9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €
Staufer-Zeit, das Heilige Land und eine Frau in Ritter-Rüstung: Im Mittelalter-Roman »Ritter Constance« von Bestseller-Autorin Iny Lorentz reist Gräfin Constance als Ritter verkleidet nach Palästina, um ihren Mann zu retten. Frankreich Ende des 12. Jahrhunderts: Nur wenige Wochen sind Constance, der Vize-Gräfin von Laronne, an der Seite ihres geliebten Ehemannes Raoul vergönnt, dann muss er dem Aufruf zum Kreuzzug nach Palästina Folge leisten. Kaiser Friedrich Barbarossa, König Philippe II. August von Frankreich und König Richard Löwenherz von England ziehen mit ihren Rittern aus, um Palästina und die Stadt Jerusalem von Sultan Saladin zurück zu erobern. Als Constance erfährt, dass Raoul von einem rachsüchtigen Sarazenen-Fürsten gefangengenommen wurde, fasst sie einen ebenso kühnen wie gefährlichen Plan: Um ihren Ehemann zu retten, folgt sie ihm als angeblicher Kreuzritter ins Heilige Land. Die Verkleidung ist ihre einzige Chance auf eine sichere Reise, obwohl es als Verbrechen gegen die Gesetze Gottes schwer bestraft werden kann. In Jerusalem angekommen, ist eine Strafe von Kaiser oder Kirche jedoch bald Constances geringstes Problem … Bestseller-Autorin Iny Lorentz steht für hochspannende, sorgfältig recherchierte historische Romane, in denen auch große Gefühle nicht zu kurz kommen. Entdecken Sie auch die anderen Mittelalter-Romane von Iny Lorentz: - Die Saga von Vinland (Norwegen und Island) - Die Rose von Asturien (Spanien) - Die Löwin (Italien) - Die Pilgerin (Deutschland und Spanien) - Die Wanderhuren-Reihe (Deutschland)
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 841
Veröffentlichungsjahr: 2022
Iny Lorentz
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Frankreich Ende des 12. Jahrhunderts: Nur wenige Wochen sind Constance, der Vize-Gräfin von Laronne, an der Seite ihres geliebten Ehemannes Raoul vergönnt, dann muss er dem Aufruf zum Kreuzzug nach Palästina Folge leisten. Kaiser Friedrich Barbarossa, König Philippe II. August von Frankreich und König Richard Löwenherz von England ziehen mit ihren Rittern aus, um Palästina und die Stadt Jerusalem von Sultan Saladin zurück zu erobern.
Als Constance erfährt, dass Raoul von einem rachsüchtigen Sarazenen-Fürsten gefangengenommen wurde, fasst sie einen ebenso kühnen wie gefährlichen Plan: Um ihren Ehemann zu retten, folgt sie ihm als angeblicher Kreuzritter ins Heilige Land. Die Verkleidung ist ihre einzige Chance auf eine sichere Reise, obwohl es als Verbrechen gegen die Gesetze Gottes schwer bestraft werden kann. In Jerusalem angekommen, ist eine Strafe von Kaiser oder Kirche jedoch bald Constances geringstes Problem …
Karte
Erster Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
Zweiter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Dritter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Vierter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
Fünfter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Sechster Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
Siebter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
Achter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
Neunter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Zehnter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Elfter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
Zwölfter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
Dreizehnter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
Historischer Hintergrund
Glossar
Grafik nicht lesbar? Sie finden die Abbildung auch unter diesem Link: https://www.droemer-knaur.de/ritter-constance-karte
Der Preis für ein Lied
Bernard verehrte seinen vor einem Jahr verstorbenen Herrn und hätte jeden niedergeschlagen, der es wagte, diesen zu schmähen. Bei der Erziehung seiner Tochter allerdings hatte Sébastien, Vizegraf von Laronne und Herr von Beljeux, in seinen Augen völlig versagt. Er warf einen erbosten Blick auf die junge Frau, die vor ihm auf einem großrahmigen Hengst ritt. Constance von Laronne und Beljeux saß wie ein Mann im Sattel. Das konnte sie vielleicht zu Hause tun, aber nicht, wenn sie vor solch hohe Herren wie Philippe II., den König von Frankreich, und dessen Vasallen, Herzog Richard von der Normandie, treten wollte.
Um wenigstens einen Rest von Schicklichkeit zu wahren, hatte Constance auf Hosen verzichtet und sich für einen im Schritt geteilten Rock entschieden. Dabei hätte sie Bernards Meinung nach seinem Rat folgen und sich hinter seinen Sattel auf ein Polster setzen müssen, wie es sich für eine Dame geziemte.
»Dafür bin ich zu schwer und würde deinen wackeren Saulus nur unnötig belasten«, hatte sie ihm lachend geantwortet.
Bernard schnaubte bei dieser Erinnerung, denn sein braver Saulus konnte noch viel mehr tragen. Zwar war Constance groß, aber gewiss nicht zu schwer. Bereits ihre Mutter war hochgewachsen gewesen, und ihren Vater Sébastien hatte man den Hünen von Laronne genannt. Es war daher kein Wunder, dass die Tochter alle Frauen überragte, die er kannte, und auch einen nicht gerade geringen Teil der Männer. Zu allem Überdruss hatte Vicomte Sébastien sein einziges überlebendes Kind nicht wie ein Mädchen erzogen, wie es richtig gewesen wäre, sondern wie einen Jungen aufwachsen lassen. Constance konnte nicht nur reiten wie ein Mann, sie vermochte sogar das Schwert zu schwingen und übertraf mit Pfeil und Bogen jeden, der es bisher gewagt hatte, sich mit ihr zu messen. Bei dem Gedanken stieg Bernards Ärger, und er trieb seinen Saulus an, um zu seiner Herrin aufzuschließen.
»Es ist nicht richtig, dass Ihr Euch selbst auf den Weg zum König und zum Herzog gemacht habt. Ihr hättet mich mit einer Botschaft zu ihnen senden und auf ihre Antwort warten sollen«, tadelte er sie.
Constance wandte sich ihm mit einem fröhlichen Lächeln zu. »Mein Vater lehrte mich, wichtige Dinge selbst zu tun und rasch zu erledigen. Ihr könnt nicht sagen, dass meine Belange nicht wichtig sind, denn sie betreffen nicht nur mich und meinen Besitz, sondern auch das Königreich und das Herzogtum.«
Damit hatte sie zwar recht, dennoch war Bernard der Meinung, dass er König Philippe II. und Herzog Richard gewiss besser hätte erklären können, welche Folgen der Tod seines Herrn für dessen Besitz besaß. Beljeux war ein Lehen der Normandie und Ritter Sébastiens Eigenbesitz gewesen, und so konnte seine Tochter es erben. Anders sah es jedoch mit Laronne aus. Ritter Sébastiens Großvater hatte es vom damaligen französischen König Louis VI. als Schwertlehen erhalten, so dass es nur im Mannesstamm vererbt werden konnte. Nun waren die beiden Herrschaften im Lauf der Jahre zusammengewachsen und bildeten eine Einheit, die nur schwer aufzutrennen sein würde.
»Mein Vater lehrte mich noch eines, nämlich stets für mich selbst einzutreten und mich nicht auf andere zu verlassen«, fuhr Constance fort. »Damit will ich Euch nicht kränken, mein alter Freund. Ich sehe es jedoch als meine Pflicht an, für die Menschen zu sprechen, für die ich als Tochter meines Vaters verantwortlich bin.«
»Es gehört sich nicht für eine Frau, sich in den Vordergrund zu drängen. Eine Dame sollte zurückhaltend und sittsam sein und …«
»… und vom Fenster ihrer Kemenate aus zusehen, wie die Männer Unsinn machen!«, antwortete Constance schärfer, als sie es beabsichtigt hatte.
Die Moralpredigten ihres Gefolgsmanns ärgerten sie zunehmend. Als sie sich kurz zu dessen Sohn umblickte, stellte sie fest, dass um dessen Mundwinkel ein Lächeln schwang. Benoît war siebzehn und damit vier Jahre jünger und eine Handbreit kleiner als sie, und er ließ sich deutlich anmerken, dass er in dieser Sache auf ihrer Seite und nicht auf der seines Vaters stand.
»Ihr wollt mich einfach nicht verstehen!«, klagte Bernard.
»Ich verstehe Euch sehr gut, mein Freund, und würde auch Euren Rat befolgen, wenn die Sache nicht so kompliziert wäre. Oder habt Ihr tatsächlich diesen verfluchten Sylvain de Ronceau und dessen Söhne Beauvais und Damien Tête de Taureau vergessen?«
Constance zischte bei ihren Worten leise, denn der »Stierkopf«, wie Damien de Ronceau von jenen genannt wurde, die ihn kannten, war in den letzten Monaten zu einem Problem für sie geworden.
»Ich weiß sehr wohl, dass Ritter Damien um Eure Hand angehalten hat«, antwortete Bernard gekränkt.
