Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Als durch Zufall die Leiche einer gefolterten Frau in Hannover gefunden wird, nehmen Hauptkommissar Ritter und sein Team die Ermittlungen auf. Diese führen zunächst in die jüngere Vergangenheit der Stadt und schließlich ins Rotlichtmilieu. Dort gerät die BDSM-Szene in den Fokus der Ermittler. Da Prostitution ein Geschäftsfeld der organisierten Kriminalität ist, erschwert das die Tätersuche erheblich. Als dann auch noch der Verdacht eines Maulwurfs in den Reihen von Polizei und Staatsanwaltschaft aufkommt, können die Ermittler niemandem mehr trauen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 402
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Bei diesem Roman handelt es sich um eine bloße Fiktion. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig und unbeabsichtigt.
Gerhard A. Spiller wurde 1964 im niedersächsischen Ölsburg geboren. Nach einer Verwaltungsausbildung in Peine und dem Studium der Verwaltungswissenschaft in Konstanz am Bodensee arbeitet er seit 1994 als Kommunalbeamter in der Peiner Kreisverwaltung. Seit acht Jahren ist er Mitglied der Schlaraffia, einem weltweiten Bund mit dem Ziel der Förderung von Kunst, Humor und Freundschaft.
Besuchen Sie ihn auf Facebook
Sonntag, 16. April, irgendwann am Nachmittag
Mittwoch, 19. April, gegen 1:00 Uhr nachts
Mittwoch, 19. April, 3:20 Uhr
Mittwoch, 19. April, 7:00 Uhr
Mittwoch, 19. April, 8:10 Uhr
Mittwoch, 19. April, 10:45 Uhr
Mittwoch, 19. April, 11:00 Uhr
Mittwoch, 19. April, 11:25 Uhr
Mittwoch, 19. April, 14:30 Uhr
Mittwoch, 19. April, 18:45 Uhr
Mittwoch, 19. April, 19:10 Uhr
Donnerstag, 20. April, 6:50 Uhr
Donnerstag, 20. April, 14:00 Uhr
Donnerstag, 20. April, 18:20 Uhr
Donnerstag, 20. April, 20:35 Uhr
Freitag, 21. April, 6:45 Uhr
Freitag, 21. April, 7:15 Uhr
Freitag, 21. April, 7:30 Uhr
Freitag, 21. April, 19:45 Uhr
Freitag, 21. April, 20:50 Uhr
Freitag, 21. April, 21:10 Uhr
Samstag, 22. April, 7:30 Uhr
Samstag, 22. April, 11:10 Uhr
Samstag, 22. April, 11:30 Uhr
Samstag, 22. April, 11:55 Uhr
Samstag, 22. April, 15:20 Uhr
Samstag, 22. April, 15:40 Uhr
Samstag, 22. April, 17:00 Uhr
Sonntag, 23. April, gegen 3:30 Uhr
Sonntag, 23. April, 4:10 Uhr
Sonntag, 23. April, 5:35 Uhr
Montag, 24. April, 11:45 Uhr
Montag, 24. April, 13:45 Uhr
Montag, 24. April, 15:35 Uhr
Montag, 24. April, 17:20 Uhr
Montag, 24. April, 18:10 Uhr
Montag, 24. April, 19:15 Uhr
Dienstag, 25. April, 8:00 Uhr
Mittwoch, 26. April, 4:30 Uhr
Mittwoch, 26. April, 13:35 Uhr
Mittwoch, 26. April, 14:05 Uhr
Mittwoch, 26. April, 19:38 Uhr
Mittwoch, 26. April, 20:10 Uhr
Mittwoch, 26. April, 23:20 Uhr
Donnerstag, 27. April, 0:15 Uhr
Donnerstag, 27. April, 7:00 Uhr
Donnerstag, 27. April, 14:30 Uhr
Donnerstag, 27. April, 15:55 Uhr
Donnerstag, 27. April, 16:10 Uhr
Donnerstag, 27. April, 18:55 Uhr
Freitag, 28. April, 7:00 Uhr
Freitag, 28. April, 9:10 Uhr
Freitag, 28. April, 11:30 Uhr
Freitag, 28. April, 13:10 Uhr
Freitag, 28. April, 15:25 Uhr
Freitag, 28. April, 15:48 Uhr
Freitag, 28. April, 23:18 Uhr
Samstag, 29. April, 5:15 Uhr
Samstag, 29. April, 6:35 Uhr
Samstag, 29. April, 23:28 Uhr
Sonntag, 30. April, 0:13 Uhr
Sonntag, 30. April, 1:12 Uhr
Sonntag, 30. April, ebenfalls 1:12 Uhr
Sonntag, 30. April, 3:28 Uhr
Sonntag, 30. April, 8:00 Uhr
Sonntag, 30. April, 8:23 Uhr
Sonntag, 30. April, 13:48 Uhr
Sonntag, 30. April, 17:48 Uhr
Sonntag, 30. April, 18:28 Uhr
Montag, 1. Mai, 8:00 Uhr
Montag, 1. Mai, 9:15 Uhr
Montag, 1. Mai, ebenfalls 9:15 Uhr
Montag, 1. Mai, 12:30 Uhr
Montag, 1. Mai, 13:28 Uhr
Montag, 1. Mai, 14:41 Uhr
Epilog
Schmerzen rasten durch ihren Körper, jeder Zentimeter brannte wie Feuer. Wie lange war sie diesem Tier wohl schon ausgeliefert, eine Stunde, zwei oder mehr? Sie wusste es nicht, unter der immer brutaler werdenden Folter hatte sie jedes Zeitgefühl verloren. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, und noch immer machte er keine Anstalten, sein grausames Werk zu beenden.
Am Anfang, als sie das Ganze noch für ein normales Sadomaso-Spiel hielt, hatte sie ihn gebeten, nicht so grob zu sein. Als das nichts half, hatte sie gebettelt und ihn schließlich angefleht, nicht so brutal zu sein, aber er hatte nur gelacht und sie verhöhnt. Im Gegenteil, ihre Panik schien ihn sogar noch zu amüsieren. Er verrichtete weiter sein Werk, ohne jegliches Anzeichen von Mitgefühl. Sein Gesicht war zu einer grausamen Maske verzerrt und zeigte keinerlei menschliche Regung. Trotz der unfassbaren Grausamkeit seines Tuns wirkte die Vorgehensweise nicht sehr routiniert, geradezu amateurhaft und manchmal sogar eher unbeholfen. Aber das alles half der Frau nicht, und schnell war ihr ganzer Körper übersät mit den Spuren der grausamen Folterung, die sie ertragen musste.
Als sie merkte, dass es kein Spiel, sondern eine ganz reale Folter war, hatte sie laut um Hilfe geschrien. Sie war sich sicher, dass jemand in der Nähe war, aber niemand kam ihr zu Hilfe. Ihre Schreie waren ungehört verhallt, wie auch ihr Flehen um Gnade. Dafür wurden aus den Hilferufen sehr rasch Schmerzensschreie, die gellend von den Wänden widerhallten.
Nach einiger Zeit waren ihre Stimmbänder vom vielen Schreien ganz wund und heiser geworden. Jetzt konnte sie nicht mehr richtig sprechen, sondern nur noch ein unartikuliertes Krächzen hervorbringen.
Als der Frau schließlich klar wurde, dass sie diesen Raum nicht mehr lebend verlassen würde, dachte sie kurz an ihre Eltern und an ihre Heimat. Dann betete sie in Gedanken zu Gott und flehte um einen schnellen Tod. Diese Gnade war ihr jedoch nicht vergönnt.
