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Kalamea ist seit Urzeiten das Land der Ginkgobäume und schwebt in großer Gefahr. Die Wolkenberge der Angst wachsen Tag für Tag und verdunkeln beide Sonnen. So kann der Lebensbaum keine Früchte mehr tragen. Luisa soll dem Baumgeist helfen und mit den Erdmännchen Wachsam und Grimpeline nach Tempelbaumstadt ziehen. Königsadler Arvin weiß Rat, ist jedoch spurlos verschwunden. Der Weg führt durch die morastigen Sümpfe, wo die Irrlichter ihr Unwesen treiben. Der schwarze Storch Otis verfolgt mit den Brüdern des Schattens einen schrecklichen Plan. Luisa begibt sich auf eine abenteuerliche Reise, bei der sie lernt, ihre eigenen Ängste in Mut zu verwandeln.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Dieses Buch widme ich meinen Kindern Mariann, Tina und Jonas, meinen Enkelkindern, Alina, Muriel, Yannes, Elea, Yara, Timon, Alexian und Jonathan sowie allen Kindern, die ein mutvolles Zeitalter aubauen wollen.
Karina Gaby Kartach
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© 2022, Karina Kartach, An der Alten AWG 78, 08294 Lößnitz
Illustration: Tina Darmer
ISBN: 978-3-949330-00-1
Trübsinnige Gestalten
Luisa wird ohnmächtig
Begegnung mit Wachsam
Die Zaubertür
Kameso Taman
Die Erdmännchensippe
Die Froschkolonne
Im Morast der Irrlichter
Urahne Marianne
Vormarsch der Frösche
Die Maulwürfe kommen
Die Versuchung
Die Gedankenküche
Der Wassereinbruch
Die Gefangennahme
Wunschlos glücklich
Töpfermeister Torad
Mister Unglück
Die Sechslinge
Königin Rhena
In der Gewalt von Storch Otis
Warnende Klänge
Die Enttäuschung
Auf der Flucht
Queckliboldi
Das große Übel
Die Brüder des Schattens
Wachsam legt Feuer
Der Spiegelsee
Gefangen im Spiegelturm
Der Formengeber
Drohende Gefahr
Die Befreiung
Das Meer der Möglichkeiten
Der Hut der Weisheit
Isoldas Flucht
Die Quelle des Frohmutes
Das Geheimnis des Spiegels
Spurti sogt für Aufruhr
Die Verwirrung
Flug nach Tempelbaumstadt
Am Ziel
Die Explosion
In der Falle
Der Rat des Gänseblümchens
Liora
Suche nach dem Tempelbaum
Der Schattenkampf
Das Erwachen
Fragen über Fragen
Luisas Aufgabe
Nachwort
Dank
»Wach auf! Wach auf, Luisa! Die richtige Stunde hat geschlagen. Also spute dich, damit du mir folgen kannst!«, forderte die Stimme.
Luisa öffnete die Augen und staunte. Mitten auf dem bunten Teppich stand ein Tier auf seinen Hinterpfoten und schaute sie lächelnd an.
»Na gut, ich träume«, stellte Luisa fest und schloss schnell wieder die Augen. Trotzdem vernahm sie erneut die helle Stimme des Tieres, die nun energischer klang: »Luisa, wach endlich auf und folge mir. Der Tag hat längst begonnen, die Sonne scheint. Die Vögel trällern laut und munter ihre Lieder. Wach auf!«
Luisa blinzelte verschlafen. Doch das Tier blieb auf dem Teppich sitzen und dachte nicht daran zu verschwinden.
Es ähnelte einem Erdmännchen, war dafür jedoch ziemlich groß gewachsen und sah mit seinem dicken gelben Bauch recht seltsam aus. Sein langer Schwanz war am Ende blau wie Tinte. Es besaß ein schokoladenbraunes Fell, große Augen und eine breite Schnuppernase.
»Wer bist du und was willst du?«, fragte Luisa recht barsch.
»Du machst mir Spaß Mädchen. Ich bin Wachsam vom Stamme der Erdmännchen und will dir die Zaubertür zeigen. Du suchst sie doch schon seit Jahren.«
»Die Zaubertür?«
»Ja, die Zaubertür. Nur in dieser Stunde ist der Zugang gewährt. Also stehe endlich auf und folge mir.«
Nun war Luisa hellwach und sprang aus ihrem Bett. Schnell zog sie Leggins, Rock und Pullover an.
