Ritter Cunrads Schatz - Margit Seibel - E-Book

Ritter Cunrads Schatz E-Book

Margit Seibel

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Beschreibung

Simon, Tom, Emma und Florian forschen auf Burg Auenfels nach dem legendären Schatz von Ritter Cunrad. Merkwürdige Ereignisse und unheimliche Geräusche bringen sie schon bald um den Schlaf. Geht Ritter Cunrads ruheloser Geist um? Oder ist da jemand, der ihre Suche unbedingt verhindern will?

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Seitenzahl: 194

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Justus, Hannes, Lina und Samuel.

Und für Abby, ohne die Frodo nicht existieren würde.

R.I.P

INHALT

Ein neues Abenteuer

Burg Auenfels

Wo versteckt man einen Schatz?

Emma wird verdächtigt

Ritter Cunrad

Schritte auf dem Dachboden

Nicht schuldig

Retter in der Not

Was der Wandteppich erzählt

Eine gespenstische Begegnung

Unheimlich

Am Felsen

Emma wird eingesperrt

Harte Arbeit

Ein ungewöhnliches Gespenst

Unbekannte Schatzgräber

Notfall

Eine böse Überraschung

Am richtigen Ort

Florian

Der Schatz

Florian beschließt etwas

Unerwartete Unterstützung

Pech gehabt

Die Ausgrabung

Ende gut, alles gut

Nachwort

Ich danke …

Die Autorin

Glossar

Das Forscherteam Band 1

Ein neues Abenteuer

»Wir hätten zuerst zum Bowling gehen sollen«, sagte Tom, aber keiner hörte ihn. Im Eiscafé Caruso war die Hölle los. Florian, Simon und Simons Schwester Emma zwängten sich hinter ihm zwischen den voll besetzten Tischen mit lachenden Teenagern und Familien hindurch. Nur ein einziger Tisch in der Mitte des Raums war noch frei. Als sie ihn erreichten, ließen sie sich aufatmend auf die Stühle fallen. Neben ihnen lärmten drei Kinder einer Familie so laut, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.

Am Zweiertisch an ihrer anderen Seite saß nur ein einzelner Mann. Er hatte eine Tasse Kaffee vor sich und warf Tom einen mürrischen Blick zu. Tom sah weg. Die stechenden Augen des Mannes irritierten ihn.

Emma reichte die Eiskarte von einem zum anderen. Sie hatte alle eingeladen, um ihren zehnten Geburtstag zu feiern.

Tom wusste bereits, was er wollte. Sein Lieblingseis war der Schoko-Becher, den nahm er jedes Mal. Simon wählte Spaghetti, wie Emma. Florian entschied sich für den mächtigen Eis-Traum mit ganz viel Sahne.

Luca Caruso, ein Mitschüler von Tom, Florian und Simon aus der 7b des Steinauer Gymnasiums, den alle nur Caruso nannten, hatte sich inzwischen durch das Gedränge bis zu ihrem Tisch durchgekämpft. Seinen Eltern gehörte das Eiscafé. »Hi«, brüllte er gegen den Lärm an. »Was soll ich euch bringen?«

»Zweimal Spaghetti, einmal Schoko-Becher und einmal den Eis-Traum, bitte«, schrie Emma zurück. Zur Sicherheit tippte sie noch mit dem Zeigefinger auf die entsprechenden Abbildungen auf der Eiskarte.

Caruso nickte und schrieb eifrig die Bestellung auf seinen Block. »Sonst noch was?«

Emma schüttelte den Kopf.

»Was ist denn bei euch los?«, wandte sich Simon an Caruso und sah sich suchend um. »Seid ihr allein, du und dein Vater? Wo ist deine Mutter?«

»Meine Mutter ist beim Arzt und Nele hat heute Prüfungen. Da muss ich halt.« Nele war eine Studentin. Sie arbeitete als Aushilfe im Eiscafé.

Caruso sah neugierig von Simon zu Tom, dann zu Florian und zuletzt zu Emma. »Und was ist mit euch? Feiert ihr was?«

»Meinen Geburtstag«, strahlte Emma.

»Ach so! Herzlichen Glückwunsch!« Caruso lächelte verlegen. Ihm war sofort wieder die Geschichte eingefallen, die sie an den Großen Steinen miteinander erlebt hatten.