Nach weiteren endlosen Minuten der Qual gönnte sich ihr Peiniger eine kleine Pause. Überaus zufrieden mit sich und seinen Taten betrachtete er verzückt sein ‚Werk’. Gegen die verzweifelten Schreie der Frau war er taub, im Gegenteil: sie hatten ihn angestachelt und seine Grausamkeit immer weiter befeuert. Endlich konnte er seinen Fantasien freien Lauf lassen und sich austoben! Schon seit Jahren hatte er davon geträumt, eine Frau nach Herzenslust martern zu können – und heute lebte er seine Folterfantasien gründlich aus.
Mit großem Interesse betrachtete er all die Gegenstände und Möbel, mit denen man einen Menschen langsam und qualvoll töten konnte. Für die Umsetzung seiner Fantasien benötigte er nicht alles, was ihm der Raum bot, aber er ließ seiner Neugier freien Lauf und wollte manches ausprobieren.
Inzwischen hatte er sich von der ungewohnten Anstrengung erholt. Es war recht kräftezehrend, einen Menschen zu quälen – vielleicht hätte er in den letzten Jahren etwas mehr Sport treiben sollen, um besser auf diesen Tag vorbereitet zu sein. Er musste das im Hinterkopf behalten, für sein nächstes Opfer.
Die kurze Unterbrechung hatte ihm wieder etwas Kraft verliehen. Anders sah es dagegen bei der Leidtragenden aus: Die Frau hing nur noch schlaff in den Ketten und schien nichts mehr wahrzunehmen. War sie bewusstlos? Das wäre ärgerlich, denn sie sollte doch genau mitbekommen, was er alles mit ihr anstellte. Wütend schüttete er ihr einen Eimer Wasser über den Kopf, worauf sie aber nur verhalten reagierte. Zu groß waren die bereits erlittenen Schmerzen, zudem mussten bereits mehrere Knochen gebrochen sein. All das interessierte ihren Peiniger nicht.
Erneut trat er auf die Frau zu und setzte ihre Folterung fort. Krächzende Laute bestätigten ihm, dass sein Opfer noch Schmerzen empfand. Diabolisch grinsend machte er weiter.
Kurz darauf war jedoch die Grenze der Belastbarkeit für den geschundenen Frauenkörper endgültig überschritten! Ihr Herz versagte den weiteren Dienst und ein gnädiger Tod erlöste sie viel zu spät aus den Fängen dieses Monsters. In seiner Raserei bemerkte ihr Peiniger nicht sofort den Tod seines Opfers. Er befand sich inzwischen in einem wilden Blutrausch und traktierte noch minutenlang den bereits toten Körper. Als er dann doch endlich ihren Tod bemerkte, hielt er beinahe verblüfft inne. Dann brüllte er plötzlich los: »Du dumme Kuh, habe ich dir erlaubt zu krepieren?« Wütend schlug er mit bloßen Fäusten auf die Leiche ein.
Es dauerte ein paar Augenblicke, bis sich seine Raserei legte. Achtlos warf er das Marterwerkzeug, das er sich für die nächste Grausamkeit bereitgelegt hatte, zurück zu den anderen Folterinstrumenten. Dann ließ er seinen vor Stolz und Lust erregten Blick über sein Werk der Zerstörung und Entstellung wandern. Ein wohliger Schauer durchführ seinen Körper – er hatte es getan und tatsächlich eine Frau zu Tode gefoltert! Schweiß stand ihm auf der Stirn, aber er wischte ihn achtlos beiseite. Erst als er sich genug am leblosen Frauenkörper geweidet hatte, wandte er sich zur Tür und verließ erschöpft, aber mit stolzgeschwellter Brust den Raum.
Die Baustelle lag verlassen im neuen Gewerbegebiet nördlich von Hannover. Das Gebiet war zwar schon seit einiger Zeit für die Bebauung freigegeben, aber wegen der Corona-Pandemie hatten viele Firmen ihre Investitionspläne vorerst auf Eis gelegt. Nur ein paar wenige Grundstücke waren verkauft und die Baumaßnahmen erst am Anfang.
Vorsichtig bewegte sich der Mann durch das unbebaute Gelände. Sein Ziel war die größte Baustelle, weil es dort die meisten Container gab, von denen einige als Büroraum für die Bauleitung und andere als Aufenthaltsraum für die Arbeiter dienten. Es wäre doch gelacht, wenn nicht in mindestens einem davon etwas zu holen sein sollte!
Der ungepflegt wirkende Mann unbestimmten Alters hatte bereits an den beiden vorangegangenen Tagen alles ausgekundschaftet und wusste, dass es keinen Sicherheitsdienst gab. Der Bauzaun stellte kein Problem dar, denn auch wenn er nicht mehr so gut in Form wie früher war, reichte es dafür noch allemal. Er hatte in den letzten Jahren schon Dutzende davon überwunden und dabei im Laufe der Zeit seine eigene Technik entwickelt. Es musste ja alles sehr schnell gehen, damit ihn niemand sehen und die Polizei rufen konnte. Zwar war er sich sicher, dass niemand in der Gegend sein würde, aber manchmal hatte das Schicksal unangenehme Zufälle auf Lager.
Nach der Überwindung des Zauns ging er sofort dahinter in Deckung und sondierte die Lage. Zum Glück hatten die Arbeiter beim Roden der Fläche an einer Außenseite gleich hinter dem Zaun mehrere halbhohe Büsche stehengelassen. Diese boten ihm ein gutes Versteck.
Die Baustelle war recht groß. Laut Schild am Eingang sollte hier eine große Halle entstehen. Da aber für das geplante Gebäude erst noch die Fundamente gegossen werden mussten, war fast die gesamte Fläche der Baustelle gut einsehbar. Lediglich das schwere Gerät der Arbeiter und die schon angelieferten Steine und sonstigen Materialien lagen herum und nahmen ihm teilweise die Sicht. Ein wenig abseits standen die von ihm anvisierten Ziele: sieben Container, von denen einer die Zentrale des Bauleiters war, während die anderen als Aufenthaltsräume für die Arbeiter ober Abstellfläche für kleinere Werkzeuge dienten.
Mit einem schnellen Blick in die Runde vergewisserte sich der Eindringling, dass die Luft rein war. Als er sicher war, dass ihn tatsächlich niemand beobachtet hatte, schlich er sich leise an den ersten Container heran. Es war der des Bauleiters, darin gab es nach seinen Erfahrungen die größte Aussicht auf Diebesgut. Hier wollte er anfangen, damit er im Falle eines plötzlich erforderlichen Rückzuges wenigstens etwas erbeutet haben würde.
Schließlich hatte er den Container erreicht. Gerade als er sich aufrichten und das Brecheisen aus der Tasche holen wollte, hörte er ein stetig zunehmendes Brummen wie von einem Motor. Einem alten Reflex gehorchend ging er rasch wieder in Deckung. Seinen Beobachtungen nach trieb sich hier um diese Zeit normalerweise niemand mehr herum. Sogar die jungen Paare zog es in andere, weniger abgelegene und wohl auch romantischere Ecken für ihre Liebesspiele.
Wer konnte das sein? Ein Sicherheitsdienst? Wohl kaum, denn beim Auskundschaften hatte er keine Kontrollen bemerkt. Vielleicht war es ein Betrunkener, der hoffte, hier in keine Polizeikontrolle zu geraten. Schlimmstenfalls wäre es doch ein Wachmann, der seine Kontrollfahrt machte.
Langsam zog sich der Eindringling zu den Büschen zurück und verschmolz mit den nächtlichen Schatten. Hoffentlich fuhr der Wagen vorbei, damit er endlich weitermachen konnte.
