und ich muss weiter, sonst komme ich zu spät nach Hause und verpasse am Ende noch das Kaffeekränzchen mit meinen Freundinnen!
Beherzt schwinge ich mich wieder auf mein Fahrrad und fahre langsam an der Straße entlang – die Hände an den Bremsen.
Mit jedem Meter hebt sich meine Stimmung. Schließlich ist heute ein besonderer Tag. Mein erster Ratgeber ist fertig! Mein erstes Buch – ohne fremde Hilfe recherchiert und nur von mir allein geschrieben! Ich bin so was von gut! (Okay, nicht wirklich, nicht immer und nicht in allem. Aber jetzt fühle ich mich so!)
Soeben habe ich das Manuskript im Copyshop am Brunsberger Damm binden lassen. Mit einem selbst gestalteten Cover und einem Deckel aus durchsichtiger Folie. Eigenlob stinkt, aber ich muss es einfach zugeben: Es ist das perfekte Geburtstagsgeschenk für Vati!
Als ich unsere Wohnungstür aufschließe, klingelt das Telefon. Das ist ungewöhnlich. Niemand ruft um drei Uhr – genauer gesagt um 15:08 Uhr – bei uns an. Mutti arbeitet als Krankenschwester in der Notaufnahme und kommt daher eigentlich nie dazu, sich bei mir zu melden. Wer ruft schon seine Tochter an, wenn man gerade zwischen einem offenen Beinbruch, einem Schädelhirntrauma und einer Verbrennung dritten Grades hin und her laufen muss? Vati hingegen macht sich grundsätzlich nichts aus Telefonieren. Er hat in den letzten vier Jahren genau drei Mal vom Büro aus angerufen. Und einmal davon hatte er sich nur verwählt.
Auch Mitschüler rufen nicht bei uns an. Ich tue schließlich täglich mein Bestes, um in der Schule meinen Status der Unsichtbarkeit aufrechtzuerhalten. Spaß macht das nicht, aber früher, als ich noch sichtbar war, hat es oft Ärger gegeben. Damals haben meine Mitschüler sogar sehr oft bei uns angerufen, aber das war nichts Gutes. Sie haben die Stimme verstellt und sich über mich lustig gemacht – manchmal mehrfach am Tag! Meine Eltern haben dann irgendwann die Nummer gewechselt, weil sie das Klingeln des Telefons störte. Danach gab es keine Anrufe mehr. Dafür wurde es in der Schule so richtig schlimm. Bis ich die Schule wechseln durfte, oder besser: wechseln musste.
Der Anrufer kann folglich nur jemand sein, der sich verwählt hat!
Ich gehe trotzdem ans Telefon. Vielleicht weil ich doch ein kleines bisschen neugierig bin.
Nachdem ich den Jutebeutel mit meinem Ratgeber auf der Flurkommode abgestellt habe, nehme ich den Hörer auf und nenne ordnungsgemäß meinen vollen Namen: »Maja Mertens, guten Tag!«
»Maja, schön, dass ich dich erreiche!«, sagt eine weibliche Stimme, die ich nicht zuordnen kann.
Vielleicht ist es das Krankenhaus? Oder sogar die Polizei! In der Notaufnahme kann viel passieren! Mutti musste dort schon mal einen gefährlichen Einbrecher verarzten, der sich beim Einsteigen in ein Haus am zerbrochenen Fensterglas verletzt hat! Solche Leute sind unberechenbar!
»Ich bin es, Sibylle Gerdis-Northbottom!«
Ich atme erleichtert auf. Kein Attentat in der Notaufnahme.
Sibylle Gerdis-Northbottom ist die Mutter eines Schülers aus meiner ehemaligen Schule, dem Helene-Maria-Bergenthun-Gymnasium. Allerdings nicht die Mutter irgendeines beliebigen Schülers. Sie ist die Mutter von Shawn-Frederik Gerdis-Northbottom!
Und Shawn-Frederik Gerdis-Northbottom kommt – soviel ich weiß – einer lebenden Legende ziemlich nahe. Er geht zwei Mal die Woche zum Bogenschießen in den Sportverein. Denselben Sportverein, in dem die richtig beliebten Mädchen aus unserer Klasse Hockey spielen. Wenn man ihnen Glauben schenken darf, ist Shawn-Frederik mit seinen sechzehn Jahren bereits ein wandelndes Mysterium, cooler als ein Eisberg, bei Mädchen überdurchschnittlich begehrt und von Eltern gefürchtet.