»Die ihm aber nur Herzog Richard gewähren kann! Ich bin mir gewiss, dass der Stierkopf diesen aufsuchen und darum bitten wird. Damit aber werden Laronne und Beljeux nach so vielen Jahren auseinanderbrechen, denn König Philippe II. wird Damien niemals zum Vizegrafen von Laronne ernennen. Die Einheit der beiden Herrschaften allerdings wird erhalten bleiben, wenn ich einem Mann angetraut werde, mit dem sowohl der König wie auch Herzog Richard einverstanden sind.« Constance blickte ihren Vertrauten durchdringend an. »All die Jahre sah es so aus, als würde es nie dazu kommen. König Philippe II. und Herzog Richards Vater Henri II. standen einander als Feinde gegenüber. Nun aber ist Henri tot und sein Sohn nicht nur Herzog der Normandie, sondern auch König von England geworden. König Philippe II. und Herzog Richard eint der Wille, Jerusalem und das Heilige Grab aus der Hand der Heiden zu befreien. Sie wollen beide das Kreuz nehmen und gemeinsam siegen. Zu diesem Zweck treffen sie sich morgen. Wenn ich vor sie trete und meine Bitte vorbringe, müssen sie diese erfüllen, um vor der Welt ihre Einigkeit zu bezeugen.«
Bernard hielt seine Herrin für allzu optimistisch. Auch wenn die Gedanken von König Philippe II. und Herzog Richard, der zudem Herzog von Aquitanien und König von England war, derzeit der Befreiung des Heiligen Landes galten, würden sie ihre eigenen Interessen darüber gewiss nicht vernachlässigen. Für beide stellten die vereinigten Herrschaften Laronne und Beljeux ein Problem dar, da sie sowohl zum Königreich wie auch zum Herzogtum zählten und derjenige, der sie als Lehen besaß, Philippe II. und Richard gleichermaßen verpflichtet war. Die beiden Herrscher dazu zu bewegen, gemeinsam einen Ehemann für die Erbin zu bestimmen, hielt er für unmöglich. Bevor Bernard jedoch etwas auf Constances Worte antworten konnte, klang die helle Stimme seines Sohnes auf.
»Ich sehe Reiter vor uns und – bei Gott, Damien de Ronceau und sein Bruder Beauvais führen sie an!«
Constance begriff in diesem Moment, dass sie einen fatalen Fehler begangen hatte. In ihrem Bestreben, mit König Philippe II. und Herzog Richard sprechen zu können, hatte sie nicht daran gedacht, dass Damien und Beauvais de Ronceau denselben Weg nehmen würden. Sie musterte den Reitertrupp, der eine knappe Bogenschussweite vor ihnen anhielt, um ihnen den Weg zu verlegen, und fragte sich, was sie tun sollte. Eine Möglichkeit war es, umzukehren und zu versuchen, ihr Ziel auf einem anderen Weg zu erreichen. Die andere, auf ihr Glück zu vertrauen und weiterzureiten.
»Ich schlage vor, wir wenden die Rosse und reiten heim«, schlug Bernard vor.
Das aber wollte Constance unter keinen Umständen, denn damit würde sie den Ronceaus freie Hand geben, Herzog Richard zu einer Entscheidung zu bringen, die sie nicht wollte.
»Wir reiten weiter! Der Stierkopf wird es nicht wagen, uns aufzuhalten«, sagte sie daher.
Als sie ihren Hengst antrieb, war ihr trotz ihrer Worte mulmig zumute. Damien de Ronceau war dafür bekannt, dass er sich wenig um seinen Ruf scherte. Zum Fliehen war es jedoch zu spät, denn die Reitergruppe galoppierte auf sie zu.
Constances rechte Hand wanderte zum Schwertgriff, bereit, die Waffe auch zu benutzen, wenn es nötig sein sollte. Neben ihr fluchte Bernard leise, und sie begriff, dass es wieder einmal ihrer Sturheit galt – wie er es nannte. »Nun wisst Ihr, weshalb ich ohne Euch zum König und zum Herzog reiten wollte, Konstanze! Die Ronceaus sehen nämlich nicht so aus, als wollten sie uns weiterreiten lassen.« Wenn Bernard de Hautemaison, der als Bernhard von Hohenheim irgendwo im fernen Deutschland geboren worden und im Gefolge ihrer Mutter nach Laronne und Beljeux gekommen war, ihren Namen auf Deutsch betonte, war er sehr zornig auf sie. Constance war jedoch noch ungehaltener über sich selbst. Sie hatte gewusst, dass die Ronceaus ebenfalls zum Herzog reiten würden. Es wäre daher klüger gewesen, einen anderen Weg einzuschlagen, auch wenn dieser länger und mühseliger gewesen wäre.
Damien de Ronceau war ein großer, breitschultriger Ritter, der auf einem schwarzen Hengst mit starkem Hufbehang saß. Nun musterte er die junge Frau vor sich mit einem zufriedenen Blick. Für die meisten Männer mochte Constance zu groß sein. Er jedoch konnte ihr zu ebener Erde auf den Scheitel schauen. Außerdem versprach eine Frau wie sie kräftige Söhne. Für ihre Größe war sie zudem sehr schön zu nennen, auch wenn sie vielleicht noch etwas schmal war für seinen Geschmack. Aber das würde sich spätestens nach dem ersten Kind ändern.
Auf seinen Wink umringten seine Begleiter die kleine Gruppe, hielten sich aber weit genug von Constance und ihren beiden Begleitern fern, um nicht durch einen überraschenden Schwertstreich Schaden zu nehmen. Die junge Frau sah nämlich ganz so aus, als wolle sie ihnen am liebsten die Schädel spalten. Unterschätzen, das wusste Damien, durfte er Constance nicht. Ihr Vater hatte seiner Tochter beigebracht, dass ein Schwert nicht zum Kuchenanschneiden gedacht war. Während Damien Constance weiter musterte, dachte er amüsiert, wie gut es war, dass ihre hellen Augen zwar zornig aufflammen, aber keine Blitze oder Pfeile schleudern konnten. In dem Fall wäre er jetzt wohl schon tot.
Mit einem gewissen Spott deutete er eine Verbeugung an. »Ich freue mich, Euch zu sehen, Jungfer Constance!«
»Ich mich weniger!«, gab Constance erregt zurück.
»Die Freude wird schon noch kommen. Spätestens nach unserer Hochzeit ist sie da.« Damien lächelte erwartungsvoll. Ebenso, wie es ihn drängte, mit ihr ins Bett zu kommen, freute er sich darauf, dieses stolze Mädchen zu zähmen.
»Ich werde Euch niemals heiraten!«, fauchte Constance ihn an.
»Das habt nicht Ihr zu entscheiden, meine Liebe, sondern unser gemeinsamer Lehnsherr Richard Cœur de Lion.«
Zu Constances Bedauern hatte er recht. Als Herzog der Normandie war Herzog Richard ihr Vormund und konnte ihr jeden Mann, der ihm einfiel, als Gemahl aufzwingen. Damit aber würde die Gemeinschaft von Beljeux mit Laronne enden und viele Familien auseinandergerissen werden. Um das zu verhindern, musste sie sowohl mit dem Herzog wie auch mit dem König von Frankreich reden. Voraussetzung aber dafür war, dass Damien de Ronceau sie weiterreiten ließ. Da es im Augenblick nicht so aussah, würde sie sich den Weg erkämpfen müssen. Ihr Herz verkrampfte sich bei diesem Gedanken. Dabei ging es ihr weniger um sie selbst, denn weder der Stierkopf noch dessen Gefolgsleute konnten es sich leisten, sie zu verletzen oder gar zu töten. Anders sah es jedoch mit Bernard und seinem Sohn aus. Zudem war Benoît noch ein halber Knabe und keinem der Mannen von Ronceau gewachsen.
»Lasst mich durch!«, forderte sie mit klirrender Stimme.
»Nur, wenn Ihr bei Gott und der Heiligen Jungfrau schwört, an meiner Seite vor Herzog Richard zu treten und ihn zu bitten, Euch mir als Gemahlin anzuvertrauen!« Damien grinste zufrieden. Entweder leistete Constance diesen Schwur, oder er würde sie unter der Aufsicht seines Bruders nach Ronceau bringen lassen. So oder so war er sich gewiss, die Zusage Richard Löwenherz’ zu einer Ehe mit ihr zu erhalten.
Für einen Moment war er sich seiner Sache zu sicher. Constance erkannte seine Unaufmerksamkeit, zog das Schwert und gab ihrem Hengst die Sporen.
»Flieht!«, rief sie. Das galt Bernard und Benoît. Gleichzeitig schwang sie ihr Schwert und überraschte Damien. Im letzten Augenblick lenkte einer seiner Begleiter ihre Waffe mit der seinen ab und keuchte einen Herzschlag später auf, als sie, den Schwung der Klinge ausnützend, den Hieb gegen ihn führte.
Constance traf ihn hart an der linken Schulter. Ein Kettenhemd hätte die Klinge aufgehalten. Auf dem Ritt zu Richard aber hatten Damien und seine Männer auf eine zu kriegerische Wehr verzichtet. Dieser Waffenknecht bezahlte es mit einer blutenden Wunde und hob sein Schwert, um es Constance heimzuzahlen.