In den Sommerferien vor einigen Wochen hatte er mit seinen Freunden Leon und Spargel keine rühmliche Rolle gespielt, als Simon in eine steinzeitliche Höhle gefallen war. Anstatt ihm zu helfen, hatten sie versucht, ein Lösegeld zu erpressen. Das war Leons Idee gewesen.

Im Steinauer Tageblatt hatte zum Glück nichts davon gestanden, weil Simon es fairerweise verschwieg. Die Zeitung hatte ausführlich über die Entdeckung berichtet. Simon, Tom, Florian und Emma waren seither die Helden im kleinen Städtchen Steinau. Caruso fühlte sich immer noch unbehaglich, sobald er einen der vier sah.

»Bestellung kommt gleich«, sagte er und wandte sich zu seinem Vater um, der hinter der Theke stand und einigen Kindern Eisbällchen in Tüten füllte.

»Der schämt sich immer noch«, sagte Tom, als Caruso gegangen war. »Geschieht ihm recht!«

»Was?«, fragte Simon, weil er kein Wort verstanden hatte. Die Familie mit den drei lauten Kindern brach gerade auf.

»Der schämt sich«, wiederholte Tom lauter. »Geschieht ihm recht!«

»Eigentlich nicht«, widersprach Simon. »Leon und Spargel sollten sich schämen.«

Florian stimmte ihm zu. »Das war bestimmt Leons Idee mit dem Lösegeld. Spargel findet alles gut, was Leon macht, aber Caruso hat es damals leidgetan, das habe ich genau gesehen.«

»Hm«, brummte Tom. »Wenn du meinst.«

»Ich mag ihn«, verkündete Emma. »Eigentlich ist er nett.«

»Ja«, sagte Tom und hob eine Augenbraue. »Besonders, wenn Leon und Spargel nicht bei ihm sind.«

»Mensch, Tom!« Florian schüttelte den Kopf. »Echt jetzt!«

»Hört schon auf!« Simon machte dem beginnenden Streit ein Ende. »Ich hätte da ein viel interessanteres Thema. Das heißt, falls ihr überhaupt interessiert seid?«

»Klar!«, erwiderte Florian. »Wir sind immer interessiert.«

»Nächste Woche sind Herbstferien«, verkündete Simon und schwieg.

»Ach ja?«, sagte Tom. »Tolle Neuigkeit! Darauf wären wir nie gekommen.«

Mit verschwörerischer Miene beugte sich Simon vor und raunte: »Wir gehen ab Montag auf Schatzsuche.«

»Echt?«, wunderte sich Florian. »Deine Mutter lässt uns auf die Burg?«

»Emma und ich haben sie weich gekriegt.« Simon schob seine neue Brille zurecht. Seine und Emmas Mutter leitete das Museums auf Burg Auenfels. »Wir dürfen in der Dachkammer des Wohnturms über Herrn Böckelmanns Wohnung schlafen. Die ganzen zwei Wochen, wenn wir wollen. Das gibt uns genug Zeit, um nach dem Schatz zu suchen.«

Es gab eine Legende, nach der Ritter Cunrad, der erste Burgherr, einen Schatz versteckt hätte. Nach diesem Schatz wollte Simon suchen. Seit er vor einigen Wochen eine alte Karte in den Unterlagen seiner Mutter entdeckt hatte, war er regelrecht besessen von der Idee. Die Karte zeigte die Gebäude der ersten Burganlage. Sie lagen im Ausgrabungsgelände hinter der neuen Burg Auenfels, in der das Museum war.

»O Mann«, sagte Tom mit einem breiten Grinsen. »Das wird den alten Böckelmann aber ärgern. Der ist doch immer so pingelig, wenn jemand auf seiner Burg herumschnüffelt.«

»Und dann schlafen wir auch noch über seiner Wohnung«, lachte Florian.

»Ob ich Bert mitnehmen kann?«, überlegte Emma. Bert war Emmas Meerschweinchen. Im Sommer war er an den Großen Steinen aus seinem Käfig entwischt. Nur durch einen glücklichen Zufall hatte Simon ihn in der Höhle wiedergefunden.

»Nein!« Simon reagierte sofort. »Ich habe keine Lust, ihn noch einmal zu suchen.«

Emma sah ihren Bruder betroffen an. »Ist ja gut!«

»Am besten, wir machen einen ordentlichen Plan«, schlug Tom vor. »Hast du überhaupt eine Ahnung, wie der Schatz aussieht?«

Simon schüttelte den Kopf. »Der Legende nach könnte es Geld sein. Goldmünzen vielleicht.«

»Und was ist mit dem Gespenst?« Florian grinste.