Noch dazu (und das ist das eigentliche Problem) ist Shawn-Frederik mein ehemaliger bester Freund, sozusagen mein Exfreund. Wenn unsere Freundschaft sich auch hauptsächlich auf die Kindergartenzeit und die Grundschule beschränkte.
Die innige Freundschaft zwischen uns wurde weniger innig, als er (ein Jahr vor mir) aufs Gymnasium kam. Spätestens mit den ersten frühen Auswirkungen der Pubertät auf seine Persönlichkeit (in der sechsten Klasse) nahm unsere Freundschaft ein durch und durch endgültiges Ende! Shawn-Frederik wurde zunächst betont cool, dann sehr beliebt, irgendwann merkwürdig und schließlich genauso berühmt wie berüchtigt.
Folglich habe ich allen Grund, von diesem Anruf – gelinde gesagt – überrascht zu sein!
Überhaupt, wie soll ich Sibylle ansprechen? Mit »du« oder mit »Sie«? Früher habe ich »du« zu ihr gesagt, aber ich duze normalerweise keine erwachsenen Menschen, die nicht mit mir verwandt sind.
Sibylle lässt mir keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Sie beginnt – ohne Punkt und Komma – auf mich einzureden. Und das auch noch mit tränenerstickter Stimme!
Nach vier Minuten – in denen ich ab und zu »aha« und »ach!« sage – bin ich im Bilde: Shawn-Frederik hatte vor drei Wochen einen Unfall. Und zwar einen richtigen Unfall!
Dazu ist es gekommen, weil Shawn-Federik mit unverantwortlichen und offenbar ziemlich betrunkenen Freunden im Auto gefahren ist. Der Fahrer war – wie Sibylle mir schniefend erklärt – etwas älter als Shawn-Frederik und hatte zum Zeitpunkt der Katastrophe erst seit ein paar Wochen den Führerschein.
»Wie konnte er da nur einsteigen?«, klagt Sibylle.
Ist das jetzt eine Frage oder eine Feststellung?
»Vielleicht wusste er nicht, dass der Fahrer etwas getrunken hat!«, sage ich.
Sibylle lacht bitter. Habe ich jetzt etwas Falsches gesagt? Ich hasse es, in Fettnäpfchen zu treten. Ein Grund mehr, aus dem ich den Kontakt zu anderen Menschen reduziert habe. Mehr Menschen bedeuten stets auch mehr unangenehme Situationen!
Zum Glück erzählt Sibylle bereits unbeirrt weiter.
Ich setze mich auf den Boden und ziehe die Fransen von unserem Flurläufer gerade.
Während ich einen Faden neben den anderen sortiere, erfahre ich alles über den Unfall: Wie die Fahrt schon nach kurzer Zeit an der Außenwand einer Keksfabrik endete, wie der Wagen einen Totalschaden erlitt und wie zumindest zwei der Insassen vom Arzt wiederhergestellt werden konnten.
Shawn-Frederik hingegen hat es offenbar schwerer getroffen als die anderen beiden.
Seit dem Unfall leidet er nicht nur unter Kopfschmerzen, sondern auch (das ist das eigentlich Interessante) unter partieller Amnesie!
Ich weiß aus dem Fernsehen, was das ist. Bei partieller Amnesie kann sich der Betroffene nicht mehr richtig erinnern. Manchen fehlen nur die letzten Minuten oder Stunden, andere haben keine Erinnerung an ihre Kindheit oder an bestimmte Ereignisse.
»Er weiß noch, wie er heißt!«, sagt Sibylle.
Ich finde, dass das bei einem Namen wie Shawn-Frederik Gerdis-Northbottom eine gute Leistung ist. Aber auch das sage ich nicht. Ich will nicht zynisch wirken. Schließlich soll Sibylle mich für betroffen und mitfühlend halten. Es ist mir auch nach all den Jahren noch wichtig, was die Gerdis-Northbottoms über mich denken. Andere Menschen sind in solchen Situationen immer betroffen und mitfühlend. Tante Annette hätte sogar geweint!
»Er erinnert sich an unseren Kanada-Urlaub vor fünf Jahren und an mich und Bryn und sogar an das Meerschweinchen, das wir mal hatten!«
Ich erinnere mich auch an Bryn und an das Meerschweinchen. Letzteres hieß Rasender Bär (kurz: Rasi) und ist an einer Zahnkrankheit eingegangen. Ich habe damals die indianische Bestattungszeremonie im Garten der Gerdis-Northbottoms durchgeführt, damit Rasi in die ewigen Wiesengründe kam.