Aber das Erdmännchen drängelte: »Beeile dich und packe deine Siebensachen. Meine Frau Grimpeline wartet schon auf uns. Sie ist bestimmt schon ganz wuselig. Denn sie bewacht den Eingang zur Zaubertür. Und das ist kreuzgefährlich.«
Luisa stemmte ihre Hände in die Hüften und sprach: »Also so schnell geht das nicht, ich muss erst meine Haare kämmen, mich anziehen, Zähne putzen.«
»Papperlapapp! Die Zeit eilt! Kämmen und putzen kannst du dich auch unterwegs!«, entgegnete Wachsam, fuchtelte wild mit seinen Vorderpfoten in der Luft herum und verdrehte genervt die Augen.
Luisa beeindruckte dies nicht. Denn sie überlegte, was sie für die Reise unbedingt einpacken könnte. Ihr Blick schweifte durchs Zimmer.
»Rucksack und Taschenlampe brauche ich unbedingt und ein Taschenmesser. Nur habe ich ja keins«, murmelte sie.
So packte sie eine Schere ein und griff zu Kamm und Spiegel. Dann fiel ihr Blick auf die weiße Kerze, die ihr die Oma vor neun Monaten zum 10. Geburtstag geschenkt hatte und entdeckte das Feuerzeug, das eigentlich ihrem Vater gehörte. Beides stopfte sie in den Rucksack.
»Zählt Proviant auch zu den Siebensachen, Erdmännchen?«, wollte Luisa wissen.
»Entscheide selbst und nenne mich bitte Wachsam, Luisa. Ich lege großen Wert darauf, mit meinem Namen angesprochen zu werden, damit du nicht vergisst, wachsam zu sein. Ich habe nämlich einen sehr ernsten und wichtigen Grund, dich zu führen und zu begleiten.«
Luisa wurde es ganz komisch zumute. Warum sollte sie wachsam sein? Die Zaubertür führte doch nach Miramu, in ein fröhliches Land. Sie schnappte sich eine Keksrolle und eine Wasserflasche, zog ihre grüne Jacke und braune Stiefel an, band ein Tuch um den Hals, setzte sich den Rucksack auf und sprach: »Jetzt bin ich bereit Wachsam. Zeige mir den Weg zur Zaubertür.«
Ein schmaler Weg führte durch die grauen Felder, Wälder und Wiesen immer bergan. Von weitem erkannte Luisa ein Gebäude. Es sah wie eine Kirche aus. Das Bauwerk war in der trostlosen Landschaft ein farbenfroher Anblick. Es besaß mit gelben und roten Mosaiken kunstvoll verzierte Fenster und ein silbernes Dach mit einer roten Kuppel. Die Tür stand einladend offen.
Wachsam postierte sich in Wachstellung vor dem Eingang, während Grimpeline unruhig auf und ab lief.
Als Luisa die Kirche betrat, begannen laut die silbernen Glocken in der Turmlaterne zu läuten. Sie ging den breiten Gang bis zum Altar nach vorn und blieb verwundert stehen. Auf der rechten Seite stand ein ovaler mit Diamanten bestückter Spiegel auf zwei goldenen Füßen. Sie sahen wie Vogelkrallen aus.
Hinter dem Altar kam ein alter Mann mit einem langen weißen Bart zum Vorschein. Er war in einen violetten Umhang gehüllt. Seine weißen Haare waren hinten zu einem geflochtenen Zopf gebunden und ein spitzer roter Hut mit einem weißen Kristall schmückte seinen Kopf. In der Hand hielt er einen braunen Stab.
»Ich bin Kameso Taman, der Hüter der sieben Glocken. Es ist gut, dass du den Weg nach Kalamea gefunden hast, Luisa. Du sollst unsere Botin sein, damit der Morgen endlich erwachen kann«, sprach er und lächelte sie an.
Luisa wunderte sich, woher er ihren Namen wusste.
Kameso Taman verneigte sich und sprach eindringlich: »Menschenkind, du bist unsere letzte Hoffnung, denn du kannst mit Bäumen sprechen und stammst aus der Stadt des berühmten Bronzeglockenspiels. Die Prophezeiung sagt, dass einst ein Mädchen aus dieser glücksbringenden Stadt zu uns finden wird, wenn die Not am größten ist. Denn unsere Silberaprikose kann keine Früchte mehr tragen.«
»Was ist eine Silberaprikose?«, wollte Luisa wissen.