Da klang gebieterisch der Ruf »Halt, ihr Schurken!« auf.
Unbemerkt von allen war eine Gruppe aus mehreren Reitern herangekommen, die offenbar ebenfalls den Ort aufsuchen wollten, an dem Philippe II. von Frankreich sich mit Richard Plantagenet treffen sollte.
Damien de Ronceau fuhr wütend herum, während Constance neue Hoffnung schöpfte. Rasch musterte sie die Neuankömmlinge. Es schien sich bei ihnen nicht um einen Herrn mit Gefolge zu handeln, sondern um junge Edelleute, die sich zusammengefunden hatten und nun auf dem Weg zum König waren.
Jener, der den Ronceaus Einhalt geboten hatte, trabte nun auf die Gruppe zu. Er ritt einen schneeweißen Hengst mit langer, geflochtener Mähne und einem mit blauen Bändern verzierten Schweif. Seine Tunika war weiß und blau geteilt und bestickt, ebenso der Umhang, den er eben über die rechte Schulter nach hinten schlug, damit sein Schwertarm nicht behindert wurde. Unter seiner Mütze quoll dunkles, sorgfältig gelocktes Haar hervor, und blaue Augen blickten entschlossen aus einem ebenmäßigen Gesicht, das von einem schmalen Schnurr- und einem kurzen Spitzbart verziert wurde. An der Hüfte trug er ein Schwert, dessen Griff er mit der Rechten umfasst hielt, und auf dem Rücken hing eine Laute.
Constance wusste nicht, wie sie den jungen Mann einschätzen sollte. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein Stutzer, doch der kühne Ausdruck seines Gesichts passte nicht so recht zu dem geschniegelten Äußeren.
»Was mischt Ihr Euch ein? Die Sache geht Euch nicht das Geringste an«, rief Damien verärgert.
»Ich soll zulassen, wie eine Jungfrau auf offener Straße von ein paar Schurken bedrängt wird?«, antwortete der Fremde und betrachtete Constance mit zweifelnden Blicken.
Ihrer Stimme nach und dem wehenden, weizenblonden Haar, das in der Sonne einen leichten Kupferschimmer aufwies, hatte er sie für eine Frau gehalten. So aber, wie sie zu Pferd saß, hätte sie auch ein Jüngling sein können. Nein, sagte etwas in ihm. Dafür war ihr Gesicht zu lieblich. Es war aber auch sehr wandelbar, denn nun trat ein entschlossener Ausdruck darauf, und sie wies mit dem Schwert auf den Anführer der Kerle, die ihr den Weg verlegt hatten. »Lenkt Eure Gäule zur Seite und lasst uns durch!«
In Damien tobte heiße Wut. So kurz vor dem Ziel den erhofften Preis wieder aus der Hand zu geben, bedeutete, dass Constance zu Herzog Richard reiten und sich über ihn beschweren würde. Ob dieser ihn dann noch mit der jungen Dame verheiratete, erschien ihm fraglich. Vicomte Sébastien hatte einen guten Ruf genossen, daher konnte Constance auf Richard Plantagenets Wohlwollen hoffen.
»Ergebt Euch in Euer Schicksal und werdet mein Weib!«, drängte Damien. »Wir können Ronceau und Beljeux so zusammenfügen, wie Beljeux es bisher mit Laronne war, nur viel fester, weil ich dann nur noch einen Lehnsherrn haben werde, und nicht zwei wie Euer Vater!«
»Höre ich die Namen Laronne und Beljeux? Dann seid Ihr gewisse Vicomtesse Constance«, meldete sich der stutzerhafte Fremde zu Wort.
Einer seiner Begleiter zupfte ihn am Ärmel. »Wollt Ihr Euch tatsächlich hier schlagen, Raoul?«
»Dieser Mann«, Raoul bedachte Damien de Ronceau mit einem verächtlichen Blick, »hat sich wie ein Wegelagerer benommen und diese junge Dame überfallen. Ich bin nicht bereit, dies zu dulden!«
»Wer seid Ihr, dass Ihr das Maul so aufreißt?«, fragte Damien de Ronceau wütend.
Der Ritter deutete im Sattel eine Verbeugung an. »Verzeiht, Herr Normanne, wenn ich es bisher an der gebotenen Höflichkeit fehlen ließ. Ich bin Raoul, genannt de Chanteur, und werde Euch gleich ein Liedlein singen, das Ihr nicht so rasch vergessen werdet.«
»Raoul, der Sänger? Seid Ihr überhaupt edlen Blutes?«, fragte Damien verächtlich.
»Mein Vater glaubt, mich mit meiner Mutter gezeugt zu haben, und er ist der Herr auf Château Lorris!«
»War die Mutter eine Kuhmagd?«, fragte Damien de Ronceau bissig.
»Sie ist von ebenso edlem Blut wie mein Vater. Da Ihr sie eben als Kuhmagd beleidigt habt, sehe ich mich gezwungen, Genugtuung von Euch zu fordern. Oder seid Ihr nicht zu einem Zweikampf bereit?« Raoul klang so verächtlich, dass Damiens Kopf rot anlief.
Der Stierkopf musterte sein Gegenüber und schätzte, dass der Mann fast einen Kopf kleiner war als er selbst. Zwar wirkte der Ritter nicht schwächlich, doch er glaubte, jederzeit mit ihm fertigzuwerden. Daher griff er zum Schwert und zog es mit einer schnellen Bewegung. »Für diese Unterstellung werdet Ihr mir geradestehen!«
Auch Raoul zog blank, und für einen Augenblick sah es so aus, als wollten sie umgehend aufeinander losgehen. Da drängte einer von Damiens Gefolgsleuten sein Pferd zwischen ihre beiden Rosse.
»Ihr seid Franzose?«, fragte er Raoul.
Dieser nickte. »Das bin ich!«
»Damien de Ronceau ist Normanne. Anlässlich ihrer Zusammenkunft haben König Philippe II. und Herzog Richard befohlen, dass in diesen Tagen kein Ritter aus Frankreich mit einem aus der Normandie kämpfen darf und umgekehrt.«
»So habe ich es auch gehört!«, meldete sich einer von Raouls Begleitern zu Wort. »Seid also vernünftig, meine Herren, und steckt die Schwerter wieder weg.«
»Ich habe die Herausforderung ausgesprochen und nehme sie erst zurück, wenn dieser Mann die junge Dame unbehelligt weiterreisen lässt«, erklärte Raoul und machte keinen Hehl aus seiner Bereitschaft zu kämpfen, wenn es notwendig sein sollte.
Damien de Ronceau sah aus, als wolle er am liebsten auf Raoul losgehen. Da legte ihm sein Bruder Beauvais die Hand auf seinen Arm. »Lass es gut sein! Diesen Zwerg zu erschlagen, bringt dir wenig Ruhm und erregt nur Aufsehen. Wir sollten weiterreiten und vor Herzog Richard treten. Wenn du ihn um Constances Hand bittest, wird er sie dir nicht verweigern, und wenn sie sich noch so sträubt! Folgen wir ihm dann auch noch ins Heilige Land, können wir ein Fürstentum oder gar ein Königreich erringen.«
»Euer Bruder hat recht!«, erklärte einer seiner Gefolgsmänner. »Was habt Ihr davon, Herzog Richard zu erzürnen? Wenn Ihr Euch in Palästina gut schlagt, erhaltet Ihr entweder dort oder auch hier in der Normandie genug Land und Constance de Laronne et de Beljeux als Braut gleich mit dazu!«
Constance wäre den Mann am liebsten mit blanker Klinge angegangen. Sie beherrschte sich jedoch und schob ihr Schwert in die Scheide zurück. »Gebt Ihr nun den Weg frei?«, fragte sie Damien de Ronceau hochmütig.
Dieser kaute verärgert auf den Lippen herum, befahl dann aber seinen Männern, ihr Platz zu machen.
Aufatmend lenkte Constance ihren Hengst auf Raoul zu und sah aus dem Augenwinkel, dass Bernard und dessen Sohn ihr folgten. Beide waren unversehrt, und das erleichterte sie sehr.
Obwohl die beiden Gruppen dasselbe Ziel hatten, hielten sie voneinander Abstand. Damien de Ronceau kochte vor Wut, weil er hatte zurückstecken müssen. Trotz der Erklärung seines Bruders überlegte er, ob er Richard bitten sollte, ihn mit Constance zu vermählen. Als Herr von Beljeux würde er ein Herr aus eigenem Recht sein und nicht nur einer der Söhne von Sylvain de Ronceau, auch wenn er als dessen wahrscheinlichster Erbe galt.
Im Gegensatz zu ihrem ruppigen Bewerber war Constance guter Stimmung, aber auch sehr erleichtert, dass ihr diese Situation nicht zum Schaden ausgeschlagen hatte. Sie unterhielt sich mit Raoul und erfuhr, dass er der vierte Sohn seines Vaters war und nur auf ein geringes Erbe hoffen konnte, weil auch noch fünf Schwestern mit einer Mitgift versorgt oder in ein Kloster eingekauft worden waren.