Aber das Glück war nicht auf seiner Seite, denn das Motorengeräusch wurde immer lauter. Der Wagen kam also näher, was den Eindringling mit jeder Sekunde nervöser werden ließ. Nach seiner Erfahrung konnte das nur ein Sicherheitsdienst sein, aber damit hatte er nicht gerechnet. Auf einer Baustelle wie dieser gab es außer den schweren Maschinen nichts von Wert, jedenfalls nicht für normale Einbrecher. Für einen Berber wie ihn gab es dagegen immer etwas zu holen, und seien es nur ein paar Essensreste. Zum Glück, so beruhigte er sich, hatte er das Schloss noch nicht geknackt, sodass nichts auf seine Anwesenheit hindeuten würde.
Als sich der Wagen dem Tor zur Baustelle näherte, duckte er sich instinktiv noch weiter auf den Boden. Von hier aus konnte er fast die gesamte Fläche vor sich überblicken und hoffte, im schlimmsten Fall schnell genug über den Zaun zu kommen und verschwinden zu können.
Inzwischen hatte der Wagen vor dem Tor gestoppt. Die Helligkeit der Scheinwerfer tauchte die Baustelle in ein gespenstisches Licht, verlor sich aber rasch in der Dunkelheit. Zum Glück war das Tor auf einer Linie mit dem geplanten Gebäude und nicht mit den Bürocontainern.
Er hörte, wie auf der Beifahrerseite jemand ausstieg und rasch auf das Tor zulief. Erkennen konnte er nur eine ganz in Schwarz gekleidete Gestalt, aber er war sich aufgrund der geschätzten Größe und des Bewegungsablaufs sicher, dass es ein Mann war.
Im nächsten Augenblick schwangen die beiden Torflügel auf und der Wagen fuhr zügig auf das Baustellengelände. Die schwarze Gestalt verschwamm zu einem undeutlichen Schemen, der rasch das Tor verschloss und dem Wagen hinterhereilte.
In dem Eindringling hinter dem Busch stieg nun doch langsam Panik auf. Normalerweise hatten Baustellen wie diese keinen Sicherheitsdienst, und wenn doch, dann kam höchstens ein schläfriger Mitarbeiter daher, der lustlos das Schloss am Tor überprüfen würde. Hier waren es aber mindestens zwei Leute, die zudem auf die Baustelle gefahren waren. Das sah übel für ihn aus. Er überlegte hastig, ob er irgendwo einen stillen Alarm ausgelöst haben könnte, obwohl eine solche Sicherheitsmaßnahme ebenfalls untypisch war. Andererseits verhielten sich die beiden Fahrzeuginsassen nicht wie typische Wachmänner. Sein Bauchgefühl signalisierte ihm eine unbekannte Gefahr und löste seinen Fluchtimpuls aus. Nur mit Mühe und dank seiner militärischen Ausbildung konnte er sich zwingen, weiter in seinem Versteck auszuharren. Niemand ahnte etwas von seiner Anwesenheit, dessen war er sich sicher. Solange er sich ruhig verhielt, hatte er bestimmt nichts zu befürchten.
Vorsichtig lugte er zwischen den Zweigen der Büsche zum Wagen hinüber. Zu seiner Überraschung hielt der Wagen jedoch nicht auf die Container zu, sondern fuhr ein Stück in die entgegengesetzte Richtung. Als die Rücklichter aufleuchteten, konnte er sehen, dass der Wagen neben der Baugrube und einem großen Berg Steinen, die wie Geröll aussahen, anhielt. Die Person vom Fahrersitz schaltete die Beleuchtung vom Fahrzeug auf Standlicht und stieg jetzt ebenfalls aus. Als er durch das Licht der Scheinwerfer lief, erkannte der Mann im Gebüsch, dass auch der Fahrer schwarz gekleidete war.
Dessen Beifahrer hatte inzwischen ebenfalls den Wagen erreicht und gemeinsam hoben die beiden etwas Längliches aus dem Kofferraum. Sie trugen den Gegenstand zu dem zukünftigen Fundament und ließen das Paket einfach hineinfallen. Dann begannen sie hastig, eine größere Menge Geröll in die Grube zu werfen. Bei dieser Hitze musste das eine schweißtreibende Angelegenheit sein und er meinte, unterdrückte Flüche zu hören.
Dem heimlichen Beobachter brach bei diesem Anblick ebenfalls der Schweiß aus, aber bei ihm war es ganz eindeutig Angstschweiß. Das Paket hatte die ungefähre Größe eines Menschen, und wenn man so etwas in das Fundament eines Gebäudes warf, wollte man bestimmt jemanden verschwinden lassen. Bei so viel Aufwand musste eine große Sache dahinter stecken, dessen war er sich ganz sicher.
Endlich waren die beiden Gestalten mit ihrer Arbeit fertig. Nach einem letzten Blick in die Grube stiegen sie wieder ins Auto und fuhren zum Tor. Dort sprang der Beifahrer erneut heraus, öffnete das Tor und verschloss es sofort wieder hinter dem Wagen. Der Motor heulte kurz auf und der Wagen schoss davon. Nur Sekunden später verlor sich das Motorengeräusch in der Ferne und eine gespenstische Stille breitete sich auf der Baustelle aus.
Langsam erhob sich der Eindringling aus seiner Deckung. Sein Instinkt befahl ihm, augenblicklich zu verschwinden, aber etwas hielt ihn zurück. Vielleicht war es Leichtsinn, vielleicht aber auch nur reine Neugier – auf jeden Fall bewegte er sich beinahe mechanisch zu der Stelle hin, an der die beiden Gestalten eben noch mit ihrer ‚Arbeit‘ beschäftigt waren.
Mit einem raschen Blick in die Runde vergewisserte er sich, dass außer ihm kein Mensch mehr auf dem Gelände oder auch nur in dessen Nähe war.
Als er sicher war, alleine zu sein, zog er sein Sturmfeuerzeug aus der Tasche. Mit einer für einen Obdachlosen ungewöhnlichen Leichtigkeit sprang er in die Grube des zukünftigen Fundaments und entzündete es dort. Es dauerte nicht lange, bis er auf einen Berg von Geröll in der ansonsten leeren Grube stieß. Die Steine wirkten hier vollkommen deplatziert. Dieser Umstand verstärkte seinen Argwohn nur noch mehr.
Vorsichtig näherte sich der Eindringling den Steinen. Als er vor ihnen stand, zögerte er. Sollte er wirklich nachsehen oder nicht doch besser verschwinden? Am Ende siegte aber seine Neugier über die Angst, wohl auch eine Folge seiner militärischen Ausbildung in der Nationalen Volksarmee der DDR. Denn als seine Gedanken für einen Moment um seine Militärzeit kreisten, kam die soldatische Disziplin wieder in ihm hoch. Man hatte ihnen seinerzeit beigebracht, in jeder gefährlichen Situation Herr der Lage zu bleiben und keinesfalls feige wegzulaufen.
Daran erinnerte er sich in diesem Moment. Nein, ein Feigling war und wollte er nicht sein! Also begann er, mehrere der Steinbrocken beiseite zu tragen.
Plötzlich stieß er auf eine blaue Plastikfolie. Wieder stieg Unbehagen in ihm auf und der Drang, von diesem Ort zu verschwinden, nahm enorm an Gewicht zu. Während er noch unentschlossen zögerte, hörte er im Geiste die Stimme seines Oberstleutnants: »Ein Soldat der NVA kennt keine Angst, er verbreitet sie beim Feind!«
Unbewusst nahm er bei dieser Erinnerung Haltung an. Dann hatte er seine Entscheidung gefällt. Rasch holte er ein Taschenmesser aus der Hose und kniete sich damit neben die Stelle mit der Plastikfolie. Seine Hand zitterte leicht, als er die Folie mit zwei Fingern packte und etwas anhob. Noch einmal atmete er tief durch, dann straffte er seine Schultern und schlitzte das Paket auf. Im nächsten Augenblick sah er in die Augen einer Frau und versank augenblicklich in ihnen – obwohl ihr Blick gebrochen war. Es war eindeutig der Blick einer Toten, und er hatte sofort den Eindruck, dass diese Augen alle Qual der Welt gesehen und tief in sich verschlossen haben mussten.