Simon kam nicht mehr zu einer Antwort, weil Caruso die bestellten Eisbecher auf dem Tisch verteilte. »Lasst es euch schmecken«, sagte er.

Im selben Moment schoben sich Leon und Spargel an den leeren Nebentisch, den die laute Familie verlassen hatte. Spargel hieß eigentlich Felix, aber weil er so dünn war, nannten ihn alle Spargel. Leon war ein Angeber und machte sich gerne über andere lustig. Seinen Eltern gehörte Steinaus einziges Fitnessstudio.

»Fetti hat natürlich wieder den größten Becher«, höhnte Leon sofort, ohne irgendeinen begrüßt zu haben.

Florian, der sich gerade den ersten Löffel Sahne gönnte, erstarrte.

»Halt die Backen, Leon, sonst kriegst du eine drauf!« Tom warf Leon einen drohenden Blick zu. Er war selbst der Ansicht, dass Florian viel zu viele Süßigkeiten aß. Trotzdem ließ er eine Beleidigung nicht auf seinem Freund sitzen.

Leon glotzte Tom trotzig an. Spargel studierte angestrengt die Eiskarte.

»Lass das!«, fuhr auch Caruso Leon an. »Was wollt ihr?«

»Eine Cola«, antwortete Leon knapp.

Spargel klappte die Karte zu und sagte: »Für mich auch.«

»War ja klar«, murmelte Florian mit rotem Kopf. Er fühlte sich gerade noch dicker, als er in Wirklichkeit schon war. Wäre ich doch nur wie Alex Rider, wünschte er sich. Alex Rider war der Held seiner Lieblingsbuchserie. Alex war schlank und ein Ass in verschiedenen Kampfsportarten. Dem wäre ein Typ wie Leon nicht so gekommen. Jedenfalls nicht, ohne es hinterher gründlich zu bereuen.

»Lasst uns aufessen und abhauen. Hier stinkts!« Tom verzog angewidert das Gesicht.

Stumm stocherten sie in ihren Eisbechern. Die gute Stimmung war dahin. Und einen Plan für die Schatzsuche konnten sie nun auch nicht machen. Das würden die beiden mitkriegen.

»Wir waren zuerst hier«, fuhr Emma Leon wütend an. »Haut ab!«

Leons geringschätziger Blick traf sie kurz. »Ist ein freies Land«, sagte er großspurig und sah an Emma vorbei.

Tom holte zu einer Antwort aus. Aus welchem Film hatte der Blödmann denn diesen Satz? Aber Simon war schneller. »Da drüben am Fenster wird gerade ein Tisch frei.« Er griff nach seinem Eisbecher und eilte hinüber. Er hatte keine Lust auf einen dummen Streit.

»Also! Wie wollen wir vorgehen?« Tom nahm das Gespräch wieder auf, als es sich alle am anderen Tisch bequem gemacht hatten. »Wo suchen wir zuerst? Gibt die alte Karte deiner Mutter einen Hinweis?«

»Nicht direkt, aber es gibt so was wie Wahrscheinlichkeiten«, sagte Simon.

»Wahrscheinlichkeiten?«

»Ja, erfahrungsgemäß finden sich versteckte Schätze an bestimmten Orten.«

»Aha, und an welchen?«

»Manche Schätze wurden in Brunnen, Zisternen oder in Wänden gefunden. Die meisten wurden vergraben. Entlang der Burgmauer könnte er liegen. Oder im vorderen Turm, dem Bergfried.«

»Erzähl doch mal die Geschichte von Ritter Cunrad«, forderte Florian Simon auf. »Manchmal sind solche Geschichten wahr. Letzte Woche habe ich eine Sendung über Heinrich Schliemann im Fernsehen gesehen. Der hat Troja entdeckt. Einfach so! Den Ort der alten Griechen. Und alles nur, weil er den Sagen geglaubt hat.«

»Ja, von dem habe ich gehört«, sagte Simon.

