4,99 €
Drama, Liebe, Meeresrauschen
Adelaide, Australien: Der Roadtrip zu einem Konzert nach Melbourne wird für Zoey und ihre Freunde zum Sommer ihres Lebens. Zoey, die eigentlich ihrem Ex Finn hinterhertrauert (der wiederum inzwischen mit ihrer besten Freundin Cass zusammen ist), verliebt sich Hals über Kopf in Finns Cousin Luc, der jedoch ein tragisches Geheimnis verbirgt. Ein Geheimnis, das auf der Fahrt entlang der spektakulären Great Ocean Road eine ungeahnte Verbundenheit mit Zoey entstehen lässt ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2018
Foto: © Beck Sampson
DIe AUTORIN
Beck Nicholas wollte schon immer Schriftstellerin werden. Sie hat Naturwissenschaften studiert, als Laborassistentin, Pizzalieferantin und Highschool-Lehrerin gearbeitet, doch schon immer hat sie ihren Traum verfolgt, Geschichten zu erschaffen. Sie lebt inzwischen in der Nähe von Adelaide/Australien, auf halbem Weg zwischen der Stadt und dem Meer. Und sie hat das Glück, ihre Tage (und Nächte) mit dem Schreiben von Jugendbüchern zu verbringen.
Mehr zu cbj und cbt auf Instagram unter@hey_reader
Beck Nicholas
Aus dem Englischen von Eva Riekert
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
© 2017 by Beck Nicholas
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»The Last Days of Us« bei Harlequin Australia.
© 2018 für die deutschsprachige Ausgabe
cbj Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Aus dem Englischen von Eva Riekert
Lektorat: Kerstin Kipker
Umschlaggestaltung: Kathrin Schüler, Berlin
Umschlagmotive © Plainpicture (Lubitz+Dorner), Shutterstock (idiz)
MI · Herstellung: eR
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-20841-7V002
www.cbj-verlag.de
Für Mitch und Chloe. Zwei meiner absoluten Lieblingsmenschen, die mir sehr geholfen haben bei diesem Buch.
Everything was good back then,
I didn’t know I wouldn’t have more time.
I wandered, careless, through our days;
I didn’t know you wouldn’t end up mine.
»Careless With You« – GRAY
Kapitel eins
Mein Plan, mir meinen Ex zurückzuholen, gerät ins Wanken, kaum dass seine neue Freundin – meine beste Freundin – ihre Haustür öffnet.
Vielleicht habe ich ja doch noch nicht jegliches Anstandsgefühl verloren.
Cass trägt am Körper ihr Lieblingssommerkleid und im Gesicht die nackte Panik.
»Ich bin noch gar nicht so weit«, sagt sie, dreht sich auf dem Absatz um und erwartet anscheinend, dass ich ihr durch den kurzen Flur folge. »Sie müssen jeden Moment da sein!« Sie bleibt unter der Tür zu ihrem Zimmer stehen und sieht sich nach mir um. Ihr ist die Kinnlade runtergefallen. »Was ist denn mit dir passiert?«
Mit den Fingern berühre ich die weichen Spitzen meiner hellbraunen Haare. Als sie mich das letzte Mal gesehen hat, waren sie gelb gebleicht, mit einer pinkfarbenen Strähne. Ich verkneife es mir, an meinen Shorts oder am Saum meines T-Shirts zu zerren – muss ich auch nicht. Meine Unterwäsche blitzt zur Abwechslung mal nirgends hervor. »Nichts«, sage ich.
Nichts ist passiert, abgesehen von dem deutlichen Warnschuss, den selbst ich gehört habe, als ich betrunken hinter dem Steuer eines Autos weggetreten war – ehe ich dazu kam, den Wagen anzulassen, Gott sei Dank. Dass ich in dem Zustand hätte losfahren können, jagt mir immer noch Schauer über den Rücken.
Die bevorstehende Reise scheint Cass total zu stressen – sie lässt meine krasse Lüge durchgehen. »Von deiner Verwandlung reden wir später«, sagt sie und betritt ihr Zimmer. »Ich brauche Hilfe. Was ziehst du zu dem Konzert an?«
Ich folge ihr. Der Inhalt ihres Kleiderschranks ist komplett über ihr kleines Zimmer verteilt. Auf ihrem Bett und dem Boden liegen mehr Sachen als in dem halb geöffneten Koffer, über den ich beim Eintreten fast stolpere.
»In Melbourne ist es wahrscheinlich kühler als hier«, sage ich. »Ich habe Jeans und einen langen Rock eingepackt – ich entscheide mich dann spontan.«
»Super. Das bringt mich jetzt auch nicht weiter.«
Ich zwinge mich zu einem Grinsen und nehme einen pink-schwarz gestreiften Jumpsuit hoch, der über ihre Lampe drapiert war. »Wie wär’s damit?«
Sie rümpft die Nase. »Mach nicht auch noch Witze darüber. Den hat Mum letzte Woche gekauft. Sie hat auch so einen. Für Dates.« Sie schüttelt sich.
Ich lasse das anstößige Teil fallen und lehne mich an den Türpfosten. »Das wird ein Road Trip, nicht die Apokalypse.« Als sie mich finster anblickt, seufze ich und halte ihr einen niedlichen Jeansrock hin. So wie ihn Finn – ihr Freund, mein Ex – süß finden würde. Ich ignoriere den Stich, den es mir gibt, weil ich meinen eigenen Plan sabotiere, und schlage vor: »Was ist damit?«
Sie schüttelt den Kopf. »Zu sweet.«
»Dann kann ich dir wohl nicht helfen.« Ich will nicht verbittert klingen, aber das tut es wohl.
Sie greift nach einem schwarzen BH, hält mitten in der Bewegung inne und sieht mich mit dem bekümmerten Blick an, den sie während der letzten sechs Monate so perfektioniert hat. »Ich wollte nicht …«
Ich wedle abwinkend mit der Hand. »Ist gut. Mir geht’s gut. Wie hast du deine Mutter denn dazu überredet, dass du mitfahren darfst? Ich dachte, sie merkt doch sicher, dass Finn dabei ist.« Cass’ Mum mag ja noch jung sein und ist auch irgendwie ganz cool für eine Mutter, aber dass ihre Tochter eine so weite Reise macht, um mit ihrem Freund zu einem Konzert zu gehen, ist etwas, das selbst sie normalerweise nicht erlauben würde.
»Sie glaubt, dass wir Mädchen unter uns sind – zum Glück hat sie gerade Frühschicht.« Cass steigt die Röte in die Wangen. »Ich hab sie überzeugen können, dass du mich brauchst bei diesem letzten Abenteuer vor dem Start der zwölften Klasse.«
Vielleicht sollte ich sauer sein, dass sie meinen Schmerz über den Tod meines Bruders ausnutzt, bin ich aber nicht. Genau dasselbe hätte ich früher auch gemacht. »Ich brauch dich tatsächlich«, sage ich leichthin.
Sie kommt und umarmt mich, was ich nicht verdient habe, dann rückt sie ab und seufzt. »Du hast uns im Ferienlager gefehlt.«
Das jährliche Musical Camp, das ich während der letzten drei Jahre mit Finn und Cass besucht habe, besteht aus zwei Wochen mit verrückten Proben und endet mit einer Aufführung. Ja, ich habe dort gefehlt und mir hat das Camp gefehlt. Sehr sogar. Und letztlich war es diese Sehnsucht, die mich zu dem Entschluss gebracht hat, mir mein altes Leben wieder zurückzuerobern. Es war schlimm, nicht singen zu können! Aber ich war wohl zu sehr damit beschäftigt, meinen Schmerz in Partys zu ertränken, und hatte nicht den Mumm, auszuprobieren, ob ich trotz des Kummers in meiner Brust noch Musik in mir habe.
