Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ich betrachtete mein Spiegelbild in den Scheiben des eben einfahrenden Zuges. Doch es gelang mir nicht, mich mit der Person, die mir entgegenblickte, zu identifizieren. Völlig entfremdet stand sie dort, als wäre sie gar nicht mein eigenes Abbild, sondern ein mir völlig unbekannter Mensch, der blass und einsam auf der anderen Seite des Gleises stand. Ich erschrak bei dem Anblick. Was war nur aus mir geworden?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Das Kerzlein, erloschen hier
In Gottes Händen selig
Sein Lichtlein, das halten wir
In uns’rem Herzen ewig
Dieses Buch widme ich meinem Opi (1918-2016), der immer an mich geglaubt und mir die Kraft gegeben hat, meinem Herzenswunsch nachzugehen. Auch wenn er wusste, dass er es nicht mehr würde lesen können, hat er mir versprochen, mich während des gesamten Schreibprozesses zu begleiten. Dies hat er auch getan, wofür ich ihm unendlich dankbar bin.
Es ist, wie es ist (1)
Der endlose Tunnel
Es pocht und pocht und pocht...
Erkenne dich selbst
Eine unheilvolle Prophezeiung
Im Schatten der Wahrheit
Verborgene Offenbarung
Rücklichter am Horizont
Es ist, wie es ist (2)
Epilog
Mein Dank gilt:
„Vielen Dank, dass ihr alle so zahlreich erschienen seid. Wir haben uns hier heute versammelt, um uns von unserer geliebten Mutter, Tante, Grossmutter und, für die jüngsten unter euch, Urgrossmutter Maria Siebert Abschied zu nehmen. Für uns alle war ihr Tod ein grosser Schock, den niemand so plötzlich vorherzusehen vermochte, trotz ihres Alters von stolzen 97 Jahren. Wir alle verbleiben in Erinnerung an eine humorvolle, liebenswerte und selbstlose Person, die sich selbst nie zu wichtig nahm und durch ihre bescheidene Art ihre Angehörigen stets auf ihrer Seite zu haben wusste. Obwohl Maria bereits in jungen Jahren ihren Mann verlor und allein für ihre fünf Kinder sorgen musste, hielt sie fortwährend an ihrem Optimismus fest und verlor ihn auch nicht, als sich ihr Lebtag langsam dem Ende zuneigte. Kraft fand sie im Glauben an unseren Herrn, woraus sich auch ihr Lebensmotto ergab und dieses selbst in schweren Zeiten immer zu sagen pflegte: ,Es ist, wie es ist. Gott hat es so gewollt, also werden seine Gründe auch legitim sein‘. Genau darum wollen wir dir, Gott, danken, dass du unsere Maria hast in Frieden gehen lassen und hoffen, dass sie nun bei dir im Himmel die Unbekümmertheit und Freiheit zu spüren bekommt, welche ihr in ihrem irdischen Leben weitgehen enthalten wurden. Lass unsere Erinnerungen an sie auf uns wirken und sie für immer in unserem Herzen behalten. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen.“
Der Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe, als meine Mutter sachte das Auto vom Parkplatz der Kirche lenkte und in die Strasse einmündete. Das Grau des Asphalts widerspiegelte sich in der trüben Atmosphäre, welche sowohl draussen als auch in unseren Gemütern herrschte.
Mein Blick war starr aus dem Fenster in die Ferne gerichtet, ohne einen bestimmten Punkt zu fokussieren. Kein Geräusch war zu vernehmen ausser dem Scheibenwischer, der sich gleichmässig hin und her bewegte. Auch das Radio war an diesem Tag unüblicherweise ausgeschaltet und selbst mein älterer Bruder Mike, der ansonsten wie ein Wasserfall vor sich hin quasselt bis die Ohren zu überhitzen drohen und mit seinen belehrenden Vorträgen einem tierisch auf den Wecker gehen kann, schwieg. Er bewegte sich bloss mit geschlossenen Augen im Takt der Musik, welche aus den Kopfhörern seine Sinne berieselte. Dies tut er immer, wenn er innerlich aufgewühlt ist und unmissverständlich signalisieren will, dass Störungen jeglicher Art unerwünscht sind.
Daneben ertönte bloss noch ab und an das Blättern der Zeitung vom Beifahrersitz, dessen Geräuscherzeuger niemand geringerer als mein Vater war.
