Remo - Marvin Forner - E-Book

Remo E-Book

Marvin Forner

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Beschreibung

»Leben wir das Leben nicht, um zu leben?« Mit diesem Gedanken beginnt die Geschichte um Remo Kimander, der an seinem Schreibtisch sitzt und frustriert Akten durcharbeitet. Sowohl bei seiner Karriere als auch beim Thema Liebe sieht er sich in einer Sackgasse angekommen. Er will mehr erreichen, mehr sehen, mehr schaffen und schon bald sollte tatsächlich Großes auf ihn warten. Nachdem der mysteriöse Unternehmer Robertson ihn auf sein Anwesen einlädt, wird Remos tristes Dasein auf den Kopf gestellt und ihm erscheinen plötzlich Lichtstrahlen-ähnliche Fäden, die alles und jeden miteinander verbinden. Schon bald öffnet sich ihm nicht bloß das Tor zu den Reichen und Mächtigen, sondern auch zu einer verborgenen Welt, die das Zusammenleben aller Menschen beeinflusst. Sein Leben verändert sich schlagartig und während Remo auf seiner Reise nach Erkenntnis, Vergnügen, Liebe und Macht sich selbst sucht, ist das Land in Aufruhr, als überall Frauen durch den "Schwarzen Mann" verschwinden.

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Seitenzahl: 650

Veröffentlichungsjahr: 2022

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»Leben wir das Leben nicht, um zu leben?« Mit diesem Gedanken beginnt die Geschichte um Remo Kimander, der an seinem Schreibtisch sitzt und frustriert Akten durcharbeitet. Sowohl bei seiner Karriere als auch beim Thema Liebe sieht er sich in einer Sackgasse angekommen. Er will mehr erreichen, mehr sehen, mehr schaffen und schon bald sollte tatsächlich Großes auf ihn warten.

Nachdem der mysteriöse Unternehmer Robertson ihn auf sein Anwesen einlädt, wird Remos tristes Dasein auf den Kopf gestellt und ihm erscheinen plötzlich Lichtstrahlen-ähnliche Fäden, die alles und jeden miteinander verbinden. Schon bald öffnet sich ihm nicht bloß das Tor zu den Reichen und Mächtigen, sondern auch zu einer verborgenen Welt, die das Zusammenleben aller Menschen beeinflusst.

Sein Leben verändert sich schlagartig und während Remo auf seiner Reise nach Erkenntnis, Vergnügen, Liebe und Macht sich selbst sucht, ist das Land in Aufruhr, als überall Frauen durch den „Schwarzen Mann“ verschwinden.

»Remo« ist die Geschichte eines strebsamen, aber unglücklichen Durchschnittsmenschen als aktives Fähnchen im Wind, über einen Lebensweg, der auf fantastische Weise den grauen Alltag durch Aufstieg, Erkenntnis und Drama pulverisiert und ihn mit romantischen bis hin zu kriminologischen und gesellschaftlichen Facetten für immer verändert. In Anlehnung an Goethes Faust werden die seit Jahrhunderten existierenden Menschheitsgedanken in ein modernes Gewand gesteckt, um sie in den bewegenden gesellschaftlichen Themen unserer Zeit wie Migration, Sicherheit und Innovation zirkulieren zu lassen.

Autor

Im Norden Deutschlands aufgewachsen, studierte und arbeitete der 1997 geborene Marvin Forner mehrere Jahre in einem Großkonzern in Köln, ehe es ihm zwecks Master und Promotion nach Braunschweig zog. Schon immer fasziniert ihn das kreative Schaffen, sei es durch eine eigene Agentur, eine eigene App, einen Onlineshop oder das Schreiben für Blogs. Als junger Mensch in einer digitalisierten Welt voller Möglichkeiten setzte er sich hierzu weitreichend mit Literatur auseinander und begann bereits 2016 mit der Verzahnung seiner Gedanken im Roman »Remo«, der zum Nachdenken über den eigenen Lebensweg und die damit zusammenhängenden Motive Anerkennung, Macht, Liebe oder Vergnügen im heutigen Zeitgeschehen anregen soll.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1: Das Leben

Kapitel 2: Ein Funken

Kapitel 3: Trübe Aussichten

Kapitel 4: Aufbruch

Kapitel 5: Ankunft

Kapitel 6: Die Reise

Kapitel 7: Neustart

Kapitel 8: Rausch

Kapitel 9: Wirrungen

Kapitel 10: Glück

Kapitel 11: Trennung

Kapitel 12: Veränderung

Kapitel 13: Das Monster

Kapitel 14: Retter

Kapitel 15: Die Nacht

Kapitel 16: Das Triumvirat

Kapitel 17: Kerker

Epilog

Prolog

Ein Mann sitzt an seinem Schreibtisch. Vor ihm steht ein Laptop. Stille. Nur der Klang von klackernden Tasten schallt durch den Raum. Während draußen die Sonne am Horizont verschwindet, ist er in Trance. Er zeigt beinahe keine Regung – nur wer genau hinsieht, erkennt den Ausdruck auf seinem Gesicht.

Kapitel 1: Das Leben

Leben wir das Leben, das wir leben, nicht um zu leben? Dieser Gedanke wuchs seit geraumer Zeit in Remo und fuhr ihm jetzt wieder bis in die Glieder. Er grub die Hände durch das zauselige schwarze Haar und atmete tief aus. Dreizehn Akten hatte er nun durchgesehen. Fehlten noch sechs. Das Licht der Schreibtischlampe blendete irgendwie, aber ohne sie könnte er im sonst dunklen Zimmer nichts mehr erkennen. Die Sonne war längst am Horizont verschwunden. Sie verschwand in dieser Jahreszeit sowieso viel zu schnell. Aber selbst, wenn es noch Sommer anstatt Herbst wäre, wäre sie um diese Uhrzeit längst verschwunden gewesen. Remo war müde. Und doch konnte er jetzt nicht schlafen. Sein Boss verlangte, dass die Dokumente morgen unterschrieben werden und die Markteinführung der Artikel starten könnte. Ihn selber interessierte es eigentlich nicht, wenn er ehrlich war. Er musste es einfach tun, das war schließlich sein Job.

Wie war er hier eigentlich hingekommen? Er war jetzt 33. Über zehn Jahre in einer Firma, die so ziemlich mit Allem handelte. Und alles, was er erreicht hatte, war der Job als kleiner Referent. Irgendeine Stelle in irgendeinem Konzern. »Zehn Jahre…«, murmelte er und stieß einen tiefen Seufzer aus. Herzlichen Glückwunsch, Herr Kimander. Gratuliert und beglückwünscht hatten sie ihm zu diesem Jubiläum. Einen Strauß Blumen hatte er bekommen. Das war alles. Es dauerte vielleicht ein paar Minuten, dann ging alles weiter wie bisher.

Er legte die Akten beiseite und stand vom Schreibtisch auf. Genug davon. Es war kalt in seinem Appartement und die Räume wirkten bei dem wenigen Licht noch leerer als sonst. Sein Magen knurrte. Während der ganzen Arbeit hatte er gar vergessen etwas zu essen und nun erinnerte sein Körper seinen Kopf daran, dass es Zeit war. Eigentlich hatte er immer Hunger – sofern er es nicht vergaß – man sah es ihm aber nicht an. Er war von durchschnittlicher Statur, nicht dick, nicht schmächtig, dafür einigermaßen groß gewachsen.

Schnellen Schrittes ging Remo in die Küche. Seit die Beziehung mit Lysann vorbei war, war der Kühlschrank immer leer. Zumindest zu leer für seine abendlichen Hungerattacken. Er schmierte sich eine Scheibe Brot mit Käse und setzte sich auf die Couch. Kurz horchte er der Stille der drei Zimmer, die er nun seit vier Jahren bewohnte, und den gelegentlichen Straßengeräuschen von draußen. Im Fernsehen lief wie immer derselbe Mist, also schaltete er ihn wieder aus. Lysann und er hatten sich vor über einem Jahr getrennt. Es gab Augenblicke, da vermisste er die Zeit mit ihr. Es gab einige schöne Momente, letztendlich hatte es aber einfach keinen Sinn mehr gehabt. Seit er ungefähr zeitgleich mit dem Beginn der Beziehung befördert wurde, hatte er immer weniger Freizeit gehabt. Dies war aber nicht der Grund, warum es nicht funktioniert hatte – das wusste er. Es war seine Schuld. Er war eben nie zufrieden.

Schluss jetzt, dachte Remo sich und nahm den leeren Teller auf. Für einen Augenblick schien die Zeit still zu stehen und er starrte regungslos in den Raum. Er war kein zorniger Mensch, aber plötzlich brodelte es in ihm. Er hatte noch immer den Teller in der Hand, sein Griff hatte sich versteift und die Knöchel seiner Hand traten weißlich hervor. 33 Jahre war er nun schon alt. Er blickte auf den Teller. Wie schön wäre es ihn jetzt einfach zu zertrümmern und zu sehen, wie die Scherben in zig verschiedene Richtungen springen. Warum nicht einfach mal alles rauslassen? Er hielt kurz inne, dann ein leichter Seufzer und er entspannte sich wieder. Bescheuert. Dann hätte er einen kaputten Teller und einen mit Scherben übersäten Boden. Verrückt, was die Zeit mit einem macht. Apropos Zeit – es war spät geworden. Er stellte den Teller in die Spülmaschine, putzte noch schnell die Zähne und ging ins Schlafzimmer. Das Hemd für morgen früh hing schon bereit. Er legte sich ins Bett und schloss die Augen. Tausend Dinge surrten ihm im Kopf herum. Der Tag war anstrengend gewesen. Die Erschöpfung war wohl der einzige Grund, warum er den Schlaf fand – nach einigen Minuten erstickte sie seine Gedankengänge und die Nacht fand Einlass.