Ich denke mir, wenn ich versuche so zu werden, wie ich früher war, renkt sich wohl auch alles andere ein.
Die ganze Zeit hatte ich so getan, als würde es mir nichts ausmachen, das Musical Camp verpasst zu haben, aber jetzt kann ich nicht mehr lügen. »Es war schrecklich, nicht dabei zu sein!«
Cass macht große Augen, als ob dies Zugeständnis noch unglaublicher ist als die Veränderung in meinem Äußeren. »Ohne dich war es nicht dasselbe.« Sie grinst. »Auch wenn ich wahrscheinlich eine bessere Rolle bekommen habe, als wenn du da gewesen wärst.«
»Mach dich nicht schlechter als du bist.«
Sie tut meine Ermahnung ab und kehrt zu ihrem Problem zurück: der Wahl zwischen knallengen schwarzen Hosen und einem superkurzen goldenen Kleid.
Es klopft an der Haustür. Gleichzeitig kündet Cass’ Handy eine Textnachricht an. »Kannst du an die Tür gehen?«, fragt sie mich.
»Klaro.« Ich muss wohl unbekümmerter klingen, als ich mich fühle, denn sie sieht gar nicht auf. Sie ist mit ihrem Handy beschäftigt.
Ist es ihr gar nicht wichtig, dass Finn kommt?
Ich schiebe den Gedanken fort. Er gehört nicht mehr mir. Ich habe ihn verletzt und sie war da, um die Scherben aufzusammeln.
Als Cass diesen Ausflug vorschlug, dachte ich erst, dass es schwierig sein wird, zu dritt zu verreisen. Ob ich mit der vertrackten Situation klarkomme, kann ich ja jetzt ausprobieren – denn ich schätze, er ist es, der vor der Tür steht.
Mein Herz schlägt doppelt so schnell, als ich auf wackeligen Beinen die paar Schritte durch den Flur laufe. Vielleicht sind es ja auch Finns Cousine und sein Cousin, die ebenfalls mitkommen wollen, denke ich, aber dann erkenne ich ihn am Klopfen – es ist ohne Zweifel Finn. Vor der Tür bleibe ich zögernd stehen und atme zur Beruhigung tief ein.
Und mir wird klar, dass dies der Moment ist, für den meine Verwandlung gedacht war. Der lange Nachmittag beim Friseur, das Heraussuchen meiner alten Klamotten, das Einstudieren meiner alten Verhaltensweisen. Ich will sein wie früher. Und alles nur für Finn.
Ich habe ihn nicht gesehen seit … Ich darf gar nicht daran denken. Noch so eine verpatzte Sache, eine von vielen in den letzten sechs Monaten. Alles ist jetzt anders. Ich bin anders.
Aber er ist mit Cass zusammen.
Ich hätte mich damit abfinden sollen, dass sie jetzt zueinandergehören, denn es war ja meine Schuld, dass sie zusammengekommen sind, aber es schmerzt immer noch. Sie sind ein Paar. Sicher, damals habe ich einfach nicht zur Freundin getaugt, weder für einen Jungen noch für die beste Freundin, und als wir uns trennten, hat er in ihren Armen Trost gesucht.
Ich drehe den Türknopf und öffne die Tür. Mein Mund wird trocken.
Sein Mund verzieht sich zu dem verschmitzten Lächeln, das ich so vermisst habe. Vor einiger Zeit noch war es so normal, dass Finn mich anlächelte – ich habe es damals gar nicht richtig gewürdigt. Was würde ich nicht alles geben, um mich wieder so zu fühlen wie damals.
»Hey, Zoey«, sagt er.
»Hey«, antworte ich und ärgere mich sofort, dass mir nichts Besseres einfällt.
»Siehst ja gut aus heute.«
Die Wärme, die seine Worte ausstrahlen, versetzt mich in die Zeit zurück, als es mir das Wichtigste war, Finn zu gefallen.
Sein Kompliment gibt mir die Gelegenheit, ihn mir auch anzusehen, und ich bin nicht enttäuscht. Er sieht so umwerfend aus wie immer. Sonnengebleichtes blondes Haar, lässig gestylt, strahlend weiße Zähne, seine Augen so blau, dass sie wie ein Stück Himmel leuchten, wenn er auf der Bühne steht. Er ist frisch geduscht und sorgfältig rasiert. »Siehst selbst auch nicht gerade schlecht aus.«
Er runzelt die Stirn und ich merke, dass ich einfach dastehe und ihn anstarre und ihm damit die Tür versperre.
Ich trete zurück, um ihn vorbeizulassen. »Sie packt noch.«
»Super.« Er geht weiter, dann bleibt er stehen. »Echt super, dich zu sehen.«
Ich höre auch das, was er nicht erwähnt. Dass ich anscheinend »wieder normal« bin.
Ich sage lieber nichts, damit der Kloß in meinem Hals nicht verrät, dass ich noch keineswegs wieder die alte Zoey bin, und trete vors Haus. Ich nehme meine Reisetasche von der Türschwelle und gehe über das kleine Rasenstück, unter dem Vorwand, mir den Van anzusehen, den Finn für unsere Fahrt von Adelaide nach Melbourne gemietet hat. Nach dem Konzert fliegen wir dann zurück, damit wir rechtzeitig zum Schulstart wieder da sind.
Finn hat den angerosteten, schmuddelig blau-weißen Bus am Straßenrand geparkt. Die Beifahrertüren stehen weit geöffnet – man sieht zwei Reihen Plastiksitze. Die hintere Reihe nimmt die gesamte Breite des Wagens sein.
Auf dem Dachgepäckträger befinden sich bereits Finns Tasche und sein Surfboard. Beim Näherkommen wird mir klar, warum er den Van offen gelassen hat: Der muffige Geruch schlägt mir schon entgegen, ehe ich ganz am Auto bin.
Früher hätte ich gewusst, wo zum Teufel er das Ding gemietet hat, aber jetzt stehe ich ein bisschen verloren hier draußen herum, und er ist drinnen mit Cass. So soll es nicht mehr lange sein, wenn alles so läuft, wie ich hoffe. Es ist nicht so, dass ich direkt will, dass sie Schluss machen. Eher so, dass ich nicht aufhören kann, daran zu denken, wie es früher war. Die beiden müssen einfach einsehen, dass es besser für sie ist, wenn sie nur Freunde sind.
Ich lehne mich an den Wagen, setze die Sonnenbrille auf, um die Augen vor der frühmorgendlichen Sonne zu schützen, und unterdrücke ein Gähnen. Hoffentlich lernt meine innere Uhr noch vor dem Schulstart nächste Woche, wie es sich anfühlt, morgens bei Bewusstsein und nüchtern zu sein.
Ich versuche, cool und lässig zu wirken. Und mir nichts von der Katastrophe anmerken zu lassen, in der ich die letzten sechs Monate zugebracht habe.
Ich lege die rechte Hand über die Buchstaben auf meinem linken Handgelenk.
Remember.
Das tätowierte Wort, das meine Eltern noch gar nicht entdeckt haben, stammt aus einem Song von Gray, der während der letzten Monate quasi zu meiner Hymne geworden ist.