Obwohl er angesichts der mysteriösen Umstände innerlich damit gerechnet hatte, auf eine Leiche zu stoßen, war die Bestätigung nun doch ein Schock. Insgeheim hatte er gehofft, dass man nur irgendeinen Sondermüll illegal entsorgen wollte, aber nun kniete er neben einer Toten.
Es dauerte etwas, bis er sich von dem Anblick soweit erholt hatte, dass er im Schein seines Feuerzeugs genauer hinsehen konnte. Sofort bemerkte er die vielen Verletzungen im Gesicht der Frau. Hastig räumte er weitere Steine beiseite und schnitt die Plastikfolie weiter auf. Schließlich sah er genug um zu erkennen, dass die Frau nackt war. Selbst im spärlichen Schein des Feuerzeugs erkannte er sofort, dass man sie auf äußerst brutale Weise gefoltert hatte.
Das reichte ihm! Es wurde jetzt höchste Zeit zu verschwinden. »Schnell die Tote wieder abdecken und nichts wie weg«, murmelte er lautlos vor sich hin.
Sofort fing er an, die Leiche wieder mit Steinen zu bedecken, aber schnell ließ ihn irgendetwas innehalten. Erst nach einigen Momenten des Nachdenkens wurde ihm bewusst, dass die Tote eine gewisse Ähnlichkeit mit seiner Frau Anette hatte. Diese war schon lange tot, denn sie hatte damals nach der Wende Selbstmord begangen. Anette empfand es im Nachhinein als Schande, dass ihr Mann ein begeisterter Soldat der NVA war und voller Hingabe der SED-Diktatur gedient hatte. Nach der Wende hatte die Bundeswehr viele NVA-Soldaten übernommen, aber wegen seiner steilen Karriere in der Armee der DDR wollten sie ihn nicht. Also wurde er arbeitslos. Die Ersparnisse waren rasch aufgebraucht, die Freunde und selbst die meisten Verwandten hatten sich von ihm abgewandt, verfolgten ihn und Anette geradezu mit hasserfüllten Blicken. Selbst der normale Einkauf wurde für seine Frau zum Spießrutenlaufen. Er hatte davon nicht viel mitbekommen, denn nachdem er erkannt hatte, dass er der falschen Seite fanatisch gedient hatte, war seine Welt zusammengebrochen. Der Suff half ihm, über seine Situation und die verpfuschten Jahre hinwegzukommen. Nach einer von sehr vielen Streitereien mit seiner Frau geprägten Zeit war er einfach gegangen und hatte fortan auf der Straße gelebt. Dort fragte niemand, woher er kam oder was er mal war. Nach etwas über einem Jahr war er nach Hause zurückgekehrt, aber es war nicht mehr sein Zuhause. Ein Nachbar sah ihn und erzählte, dass die ganze Situation für Anette bereits vorher schon die Hölle gewesen sei, aber nachdem er einfach gegangen war, konnte sie dem Druck erst recht nicht mehr standhalten. Schließlich ertrug sie das Leben nicht mehr und hatte sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen. Seitdem er diese Nachricht bekommen hatte, wurde er das Gefühl nicht los, seine Frau in der schwersten Zeit ihres Lebens fallen gelassen zu haben. Diese Erkenntnis zog ihm vollends den Boden unter den Füßen weg und er wurde endgültig zum Obdachlosen. Das war nun schon viele Jahre her, aber bei der Erinnerung an Anette brach der Mann in Tränen aus und schluchzte hemmungslos viele Minuten.
Irgendwann gingen ihm die Tränen aus und er beruhigte sich wieder. Mit dem Jackenärmel wischte er sich die letzten Spuren aus dem Gesicht und fasste einen Entschluss: Er hatte seine eigene Frau ihrem Schicksal überlassen, daran konnte er nichts mehr ändern, aber wenn er sich jetzt heimlich entfernen würde, wäre die unbekannte Tote mit Sicherheit in Kürze ein Teil des Fundaments von dem zukünftigen Gebäude. Niemand würde sie jemals finden, wahrscheinlich würde nicht einmal jemand nach ihr suchen. Natürlich könnte er alles so arrangieren, dass die Bauarbeiter ihre Leiche morgen früh finden mussten, aber würde das reichen? In seinem Kopf kamen wieder die alten Klischees hoch, die man ihm so lange eingetrichtert hatte. Demnach würden die Bauarbeiter als Handlanger des Kapitalismus wahrscheinlich nur ihren Zeitplan im Kopf haben und bestimmt die Augen verschließen. Wenn sie aber nichts unternahmen, würde die Leiche für alle Zeiten verschwinden. Zudem: Wer konnte denn garantieren, dass sie nicht mit den beiden Männern im Auto gemeinsame Sache machten? Immerhin hatten sie einen Schlüssel für das Tor am Eingang der Baustelle gehabt. Wenn er jetzt verschwinden würde, dann würde er die Unbekannte im Stich lassen wie damals seine Frau - und das wollte er auf keinen Fall! Ja, er war ein Obdachloser, ein Säufer – aber er hatte sich allen Widrigkeiten zum Trotz einen Rest von Ehre bewahrt. Entschlossen stieg er aus der Grube und verließ die Baustelle auf der Suche nach einer Telefonzelle. Da das in dem neuen Gewerbegebiet ein aussichtsloses Unterfangen war, machte er sich auf den Weg zum nächsten Wohngebiet. Dort würde es trotz der schnellen Verbreitung von Mobiltelefonen bestimmt noch irgendwo einen öffentlichen Fernsprecher geben, und mit ein bisschen Glück würde er sogar funktionieren und nicht von Randalierern zerstört worden sein. Auf der Straße sah er sich kurz nach allen Seiten um, bevor er losmarschierte.
Hauptkommissar Frank Ritter schlief so fest, dass er das Klingeln des Telefons glatt überhörte. Zwar wunderte er sich, warum mitten in einem einsamen Wald eine ihm vertraut erscheinende Melodie ertönte, aber anfangs hinterfragte er das nicht. Erst als die Musik nicht verstummen wollte, wurde er langsam wach. Vielleicht lag das aber auch an den leichten Stößen, die ihm seine Frau Elke verpasste.
»Jetzt geh endlich an das verdammte Telefon!«, murrte seine Gattin mit verschlafener Stimme, aber in unverkennbar ungehaltenem Tonfall.
Noch während Ritter über den Ursprung der Musik und dann auch noch der Stimme nachdachte, wurde er plötzlich unsanft an den Schultern gerüttelt.
»Nun mach schon, oder soll ich das Gespräch annehmen?«, schimpfte Elke.
»Ja, ja, ich gehe ja schon«, brummte Ritter als Antwort.
Langsam stieg er aus den Tiefen der Traumwelt empor und fand sich mühselig wieder in der Realität ein.
»Beeil dich, ich will weiterschlafen!«, meckerte seine Frau. Jetzt war er endlich wach genug, um die Stimme erkennen zu können. Es war also die von seiner Frau, deshalb war sie ihm im Traum so bekannt vorgekommen.
»Immer das Gleiche, du hast Bereitschaft und schläfst so fest wie ein Murmeltier!«
Ihm lag eine Erwiderung mit Hinweisen auf lange Dienste und schwere Ermittlungen auf der Zunge, aber er verkniff sich jede Bemerkung. Seine Frau hatte ja Recht, durch die vielen Anrufe während der Bereitschaftsdienste wurde sie schließlich auch immer wieder geweckt.