»Wer ist Schliemann?« Tom sah von Simon zu Florian. »Muss ich den kennen?«

»Nö«, sagte Florian. »Musst du nicht! Ist nur was für Leute mit Bildung.« Er lachte. »Schliemann war ein Forscher, den die Leute für einen Spinner gehalten haben, bis er einen wertvollen Schatz fand.«

»Tatsache?«

»Ja«, schaltete sich Simon ein. »Schliemann hatte wirklich Glück. Er hat an die Sage von Troja geglaubt und sich von keinem abhalten lassen.« Er nickte nachdenklich. Dann hatte er eine Idee. Seine braunen Augen funkelten amüsiert. »Die Legende von Ritter Cunrad erzähle ich euch lieber in der Burg. Abends, bevor wir schlafen. Da passt die gruselige Geschichte besser.«

»Eine Gruselgeschichte zum Einschlafen? Na, gute Nacht!« Florian schüttelte sich.

»Dass Ritter Cunrad ein Dieb und Mörder war, ist eine Legende«, sagte Simon. »Ohne echte Beweise.«

»Dann gibt es auch keine Beweise für den Schatz!«, stellte Tom fest.

»Leider!«

»Heinrich Schliemann hatte auch keine Beweise«, warf Florian ein. »Genau wie wir.«

Simon nickte. »Deshalb denke ich, dass es einen Versuch wert ist.«

»Yep!« Tom war einverstanden. »Wo fangen wir an?«

»Zuerst untersuchen wir den Bergfried und dann den Brunnen im Wald.« Simon hatte sich bereits Gedanken gemacht. »Zuletzt das Ausgrabungsfeld.«

Burg Auenfels

Die alte Ritterburg lag still in der Finsternis des Waldes. Simon blinzelte ins Halbdunkel des kleinen Raumes, in dem er mit seinen Freunden lag. Der Raum war niedrig. Wenn man nicht aufpasste, stieß man sich ständig den Kopf an der Lampe, die mitten im Zimmer von der Decke hing. Über ihnen war nur noch der Dachboden. Unter ihnen wohnte Herr Böckelmann, der Hausmeister. Der schlief vermutlich schon, denn alles war still. Auch Emma, Tom und Florian schliefen. Durch das kleine Fenster, das zum Hof ging, schien der Mond herein.

Simon schob seine Arme unter den Kopf. Er konnte noch nicht schlafen. Wie es wohl gewesen wäre, ein Ritter zu sein und auf einer Burg zu leben? Wäre ich siebenhundert oder achthundert Jahre früher geboren worden, wäre ich vielleicht bald ein Schildknappe, dachte er.

Simon hatte ausführlich über die Ritterausbildung gelesen. Mit sieben Jahren begann alles. Da wurde man ein Page und kam in die Obhut einer anderen Familie. Man musste einem Ritter dienen und seinen Schild tragen.

Die Pagen mussten auch Französisch und Latein lernen, über Musik und Dichtkunst Bescheid wissen und wie man sich an den Höfen und in der Gesellschaft von Adeligen benahm. Mit vierzehn Jahren wurde man zum Knappen. Es begann der Unterricht im Reiten und Kämpfen. Mit Schwert, Lanze und Dolch musste geübt werden bis zur Meisterschaft.

An seinem einundzwanzigsten Geburtstag wäre er in der Kapelle der Burg zum Ritter geschlagen worden. Der Tag der Schwertleite. Davor müsste er eine Nacht fasten, beten und Wache halten. Dazu gehörte auch eine ganz besondere Kleidung. Ein roter Mantel, schwarze Strümpfe und ein weißer Gürtel. Am Ende würde sein Schwert gesegnet werden und er müsste einen Eid schwören. Ein Ritter musste geloben, allezeit treu, ehrlich und mutig zu sein, immer die Wahrheit zu sagen, die Schwachen zu beschützen und gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen.

Auch wenn Simon nicht alles verstanden hatte, was ein Ritter noch geloben musste, so klangen die Worte doch unheimlich würdevoll. Kein Mensch sagte heute noch so wichtige Sachen. Er fragte sich, wie es wohl auf dem Burghof ausgesehen hatte. Sicher waren dort viele Hühner, Schweine und Ziegen zwischen Wagen mit hölzernen Rädern, eifrigen Mägden und Pferdeknechten herumgelaufen. Ganz bestimmt hätte er in einem solchen Leben selbst ein Pferd besessen, das er füttern und striegeln müsste. Er wäre in den Ställen der Burg aus- und eingegangen und hätte neben seinem Pferd auf einem Haufen Stroh geschlafen.

Simon träumte weiter davon, ein Ritter zu sein, bis er schließlich einschlief.