Ein Auto fährt an die Bordsteinkante. Es ist ein affiger Geschäftswagen mit getönten Scheiben, total unpersönlich. Eine der hinteren Türen geht auf und ein Mädchen mit blondem Kurzhaarschnitt, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als ich, steigt aus und hüpft – ja, sie hüpft! – ans Ende des Wagens. Sie schlägt auf den Kofferraum und ruft: »Aufmachen bitte!«
Das ist also Finns Cousine. Cass hat gesagt, er hätte ihr versichert, dass sie und sein Cousin nett sind. Ich hatte mich ja zuerst gefragt, warum ich nichts von ihrer Existenz wusste, dann war ich aber schließlich ganz froh darüber, dass wir nicht zu dritt fahren würden.
Der Kofferraumdeckel springt auf und die beiden vorderen Wagentüren öffnen sich. Aus der Fahrertür steigt ein älterer Mann, aber es ist der Beifahrer, der meine Aufmerksamkeit erregt.
Der Junge streicht sich die wild zerzausten dunklen Haare aus der Stirn und enthüllt ein Gesicht mit kantigen Zügen, was mich unwillkürlich die Luft anhalten lässt. Sein unwirscher, finsterer Blick allerdings ruiniert alles. Seine lange, gerade, klassische Nase und der schlanke Hals passen irgendwie nicht zu seiner rebellischen Ausstrahlung mit den schwarzen Augenbrauen und Wimpern und den hohen Wangenknochen. Engel trifft Bad Boy. Sein schwarzes T-Shirt und die neonfarbenen Shorts lassen schlanke, gebräunte Gliedmaßen sehen.
Genau der Typ, hinter dem ich in den letzten Wochen her war, als ich versucht habe, zu vergessen. Es war einfach verlockend, sich in den Rausch der schnell vorbeiziehenden Partys und in die Arme solch böser Buben zu begeben. Alles verrauchte schnell – ich konnte nicht widerstehen.
Das habe ich jetzt aber hinter mir.
Ich habe keinen Bock mehr darauf, dass sich alle um die verkorkste Zoey sorgen, und will wieder normal sein. Keine Blickwechsel mehr mit düster-attraktiven Jungs, die verdrießlich dreinblicken; keine kribbelnden Schauer mehr deswegen – das alles habe ich von meiner Agenda gestrichen.
Der Finsterling sagt kein Wort und geht ebenfalls zum Kofferraum. Der Moment des »Erkennens« hat sich wahrscheinlich nur in meinem Kopf abgespielt. Beide Männer bemühen sich, dem Mädchen zu helfen, und halten gleichzeitig Abstand voneinander. Die Ähnlichkeit ihrer breiten Schultern und dunklen Haare weist sie eindeutig als Vater und Sohn aus. Und ihre gleichermaßen starre Haltung und ihr finsterer Blick lassen vermuten, dass sie gestritten haben … oder noch schlimmer.
Das Mädchen scheint unberührt davon. Sie plappert drauflos, irgendwas davon, dass der Ausflug und das Konzert ihre totale Traumreise werden.
Sie stapeln Reisetaschen und ein Surfbrett auf den Rasen, dann wirft das Mädchen die Arme um ihren Vater. Er schließt die Augen, während er sie kurz umschlungen hält, dann lässt er die Hände sinken.
»Keine Sorge, Lucien passt schon auf mich auf. Ehrlich.« Sie wirft ihrem Bruder einen drohenden Blick zu. »Etwa nicht?«
Er nickt.
Der Vater öffnet den Mund und kneift die Augen zu Schlitzen zusammen. Zeit für elterliche Ermahnungen. Doch dann schweigt er.
Vater und Sohn sehen sich an. Die sommerliche Luft zwischen ihnen ist so dick, dass ich schwören könnte, die leichte Brise streicht nicht zwischen ihnen durch, sondern um sie herum.
Der Vater steckt die Hände in die Taschen seiner Shorts, zuckt die Schultern und atmet zischend aus. Etwas wie Belustigung fliegt über die Züge des hotten Typen, dann wendet er sich ab, um eine Tasche zu ergreifen, und der Vater steigt wieder ins Auto. Das Mädchen winkt, als er die kleine Sackgasse entlangbraust, um die Ecke fährt und verschwindet.
Als sie über den Rasen kommen, packe ich meine Tasche und gehe an die hintere Tür des Vans. Doch mein Plan, den beiden aus dem Weg zu gehen, haut nicht hin – Mister Unwirsch ist bereits dort. Weil ich keinesfalls will, dass er sieht, wie ich mich abmühe, zerre ich die hintere Tür auf und mache mich daran, meine Tasche dort einzuladen. Natürlich versucht er genau dasselbe mit einem geblümten Koffer, der bestimmt seiner Schwester gehört, und steht mir direkt im Weg.
Der Blick aus seinen dunklen Augen gleitet über mich, von Kopf bis Fuß, ohne irgendwo hängen zu bleiben. »Du bist also diese Zoey.«
Ich kämpfe, um unter diesem wissenden Blick nicht zusammenzuzucken. »Diese Zoey – was soll das denn heißen?«
Er zuckt mit den Schultern, stellt zuerst den Koffer in den Van und wirft dann eine Reisetasche hinterher. »Ach, nichts.«
Er macht sich über mich lustig, dieser Fremde, der glaubt, etwas über mich zu wissen. Ich wuchte meine Tasche auf seine, ohne seine helfend angebotene Hand zu beachten. »Ich weiß schon, was es heißen soll. Aber was auch immer du über mich zu wissen glaubst, es stimmt nicht.«
Er zieht eine Braue hoch. »Du bist also nicht die Zoey, die meinem Cousin das Herz gebrochen hat?«
Ich werfe einen Blick zum Haus hinüber. Dort stehen Finn und Cass und stecken die Köpfe zusammen. »Er sieht nicht wie einer mit ’nem gebrochenen Herzen aus«, sage ich zuckersüß.
»Luc«, ruft Finn.
Der nervige Typ dreht sich um. Mir bleibt nichts, als seinen breiten Rücken anzustarren, während er über die Einfahrt auf seinen Cousin zuschlendert. Wie echte Kerle schlagen sie sich auf die Schultern, dann wendet sich Finn dem schlanken Mädchen zu. Sein Ausdruck wird ganz weich und er lächelt ihr mit seinem typischen Lächeln zärtlich zu. »Hey, Cousinchen.«
Sie schlingt ihm die Arme um den Hals. »So super, dich zu sehen«, sagt sie. Als ich dann langsam den Rasen überquere, um zu ihnen zu treten, sieht sie von mir zu Cass. »Nun mach uns doch endlich miteinander bekannt – wir müssen los. Nur noch ein paar Tage, bis Gray auftritt.«
Finn schüttelt den Kopf, doch er lächelt während der folgenden Vorstellungsarie. »Luc, Jolie, das sind Cass und Zoey.«
Statt einem Nicken oder auch einem Händeschütteln werde ich von Jolie ungestüm umarmt. »Toll, euch Gray-Fans kennenzulernen«, schwärmt sie. »Ich freu mich mega auf das Konzert. Ist er nicht einfach der Größte? Und so ein heißer Typ.«
Luc richtet die dunklen Augen kurz auf Cass und mich. »Hi.«
Er könnte nicht weniger beeindruckt wirken. Es ist ja nicht so, dass ich mich für umwerfend halte, aber nach ein paar Monaten, die ich in Flittchen-Klamotten zugebracht habe, wie es Cass auszudrücken beliebte, bin ich es nicht mehr gewohnt, so wenig beachtet zu werden. Ich wette, wenn ich meinen ledernen Minirock und mein weit ausgeschnittenes Glitzertop tragen würde, hätte er reagiert – auch wenn ich inzwischen weiß, dass die Idee, Aufmerksamkeit durch viel nackte Haut zu erregen, keinesfalls meine beste gewesen ist. Das Interesse, das ich damit entfacht habe, konnte jedenfalls meine innere Leere nicht füllen.