»Tut mir leid, Schatz«, murmelte er, »aber ich bin keine Zwanzig mehr, da braucht alles etwas länger.«
»Jetzt tu nicht so, als ob du ein alter Mann wärst! Und geh endlich an das verdammte Telefon!« Dabei drehte sie sich auf die andere Seite und gab damit deutlich zu verstehen, dass das Gespräch für sie beendet war.
Mit einem Brummen griff der Kommissar zu seinem Mobiltelefon und knurrte ein unwirsches »Ja?« hinein.
»Polizeidirektion, hallo und guten Morgen«, tönte es ihm aus dem Telefon entgegen. Der Kollege am anderen Ende schien überaus wach zu sein. »Tut mir leid, Sie wecken zu müssen, aber es gibt eine Leiche im neuen Gewerbegebiet. Sie wissen schon, Hannover-Nord. Die Spurensicherung ist bereits informiert.«
»Na toll, wie immer mitten in der Nacht. Können sich die Mörder nicht an unsere normalen Bürozeiten halten?«
»Äh – ich verstehe nicht…«
»Macht nichts, Kollege, ich bin noch nicht ganz wach. Wo muss ich hin?«
Der Diensthabende gab die genaue Adresse durch und Ritter notierte sie sich in seinem Notizbuch. Nur gut, dass er immer ein Exemplar davon sowie einen Stift auf dem Nachtschrank liegen hatte – die Erfahrung von mehr als dreißig Dienstjahren machte sich gerade in solchen Kleinigkeiten bemerkbar.
Inzwischen war er wach genug, um eilig aus dem Bett zu steigen. Dabei murmelte er überflüssigerweise, aber einer alten Gewohnheit folgend in Richtung seiner Frau: »Tut mir leid, Schatz, aber ich muss los. Es gibt eine Leiche.«
»Was auch sonst«, lautete die verschlafene und ziemlich desinteressiert klingende Antwort. Gleich darauf zog sich seine Frau demonstrativ die Bettdecke über den Kopf. Sekunden später war sie wieder eingeschlafen. Ihr Dasein als Polizistenfrau war nicht immer einfach, aber in ihren vielen Ehejahren hatte sie gelernt, sich mit den unangenehmen Dingen wie beispielsweise nächtlichen Anrufen zu arrangieren. Deshalb brachte sie die heutige Nachricht über eine weitere Leiche nicht mehr aus der Ruhe. Natürlich machte sie sich wie immer Sorgen um ihren Mann, aber inzwischen war sie routiniert genug, trotzdem ihrem Schlaf den Vorzug zu geben.
Ihr Mann überlegte derweil, ob er noch Zeit für eine Tasse Kaffee haben würde, entschied sich dann aber dagegen. Immer noch etwas verschlafen holte er den Wagen aus der Garage und machte sich auf den Weg. Zum Glück waren die Straßen nachts weitestgehend leer, und so kam er schnell in das neue Gewerbegebiet. Dort war die Beschilderung zwar noch recht dürftig, aber dennoch fand er rasch die angegebene Adresse. Vielleicht waren aber auch die vereinzelt noch immer blinkenden Blaulichter der Einsatzfahrzeuge eine große Hilfe bei der Orientierung.
Frank Ritter parkte seinen Wagen neben einem Streifenwagen und stieg ächzend aus. Das gestrige Essen war besonders lecker gewesen, und er fürchtete, wieder ein oder zwei Pfund zugenommen zu haben. »Ich sollte mal was gegen die überschüssigen Pfunde tun«, murmelte er vor sich hin. Laut würde er das niemals sagen aus Sorge, dass ihm seine Elke dann für lange Zeit Diätkost vorsetzen würde.
Bevor er sich auf den Weg zum Fundort der Leiche machte, ließ er noch gewohnheitsmäßig seinen Blick über das Gelände schweifen. Wie unschwer zu erkennen war, handelte es sich bei dem Grundstück um eine Fläche, die gerade bebaut werden sollte. Ein großes Schild erklärte dem Betrachter, dass die Firma Holzer an dieser Stelle ein Logistikzentrum für die Firma Kescher errichtete. Bislang konnte er in einiger Entfernung aber nur lange Baugruben erkennen, die offensichtlich die Vorstufe der Fundamente darstellten. Ansonsten sah er nur mehrere Container und die üblichen Geräte wie Bagger und einen Kran, dazu größere Mengen an Baumaterialien. Auf den ersten Blick konnte er nichts Ungewöhnliches erkennen.
Nachdem sich Ritter einen ersten Überblick verschafft hatte, machte er sich auf den Weg zum Fundort der Leiche. Im Vorbeigehen erkannte er den kleinen Sportwagen seines Kollegen Bernd Krüger.
»Hat er es also wieder geschafft, vor mir anzukommen», flüsterte er kopfschüttelnd vor sich hin. Schon seit geraumer Zeit lieferten sich die beiden ein kleines Duell, wer als Erster an einem Tatort erschien. Zwar verlor keiner der beiden ein Wort darüber, aber dieser Wettkampf schwebte unausgesprochen über ihnen. Nicht zuletzt wegen seines rasanten Fahrstils gewann meistens Oberkommissar Krüger, was Ritter auf die Nerven ging. Hinzu kam auch ein gewisses Maß an Neid, denn neben einem gut trainierten Körper war Bernd Krüger ledig und der Schwarm aller Frauen. Seine jeweilige Freundin war von seinem Beruf fasziniert, sodass er weniger Rücksicht auf ein friedliches Miteinander nehmen musste als sein verheirateter Kollege. Zumal er häufig seine Freundin wechselte, sodass keine lange genug an seiner Seite blieb, um von den Anrufen zu unmöglichen Zeiten genervt zu sein.
»Man müsste halt Single sein», brummte Ritter wie schon so oft vor sich hin, »der muss sich nie entschuldigen oder rechtfertigen, wenn er nachts zu einer Leiche gerufen wird. Das muss er höchstens seiner jeweils neuesten Flamme erklären, aber die wird den Einsatz bestimmt ganz aufregend finden und vor Begeisterung ganz aus dem Häuschen sein.« Bei dem Gedanken an die doch recht häufig wechselnden Damenbekanntschaften seines Kollegen wurde Ritter trotz seiner glücklichen Ehe mit Elke doch etwas neidisch. Immerhin hatte Krüger stets eine sehr hübsche Frau an seiner Seite, mit der er eine Zeitlang irgendwie liiert war. Mit welchem Trick er eine Beziehung dann beendete, ohne dass es Gezeter und Geschimpfe gab, wusste Ritter nicht. Krüger musste bei seinem Frauenverschleiß eine entsprechende Gabe haben – und dabei kannte man mit Sicherheit nicht alle seine Freundinnen. Hauptsache, sein Kollege behielt selber die Übersicht und der Dienst litt nicht unter irgendwelchen Beziehungsproblemen!
Mit einem Seufzen riss sich der Hauptkommissar von seinen Gedanken los und ging auf eine Menschengruppe bei der Grube zu. Beim Näherkommen erkannte er die Leute von der Spurensicherung am Leuchten ihrer weißen Ganzkörperanzüge. Während zwei von ihnen im Fundamentgraben waren, suchten weitere Mitarbeiter die Umgebung ab.
Als Ritter nur noch ein paar Meter entfernt war, löste sich Krüger aus der Gruppe.