»Er weiß so viel!«, Sibylle seufzt abgrundtief »Aber er kann manche Dinge nicht richtig zuordnen! Kurz nach dem Unfall war er sogar richtig verwirrt. Als ich ihn nach der Schule fragte, nannte er mir zuerst Leute aus der Grundschule! Zum Glück hat sich das mittlerweile etwas gebessert. Er kann die Dinge wieder besser zuordnen. Nur die letzten drei Monate vor dem Unfall sind komplett aus seinem Gedächtnis gelöscht. Was Wichtiges hat er dabei sicherlich nicht vergessen und es ist ja nur gut, dass er sich nicht daran erinnert, wie er gegen diese Mauer …« Sibylle hält kurz inne. »… ich meine, der Arzt sagt auch, dass er Fortschritte macht. Aber für Freddie ist es schrecklich! Er hat sich richtig aufgeregt, als seine Schulfreunde zu Besuch kamen. Sie haben ihn so angestrengt, dass er sie erst einmal nicht zu oft sehen sollte.«
Es leuchtet mir ein, dass die Typen aus Shawn-Frederiks ausgefallenem Freundeskreis im Hause Gerdis-Northbottom nicht gerade willkommen sind. Ich kenne sie zumindest von weitem und sie sehen allesamt so aus, als wären sie von einem durchgedrehten Stylisten überfallen worden und hätten anschließend in die Steckdose gefasst.
Aber ehrlich gesagt bin ich immer noch ziemlich verwundert, dass Sibylle ausgerechnet bei mir anruft. Schließlich kann sie das mit dem Unfall auch anderen Leuten erzählen – erwachsenen Leuten. Jemand wie Sibylle hat doch bestimmt gleichaltrige Freunde! Und sonst ruft sie ja auch nicht bei mir an, wenn etwas passiert.
Doch dann sagt sie den entscheidenden Satz, der mich so überrascht, dass ich von den Teppichfransen ablasse.
»Er erinnert sich noch an eure Freundschaft! Stell dir vor, er weiß zum Beispiel noch genau, wie ihr die Wildschweingrube im Garten ausgehoben habt.«
»Ach!«, rutscht es mir heraus. Ich bin in der Tat nie auf die Idee gekommen, dass Shawn-Frederik jemals über die alten Zeiten nachgedacht hat. Im Grunde ist es mir in den letzten Jahren eher so vorgekommen, als hätte Shawn-Frederik eine Art Maja-Amnesie. Und die Wildschweingrube war nicht wirklich spektakulär. Zum einen war sie sehr klein und zum anderen haben wir damit nie ein Schwein (oder sonst was) gefangen, weil es bei uns in der Stadt gar keine Wildschweine gibt.
»Ja, tatsächlich!«, sagt Sibylle schniefend. (Sie war schon immer schrecklich emotional.) »Und da dachte ich, dass du dich vielleicht ein bisschen um ihn kümmern könntest!«
»Ich?« Das hätte mich glatt umgehauen, wenn ich nicht schon sitzen würde! Im Flurspiegel sehe ich, dass mein Gesicht unter dem neongelben Fahrradhelm schlagartig blass geworden ist. Das sieht richtig ungesund aus!
»Ja! Er braucht Gesellschaft. Vielleicht nicht gerade die von den Jungs, aber er braucht jugendliche Gesellschaft, um sich nicht so allein zu fühlen. Jemand Ruhiges, Ausgeglichenes täte ihm sehr gut.«
Wie schön! Ich werde ja gern als »ruhig« und »ausgeglichen« bezeichnet. Aber als »jugendliche Gesellschaft« kann man mich nun beim besten Willen nicht bezeichnen!
»Es wäre wirklich schön, wenn du uns mal besuchen könntest!«, sagt Sibylle in ihrer freundlichsten »Das kannst du mir nicht abschlagen«-Stimme. Wie ungerecht, dass ausgerechnet ich dafür total anfällig bin. Wie soll ich da jetzt noch »nein« sagen?
»Na ja …« Nachdenklich drehe ich die Telefonschnur um meinen Zeigefinger. Gedanken rasen durch meinen Kopf. Jemanden zu besuchen heißt sich in dessen Leben einzumischen. Das ist etwas anderes, als nur von außen zuzuschauen. Andererseits handelt es sich bei Shawn-Frederik um einen vergesslichen Unfallpatienten, also um jemand, der irgendwie senil ist – wie ein Mensch im Altenheim oder so. Aber …
»Morgen um drei – oder hast du etwas vor?«
Allein an dieser Frage merkt man, dass Sibylle Gerdis-Northbottom keine Ahnung von meinem Leben hat. Aber ich habe keine Lust, sie aufzuklären. Außerdem rutscht mir bereits der Satz »Drei Uhr passt mir gut!« heraus.