»Hi«, murmle ich zurück und Cass lächelt. Sie hält Finns Hand.
Jolie deutet auf den alten Van. »Der ist ja perfekt! Hab schon immer mal ’ne Reise in so einem Bus machen wollen. Und das Blau bedeutet für mich Sommer.«
Folgsam sehen wir alle zu dem Van hinüber. Er leuchtet im Sonnenlicht und verheißt mir irgendwie bevorstehende Abenteuer. Die warme Morgenluft summt. Diese Reise, die wir die letzten Wochen über geplant haben, geht gleich los, und die Möglichkeiten sind endlos.
»Das Blau erinnert ja vielleicht an Sommer, aber was bedeutet der Rost?« Lucs Ausdruck passt besser zu jemandem, der zum Zahnarzt muss, und nicht zu einem, der gleich auf einen coolen Kurztrip mit Freunden startet.
Jolie übergeht seine Bemerkung. »Ich finde, wir sollten die Kiste Beryl nennen.« Sie streicht mit dem Arm über die Motorhaube. »Beryl, das wird die beste Reise aller Zeiten. Ich weiß es.«
Heimlich werfe ich einen Blick auf Finns vertrautes Profil.
Ich hoffe, dass Jolie recht hat.
One step.
A pretty foot, rising, falling.
If only that’s all it took.
To move on.
»Moving« – GRAY
Kapitel zwei
Nachdem der Van endlich gepackt ist mit den ganzen Taschen und Zelten und Bündeln, bleibt uns nur noch, loszufahren. Die Fahrt bis Robe, dem Küstenort, wo wir die erste Nacht verbringen wollen, dauert über vier Stunden, ohne Ess- und Klopausen. Wir wollen rechtzeitig ankommen, um am Nachmittag noch schwimmen zu gehen.
Luc ist bereit, als Erster zu fahren, und ich bin erleichtert, als Cass Finn scherzhaft nach vorne verfrachtet. »Mädels-Zeit«, sagt sie zu ihm.
Jolie will auf die Rückbank, mir und Cass bleibt die mittlere Reihe. »Ich hab noch keinen Führerschein«, erzählt Jolie. »Ich hab vor zwei Wochen Prüfung gehabt und bin krachend durchgefallen.« Es scheint ihr nicht besonders viel auszumachen. »Luc hat versprochen, meine Fahrzeiten zu übernehmen.« Ihre Stimme ist bis vorne zu hören.
Luc sieht sie im Rückspiegel an. »Hast mir ja keine andere Wahl gelassen.«
Mit dem Kinn auf ihrer kleinen Hand lehnt sie sich auf meine Sitzlehne. »Er ist netter, als man denkt, versprochen. Dad hat gesagt, dass ich ohne ihn nicht mitfahren dürfe, weil ich erst sechzehn bin, er mich aber für fünf hält. Hallo, Wickelkind! Verzeiht Luc also, dass er den mürrischen großen Bruder spielt. Gray ist nicht so sein Ding.« Ihre haselnussbraunen Augen blitzen. »Meins aber auf jeden Fall!« Sie seufzt verträumt und lehnt sich zurück, um sich anzugurten, während Luc den Van startet.
Cass’ Handy klingelt, ehe wir aus der Straße sind. »Das ist Mum«, sagt sie. »Keinen Mucks von euch.«
Finn murmelt Luc etwas zu, der anhält. Cass geht dran und wir sitzen alle stumm da und versuchen so zu tun, als ob wir dem Gespräch nicht zuhören, obwohl es ja in dem kleinen Innenraum des Vans gar nicht anders möglich ist.
»Wir starten gerade.« Sie nickt, obwohl ihre Mutter das ja nicht sehen kann. »Ja, versprochen, ich melde mich jeden Tag.« Und nach einer Pause: »Sie sitzt neben mir.«
Cass hält mir das Handy hin.
Folgsam rufe ich: »Wir sind vorsichtig und ich passe auf Cass auf.«
Die Tatsache, dass das genügt, sagt mir, dass Cass’ Mutter offenbar über meine jüngste Vergangenheit nichts weiß.
Cass grinst mir dankbar zu und nimmt das Handy wieder ans Ohr. »Ich hab dich auch lieb.«
Welch ein Unterschied gegenüber meinem Aufbruch. Mum und Dad haben wahrscheinlich noch gar nicht gemerkt, dass ich weg bin. Ich tue so, als ob ich draußen etwas Interessantes sehe, doch ich merke, wie mich Luc im Rückspiegel ansieht. Na super, wo ich gerade vorgeben will, dass ich ganz ungerührt bin. Ich starre zurück und lasse ihn nicht merken, wie down ich gerade bin.
Zum Glück ist der Anruf kurz darauf beendet und wir können ohne weitere Unterbrechungen weiterfahren.
Gegen neun halten wir bei einer Raststätte zum Frühstücken und alle außer Cass steigen aus, um sich die Beine zu vertreten. »Kannst du mir einen Kaffee mitbringen?«, fragt Cass, ohne von ihrem Handy aufzusehen.
Finn und ich tauschen Blicke. Früher wäre ich mit der Bitte gemeint gewesen, doch jetzt, wo sie zusammen sind, bin ich mir nicht sicher.
»Mach ich«, sagt er.
Ich gehe vor den anderen her und strecke den Rücken. Ich versuche so zu tun, als ob es mir nichts ausmacht, dass ich keinen habe, der mir was mitbringt. Ich gehe aufs Klo. Um den anderen noch etwas aus dem Weg zu gehen, hole ich mir einen Müsliriegel und eine Cola light. Die Jungs warten auf ihre Frühstücksbestellung. Sie lachen und witzeln herum. Also gehe ich lieber und setze mich an einen der Picknicktische.
Jolie setzt sich zu mir, während Finn zu Cass zurückgeht. Ich drehe mich nicht nach ihm um. Selbst wenn er noch was für mich empfindet, wird er sich wohl kaum neben mich setzen, nachdem er Cass einen Kaffee versprochen hat.
Oder vielleicht sind sie ja auch füreinander bestimmt.
Nein. Finn und ich waren ein tolles Paar. Das haben alle gesagt. Irgendwann so vertraut, dass wir die Sätze des anderen zu Ende sagen konnten. Er war bei unseren Familienfeiern dabei. Er hat mich sogar auf die Hochzeit meines Bruders begleitet.
Mein Herz krampft sich wie üblich zusammen, als ich an Daniel denke, und ein schmerzlicher Sog zerrt die Normalität von mir weg, nach der ich mich so verzweifelt recke.
Nicht an Dan zu denken, ist die einzige Möglichkeit, die Beherrschung zu wahren, aber ständig tauchen die Bilder wieder auf.
Das Grinsen auf seinem Gesicht vor zwei Jahren, als er uns alle um den Küchentisch versammelte, um uns die große Neuigkeit zu eröffnen. Shivani stand neben ihm, als er verkündete, dass sie heiraten würden und ein Kind erwarteten. Zuerst waren wir alle schockiert, aber später war es unmöglich, sich nicht von ihrer Liebe und ihrem Glück einfangen zu lassen, als sie ihren großen Tag planten.