Als einziges überlebendes und zudem spät geborenes Kind ihrer Eltern wusste Constance nicht, wie es war, zusammen mit acht Geschwistern aufzuwachsen. Als sie eine diesbezügliche Bemerkung machte, lachte Raoul fröhlich auf.
»Man lernt, schnell zu sein, wenn Gebäck oder Kuchen verteilt werden. Sonst käme man immer zu kurz!«
»Vor allem hat man stets jemanden zum Spielen«, meinte Constance, die sich in ihrer Kindheit ein wenig einsam gefühlt hatte.
»Das ist wahr«, gab Raoul zu und lachte erneut. »Allerdings hat man auch ältere Brüder, die rasch dabei sind, einem Backpfeifen zu verpassen, wenn man ihnen das schönste Stück Kuchen vor der Nase weggeschnappt hat. Die Schwestern sind gleich beleidigt, wenn man nur ein falsches Wort sagt oder eine von ihnen verspottet. Dazu kümmert der Vater sich gerade noch um die beiden ältesten Söhne, während die Mutter mit den Mädchen genug zu tun hat. Da bleibt einem oft nur die Laute als einziger Freund.«
Raoul nahm seine Laute vom Rücken, stimmte sie und spielte ein Lied. Constance kannte es nicht, aber es gefiel ihr. Sie fand Raouls Stimme angenehm und freute sich, weil gerade er ihr gegen den Stierkopf geholfen hatte.
Bernard ritt hinter den beiden her und schüttelte ein ums andere Mal über die Unbesonnenheit seiner Herrin den Kopf. Sie hätte damit rechnen müssen, dass Damien de Ronceau ebenfalls zu dem Treffen der beiden Herrscher reiten würde. Als er sich bei seinem Sohn über Constance beklagte, lag Benoît auf der Zunge, zu erwähnen, dass auch er nicht daran gedacht hatte. Die Laune seines Vaters war jedoch zu schlecht, und so unterließ er es, um sich keine Ohrfeige einzufangen. Daher nickte er nur und war insgeheim froh, dass mit Ritter Raoul ein rettender Engel erschienen war, der sie vor dem bösen Stierkopf bewahrt hatte.
Raoul spielte noch zwei Lieder und hängte sich die Laute wieder über den Rücken. »Es ist nicht mehr weit bis zu der Burg, auf der König Philippe sich mit dem König von England treffen will.«
Constance rief sich in Erinnerung, dass Richard Plantagenet zwar für sie in erster Linie der Herzog der Normandie war, für die Welt hingegen der höherrangige Titel eines Königs von England mehr galt. Auch sie würde ihn entsprechend begrüßen müssen, wenn sie nicht sein Missfallen erregen wollte. Einen Augenblick lang stellte sie sich vor, ihr Feind Damien würde Richard als Herzog begrüßen und dadurch dessen Gunst verlieren. Dafür aber war der Stierkopf zu schlau. Er mochte ein Rüpel sein, dem es gefiel, Schwächere zu quälen, und der sich auch nichts dabei dachte, die Töchter der Bauern seines Vaters zu schwängern. Vor Richard aber würde er kriechen wie ein Wurm.
»Ihr seid plötzlich so schweigsam?«, unterbrach Raouls Frage ihre Gedanken.
»Ich überlegte mir gerade, wie ich den Herz… äh, den König dazu bewegen kann, meinen Wünschen zu willfahren«, antwortete Constance.
»Dann hofft, dass er guter Stimmung ist, ihm das Mahl gemundet und der Wein ihn fröhlich gemacht hat«, erklärte Raoul lächelnd.
»Möge es dazu kommen!«
Kurz darauf entdeckte Constance ein Stück vor sich die Burg, in der Philippe II. und Richard sich treffen wollten. Der Wehrbau lag im Hinterland und war viel zu klein, um die Gefolgschaft der beiden Herren aufnehmen zu können. Daher standen mehrere Dutzend Zelte auf den Wiesen vor den Toren. Ein Stück weiter befanden sich die Pferche für die Pferde, und etwas abseits waren Knechte dabei, eine Grube auszuheben.
»Wollen die jemanden begraben?«, fragte Benoît verwundert.
»Du bist ein Narr!«, fuhr ihn sein Vater an. »Das wird die Latrine, an der die Gäste sich erleichtern können.«
Constance warf einen misstrauischen Blick auf die Stelle. Eben befestigten Knechte einen doppelt mannslangen Balken über der Grube. Einer zog seine Hosen herab und probierte aus, ob es so richtig war. Sein Hintern war dabei deutlich zu sehen.
»Habt keine Sorge!«, rief Raoul, als er Constances gekrauste Nase bemerkte. »Die Damen werden in der Burg untergebracht und können die Abgeschiedenheit der dortigen Aborte nutzen.«
»Das erleichtert mich«, stieß Constance hervor und wandte der anrüchigen Stelle den Rücken zu.
Der Trupp ritt auf den Burghof und wurde von einem Untergebenen des Haushofmeisters empfangen. Dieser wusste nicht so recht, was er mit der bunt zusammengewürfelten Schar anfangen sollte, und sah Raoul, dem die anderen den Vortritt gelassen hatten, fragend an.
»Mit wem habe ich die Ehre?«
Raoul schwang sich geschmeidig aus dem Sattel und reichte einem herbeieilenden Knecht die Zügel, bevor er sich dem Mann zuwandte. »Erlaubt mir, die Namen meiner Freunde und den meinen erst später zu nennen, denn die Ehre gebührt in erster Linie der Dame Constance, Vizegräfin von Laronne und Herrin von Beljeux!«
»Die Amazone von Beljeux! Ich habe schon von dir gehört, mein Kind, und freue mich, dich kennenzulernen«, rief eine Dame aus, die eben aus einer Tür getreten war und neugierig näher kam.
Sie war nicht mehr jung, aber mit einem edelsteinbestickten, grünen Kleid bekleidet sowie mit einem etwas kürzeren Mantel, in den Goldfäden eingewebt waren. Auf dem Kopf trug sie eine goldgeschmückte Haube, die an eine Krone erinnerte.
Auch wenn Constance die Frau noch nie gesehen hatte, begriff sie, dass es sich um Königin Eléonore handeln musste. Sie schwang sich so rasch aus dem Sattel, dass Raoul, der herbeigeeilt kam, um ihr vom Pferd zu helfen, zu spät kam, und versank in ihrem tiefsten Knicks. Es hieß, die Königinmutter habe großen Einfluss auf ihren Sohn. Wenn es ihr gelang, Eléonore von Aquitanien für sich zu gewinnen, konnte dies Richard dazu bewegen, sich für die Einheit von Laronne und Beljeux einzusetzen.
Als Constance sich wieder aufrichtete, bemerkte sie, dass ihr Retter, den sie bereits zu Pferd für keinen Riesen gehalten hatte, drei Fingerbreit kleiner war als sie. Umso mehr dankte sie es ihm, dass er bereit gewesen war, sich mit dem Stierkopf Damien de Ronceau zu schlagen, um sie zu retten. Dieser war nicht nur ein Hüne von Mann, sondern wurde auch als großer Krieger gerühmt.
Eléonore musterte unterdessen Constances schlichtes Kleid, dem anzusehen war, dass es im Schritt geteilt war, damit die junge Frau wie ein Mann zu Pferd sitzen konnte, und rümpfte die Nase. Zudem hatte Constance ihr rötlich schimmerndes Haar nachlässig mit einem Tuch festgebunden, und eine leichte Bräune auf ihrem Gesicht verriet, dass sie sich häufig im Freien aufhielt. Eléonore entdeckte sogar ein paar Sommersprossen. Nach kurzem Überlegen sagte sie sich, dass diese auch Constances Haarfarbe geschuldet sein konnten. Immerhin neigten blonde und rothaarige Frauen eher dazu als welche mit brünetten oder schwarzen Haaren.
»Komm mit, mein Kind! Wir haben viel zu tun, bevor wir dich heute Abend den beiden Königen vorstellen können«, sagte sie.
Constance blieb nichts anderes übrig, als der Königin zu folgen, während Raoul dem Vertreter des Haushofmeisters die Namen seiner Begleiter und den seinen nannte und Bernard sich und seinen Sohn als Constances Gefolgsleute vorstellte.
Auch wenn die jungen Herren von Adel waren, durften sie nicht hier in der Burg auf Unterkunft hoffen. Der Mann schickte sie stattdessen nach draußen und nannte ihnen den Namen dessen, der ihnen ein Zelt zuteilen würde.
»Eure Pferde werden von den Knechten versorgt«, erklärte er noch und wandte sich dann Damien de Ronceau und dessen Männern zu, die als nächste Gäste erschienen waren.
Raoul und seine Begleiter wanderten durch das Lager und wurden zusammen mit Bernard und dessen Sohn in eines der größeren Zelte einquartiert.
»Ich hoffe, es ist Euch recht so?«, sagte Bernard zu Raoul.