Mit dem schrillen Piepen des Weckers wurde Remo wach. 6:10 Uhr. Müden Blickes schleppte er sich ins Bad und stellte die Dusche an. Es dauerte immer ein wenig bis sie warm wurde. In diesem Moment zwischen Aufstehen und dem Warmwerden des Wassers fühlte es sich an, als hätten die Steinwände seines Bads sich über Nacht aufgelöst und die Kälte von draußen nehme ihn ungehindert in ihren eisigen Griff. Endlich. Die warme Dusche tat gut. Während er nahezu regungslos unter dem warmen Wasser stand, schlichen sich die Fetzen des Traumes der letzten Nacht in seinen Kopf ein. Immer wieder spielte sich das Bild ab, wie Porzellan auf den Boden aufprallte und in Zeitlupe zersprang. Dabei waren die Scherben so fein wie Staub und glitzerten wie Schneeflocken. Schnee – auch er kam irgendwie in dem Traum vor, er erinnerte sich an einen wilden Schneesturm, der unmittelbar vor ihm alles wie ein weißer Vorhang verhüllte. Wie sich das Ganze nun wohl in seinem Traum zusammengesetzt haben mag? Er vermochte sich nicht zu erinnern. Schon oft kam ihm in dem Sinn, dass Träume einfach keinen Sinn ergaben. Jedenfalls im Nachhinein. Gerne würde er mal dahinterkommen. Aber wer vermag schon die Logik von Träumen zu verstehen, wenngleich von Träumern?

Jetzt wurde es knapp, er hatte mal wieder viel zu lange geduscht. Die Bahn kam in 10 Minuten. Remo legte schnell die Akten vom Schreibtisch in seine Umhängetasche, schmierte sich ein Brot und verließ hektisch das Appartement. Draußen war es dunkel. Die Schatten der Nacht lagen noch über Köln und die Straßenlaternen spendeten ein dumpf-orangenes Licht. Er lief den nassen Gehweg in Richtung Bahnhaltestelle. Neben der Kälte lag an diesem Morgen auch ein Hauch von Nebel in der Luft. Viele Menschen, die seines Weges kreuzten, hatten die Kapuze über den Kopf gezogen, um sich vor der nassen Kälte zu schützen. Remo versuchte den nasskalten Luftschwall, der seinem Gesicht entgegenwehte, zu ignorieren. Es war schon viele Tage kalt gewesen dieses Jahr. Außerdem missfiel es ihm seinen eigenen Blick durch die Kapuze einzuschränken, genauso wie sein Gesicht nicht richtig zu zeigen. Warum eigentlich? Vielleicht war es ein instinktiver Reflex, sich dabei unwohl zu fühlen. Im Nebel dieses wie auch an vielen anderen Morgen registrierte er andere Menschen auf den Straßen nur als mattschwarze Gestalten.

Die Straßenbahn fuhr ein, als er gerade die Haltestelle erreichte. Die Beleuchtung in den Wagons erlaubte endlich den Blick auf die Gesichter der Menschen, auch wenn es zumeist keine Mimik zu sehen gab. Wirklich schade, dachte Remo, nur leider wusste er allzu gut, dass auch er keineswegs Emotionen zeigte. So war nun mal jeder auf sich selbst fixiert, dachte nach oder wartete einfach nur. Remo dachte viel nach und manchmal träumte er auch einfach nur vor sich hin. Er schaute viel aus dem Fenster und immer mal wieder rief es in ihm ein Gefühl der Traurigkeit hervor. Dabei war er doch bei weitem kein Pessimist und auch kein Melancholiker, vielmehr sah er sich als jenen Realisten an, dem gewisse Dinge einfach auffielen. Diese tagtäglichen Fahrten zur Arbeit waren eines davon. Es war ihm suspekt, jeden Tag den immer gleichen Weg zur immer gleichen Arbeit zu fahren. Immerhin hierbei fühlte er sich nicht allein. Er wusste was gleich kam, wenn er durch die Tür zum Firmengebäude ging. Seine Kollegen würden sich mal wieder über die ganze Arbeit beschweren und ihm erzählen, dass sie heute keine Lust hätten. Heute. Klar. Und er selbst hatte auch keine Lust. Wann hatte er das eigentlich so akzeptiert? Diesen Job. Was waren die Alternativen? Eigentlich hatte er einen sehr guten Job. Sagte doch jeder. Warum also so unzufrieden sein?

Mitunter war er aus der Bahn ausgestiegen und die wenigen hundert Meter bis zur Schmalstrasse 15 gelaufen. »Titex AG – Wir bringen Vielfalt in die Welt« stand auf dem kleinen weißen Plastikschild am Eingang. Einige Fahrradständer und fein geschnittene Hecken markierten den Weg. Dahinter erhob sich ein grauer Betonklotz, der von aneinandergereihten Fensterfronten gezeichnet war. Um die 2000 Menschen arbeiteten in dem Komplex, der sich noch weit die Straße entlangzog. Vom Einkauf und der Logistik über die IT bishin zum Marketing waren diverse Abteilungen hier ansässig, eben alles, was zu einem so riesigen Konzern dazugehörte, der seine Produkte durch ganz Deutschland und in verschiedene Länder Europas verkaufte. Dazu kamen noch zig Standorte und Lager, die in den Regionen verteilt waren. Die Firma war wie ein gigantisches Spinnennetz, ein anonymer Koloss, der ihn so lange schon in seinen Fängen hielt.

Ein peitschender Schwall des zunehmenden Regens signalisierten ihm, nicht länger davor stehen zu bleiben. Auf ein Neues. Er betrat das Gebäude. Mit dem obligatorischen »Morgen« lief er an der Rezeption vorbei zu den Aufzügen und betätigte den Schalter. Als einer der Aufzüge sich öffnete, grinste ihm Luca entgegen.

»Guten Morgen!«

Luca Hammond war sein einziger Freund hier. Nicht, dass er sich schwer tat mit Menschen in Kontakt zu treten. Er tat sich nur schwer in ihnen etwas anderes als Kollegen zu sehen. Als Luca vor fünf Jahren ebenfalls bei Titex angefangen hatte, lernten sie sich bei der Weihnachtsfeier kennen und gingen ab da an ab und zu zusammen zum Mittagessen. Mit der Zeit hat sich dann wirklich eine richtige Freundschaft entwickelt.

»Ich hab‘ ja mal gar kein Bock heute.«

Sein Freund war prädestiniert für diesen Satz, auch wenn er andererseits wieder gar nicht zu ihm passte. Er war ein Mann Ende 20, der an vielem Freude hatte. Die letzten Jahre waren es vor allem Frauen gewesen. Irgendwie lag etwas Durchtriebenes in seinem Blick, dem das andere Geschlecht nicht widerstehen konnten. Nun war das zum Glück vorbei und er hatte andere Dinge im Fokus. Seit einiger Zeit war er mit Mina zusammen und vor wenigen Wochen verkündeten die beiden, dass Mina schwanger sei.

Remo nickte ihm zu und strich die dunklen Haare nach hinten. Die Nässe draußen hatte das Gel ganz glitschig gemacht. Mit ärgerlicher Miene wischte er die Hand an der Hose ab.

»Ja, und was ist das heute für ein Sauwetter!«, entgegnete er.

»Sehen wir uns beim Mittagessen?« Luca sah ihn fragend an.

»Ich weiß es nicht, ich hab’ einen Haufen Arbeit heute. Ich kann dir nicht sagen, ob ich es schaffe.« Die Aufzugstür öffnete sich zur 4. Etage und Remo trat hindurch.

»Du hast immer einen Haufen Arbeit«, hörte er seinen Freund hinter sich sagen, dann schloss sich der Aufzug und fuhr davon.

Remo schritt durch den Flur und schloss die Tür zu seinem Büro auf. 7:30 Uhr zeigte die kleine Uhr in der unteren rechten Ecke des PC-Bildschirms an, als er ihn anschaltete. Wie immer. Er nahm die letzten Dokumente vom gestrigen Abend aus der Tasche und legte sie direkt vor sich auf den Schreibtisch. Inmitten all der anderen Akten, Zettel und Notizblätter beschlich ihn sogleich ein Gefühl der Unordnung, das er hasste. Er machte sich daran, die angefangene Arbeit zu Ende zu bringen bis sein Chef kam. Eine Stunde hatte er noch. Die Zeit verging schnell und so kam es ihm nur ein wenig länger vor als einen Augenblick bis sich die Tür im angegliederten Büro öffnete, sein Chef ihn mit leicht grimmiger Miene ansah und ein gequetschtes »Morgen« hervorbrachte. Thomas Palmer war von sehr stattlicher Statur. In früheren Jahrhunderten hätte man ihn wohl schon rein äußerlich als sehr wohlhabenden Mann identifiziert. Im nächsten Jahr würde er 60 werden und die Jahre waren nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Sein Haar war ergraut und dünn geworden. Das, was übrig war, trug er säuberlich nach hinten gekämmt. Sein Gesicht war rundlich, trug aber mit einigen Falten ebenfalls die Narben der Zeit. Vielleicht gerade, um das zu vertuschen, trug er immer einen äußerst akkuraten Anzug.