Es war halb zwölf, als Florian aufwachte. Er fühlt sich nicht gut. Ihm war übel, und sein Bauch tat weh. War die große Pizza daran schuld, die er zum Abendessen gegessen hatte? Tom hatte gleich gesagt, dass es zu viel war. Aber der nannte ihn oft Fresssack.

Tom war lang und dünn und hatte nie solchen Hunger wie er. Er aß überhaupt nicht viel. Vielleicht kocht seine Oma nicht gut, überlegte Florian. Allerdings hatte er sich noch nie beschwert. Toms Mutter war bei einem Autounfall gestorben. Das war schon ein paar Jahre her. Er lebte seither bei seiner Oma. Sein Vater war ein Student aus Marokko gewesen. Tom hatte ihn nie kennengelernt. Er besaß nur ein altes Foto.

Florian seufzte und setzte sich vorsichtig auf. Emma, die im Schlafsack auf ihrer Matte neben ihm lag, murmelte etwas. Hinter ihm schliefen Simon und Tom. Leise stand Florian auf und wandte sich der Tür zu. Am besten, er ging schleunigst zur Toilette, bevor er sich in seinen Schlafsack übergeben musste. Auf nackten Füssen schlich er sich aus der niedrigen Kammer. Auf keinen Fall wollte er die anderen wecken. Der alte Dielenboden knarrte leise, ganz egal, wie vorsichtig er lief, ebenso die Stufen der Wendeltreppe, die zum Erdgeschoss hinunterführte.

Als er unten ankam, tapste er den schmalen Flur entlang und schob sich geräuschlos an der Tür der Hausmeisterwohnung vorbei. Herr Böckelmann schlief hoffentlich fest. Florian hatte kein Licht gemacht. Zum Glück leuchtete der volle Mond durch das Flurfenster im Obergeschoss herein und erhellte den schmalen Gang schwach. Ganz hinten, am Ende des Gangs, war die Toilette. Florian ahnte die grün gestrichene Tür mehr, als er sie sah. Die Tür quietschte laut beim Öffnen. Schnell glitt er hinein und knipste das Licht an. Mit angehaltenem Atem lauschte er. Hoffentlich hatte ihn keiner bemerkt.

Als sich nichts rührte, ließ er sich erleichtert auf den geschlossenen Toilettensitz sinken. Falls ihm noch übler werden sollte, war er in jedem Fall an Ort und Stelle. Missmutig schnaufend legte er seine Ellenbogen auf die Knie und stütze den Kopf in die Hände. Er dachte daran, wie er am Nachmittag mit seinen Freunden zur Burg hinauf geradelt war. Er hatte sich auf die erste Nacht auf Burg Auenfels gefreut – und jetzt hockte er allein auf einem kalten Klo. Bewegungslos saß er da und dachte über seinen bedauerlichen Zustand nach, bis ihm die Augen zufielen. Als seine Ellenbogen ins Leere glitten, schreckte er auf. Seine Füße waren eiskalt, aber die Bauchschmerzen waren kaum noch zu spüren und die Übelkeit war weg.

Florian schlich den Flur zurück, an der Hausmeisterwohnung vorbei und die Treppe empor zum Obergeschoss. Einen Augenblick blieb er am Fenster neben der Treppe stehen und sah auf den leeren Burghof hinunter. Gegenüber, direkt neben dem runden Hauptturm, der Bergfried genannt wurde, konnte er die eisernen Flügel des Eingangstores erkennen, das nachts abgeschlossen war.

Der Bergfried reckte sich zwischen dem Hauptgebäude der Burg mit dem Museum darin und den Zinnen der Burgmauer empor. Der milchige Mond stand rechts vom Turm und schien durch eine der hinteren Maueröffnungen hinein. Das Gitter des gegenüberliegenden Fensters warf helle Streifen auf den Hof.

Florians Blick glitt vom Turm über die Mauer. Er erkannte den kleinen Treppenaufgang, über den man vom Hof aus auf die Mauer hinaufsteigen konnte. Über einen engen Gang lief man an den Zinnen entlang zur Eingangstür des Bergfrieds. Auch diese Tür wurde nachts mit einem Riegel, einer eisernen Kette und einem altmodischen Vorhängeschloss gesichert.

Plötzlich sah Florian eine Bewegung. Mit offenem Mund starrte er hinüber. Durch die hellen Streifen des Mondlichts, die das vergitterte Fenster auf den Hof warf, war ein Schatten geglitten. Jemand stieg in den Turm hinauf.