»Es ist mir eine Ehre!«, antwortete Raoul fröhlich und zwinkerte Benoît zu. Er hatte dessen Begeisterung für sein Lautenspiel bemerkt und sah in ihm einen aufgeweckten jungen Burschen, der aber die Achtung vor älteren Leuten nicht vermissen ließ.
»Ihr könnt mir von Eurer Herrin berichten?«, forderte er Bernard und Benoît auf. »Sie ist eine ebenso mutige wie schöne Dame.«
»Vor allem ist sie eine sehr große Dame«, wandte einer seiner Begleiter ein.
»Das macht ihre normannische Abkunft. Normannen sind nun einmal groß von Gestalt«, antwortete Raoul.
»Aber gering von Verstand«, meinte sein Begleiter spöttisch.
»Sagt das zu einem Normannen, und er schlägt Euch ungespitzt in den Boden. Ist es nicht so, Herr Normanne?«, fragte Raoul Bernard.
Dieser wirkte mit einem Mal verlegen. »Damien de Ronceau würde es tun, und auch mein Herr Sébastien hätte es getan.«
»Und Ihr, Normanne?«
»Mein Vater ist kein Normanne, sondern ein Teutone«, erwiderte Benoît grinsend.
»Das heißt: ein Deutscher!«, wies sein Vater ihn zurecht und sah dann Raoul an. »Ich lebe aber schon länger als dreißig Jahre in diesem Land, denn ich kam mit Jungfer Adelheid hierher, als diese Vicomte Sébastien heiratete. Damals war ich gerade einmal zwanzig Jahre alt. Ich habe hier geheiratet und spreche mittlerweile das Französische besser als Deutsch.«
»Dann heißt Ihr nicht Bernard«, schloss Raoul aus seinen Worten.
»Getauft wurde ich auf den Namen Bernhard, nenne mich aber schon seit vielen Jahren so, wie dieser Name in Frankreich gebräuchlich ist.«
Bernard passte es nicht, so ausgefragt zu werden, und er ärgerte sich, weil er nicht daran gedacht hatte, ein Zelt mitzunehmen, in dem er und sein Sohn allein nächtigen konnten. Raoul und dessen Begleiter waren trotz seiner abweisenden Miene immer noch neugierig.
»Sagt, wie kam Vicomte Sébastien de Laronne dazu, eine Frau aus Deutschland zu heiraten?«, wollte einer wissen.
Bernard warf ihm einen zornigen Blick zu, und an seiner Stelle begann sein Sohn zu berichten.
»Vicomte Sébastien war ein Hüne von Gestalt«, sagte er und deutete mit den Händen eine Größe an, die mehr als zwei Köpfe höher war als sein auch nicht gerade klein geratener Vater.
»Bei Gott, wenn das stimmt, hätte der Vicomte anstelle Davids gegen den Riesen Goliath antreten können«, rief einer der jungen Herren aus.
»Mein Herr war nicht ganz so groß, überragte mich aber doch ein ganzes Stück«, rückte Bernard die Tatsachen zurecht.
»Auf jeden Fall beschloss Herr Sébastien, kein Weib zu ehelichen, das ihm nicht mindestens bis zum Kinn reichte, und das tat keines der Edelfräulein im Land. Da hörte er, dass ein deutscher Graf eine Tochter habe, die nicht bereit sei, einen Ritter zum Manne zu nehmen, auf dessen Scheitel sie herabblicken könne«, fuhr Benoît grinsend fort. »Es traf sich gut, dass es einen Krieg gab, in den der Vater des Mädchens ziehen musste. Vicomte Sébastien eilte ihm zu Hilfe, erwarb sich seine Dankbarkeit und forderte als Lohn seine Tochter. Als sie einander gegenüberstanden, waren beider Bedingungen erfüllt. Die junge Dame reichte ihm bis zur Nasenwurzel und konnte daher nicht auf seinen Scheitel sehen. Beide waren zufrieden, heirateten und zogen hierher. Etliche Jahre später wurde Herrin Constance geboren. Im Vergleich zu ihren Eltern ist sie von eher mittlerer Größe.«
»Mittlerer Größe?«, rief einer der jungen Männer lachend aus. »Die junge Dame ist genauso groß wie ich, und ich bin wahrlich nicht der Kleinste unter meinen Brüdern. Unseren guten Raoul überragt sie gleich gar um einen halben Kopf.«
»Ich sagte, im Vergleich zu ihren Eltern! Wäre sie diesen nachgeraten, gäbe es im ganzen Königreich Frankreich keinen Mann, der ihre Größe erreichen würde.«
Benoît flunkerte, dass sich die Zeltschnüre bogen. Seinem Vater gefiel es nicht, doch er war froh, dass er endlich seine Ruhe vor den neugierigen Edelleuten hatte. Während sein Sohn erzählte, blickte er zu der Stelle hinüber, an der Damien de Ronceau und dessen Männer eben ihr Zelt aufschlugen. Im Vergleich zu den Zelten mehrerer französischer Edelleute war es schmucklos und sogar ein wenig verschossen. Darüber zu spotten wagte jedoch niemand. Auch wenn die beiden Könige jeden Streit unter ihren Kriegern verboten hatten, so sah Stierkopf Damien nicht so aus, als würde er ein falsches Wort so einfach hinnehmen.
Constance hatte angenommen, es würde reichen, ihr Kleid auszubürsten und die beiden Beinteile zusammenzuheften, doch Königin Eléonore war völlig anderer Ansicht. Sie musterte die junge Frau, fand, dass diese trotz ihrer Größe von harmonischer Gestalt war, und erteilte ihre Befehle.
Ehe Constance sichs versah, wurden ihr die Kleider und das Hemd vom Leib gezogen und sie in einen Bottich mit warmem Wasser gesetzt. Eine Hofdame der Königin goss eine ölige Flüssigkeit hinzu und mischte es mit vorsichtigen Handbewegungen ein.
Der Duft des Öles war atemberaubend und reizte Constance zum Niesen. Sie hielt sich zwar für reinlich, doch ihr reichte zumeist kaltes Wasser und ein Lappen zum Waschen. In warmem Wasser badete sie nur vor den heiligsten Feiertagen. Hier erschien es ihr überflüssig. Doch sie, deren Wort in Laronne und Beljeux alles bestimmte, musste sich hier Eléonores Willen beugen.
Das Bad allein reichte der Königin nicht. Kaum hatten zwei Mägde Constance mit einem großen Leintuch abgetrocknet und ihr ein frisches Hemd übergestreift, rückten zwei weitere ihren Händen, Füßen und ihrem Gesicht zu Leibe. Ihre Nägel wurden geschnitten und von dem darunter haftenden Schmutz befreit und ihr Gesicht mit einer Salbe bestrichen, die noch stärker roch als das Badeöl.
»Ich hatte überlegt, deine Sommersprossen mit Mehl zu überdecken, komme jetzt aber davon ab. Sie passen irgendwie zu deinen Haaren. Das Kleid wird uns mehr Mühe bereiten. Weshalb bist du auch so groß geworden?«, sagte Königin Eléonore mit einem leisen Seufzen.
»Dafür kann ich nichts.«
»Natürlich nicht! Es war Gottes Wille, der dich zu so einer Größe heranwachsen ließ. Wir müssen nur zusehen, dass sich die Herren in deiner Gegenwart nicht wie Zwerge vorkommen. Das mögen sie nämlich nicht!« Eléonore kicherte, denn sie war in ihrem Leben schon vielen Männern begegnet und kannte deren Schwächen. »Auf jeden Fall wirst du flache Schuhe tragen und deinen Kopf ein wenig gesenkt halten. Richte dich auch nicht zu sehr auf, wenn du vor Philippe II. stehst. Er würde es übel vermerken, müsste er zu dir aufsehen.«
Sie zwinkerte Constance fröhlich zu und sprach dann weiter. »Mein Sohn Richard selbst ist hochgewachsen und wird sich an deiner Größe nicht stören. Bei Jean solltest du dich jedoch vorsehen, denn wenn er zu einer Frau aufsehen muss, ist seine Würde gewiss verletzt.«
Einige Hofdamen kicherten, denn sie kannten die Söhne ihrer Herrin und wussten, wem von beiden sie mehr Liebe zukommen ließ. Im Gegensatz zu ihnen musste Constance sich erst in Erinnerung rufen, dass der Herzog beziehungsweise König Richard noch einen jüngeren Bruder mit dem Namen Jean hatte, dem man den Beinamen sans Terre gegeben hatte, weil er bei der Verteilung der Länder an seine Brüder leer ausgegangen war. Zwei dieser Brüder waren mittlerweile tot, doch die Herrschaft über ihre Gebiete hatte Richard angetreten und sie nicht dem jüngeren Bruder überlassen.
Constance wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte. Aber es war für sie auch nicht von Belang. Richard war ihr Herzog und sie auf seinen guten Willen angewiesen, nicht auf den seines Bruders. Unterdessen traten erneut Mägde an sie heran und kämmten ihr Haar. Dabei flochten sie farbige Bänder mit ein und ließen sich auch von Constances Widerstreben nicht stören.
»Mein Haar sieht mit diesen Bändern gewiss aus wie der Schweif von Herrn Raouls Schimmel!«, beschwerte sie sich, erntete aber nur ein Lachen.