»Guten Morgen, Herr Palmer«, antwortete Remo in neutralem Tonfall. Dieser war jedoch, als er seinen Schreibtisch erreichte, nur noch auf die Wassertropfen auf seiner Aktentasche vertieft.

»Sind die Steckbriefe fertig?«, entgegnete er, während er sie mit ärgerlicher Miene abstreifte.

Direkt ging es gleich wieder nur um Arbeit, dachte Remo. Er war kein Typ, der auf Smalltalk stand, aber dieses sterile Klima war nicht gerade das, was er unter einer wohltuenden Arbeitsatmosphäre verstehen würde. Zu Anfang hatte er es versucht auf Palmer zuzugehen und eine Art Beziehung aufzubauen. Schließlich arbeitete man täglich zusammen – die Mühe war jedoch vergeblich. Was diesen Menschen wohl antrieb? Vermutlich in diesen letzten Jahren nur noch die Pension.

»Ja, liegen bereits auf ihrem Schreibtisch zur Unterschrift. Außerdem sind die Lieferantenverträge verschickt und die Unterlagen für das Meeting mit Herrn Robertson morgen Nachmittag vorbereitet.«

Martin Robertson war der CEO von Titex, die wichtigste Person im Unternehmen und der Chef seines Chefs. Irgendwie ein Mysterium in diesem Unternehmen. Freundlich und sehr eloquent, wenn man ihn auf der Jahreshauptversammlung oder Weihnachtsfeiersprechen hörte, aber keiner wusste wirklich was über ihn. Die meisten seiner Kollegen sagten, er wäre nett, zugleich merkte man aber unterschwellig den Respekt, den sie vor ihm hatten. Robertson und Palmer waren auf jeden Fall alles andere als Freunde. Das hatte Remo schon einige Male bemerkt. Die Blicke, die sie sich zuwarfen und die eisige Kälte, sobald beide im selben Raum waren, sprachen eine eindeutige Sprache.

»Gut… und Herr Kimander…«, brummte Palmer, »ich habe soeben einen Termin für einen Vortrag zum Thema Mitarbeiterführung bekommen. Ich bin leider verhindert, dafür können Sie ja hingehen und mir dann berichten.«

»Wann ist dieser Termin denn?«

»Übermorgen. Ich leite Ihnen die Mail weiter. Sicherlich interessant.«

Palmer grinste und Remo erwiderte es. Er hatte Recht. Immerhin mal etwas Abwechslung. Für einen kurzen Augenblick fühlte er Dankbarkeit. Dann wurde ihm aber wieder bewusst, dass Palmer einfach keine Lust hatte. Mit Wohlwollen hatte das nichts zu tun. Das hatte er schon einige Male erlebt und da musste man sich eben anpassen. Die letzten Jahre war er so aufgestiegen im Unternehmen und man sagte ihm, dass er Palmer eines Tages ablösen könnte. Klang doch gut. Das Problem letztlich war ein anderes – richtig motivieren tat es ihn nicht. Alles war immer mehr eine Art Gefühl der Pflicht, diesen Weg zu gehen. Aus Pflichtgefühl hatte er damals BWL studiert, aus Pflichtgefühl hatte er sich stets um gute Noten bemüht, aus Pflichtgefühl hatte er sich bei verschiedenen Unternehmen beworben und aus Pflichtgefühl hatte er damals bei Titex angefangen und sich mit Zeit immer weiter hochgearbeitet. Ob er das wirklich wollte? Er tat es einfach.

»Klar, Palmer.«

So läuft das Leben, oder?

Der Vormittag verging schnell. Es lagen Berge an Dokumente auf seinem Schreibtisch. Zur Mittagszeit rief Luca an und fragte, ob er denn nun mitkäme zum Essen. Er hatte schon so oft abgesagt. Zähneknirschend sagte Remo zu und sie trafen sich in einem kleinen italienischen Restaurant, das an einer einmündenden Straße, nur 5 Minuten vom Titex-Gebäude entfernt, lag.

»Schön, dass es endlich mal wieder geklappt hat«, sprach Luca, während er die Karte studierte.

»Ja... die letzten Wochen waren nur einfach sehr stressig.«

Remo wusste, dass er sich eigentlich nicht zu rechtfertigen hatte. Wenn einer ihm so etwas nicht übelnahm, dann Luca.

»Dein Boss ist ein Arsch, das sieht doch jeder.« Der blonde Mann lachte und auch Remo musste schmunzeln.

Eine junge Kellnerin kam zu ihrem Tisch. Er bestellte Nudeln, sein Begleiter Putenfilet.

»Hübsch, oder?« Luca sah ihn grinsend an, während die Kellnerin zurück zur Theke lief.

»Du bist vergeben – und außerdem erwartet Mina ein Kind,« entgegnete Remo trocken. Er wusste worauf sein Freund hinaus wollte, aber er war nicht in der Stimmung sich bezüglich Frauen wieder bequatschen zu lassen.

»Ich mein‘ doch, ob du sie hübsch findest.« Luca blickte ihn strammen Blickes an.

»Ja, ist ganz süß.«

Hoffentlich ließ er es damit gut sein. Seit der Trennung von Lysann war ihm nicht mehr zumute, sich Frauen anzunähern. Dieser Abstand war nötig gewesen, um seinem Job gerecht zu werden. Eigentlich war es aber schon lange Zeit, wieder aus seinem Schneckenhaus hervor zu kommen.

»Wenn ich sie so ansehe, muss ich irgendwie auch an Mina denken.«

»Wie meinst du das?«, fragte Remo erstaunt.

»Ich mein‘, es ist ganz schön gefährlich geworden für so ein zartes Ding. Hast du nichts von den ganzen Frauen gehört, die entführt wurden?«

»Nein.«

Die letzten Wochen kam er nicht mehr zum Zeitung oder News auf dem Smartphone lesen. Sein Verstand war für diese ganzen Informationen meistens nicht mehr aufnahmefähig.

»Nun, in den letzten Wochen sind immer wieder Frauen verschwunden. Junge wie Ältere. Ich meine es sind zwei oder drei alleine in Köln. Ich mag gar nicht daran denken, was Mina passieren kann, wenn sie alleine ist. Zum Glück ist sie demnächst wegen der Schwangerschaft vor allem Zuhause.« Luca sprach sehr gedämpft, als dürfte sie niemand hören.

»Was ist denn mit der Polizei – hat die keine Spur?«

»Bis jetzt nicht, wie es scheint.«

Sein Gegenüber drehte sich um. Die junge Kellnerin kam mit dem Essen und wünschte einen Guten Appetit.

Wirklich süß, dachte Remo.

»Ich habe das Gefühl, die Welt wird immer gefährlicher«, murmelte Luca, während er entschlossen sein Putenfilet zerteilte.

Remo nickte. Es umfing ihn ein gewisses Unbehagen, während sie aßen, und als sie fertig waren, gab er ein großzügiges Trinkgeld. Schnellen Schrittes gingen sie dann wieder den grauen Fassaden des Titex-Gebäudes entgegen.

Den Rest des Tages arbeitete Remo am PC für seinen Chef Artikellisten durch. Gegen halb Sechs machte er sich auf den Heimweg. Die Bahnfahrt war wie immer.

»Nächster Halt: Dinkelstraße«, ertönte die automatisierte Stimme durch die Lautsprecher im Wagon. Er stieg aus. Die Haltestelle wirkte schäbig, alt und in der aufgekommenen Dämmerung leicht befremdlich. Remo sah sich um. Vor ihm lag die Habenbacher Straße, die nach 300 Metern einen leichten Knick machte, an dem sein Appartement lag. Sie war von beiden Seiten von Häusern umzingelt, die alle mehr oder weniger dieselbe standardisierte Form hatten. Aus den schmalen Vorgärten gesellten sich immerhin einige kleinere Bäume, jedoch waren sie momentan kahl und ohne Glanz. Gekreuzt wurde die Habenbacher Straße vom Senrotgürtel, den er jeden Tag mit der Bahn abfuhr. Er war mehrspurig und verströmte durch und durch das Flair der Großstadt. Das Verkehrsaufkommen war stets groß, weshalb Remo sein Auto nur sehr selten nutzte. Die Bahn war zur Arbeit praktischer und schneller. Flankiert wurde die Straße von stämmigen Hausreihen, die nun schon im Licht der Straßenlaternen standen. Die Menschen, die er hier tagtäglich sah, waren für ihn fremd. Niemand grüßte sich. Das war einer der Umstände, die Remo am schnellsten klar wurde, als er vor über 14 Jahren aus einem kleinen Dorf hierhergezogen war. Andererseits, die Großstadt hatte ihn zum Mann gemacht.