Sibylle freut sich riesig und fragt, ob ich immer noch so gern weiße Brause trinke. Ich sage ganz schrecklich heiser und fast tonlos: »Ja.«
Als Sibylle sich endlich verabschiedet, ist es schon zehn nach vier. Entsetzt stelle ich fest, dass der Kaffeeklatsch ohne mich angefangen hat. In den zwei Jahren meiner Mitgliedschaft ist das noch kein einziges Mal vorgekommen!
Maja
Mittwoch, 1. August, 16:10 Uhr
Jeden Mittwoch – normalerweise genau um 15:30 Uhr – treffe ich mich mit meinen vier besten und außerdem einzigen Freundinnen zu Kaffee und Frankfurter Kranz. Das geschieht so gut wie ohne Ausnahme und verläuft immer gleich. Der Kaffee ist immer stark, es gibt immer die gleiche Marke Kaffeesahne, es gibt immer Frankfurter Kranz und immer treffen wir fünf Kaffeekränzler uns in der Wohnung von Cecilie.
Cecilie ist meine beste Freundin und wohnt im ersten Stock des Mietshauses, in dem auch meine Eltern und ich wohnen. Sie ist mit neunundsiebzig Jahren die Zweitjüngste in unserer Clique.
Abgesehen von Cecilie und mir sind da auch noch Gerda (achtzig Jahre), Trudi (einundachtzig Jahre) und Martha (mit fünfundachtzig Jahren die Älteste).
Obwohl zwischen mir und meinen Freundinnen ein Altersunterschied von etlichen Jahrzehnten liegt, fühle ich mich bei ihnen viel wohler als unter Gleichaltrigen. Meine Freundinnen sind lieb zu mir. Sie mögen mich so, wie ich bin, sie lachen nicht über mich und mein Gesicht und sie freuen sich, wenn ich zu Besuch komme.
Außerdem heißt es schließlich immer, dass man so alt ist, wie man sich fühlt. Vom gefühlten Alter her bin ich meinen Freundinnen manchmal durchaus ebenbürtig. Die einzigen Unterschiede zwischen uns sind ein paar Falten, rheumatische Gelenke und die Tatsache, dass Cecilie, Gerda, Trudi und Martha vor Jahrzehnten einmal ein geradezu haarsträubend aufregendes Leben hatten.
Heute haben sich die vier alten Damen schon große Sorgen um mich gemacht.
Trudi erzählt mir, dass sie schon kurz davor gewesen waren, im Hausflur nachzusehen, ob ich vielleicht die steilen Treppen hinuntergefallen wäre. (Frau Zidal aus dem dritten Stock bohnert ihren Treppenabsatz immer mit Wachs und dann wird es unheimlich rutschig.) Den Sturz hätte man immerhin überhören können, da Cecilie ihre Pacco Brunzoris Fliederlieder-Platte aufgelegt hatte. Und die ist ganz schön laut!
Meine Freundinnen sind erleichtert, dass ich in einem Stück bei ihnen angekommen bin.
»Ich hab sowieso nicht geglaubt, dass was passiert ist!«, sagt Cecilie und dreht den Plattenspieler noch etwas lauter. »Ich hätte dann eine dunkle Vorahnung gehabt!«
Cecilie ist gut in dunklen Vorahnungen. Da kann ihr keiner etwas vormachen. »Ich hätte da ein rasend ungutes Gefühl im Oberbauch gehabt, so wie damals, als der Udo …«
»Jaja«, sagt Martha, »der Udo! Der ist jetzt auch seit fünfzehn Jahren nicht mehr bei uns!«
»Der Kaffee wird kalt!«, sagt Trudi. Trudi kann kalten Kaffee noch weniger ausstehen als Zahnarztbesuche und Gerdas Kater Amadeus und Windsor. Das sagt sie zumindest immer.
»Ich hatte einen wichtigen Anruf, den ich nicht unterbrechen konnte!«, kläre ich meine Freundinnen auf, als wir endlich alle am Kaffeetisch sitzen.
Natürlich sind sie alle vier daran interessiert, zu erfahren, wer mitten am Tag angerufen haben könnte. Sie sind immer interessiert an meinem Leben. Dabei habe ich eigentlich nie viel zu erzählen, normalerweise jedenfalls. Dank Shawn-Frederik und seinem Unfall ist das heute anders.