»Guten Morgen, Frank!«
»Hallo Bernd, von einem ‚guten’ Morgen kann man wohl nicht sprechen, wenn es eine Leiche gibt. Was haben wir denn eigentlich?«
»Wir haben eine tote Frau, die offensichtlich brutal gefoltert worden ist. Jemand hat sich bei dieser Hitze die Mühe gemacht, sie unter einem Berg von Steinen im Fundament zu verstecken, aber die Täter wurden dabei beobachtet.«
»Fundort ist also nicht Tatort?«
»Richtig, das macht die Sache nicht einfacher.«
Die beiden Ermittler traten an die Leiche heran, die man aus dem Fundament geborgen und unter einem kleinen Zelt abgelegt hatte. Ritter sah eine Frau mittleren Alters, die einmal sehr hübsch gewesen sein musste. Pechschwarzes langes Haar umrahmte ihr Gesicht, das ebenfalls Spuren von Misshandlungen zeigte. Ihre grünen Augen hatten das Grauen konserviert, das sie in ihren letzten Stunden durchleben musste.
Ritter fühlte eine unbändige Wut in sich aufsteigen. Wer folterte und ermordete denn eine Frau? Was hatte sie gewusst oder getan, was ihr dieses Schicksal eingebracht hatte?
Er riss sich von seinen Gedanken los und wandte sich an seinen Partner: »Die Ärmste sieht verdammt übel aus! Hoffentlich können wir das Schwein erwischen! Aber wenn ich mich hier so umschaue, fürchte ich, dass es nur wenige Hinweise geben wird.« Nach einem kurzen Augenblick fragte er: »Wo sind die Sachen der Frau?«
»Es gibt keine. Wir haben sie unbekleidet gefunden.«
Ritter zog die Stirn kraus. Aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit wusste er, dass Leichen noch am Tatort entkleidet wurden, um unter der Kleidung befindliche Wunden oder andere Auffälligkeiten entdecken zu können. Daraus konnten sich Rückschlüsse ergeben, nach welchen Spuren ganz konkret gesucht werden musste. Aber das erübrigte sich in diesem Falle. Allerdings würde das Fehlen der Kleidung die Identifizierung der Toten zusätzlich erschweren.
Ritter betrachtete nochmals die gesamte Szenerie und dann die Tote. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Es gibt einen Zeugen, sagst du? Hat er den Mord gesehen?«
»Nein, nur wie die Tote hier abgelegt worden ist.«
»Also kann er den Täter beschreiben?«
»Keine Ahnung, soweit war ich noch nicht.«
»Gut, dann reden wir jetzt mit ihm. Wo ist er?«
Krüger führte seinen Kollegen zu einem abseits stehenden Mann und stellte vor: »Das ist Harald Bauer, genannt Harry. Er hat zwei Personen beobachtet, die etwas in die Grube für das Fundament geworfen haben. Nach seiner Einschätzung handelt es sich bei den beiden Personen um Männer. Nachdem sie weggefahren waren, hat er nachgesehen und die Leiche gefunden. Da er kein Mobiltelefon besitzt, musste er erst eine Telefonzelle suchen, von der er einen Notruf abgesetzt hat. Das hat einige Zeit gedauert, denn von den Dingern gibt es ja kaum noch welche.«
»Wann haben Sie denn die beiden Personen beobachtet?«, fragte Ritter und wandte sich dem Zeugen zu. Nach einem kurzen, musternden Blick versprach sich der Hauptkommissar nichts von der Aussage, denn der Zeuge entsprach mit seinem langen, fettigen Haar, dem verfilzten Bart und seinem ungepflegten Aussehen dem gängigen Klischee eines Obdachlosen. Aus Erfahrung wusste er, dass diese Personengruppe nicht zuletzt wegen ihres hohen Alkoholkonsums nur äußerst selten brauchbare Zeugen waren.
Bauer waren die Blicke und die Stirnfalten von Ritter nicht entgangen. Er wusste, was sein Gegenüber gerade dachte, aber es war ihm egal. Wichtig war nur, dass er alle Informationen lieferte, die er hatte.
»Also nochmal: Wann haben Sie die beiden Personen bemerkt?«
»Das muss so gegen ein Uhr gewesen sein, Herr Kommissar.«
Ritter sah sich demonstrativ um, bevor er fortfuhr: »Hm, ich sehe keinen Hund bei Ihnen. Darf ich fragen, was Sie zu einer solch späten Stunde in einem menschenleeren Gewerbegebiet zu tun hatten?«
»Ja, na klar, ich verstehe, dass Sie misstrauisch sind bei so einem wie mir. Aber hier draußen ist es nachts immer so ruhig, da kann ich in Ruhe schlafen. Ich bin Berber, wie Sie sich ja bestimmt schon gedacht haben, und in der Stadt weiß man nie, was da für Bekloppte unterwegs sind. Da werden Leute wie ich nur so zum Spaß zusammengeschlagen oder sogar angezündet«, erklärte Bauer mit ruhiger Stimme.
Ritter nickte. Diese Zustände waren inakzeptabel, genau wie der Umstand, dass überhaupt Menschen auf der Straße oder unter freiem Himmel schlafen mussten. Zudem wusste er, dass die Akten zu Angriffen gegen Obdachlose bei der Polizeidirektion Hannover bereits unzählige Regalmeter füllten. Leider konnten nur in sehr wenigen Fällen die Täter ermittelt werden.
Er sah Bauer ins Gesicht: »Sie haben also einen Schlafplatz gesucht? Hier? Nichts anderes? Also haben Sie keine feste Anschrift?«
»Ich sagte doch schon, dass ich Berber bin. Oder Obdachloser, oder Penner - Sie können sich die Bezeichnung aussuchen.«
»Also gut, Herr Bauer, Sie haben hier also einen Schlafplatz gesucht – was ist dann passiert?«
»Ja, also, das war so: Ich habe da drüben hinter dem Busch geschlafen. Es war wohl nicht so ganz in Ordnung, dass ich dafür über den Zaun geklettert bin, aber wenn mich hier draußen doch irgendwelche Bekloppten überfallen sollten, würde mich ja niemand hören. Also bin ich über den Zaun auf diese Seite geklettert – ich habe einen leichten Schlaf, und wenn irgendwelche Gestalten an mich heranwollten, müssten sie als erstes über den Zaun – und ich hätte ein paar Sekunden Vorsprung. Diese Schläger laufen nicht gerne, also hätte ich mit jeder Sekunde Vorsprung größere Chancen, ihnen zu entkommen…«
Mit einer leicht unwirschen Handbewegung stoppte der Hauptkommissar den Redefluss des Zeugen.