Er ging die wenigen hundert Meter zu seinem Appartement, schloss die Tür auf, legte die Lackschuhe in den Schrank und das Jackett über den Stuhl des Esstisches. Sein Appartement hatte einen kleinen Flur, der direkt ins Wohnzimmer führte, an das auch die Küche angegliedert war. Das Wohnzimmer wurde zu großem Teil von einer Sitzecke ausgefüllt, am Fenster stand sein Schreibtisch. Mit der Zeit war dies sein Hass- und Lieblingsplatz geworden. Hier hatte er häufig noch für den Job Arbeit zu erledigen, gleichwohl konnte er hier am besten nachdenken. Da sein Kopf schon wieder summte, setzte er sich dort hin. Soeben hatte es angefangen zu regnen. Das leichte Klopfen der Regentropfen an seinem Fenster war beruhigend und er sah den Tropfen hinterher, die mal langsam und mal schnell die Scheibe hinunterglitten.

Wann war alles so schnelllebig und gleichzeitig so eintönig geworden? Hinter den Regentropfen sah er auf graue Fassaden. Seine Gedanken jedoch kreisten um seine Träume. Ein eigenes Haus wäre schön. Mit einem großen, grünen Rasen und bunten Blumen in den Beeten. Er konnte die grüne Note förmlich riechen. Freiheit, fernab vom Rummel der Stadt, dazu die Schönheit der Natur in allen ihren Farben und Formen. Oder vielleicht ein Haus am Meer mit einem kleinen Schiff, dass am Steg in den Wellen schaukelt. Dort, wo die Sonne immer scheint. Dort, wo man ein entspanntes, erfülltes Leben hat und von der Brise des Meeres und der Möglichkeiten begrüßt wird. Vielleicht umwoben von wohltuender Ruhe oder – ja im Gegenteil – mit dem Gefühl von feurigem Adrenalin, das energievoll durch die Blutbahnen schießt. Das wäre ein Leben… Aber vielleicht braucht man auch eine eigene Idee, eine eigene Leidenschaft. Ein Hobby, das zum Beruf wird. Vielleicht ein eigenes Unternehmen. Dort, wo man sich selbst erfinden kann. Wo, man selber etwas schaffen kann. Wo man sich an seinem eigenen Sein erfreut.

Remo atmete tief aus. Er schaute immer noch auf die grauen Fassaden. Zähneknirschend stand er auf. Für einen Moment fühlte er sich vollkommene orientierungslos und ließ den Blick durch den Raum schweifen bis er den Fernseher fixierte. Müde ließ er sich auf sein Sofa fallen und schaltete ihn ein. Schnell hatte er über die Privatsender hinweggeschaltet. Auf einem der Nachrichtensender lief soeben eine Dokumentation über Köln. Sie betraf die Silvesternächte von 2015 und 2016. Eine männliche, tief-akustische Stimme sprach.

»Auf dem Bahnhofsvorplatz des Kölner Hauptbahnhofs sowie auf der angrenzenden Treppe zur Domplatte vor der Nordseite des Doms hatten sich laut Polizeiangaben in den letzten Stunden des 31. Dezember 2015 zeitweise mehr als 1000 überwiegend männliche Personen im Alter zwischen 15 und 35 Jahren versammelt, die dem äußeren Eindruck nach aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum stammten.« Untermalt wurden das Gesagte durch hektische Bilder einer Menschenmenge.

»Im Jargon der zuständigen Polizei wurden sie Nafris genannt. Die Einsatzkräfte, die vor Ort waren, beschrieben die Personen als teilweise alkoholisiert, völlig enthemmt und aggressiv.« Die Stimme pausierte.

Remo hatte bis jetzt reglos zugehört, teilweise waren seine Gedanken aber noch woanders.

»In der Folge kam es auf dem Vorplatz sowie im Innenbereich des Hauptbahnhofs und rund um den südlich an den Bahnhofsvorplatz angrenzenden Kölner Dom dazu, dass überwiegend Frauen von unterschiedlich großen Gruppen von Männern umringt und dabei massiv sexuell belästigt, beleidigt oder sexuell genötigt und ausgeraubt wurden.«

Er erinnerte sich an diesen Vorfall. Nachdem es dazu gekommen war, war es das Thema in der Presse. Vor allem der Polizei wurde Versagen vorgeworfen.

»Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Köln gab es in der Silvesternacht insgesamt 1.276 mutmaßliche Opfer. Von den 183 Beschuldigten galten 55 als Marokkaner, 53 als Algerier, 22 als Iraker, 14 als Syrer und 14 als Deutsche. 73 Beschuldigte waren Asylsuchende, 36 zur Tatzeit illegal in Deutschland, 11 hatten eine Aufenthaltserlaubnis. Bei den Übrigen war der Status ungeklärt. Acht Beschuldigte befanden sich zu diesem Zeitpunkt in Untersuchungshaft.«

Remo dachte an das, was Luca beim Mittagessen gesagt hatte. Er hatte Angst um Mina. Stell sich einer mal die Lage dieser Frauen vor.

»Was sind die Folgen aus den Geschehnissen? In den sozialen Medien tobte laut Aussagen einiger Reporter eine Art rassistischer Mob. Am 9. Januar versammelten sich rund 1000 Frauen als Flashmob am Hauptbahnhof als Protest gegen gewaltsame Übergriffe. Ebenfalls am 9. Januar fand in Köln eine Demonstration der Organisation Pegida gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung statt.«

Die Flüchtlingspolitik – sie war seit geraumer Zeit der Streitpunkt schlechthin. Letztlich war die Frage, ob man nun immer weiter Flüchtlinge aus Krisenregionen aufnehmen sollte oder nicht. Remo war da unentschlossen. Einerseits sollte man helfen, andererseits war die Frage, ob man kann. Er erlaubte sich kein Urteil. Zum Glück war er kein Politiker, der diese Entscheidung treffen musste. Die Reportage fuhr fort.

»Der Politikwissenschaftler Bassam Tibi zog Parallelen zwischen den Ereignissen in Köln und dem Bürgerkrieg in Syrien, in dem die Vergewaltigung von Frauen feindlicher Kriegsparteien regelmäßiges Mittel der Kriegsführung sei. Unter den Kriegsflüchtlingen befänden sich nicht nur Opfer der Gewalt, sondern auch viele Täter, darunter zahlreiche Islamisten. Den Vergewaltigern gehe es nicht nur um die ‚sexuelle Attraktion‘ der europäischen Frauen, sondern auch um die europäischen Männer, deren Ehre sie beschmutzen wollten. Sie glaubten aus der Werbung zu wissen, dass jeder Europäer Luxuswohnung, Auto und eine ‚hübsche Blondine‘ habe und dass auch sie dies bekämen und am Wohlstand beteiligt würden. In den Notunterkünften fühlten sie sich betrogen und rächten sich schließlich stellvertretend an europäischen Frauen.«

Weitere Stellungnahmen wurden vorgetragen, aber die erste war die, die Remo am meisten beeindruckte. Er dachte an Luca, der beim Gedanken an Mina und dem hier Erzähltem wohl komplett ausrasten würde.

»Im darauffolgenden Jahr kam es zur Silvesternacht zu einer deutlich erhöhten Polizeipräsenz. Dennoch trafen zwischen 21 und 22 Uhr etwa 1000 Personen am Kölner Hauptbahnhof ein, die ähnlich wie im Vorjahr männlich und nordafrikanischer Herkunft gewesen sind. Dieses Mal blieb jedoch alles unter Kontrolle.«

Die Welt verändert sich. Remo hatte genug gesehen. Er dachte an all die Menschen, die er kannte, und eine dezente Wut stieg ihm empor. Auch dachte er an die hübsche Kellnerin, die sie heute Mittag bedient hatte. Stell sich einer nur vor, wie Menschen so etwas tun können und sich an wehrlosen Frauen vergreifen. Er schaltete den Fernseher ab. Besser nicht mehr darüber nachdenken. Heute hatte er eh schon genug nachgedacht. Er erledigte noch einige Dinge im Haushalt, dann ging er schlafen.

Der Morgen war wie jeder Morgen. Remo machte sich schnell fertig und nahm die Bahn zur Arbeit. Im Büro saß Palmer ungewöhnlicher Weise schon an seinem Schreibtisch, als er kam.

»Guten Morgen, sie sind ja heute früh hier«.

Palmer zog die Augenbrauen hoch. »Na, wundert sie das? Die Arbeit macht sie nun mal nicht von allein.«

Warum hatte dieser Mann nur immer so etwas Großkotziges an sich.

»Im Übrigen ist heute das große Quartalsmeeting mit Herrn Robertson.« Palmer hielt inne, als erwartete er in irgendeiner Weise Begeisterung.

»Verstehe«, entgegnete Remo mit etwas Verzögerung. »Die Absatzstatistik für das letzte Geschäftsquartal liegt auf ihrem Platz.«

»Gut«.

Als würde Palmer ihn einmal zu dem Meeting mitnehmen. Kollegen hatten berichtet, dass die Termine der beiden stets ein Machtkampf wären, den Palmer in aller Regelmäßigkeit verlor. Vielleicht war das der Grund, vielleicht auch einfach pures Desinteresse.

Bis 9 Uhr arbeitete er seine E-Mails ab, dann verabschiedete sich Palmer. Er ginge jetzt zum Meeting mit Herrn Robertson. Als er weg war, verdrehte Remo nur die Augen. Natürlich hatte sein Boss die Statistik auf seinem Platz liegen gelassen. Es würde nicht lange dauern, da käme der Anruf, er solle sie bringen. Vorsorglich nahm er das Blatt Papier und ging los zum Raum, der im Kalender vermerkt war. Vorsichtig klopfte er an der Tür und öffnete sie langsam ein Stück.