Aber das war unmöglich! Das Eingangstor zum Hof war verschlossen und die dicke, hölzerne Tür des Turms ebenfalls. Er war doch selbst dabei gewesen, als Herr Böckelmann die Tür am Abend verschlossen hatte. Er hatte auch alle Türen des Museums und die Tür zum Museumsshop gesichert und die Alarmanlage angeschaltet. Und hinter Simons Mutter hatte er, wie jeden Abend, das Eingangstor abgeschlossen.

Das Gespenst fiel ihm ein. Blödsinn! Es gab keine Gespenster! Und wenn doch?, meldete sich eine leise Stimme in seinem Kopf.

Florian drehte sich um und eilte zu seinen Freuden. Er rüttelte an Simons Schulter. »Simon, wach auf! Da ist jemand im Turm!«

Simon grunzte und drehte sich auf die andere Seite.

»Aufwachen, Simon!«

»Was?«, fragte der mit geschlossenen Augen.

»Da ist etwas im Turm!«

Simon hob den Kopf. »Du hast geträumt. Schlaf wieder!« Sein Kopf sackte zurück.

»Nein! Habe ich nicht! Da ist jemand. Ich habe es gesehen.«

Simon seufzte nur.

Inzwischen war auch Emma wach geworden, und Tom regte sich ebenfalls. Emma öffnete ihren Schlafsack und kroch neben Florian. »Was ist los?«

»Ich hab einen Schatten gesehen. Im Turm!«

»Und was willst du jetzt machen?«, fragte Emma. »Der Turm ist abgeschlossen, und an den Schlüssel können wir erst morgen früh ran.«

»Weiß ich!« Florian senkte den Kopf. »Ich wollte es euch nur sagen.«

»Na, dann«, meldete sich Tom schläfrig. »Hast du ja jetzt. Gute Nacht!«

Emma kroch zu ihrer Matte zurück, und Florian schob sich unglücklich in seinen Schlafsack. Es war bescheuert zu glauben, es könnte ein Gespenst im Turm sein.

Wo versteckt man einen Schatz?

»Herr Böckelmann hat schon aufgeschlossen?« Simon sah Annelie enttäuscht an. »Wir dachten, wir könnten das heute machen.«

»Warum?«, fragte Annelie. Sie war im Museumsshop angestellt und verkaufte dort Eintrittskarten, Bücher und Postkarten. »Das ist Herrn Böckelmanns Aufgabe. Bestimmt lässt er sich das von euch nicht nehmen.«

Simon kannte Annelie schon lange, sie gehörte fast zur Familie. Emma und er durften sie beim Vornamen nennen. »Wahrscheinlich nicht«, murmelte er und machte sich kurz am Schlüsselbrett hinter dem Tresen zu schaffen. Dann schob er seine Brille zurecht. »Hat Herr Böckelmann etwas gesagt?«

»Gesagt? Was soll er denn gesagt haben?« Annelie sortierte einen Stapel Postkarten in einen Drehständer und warf Simon nun einen verwunderten Blick zu.

»Ach nichts«, sagte Simon und verließ eilig den Shop.

Seine Freunde saßen auf der alten Kanone, die aus dem 1. Weltkrieg stammte und als Sehenswürdigkeit vor dem Shop stand.

»Wenn wirklich heute Nacht jemand im Turm eingesperrt war, hat er sich aber ziemlich unauffällig verkrümelt«, sagte Tom. Er drehte sich zu Florian um. »Vielleicht hast du das Gespenst gesehen, Alter. Das braucht keine Tür. Gespenster kommen nämlich durch jede Wand. Schon gehört?« Er lachte und klopfte Florian übermütig auf die Schulter.

Der reagierte nicht. Er war sich selbst nicht mehr sicher, ob er überhaupt einen Schatten gesehen hatte. Vielleicht hatte ihn das Mondlicht getäuscht. Tom musste ihn natürlich damit aufziehen.

»Ich hab Hunger«, meldete sich Emma.

Simon nickte. »Wir frühstücken und schauen uns dann im Turm um.«

Zielstrebig liefen sie durch das eiserne Eingangstor, das nun ebenfalls offen war, und betraten den Burgkeller. Das Restaurant schloss direkt an die Burgmauer an. Eigentlich öffnete der Burgkeller erst um elf Uhr. Aber weil Simons und Emmas Mutter mit den Restaurant-Pächtern befreundet war, durften sie um neun Uhr dort frühstücken, sich mittags ein belegtes Brötchen holen und abends ein richtiges Menü essen.