Dies erinnerte mich daran, dass wir mal vor einigen Jahren nach Frankreich in die Sommerferien gefahren waren und ich aus Langeweile in einem Kinderbuch schmökern wollte, mir jedoch bereits nach wenigen Seiten schon so schlecht geworden war, dass sich der Rest der Fahrt (ich spreche hier immerhin von vier Stunden!) zum reinen Albtraum entpuppt hatte. Seither hatte ich es unterlassen, meinen Sinnen jegliche Unterhaltung zu gönnen und mich gezwungenermassen damit abgefunden, als einzige der Familie mürrisch und total unterbeschäftigt im Auto zu hocken und im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit abzusitzen.
Immerhin bot sich somit genügend Raum, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen und über das Leben zu sinnieren. Gedankenfutter lieferte mein Leben reichlich.
Ich besuchte nämlich das Wirtschaftsgymnasium einige Dörfer von mir entfernt und man könnte darum annehmen, ich führte das belanglose Leben eines gewöhnlichen Schülers. Hatte ich bisher ja auch getan. Jedoch machte sich seit geraumer Zeit immer mehr das Gefühl in mir breit, dass sich etwas verändert hatte. Gewiss durchlebt jeder mal Phasen, wo man am liebsten den Bettel hinschmeissen würde und sich in ein Loch verkriechen möchte, wenn der Alltag nicht den Vorstellungen gemäss abläuft. Doch darauf folgen auch wieder Zeiten, in denen man nur so von wieder aufkeimenden Euphorie strotzt und keine Hürde zu gross zu sein scheint. Doch genau diese Phase blieb bei mir schon längere Zeit aus. Ganz unschuldig war ich an dieser Situation nicht, jedoch kann man einem 14-jährigen Mädchen, wie ich es vor einem Jahr gewesen war, keinen allzu grossen Verstand einräumen.
Ich hatte zwei reibungsfreie Jahre hinter mir in einer Klasse voller Harmonie, in der alle zusammengehalten und dazu beigetragen hatten, die gemeinsame Zeit so unterhaltsam wie möglich zu gestalten. Keiner war ausgeschlossen worden, jeder hatte einen gleichwertigen Teil der Gemeinschaft dargestellt.
Doch bei nahendem Ablauf dieser Zeit war dieser idyllischen Eintracht ein herbes Ende gesetzt worden, da es nun gegolten hatte, sich für ein Profil einzuschreiben für die kommenden vier Jahre. Genau an diesem Punkt hatte das Unheil seinen Lauf genommen, weil sich meine Präferenzen von der Mehrheit meiner Altersgenossen unterschieden hatten.
Denn seit ich denken kann, haben Sprachen mich fasziniert. Bereits als Kind hatte ich ein grosses Interesse an Buchstabenspielen gepflegt und stets dem Wissensstand meines Bruders nachgeeifert, der vier Klassenstufen über mir war. Im Alter von elf Jahren hatte ich bereits die lateinischen Konjugationen intus gehabt, sehr zur Belustigung aller Aussenstehenden, da ich noch nicht einmal von der Existenz der Römer überhaupt Bescheid gewusst hatte.
Demzufolge war es auch nicht verwunderlich, dass meine Wahl ganz klar dem neusprachlichen Profil zugefallen wäre, nicht zuletzt wegen der Tatsache, dass meine Grosseltern zwanzig Jahre lang in Mexiko gelebt hatten und Spanisch somit einen wichtigen Teil meiner Familiengeschichte ausmacht.
Jedoch hatte sich in meinem Jahrgang ganz offensichtlich der Trend für Wirtschaft etabliert, denn niemand aus meinem Bekanntenkreis hatte mein Interesse geteilt. Ich war also vor die schwierige Situation gestellt worden, entweder meinen Freunden oder meinem Herzen zu folgen. Klar, jeder würde jetzt vermutlich sagen, dass solche Entscheidungen unabhängig vom sozialen Umfeld getroffen werden müssen, da dieses für die eigene Zukunft nur einen geringfügigen oder gar keinen Einfluss nimmt. Auch ich bin mir dessen bewusst und war es schon damals, jedoch war mein Urteilsvermögen diesbezüglich etwas getrübt gewesen, da ich eher skeptisch bin, was neue Klassenkonstellationen anbelangt.