»Entschuldigung, ich wollte Ihnen die Statistik noch bringen, sie lag noch auf ihrem Platz.« Palmer schaute ihn grimmig an. Er und Robertson saßen sich an einem kleinen Tisch gegenüber. »Geben Sie sie mir«. Remo trat herein und übergab ihm leicht unsicher das Blatt. Robertsons prüfender Blick lag auf ihm.

»Sie sind also der neue Assistent von Herrn Palmer«, sprach er mit fester Stimme.

»Ja, richtig. Remo Kimander.« Er war unsicher, ob er nun hingehen und die Hand geben sollte, also blieb er vorerst stehen.

»Es freut mich, Sie kennenzulernen!« Der CEO erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen. Remo griff zu und schüttelte sie.

Das war also sein oberster Boss. Bisher hatte er ihn nur mal flüchtig gesehen. Herr Robertson war recht groß und trug anders als sein Gegenüber eine Strickjacke über dem Hemd. Auf seiner Nase befand sich eine kleine Lesebrille und gab ihm den Look eines Professors. Sein Gesicht wirkte freundlich, spiegelte aber auch Autorität wider. Allgemein hatte er eine gewisse Aura der Macht.

»Ich frage mich, warum sie uns noch nie vorgestellt haben, Palmer. Schließlich ist das doch unsere Zukunft«.

Robertson ließ den Blick von Palmer zu Remo streifen. Wie nüchtern diese Aussage auch war, es lag eine gewisse Provokation in ihr. Palmer erwiderte nur einen düsteren Blick und Robertson wandte sich komplett von ihm ab und sah Remo an.

»Erzählen Sie mal – wer sind sie, Herr Kimander?« Das war eine äußerst direkte Frage. Remo überlegte kurz, während sein Gegenüber ihn kühl musterte.

»Naja, nach meinem Studium an der Uni hier in Köln, habe ich mich hier beworben und im Qualitätsmanagement angefangen. Danach war ich einige Zeit im Einkauf und Produktmanagement. Nun bin ich seit 10 Jahren hier und seit kurzem Assistent von Herrn...«

»Oh, schon zehnjähriges Jubiläum«, unterbrach ihn Robertson und lächelte.

»Ja, ganz richtig.«

»Interessant, dann wächst ja hier eine neue Führungspersönlichkeit in unserem Unternehmen heran, hoffe ich. Ich werde ihren Weg verfolgen, Herr Kimander.« Er rückte die Brille zurecht. Es lag ein dezent herausfordernder Tonfall in diesem Satz. Dann wandte er sich wieder Palmer zu.

Remo verabschiedete sich leise und schloss die Tür. Sein Herz pochte etwas. Langsam lief er ins Büro zurück und ließ sich auf den Stuhl fallen. Dieser Mann hatte alles erreicht. Ein eigenes Imperium geschaffen und der Welt damit seinen Stempel aufgedrückt. Einmal tief durchgeatmet, dann arbeitete er weiter am PC und der Tag nahm seinen gewohnten Lauf.

Als Palmer wiederkam, verlor er kein Wort über das Meeting und auch Remo hatte kein Interesse an einem Gespräch. Falls es Themen gab, die für ihn wichtig waren, würde Palmer bei gegebener Zeit auf ihn zukommen. Zu Mittag holte er sich schnell eine Kleinigkeit beim Bäcker. Für mehr war heute keine Zeit. Um kurz vor 6 verließ er die Firma und nahm die Bahn nachhause. Die Rückfahrt war wie jede Rückfahrt. Als er Zuhause war, fühlte er sich einfach nur noch müde und nach der abendlichen Routine ging er zu Bett.

Der nächste Morgen war wie jeder Morgen. Und der nächste Tag war wie jeder Tag. Er nahm die Bahn zur Arbeit, ging ins Büro, erledigte seine Arbeit und nahm die Bahn zurück. Welch Verschwendung von Lebenszeit. Nichts auch nur annähernd Interessantes passierte. Zumindest war morgen Freitag. Wie für wohl jeden anderen, der nur in der Woche arbeitete, hatte das Wochenende zumindest regelmäßig etwas Anziehendes. Nur um dann wieder an die nächste Arbeitswoche zu erinnern. Wäre er doch nur wie Herr Robertson und hätte etwas, wofür sich die Energie lohnt. Eine Vision. Aber so leicht ist es nicht. Er legte den Anzug für morgen zurecht, dann ging er schlafen. Sein Wecker läutete den Freitag ein.

Im Büro angelangt, erinnerte ihn sein Kalender an den Vortrag, den Palmer vor zwei Tagen erwähnt hatte und bei dem Remo ihn vertreten sollte. Um 10 Uhr machte er sich auf den Weg zum angegebenen Raum.

Es war kein besonders großer Raum, vielleicht 20 Leute saßen ringsherum einer U-förmigen Tischreihe. Sie waren gemischten Alters und wohl auch aus verschiedenen Bereichen von Titex. Einige wenige von ihnen kamen Remo bekannt vor, mehr aber auch nicht. Er ging zu einem der noch drei freien Plätze im hinteren Teil der Tischreihe und setzte sich wortlos. Von der Decke warf bereits ein Beamer Licht auf die Präsentationstafel. Davor saß ein Mann an einem kleinen Tisch und schien die letzten Vorbereitungen an seinem Laptop zu tätigen. Mit dem Verbinden eines Steckers erschien eine PowerPoint-Präsentation. »Mitarbeiterführung mit Motivationstechniken«.

Mal sehen, was da auf mich zukommt, dachte Remo.

Der Mann erhob sich nun – er wirkte groß und athletisch. Die schwarzen Haare trug er recht kurz, aber stilvoll und somit passend zu einem teuren bläulichen Anzug. Seine Gesichtszüge wirkten hart, seine Mimik fokussiert. Er trug einen Hauch von Erfolg in den Raum und jeder der Teilnehmer wurde auf einmal still und sah ihn an.

»Mein Name ist Kyle Iven, ich komme von der Beratungsgesellschaft Clelland. In den letzten 20 Jahren habe ich diverse Prozesse in Unternehmen begleitet. Seit 2 Jahren habe ich mich konkret auf Psychologie im Wirtschaftsalltag spezialisiert«, sprach er mit lauter Stimme. Die Erfahrung bei Vorträgen war ihm anzumerken, allerdings bei dieser großspurigen Vorstellung auch keine Überraschung.

»Das Thema, das ich Ihnen heute vermitteln will, kennen Sie ja schon und ich möchte nicht lange drumherum reden, sondern gleich zur Sache kommen – wie führe ich einen Mitarbeiter?« Er sah fordernd in sein durchaus überschaubares Publikum. »Na, los. Heute soll jeder aktiv mitmachen.«

Ein älterer Herr, der ganz vorne saß, ergriff das Wort.

»Indem ich ihm klare Aufgaben gebe, die seinen Stärken entsprechen.«

Herr Iven nickte, dann sah er sich weiter um.

Eine Frau bemerkte: »Vor allem indem ich ihm ein Gefühl von Würdigung entgegenbringe.«

Wieder ein anderer junger Mann sprach von Herausforderungen für Mitarbeiter, eine Frau mittleren Alters von Motivation durch Übertragen von Verantwortung. Herr Iven sammelte noch weitere solcher Beiträge.

»Alles sehr richtig«, sagte er. »Ich möchte Ihnen aber heute einen weiteren wichtigen Aspekt mit auf den Weg geben, der über das bisher Genannte hinaus geht.«

Remo war skeptisch. Herr Iven wechselte mit einem Klicken die Folie der Präsentation. Es erschien ein kleines schwarzes Strichmännchen auf weißem Hintergrund. Mit einem weiteren Klicken erschienen über ihm eine Wolke aus lauter Substantiven, die die eben gesammelten Beiträge wiedergaben. »Das, meine Damen und Herren, ist die »Basis für Zufriedenheit«. Sie bindet einen Mitarbeiter womöglich – treibt ihn aber nicht an. Ich möchte hierzu eine kleine Geschichte erzählen.«

Herr Iven setzte sich leicht schräg auf einen der vorderen Tische. Dann sprach er mit tief durchdringender Stimme.

»Ein Mann war einige Wochen weg und kommt in seine Stadt zurück, da fällt ihm ein hallender Lärm auf. Er folgt diesem Lärm und erreicht eine große Baustelle. Dort angelangt fragt er den ersten Arbeiter, den er trifft: Warum arbeitest du hier?«

Remo zog skeptisch die Augenbrauen hoch und rückte auf seinem Stuhl leicht nach vorne.

»Der Arbeiter antwortet: Ach, ich bin hier, um Geld zu verdienen, damit ich meine Familie versorgen kann. Daraufhin geht der Mann zu einem zweiten Arbeiter und fragt wieder: Warum arbeitest du hier?«

Hah! Ja, warum arbeite ich hier? Spöttisch lachte Remo in sich hinein. Herr Iven fuhr unterdessen fort mit seiner Geschichte.

»Der Arbeiter entgegnet: Für die Konstruktion werden spezielle Spitzbögen benötigt und dafür bin ich der Experte. Die kann ich am besten.«

Wieder machte er eine Pause und sah seinen Zuschauern in die Augen. Auch Remo.