»So nennen wir den erhabenen Gedächtnisbaum unseres Volkes. Er steht im heiligen Tal von Tempelbaumstadt. Die Früchte sehen aus wie kleine Aprikosen, wenn sie auch ziemlich streng riechen. Die Kerne, auch Nüsse genannt, geben uns seit Anbeginn aller Zeiten die Kraft, euch Menschen zu helfen, indem wir eure Ängste und Sorgen auflösen und sie durch Mut und Zuversicht ersetzen.«
Kameso Taman ergriff Luisa an beiden Händen und sah sie eindringlich an. Dann sprach er: »Menschenkind, die Wolkenberge der Angst wachsen von Tag zu Tag und haben unsere beiden Sonnen fast verdunkelt. Sie kommen von euch Menschen. Ich bin schon viele Jahrhunderte alt, doch in keiner Zeit hat es jemals so viel Angst gegeben. Nichts kann mehr gedeihen und wachsen.«
Luisa nickte, wusste jedoch nicht, was sie sagen sollte.
Der Glockenhüter zog eine Rolle Pergament aus seinem Gewand und erklärte: »Nimm die Landkarte unseres Volkes. Ziehe mit deinen Begleitern nach Tempelbaumstadt. Wenn ihr dem rechten Weg folgt, wird euch Königsadler Arvin entdecken. Er ist ein weiser Vogel und weiß Rat. Seid jedoch auf der Hut vor den Irrlichtern, die im Morast der Sümpfe wohnen. Das Gelichter wird alles versuchen, um euch vom rechten Weg abzubringen!«
Luisa dachte eine Weile nach und fühlte die Schwere der Aufgabe. Sie wollte Kameso Taman und seinem Volk helfen, hatte aber mächtige Angst vor diesen Irrlichtern.
Der Glockenhüter sah ihr fest in die Augen und sprach: »Luisa, traue dich, deiner Bestimmung zu folgen. Die Wolken der Angst müssen verjagt werden. Deshalb müsst ihr die Lichter anzünden. Sonst ist alles verloren.«
Mit diesen Worten überreichte er Luisa eine Tüte und erklärte: »Nimm die letzten Nüsse der Silberaprikose. Wir nennen sie Kyalas. Sie werden dir Vertrauen geben, wenn du mutlos oder einsam bist.«
Dann verneigte sich der Hüter der Glocken, machte eine Handbewegung und war verschwunden.
Luisa stand noch eine Weile versonnen da. Fest drückte sie die Tüte voller Kyalas und die Pergamentrolle an ihr Herz. Da spürte sie auf einmal, wie sie ein Gefühl von Mut und Zuversicht durchströmte.
Sie war nicht allein. Sie hatte Wachsam und Grimpeline an ihrer Seite. Lächelnd verließ sie die kleine Kirche.
Tag für Tag marschierte die Kolonne der Frösche hinaus und drang immer tiefer ins Landesinnere vor. Wer ihr begegnete, wurde gefangen genommen und musste, wenn er nicht verhungern wollte, sich den Befehlen von Storch Otis beugen. Hunderte Tiere waren so in die Gewalt des schwarzen Storches gelangt. Keine Höhle, kein Nest, kein Bau boten Sicherheit.
Auf ihren Beutezügen waren die Frösche sehr erfolgreich. Der Mangel an Licht lähmte die Lebenskraft der Tiere, sodass sie sich müde und schlapp fühlten. Sie zeigten keine Gegenwehr.
Den Fröschen ging es jedoch von Tag zu Tag besser. Sie benötigten wenig Sonnenlicht und waren zudem in dem Glauben, die Allergrößten zu sein. Storch Otis hatte ihnen eingeredet, dass Frösche fast allen Tieren überlegen sind. Nur die Gattung der Störche stand über ihnen. Außerdem hatte Otis gedroht, dass jeder Frosch, der sich seinen Befehlen widersetzen würde, auf seinem Frühstückstisch landen sollte. Darum begegneten die Frösche dem Storch mit großer Furcht und folgten seinen Befehlen widerspruchslos.
»Kolonne, stillgestanden! Empfangt folgenden Befehl! Spürt die Höhlen und Schlupfwinkel auf, in denen sich die unwürdigen Subjekte vor uns verkrochen haben!«, ordnete Hauptsturmfrosch Ruko an.
Sofort löste sich die streng geordnete Froschkolonne auf und hüpfte in alle Richtungen davon. Ruko dagegen gähnte, legte sich auf einen Stein und ließ sich von zwei hübschen Froschdamen bewirten.
Auf einmal gab es ein großes Geschrei, sodass sich Ruko vor Schreck fast verschluckte. Zehn Frösche schleppten ein gefesseltes Eichhörnchen herbei.
»Dieses buschige Subjekt hatte sich in einem Erdloch versteckt«, verkündete ein grüner Grasfrosch.
»Schafft diese Kreatur in den Erntewagen. Sollte das Subjekt sich weigern, an unseren Wohnstätten mitzubauen, so lasst es gebunden und jämmerlich zugrunde gehen«, befahl Ruko. Mit seinen großen Glubschaugen schaute er verächtlich auf das vor Angst zitternde Eichhörnchen und dachte an seine Belohnung. Gleich sechzehn Gefangene hatte der letzte Beutezug gebracht.
Ruko legte sich zufrieden nieder. Sein Kolonnenführer brachte ihm in den folgenden drei Stunden noch einen Hasen, einen Biber und drei Spitzmäuse, sodass im Erntewagen kein Platz mehr war.
»Kolonne, umkehren!«, befahl Ruko am Abend. Die Frösche zogen singend zurück ins Lager, um Storch Otis die Beute zu übergeben.
«Frösche sind wir, grün und rund,
fühlen uns stets kerngesund,
haben Macht und haben Kraft,
stehen voll in unserm Saft.
Frösche sind wir, klein und groß.
Unser Leben ist famos.
Herrscher Otis sei gepriesen,
für die Sümpfe, Weiher, Wiesen.
Frösche sind wir, grün und rund,
fühlen uns stets kerngesund,
Herrscher Otis seìs gedankt,
uns gehört das ganze Land.»
Schon von weitem hörte der schwarze Storch den Gesang seiner Froschkolonne und ließ sie im Lager Aufstellung nehmen.
»Allerweisester Herrscher von Kalamea. Ich möchte euch heute einundzwanzig unwürdige Kreaturen übergeben.
Alle haben bei ihrem erbärmlichen Leben geschworen, in Zukunft fleißig am Bau der neuen Heimstätten für eure Herrlichkeit mitzuarbeiten«, berichtete Hauptsturmfrosch Ruko und verbeugte sich tief.
Storch Otis klapperte wohlwollend mit seinem roten langen Schnabel und antwortete: »Die Kolonne hat sich heute ein extra gutes Abendbrot verdient. Und als Belohnung dürft ihr bald einen Palast euer Eigen nennen. Allerdings gilt es zuvor, die Sippschaft der Erdmännchen aufzuspüren. Denn von den nichtswürdigen Bewohnern hierzulande verstehen sie von Baukunst noch am meisten. Lasst uns morgen gezielt nach ihnen suchen. Sie leben im Osten und halten sich dort versteckt.«
»Sehr wohl, mein allergnädigster Wohltäter. Morgen früh brechen wir auf.« Ruko verneigte sich nochmals. Dann hüpfte er schnell davon, um das versprochene Abendbrot mit seiner Kolonne einzunehmen.
Am Himmel türmten sich mächtige Wolkenberge. Sie hatten eine beunruhigende dunkle Farbe angenommen. Wachsam konnte gerade noch rufen: »Versteckt euch, sucht Schutz in der Höhle!« Schon prasselte der Starkregen hinab. Völlig durchnässt erreichten die Gefährten die rettende Höhle im Felsgestein. Draußen tobte das Unwetter und riss ganze Baumstämme aus der Erde. Wie Streichhölzer knickten mächtige Bäume um und fielen krachend zu Boden. Der Sturm heulte so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte.
»Das Ende naht! Wir sind verloren!«, rief Grimpeline und klammerte sich ängstlich an ihren Mann.
»Das sind nur die Vorboten des nahenden Unheils. Arvin sollte uns endlich finden«, murmelte Wachsam.
Bisher gab es keine einzige Spur vom Königsadler.
»Hoffentlich hat Storch Otis nicht wirklich unseren Arvin in seiner Gewalt«, flüsterte Grimpeline und erntete dafür einen vorwurfsvollen Blick ihres Mannes.