Seit ich in die Schule gehe, habe ich gute Noten erzielt. In der Unterstufe mochte dies den Mitschülern noch relativ egal gewesen sein, da dort noch keine allzu grossen Leistungsunterschiede bestanden hatten, und, da das Spielen im Vordergrund gewesen war, noch andere Prioritäten gesetzt worden waren. Doch sobald der Übertritt in die Mittelstufe erfolgt war, hatte sich dies schlagartig geändert. Das persönliche Ansehen hatte eine höhere Stellung angenommen, es hatte sich in der Klasse zu behaupten gegolten und hervorzustechen, um nicht unterzugehen. Gute Noten, eine Brille, ein schüchternes Wesen und Unsportlichkeit waren dabei natürlich fehl am Platz gewesen, alles Eigenschaften, welche mich perfekt beschrieben hatten.
Ich kann es mir noch heute nicht erklären, wie es zu den giftigen Bemerkungen und gezielten Gesten gekommen war, welche mir das Gefühl geben sollten, minderwertig zu sein und nicht ins Konzept der „Beliebten“ zu passen. Denn ich war stets zurückhaltend mit meinen Noten umgegangen und hatte mich auch nie in die Rolle eines belehrenden „Besserwissers“ versetzt. Doch diese lieb gemeinten Gedanken waren von manchen Neidern genau richtig interpretiert worden und hatten sie dazu veranlasst, meine Schwachstellen anzugreifen. Natürlich kann ich jetzt im Nachhinein sagen, dass dies lediglich das infantile Verhalten vorpubertärer Kindergewesen war. Selbst wenn ich mittlerweile über den Dingen stehe, würde ich dennoch behaupten, dass es mich in gewisser Weise geprägt und bestimmt auch meinen Spürsinn gegenüber meiner Mitmenschen verfeinert hatte.
Doch damals mit 14 Jahren war ich noch deutlich unsicherer, sodass ich mich letztendlich für die Richtung meiner Freunde entschieden hatte, getrieben von der Angst, dass mir allenfalls die Rolle des klassischen Aussenseiters wieder zufallen könnte. Etliche Alarmrufe meiner Familie hatte ich dabei ignoriert. Und genau aus dieser Entscheidung resultierte die Situation, über die ich nun im Auto wie auch sonst immer und überall reflektierte.
Mittlerweile hatte sich nämlich herausgestellt, dass ich eindeutig einen Fehler begangen hatte, da weder die Schule stofflich Begeisterung in mir erwecken konnte, noch waren meine Freunde das, was sie einmal gewesen waren.
Die Rede ist von einer „Mädchenclique“, wie man es nennen könnte, welche mit mir vier Teilnehmer zählte. Was hatten wir nicht schon lustige Momente miteinander erlebt, Geheimnisse einander anvertraut und gemeinsame Pläne für die waghalsigsten Projekte geschmiedet, welche wir natürlich schlussendlich dann doch nicht umgesetzt hatten.
Verständlicherweise wollte ich dies nicht aufs Spiel setzen, so schlimm konnte es ja wohl nicht sein, vier öde Wirtschaftslektionen mit all ihrer trockenen Theorie hinter mich zu bringen, hatte ich mir gedacht. Zudem hätte ich Spanisch ganz einfach nach meiner Grundausbildung nachholen können, das Angebot an Sprachkursen heutzutage ist mehr als ausreichend.
Meine Überlegungen wären mit ein paar Abzügen demnach mehr oder weniger einwandfrei aufgegangen, wenn die Tatsache nicht bestanden hätte, dass zwar alles Organisatorische somit geplant war, ich aber über mein Umfeld keine Oberhand hatte. Besonders im Jugendalter sind Persönlichkeiten genauso beständig wie ein Schneemann bei steigernder Wärme, wenn sich die Sonne plötzlich an den Himmel emporkämpft und die eingefrorene Landschaft unter ihr mit ihren sanften Strahlen kitzelt. Bei Wiedereintritt der nächsten Kälteperiode ist der Schneemann bereits nicht mehr vom Rest seiner Umgebung zu unterscheiden und wartet darauf, erneut von einem Kind zusammengesetzt zu werden, er wird jedoch niemals wieder derselbe sein wie zuvor.