Cecilie erinnert sich sogar noch an ihn. Sie hat uns früher manchmal aus den alten Indianerbüchern ihrer Söhne vorgelesen. »Der nette kleine Kerl! Er konnte zuhören wie kein anderer! Und wie gern er immer den Winnetou mochte. Wie konnte er sich nur so ändern?«
Cecilie ist die Einzige, die weiß, wie schrecklich es für mich war, als Shawn-Frederik langsam, aber deutlich das Interesse an mir verlor. Eine Erinnerung, die ich bis heute nur zu gern verdrängt habe!
Mir kam es damals so vor, als wäre mein bisheriges Leben eine schlecht zusammengebaute Schrankwand gewesen, die ein paarmal bedrohlich knarrte und dann komplett in sich zusammenbrach. Ein Möbelstück ohne passende Ersatzteile.
Mit Shawn-Frederik verlor ich meinen besten Freund, meinen Blutsbruder, meinen einzigen Spielkameraden und meine Lieblingsfamilie. Zudem verlor ich durch ihn auch noch ein Abenteuerhörspiel (das er sich von mir ausgeborgt hatte und nie zurückgab) und das Buch Meine Freunde (in das Shawn-Frederik als Erstes hatte reinschreiben sollen!!).
Natürlich versuchte ich Shawn-Frederik und seine Familie in mein Leben zurückzuholen. Aber mein bester Freund wollte einfach nicht mehr mein bester Freund sein. Egal wie oft ich auch bei ihm anrief (so ungefähr drei Mal am Tag).
Später bin ich dann zwei Mal die Woche zum Sportplatz gefahren, um ihn heimlich beim Bogenschießen zu beobachten, obwohl Cecilie mir davon abgeraten hat.
Sie hatte Recht. Es hat mich nur traurig gemacht. Ich habe dann schließlich schweren Herzens einen Schlussstrich gezogen. Dabei hat Cecilie mir sehr lieb und mit viel Kuchen und Schokoladenkeksen zur Seite gestanden.
»Wenn das mein Enkel gewesen wäre, dann hätte ich aber ein besonders rasend ungutes Gefühl im Oberbauch gehabt!«, sagt Cecilie, nachdem ich meinen Freundinnen von dem Unfall erzählt habe.
»Wie kann man nur so unvorsichtig sein?« Gerda nimmt ein winziges Stück Kuchen mit der Gabel auf.
»Das mit den vielen Unfällen liegt nur an den Autobahnen!«, sagt Martha, die entschieden findet, dass früher alles besser war – sogar der Kuchen. »Es war ja eigentlich eine gute Idee von dem Adolf, die zu bauen, aber der dachte sicherlich nicht an all die Jugendlichen mit denen ihre schnellen Autos!«
»Martha!«, ruft Cecilie entrüstet, »wir haben uns doch geeinigt nicht über diesen schrecklichen Mann mit ›A‹ zu sprechen!«
Wir haben das tatsächlich schon mehrfach besprochen. So ungefähr zwanzig Mal! Die dreißiger und vierziger Jahre sind ein heikles Thema, das schon zu hitzigen Diskussionen am Kaffeetisch geführt hat.
»Aber wenn er nun mal die Autobahnen gebaut hat!«
»Du weißt doch selbst, dass er das nicht für uns getan hat, sondern für den Krieg!« Cecilie stellt ihre Tasse so entrüstet zurück auf die Untertasse, dass etwas Kaffee überschwappt. »Wann begreifst du endlich, was damals wirklich passiert ist! Noch einmal ein positives Wort über die damalige Politik und … ach was!« Sie regt sich jedes Mal besonders auf, weil sie jüdische Freunde gehabt hat. Manchmal habe ich Angst, dass Martha und Cecilie sich so zerstreiten, dass sie sich nie wiedersehen wollen.
»Ihr macht ja alles ganz ungemütlich! So bekommt mir der Kuchen nicht!« Trudi kann es nicht gut leiden, wenn wir nicht alle harmonisch beisammensitzen. Ich kann sie gut verstehen.
»Lasst doch endlich mal das Vergangene ruhen und verhaltet euch wie richtige Damen!«, sagt Gerda pikiert.