»Okay, okay – Sie haben also auf der Seite der Baustelle hinter einen Gebüsch gelegen, um zu schlafen. Was ist dann passiert?«
»Mitten in der Nacht bin ich vom Brummen eines Motors aufgewacht. Zuerst dachte ich, dass ein Sicherheitsdienst seine Patrouille fährt, aber dann habe ich gesehen, wie zwei Personen nach dem Öffnen des Tores hier an das leere Fundament gefahren sind. Sie haben ein komisches Paket aus dem Kofferraum genommen und hier hineingeworfen. Dann haben sie alles mit den Steinen abgedeckt, die hier als Haufen herumlagen. Als sie fertig waren, sind die beiden wieder weggefahren. Ich habe noch etwas gewartet und bin dann nachsehen gegangen. Na ja, dabei habe ich die Frau gefunden und bin gleich los, um die Bu… äh, die Polizei zu rufen.«
»Haben Sie das Kennzeichen des Wagens erkennen können?«
»Nee, der Wagen war dafür viel zu weit weg. Außerdem war es ja dunkel und meine Augen sind auch nicht mehr so gut wie früher, aber ich kann mir halt keine Brille leisten. Das tut mir jetzt echt leid für Sie! Aber der Wagen war so ein Kombi, kein Kleinwagen, das habe ich genau erkannt.«
»Na, das ist ja immerhin etwas. Haben Sie vielleicht auch die Farbe des Wagens erkennen können?«
»Nee, nicht so richtig, es war ja dunkel. Aber er hatte so eine dunkle Farbe, vielleicht Schwarz, vielleicht Dunkelblau. Irgend so etwas in der Richtung, das in den Schatten der Nacht untergeht. Aber was genau das für eine Farbe war, weiß ich leider nicht.«
Ritter stöhnte innerlich auf. Nun hatten sie endlich mal einen Zeugen, der aber keinerlei brauchbare Informationen liefern konnte. Ohne große Hoffnung stellte er trotzdem die üblichen Fragen: »Können Sie denn die beiden Fahrzeuginsassen etwas näher beschreiben?«
»Nee, das kann ich leider auch nicht. Die waren ja auch weit weg, genau wie das Auto. Und sie waren beide dunkel gekleidet.«
‚Was für eine Überraschung‘, dachte Ritter, ‚als ob Typen, die mitten in der Nacht eine Leiche entsorgen wollen, mit Glitzeranzügen herumlaufen würden.‘
»Aber«, unterbrach Bauer die Gedanken des Kommissars, »die beiden Gestalten schienen mir gleich groß zu sein. Vielleicht hilft Ihnen das ja weiter?« Beifall heischend sah er die beiden Kommissare der Reihe nach an.
Ritter atmete tief ein und warf einen Blick hinüber zu seinem Kollegen. Krüger mischte sich nun rasch ein und sagte: »Ja, Herr Bauer, das ist ein sehr interessanter Hinweis. Vielen Dank für Ihre Hilfe! Die Kollegen werden in einem der Polizeiwagen Ihre Aussage zu Protokoll nehmen.«
»Äh, also«, druckste Bauer herum, »ich habe Platzangst und bekomme in Fahrzeugen immer Herzrasen und Beklemmungen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich nachher zu Fuß bei Ihrer Dienststelle vorbeikomme?«
Krüger warf einen Blick zu Ritter hinüber. Der zuckte nur mit den Schultern.
»Also gut, kommen Sie nachher gleich zu uns in die Polizeidirektion in der Waterloostraße. Kennen Sie den Weg dorthin?«
Bauer nickte und entfernte sich schlurfend.
Als ihr Zeuge gegangen war, berieten sich die beiden Kommissare.
»Glaubst du ihm die Sache mit dem Schlafplatz?« Das Misstrauen in Krügers Stimme war nicht zu überhören.
»Nein, aber ansonsten ist hier alles in Ordnung, insbesondere die Schlösser an den Baucontainern sind unversehrt. Das habe ich schon überprüft. Wenn er hier also etwas vorgehabt hat, ist er von den beiden Personen mit der Leiche überrascht worden. Außerdem: Wenn er schon ein Schloss geknackt gehabt hätte, bezweifle ich sehr, dass er uns informiert hätte. Entweder wäre er getürmt, als der Wagen kam, oder er hätte geschwiegen.«
»Ja, wahrscheinlich hätte er dann nicht bei uns angerufen.« In Gedanken fügte Ritter hinzu: ‚Dann würde ich jetzt noch schlafen, anstatt bei dieser Affenhitze hier herumzustehen.‘ Gleich darauf schalt er sich jedoch insgeheim wegen dieses Gedankens, denn es ging immerhin um einen bestialischen Mord.
Während der Befragung des Zeugen Bauer war Doktor Leber von der Gerichtsmedizin eingetroffen. Sein Name sorgte im Zusammenhang mit seinem Beruf stets für Heiterkeit, gerade unter den neuen Kollegen. Doktor Leber blieb das nicht verborgen und er revanchierte sich dann bei Anwesenheit von diesen Kollegen mit besonders unschönen Autopsien, bevorzugt an Wasserleichen.
Die beiden Kommissare wussten, dass der Gerichtsmediziner jede Unterbrechung seiner Arbeit hasste, weshalb sie sich zunächst an den Leiter der Spurensicherung wandten. Dessen Leute waren gerade dabei, ihre Sachen zu packen und in die Fahrzeuge zu verladen.
Nach einer kurzen Begrüßung kam Ritter unverzüglich zur Sache: »Also, Ewald, was hast du für uns?«
Ewald Danner war zwar mit seinen 1,65 Meter recht klein, dafür aber sehr drahtig. Er hatte sein gesamtes Berufsleben bei der Kriminaltechnik verbracht. Inzwischen gehörte er zur Gruppe der Endfünfziger und hatte schon so viele Tatorte und Leichenfundorte gesehen, dass er sie nicht mehr zählen konnte. Dafür hatte er während seiner Berufslaufbahn einen unglaublichen Spürsinn entwickelt. Seinem geübten Auge und den Blicken des von ihm geschulten Teams entging nicht das Geringste.
Hier aber war er an seine Grenzen gestoßen: »Nichts, Leute, wir haben rein gar nichts für euch«, lautete seine knappe Antwort, »keine Fingerabdrücke, keine DNA-Spuren, keine Zigarettenkippen, keine Faserspuren – einfach nichts. Dafür haben wir neben der Aushebung für das Fundament Reifenspuren entdeckt, die wir gesichert haben. Fragt mich jetzt aber nicht, von was für einem Wagen die stammen könnten, denn das kann ich jetzt noch nicht sagen!«
»Schon gut, dann warten wir eben. Wann bekommen wir den Bericht?«
»So schnell wie möglich. Also alles wie immer – du weißt ja, wie das läuft.«
»Ja«, nickte Ritter, »das weiß ich wohl. Trotzdem hoffe ich immer auf deutliche Spuren, die uns rasch zum Täter führen.«
»Träum weiter!« lachte Danner und ging zu den Fahrzeugen seines Teams.
Die beiden Kommissare sahen ihm nach.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Krüger.
Ritter warf einen Blick in Richtung des Gerichtsmediziners.
»Komm, lass uns mit Doktor Leber reden. Er scheint mit seiner Leichenschau fertig zu sein.«
Tatsächlich zog sich dieser gerade die Handschuhe aus und gab das Zeichen zum Abtransport der Leiche in die Gerichtsmedizin. Dort würde er sie dann intensiv untersuchen.
Die beiden Kommissare traten auf den Arzt zu. Ritter schlug einen jovialen Ton an: »Hallo Doktor, eine schöne Nacht, eigentlich viel zu schön, um an einem Ort wie diesem eine Leiche zu untersuchen, nicht wahr?«
»Ich habe mir diesen Beruf ausgesucht, also lebe ich mit seinen Begleiterscheinungen«, kam die leicht geknurrte Antwort.
»Ja, das sage ich mir - und vor allem meiner Frau – auch immer wieder.« Dann lenkte Ritter das Gespräch diskret auf die Leiche: »Können Sie uns denn schon ein paar Informationen über die Tote geben?«
»Es ist eine Frau und sie ist tot«, erklärte der Arzt unwirsch.
»Ja, das es eine Frau ist, sehe ich auch. Nun, und dass sie tot ist, versteht sich ja von selbst, denn sonst wäre ich nicht hier. Aber was ist die Todesursache?«
Doktor Leber blickte den Hauptkommissar an, als ob er an dessen Verstand zweifeln würde.
»Haben Sie sich die Tote mal etwas genauer angesehen? Da gibt es nicht die übliche Wunde, die zum Tod geführt hat, sondern ein Sammelsurium an verschiedenen Verletzungen. Keine Ahnung, welche davon tödlich war. Da muss ich in aller Ruhe ganz genau hinschauen, welche Verletzung was für eine Wirkung gehabt hat. Das kann dauern, also gehen Sie mir nicht gleich mit ihren Fragen nach der Todesursache oder der Tatwaffe auf die Nerven.« Ein warnender Blick traf Frank Ritter.