Genau nach diesem Prinzip verwandeln auch wir Menschen uns unter sich verändernden Umständen. Als Katalysator dieser Veränderungen kann an die Stelle der Sonne alles Mögliche treten, in meinem Fall war es eine neue Klasse mit ebenso neuen Lehrern. Jeder verspürt in solch einer Situation den Drang, sich von der Masse hervorzuheben und als „neuen Schneemann“ wieder über sich selbst hinauszuwachsen. Dabei kämpft jeder für sich allein, niemand möchte am Boden zurückbleiben. Wer sich dem Wettkampf nicht gewachsen fühlt, wird automatisch von dieser Rolle eingeholt werden, und das war in diesem Fall ich.
Ein Rütteln riss mich aus meinen Gedanken. Ich sah, dass wir bereits in der Einfahrt unseres Hauses eingetroffen waren.
„Alle Mann aussteigen, bitte, wir sind soeben gelandet!“, posaunte mein Vater, der es nie unterlassen kann, aus möglichst jeder Situation einen schlechten Witz zu machen.
Grummelnd pellten sich mein Bruder und ich von der Rückbank und warteten stumm auf meine Eltern, bis sie das Auto in der Garage untergebracht hatten. Ebenso schweigsam schlurften wir anschliessend die Treppen zu unserem Haus hinauf (77 Treppenstufen um genau zu sein, als Kind hatte ich sie auf dem Schulweg oft genug gezählt).
Oben angekommen, verkrümelte ich mich umgehend in meinem Zimmer. Am nächsten Tag würde ich eine Physikklausur schreiben und ich musste meinem Gewissen wenigstens das Gefühl geben, als ob ich versucht hätte zu lernen, Motivation dazu hatte ich hingegen schon lange keine mehr.
Als ich bereits im Bett lag, klopfte es an meiner Zimmertür. Ohne eine Antwort von mir abzuwarten, öffnete sich diese gleich danach und der Lockenkopf meiner Mutter erschien im entstandenen Spalt.
„Darf ich reinkommen?“, fragte sie dennoch.
Ich richtete meinen Blick wortlos wieder an die Decke, doch das schien für sie Aufforderung genug zu sein, um nun vollständig in den abgedunkelten Raum zu treten. Sie setzte sich auf die Bettkante und legte ihre Hand sanft auf meinen Kopf, um meine Haare leicht zu kraulen.
„Ich weiss, es ist im Moment eine schwierige Zeit für dich, Leonie, aber nach jedem Tief folgen auch wieder schöne Zeiten, in denen du dich mit neuer Energie und Lebensfreude wieder stärken kannst. Wie du heute gehört hast, hat deine Urgrossmutter viel einstecken müssen in ihrem Leben, aber dennoch hat sich immer wieder alles zum Guten gewendet. Es ist wie es ist, und auch wenn dir der Sinn dahinter jetzt noch unbegreiflich zu sein scheint, wirst du daran wachsen und gestärkt durchs Leben gehen können. Und du weißt, dass wir immer für dich da sind.“
Sie blickte mich mit ihren grossen, braunen Augen an und lächelte. Ich erwiderte kurz ihren Blick, sagte aber nichts, ich nickte lediglich mechanisch mit dem Kopf. Ich mochte nicht darüber reden.
Meine Mutter verharrte noch eine Weile in ihrer Position, stand dann aber auf und drückte mir einen Kuss auf die Stirn, bevor sie das Zimmer verliess.
Ich schloss die Augen, obwohl ich ohnehin wusste, dass ich nicht würde schlafen können. Ich konnte ihr einfach nicht glauben.
Das lang ersehnte Klingeln erlöste mich endlich vom langweiligen Geschichtsunterricht bei meinem noch viel langweiligeren Lehrer. In seinen öden beigefarbenen Klamotten, seinem kleinen Kopf, der ihm auf merkwürdige Weise das Aussehen einer Schildkröte verlieh, und seiner monotonen Redensart hätte er problemlos eine Therapiegruppe für schlafgestörte Patienten leiten können. Seine Erfolgschancen hätten garantiert bei hundert Prozent gelegen. Schlaftrunken kramte ich meine Unterlagen zusammen und stopfte sie lieblos in meine Tasche.