Trotzdem, ich konnte es kaum fassen, dass dieselbe Person, die mir ab und zu Zucker ins Bett streute und Wasser in die Schuhe schüttete, erwachsen genug war, um zu heiraten und Kinder zu bekommen. Doch meine Zweifel an seiner Reife waren verflogen, als er vor uns allen stand, so schick in seinem Anzug, und Shivani das Jawort gab.
Ein Scharren auf dem Steinboden unterbricht meine bittersüßen Erinnerungen und eilig blinzle ich meine Tränen fort. Luc schwingt ein Bein über die Bank und setzt sich neben seine Schwester. »Was dagegen, wenn ich mich zu euch geselle?«
»Klar hab ich was dagegen, du müffelst nämlich«, sagte Jolie schlagfertig, aber mit einem Lächeln.
Er nimmt die Frotzelei als Aufforderung und öffnet eine Papiertüte. Dampf steigt auf und er zieht eine Ei-und-Speck-Pastete heraus, die ungelogen größer ist als sein Kopf. Krümel rieseln von der goldbraunen Kruste und sie duftet so göttlich, dass mein Magen laut zu knurren anfängt.
Ich scharre laut mit den Füßen im Kies, um das zu überdecken, und flehe stumm, dass ich nicht rot werde. Oh, bitte, lass die beiden nichts gehört haben!
Luc verzieht die Mundwinkel. Natürlich hat er was gehört.
Ich verschlinge den Müsliriegel und hoffe, dass er mein Magenknurren abstellt.
Jolie, die mir gegenübersitzt, knabbert gedankenverloren und stumm an ihrem Apfelmuffin und krümelt dabei mehr, als sie isst. Plötzlich klatscht sie in die Hände. »Ich weiß jetzt, wer du bist.«
Ich beiße die Zähne zusammen, aber ich verschlucke die patzige Antwort, die ich Luc gegeben hätte. So wenig ich noch mal was drüber hören will, dass ich Finn das Herz gebrochen habe, so wenig will ich diesem Mädchen gegenüber unfreundlich sein. Jolie hat etwas Warmes und Liebenswertes an sich. Ich bin ziemlich sicher, dass ich mit sechzehn nicht so süß und unschuldig war.
Ich warte, nippe an meiner Cola und versuche, gleichgültig auszusehen.
Aber Jolie wirkt nicht missbilligend, sondern grinst und stößt ihrem Bruder den Ellbogen in die Rippen. »Weißt du nicht mehr, Lucien, das Theaterstück, in dem wir waren. Sie war Arielle!« Sie beugt sich vor und flüstert verschwörerisch: »Arielle war immer meine Lieblingsprinzessin.«
Diesmal kann ich nicht verhindern, dass mir die Röte in die Wangen steigt. Ich schaffe es nicht, Luc anzusehen. »Ihr wart zusammen bei der Aufführung?«
Sie nickt. »Wir waren nicht in vielen von Finns Aufführungen, aber seinen Auftritt als Prinz Eric wollten wir nicht verpassen.« Sie seufzt. »Das ist mein Lieblingsprinz, obwohl er ja mein Cousin ist und nicht besonders attraktiv, allerdings trotzdem unglaublich.«
Seltsame Vorstellung, dass sie mich bei der Produktion des Musical Camps gesehen haben, vor mehr als einem Jahr. Alles war da noch so anders. Nie war ich glücklicher gewesen, als in dem Moment, als ich im Scheinwerferlicht stand und mit Finn gesungen habe. Meine ganze Familie war da und hat zugesehen.
Sogar Daniel.
Plötzlich bekomme ich keine Luft mehr. Ich muss weg von diesen Leuten und ihrem höflichen Smalltalk. »Schön, dass es dir gefallen hat«, murmle ich.
Ich sammle meinen Abfall auf und werfe ihn in den Papierkorb, dann gehe ich noch mal zu den Toiletten, um mir kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Ich mustere mich im Spiegel und starre das Spiegelbild des Mädchens an, das ich mal war. So lange, bis ich mich gesammelt habe und nicht mehr wirke, als ob ich innerlich verzweifle.
Manchmal fragen mich Leute, was mir an Dan am meisten fehlt. Meistens fauche ich den Fragenden an oder vernichte ihn mit meinem Blick oder haue ab, so schnell ich kann, aber das bedeutet nicht, dass mir im Kopf keine Antworten explodieren. Ich kann ihnen nicht ausweichen. Aber ich kann auch nicht darüber sprechen.
Immer wenn ich allein bin oder wegen meiner Albträume nicht schlafen kann, sausen mir die Antworten im Kopf herum. Ich vermisse sein Lächeln, von dem ich immer gesagt habe, dass er verpeilt damit aussieht, das ihn aber genau genommen wie den glücklichsten Menschen auf Erden hat aussehen lassen. Ich vermisse, wie er mich am Arm gepackt und runtergedrückt hat, um mir ins Gesicht zu furzen, und wie er die Mobber in der Schule hat wissen lassen, dass er hinter mir steht. Immer. Ich vermisse das Gefühl, dass die Welt mit ihm darin in Ordnung war. Unsere Familie war so, wie Familien sein sollen.
Ich vermisse die Person, die ich als Dans kleine Schwester war. Mann, sie hatte es leicht. Und sie war glücklich. Glücklich in irrsinniger Zufriedenheit, aber ohne zu erkennen, wie glücklich sie war.
Als ich zum Van zurückkomme, sind die Sitze neu verteilt. Cass sitzt vorne bei Finn, der jetzt fährt, und ich muss die mittlere Reihe mit Luc teilen. Wortlos steige ich ein, denn Jammern gehört nicht zu der gelassenen Zoey, die ich jetzt wieder sein will.
Luc lehnt sich in seinem Sitz zurück und nimmt irgendwie zu viel Raum ein, sodass – obwohl sie mich nicht berühren, sein Schenkel, sein Ellbogen und sein Knie mich irritieren. Ich glaube, ich habe noch nie jemanden gekannt, der einen so aufreizenden Ellbogen hat. Der zwischen uns liegt, so schlank, so gebräunt, so aufwühlend.
Ich atme durch und versuche, mich zu entspannen, da übermannt mich sein Duft nach Sonnencreme und Meer. Wir sind noch nicht mal dort, aber es ist, als ob ich in der Ferne die Wellen hören kann. Ich krame nach einem Pfefferminz und lutsche es, bis mir der eisige Geschmack alles andere fortbläst.
Finn lässt den Motor an und fährt auf die Autobahn. Wenigstens bewegen wir uns jetzt. Jede Minute, die vergeht, bringt uns unserem nächsten Halt näher und damit hoffentlich einem erneuten Platzwechsel. Finn ignoriert Jolies Wunsch, ihre Gray-Collection zu spielen, und bittet Cass stattdessen, etwas im Radio zu suchen. Nach einigem Kurbeln findet sie einen vertrauten Sender, und als die neuesten Hits aus dem blechernen Lautsprecher plärren, fange ich an, mich zu entspannen.
Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm, neben Luc zu sitzen. Schließlich hat er keinen Grund, mit mir zu reden. Er hat ja klargemacht, dass er mich wegen dem, was ich Finn angetan habe, für eine Zicke hält, daher ist es ihm wahrscheinlich genauso recht wie mir, so zu tun, als ob wir nicht nebeneinandersitzen.
Ein Song folgt dem anderen und die Zeit vergeht. Ich checke gerade mein Handy, als sich Luc zu mir dreht und beschließt, unser unausgesprochenes Stillhalteabkommen zu brechen.
»Warum Gray?«, fragt er leise genug, dass nur ich damit gemeint sein kann.