Eléonore sah sie lächelnd an. »Du wirst gut aussehen! Das ist auch wichtig, denn ich glaube zu wissen, weshalb du meinen Sohn und König Philippe II. aufsuchen willst. Dir geht es um Laronne, das nach dem Tod deines Vaters wieder an Frankreich fallen würde.«
»So ist es«, sagte Constance in der Hoffnung, die Königin als Verbündete zu gewinnen. »Laronne und Beljeux sind seit vielen Jahren zusammengewachsen. Sie jetzt zu trennen, würde Familienbande zerschneiden, und so mancher wüsste nicht mehr, ob er nun hierhin gehört oder dorthin. Auch ich müsste mein Heim verlassen, da mein Vater auf Burg Laronne gelebt und jene in Beljeux nur zu den Markt- und Gerichtstagen aufgesucht hat.« Sie sah Eléonore traurig an. »Mein Vater hatte gehofft, mich mit einem Ritter verheiraten zu können, der sowohl König Philippe II. wie auch Herzog Henri genehm ist, aber der Krieg zwischen beiden hat dies verhindert.«
»Streit und Krieg verhindern vieles!«, antwortete die Königin nachdenklich. »Wenn ich dir einen Rat erteilen darf, so sprich meinen Sohn stets als König an. Auch wenn England Aquitanien und der Normandie an Bedeutung nachsteht, so verleiht es seinem Herrscher den Glanz der Königskrone. Richard wäre zu Recht erzürnt, würdest du ihm die zustehende Achtung verweigern.«
»Bei Gott! Das will ich gewiss nicht«, rief Constance erschrocken.
»Dann denke immer daran! Dein Hemd ist wirklich arg kurz. Es reicht gerade einmal bis zu den Waden. Wir werden dies mit dem Kleid verbergen müssen. Wie weit sind die Mägde mit den Tuchen?«
Eléonores letzte Frage galt einer Kammerfrau, die vor ihrer Herrin knickste und dann zur Tür wies.
»Sie können das Kleid der jungen Dame anmessen!«
»Dann soll es geschehen! Immerhin muss das Kleid bis zum Abend fertig sein. Vergiss nicht, mein Kind, Richard wie einen König anzusprechen, und hebe den Kopf niemals so hoch, dass du Philippe II. überragst. Es wäre ein rasches Ende deiner Wünsche, weiterhin Herrin auf Laronne zu bleiben.«
»Ich werde es mir fest vornehmen«, versprach Constance und sah sich Augenblicke später von Mägden umringt, die ihr ein Kleid anpassten und dabei eifrig berieten, wie sie das grüne Tuch schmücken sollten.
Constance klopfte das Herz bis zum Hals, als sie die große Burghalle betrat. Die Wände waren mit farbigen Tüchern, Bannern und Wappenschilden geschmückt worden, und Wachen in den Wappenfarben des jeweiligen Königs waren bereit, einzugreifen, wenn einer der Gäste nur den Anschein erweckte, einen Anschlag wagen zu wollen. An der Stirnwand standen unter den Bannern von Frankreich und England zwei gleich aussehende Stühle, je zwei weitere, etwas schlichtere Sitzgelegenheiten schlossen sich diesen an. Die beiden, die neben König Philippes II. Sitz standen, waren leer, während neben Richard Löwenherz seine Mutter Eléonore und sein Bruder Jean Platz genommen hatten.
Ein Stück von ihnen entfernt saßen die Edlen beider Reiche auf einfachen Stühlen, während die restlichen Herren, denen der Zutritt gestattet worden war, sich im Hintergrund hielten und neugierig auf die Könige schauten.
Unter den Letzteren entdeckte Constance nun auch Bernard, der sie mit offenkundigem Erstaunen musterte. In einem solchen Kleid hatte er sie noch nie gesehen. Constance fand es so unbequem, dass sie es nur dieses eine Mal tragen wollte. Es war ihr zu lang, so dass sie nur kleine, vorsichtige Schritte tun konnte, um nicht auf den Saum zu steigen und recht undamenhaft zu stolpern.
Ihr Blick blieb nun an Raoul de Chanteur hängen. Er deutete eine Verbeugung an und lächelte fröhlich. Constance erwiderte sein Lächeln, doch wenige Augenblicke später erstarrte ihr Gesicht, denn sie entdeckte Damien de Ronceau. Der Stierkopf zählte zu jenen, denen König Richard die Ehre erwiesen hatte, auf einem der Stühle Platz zu nehmen. Es tröstete sie auch nicht, dass Beauvais de Ronceau im Gegensatz zu seinem Bruder stehen musste.
Nun richtete sie ihr Augenmerk auf die vier Personen, die vor der Stirnwand saßen. Eléonore trug ein aufwendig besticktes Kleid in einem sanften Grün und hatte ihren von einem hellen Seidentuch bedeckten Kopf mit einer Krone geschmückt. Neben ihr saß Jean, ihr jüngster Sohn, etwas schief auf seinem Stuhl. Er war ein mittelgroßer, zur Hagerkeit neigender junger Mann mit dichtem Haar und einem Kinnbart, dem durch den Einsatz eines Kammes eine gewisse Fülle verliehen worden war. Er war weder besonders hübsch noch hässlich, auf der Straße würde sich wohl niemand nach ihm umdrehen.
Bei König Richard war dies ganz anders. Größer und breiter gebaut als sein Bruder, wirkte er wie das Idealbild eines Helden. Sein Haar war voll, der Bart zwar kürzer gestutzt als der seines Bruders, aber um einiges dichter. Constance sah ihn lächeln, doch sie fühlte gleichzeitig seine Wachsamkeit. Er war ein Mann, den man zu fürchten hatte, wenn er sich als Feind erwies.
Ihr Blick glitt weiter zu Philippe II. Er war um acht Jahre jünger als Richard und wirkte gegen diesen wie ein Jüngling. Seines Ranges war er sich jedoch bewusst, Constance vermochte nicht die geringste Regung in seinem Gesicht zu erkennen. Während Richard Hosen und einen knielangen roten Wappenrock mit drei schreitenden Löwen auf der Brust trug und seinen Mantel lässig über die Schulter geworfen hatte, war Philippe II. in ein langes, dunkelblaues Gewand gekleidet, das über und über mit goldenen Lilien verziert war. Sogar der Saum seines Mantels war damit bestickt.
Beide Könige trugen ihre Kronen und hielten ihre Zepter in den Händen. Richard hatte das seine so gepackt, als handle es sich um den Griff seines Schwerts, während Philippe II. seine Finger nur leicht um den Stab gelegt hatte.
»Constance, aus eigenem Recht Herrin auf Beljeux und Tochter des Vicomte Sébastien de Laronne!«, kündigte der Herold sie mit lauter Stimme an.
Constance blieb drei Schritte vor den Königen stehen und wusste für einige Augenblicke nicht, was sie tun sollte. Wenn sie zuerst vor Richard knickste, würde sie Philippe II. verärgern, und andersherum Richard. Sie tat es dann so, dass es beiden gelten konnte, und behielt diese Haltung bei, bis Eléonore ihr einen Wink gab.
»Steh auf, Kind, und nenne den beiden Herren dein Begehr!«
»Bei Gott, ist das eine lange Stange!«, platzte Jean heraus.
Sofort senkte Constance den Kopf und machte sich kleiner.
Richard wechselte einen Blick mit Philippe II. »Ihr Vater war als Vicomte de Laronne Euer Lehnsmann. Daher steht es Euch zu, als Erster das Wort zu ergreifen!«
»Ihr seid Vicomte Sébastiens Tochter?«, fragte Philippe II., obwohl Constance ihm als solche vorgestellt worden war.
»So ist es, Sire!« Diesmal knickste Constance direkt vor ihm.
Richard musste lachen. »Selbst wenn sie es wollte, könnte sie es nicht verleugnen. Sébastien de Beljeux war der größte Mann, den ich je gesehen habe, und sie ist die größte Frau. Bei Gott, wäre sie einer meiner Ritter, würde sie nicht wenige von ihnen überragen.«
»Da Euer Vater ohne männlichen Erben starb, ist die Vizegrafschaft Laronne wieder an die Krone Frankreichs gefallen«, sagte Philippe II., ohne auf Richards Bemerkung einzugehen.
Erneut knickste Constance. »So ist es, Euer Majestät! Ich bitte Euch jedoch zu bedenken, wie sehr Laronne und Beljeux in den letzten drei Generationen zusammengewachsen sind. Sie zu trennen, wäre grausam. Familien würden auseinandergerissen, und ich würde die Hauptburg meines Vaters verlieren.«
»Es gehört zum Leben, Dinge zu gewinnen und zu verlieren«, antwortete Philippe II. abwehrend. Wenn die beiden Herrschaften zusammenbleiben sollten, konnte er in Laronne nur einen Lehnsmann einsetzen und mit Constance verheiraten, den auch Richard akzeptierte. Daher erschien es ihm das Beste, Laronne und Beljeux zu trennen und Constance mit einer gewissen Summe zu entschädigen.