»Meine liebe Gerda, es ist die Pflicht einer richtigen Dame, sich mit dem Weltgeschehen auseinanderzusetzen. Und da gehört die Vergangenheit nun einmal dazu. Wie soll man sonst aus ihr lernen?«
»Aber doch nicht bei Kaffee und Kuchen!« Trudi begräbt ihren Kranz unter einer weißen Schicht Sahne. »Außerdem will ich wissen, was es mit Johann-Frederik auf sich hat!«
»Shawn-Frederik«, verbessere ich sie.
»Ist das ein ausländischer Name?«
»Martha! Wir haben nichts gegen Ausländer!« Cecilie sieht unsere älteste Freundin erbost an.
»Nur gegen die Negers. Und das auch nur ein bisschen! … Ein kleines bisschen.«
Ich räuspere mich leise, denn auch dieses Thema haben wir schon etliche Male mit Martha besprochen. Irgendwann fliegt sie tatsächlich noch aus diesem Kreis, wenn sie so weitermacht. Dabei ist sie doch eigentlich eine ganz Liebe.
Ich darf ihr keine Gelegenheit geben, weiter über solche Sachen zu reden. Darum fahre ich schnell fort: »Jedenfalls ist Shawn-Frederik Halbengländer und soll jetzt ruhigen Umgang haben. Und da hat seine Mutter gefragt, ob ich ihn nicht mal besuchen möchte.«
»Wie reizend!«, entfährt es Trudi. »So ist es damals auch mit Heinz gewesen! Der Heinz war unser Nachbar …«
»… und ihr kanntet euch seit eurer Kindheit!«, sagt Gerda trocken. »Ich weiß, ich weiß. Immerhin hat Heinzens Bruder Gustav seinerzeit die Grammofonnadel verschluckt! So eine Geschichte vergisst man wahrlich nicht!«
Wir lachen alle, bis auf Trudi.
»Das war nicht komisch! Der Gustav ist mit Ach und Krach mit dem Leben davongekommen. Und überhaupt geht es hier nicht um den Gustav, sondern um den Heinz.« Sie dreht sich zu mir um. »Das interessiert dich doch, oder?«
Natürlich interessiert es mich. Aber es macht mir – um ganz ehrlich zu sein – auch etwas Angst. Meine Freundinnen haben Zeiten erlebt, in denen nichts sicher war. Was man an einem Tag hatte, war am nächsten Tag nur ein Haufen Schutt und Asche: Häuser, Besitz und leider auch geliebte Menschen. Nicht einmal in seinen eigenen vier Wänden war man sicher.
»Im Jahre 1944 wurde der Heinz im Krieg schwer verletzt. Sie haben ihn dann bei Bekannten in der Vorstadt gepflegt. Seine Mutter war damals auch ganz furchtbar schrecklich schwer krank und bat mich bei ihm vorbeizuschauen und nach dem Rechten zu sehen. Und so ging ich jeden Tag zum Heinz. Das war gar nicht leicht, weil ich durch die ganze Stadt musste. Was habe ich damals für Wege zurückgelegt! Zu Fuß!«
»Das haben wir alle!«, sagt Cecilie. »Das weiß Maja bereits!«
»Das kann man den jungen Leuten von heute nicht häufig genug sagen! Die wissen ja gar nicht, wie gut sie es haben!«, mischt sich Martha ein. »Wir haben im Winter noch gefroren! Das können sich die Kinder jetzt ja überhaupt nicht vorstellen! Da wird einfach die Heizung aufgedreht!«
Cecilie wirft Martha einen genervten Blick zu.
»Maja versteht uns!«, sagt Trudi entrüstet und tätschelt mir den Arm.
Sie hat Recht! Ich habe immerhin in den letzten zwei Jahren durch unsere Kaffeekränzchen genau mitbekommen, wie es früher war – im Detail!
»Erzähl ruhig weiter«, ermuntere ich Trudi, um die Diskussion von den sorglosen jungen Leuten von heute wieder auf das Thema »Heinz« zu lenken.
»So oft bin ich durch die ganze Stadt. Und als er wieder gesund war, hielt er um meine Hand an! Da habe ich nicht einen Moment gezögert! Das war die große Liebe!«
»Ja, bis zu eurer Scheidung. Wann war das gleich?«, fragt Gerda.
»1968! Aber das tut doch nichts zur Sache!« Trudi klatscht erneut energisch Sahne auf ihren Kuchen, bis dieser komplett verschwunden ist. Das kann nicht gesund sein!
»Ich halte nichts von Scheidungen!«, sagt Martha.