Ich blinzle verwirrt. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber das nicht. »Wenn du wissen willst, warum wir dahin fahren, warum fragst du nicht deine Schwester?«
Er dreht sich um und blickt nach hinten zu Jolie. Sie hat sich halb über die hintere Bank gelegt. Sie hat die Kopfhörer auf und klebt praktisch an jemandem, mit dem sie auf ihrem Tablet chattet. Sie ist online, seit wir vor Stunden die Stadt verlassen haben. Ich könnte wetten, dass sie kein Datenlimit und eine Million Freunde hat.
Als er sich wieder umdreht, erwischt er mich, wie ich ihn ansehe.
Ich lasse ihn ein paar Sekunden nicht aus den Augen, während ich die komischen Gefühle, die sich in mir regen, zu ignorieren versuche.
»Ich habe Jolie schon gefragt«, sagt er. »Warum dieser Ausflug für sie so wichtig ist, weiß ich, aber ich möchte wissen, warum es dir wichtig genug ist, Gray zu sehen, um dafür in Kauf zu nehmen, mit deinem Ex und seiner neuen Freundin quer durchs Land zu fahren und die letzte Ferienwoche zu verschwenden.«
Fast wäre ich mit der Wahrheit herausgeplatzt – dass mich Grays Musik und Lyrics gehalten und gerettet haben, als die übrige Welt sinnlos erschien. Aber natürlich ist das viel zu blöd, um es laut zu sagen. Zu wahr. Und laut sagen werde ich natürlich auch nichts von meiner Hoffnung, dass Finn nicht mehr lange mein Ex ist.
Ich vermute, Luc kapiert durch mein Zögern und mein krampfhaftes Suchen nach den richtigen Worten mehr, als mir lieb ist. All die Sachen, die ich nicht sagen will, weil sie die Illusion der Normalität erschüttern, die ich um jeden Preis aufrechterhalten will. Ich zwinge mich, unbeschwert zu grinsen. »Weil, Gray ist einfach super-heiß. So.«
Ich sehe Luc nicht an. Stattdessen drehe ich mich weg von ihm und starre aus dem schmutzigen Fenster auf die endlosen Ebenen, etwas, was ich von Anfang an hätte tun sollen. Denn ich will nicht die Enttäuschung über meine lahme Antwort in seinem Gesicht sehen. Oder schlimmer noch – überhaupt keine Reaktion.
»Das ist doch alles ein einziger Fake, das weißt du, oder?«, sagt er.
Der Typ hat ehrlich keine Ahnung von Körpersprache. Ich sollte ihn ignorieren, aber ich kann nicht anders. Ich drehe mich nach ihm um und komme mir erst recht wie eine Idiotin vor – er sieht nicht mal in meine Richtung. »Was?«
»Gray. Der Typ ist nichts anderes als ein Produkt. Genau wie jeder andere gecastete und produzierte Popstar, nur dass sie ihn als den großen Grübler aufgebaut haben – als ob düstere Stimmung eine Auszeichnung wäre. Er ist doch nichts als ein Junge, den irgendwelche Produzenten zum Star gemacht haben. Ist er überhaupt schon achtzehn?«
Ich setze ihm nichts entgegen, obwohl ich Grays tragische Vergangenheit kenne. Obwohl ich so viele Interviews mit ihm gesehen und gelesen habe, obwohl ich weiß, dass er seine Songs selbst schreibt und als Minderjähriger schon anfing, in Kneipen aufzutreten, und sich geweigert hat, bei einem großen Label zu unterschreiben, um zu verhindern, dass andere ihm in seine Musik reinreden. Doch ich sage nichts, Luc geht es schließlich nichts an, wie viel ich über Gray weiß. Stattdessen frage ich: »Warum kümmert dich das?«
»Tut es nicht.« Jetzt starrt er aus dem Fenster auf die malerischen Cottages am Straßenrand, als ob er nie etwas Faszinierenderes gesehen hätte.
Ende der Unterhaltung. Ziel erreicht.
+
»Kehr um!«
Jolies Ausruf weckt mich auf. Ich richte mich auf und wische mir schnell mit dem Handrücken über den Mund. Hoffentlich habe ich nicht gesabbert oder geschnarcht oder sonst was Peinliches, während ich neben Luc geschlafen habe.
Ich … habe geschlafen. Ohne zu träumen.
Mir bleibt keine Zeit, über meine neue Leichtigkeit, die mich schlafen ließ, nachzudenken, weil Jolie wieder kreischt.
»Im Ernst, Finn, du musst umdrehen. Nur ein kleines Stück zurück. Wenn du das machst, verspreche ich dir, dass du für immer mein Lieblingscousin bist.«
Ich werfe Luc einen Blick zu, aber ihm scheint entgangen zu sein, dass ich geschlafen habe. Er hat sich umgedreht, um seine kleine Schwester zu befragen. Einen Arm hat er über die rissige Plastiklehne gelegt. »Warum umkehren?«
Finn hält in einer Lichtung am Straßenrand an und dreht sich um. Auch er wartet auf ihre Antwort.
Jolie hält uns ihr Handy hin, um ein Bild zu zeigen. »Weil wir das hier sehen müssen.«
Das hier ist so eine Art Riesenkrebs oder so was.
»Nein«, sagt Luc und seufzt. »Müssen wir nicht. Wir sind schon dran vorbei, und Umdrehen bedeutet, dass wir erst lange nach dem Mittagessen in Robe und beim Campingplatz ankommen.«
»Und das kann Mr. Pünktlich keinesfalls ertragen«, stichelt sie.
»Jolie …«, sein Ton klingt warnend.
Ich unterdrücke ein Lächeln darüber, dass sie keineswegs schuldbewusst klingt. »Wie viel Zeit würde uns das Umdrehen denn kosten?«, frage ich.
Finn blickt auf die Karten-App auf seinem Handy. »Vielleicht ’ne halbe Stunde.«
»Bitte. Luc.« Jolie ändert ihre Strategie, ihre Stimme wird schmeichelnd. »Das hab ich schon immer sehen wollen.«
Sie sehen sich mit einem so privaten Blick an, dass ich wegsehen muss.
»Schon immer?«, fragt Luc unwirsch nach. Ich spüre, dass er gleich nachgibt. Er geht mir unglaublich auf die Nerven und dennoch ist es schwierig, jemanden zu hassen, der so süß zu seiner kleinen Schwester ist.
»Schon immer«, sagt sie bestimmt.
»Wir fahren also hin?« Finn sieht Luc an.
Cass hebt den Kopf. Sie hat bisher anscheinend nicht mal gemerkt, dass wir angehalten haben. »Wohin fahren wir?«
Luc antwortet. »Zu der berühmten Touristenattraktion ›Big Lobster‹.«
Jolie verkneift sich ein Grinsen, stattdessen blickt sie angestrengt aus dem Fenster, als Finn den Van wendet.
»Übrigens, Jolie«, sagt Finn, »ich weiß schon, dass ich dein einziger Cousin bin.«
Jolie wird ein bisschen rot, doch dann labert sie los und erzählt alles, was sie über das riesige Krustentier weiß. Die Geschichte einer langweiligen Touristenattraktion ist ja eigentlich nicht unterhaltsam, aber ihre Aufregung ist so ansteckend, dass wir begeistert klatschen, als das Hinweisschild auftaucht.
Sogar Luc lächelt.