»Wäre es nicht ein Zeichen des guten Willens zwischen Euch, Sire, und meinem Sohn, Constance die Heimat zu erhalten?«, mischte Eléonore sich ein.
»Macht die lange Stange doch selbst zur Vizegräfin!«, rief Jean dazwischen und kicherte wie ein Mädchen über einen anzüglichen Witz.
»Dies ist den Gesetzen des Reiches nach nicht möglich!«, erwiderte Philippe II. mit tadelndem Unterton.
Wie es aussah, zählte Humor nicht zu König Philippes Vorzügen, dachte Raoul, der sich etwas nach vorne gearbeitet hatte, um die Szene verfolgen zu können.
»Ich mache den Vorschlag, darüber unter vier Augen zu sprechen«, sagte Richard zu Philippe II. »Immerhin betrifft die Angelegenheit auch mich. Beljeux ist ein normannisches Lehen, das aufgrund der Privilegien, die mein Ahne Robert seinem damaligen Gefolgsmann Fulbert erteilte, auch in weiblicher Linie vererbt werden kann. Es ist daher in meinem Sinn, dass auf Burg Laronne kein Herr sitzt, der danach strebt, den Besitz meines Mündels Constance zu schmälern, und in Eurem, dass sie nicht mit einem Mann verheiratet wird, der danach strebt, Laronne für sie wiederzugewinnen.«
Weiter hinten klang ein enttäuschtes Stöhnen auf. Constance drehte sich kurz um und sah mit einer gewissen Freude, dass es von Damien de Ronceau kam. Richards Bemerkung, sie nicht mit einem Mann verheiraten zu wollen, der gegen die Lehnsleute von Philippe II. das Schwert ergreifen würde, bedeutete das Ende seiner Hoffnungen. Damien hatte schon mehrfach die Dörfer einiger Lehnsmänner des Königs von Frankreich überfallen und damit dessen Zorn hervorgerufen. Auch unter seinen normannischen Nachbarn war er wenig beliebt, weil immer wieder Kühe oder Schafe spurlos verschwanden, von denen man annahm, dass sie auf Burg Ronceau verspeist würden. Constances Vater Sébastien hatte seinem Nachbarn Sylvain de Ronceau bereits gedroht, jeden seiner Männer einschließlich seiner Söhne, derer er in Beljeux und Laronne habhaft wurde, am nächsten Baum aufzuhängen.
Nach dem Tod ihres Vaters hatte Damien versucht, ihr mehrere Dörfer in Beljeux abzunehmen. Sie hatte es Bernard zu verdanken, dass es nicht dazu gekommen war, denn dieser hatte das vereinigte Aufgebot von Laronne und Beljeux angeführt und Damiens Krieger vertrieben. Constance hatte weder das eine noch das andere vergessen und war daher froh, dass Richard nicht daran dachte, sie mit dem Stierkopf Damien zu verheiraten. Dafür schmerzte es umso mehr, dass Philippe II. nicht gewillt zu sein schien, ihr beziehungsweise dem Ehemann, dem sie einmal die Hand reichen würde, Laronne zu überlassen.
In ihren Gedanken verstrickt, überhörte Constance beinahe, wie Eléonore sie ansprach.
»Du kannst dich nun zurückziehen, mein Kind! Sei versichert, deine Belange sind hier in guten Händen.«
Constance zweifelte daran, knickste aber vor Eléonore und den beiden Königen und verließ mit vorsichtigen Schritten den Saal. Unterwegs vernahm sie Jeans quengelnde Stimme.
»Vor mir hat sie nicht geknickst!«
»Das Recht, mein Bruder, musst du dir erst verdienen!«, antwortete Richard mit einem gewissen Spott. »Sobald Jerusalem und das Heilige Land befreit sind, magst du Ritter und Kriegsknechte um dich sammeln und nach Irland ziehen. Wenn du dieses Land eroberst, hast du Lehnsleute, deren Weiber und Töchter vor dir knicksen müssen.«
Auch wenn Constance Jean nicht sympathisch fand, so musste diese Bemerkung ihn kränken. Immerhin war er Richards Bruder und galt, solange dieser keinen legitimen Sohn sein Eigen nennen konnte, als dessen Erbe.
Constance war nur eine von vielen, die in diesen Tagen den beiden Königen ihre Aufwartung machte. Herren, die sowohl in der Normandie wie auch in Frankreich Besitz hatten, nutzten die Gelegenheit, um sich von Richard und Philippe II. ihre Privilegien bestätigen zu lassen. Väter und auch ein paar Mütter erbaten die Erlaubnis der Könige für passende Ehen ihrer Söhne und Töchter, andere wiederum kamen, um sich und ihre Schwerter für den geplanten Kreuzzug anzudienen.
Während Richard sich seinen Gefolgsleuten gegenüber leutselig gab, wahrte Philippe II. eine gewisse Distanz. Wohl trug auch Richard den Königstitel, doch er war als Herzog von Aquitanien und der Normandie schließlich sein Lehnsmann. Dazu stammte Richard in mehrfacher Hinsicht von Lehnsleuten in Frankreich ab. So war Guillaume, bevor er im Jahre 1066 England eroberte und dessen Krone errang, Herzog der Normandie gewesen. Guillaumes Enkelin Mathilde hatte Godefroy, den Grafen von Anjou, geheiratet, und Eléonores Vater war als Herzog von Aquitanien ein Lehnsmann der Krone Frankreichs gewesen.
Philippe II. sah sich daher als der Höherrangige von beiden an, zumal er in weiblicher Linie seine Abkunft auf Karl den Großen und weiter auf die Merowinger-Könige zurückführen konnte.
Da Richard dies bewusst war, wandte er sich mit einer gewissen Bosheit an Philippe.
»Wie ich hörte, will Kaiser Friedrich die deutschen Ritter in eigener Person anführen. Er wird daher in Palästina das Oberkommando für sich fordern.«
Philippe II. verzog das Gesicht. Es war schlimm genug, dass der Kaisertitel aus einem üblen Zufall heraus an das Ostfrankenreich der Deutschen geraten war und nicht an das Westfrankenreich und jetzige Frankreich. Zudem herrschte dort eine Sippe, die sich vor ein paar Generationen mit Mühe das Herzogtum Schwaben hatte sichern können. Erst Friedrichs Onkel Konrad hatte die Krone der Deutschen und damit das Anrecht auf die Kaiserkrone erringen können. Auch wenn dieser mütterlicherseits auf kaiserliche Ahnen verweisen mochte, so fehlte ihm doch der Glanz eines seit vielen Generationen herrschenden Hauses.
»Soviel ich gehört habe, will Friedrich mit seinen Rittern über Land nach Palästina ziehen. Dies ist ein sehr langer Weg, und er soll äußerst beschwerlich sein.« Philippe II. hatte sich ebenso wie Richard entschieden, die Reise zu Schiff anzutreten, und konnte daher keine gewaltigen Truppenmengen mit sich führen. Wenn nun aber eine große Anzahl Deutscher das Heilige Land erreichte, würde Kaiser Friedrich nicht nur den Oberbefehl für sich fordern, sondern auch den größten Teil der erhofften Beute.
Der Teufel soll den Schwaben holen, dachte Philippe und gab dem Herold das Zeichen, den nächsten Bittsteller aufzurufen.
Nicht nur Philippe II., auch Richard haderte mit der Tatsache, unter Umständen Friedrich Barbarossa den Oberbefehl überlassen zu müssen. Immerhin hatte dieser seinen Verwandten, Heinrich den Löwen, um den größten Teil seines Herrschaftsgebiets gebracht. Heinrich hatte sogar für einige Jahre nach England ins Exil gehen müssen. Richard war ihm in seiner Jugend einmal begegnet und hatte ihn als einen Mann kennengelernt, der so war, wie ein Herrscher sein sollte, nämlich ritterlich, stolz und nicht bereit, den Nacken vor jemandem zu beugen außer vor Gott.
Da beide Könige sich in Gedanken mit Kaiser Friedrich Barbarossa beschäftigten, beschieden sie jene, die noch vor sie traten, äußerst knapp und waren schließlich froh, als der Strom der Bittsteller endete.
»Lasst uns Musik hören, bevor das Mahl beginnt!«, schlug Richard vor. Er wusste um die Sangeskünste der Troubadoure aus Aquitanien, der Heimat seiner Mutter, und war sicher, dass diese den Siegespreis davontragen würden.
Philippe II. sah keinen Grund, ihm dies abzuschlagen.
»Es sei!«, erklärte er mit unbewegter Miene und lächelte innerlich über den kurzen Schatten, der über Richards Miene huschte.
Immerhin hatte dieser nur den Vorschlag gemacht und er selbst die Entscheidung getroffen. Er fand es gut, wenn ein Teil der Sänger bereits jetzt seine Lieder zum Besten geben konnte. Zum Mahl wurden die Tafeln aufgetragen, und dies hieß, dass nur noch die höchstrangigen Gäste zuhören konnten, da die einfachen Ritter und Edelleute außerhalb der Burg in einem großen Zelt verköstigt wurden. Dort würden zwar auch Gaukler und Sänger auftreten, aber deren Kunst konnte sich nicht mit jener der Besten ihrer Zunft messen.