Da die Doppelstunde Sport an diesem Tag ausfiel, hatte ich nun drei Stunden Mittag.
Normalerweise wäre ich sonst bei einer so langen Pause nach Hause gegangen, da mein Schulweg gerade mal fünfzehn Minuten betrug, doch ich hegte immer noch einen winzigen Rest an Hoffnung, dass eine intensive „Mittagsphysikstudie“ mein zu erwartendes Prüfungsresultat etwas aufbessern konnte.
Deshalb hatte ich mich dafür entschieden, die Wartezeit in der Schule abzusitzen zusammen mit meinen „Kolleginnen“, wie ich es verständlichkeitshalber zu sagen pflegte.
Die eben Genannten hatten bereits das Zimmer verlassen, „warten“ war für sie ein Fremdwort.
Ich ärgerte mich einmal mehr über mich selbst, dass ich immer so langsam war beim Zusammenräumen wie auch bei sonst allem, was ich tat, womit ich auch meine Familie oft genug zur Weissglut trieb. Mit etwas Verzögerung schulterte ich meine Tasche und eilte den anderen hintennach.
Als ich sie schon beinahe eingeholt hatte, drangen ein paar Wortfetzen ihres offensichtlich angeregten Gesprächs zu mir: „Ach ja, diese Szene fand ich auch so toll, endlich hat sie ihm ihre Schwangerschaft gestanden“, schwärmte Anastasia und warf dabei aufgeregt ihre schwarzen Haare über die Schulter.
„Ja, aber wenn sie gewusst hätte, dass er sie am Tag zuvor mit ihrer besten Freundin betrogen hatte, hätte sie es ihm mit Sicherheit nicht gesteckt. Also ich würde von so einem Idioten kein Kind mehr haben wollen!“, ereiferte sich auch Nina, die mindestens einen Kopf kleiner war als sie und auch sonst mit ihrem kindlichen, runden Gesicht problemlos als Siebtklässlerin durchgegangen wäre. Ihrem Temperament tat dies aber keinen Abbruch, sie war mit Abstand die Vorlauteste von allen. Die Sommersprossen um die Nasenpartie herum, welche bei jeder ihrer Bewegungen stets herausfordernd aufblitzten, unterstrichen ihr spitzbübisches Aussehen.
Die Dritte im Bunde, Julia, nickte zustimmend, trug selbst aber nichts zur Unterhaltung bei, da sie eher von der zurückhaltenden Sorte war. Dafür bürstete sie fast ununterbrochen ihr ohnehin völlig glattes, aschblondes Haar, welches schlaff herunterhing und somit auch das letzte bisschen Volumen zerstört wurde.
Ich stiess einen genervten Seufzer aus. Nicht schon wieder diese gefühlsduselige, übertriebene und total an der Realität vorbeigezogene Seifenoper, welche mit ihrem Namen „Mitten im Leben“ bereits Bände sprach über ihren gehaltlosen Handlungsverlauf.
Wenn ich auch nur für einen Bruchteil einer Sekunde diesen kitschigen, weissen Schriftzug auf pinkem Hintergrund im Fernseher erblickte, spürte ich bereits, wie sich die Galle ihren Weg nach oben bahnte. Ich hatte wirklich nicht mal den Hauch einer Ahnung, wie man Gefallen daran finden konnte, irgendwelchen schlechtausgebildeten Schauspielern dabei zuzusehen, wie alle nacheinander miteinander ein Verhältnis haben, was aber unter keinen Umständen je einer erfahren dürfte, und dennoch plappert es jeder seinem ach so vertrauenswürdigen Freund aus.
Umso erstaunlicher ist es natürlich, wenn anschliessend die Verlobte trotzdem davon Wind kriegt und aus Rache mit eben Genanntem als super durchdachten Schachzug ebenfalls eine Liaison eingeht. Der Höhepunkt kommt natürlich aber erst dann, wenn sie von diesem noch schwanger wird, obwohl sie sich in einer finanziellen Notlage befindet und mit ihrem Gehalt für den Spitalaufenthalt ihrer kranken Mutter aufkommen muss.
All diese spannenden Geschichtchen, welche schon beinahe an Inzest grenzten, wurden jeden Abend eine ganze Stunde lang ausgestrahlt und bereiteten einem breiten Band von hirnlosen Flachpfeifen Freude.