»Der Mann sieht einen dritten Arbeiter und geht sich zu diesem mit derselben Frage: Warum arbeitest du hier? Der Arbeiter sagt: Hier entsteht ein neues Gotteshaus und ich habe hiermit die Möglichkeit im Sinne meines Glaubens daran mitzuwirken.«

Unmittelbar stand er auf. »Wer ist wohl der motivierteste Mitarbeiter?« Die Frage war rhetorisch. »Um das folgende zu erklären, will ich an dieser Stelle philosophisch werden: Alles was ein Mensch tut, tut er, weil er nach etwas strebt und das, was er erreicht, dient wiederum einem höher angesehenen Zweck.« Er zwinkerte schelmisch ins Publikum. »Ja, das ist Philosophie-Grundwissen nach Aristoteles.«

In der PowerPoint-Präsentation erschien das Bild einer Büste, mit dem Geburtsjahr 385 vor Christus.

»Diese Erkenntnis ist über 2400 Jahre alt und heute noch von hoher Bedeutung. Ich sage euch, um einen Mitarbeiter erfolgreich zu führen, muss man dieses Streben nach einem Zweck, wie eine zarte Flamme behandeln, die nicht erlöschen darf.«

Remo versuchte etwas die Skepsis abzulegen. Er verstand. Ohja, er verstand es zu gut. Eine Flamme, die nicht erlöschen darf – so eine blöde Metapher konnte sich auch nur ein Berater ausdenken und doch war es ja nicht ganz falsch. Mal angenommen, er würde zustimmen… Wie sah es mit seiner Flamme aus? Wenn er ehrlich war, war sie doch längst erloschen! Eigentlich sollte Palmer hier sitzen und sich das anhören. Nur lag es an ihm? Nein. Er hatte sich diesen Weg doch selber ausgesucht. Es lag an ihm selbst. Diesen Zweck, der die Flamme brennen lassen soll, diesen Sinn - würde er ihn hier finden? Bisher schien es nicht so, trotz all der Jahre, die er nun hier war. Wo würde er ihn finden? In einem Konzern? Vielleicht sollte er seinen eigenen Laden aufmachen. Wieder lachte er innerlich spöttisch. Vielleicht würde es hier aber auch noch alles werden. Ja, ja… Nein! Das hatte er schon vor Jahren gesagt.

Jetzt überschlugen sich seine Gedanken. Er war in einer völlig eigenen Welt – voller Zorn und Verbitterung. Wie er sich selber für diese Momente hasste. Herr Iven erklärte inzwischen, wie man als Führungsperson durch Variation der Aufgaben und immer neuen Herausforderungen die »Flamme« im Mitarbeiter pflegte. Er nannte Beispiele aus dem Alltag. Es klang ja alles so anschaulich, jedenfalls machten die anderen Zuhörer den Eindruck, als verstanden sie.

Scheinheilige! Remo hörte nicht mehr hin. Jeder derer, die hier immer wieder so zustimmend nickten, log doch. Und vor allem belogen sie sich alle selber. An ihrem oder seinem Joballtag würde sich sowieso nichts ändern. Er musste hier raus. Und so verließ er so wortlos, wie er gekommen war, den Raum.

Auf dem Flur hielt Remo, mit der Türklinke noch in der Hand, kurz inne. Mit einer schnellen Drehung versuchte er seinen Gedanken zu entfliehen und Kurs auf sein Büro zu setzten. Unglücklicherweise drehte er sich so direkt in eine vorbeilaufende Person hinein, sodass beide sich voneinander abstießen. Es war Martin Robertson.

»Oh, entschuldigen Sie«, stammelte Remo noch etwas benommen. Erst jetzt bemerkte er, wen er da angerempelt hatte.

»Halb so wild, Herr Kimander«. Er wusste wirklich noch, wie er hieß. »Aber was versetzt Sie denn so in Hektik?«

»Ach, gar nichts. Ich komme grade aus einem Vortrag zur Mitarbeiterführung und…«

»Ah, Sie waren bei Herrn Iven«, unterbrach ihn der CEO. »Was erzählt er denn so?«

Was sollte Remo nun sagen? Er hatte ja nur die Hälfte gehört und die hatte ihn regelrecht in Rage versetzt. Das konnte er natürlich nicht sagen. Nicht zum obersten Boss. Und so wiederholte er das Letzte, was ihm im Gedächtnis geblieben war.

»Er erzählte von einem entsprechenden Zweck, den ein Mitarbeiter spüren muss, ganz nach Aristoteles. Auch hatte er eine Geschichte von drei Arbeitern erzählt, die alle unterschiedliche Auffassungen ihres Jobs haben«.

Robertson schmunzelte. »Die Geschichte hat mein alter Freund mir wohl geklaut. Wissen Sie, Herr Iven war einige Jahre mein Referent, bevor er andere Wege gehen wollte. Hat sie der Vortrag etwas mitgenommen?«

Remo fing an zu schwitzen. War seine Aufregung ihm doch so leicht anzusehen?

»Nein, nein, er war nur sehr interessant«. Er hoffte, dass Herr Robertson damit lockerließe. Diese Fragerei wurde ihm unangenehm.

»Interessieren Sie sich für Philosophie, Herr Kimander?«

»Ja, ich denke sie kann für jeden ein Wegweiser sein.«

Remo schluckte. Was redete er da? Er hatte sich noch nie mit Philosophie beschäftigt, geschweige denn überhaupt die Absicht gehabt. Aber der musternde Blick des CEOs lag schwer auf ihm.

»Ich muss zurück in mein Büro, ich habe gleich ein Meeting. Begleiten Sie mich doch ein Stück.«

Gemeinsam gingen sie den Flur entlang in Richtung der Aufzüge.

»Es freut mich, dass mal jemand die Kunst der Gedanken wertschätzt. Wissen Sie, Herr Kimander, Aristoteles, zum Beispiel, war ein Universal-Gelehrter. Er befasste sich mit dem Leben. Vieles, was Menschen sich in der Historie überlegten, trifft heute noch zu und kann uns etwas lehren. Das begeistert mich so an ihr.«

Die Aufzugtür öffnete sich und sie beide gingen hinein. In der Enge der vier Metallwände war Robertsons Präsenz noch stärker. Nervös versuchte Remo die richtigen Worte zu finden.

»Man sagt ja auch nicht umsonst Wissen ist Macht.«

»Ganz genau! Sie bringen es auf den Punkt. Folgen Sie mir, ich möchte Ihnen etwas zeigen.«

Sie erreichten die oberste Etage des Gebäudes. Nach dem Hinaustreten aus dem Aufzug fand Remo sich in einer Art Empfangszimmer wieder, doch sein edler Stil überraschte ihn. Die weißen Wände waren durch silberne Balken ergänzt. Zur Rechten konnte Remo eine kleine Küchenzeile erkennen, an der eine große, silberne Kaffeemaschine angegliedert war. Zur Linken stand ein stattlicher Schreibtisch. Eine Frau saß an ihm und sah auf, als er und Robertson hereinkamen. Ihre Haare waren kurz und silbergrau und passten exakt ins sonstige Ambiente. In ihrem Blick lag eine gewisse Strenge.

»Das ist meine Sekretärin, Frau Mandri.« Robertson drehte den Kopf. »Frau Mandri, das ist Herr Kimander. Er arbeitet bei Palmer.«

Frau Mandri sah ihn an, blieb jedoch am Tisch sitzen.

»Oh, freut mich Sie kennenzulernen. Herr Robertson, Sie haben ihren Kalender im Blick, oder? Wir erwarten gleich hohen Besuch.«

»Natürlich. Kommen Sie, wir gehen in mein Büro.«

Er ging voran und öffnete eine hölzerne Tür. Dahinter lag ein großer, länglicher Raum. Sein Ende war durch eine Fensterwand gekennzeichnet, von der man über weit über den Horizont blickte. Die Inneneinrichtung unterschied sich vom Design des Vorzimmers. Zwar waren die Möbel im ähnlichen Silbergrau gehalten, allerdings hatten sonst alle Gegenstände ein gewisses rustikales Flair. Da war auf dem Schreibtisch eine Pendelskulptur und in der Ecke ein hölzener Hutständer. Auch die Uhren an der Wand und auf dem Schreibtisch grenzten sich durch ihren Holz-Look ab. Das Highlight am Büro war aber etwas anderes – und obwohl der Ausblick auch echt beeindruckend war, so war er es nicht, sondern die kleine Bibliothek, die das Büro beherbergte. Die Wände rechts und links waren Regale, gefüllt mit den verschiedensten Büchern. Manche wirkten sehr alt, ihr Einband war zum Teil blass geworden. Andere Bücher hingehen sahen aus wie gerade gekauft. Alles in allem wirkte die Sammlung äußerst gepflegt, hier stand bestimmt jedes Buch genau an seinem Platz.

»Überrascht?« Herr Robertson lächelte. »Tja, so wie Sie guckt jeder, der das erste Mal hier ist. Ich lese einfach furchtbar gerne.«

Remo konnte seinen Blick tatsächlich nicht neutral halten wie sonst immer. Eine gewisse Neugier ergriff ihn. Er hätte nicht gedacht, dass ihn in diesem Unternehmen nochmal etwas begeistern könnte. Aber dieser Mann hatte etwas Faszinierendes an sich.