Zu denen, die eigentlich draußen im Zelt singen sollten, zählte Raoul, dessen Ruf als Sänger noch nicht groß genug war, um vor hohen Herren spielen zu dürfen. Als die Aquitanier die Laute schlugen, hörte er zunächst anerkennend zu. Dann aber fand er, dass sie zu sehr von Minne und Frauengunst sangen. Dabei hatten die Könige ihre Ritter hierhergerufen, um sie auf den geplanten Kreuzzug einzustimmen. Ihm erschien ein Lied, das den Männern den Mut verlieh, die Heimat Christi aus den Händen der Heiden zu befreien, daher weitaus angebrachter.
Noch während Raoul sich in Gedanken einige Verse einfallen ließ, die er später den Rittern und Waffenknechten vorsingen wollte, sah Damien de Ronceau zu ihm hinüber. Wäre dieser Bursche nicht aufgetaucht, wäre es ihm und seinen Männern gewiss gelungen, Constance gefangen zu nehmen und zur Heirat mit ihm zu zwingen. Da Laronne durch das Erbrecht für sie ohnehin verloren war, wäre es das Richtige für sie gewesen, sich mit ihm zusammenzutun. Gemeinsam wären Ronceau und Beljeux stark genug gewesen, um sich ein paar schöne Stücke aus Laronne herauszuschneiden, bevor Philippe II. einen neuen Lehnsmann für die Vizegrafschaft hätte bestimmen können.
In Damien glomm ein Gedanke auf, wie er es diesem aufgeblasenen Hänfling Raoul heimzahlen konnte. Herzog Richards Troubadoure waren Meister ihres Fachs, und kein französischer Sänger hatte sich je mit ihnen messen können. Wenn Raoul de Chanteur vor dem König und dem Herzog singen musste, würde er statt Lob nur Hohn und Spott ernten.
Kaum hatte einer der Troubadoure seinen Vortrag zu Ende gebracht, rief Damien mit lauter Stimme: »Was ist mit den Franzosen? Haben sie denn keine Stimmen mehr, um Lieder zu singen? Dabei hörte ich von einem, der sich stolz Raoul der Sänger nennt. Wo ist er nun? Wagt er es nicht, sich mit den Troubadouren meines Herrn König Richard zu messen?«
Philippe II. blickte verärgert auf, weil ein einfacher Ritter es gewagt hatte, das Wort zu ergreifen. Dann aber schweifte sein Blick über die versammelten Edelleute.
»Ist Raoul de Chanteur anwesend?«, fragte er.
Raoul schluckte und hob dann die Hand. »Ich bin hier, Sire!«
»Ihr habt die Worte des Normannen vernommen, de Chanteur?«, fragte Philippe II. weiter.
»Ja, Sire, das habe ich.«
»Und wie ist Eure Antwort darauf?«, fragte Philippe II.
»Ich habe ja immer noch Zweifel, dass der Mann überhaupt von Adel ist!«, rief Damien dazwischen. »Sänger kann sich jeder nennen!«
Raoul begriff, dass er sich der Herausforderung stellen musste, und trat nach einem bösen Blick auf Damien de Ronceau vor. »Wohl nenne ich mich de Chanteur. Geboren wurde ich jedoch als Raoul de Lorris, Sohn des Romain de Lorris, eines treuen Gefolgsmanns Seiner Majestät, König Philippes! Was meine Antwort auf Herrn Damiens Aufforderung betrifft, hier zu singen, so sage ich, dass die Troubadoure Herzog Richards in ihren Liedern zu sehr von Frauengunst und Minnefreuden schluchzen, wo doch all ihre Gedanken dem Kriegsruhm und der Befreiung Jerusalems gelten sollten.«
Raoul erschrak selbst über seine harsche Bemerkung, konnte sie aber nicht mehr zurücknehmen.
Anstatt ihn zu tadeln, begann Richard, schallend zu lachen. »Da hört ihr es! Dieser Ritter giert nach Kampf und Ruhm. Lasst uns hören, ob seine Stimme diesem Anspruch gewachsen ist.«
Die meisten Normannen und die sich beleidigt fühlenden Aquitanier fielen in das Lachen ein. Raoul begriff, dass er kein leichtes Spiel haben würde, und rief sich mühsam die Verse ins Gedächtnis, die er sich eben ausgedacht hatte. Dann trat er mit entschlossener Miene nach vorne und stimmte seine Laute.
Wohlan, ihr Franken,
die Schwerter zur Hand,
gedenket eurer Ahnen,
die einst unter Charles Martell
die Heiden wiesen in Schranken.
Voran, ihr Ritter
aus Charlemagnes Blut,
folget dem Beispiel der Ahnen,
reitet gegen die Heiden an,
gewaltig wie Sturm und Gewitter!
Wir ziehen gegen den Osten,
da gibt es kein Zaudern und Zagen,
ebenso wenig wie bei unseren Ahnen,
Jerusalem muss unser sein,
sollt Blut und Schweiß es auch kosten.
Als Raoul verstummte, fragte er sich, ob er sich jetzt vollkommen blamiert hatte. Zuerst blieb es still. Dann aber brandete Beifall auf, zunächst bei den Franzosen und kurz darauf auch bei den Normannen – ausgenommen Damien de Ronceau und dessen Gefolge –, und zuletzt lobten ihn auch die Aquitanier.
»Da habt ihr es gehört, meine Ritter! Ein Franzose singt von dem Schwertruhm, den wir uns erwerben wollen. Kommt her!«
Es galt Raoul, der sich nun unsicher den Stühlen der Könige näherte und sich dort sowohl vor Richard wie auch vor Philippe II. verbeugte. Am tiefsten neigte er den Nacken vor Eléonore, die ihn mit einem nachdenklichen Lächeln musterte.
»Ihr habt eine Belohnung verdient! Was wünscht Ihr Euch, ein Lehen, eine reiche Erbin als Braut oder ein Pferd?«, fragte Richard, so als wäre Raoul sein Gefolgsmann und nicht der Philippes II.
»An Eurer Stelle würde ich Herrn Richards Pferd wählen und das Lehen von mir entgegennehmen!« Auch wenn Philippe keine großen Belohnungen mit leichter Hand vergab, wollte er nicht hinter Richard zurückstehen.
Eléonore erinnerte sich an die leuchtenden Augen, mit denen Constance ihre Rettung durch Raoul geschildert hatte, und hob die Hand. »Erlaubt mir, einen Vorschlag zu machen?«, bat sie die beiden Könige.
»Es sei gewährt!«, erklärte Philippe II., bevor Richard es tun konnte.
Um Eléonores Lippen spielte ein Lächeln. »Ich danke Euch, Sire. Ernennt Raoul de Lorris zum Vicomte von Laronne und verheiratet ihn mit Constance de Beljeux!«
Jean, dem es nicht passte, so wenig beachtet zu werden, stieß ein Lachen aus. »Bei Gott, das würde ich gerne sehen! Die lange Stange ist größer als dieser Sänger.«
Einige Männer aus Damiens Begleitung lachten, während dieser die beiden Könige so durchdringend anstarrte, als wolle er sie zwingen, diesen Vorschlag abzulehnen. Bei Philippe II. sah es zunächst auch so aus. Immerhin war Laronne eine große Herrschaft und damit ein viel zu hoher Preis für ein einziges Lied.
Auch Richard sah das so, zumal durch eine Heirat Raouls mit Constance auch noch Beljeux an diesen fallen würde. Für den Vorschlag sprach jedoch sein Wille, sich nicht als geizig zu zeigen. Im Überschwang hatte er Raoul ein Lehen angeboten, dabei allerdings an ein weitaus kleineres gedacht. Falls sich nun aber jemand gegen den Vorschlag seiner Mutter aussprechen würde, wollte nicht er es sein. Das überließ er lieber dem König von Frankreich.
»Wenn Herr Philippe II. bereit ist, Raoul de Chanteur mit Laronne zu belehnen, stimme ich einer Ehe mit der Erbin von Beljeux zu.«
»Dies zu verweigern, wäre auch ein schlechter Dank für die Unterstützung, die König Philippe II. Euch hat zukommen lassen.« Mit dieser Bemerkung erinnerte Eléonore ihren Sohn an das Bündnis, das dieser mit dem französischen König gegen seinen Vater Henri II. geschlossen und das ihm letztlich die Krone Englands und alle damit verbundenen Herzogtümer und Grafschaften eingebracht hatte.
Auch Richard fand, dass es für ihn besser war, einen französischen Edelmann ohne Rückhalt durch eine bedeutende Familie als Constances Ehemann in Beljeux als einen mächtigen Vasallen von Philippe II. in Laronne zu sehen.
Philippe II. schwankte, denn sollte es wie mit Richards Vater auch mit diesem zum Streit an der Grenze zur Normandie kommen, würde er Laronne nicht als Stützpunkt für den Krieg benützen können. Andererseits konnte Richard dies bei Beljeux auch nicht.
Philippes II