»Heirate bloß nicht zu jung!«, Cecilie sieht mich warnend an. »Wer weiß, was aus diesem Halbengländer wird!«
»Ich habe nicht vor Shawn-Frederik zu heiraten. Ich werde ihn einfach nur mal besuchen.«
»Das habe ich im Sommer 1944 auch gesagt!«, meint Trudi, selig lächelnd.
»Man weiß ja nie, bei diese Ausländer!«
»Martha!«, faucht Cecilie.
»Zieh weiße Schuhe an, Kind«, sagt Gerda, »die machen was her!«
Maja
Mittwoch, 1. August, 17:30 Uhr
Erst als ich die steilen Treppen wieder hinaufsteige, fällt mir ein, dass ich vergessen habe, meinen Freundinnen von meinem Ratgeber zu erzählen. Dabei war das heute Morgen das Allerwichtigste für mich! Das Buch liegt immer noch auf der Flurkommode. Wie gut, dass Vati um diese Zeit noch im Büro ist! Es wäre sehr ungünstig, wenn er sein Geschenk jetzt schon sehen würde. Immerhin hat er erst in drei Monaten Geburtstag.
Aber jetzt habe ich niemanden, dem ich mein fertiges Werk zeigen kann. Wie schade. Da bleibt mal wieder nur Arthur.
Arthur ist ein Kaktus, den ich von Mutti und Vati zum zehnten Geburtstag geschenkt bekommen habe. Ich hatte mir eigentlich eine Dänische Dogge gewünscht, aber meine Mutter hat eine Tierhaarallergie. Da man durch Pflanzen auch Verantwortung lernen kann und Kakteen sehr langlebig sind, haben sie Arthur ausgesucht. Man kann ihn nicht streicheln, weil er recht hinterhältige Stacheln hat, er wedelt auch nicht mit dem Schwanz, man kann nicht mit ihm Gassi gehen oder blöde Klassenkameraden in die Flucht schlagen. Aber er strahlt eine angenehme Ruhe aus. So wie ein Fisch in einem Aquarium. Und irgendwem muss man ja von seinen Sorgen erzählen können!
»Fertig!«, sage ich und halte Arthur das gebundene Buch hin. Das Manuskript ist sehr wichtig für mich, denn schließlich will ich später einmal Ratgeber-Autorin werden.
Ich blättere vorsichtig in meinem druckfrischen Werk. Dann streiche ich über die erste Seite. Auf Nummer sicher – ein Ratgeber von Maja Mertens, steht da. Ich spüre, wie ich vor Stolz sofort ein ganzes Stück wachse – mindestens einen halben Zentimeter!
Bei der Recherche für dieses Buch habe ich extra über Jahre eine lange Liste angefertigt – mit sämtlichen Gefahrenquellen, die einem das Leben schwer machen können. Na ja, und auch mit einigen Sachen, die einen moralisch schlecht dastehen lassen. Natürlich ist es um einiges wichtiger, seine Gesundheit zu schonen, als brav zu sein, aber oft hängt beides leider untrennbar miteinander zusammen. Wer sich korrekt verhält, hat letztendlich einfach weniger zu befürchten und lebt sowohl sicherer als auch länger. Immer wenn ich mich ausnahmsweise mal nicht korrekt verhalten habe, hat mir das gleich einen ganzen Haufen Probleme eingebracht.
Wie zum Beispiel an diesem schrecklichen Tag, als ich einfach handelte, ohne vorher nachzudenken. Ich habe mich – naiv, wie ich war – dazu hinreißen lassen, auf die Schikanen der Jungs zu reagieren. Die haben das Fass aber auch zum Überlaufen gebracht. Sie haben mich (so ungefähr zum eintausendeinhundertdreiundfünfzigsten Mal) ausgelacht und dann (sonst wäre ich sicher nicht so wütend geworden) hat Moritz Grendel mich auch noch geschubst. Da habe ich zugeschlagen. Ich meine, so richtig zugeschlagen! Moritz ist rücklings in eine Vitrine gestürzt – ausgerechnet in die Schülerausstellung Basteln für den Frieden. Danach musste er mit einer gebrochenen Nase und diversen Schnittverletzungen zum Arzt.
Von einem Tag zum anderen wurde ich in den Augen meiner Eltern (und in denen der Grendels) vom Opfer zum Täter. Es gab ein paar enttäuschte und viele vorwurfsvolle Blicke. Kurz darauf wurde ich dann ins Exil – also aufs sechs Kilometer entfernte Gymnasium Waldfrieden – geschickt, damit ich noch mal von vorn anfangen konnte. Das habe ich dann auch. Ich bin jetzt seit Jahren, so gut es eben geht, still, ruhig und friedlich und damit die Einzige, die den Namen der Schule zumindest teilweise rechtfertigt.