»Wow, und das haben Sie alles gelesen?«

Wieder lächelte sein nicht alltäglicher Gesprächspartner.

»Vieles, nicht alles. Ich lese und lerne. Und das kann ich jedem anderen auch nur ans Herz legen.« Er sah ihn mit erwartungsvoller Miene an. Was hatte Remo nur getan, dass dieser Mann ihm das alles zeigte und so offen mit ihm sprach.

»Das ist wirklich eine beeindruckende Sammlung.« Noch immer war er überrascht hier zu sein und ihm lag die Frage auf der Zunge, warum.

»Ich habe das Gefühl, dass wir ähnlich denken. Glauben Sie Werke wie die Aristoteles‘ könnten Sie interessieren?« Herr Robertson lehnte mit einem Arm an seinem Schreibtisch und kniff die Augen zusammen.

»Oh…« So richtig wusste er nicht, was er sagen sollte. Noch nie hatte er sich damit befasst. »Ja, schätze schon.«

»Dann möchte ich Ihnen dieses Buch hier mal mitgeben. Es ist nicht Aristoteles, sondern von Goethe. Lesen Sie es.«

Herr Robertson lächelte und übergab Remo das Buch. Es war nicht allzu groß und die Seitenzahl wirkte überschaubar. Auf dem Cover stand »Faust, der Tragödie erster Teil«.

Remo öffnete den Einband und strich über die erste Seite. »Warum genau dieses Buch?«

Robertson zuckte die Schultern. »Sagen wir aus Intuition.« Er sah kurz zur Uhr. »Ich muss Sie jetzt leider bitten zu gehen. Ich empfange Besuch. Unser Gespräch aber hat mich sehr gefreut.«

Mit einer Drehung wandte er sich in Richtung Fenster. Das war das Zeichen für Remo, zu gehen. Er blickte kurz auf das Buch in seinen Händen, dann lief er aus dem Büro. Mit einem schnellen »Auf Wiedersehen« verabschiedete er sich von Herr Robertsons Sekretärin und betrat den Aufzug. Das Buch steckte er in seine Manteltasche.

Sein Magen knurrte. Vor lauter Aufregung hatte er nicht bemerkt, wie hungrig er war. Passenderweise hatte er eine Nachricht von Luca auf Handy, der mit ihm zu Mittag essen wollte. Statt auf die 4. Etage zurückzufahren, fuhr er ins Erdgeschoss. Sein Freund wollte hier auf ihn warten.

Als er aus dem Aufzug trat, kam ihm eine Gruppe Männer im Anzug entgegen. Einer von ihnen rammte seine Schulter und Remo fluchte. Die Männer interessierte es nicht. Der Aufzug schloss sich wieder und Remo sah lediglich noch die steinernen Blicke der vorderen beiden Männer im Aufzug. Bei ihrem stämmigen Körperbau sollte er einem Konflikt eh besser aus dem Weg gehen. Im Eingang stand Luca.

»Na, hast es ja doch noch geschafft!«

»Ja, wo wollen wir denn hingehen?«

»Also ich hätte Lust auf Italienisch. Gehen wir wieder zu der hübschen Kellnerin?«

Luca zwinkerte listig und Remo verdrehte leicht die Augen. Er machte seit jeher solche Sprüche, daran hatte auch die Beziehung nichts geändert.

»Na gut, eine Pizza könnte nicht schaden.«

Sie liefen wieder bis zur Kreuzung und betraten das kleine italienische Restaurant. Die Kellnerin war wirklich wieder da und wies beide an einen freien Tisch. Der Laden war mittelmäßig besucht. Hauptkunden waren wahrscheinlich alles Titex-Mitarbeiter, die auf das immer gleiche Kantinenessen keine Lust mehr hatten. Einige andere Gäste kamen Remo auch bekannt vor.

Sie hingen ihre Mäntel über die Stuhllehnen. Das Gewicht seiner Tasche erinnerte Remo an sein Treffen mit Herrn Robertson.

»Du, Luca, ich muss dir erzählen, bei wem ich gerade im Büro gewesen bin.«

»Beim Palmer?« Luca lachte.

»Nein, beim Robertson.«

Sein Gesprächspartner brach sein Lachen abrupt ab und ein Ausdruck der Verblüffung legte sich auf sein Gesicht. »Was, wieso? Bei dem im Büro?«

Remo erzählte von seiner merkwürdigen Begegnung und so recht wussten sie beide nicht, wie sie sie einordnen sollten. Luca wirkte etwas neidisch. Er hatte auch keine schlechte Stelle im Unternehmen, mit der Geschäftsführung hatte er allerdings nicht zu tun.

In der Zwischenzeit kam die Kellnerin und die beiden bestellten. Sie plauderten noch etwas über die Arbeit, als die Kellnerin wiederkam und das Essen brachte. Es schien Luca an ihr letztes Gespräch hier zu erinnern.

»Du, hast du gehört, dass schon wieder Frauen verschwunden sind?« Er senkte den Blick leicht ab.

»Nein...«

»Sie sollen die Wichser endlich kriegen, die daran schuld sind!«, schmatzte Luca Remo wild entgegen. »Ich mein, das kann es doch nicht sein! Man sollte in einem Land, wie Deutschland, doch sicher sein vor dieser Kriminalität? Früher war das nicht so!« Wütend stocherte er in seinem Essen.

Remo nickte. Er konnte seine Sorge verstehen. Es schien so, als würden die schlechten Botschaften in den Nachrichten zunehmen.

»Erinnerst du dich an die Silvesternächte?«

»Ohja, da, wo so ein riesiger Mob am Kölner Dom war! Würde mich nicht wundern, wenn die gleiche Art Leute auch mit den Entführungen was zu tun haben. Seit wir so viele Flüchtlinge hier haben, ist es doch für junge Mädchen eh nicht mehr sicher.«

Remo versuchte zu beschwichtigen. »Das weißt du doch gar nicht.«

»Würde denen zu Gesicht stehen. Irgendwie sind die einfach anders oder… haben was gegen unsere Kultur. Viele zumindest, musst dich ja nur mal umgucken.«

Remo spürte, wie die Angst aus ihm sprach. Die Angst um Mina, die Angst um sein ungeborenes Kind. Emotional war er schon immer, jetzt war es das Beste ihn von dem Thema abzulenken.

»Sag mal, was machst du am Wochenende?«

Luca legte das Besteck zur Seite und wischte sich mit der Serviette den Mund ab. »Mina will mit mir in der Stadt nach Babyklamotten gucken. Das kann was werden.« Er schmunzelte. »Und du?«

»Noch nicht viel«, antwortete Remo. »Erstmal ein wenig ausruhen wäre nicht verkehrt.«

»Ja gut, aber wenn du Lust hast, treffen wir uns noch auf ein Bierchen.«

Remo stimmte ihm zu. Dann bat er um die Rechnung und sie bezahlten. Sein Freund hatte seinen Frust wieder vergessen. Nun war es Remo, der auf dem Rückweg in Gedanken schwelgte. Die Welt war gefährlich geworden und er war allein. Luca würde bald seine eigene Familie haben. Und er, er würde weiterhin auf der Stelle treten. Es ließ ihn ganz melancholisch werden, sodass er seinen munter plaudernden Begleiter nicht hörte. Was, wenn die Welt morgen unterginge? Er hätte nichts erreicht, nichts, worauf er stolz sein könne. Und so, wie es schien, ist doch ein Ende der Welt, wie man sie kannte, nur eine Frage der Zeit. Stell sich einer vor, was eine der entführten Frauen wohl noch für Ziele und Träume gehabt hatte? Er bekam Gänsehaut, so real war das unheimliche Gefühl, dass seine Zeit auch ablaufen könnte.

Er sah die Fassade des Titex-Gabäudes näherkommen und nahm hektisch Kurs auf sein Büro. Mehr als ein kurzes »Tschüss« zu Luca kam ihm nicht über die Lippen. Dort angelangt, vergrub er sich in Arbeit, bis es längst Zeit war, Feierabend zu machen.

Der restliche Tag verging schnell. Zuhause angekommen, fiel ihm auf, dass der Kühlschrank leer war. Das machte seine Laune nicht besser. Er ging zu seinem Auto in der angrenzenden Seitenstraße und fuhr zum Supermarkt. Hätte er das Auto nicht, wäre er wahrscheinlich heute hungrig ins Bett gegangen. Auf keinen Fall wäre er wieder in die Bahn gestiegen. Aber so war es okay.

Die Lebensmittel hatte er schnell beisammen und im Wagen verstaut. Zurück in seiner Wohnung hatte das Abendessen zumindest noch etwas Gutes und erinnerte ihn daran, dass Freitag war und somit das Wochenende begann. Während er seinen Teller wegräumte, fiel sein Blick auf seinen Mantel, der über die Haken der Garderobe hing. In seiner Tasche befand sich noch immer das kleine Buch, das ihm Herr Robertson heute gegeben hatte. Warum nur hatte er das getan? Warum gerade ihm? Schon irgendwie merkwürdig. Aber was auch immer der Grund war, er hatte keine Wahl. Er musste es lesen. Einerseits, um sich die scheinbare Gunst des obersten Bosses nicht zu verscherzen, und andererseits, weil es ihn wirklich interessierte. Schließlich würde Herr Robertson es ihm ja nicht umsonst geben. Remo griff in die Tasche des Mantels und zog das Buch heraus.