»Wie kriegen wir raus, ob heute Nacht wirklich jemand im Turm war?« Emma nippte vorsichtig an ihrem heißen Kakao.

»Wenn jemand die ganze Nacht dort war, hat er vielleicht Spuren hinterlassen.« Simon rührte nachdenklich in seiner Tasse.

»Dürfte für ihn eine kalte Nacht gewesen sein«, vermutete Tom. »Zwölf Stunden im zugigen Turm.«

Simon nickte. »Bestimmt!«

»Am besten wir sehen uns überall gründlich um«, schlug Tom vor und schob seine geleerte Müslischüssel auf das bereitstehende Tablett. »Vielleicht finden wir was. Außerdem wollten wir uns ja sowieso das Burgverlies anschauen und nach dem Schatz suchen. Das war der ehemalige Kerker, oder? Das Gefängnis.«

»Genau«, bestätigte Simon. »Auch die Mauern müssen wir untersuchen. Vielleicht gibt es lockere Steine, hinter denen was versteckt ist.«

Florian war weiter schweigsam. Er schämte sich für seine Aufregung in der Nacht, außerdem war ihm schon wieder ein wenig übel.

Emma schlürfte den Rest ihres Kakaos und stellte ihre Tasse ebenfalls auf dem Tablett ab. »Ich bin fertig!«

»Dann los!«

Sie liefen zum Bergfried. Dort brannte Licht, damit die Besucher im Halbdunkel nicht stolperten. Simon stieg als Erster die gewundene Treppe des Turms hinauf, die von drei Podesten unterbrochen wurde. Hinter ihm liefen Tom und Emma. Florian folgte als Letzter.

»Wie hoch ist der Turm eigentlich?«, fragte Tom.

»Einundzwanzig Meter«, antwortete Simon. »Und schaut euch die Wände an!«

Er hielt an, weil vor ihm die Maueröffnung lag, die ursprünglich der einzige Zugang gewesen war und später mit einem Fenster an der anderen Seite des Turms ergänzt wurde.

»Ein Meter siebzig breite Mauern. Wahnsinn, oder? Da kam kein Pfeil durch und auch kein Katapult. Bei einem Angriff oder einer Belagerung haben die Leute einfach eine Leiter an die Wand gestellt und sind hier reingestiegen. Dann haben sie die Leiter in den Turm gezogen und die Tür zugemacht. Da waren sie erst einmal sicher.«

»Hier drin gibt es keinen Brunnen, oder?«, fragte Florian. »Wie konnten die Burgbewohner es dann länger aushalten? Kein Wasser! Und kochen konnten sie wohl auch nichts.«

»Wie sie das gemacht haben, frage ich mich auch«, sagte Simon nachdenklich. »Sicher haben sie Krüge oder Fässer mit Wasser hereingeschleppt und Brot und Schmalz mitgenommen.«

»Meine Mutter hat gesagt, dass sie oben vom Turm aus Steine geworfen haben, wenn sie angegriffen wurden. Und sie haben heißes Öl auf ihre Feinde geschüttet«, schaltete sich Emma ein.

»O Mann«, stöhnte Florian. »Stellt euch das mal vor. Wie haben sie denn das Öl heiß gekriegt?«

»Oben auf dem Turm gab es damals noch keine Plattform, nur ein spitzes, rundes Dach. Vielleicht hatten sie dort eine Feuerstelle, auf der sie das Öl erhitzt haben. Da könnten sie sich auch Haferbrei oder Eintopf gekocht haben«, vermutete Simon. »Die Plattform mit den Zinnen wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Kommt weiter.«

Sie stiegen höher und zwängten sich schließlich durch einen schmalen Durchgang. Vier ausgetretenen Steinstufen führten auf die kreisrunde Plattform des Turms hinauf. Eine halbhohe Mauer mit Zinnen umrahmte den schiefen Steinboden.

»Tolle Aussicht!« Tom zeigte mit ausgestrecktem Arm durch eine Lücke zwischen den Zinnen.

»Wie klein die Autos auf der Straße sind.« Emma hatte sich mit dem Oberkörper auf die dicke Mauer geschoben und schaute fasziniert über die Baumwipfel hinweg auf die winzigen Häuserreihen, die sich unterhalb des Burgberges ausdehnten.