Der beeilte sich, schnell zu versichern: »Ja, nein, ist klar, das braucht alles seine Zeit, keine Frage. Aber, äh... haben Sie schon einen Hinweis auf den Todeszeitpunkt? Wir wollen ja so schnell wie möglich an die Arbeit und ohne Todeszeitpunkt fehlt uns neben dem Tatort ein weiterer wesentlicher Anhaltspunkt.«
Doktor Leber seufzte demonstrativ auf. Dann dozierte er: »Bei der Wärme heute Nacht fragen Sie jetzt nach dem Todeszeitpunkt? Witzbold, wie soll ich denn da auf die Schnelle eine seriöse Einschätzung abgeben können? Das wäre doch alles nur Spekulation. Sie müssen schon meinen Obduktionsbericht abwarten.«
Jetzt mischte sich Krüger ein: »Ja, das verstehen wir natürlich, Herr Doktor, aber bitte verstehen Sie auch uns: Das hier ist ein Verbrechen, wie es aufgrund der Brutalität vor allem die Boulevardpresse interessieren wird. Da steht der Staatsanwalt gleich mächtig unter Druck, und den wird er sofort um ein paar Schippen erhöhen und an uns weitergeben. Deshalb brauchen wir irgendetwas, um ihn zumindest vorübergehend ruhigstellen zu können. Und natürlich: Je eher wir einen Hinweis haben, desto eher könnten wir erste Ergebnisse erzielen. Wenn Sie uns mit ihrer enormen Erfahrung schon mal vorab und ganz unverbindlich einen Tipp zum Todeszeitpunkt geben würden, könnten wir sofort loslegen.« Krüger warf Doktor Leber einen Blick voller Hochachtung zu: »Jemand mit Ihrer Erfahrung hat doch garantiert schon auf den ersten Blick seine Vermutungen, nicht wahr?«
Ob sich der Gerichtsmediziner von dem Lob geschmeichelt fühlte oder ob er einfach nur einen seiner seltenen guten Tage hatte, war nicht zu erkennen. Entscheidend war seine Reaktion, die tatsächlich in einer Antwort bestand: »Auf den ersten Blick hat die Frau viele Verletzungen, aber nach meiner ersten Einschätzung, und ich betone: ersten Einschätzung!, war keine davon tödlich. Dafür dürfte aber jede einzelne außerordentlich schmerzhaft gewesen sein. Eine solche Intensität an Schmerzen kann kein Organismus längere Zeit durchhalten. Ich gehe daher zunächst von Herzversagen als Folge der Folterung aus.« Etwas nachdenklich fügte er hinzu: »Den Todeszeitpunkt zu bestimmen ist da schon etwas schwieriger. Ich melde mich, so schnell es geht.«
»Ja, aber…«
»Ich muss ein paar Sachen überprüfen, weil auf den ersten Blick nicht alles stimmig zu sein scheint. Wie gesagt: Ich werde mich melden, sobald ich Ergebnisse habe!«
Um weitere Nachfragen zu verhindern, machte sich Doktor Leber eilig auf den Weg in die Rechtsmedizin, um gemeinsam mit einem seiner Assistenten die Obduktion vorzunehmen.
Ritter wandte sich an seinen Kollegen: »Na ja, wir sollten hier wohl auch Schluss machen, denn der Fundort ist ja von unseren Leuten gründlich untersucht worden. Außerdem werden wir um diese Zeit nicht weiterkommen. Der Fundort soll aber weiträumig abgesperrt werden, damit wir ihn bei Tageslicht erneut begehen können. Ab wann sind die Bauarbeiter hier?«
»Spätestens gegen acht Uhr sollten sie wohl hier sein, aber genau weiß ich das nicht. Wir könnten aber zumindest den Bauleiter gleich herbestellen.«
»Nein, der kommt ja nachher ohnehin von ganz alleine. Ich schlage vor, dass wir jetzt erstmal nach Hause fahren, duschen und frühstücken. Wir treffen uns dann nachher im Büro und fahren zusammen hierher. Bis dahin sollen ein paar unserer uniformierten Kollegen den Fundort abriegeln und sichern, damit die Bauarbeiter den Fundort der Leiche nicht gleich verändern. Vielleicht müssen wir ihn später doch noch mal unter die Lupe nehmen.«
»Geht klar! Ich sage den Kollegen gleich Bescheid. Ich fahre danach aber trotzdem sofort ins Büro und gehe schon mal die Vermisstenfälle durch.« Mit einem Grinsen fügte Krüger hinzu: »Als Single kann ich mir das erlauben.« Gleich darauf wurde er wieder ernst: »Hoffen wir mal, dass das nicht der Auftakt zu einer ganzen Mordserie ist!«
»Ja, das hoffe ich auch. Aber mein Gefühl sagt mir, dass etwas Größeres dahinter steckt.«
»Intuition?«
»Lach ruhig, aber mein Bauchgefühl hat sich bisher nur selten getäuscht. Hoffentlich ist das eine dieser wenigen Gelegenheiten. Eine Mordserie, bei der die Opfer bestialisch gefoltert werden, würde eine riesige Panik in der Bevölkerung auslösen – ganz zu schweigen, was die Boulevardpresse daraus machen würde!«
Betreten verließen die beiden Ermittler die Baustelle.
Als Ritter einige Zeit später frisch geduscht und in neuer Kleidung sein Büro betrat, nahm er sofort den frischen Kaffeeduft wahr. Sein Team kannte ihn sehr genau und wusste, dass er nach einer solchen Nacht als erstes Koffein brauchte, um seine grauen Zellen aufzuwecken. Es wunderte ihn nicht, dass seine Kollegen Nicole Sievers und Holger Tandler ebenfalls schon im Büro waren. Bernd Krüger hatte die beiden bereits grob über den Leichenfund unterrichtet.
Nach einer der Müdigkeit geschuldeten einsilbigen Begrüßung schenkte sich Ritter erstmal einen Kaffee ein und ließ sich seufzend auf seinen Schreibtischstuhl fallen. Dann nippte er genüsslich an dem frisch aufgebrühten Getränk. Prompt verbrannte er sich die Zunge.
»Vorsicht, heiß!«, warnte ihn Krüger überflüssigerweise und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Natürlich war der Kaffee so heiß wie immer und Ritter wusste das, aber trotzdem verbrannte er sich immer wieder den Mund daran.
»Schon gut, weiß ich doch. Die beiden sind informiert?« Er deutete auf Sievers und Tandler. Als sein Kollege nickte, fuhr er fort: »Und was ist mit deinem Arbeitseinsatz in den frühen Morgenstunden? Hast du irgendetwas über unsere Tote in Erfahrung bringen können?«
»Ja und Nein. Die Tote ist nicht in unserer Vermisstendatei, also habe ich vorhin eine bundesweite Anfrage rausgeschickt. Mal schauen, ob uns das was bringen wird.«
»Wenn sie hier umgebracht worden ist, muss sie sich auch in Hannover oder dem Umland aufgehalten haben.«
»Na ja, noch steht ja nicht fest, ob es ein Mord war. Doktor Leber hat von Herzversagen gesprochen – wenn sie eine Anhängerin von harten Sadomaso-Spielen war, könnte auch eine Session fürchterlich schief gegangen sein. Dann wäre es ein Unfall. Der Spielpartner bekommt Panik, ruft einen Freund an und gemeinsam versuchen sie die Leiche loszuwerden. Der Unfall muss nicht hier passiert sein, sondern es könnte auch in einer der Nachbarstädte gewesen sein, also Lehrte, Peine...«