Leicht war der Schulwechsel für mich allerdings nicht und Mutti und Vati denken wahrscheinlich bis heute, dass sie ein abgrundtief gewalttätiges Problemkind haben. Wäre ich damals brav gewesen, hätte ich jetzt eine einwandfreie Schülerakte und Eltern, die mir uneingeschränkt vertrauen würden.
Aber man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Man kann nur versuchen aus alten Fehlern zu lernen.
Darum werde ich die Liste auch jetzt einfach weiterführen. Vielleicht kann ich den Ratgeber bei einer späteren Auflage um neue Gefahrenpunkte ergänzen! Weil es auf meiner Liste geradezu unübersichtlich viele Punkte gibt, habe ich vor dem finalen Ausdruck damit angefangen, diese zusätzlich zu katalogisieren. Schließlich kann man »Drogenkonsum« und »Fingernägelknabbern« oder »ungeschützten Sexualkontakt« und »bauchfrei rumlaufen« nicht wirklich auf einer Ebene betrachten, obgleich beides sowohl gesundheitsschädlich als auch problembelastet ist.
Daher gibt es die einfache Einteilung in verschiedene Gefahren- und Problemniveaus mit den Gefahrenstufen I (relativ harmlos) bis VII (lebensgefährlich). Das macht die Anwendung dann noch leichter.
Ab und zu, wenn ich (unfreiwillig) doch etwas sichtbar bin, amüsieren sich die anderen aus meiner Klasse darüber, dass ich so vorsichtig bin. Manchmal machen sie sich dann über meinen Fahrradhelm lustig oder darüber, dass ich beim Sportunterricht nicht über die ganz hohen Kästen springen mag. Etwas seltener kommt es vor, dass sie mich ansprechen. Aber kurz vor den Sommerferien ist es dann doch passiert. Julia hat mich total entsetzt gefragt, ob mir nicht »ober-langweilig« wäre. Da habe ich nur den Kopf geschüttelt. Leute wie Julia verstehen mich eben nicht. Sie wollen immer was erleben. Jede einzelne Sekunde ihres Lebens. Wenn Julia und ihre Freundinnen montags in die Schule kommen, haben sie so viel vom Wochenende zu erzählen, dass der Gesprächsstoff bis Freitag reicht. Jedes Mal erzählen sie vom Streit mit ihren Eltern, von Hausarrest und anderen Strafen. Einmal hatte Nikki die Beine voll von blauen Flecken, weil sie nachts aus ihrem Fenster im Hochparterre geklettert und dabei abgerutscht war – ausgerechnet in den liebevoll gepflegten Steingarten ihres Vaters. Meine Eltern hätten mich danach garantiert zur Adoption freigegeben!
Die Zeit zwischen Kindheit und Rente ist bei den meisten Menschen anscheinend ein einziger großer blauer Fleck. Das erspare mir doch lieber!
Natürlich gibt es auch solche Leute wie Caro Körner. Caro lebt dafür, andere – genauer gesagt Menschen, Tiere und Gestrüpp – zu retten, und nimmt sich täglich vor, etwas Gutes für irgendjemanden oder irgendetwas zu tun, der oder das gerade ausstirbt. Caro geht nicht in Diskotheken, sie raucht nicht und sie steigt auch nicht nachts aus Fenstern. Deshalb waren wir auch einige Zeit lang so was wie Freundinnen. Aber Caro hat mir ständig Vorwürfe gemacht, dass mir das Schicksal der Eisbären nicht genug am Herzen liegen würde, dass ich deutlich mehr Wasser sparen könnte und dass ich keine Plastikbeutel benutzen dürfe.
»Du musst dir die Welt da draußen einfach mal angucken!«, hat sie ständig gesagt. Aber so ein Blick ist nicht gerade erfreulich! Im Gegenteil: Er macht Angst!
Als Caro vor fast zwei Jahren mit ihren Eltern nach Duisburg zog, war ich fast erleichtert, weil ich endlich von einem großen Druck befreit wurde – dem Druck, alles und jeden zu retten! Es ist schwer genug, sich selbst vor Unheil zu bewahren!
Caro hat mir das Leben schwer gemacht, indem sie da war, Shawn-Frederik hingegen hat mir das Leben schwer gemacht, indem er gegangen ist. Wahrscheinlich sind die richtigen Leute immer am falschen Ort!