»Faust«.

Er kannte das Buch, irgendwann in seiner Schulzeit war es mal Thema. Das war auch alles, was ihm noch dazu einfiel. Er ging mit dem Buch zu seinem Schreibtisch, knipste die kleine Stehlampe an und schlug die erste Seite auf.

»Vorspiel auf dem Theater«.

Remo las sich durch das Kapitel. Zusammenfassend ging es um einen Theaterdirektor, einen Dichter und eine ‚Lustige Person‘, die über den Sinn eins gelungenen Theaterstücks stritten. Der Direktor betonte die unternehmerische, der Dichter die künstlerische und die lustige Person die unterhaltende Absicht. Der Kompromiss aller drei sei das nun folgende Werk. Er begann das zweite Kapitel.

»Prolog im Himmel«.

Es ging um eine Wette zwischen Gott und dem Teufel. Der Teufel wettete, er könne den Gelehrten namens Faust vom rechten Weg abbringen. Gott wettete dagegen – denn ‚ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst‘. Schwer zu glauben, dachte Remo. Bei den ganzen bösen Dingen, die auf der Welt passierten.

Nach diesen ersten Seiten klappte er das Buch vorerst wieder zu. Der Schreibstil war anstrengend und er müde. Seine Augen brannten im Licht der Stehlampe. Außerdem war es spät geworden und morgen war auch noch ein Tag. Er legte das Buch auf seinen Nachttisch, machte sich fertig und legte sich ins Bett. Nach einigen Minuten nahmen seine Träume ihn in ihren Bann.

Kapitel 2: Ein Funken

Endlich schief Remo mal wieder aus. Erst als die Gardinen die Sonnenstrahlen nicht mehr halten konnten, wurde er wach. Noch im Bett liegend schaute er durch sein Zimmer. Sein Blick fiel auf seine Aktentasche. Natürlich hatte er Aufgaben zu erledigen. Leicht ärgerlich riss er sich davon los. Nein, er hatte frei. Nach einiger Zeit wurde er hungrig und stand auf.

Während er sein Frühstück aß, schaltete er den Fernseher ein. Grade liefen die Nachrichten und er war ein Stück weit gespannt, was diesmal los wäre. Nach Lucas Erzählungen derzeit nichts Gutes. Und es war leider wahr. Wieder war eine Frau verschwunden. Eine Mutter, 35 Jahre alt. Nun die Sechste innerhalb des letzten Monats. Bei allen fehlte jede Spur. Auch die Politik gab sich betroffen. Zum Statement wurde ein Mann fortgeschrittenen Alters eingeblendet. Er hatte dunkle, fein säuberlich gegelte Haare. Insgesamt wirkte er sehr gepflegt. Die Gesichtszüge waren kantig und gaben ihm eine kühle, autoritäre Ausstrahlung. Im Untertitel stand der Name Richard Delorian. Seine Stimme hatte einen sehr wohltuenden Klang, sein Tonfall aber war hart und eindringlich.

»Es ist ein Skandal, dass wehrlose Frauen Opfer eines so heimtückischen Verbrechens werden. Wie es scheint besteht keine Verbindung zwischen den Vermissten. Die Politik und die Polizei sind aufs Äußerste bedacht, Licht ins Dunkel zu bringen, damit das Gefühl der Sicherheit der Bürger und vor allem Bürgerinnen vorhanden bleibt. Und ich bin sicher – das kann ich durch meine frühere Zeit im Innenministerium sagen – dass die Polizei dem in höchstem Maße nachgehen wird.«

Damit endete der Bericht. Dieser Mann hatte eine arrogante Art an sich. Kurz dachte er daran, dass aber wohl alle erfolgreichen Politiker in gewisser Hinsicht so sein müssen, dann wurden seine Gedanken vom nächsten Kurzbericht unterbrochen. Die rechtspopulistischen Parteien hatten in den Umfragen deutlich zugelegt, genauso war im Land ein deutlicher Zuwachs bei fremdenfeindlichen Bewegungen, wie der PEGIDA, zu verzeichnen. Alles wegen dem Streitthema Flüchtlingspolitik. Seit Deutschland mehr und mehr Flüchtlinge aufnahm, fühlten sich viele Menschen in ihrem bisherigen Leben bedroht – ob sie nun etwas davon wirklich mitkriegten oder einfach aus Hörensagen ihre Meinung bildeten war egal. Der Riss, der durch die Bevölkerung und damit durch die Parteien der Demokratie ging, wurde immer größer. Dadurch, dass jetzt auch noch Menschen verschwanden, wurde es nicht besser.

Schluss damit. Das war nun wirklich nicht meine Aufgabe, mir darüber den Kopf zu zerbrechen, dachte Remo. Er schaltete den Fernseher aus und nutzte stattdessen den Tag, ging zum Sport und räumte sein Appartement auf. Als er fertig war, war es bereits später Nachmittag. Luca rief an und erinnerte ihn, dass sie sich treffen wollten. Es war schon länger her, dass sie abends weggegangen waren. Luca war durch seine Familie beschäftigt und Remo durch die Arbeit. Allerdings hatte er den Eindruck, dass sie beide mal wieder raus mussten.

Sie trafen sich in der Bar »Cubana«. Sie war klein, aber hatte dabei etwas Gemütliches. Das Ambiente war, wie der Name schon sagte, dem kubanischen Stil nachempfunden und Theke und Tische waren geprägt durch das Zusammenspiel von Braun- und Orangetönen. Zusammen mit den vielen lachenden Menschen, die man hier sah, kam es Remo hier sehr gemütlich vor und wie eine gelungene Abwechslung. Der Barkeeper gab den beiden zwei Cuba Libre über den Tresen.

»Ah, der schmeckt gut«, sagte Luca nachdem er an seinem Glas nippte. »Cheers.«

Remo hob sein Glas und sie stießen an. Er hatte lange Zeit keinen Alkohol getrunken.

»Früher haben wir sowas noch öfter gemacht.«

Sein Sitznachbar stimmte ihm zu und schnell entwickelte sich ein Gespräch über die guten alten Zeiten. Remo fühlte sich alt – also auf jeden Fall redete er schon wie ein alter Mann. Und das mit 33. Aber es stimmte, seine Jugend war vorbei.

»Tja, Luca, sieh uns heute an. Wie doch die Zeit vergeht.« Er lachte. »Und du wirst einfach bald Vater!«

Nun lachte auch Luca, wenn auch etwas ironisch.

»Es kommt mir alles noch sehr surreal vor, aber ich freu‘ mich darauf! Stell dir vor – ich werde dann Papa genannt!«

Remo musste grinsen. Der erste Cuba Libre war leer und sein Kumpel bestellte gleich nach. Sie stießen wieder an.

»Es wird ein anderes Leben sein.« Luca klang auf einmal nicht mehr so aufbrausend, wie bisher. Vielmehr lag etwas Nostalgisches in seiner Stimme. »Ich mein, alles verändert sich. Das Leben, das ich kannte, ist ab da an endgültig vorbei.« Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas.

Dieser Teil war Remo an ihm bisher gar nicht bewusst gewesen. Auch Luca hatte Zweifel an dem Weg, den er ging.

»Ja, aber richtig ist es… es fühlt sich richtig an.«

Remo sah das Glücksgefühl in seinen Augen, während er sprach.

»Was ist mit dir?«, fragte Luca. »Gibt es da echt keine Frau, von der ich wissen sollte?« Er zog die Augenbrauen hoch.

Remo lächelte verlegen. »Nein, nein…«

»Dann wird es mal wieder Zeit! Ich mein, das mit Lysann ist lang genug vorbei. Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Ich mache dir den Wingman heute Abend.« Er setzte sein dickstes Grinsen auf, nahm einen Schluck und rieb sich die Hände.

Oh Gott, dachte Remo. Das konnte ja heiter werden. Wenn Luca sich etwas in den Kopf setzte, war er kaum zu bremsen. Er tat es sofort.

»Muss nicht sein, Luca.«

Es hatte keinen Zweck.

»Oh, doch! Was hältst du von der Brünetten dort?«

Der selbst ernannte Wingman deutete an das andere Ende der Theke, wo eine Gruppe junger Frauen stand und sich bei bunten Cocktails lautstark unterhielt.

»Oder ihre blonde Freundin? Nein, vielleicht ist die in mit der weißen Bluse dort am Tisch eher dein Typ? Na los, was meinst du?!«

Luca sah ihn so erwartend an und Remo musste nur schmunzeln. Es machte ihn irgendwie verlegen. Er war doch völlig aus der Übung, was Frauen anging. Er stammelte nur eine Mischung aus »Ja« und »Nein«. Plötzlich hörte er den Vibrationston eines Handys.

»Ja…okay…verstehe…ich komme gleich.« Luca legte auf und sah Remo an, der an seinem Drink nippte.

»Du, ich muss gehen. Mina geht es nicht gut. Muss am Baby liegen. Wir sehen uns Montag auf der Arbeit! Ach, und sorry, wir holen das hier nach.«

Dann ging er schnellen Schrittes. Remo schaute ihm kurz nach, dann sah er durch den vollen Raum. Überall unterhielten sich Menschen, lachten zusammen, hatten Spaß. Er trank den letzten Rest aus seinem Glas.

»Noch einmal dasselbe«, rief er dem Barkeeper zu.