Wir steigen alle aus und machen Selfies vor dem verblichenen Meereswesen. Cass bittet Finn, ein Bild von ihr und mir zu machen, das sie ihrer Mutter schicken kann. Er bietet mir an, mit meinem Handy auch eines zu machen, aber ich schüttle den Kopf. Auf Nachrichten von mir wartet keiner.
Nachdem die Fotos gemacht sind, schlendere ich zum Van zurück. Ich brauche keine von den kitschigen Souvenirs, über die Jolie so ausrastet.
»Mum antwortet, dass wir gut aussehen«, ruft Cass.
Ich mache das Daumen-hoch-Zeichen. Klar, dass sie sofort eine Antwort bekommen hat.
Meine Mutter und ich waren auch mal so. Ich unterdrücke Erinnerungen an gegenseitiges Nägellackieren und gemeinsame Workouts. Als ich diesen Ausflug meinen Eltern gegenüber ins Gespräch brachte, hatte ich Vorträge und Streit erwartet, aber sie waren ohne Getue einverstanden. Genauso wie mein neuer Look nicht kommentiert wurde. Es war und ist immer noch so, als ob ich nicht mehr existiere.
Ich spüre eine Berührung am Arm. Luc. Er bleibt neben mir stehen.
»Gut geschlafen?«, fragt er. Eine Piloten-Sonnenbrille verdeckt seine Augen, aber in seiner Stimme liegt Belustigung.
»Um genau zu sein, ja.«
Er rollt übertrieben mit den Schultern, als ob ihm der Rücken wehtut. »Ich dachte schon, mein Arm schläft gleich ein.«
Ich brauche einen Augenblick, bis ich kapiere. »Ich hab doch nicht an deiner Schulter geschlafen.«
»Bist du sicher?«
Ich überlege. Ich weiß, dass ich so ruhig geschlafen habe wie schon seit Monaten nicht mehr, aber ich kann mich nicht erinnern, mich an Luc gelehnt zu haben. Das hätte ich doch gemerkt. Aber ich bin verunsichert und das gefällt ihm! Als ich mich abwende, glaube ich, ihn kichern zu hören, weil ich rot geworden bin. Soll er sich doch auf meine Kosten lustig machen. Das wird das letzte Mal gewesen sein.
Another step, but you are looking back.
That’s why you can’t see me here.
I’m waiting.
»Moving« – GRAY
Kapitel drei
Die niedrig stehende Sonne färbt den Horizont hinter mir rosa, als ich aus dem kühlen Wasser steige und über den Sand zu meinem Handtuch gehe. Ich komme als Letzte aus dem Meer. Wenn ich mir nicht einbilden würde, dunkle Gestalten in jedem tiefen Schatten zu sehen, wäre ich gar nicht rausgekommen. Ich glaube, die Angst stammt noch daher, dass Dan immer untertauchte und meinen Fuß packte, als ich ein Kind war – das hat er zu gerne gemacht.
Wir sind lange nach der Mittagszeit in Robe angekommen, genau wie Luc vorausgesagt hatte, aber wir hatten trotzdem genug Zeit, einzuchecken und dann an den Strand zu gehen.
Mit federnden Schritten laufe ich auf die anderen zu. Ich hatte ganz vergessen, wie sehr ich das Meer liebe. Meine Arme sind wohltuend angestrengt vom Schwimmen in den Wellen, und ich bin ganz relaxt, als ich mir das Wasser aus den Haaren drücke und ein Handtuch um meine Schultern wickle. Nicht, dass ich das besonders auffällig mache, aber ich kann nicht anders, ich sehe heimlich rüber, ob Finn herschaut.
Tut er nicht. Er lacht über irgendwas, hat den Kopf in die Hände gestützt und seine Schultern beben. So wie ich Finn kenne, war es bestimmt nicht mal besonders komisch. Ich schüttle den Gedanken ab. Kein Junge ist perfekt, und wenn Finn alles und jeden lustig findet, liegt das einfach an seinem positiven Temperament, das übersprudelt. Etwas, das ich selbst auch gerne spüren würde.
Luc hingegen beobachtet mich. Seine dunklen Augen sind ein warmes Braun im widerspiegelnden Licht der Abendsonne, und er grinst. Allerdings nicht mit dem Ausdruck eines Jungen, der von meinem Körper im Bikini beeindruckt ist. Hat er mich dabei erwischt, wie ich Finn angesehen habe?
Und wenn schon? Ich recke das Kinn und ziehe missbilligend die Augenbrauen hoch, denn auch wenn er so belustigt wirkt – er hat mich schließlich beobachtet. Er dreht sich zu Jolie, als habe er nichts bemerkt. Ich fasse das als Sieg auf; schließlich war er derjenige, der den Blick zuerst abgewandt hat.
Nicht, dass ich vorhabe, Lucs Körper zu mustern. Eher tue ich das, weil mir sonst keine Wahl bleibt. Nachdem mein Blick an seinem gebräunten Sixpack hängen geblieben ist, kann ich nicht anders, als den Rest in Augenschein zu nehmen. Breite Schultern? Positiv. Definierte Bauchmuskeln? Positiv. Aber es sind die Dellen und Mulden an seinen Hüften, das breite V der Muskeln, das seine tief sitzenden Shorts freigeben. Ich muss die Hände zu Fäusten ballen, um an mich zu halten und ihn nicht zu berühren.
Stattdessen lasse ich mich neben Cass in den Sand fallen. Sie dreht sich lächelnd zu mir, nichts ahnend von dem Aufruhr, der in mir tobt, dann konzentriert sie sich wieder auf die Unterhaltung. Ich bin im richtigen Moment gekommen, denn sie scheinen übers Abendessen zu reden.
»Ich bin für Fisch und Chips«, sagt Finn.
Cass rümpft angewidert die Nase. »Das macht dick.«
Er geht ihr direkt auf den Leim. »Aber du musst dir deswegen doch keine Gedanken machen. Du kannst doch essen, was du willst, und siehst super aus.«
Ich schaffe es gerade noch, nicht die Augen zu verdrehen.
Ich spüre, wie Luc mich ansieht. Hoffentlich hat er mir meine Gefühle nicht angesehen. »Mir ist es einerlei, ich mag jede Art von Fischküche«, sage ich schnell. »Egal, wofür wir uns entscheiden, Hauptsache schnell. Ich bin am Verhungern.«
»Kein Wunder«, sagt Jolie. »Du bist ja ewig geschwommen. Ich dachte schon, du bist zur Nixe geworden.«
Ohne Vorwarnung taucht der magische Sommer im Musical Camp vor meinen Augen auf – er als Prinz Eric, ich als Arielle. Damals waren wir noch zusammen, nicht nur auf der Bühne. Wir haben unser Bestes gegeben, uns die Kehle aus dem Hals gesungen – und unseren ersten Bühnenkuss erlebt. Ich unterdrücke mein dämliches Grinsen, ehe es zu breit wird.
So wie damals kann es wieder werden. Hoffentlich noch auf dieser Reise.
Ich kann zwar Daniel nicht zurückholen, aber alles andere kann wieder so werden wie damals. Wenn ich wieder mit Finn zusammen wäre, könnte ich die Schule ertragen, den Unterricht, der mir nach dem Tod meines Bruders so sinnlos vorkam. Denn was bringen einem gute Noten, wenn man weiß, dass man von jetzt auf gleich ohne Vorwarnung umkommen kann? Höhere Mathematik hilft einem nicht, wenn einem ein aus der Kontrolle geratenes Auto entgegenkommt. Aber mit Finn zusammen wird mir die Schule nicht so nutzlos vorkommen. Und vielleicht hören meine Eltern dann auch mit ihrem Geseufze und ihren unwilligen Blicken auf, sobald ich ins Zimmer komme.