Von diesem Virus infiziert waren leider auch meine drei Kolleginnen, die über nichts anderes mehr reden konnten und mit ihrem Gequasel an meinem Geduldfaden zogen, der bereits erste Rissspuren aufwies.
Ich hatte wirklich mein Bestes gegeben, mich ihnen anzupassen und ihre Begeisterung zu teilen, aber jeder meiner Versuche scheiterte kläglich.
Egal wie gemütlich ich mich vor dem Fernseher einrichtete und mit welchen Snacks ich mich dort zu bleiben zwang, es half alles nichts. Immer lag irgendein Buch in der Nähe, dessen Cover mir verheissungsvoll in die Augen sprang oder ein Sudoku, das gelöst werden musste. Sogar ein dicker Käfer, der träge die gegenüberliegende Wand hinaufkrabbelte, erweckte mein Interesse mehr als dieses Kasperltheater.
Anfangs erntete ich deswegen noch mitleidige wenn nicht sogar abfällige Kommentare von den anderen, doch mittlerweile gingen sie gar nicht mehr erst darauf ein. Wenn ich mich ihnen nicht annehmen wollte, hatte ich nichts zu sagen, so lautete das unausgesprochene Gesetz und alle Beteiligten hatten sich daran zu halten. Also hüllte ich mich wie auch sonst immer in Schweigen und hielt mich etwas im Hintergrund.
Ich senkte meine Augen, was mir den Blick auf den grauen, körnigen Bodenbelag freimachte.
Alle paar Meter befanden sich halb verwelkte, vermutlich mal grün gewesene Zimmerpflanzen in vergilbten Tontöpfen, die ihren Zweck zur Auffrischung des Gebäudes verfehlten und die vorherrschende Trostlosigkeit und Kargheit unterstrichen. Mittels eines missratenen Versuchs, dem Ganzen doch noch etwas Farbe zu verleihen, waren sämtliche Türen und Fensterrahmen in Babyblau gestrichen worden, was ich aber eher als Geschmacklosigkeit statt Stimmungsaufhellung einstufen würde. Insgesamt reflektierte diese Gesamterscheinung jedoch perfekt die Mentalität dieser Schule, da die Lehrer ebenso kühl daherkamen wie dieser Anblick.
Nur schon die Tatsache, dass wir Schüler uns zu Lektionsbeginn beim Eintritt des Lehrers allesamt mechanisch erheben und diesen in monotonem Singsang willkommen heissen mussten, stammte mehr als aus der Vorkriegszeit.
Ich hatte damit schon längst aufgehört und kniete mich lediglich auf die Sitzfläche meines Stuhls, auch wenn ich dafür oft genug böse Blicke erntete, doch mehr Ehrfurcht konnte ich denen beim besten Willen nicht entgegenbringen. Die Konservativsten unter ihnen weigerten sich doch tatsächlich, den Unterricht zu starten, ehe alle gepflogen und sittengemäss in Reih und Glied vor ihnen standen und eine erwartungsvolle Miene aufsetzten. Ein Wunder, dass sie von uns nicht noch gar einen Hofknicks verlangten.
Belustigt von dieser Vorstellung stiess ich unwillkürlich ein unterdrücktes Kichern aus.
„Was gibt es denn da zu lachen? Manchmal bist du echt geschmacklos, es gibt nichts, was an dieser Situation witzig sein könnte.“, keifte mich Nina an, ohne dass ich eine Ahnung hatte, was gerade vor sich ging.
„Ähm, sorry... Ich ähm... habe euch gar nicht zugehört, ich habe eben an etwas anderes gedacht“, versuchte ich die Lage zu entschärfen, doch damit hatte ich genau das Gegenteil bewirkt.
„Na, wenn dich unser Gespräch so anödet, dann geh’ doch woanders hin!“, fiel mir nun auch Anastasia in den Rücken. Ich starrte die beiden fassungslos an, jegliches weitere Worte zur Beschwichtigung blieb mir im Hals stecken.
„Tz, jetzt schweigt sie wieder, typisch“, schnaubte Nina verächtlich und drehte sich um, die beiden anderen taten es ihr gleich. Unschlüssig folgte ich ihnen, auch wenn ich genau wusste, dass ich offensichtlich nicht erwünscht war. Doch wo hätte ich sonst auch hingehen sollen, alleine in einer Ecke zu hocken stellte ich mir noch viel ungemütlicher vor als diese Zickereien.