Alles wird wieder so wie früher. Vielleicht könnte ich sogar wieder singen.
Ich denke an Dan, der Gigant in meinem Leben seit meiner ersten bewussten Erinnerung an ihn, als ich zwei war: Da ist er auf die Küchenanrichte bis zum Oberschrank geklettert und hat eine riesige Tafel Schokolade gemopst, von der ich so viel gegessen habe, dass mir hinterher schlecht war. Widerstrebend verscheuche ich das Bild von ihm und die Erinnerung an sein Haar, genau im gleichen Braun wie meines, und seine grünen Augen, die immer von Lachfältchen umgeben waren.
Fast alles wird wieder so wie früher.
»Von mir aus«, fährt Jolie fort, »Fisch und Chips wäre super.«
»Ich geh«, sagt Luc.
»Ich muss duschen«, sagt Jolie.
»Ich auch«, sage ich schnell, weil ich nicht riskieren will, allein mit Luc lostraben zu müssen. »Hier, ich geb dir Geld mit.«
»Du willst also nicht die Chance zu einem Abstecher in den Getränkemarkt nutzen?«, fragt Finn.
Ich schüttle den Kopf. Alle sehen mich an und ich überlege, was Finn dazu gebracht hat, das vor Jolie und Luc zu fragen. War die Frage ernst gemeint oder eine Rache für meine Sauferei und Party-Feierei?
»Wirklich nicht?«, fragt Cass.
Muss sie so erstaunt klingen? Ich bemühe mich, meine Stimme nicht zittern zu lassen. »Wirklich nicht.«
Finn zuckt die Schultern, als sei nichts gewesen, und geht auf die Hauptstraße zu. Luc folgt ihm. Cass hat ihr Handy in der Hand und sieht nicht so aus, als ob sie irgendwohin will.
Ich unterdrücke den Drang zu heulen und mache mich in Richtung Duschen auf. Jolie kommt mit und verscheucht durch ihre sonnige Art das Gefühl, losheulen zu müssen. Es war eine unbedeutende Bemerkung. Wahrscheinlich eher ein Scherz.
Im Duschraum, der bis auf uns leer ist, reden Jolie und ich über die verschiedenen Disney-Prinzessinnen. Als sie die Prinzessinnen mit diversen Stars aus TV-Realityshows vergleicht, muss ich laut lachen.
Mit Jolie zu reden, tut richtig gut, nachdem mir in der Gegenwart von Cass und Finn immer leicht übel ist. Und dazu noch die Stichelei mit dem Getränkemarkt.
Schließlich habe ich ja nicht vor, ihn zu verführen«, sage ich mir, während ich mir das Salz von der Haut wasche und in Jolies schräge Wiedergabe von ›Under the Sea‹ einstimme.
Ich will den beiden ja nur zeigen, dass ich nicht mehr das Mädchen bin, das Finn so verletzt hat. Ich bin das Mädchen, das er immer lieben wird, so wie er es damals geschworen hat.
Ich brauche ein paar Sekunden, ehe ich merke, dass es in der nächsten Kabine plötzlich still ist. Jolie hat mitten im Lied aufgehört.
»Alles in Ordnung?«, frage ich.
Nichts.
Das Wasser nebenan läuft noch. Ich stelle meine Dusche ab und nehme mein Handtuch. »Jolie?«
Sie kann aus Millionen Gründen still geworden sein. Sie hat Seife in die Augen bekommen, sie ist damit beschäftigt, sich irgendwo zu rasieren, sie ist ein bisschen verrückt und spielt anderen, die sie praktisch nicht kennt, gerne Streiche … oder es stimmt tatsächlich was nicht.
Mein Herz klopft so laut, dass ich nicht sicher bin, ob ich sie überhaupt hören würde. Denn mir ist längst klar: Sie ist nicht der Typ Mädchen, der einem gemeine Streiche spielt.
Mit zitternder Hand halte ich das Handtuch um den Körper geschlungen, trete in den leeren Vorraum und klopfe an die geschlossene Kabinentür. Wenn sie nicht antwortet, breche ich ein. Irgendwie. Wir sind auf einem gut besuchten Campingplatz. Wenn ich schreie, wird schon jemand kommen. »Jolie?«
Es klickt und das Schloss geht auf.
Ich drücke gegen die Tür.
Jolie liegt zusammengesunken auf dem Boden, die Beine halb im Wasser, den Körper größtenteils von einem Handtuch bedeckt. Sie zwingt sich zu einem Lächeln. Ihre Lippen sind fast so bleich wie ihre blasse Gesichtshaut.
»Geht es dir nicht gut? Du hast mir einen Schrecken eingejagt.« Ich drehe das Wasser ab, dann knie ich mich neben sie. »Soll ich jemanden holen?«
Sie schüttelt den Kopf, doch die einfache Bewegung wirkt, als benötigt sie dazu ihre gesamte Energie. »Alles okay … Ich hab’s … nur heute ein bisschen übertrieben und nicht genug gegessen.«
Ich muss daran denken, wie sie bei unserer Rast an dem Muffin nur rumgepickt hat. Wenn sie es mit dem Mittagessen genauso gemacht hat, wäre das eine Erklärung. »Bist du auf Diät?«
»So was in der Art.«
»Besser wäre es, regelmäßig zu essen und Sport zu machen. Eine Hungerkur ist keine gute Methode.« Ich beiße mir auf die Lippe – was für ein blöder Vortrag!
»Ich weiß, es war dumm von mir, ich wollte das nicht wirklich, aber der Tag war so aufregend.« Sie richtet sich auf, und obwohl sie sich noch an die geflieste Wand lehnt, bekommt sie wieder etwas Farbe in die Wangen. »In meiner Tasche ist ein Paket mit Zuckerschlangen. Wenn du mir eine geben könntest, dann geht’s mir gleich besser.«
Ich finde ihren Süßigkeitenvorrat und gebe ihr was zum Lutschen. »Das ist kein Essensersatz.«
Ich weiß, dass ich wie meine Mutter klinge, aber ich kann die Angst noch nicht ganz abschütteln, die mich ergriffen hat, als sie verstummte.
»Ich esse was, wenn die Jungs zurückkommen, versprochen.« Sie umklammert das Handtuch. »Bitte sag Luc nichts davon.«
Ich zögere. »Ich bin keine Petze, aber du siehst nicht gut aus.«
Jetzt lächelt sie fast schon wieder wie üblich. »Bitte. Er ruft sonst Dad an und schickt mich nach Hause und ich könnte nicht …« Sie blinzelt aufsteigende Tränen fort. »Sie finden ja sogar, dass man mit sechzehn noch zu jung für so was ist.«
Ich gebe auf. Es steht mir nicht zu, ihr den Ausflug kaputt zu machen, aber ich werde ab jetzt ein Auge darauf haben, was sie so zu sich nimmt. »Okay.«
Sie wischt sich mit der Hand die Nase. »So, nachdem das geklärt ist, was für ein Duschgel hast du? Ist das Basilikum, was ich da rieche?«
»Genau, es ist echt gut.« Ich trete aus der Kabine, um Platz für sie zu machen. »Also, ich dusch dann mal weiter. Ich zeig dir die Flasche, wenn wir angezogen sind. Du bist doch wieder okay?«
Sie bedeutet mir, dass ich gehen kann. Ich mache einen Schritt und wende den Blick ab, gehe aber erst ganz, als sie wieder auf den Füßen ist.