Die drei waren soeben an einem freien Tisch in einer Nische des Gangs angekommen und setzten sich. Natürlich waren nur exakt drei Stühle vorhanden, es wäre ja zu viel verlangt gewesen, wenn sich das Schicksal mir gegenüber auch nur einmal als gütig erwiesen hätte. Ungerührt dessen, dass ich ziemlich verloren daneben stehen blieb, griffen sie ihr althergebrachtes Thema wieder auf. Keine würdigte mich mehr eines Blickes. Sie auf mich aufmerksam zu machen traute ich mich aber nicht.
Ich machte also auf dem Absatz kehrt und steuerte das Ende des Ganges zu, von wo wir gerade gekommen waren. Meine Beine fühlten sich an, als wären sie in den letzten Minuten zu tonnenschwerem Blei geworden.
Wie oft hatte ich diese Tortur in diesem Jahr schon über mich ergehen lassen müssen. Ständig wurde ich aus heiterem Himmel zur Zielscheibe erkoren, auf die mit giftigen Pfeilen so lange geschossen wurde, bis sie endlich ins Schwarze trafen. Wahrscheinlich lag das Problem wirklich an mir, möglicherweise war ich dazu geboren worden, die Wut und Unzufriedenheit meiner Mitmenschen auf mich projiziert zu bekommen. Lieber eine stark Verletzte als eine Menge von leicht angeschlagenen Personen, war wohl die Überlegung dahinter. Auf diese kam es dann nicht mehr drauf an, schliesslich besitzt jeder Plan seine Schwachstellen, damit musste man einfach leben, auch ich hatte mich zu arrangieren. Dies war jedenfalls die einzige Erklärung, die ich mir selbst hätte geben können, und selbst die war völlig absurd.
Wenigstens entdeckte ich wie erhofft an einem anderen Tisch einen unbesetzten Stuhl. Auch wenn eine gewaltige Kraft in mir sich aufbäumte und sich sträubte, mich wieder zu den anderen zu bewegen, ergriff ich dessen Lehne und kehrte zu ihnen zurück.
Als ich mich schliesslich zaghaft niederliess, zeigten die anderen nach wie vor keine Reaktion. Lediglich Anastasia erwischte ich dabei, wie sie mir flüchtig einen ziemlich undefinierbaren Blick zuwarf, wohl irgendeine Mischung aus prüfender Neugier und einem Anflug von Feindseligkeit. Auf jeden Fall sollte er mir ein schlechtes Gefühl vermitteln, und das war ihr mit Bravour geglückt.
‚Bleib stark, Leonie, lass dich nur nicht so leicht beirren, bestimmt malst du dir alles nur wieder viel schlimmer aus, als es in Wirklichkeit ist’, versuchte ich mich selbst zu beruhigen, jedoch ohne wirklichen Erfolg.
Mein Appetit war mir jedenfalls gründlich vergangen. Ich würde mein Brötchen wohl einfach auf dem Nachhauseweg essen, sonst machte sich meine Mutter bloss wieder Sorgen.
Wie auch immer, jetzt musste ich jedenfalls dieses dämliche Physikthema durchkauen, sonst hätte ich gar nicht erst in der Schule zu bleiben gebraucht.
Ziemlich mutlos holte ich meinen Ordner raus und schlug die Seite auf, die ich mit einem Post-it markiert hatte. „Wurfbewegungen“, was für ein bescheuertes Thema. Wer zur Hölle verspürte jemals in seinem Leben den Drang, den Abwurfwinkel und die Geschwindigkeit eines geworfenen Gegenstandes zu berechnen!
Selbst wenn ich so bestimmen könnte, wie ich das Kerngehäuse eines Apfels werfen musste, dass ich genau den Abfalleimer treffen würde, wäre ich ohnehin viel zu unfähig gewesen, dies dann auch in die Realität umzusetzen. Jegliche Praxistauglichkeit blieb also aus. Aber alles Gemecker nützte ja doch nichts, meiner Zeugnisnote war der Entstehungshintergrund jedenfalls relativ egal. Missmutig widmete ich mich der ersten Aufgabe:
